Das Thema Mission ist für mich, muss ich zugeben, ein wirklich ganz Neues. Nicht nur ein relativ Neues, sondern ein ganz Neues. Allein schon der Begriff Mission ist ja doch in den letzten Jahrzehnten, würde ich jetzt einmal sagen, ziemlich in Verruf gekommen. Hat so den Touch bekommen von intolerant, von oben herab, wird mit Kolonialismus, Imperialismus verbunden. Und trotzdem habe ich, wie mich der Martin gefragt hat, ob ich das Thema machen möchte, sehr schnell Ja gesagt. Und es ist ja wirklich ein sehr typisches Thema, ein wirklich passendes Thema für Paulus. Mission oder das dazugehörige
Verb hat ja mit senden zu tun. Und gerade der Paulus, der pocht ja so sehr drauf, dass er ein Apostel, ein Gesandter, ein Losgeschickter, Ausgeschickter, ein Abgesandter dieses Christus Jesus ist. Also man könnte dieses Thema neutestamentlich eigentlich nicht besser starten als gerade bei Paulus. Wenn man es jetzt nicht von den Schriften her chronologisch sieht, sondern von der Bewegung her, dann ist natürlich längst davor schon der Aussendungsauftrag Jesu an die Seinen da, hinauszugehen, zunächst einmal in Judäa, Galiläa, und Erfahrungen zu machen und dann zurückzukommen und von den Erfahrungen zu erzählen. Ihr kennt ja alle die entsprechenden Stellen wesentlich früher
als der Paulus. Ist völlig klar. Und Paulus beruft sich ja genau auf diesen Herrn, der jetzt auch ihn zum Apostel quasi ernannt hat, ihn berufen hat, das Evangelium zu verkündigen. Was auch immer das dann ist, dazu haben wir jetzt in den letzten Tagen ganz viel gehört über das Evangelium des Paulus. Nun zunächst aber, natürlich jetzt wieder typisch für mich als Papyrologen: Was ist denn der Kontext? Wie schaut denn das aus? Und erwartet bitte von mir da jetzt nicht irgendwelche tollen Thesen oder ein Missionshandbuch aus den Paulusbriefen herausgelesen, sondern mich interessiert viel, viel mehr: Wie hat er das gemacht? Also nicht die Inhalte, da haben wir jetzt ja wirklich viel gehört und auch in den Gesprächen uns darüber unterhalten, sondern: Wie hat Paulus das gemacht und was können wir für heute daraus lernen? Wo können wir vielleicht sehen,
hey, das war eigentlich ziemlich geschickt, ziemlich schlau, wie er das gemacht hat. Wie könnte man das vielleicht heute analog dazu anwenden und was würde dann vielleicht rauskommen? Paulus lebt da in einer Welt und ist ja in der Diaspora bereits in einer Welt aufgewachsen, wo es nicht nur so diese paar Götter gibt, die im Olymp wohnen, sondern Hunderte, Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Göttern. Das, was wir so eher im negativen Sinn als Dämonen aus dem Neuen Testament kennen. Da kommt es vor allem vor, Jesus trieb böse Geister, unreine Geister, Dämonen aus.
Das existiert in der griechischen und auch in der römischen Religion, nämlich Dämonen als durchaus positive, niedrigere Gottheiten. Und die Römer waren schon schlau, wie man so ein Riesenreich erstmals erobert, mit Militärgewalt, aber wie man das dann auch aufrechterhält und verwaltet. Es waren sicher viele von euch schon einmal in Rom, da gibt es ja heute noch das Pantheon anzusehen. Ein Tempel, den die Römer errichtet haben, damit dort alle Götter verehrt werden können. Und das sind alle Götter von allen Völkern, die zu diesem Imperium Romanum gehört haben, zu diesem Vielvölkerstaat. Oder zur Anzahl: Wir haben allein in den Papyri aus Ägypten, die aus der römischen Zeit stammen, also nicht mehr aus der Ptolemäer-Zeit davor, sondern aus der Zeit des Römischen Kaiserreichs, mehr als 700 solche Dämonen oder Geister namentlich erwähnt.
Und papyrologisch muss man immer sagen, das ist das, was erhalten geblieben ist an Texten und bisher publiziert worden ist, ediert worden ist. Da lagert ja ganz viel noch in den Archiven, da wird jedes Jahr wieder einiges ausgegraben und gefunden. Die Nicole hat ja bei ihrem ersten Vortrag darauf hingewiesen, zum Teil wissen diese Sammlungen gar nicht, wie viel Papyri, Tonscherben da noch in den Kellern lagern. Das war völlig korrekt beschrieben, zum Beispiel in der Wiener Papyrussammlung lagern diese ganzen Fragmente oder vollständigen Papyri und beschriebenen Tonscherben tatsächlich im Kellergeschoss. Aber bitte, das ist nicht ein feuchter Keller, den man für nichts anderes brauchen kann, als dass so ein altes Graffel - ein schöner österreichischer Ausdruck, kommt vom griechischen Wort für Schreiben -
gelagert wird, sondern natürlich klimatisch unter den idealen Verhältnissen und so weiter, aber geschossmäßig tatsächlich im Keller. Bei der Wiener Sammlung weiß man immerhin auf die Anzahl genau, wie viel Papyri, Tonscherben und auch noch in welcher Sprache zur Sammlung gehören. Das ist alles seit Jahrzehnten inventarisiert, also zum Beispiel nur griechische Papyri besitzt die Wiener Papyrussammlung mehr als 60.000. Die genaue aktuelle Zahl könnte man dort fragen, die weiß ich jetzt nicht, das sind so zwischen 60.000 und 61.000 Stück. Und nur ein Bruchteil davon ist bisher publiziert. Bei der größten Papyrussammlung, die in Oxford zu Hause ist, da sind Papyri aus archäologischen Grabungen aus einem Ort namens Oxyrhynchus.
Oxyrhynchus, schönes Wort, das heißt nichts anderes als scharfe Nase, benannt nach dem sogenannten Oxyrhynchus-Fisch. Wenn das jemanden interessiert, einfach googeln und nach Bildern suchen. Der hat wirklich so eine ziemlich scharfe Nase, der Kerl. Also eben so eine spitze Nase, also was wirklich einzigartig ist. Den Fisch hat es dort gegeben, und entsprechend haben die Römer dann, wie sie die Siedlung gegründet haben, den Ort so benannt. Da hat man wirklich wissenschaftlich Papyri ergraben. Und da weiß man bis heute nicht, wie viel da wirklich lagert in Oxford. Die Schätzungen sind nach wie vor eine halbe Million, also circa 500.000. Das war bisher noch gar nicht möglich. Man hat gar nicht so viele Leute, um das einmal alles zu zählen. Die lagern zum Teil noch in Zeitungspapier, so wie die Ausgräber das als Erstes gelagert haben.
Also man kann sogar dann feststellen vom Datum der Tageszeitung, so einen Terminus post quem nennen wir das dann, man hat ein Datum und nach diesem Tag muss der eine Papyrus da gelagert worden sein. Also das so zu dem Stand. Also von den Papyri her muss man tatsächlich immer sagen, nach heutigem Stand können wir das und das über solche Phänomene aussagen. Und das kann im nächsten Jahr anders sein, weil es eine neue Edition gibt oder ein vorhandener Papyrus endlich ediert wird. Also das ändert sich auch immer wieder. Ein Bereich, den wir auch sehr gut bezeugt finden in diesen Alltagstexten, ist der Bereich der Magie.
Und da muss man jetzt schon aufpassen, denn unser heutiges Verständnis von Zauberei und Magie ist grundlegend ein anderes als das, was man in der Antike drunter verstanden hat. Der wesentlichste Unterschied liegt darin: Wenn wir heute an Magie denken, dann denken wir zumindest an etwas, was mit der offiziellen Religion nichts zu tun hat. Das ist also dann irgendwo in so einem nebulösen Bereich, das ist so etwas Fatalistisches. Auch Paulus selber erwähnt in diesen Lasterkatalogen, wie die genannt wurden, da habe ich ja einen gestern so schnell einmal vorgelesen, regelmäßig auch Zauberei. Den Ausdruck, den er verwendet, sind die Pharmakeia, das heißt, das sind so Giftmischereien.
Das war auch so ein Bereich der antiken Magie, dass man da so Substanzen zusammengemischt hat und die sollten halt dann das und das bewirken. Zum Beispiel, dass die angebetete Frau, die einen verschmäht, zu einem plötzlich in Liebe entbrennt. Der Großteil, der überwiegende Bereich der antiken Magie war Bestandteil der offiziellen Religionen. Um ein Beispiel zu nennen: das Orakelwesen. Also, wenn das heute jemand machen will, dann geht er vielleicht zu einer Astrologin oder einem Astrologen oder sonst irgendwem, der halt behauptet, da irgendwas machen zu können oder in die Zukunft zu sehen.
Aber also sicher nicht zum Pastor oder Pfarrer oder Bischof, also jedenfalls nicht in einen Gottesdienst, um dort jemanden zu fragen, so, jetzt sag mir doch mal ... Die Orakel waren in der griechisch-römischen Antike von ganz früh an und auch noch natürlich in römischer Zeit mit dem Tempel nicht nur gebäudemäßig, sondern auch institutionsmäßig verbunden, aber auch gebäudemäßig. Im Tempel war das Orakel. Und jetzt gleich ein Beispiel, nur um zu zeigen, wie sehr das eigentlich noch immer nachwirkt. Die Universität Salzburg veranstaltet seit mittlerweile vielen Jahren eine sogenannte Lange Nacht der Forschung. Da geht es darum, dass ausgewählte Forschungsprojekte von Fachbereichen der Universität der breiteren Öffentlichkeit Ergebnisse, interessante Ansätze usw. halt präsentieren in einem Einkaufszentrum.
Also nicht, die sollen jetzt dafür an die Universität kommen, sondern dort, wo die sowieso sind, da werden halt dann so Stände aufgebaut usw. Da haben wir von den Altertumswissenschaften einmal das Thema Magie gemacht und haben ein Orakel aufgebaut. Es gab da verschiedene Formen im Orakelwesen. Das, was wir ausgewählt haben, ist ein ganz einfaches. Das könnt ihr bei einem Geburtstag oder so mit Kindern ganz einfach nachbauen. Man geht zu dem Orakel - also dort waren die wirklich durch die ganzen Altersstufen durch, bis hin zu alten Leuten auch - und schreibt zwei Versionen seiner Frage auf zwei Zettel. Da hat man früher halt zwei kleine Papyruszettel hergenommen.
So ein Beispiel der Antike: Wenn ich die Frau so und so heiraten soll, dann gib mir diesen Zettel heraus. Beim zweiten Zettel stand: Wenn ich diese Frau nicht heiraten soll, dann gib mir diesen Zettel heraus. Das hat man dann beim Schlitz reingeworfen. Dahinter saß dann ein Tempelpriester oder was Ähnliches. Der hat dann geschaut, und da merkt ihr schon: Der konnte dann überlegen, ist das jetzt günstig, diese Heirat? Auch was die Steuern an den Tempel betrifft. Also da wurde auch Politik betrieben. Dann wurde eine Antwort rausgegeben. Sicher gab es auch Leute darunter, die dann schon noch dachten,
ich kenne die beiden, die gehen wirklich so lieb miteinander um, der ist halt nur unsicher. Da schicke ich den Segen von meinem Gott herab gleich noch mit und gebe das raus. Aber da konnte wirklich auch, vor allem wenn es um die Elite ging, hochgradig Politik betrieben werden. So, bei uns am Abend bei dieser Langen Nacht der Forschung waren Schülerinnen und Schüler dabei, die halt zum Beispiel da reingeschmissen haben: Wenn ich auf die Mathematikschularbeit ein Sehr gut bekomme, dann gib mir diesen Zettel heraus, wenn nicht, dann gib mir diesen heraus. Das hat mir dann immer Spaß gemacht - wenn ich nicht gerade dahinter gesessen bin - und ich habe mir dann den Buben zur Brust genommen und habe dann so gesagt: "Weißt du, wer dahinten sitzt?"
"Nein." "Sollen wir schauen gehen?" "Ja." Dann haben wir mal so geschaut, hinterm Vorhang, und da hab ich gesagt: "Kennst du den?" "Nein." "Warum glaubst du dann, dass der wissen könnte, ob du da jetzt ein Sehr gut kriegst oder ein Nicht genügend?" "Hm." Da habe ich gesagt: "Wie kannst denn deine Chancen erhöhen, dass du das Sehr gut kriegst?" Ihr merkt schon, worauf das hinausläuft: möglichst gut lernen und mich gut darauf vorbereiten. Dann habe ich gesagt: "Siehst du, dann ist das gar nicht so wichtig, was der jetzt darauf antwortet." Aber ganz anders wurde es uns, weil tatsächlich dann erwachsene Leute Zettel reingeschmissen haben, wo dann zum Beispiel draufstand: Wird meine Beziehung von Dauer sein?
Werde ich glücklich werden, wenn ich diesen Mann heirate? Und da seht ihr, dass so das Prinzip eines solchen Orakels und genauso vieler anderer so magischer Dinge nachwirkt, dass das eigentlich was sehr Menschliches ist. In Krisenzeiten, in Zeiten von großer Unsicherheit, auch in einer einzelnen Situation von großer Unsicherheit, von Sorge greift man zu Mitteln oder fast schon zu jedem Mittel, wo man sich irgendwie eine kleine Hilfe wenigstens erhofft. Erwarten kann man es vielleicht sogar schon sehr viel. Also das war viel mehr dann noch Bestandteil der griechischen Religion, der römischen Religion und von anderen Völkern natürlich noch genauso. -
Ein anderer Zweig, der mit Paulus durchaus auch zu tun hat: Im Galaterbrief geht es ja auch um Fluch. Da wird aus dem Alten Testament zitiert: "Verflucht sei der, der am Holze hängt", dann auf Christus angewandt und aus der seelischen, geistlichen Welt des Paulus heraus: "Christus hat uns auch von diesem Fluch befreit, in dem er" und so weiter, "vom Fluch des Gesetzes". Fluchtäfelchen hat man aus der Antike auch in Deutschland gefunden, gar nicht so wenige.
Wann wendet man das an? Spätestens dann, wenn man anders nicht mehr weiterkommt und sich ungerecht behandelt fühlt. Auf Blei geschrieben, also die meisten davon, darum haben die nicht nur in Ägypten überdauert, sondern zum Beispiel in Mainz, da hat man eine ganze Reihe im Tempel der Isis und der großen Mutter - kann man sich heute noch anschauen, die Ausgrabungen in Mainz - gefunden. Da kann man sehr schön sehen, so eine Bandbreite in der Herstellung, also auch so von der Ökonomie her, wie die reinwirkt in Phänomene der Magie. Das geht so von ganz einfach, man schreibt einfach den Namen drauf von der Person, die jetzt von dieser Gottheit verflucht werden soll.
Das rollt man dann ein, das geht mit Blei relativ einfach, weil das so weich ist, und kann dann mit einem spitzen Gegenstand, mit einer Nadel oder so, ganz leicht, man braucht man nicht einmal anzudrücken, im Gegenteil, einritzen, mit einem Namen oder gleich fünf oder sechs Namen, dann geht es gleich in einem Aufwasch. Also alle, die so die Konkurrenten sind im Geschäftsbereich oder privat, die einem die Frau ausgespannt haben oder den Mann, schreibt man einfach drauf, rollt es ein und deponiert das dann nach einem entsprechenden Ritual. Das magische Bleitäfelchen sagt ja zunächst gar nichts, das Ritual kommt dazu, wo dann so eine Gottheit angerufen wird, dem jetzt zu schaden, so und so, und das deponiert man dann zum Beispiel in einem Grab oder
in einem ausgetrockneten Brunnen bei einer Quelle; da merkt man schon, je geheimnisvoller, je skurriler, desto besser natürlich von der Magie her. Man will da in Kontakt treten mit den Göttern der Unterwelt, weil man ja schließlich solchen Leuten dann alles Schlechte wünscht, bis hin zum Tod. Das andere Ende von so dem einfachen und sehr kostengünstigen, selber auf ein Stückchen Blei, das da gerade so ein Abfall ist, einen Namen reinzuritzen und das Ritual selber zu machen, ist dann (da könnt ihr jetzt gleich mitdenken, warum macht man das dann wohl so?): Man geht zum Magier, zum Praktiker
sagen wir lieber, um das Wort Magie, Magier zu vermeiden, der sein magisches Handbuch da liegen hat. Wir haben erhaltene Zauberbücher aus der Antike. Im Zusammenhang mit Ephesus werden in der Apostelgeschichte Zauberbücher erwähnt. Wir haben solche erhalten, wo dann genau Anleitungen drinstehen. Also wer das unbedingt nachmachen will - ich kann euch Tipps geben! Da steht genau drauf: Nimm ein Stück Blei und schreib darauf ... Da stehen dann die ganzen Formeln drauf und als Platzhalter fügt man dann den Namen ein. Da werden dann diejenigen, die da verflucht werden sollen, immer über die Mutter identifiziert. Warum über die Mutter? Die Blutsverwandtschaft ist nur über die Mutter sicher.
Das ist das römische Prinzip, dass der Vater ja immer unsicher ist. In den rechtlichen Dokumenten wird aber immer angegeben: Der Sohn oder Tochter von diesem Vater. Wenn die Mutter noch lebt, schreibt man auch die Mutter dazu und dann schreibt man alle vier Großeltern auch noch dazu. In der Magie immer die Mutter. Ganz spannend. Könnte man jetzt auch überlegen, wie ist das so mit der etwas überhöhten Marienverehrung? Warum braucht man die? Warum ist die, insbesondere so manchen Päpsten, wichtiger als alles andere? Ich habe es mir nie verkneifen können, Johannes Paul II. als Häretiker zu bezeichnen. Denn der Wahlspruch «Dotus tuus», bezogen auf Maria, ist in meinen Augen eine Häresie.
Wenn ich selber sage: "Ich bin ganz dein, Maria", dann bleibt für Gott nichts mehr übrig. Das ist aber jetzt nur so ein kleiner Stopp am Parkplatz. Man geht zu dem Praktiker, der schaut nach und da gibt es dann Bleitäfelchen von zwei Spalten und mehr. Da steht dann nicht nur der Name drauf, sondern da werden dann Gottheiten angerufen. Die werden angerufen mit ihrem geheimen Namen. Persephone ist euch allen wahrscheinlich bekannt aus der griechischen Götterwelt.
Die wird dann angerufen mit ihrem geheimen, wahren Namen Ereshkigal. Ich weiß nicht, wer das jetzt sofort so gehört hat und so nachsprechen kann, wie es richtig ist. Da gehört auch dazu, dass da Zauberworte vorkommen, die man gar nicht so leicht aussprechen kann. Wenn man die das erste Mal lesen soll, selbst als wirklich gut Griechisch Sprechende oder Sprechender, da stolpert man x-mal drüber. Das geht nicht bei einem magischen Ritual. Da darf man nicht ins Stocken kommen. Das heißt, da braucht man jemanden, der das wirklich ohne Stocken, ohne Stottern lesen kann und zuerst schreiben kann, der diese Formeln und Namen kennt. Kleiner Stopp am Parkplatz. Ganz wichtig in der Magie, dass die magischen Texte richtig korrekt, sprachlich korrekt geschrieben sind. Wenn da ein Rechtschreibfehler vorkommt, dann funktioniert es ja nicht.
Ihr seht, da haben wir natürlich jüdisch-christlich ganz andere Vorstellungen. Gott allein, dem Christus Jesus - denen vertraut man, dass sie einem Schutz, Heil, Rettung zuteilwerden lassen. Die sind nicht davon abhängig, dass wir den Text orthografisch richtig schreiben. Aber die übliche antike Vorstellung war das. Ja, was macht man jetzt? Denn das kann ja immer wieder passieren. Und das kann man nicht dann einfach am Computer korrigieren. Das muss man komplett neu schreiben. Die sichern sich ab. Ganz geschickt. Und da gibt es so die Vollversion und dann gibt es Abkürzungen davon. Man schreibt das ganze Alphabet unten hin, weil dann kann sich der Dämon oder der Gott den richtigen Buchstaben unten aussuchen und oben hinsetzen und dann stimmt es ja wieder.
Und dann kommt die Regel dazu, pars pro toto, der Teil gilt schon als das Ganze. Das spielt vor allem im Lateinischen sprachlich auch eine große Rolle. Es genügt, stellvertretend für das ganze Alphabet nur die Vokale hinzuschreiben. Und darum kommen in so magischen Texten ganz oft so Vokalreihen vor. Oft mittendrin oder am Schluss noch. Und manchmal gleich so eine ganze Reihe von Alpha hintereinander und dann Epsilon, und so geht das durch.
Und dann kann man noch ein bisschen ökonomischer sein und nimmt nur den ersten, mittleren und letzten Vokal. Das ist dann im griechischen Alphabet das Alpha, das Jota und das Omega. Und wenn man ganz sparsam sein will, nimmt man das Jota da raus und dann hat man Alpha, Omega. Ja. [Gelächter im Publikum] Johannes-Offenbarung und andere Stellen, da haben Sie dann den Kontrast dazu. Da ist dann unser Gott alles, der Anfang und das Ende. Und das bedeutet ja nicht nur Anfang und Ende, sondern das Gesamte. Das gesamte Alphabet, die gesamte Schöpfung, das steckt dann dahinter. Ja, da steht halt dann auch drauf auf diesen Fluchtäfelchen, diesen ganz umfangreichen,
dass jetzt die Person also nicht nur vielleicht zu Tode kommen soll durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit, sondern da werden alle Organe dann auch noch aufgezählt. Und es geht dann sogar rein noch ins Mentale, alle Gedanken, die ganze Seele. Dann geht es noch rein in die nächsten Generationen, mitsamt den Kindern und Enkelkindern. Da wird einem schon ein bisschen schwummrig vielleicht. Aber das sollte nicht der Fall sein, weil: Wir haben ja Pistis. Glaube, der gleichzusetzen ist mit Vertrauen. Und auf der anderen Seite gibt es dann die Pistis Gottes bzw. Jesu.
Das kommt bei Paulus wirklich so vor: die Treue Gottes. Man kann sich da dann auch drauf verlassen, denn der ist treu. - Also ihr seht an diesen paar Beispielen und jetzt nur ein paar Ausschnitten aus der damaligen Welt schon: Wenn man da jetzt in die Mission gehen will, als Apostel seine Berufung ernst nehmen will, dann ist das in gewisser Weise gleich einmal ein Konkurrenzunternehmen. Man kommt notgedrungen in einen Wettbewerb rein, denn natürlich haben alle diese Religionen ja auch einen gewissen Wettbewerb betrieben. Da ist es ja auch darum gegangen: Komm doch zu uns. Dann geht es um die Frage: Was bietet ihr mir denn? Was ist denn bei euch besser? Was ist zum Beispiel bei euch besser, die ihr da an diesen Christus Jesus glaubt -
wer immer das sein soll -, als bei meinem Mithras? Genau in der Zeit, in der Paulus da unterwegs ist, kommen im gesamten Römischen Reich die sogenannten Mysterienreligionen auf. Die kommen aus dem Osten auch. Die sind was Neues. Was Neues ist anziehend. Die werden über die römische Armee, über Legionäre verbreitet. Die stammen oft zum Beispiel auch aus Germanien und machen Dienst in einer Legion in Syrien und kommen dann in Kontakt mit dem Mithras-Kult, der wohl aus Persien stammt. Was gibt es da als Zentrales unter anderem in dem Mithras-Kult?
Ein Opfer des Stieres. Es wird in den sogenannten Mithräen dann zentral immer dargestellt: Dieser Mithras opfert den Stier, ein gewaltiges Wesen. Und aus dem Blut des Stieres kommt das neue Leben. Ich finde es schon spannend, dass in der gesamten Jesus-Tradition Jesus als der Geopferte eigentlich keine Rolle spielt. Natürlich werden die Passahlämmer erwähnt, die da geschlachtet werden. Und in dem Zusammenhang wird dann auch Jesus gekreuzigt. Aber bei Paulus findet sich auf einmal: "Als unser Passahlamm wurde Christus geopfert." Also stellt euch vor, jemand aus dem Mithras-Kult ist sehr vertraut damit: ein zentrales Opfer, das natürlich nur mehr im Mythos funktioniert. Dieser
Mithras hat in mythologischen Zeiten diesen Stier geopfert. Wir erneuern die Erinnerung daran in Mählern. In den Mithräen finden sich immer so Clinen, das sind diese Speisesofas, wo man zu Tische liegt und Mahl hält in der Gemeinschaft und sich an die Opferung des Stieres durch Mithras erinnert. Korintherbriefe - da sieht man so einen Zusammenhang jetzt mit Mählern. Auch in anderen Kulten findet man Mähler der gläubigen Gemeinschaft; etwas, was, glaube ich, der Jens Schröter gar nicht so erwähnt hat. Der hat klarerweise und völlig korrekt auf diesen Text hingewiesen: "Ich habe euch überliefert, was auch ich empfangen habe:
Der Herr Jesus nahm in der Nacht, in der er verraten wurde ..." und so weiter. Wenn man auf den Text davor schaut, da geht es um die Missstände bei den Mahlfeiern in der Gemeinde von Korinth. Da ging es offenbar drunter und drüber. Da gibt es welche, die haben schon zu Hause gegessen, um sich zu ersparen, was mitzubringen und das mit den anderen zu teilen. Und nur die Armen sind dann noch übrig und sitzen hungernd da und bekommen gar nichts zu essen, weil sie nicht einmal was haben, was sie mitbringen könnten. Das ist ja wohl kein Gemeinschaftsmahl. Oder andere sind schon besoffen. Und manches andere kann da auch noch drunter und drüber gehen.
Und da schreibt dann Paulus: "Dafür kann ich euch nicht loben, denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich auch euch schon gesagt habe: Der Herr Jesus nahm in der Nacht ..." Und dann kommt er wieder zurück: "Und deshalb: Wer von euch unwürdig ist und trinkt", weil ihr so das Mahl feiert, "der isst und trinkt sich das Gericht." - Ein anderer Bereich, der ganz viele Analogien, Parallelen aufweist zu so frühchristlichen Gemeinden und seit vielen Jahren mittlerweile erforscht wird, ist das antike Vereinswesen.
Und da kann man sehr schön sehen: Was war an diesen antiken Vereinen anziehend, lukrativ, wenn man da Mitglied werden konnte, und was vielleicht analog dazu, - also bitte nicht so als direkter Vergleich, also es ist nicht so, dass eine frühchristliche Gemeinde als Verein gegründet wurde und dann einen Vereinsvorsteher hatte und so weiter, aber es gibt da ganz interessante Parallelen. Was war denn der Vorteil davon? Also wieder die Frage: Wer kommt zu uns? Ja super, warum soll ich zu euch kommen? Ich bin schon in einem Verein, ich bin im Isis-Kult, zwar nicht im Mithras-Kult, aber im Isis-Kult, das ist ja eh ganz toll. Warum? Vereine hatten ein relativ ausgeprägtes, entwickeltes Egalitätsprinzip. Es gab zum Beispiel Handwerkervereine,
da konnten dann die handwerklich tätigen Sklaven genauso Mitglieder sein wie ihre Meister, mit denselben Rechten und Pflichten. Auch die haben Vereinsmähler, also Gemeinschaftsmähler abgehalten. Wir erfahren das aus Vereinssatzungen, da sind einige erhalten, einige auf Inschriften, welche auf Papyrus. Ich lese das so als Beispiel nur aus einem solchen Vertrag, so einer Vereinssatzung vor. Die stammt wunderschön aus dem zeitlichen Kontext des Paulus, aus der Zeit zwischen 14 und 37 nach Christus.
Zu Beginn wird erwähnt, dass für das folgende Vereinsjahr - Jahreshauptversammlung - ein gewisser Heron zum Vereinspräsidenten, zum Vereinsvorsteher gewählt wurde in einer demokratischen Wahl. Und der Vereinsvorsteher trägt die Bezeichnung Postatis. Ich habe es gestern ganz kurz erwähnt mit der Phöbe, Postatis der Gemeinde von Kenchreä. "Mit diesem Vereinsvorsteher Heron werden die Vereinsmitglieder ", so heißt es dann konkret in dieser Satzung, "am 12. eines jeden Monats zusammenkommen, um ein Festmahl zu halten." Also nicht an jedem Herrentag, am Sonntag, aber einmal im Monat, und genau am 12., denn dann kann man es sich merken: Da ist Vereinsmahl.
"Wobei jeder als Monatsbeitrag die pro Person gleich angeordneten 12 Silberdrachmen bezahlt. Dem Vorsteher ist es erlaubt zu pfänden, wenn sich jemand der Verpflichtung auf diese oder die anderen Bestimmungen entzieht." Das ist vielleicht nicht so anziehend. Man muss ja schauen, dass man genügend Geld hat, um die Tätigkeiten, Vereinbarungen abzuwickeln. Vereinsmähler kosten Geld. Es gibt auch - das wird zwar nicht hier erwähnt - Sponsoren, die dem Verein einmal einen höheren Betrag zukommen lassen. Die kriegen dann im Vereinslokal eine Büste hingestellt mit einer schönen Krone oder einem Kranz drauf.
Und es wird dann auch mit Inschrift erwähnt, dass das zu Ehren von dem und dem Wohltäter der Gemeinschaft aufgestellt wird. Weiter heißt es: "Wenn jemand sich fehlverhält, soll er bestraft werden, wie es die Vereinsgemeinschaft bestimmt hat." Und da werden dann so eine Reihe von Bestimmungen aufgezählt. "Wenn jemandem eine geschlossene Versammlung angekündigt wird und er nicht hingeht, soll er im Dorf mit einer Drachme bestraft werden, in der Stadt aber soll er mit vier Drachmen bestraft werden." Jede Gemeinschaft, jeder Verein hat immer wieder mal damit zu kämpfen, dass die Leute nicht hingehen. Da sitzen immer die Gleichen, die noch bereit sind, sich auch zu engagieren und da mitzuhelfen. Und die anderen zahlen womöglich nicht einmal mehr ihre Vereinsbeiträge.
"Wenn jemand heiratet, soll er zwei Drachmen zahlen, bei Geburt eines Sohnes zwei Drachmen, einer Tochter eine Drachme, beim Kauf eines Grundstücks vier Drachmen, einer Schafherde vier Drachmen, von Vieh eine Drachme. Wenn jemand einen anderen in einer Unannehmlichkeit weiß und nicht Beistand leistet, ihn gemeinsam aus der Unannehmlichkeit zu befreien, soll er acht Drachmen zahlen." Da wird es jetzt interessant: Die gegenseitige Verpflichtung, wenn einer in eine Unannehmlichkeit, in eine missliche Lage gerät, dem dann beizustehen auf jedwede Art, die da hilfreich ist. Und dann kann aber auch der andere damit rechnen, dass auch er Unterstützung kriegt, wenn er mal in so eine Lage kommt. "Wer sich bei den Festmählern beim Einnehmen der Plätze
vor einem anderen zu Tisch legt, soll der jeweilige noch zusätzlich drei Obolen für den eigenen Platz zahlen." Ich kannte das noch in dem Ort und in der Kirche, wo mein Vater aufgewachsen ist. Da hatte mein Großvater mit Namensschild seinen Platz in der Kirche. Der hat bei irgendeiner Renovierung oder bei neuen Bänken gespendet und hat dann mit Namensschild seinen Platz bekommen. Je nachdem, also für manchen war das nicht so schlimm, solange der Platz daneben halt eh noch frei ist. Wir kennen das so aus einer Bahnfahrt oder so.
Da gibt es dann welche, die sagen: "Entschuldigen Sie, das ist mein Platz." Dann gibt es auch welche, die sagen: "Ja, Sie sitzen jetzt auf meinem reservierten Platz, aber es ist okay, da ist eh frei." Es geht um Ordnung. Bei manchen Satzungen, nicht bei dieser, wird dann auch noch viel mehr über Vereinsmähler gesagt, wer zum Beispiel hinter jemandem ausspuckt oder dazwischenredet. Also da geht es wirklich auch so um ethische Verhaltensweisen: Wie benimmt man sich achtsam in einer Gemeinschaft, sodass alle zu Wort kommen und auch darauf vertrauen können? "Wenn jemand den anderen anzeigt oder ihm eine üble Nachrede schafft, soll er acht Drachmen Strafe zahlen."
Dieselbe Summe wie, wenn man nicht Beistand leistet. Vielleicht habt ihr es ein bisschen mitgehört. Sonst sind die Beträge so eine Drachme, vielleicht zwei. So bei Hochzeit, Geburt eines Kindes. Wenn man sich falsch hinsetzt, drei Obole. Die Obole ist der niedrige Betrag, das wäre so wie ein paar Cent und nicht gleich ein ganzer Euro. Acht Drachmen - in dieser Zeit sind das ungefähr acht Tagelöhne eines ungelernten Arbeiters, also Eineinhalb-Wochen-Lohn. Interessant auch, dass die solche Dinge unter sich regeln sollen, innerhalb des Vereins, nicht durch Strafzahlungen, um einfach so das Gute miteinander aufrechterhalten zu können.
In 1. Korinther 6 haben wir eine schöne Analogie dazu: "Warum handelt ihr das nicht unter euch aus? Warum geht ihr vor Gericht und noch dazu vor Gericht bei den Ungläubigen?" "Wenn jemand gegen den anderen intrigiert oder seinen Haushalt schädigt, soll er 60 Drachmen zahlen." Das ist eine Stufe höher, der ganze Haushalt und Intrige. "Wenn jemand auf Privatschulden hin eingesperrt wird" - das ist spannend, der muss nicht Strafe zahlen. "Wenn jemand auf Privatschulden hin eingesperrt wird,
sollen an ihn bis zu 100 Silberdrachmen für 30 Tage verpfändet werden, in denen er die Gläubiger bezahlen soll." Der Verein trägt auch Sorge für seine Mitglieder, damit ein - ein heutiger Begriff wäre - Konkurs verhindert werden kann nach Möglichkeit. Der bekommt ein zinsfreies Darlehen aus der Vereinskasse, um nach Möglichkeit in dieser Zeit, die er jetzt quasi geschenkt kriegt, das ausgleichen zu können. "Wenn jemand von den Vereinsmitgliedern stirbt, sollen sich alle scheren lassen", also das Haar wirklich, wie beim Bund, "und einen Tag lang ein Mahl abhalten, in dem jeder augenblicklich eine Drachme bezahlt
und zwei Laib Brot." Schöne Parallele: Die sollen von zu Hause in Korinth da was zu essen mitbringen und das dann miteinander teilen. "Aber bei anderen Schicksalsschlägen sollen sie einen Tag lang gemeinsam essen. Wer sich nicht das Haupt rasiert, soll vier Drachmen Strafe zahlen." (Ich hätte lieber die vier Drachmen gezahlt ...) "Wer von allen nicht am Begräbnis teilnimmt oder auch keinen Kranz auf das Grab niederlegt, soll vier Drachmen Strafe zahlen. Die übrigen Angelegenheiten aber sollen geregelt werden, wie es der Vereinsgemeinschaft richtig erscheint. Rechtskräftig sei das Gesetz", also diese vorliegende Verfassung, "sobald es von den meisten unterschrieben ist. Rechtskräftig werde es dem Vorsteher ausgehändigt." Und da folgen dann tatsächlich die Unterschriften aller Vereinsmitglieder.
Die haben das dann in Kraft gesetzt. Also sehr egalitäre Verhältnisse, sehr demokratische Verhältnisse auch. Es gab auch Vereine, da konnten Männer und Frauen teilnehmen. Das war also auch sehr vielfältig, Handwerkervereine, andere Interessensgemeinschaften, und man hatte da so etwas wie eine Sozialversicherung, eine kleine. Für die besonders schlimmen Fälle, die einen plötzlich treffen können, hat man eine Gemeinschaft, die einen da unterstützt, einen da auffängt. Und wie ihr seht, also nicht nur finanziell, sondern auch moralisch, emotional. Von den Vereinswesen jetzt noch etwas konkreter zu dem Paulus, der nämlich sicher mit Handwerksvereinen vertraut war.
Wie hat Paulus das jetzt noch konkreter gemacht, wenn er auf Reisen gegangen ist, um zu missionieren? Genau über seinen Beruf. Jens Schroeter hat ja erzählt, wir halten den ersten Thessalonikerbrief für den ältesten Paulusbrief. Bereits im ersten Thessalonikerbrief wird ziemlich zu Beginn gleich erwähnt oder erinnert Paulus die Mitglieder der Gemeinde daran: "Als ich das erste Mal zu euch gekommen bin, da habe ich Tag und Nacht gearbeitet, um euch nicht zur Last zu fallen." Wo hat der Paulus gearbeitet?
Ja, natürlich als Zeltmacher, heißt es in der Apostelgeschichte. Es gibt wirklich ganz starke Parallelen, im Philemonbrief zum Beispiel, zum Weberhandwerk. Da sind Formulierungen drin, die finden sich in einem ganz typischen Weber-Lehrvertrag der Zeit. Wir gehen also davon aus, dass das ja was Typisches war, was Paulus da erwähnt. Und er erwähnt ja nicht nur im ersten Thessalonikerbrief, dass er mit eigenen Händen gearbeitet hat. Zum Teil war er stolz darauf, verwendet das aber auch so als Argument, wie er eben seine Mission betreibt. Nicht wie der Kephas, der seine Frau mit dabeihat, die auch noch von der Gemeinde gratis verköstigt wird. Er sorgt für seinen Lebensunterhalt selber. Und es spricht sehr viel dafür, dass Paulus wirklich aus Tarsus stammte, wie in der Apostelgeschichte erwähnt, denn Tarsus war Zentrum der Textilindustrie.
Schon zu Zeiten des Paulus gab es in Tarsus eine dort eigens entwickelte, besondere, spezielle Webkunst, die tarsische Webkunst. Es hat vermutlich mit so bestimmten Mustern zu tun, die man gewebt hat, vielleicht auch mit einer bestimmten Technik. Es gibt ja heute auch noch so Billigtextilien, Bettwäsche, die halt nicht so lange hält, sondern bald einmal durchgewetzt ist, und eine andere Qualität, die hält halt viele, viele Jahre. Das gab es natürlich damals auch schon. Bereits einige Jahrzehnte nach Paulus haben wir Belege für sogenannte Tarsikaryoi in Ägypten.
Das sind Weber in Ägypten, die die tarsische Webkunst beherrschen. Das sind Spezialisten. Man kann sich also vorstellen, dass der Paulus da nicht nur zum Beispiel in Kenchreä dann an Land gegangen ist und die Phöbe gefragt hat, die er später dann erwähnt: Die hat mich da wirklich unterstützt. Die ist ja dort die Diakonin und die Prostatis und konnte ihm sagen, wo denn da irgendeine Weberei ist und ob die vielleicht gerade einen Lehrling brauchen. Der Paulus, der kennt sich so gut aus; alles, was Sie da im Philemonbrief lesen: "Ich wollte den gern bei mir behalten, den Onesimus, damit er mir dient in meinem 'Betrieb' des Evangeliums" - das ist eine zentrale Regelung in Weber-Lehrverträgen, abgeschlossen
zwischen dem Vater, Sklavenhalter, der Mutter, wer auch immer von Sohn, Tochter, Sklavin, Sklave mit dem Weber-Meister, dass der Sohn, die Tochter, die Sklavin, der Sklave für eine vereinbarte Zeit dem Weber-Meister dienen wird und alles ausführen wird im Zusammenhang mit dem Weber-Handwerk. Genauso schreibt der Paulus, er hätte gerne den Onesimus bei sich behalten, damit er ihm, sozusagen dem Meister dieser Mission des Evangeliums, dient. Das Spannende ist nämlich wirklich, diese Formulierungen kommen in der Zeit nur in Lehrverträgen vor, und nur in Weber-Lehrverträgen.
Nicht für andere Gewerbe und später dann, so ab dem zweiten und dann auch im dritten Jahrhundert und so, schon nicht mehr. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Vielleicht hatte sogar der Philemon nicht, wie man manchmal vielleicht denkt, große Landwirtschaft, sondern eine Weberei, einen Weberei-Betrieb. Dann hätte jedenfalls der Philemon ganz genau sofort gewusst, wovon Paulus da redet. Denn da hätten dann nicht nur der Apostel Paulus und der Weber-Meister Philemon miteinander korrespondiert, sondern zwei Weber-Meister. Der Weber-Meister Paulus, aufgewachsen und ausgebildet, dann vermutlich im familiären Betrieb, in der Weberei des Vaters - vielleicht hat er die selber dann nach dem Tod des Vaters sogar geleitet -
selber Lehrverträge abgeschlossen und kennt die deshalb so gut und korrespondiert jetzt mit einem Philemon, der das auch kennt. Also Paulus beginnt seine Mission in einem Handwerksbetrieb, ganz offensichtlich, wo er sich auskennt, wo er sein Geld verdienen kann. Und jetzt kann man sich auch noch vorstellen, wenn der dann hinkommt in Korinth, in Thessaloniki und sich vorstellt und sagt: "Hey, habt ihr Arbeit für mich? Ich beherrsche die tarsische Webkunst" - dann ist er gleich noch viel interessanter, als wenn das halt so irgendeiner, vielleicht sogar wegen irgendwelcher krummen Dingen entlassener Lehrling ist. Und da wird jetzt Mission betrieben. Das ist heute auch noch so: Am Feierabend trinkt man noch ein Bier und unterhält sich:
Woher kommst denn du eigentlich? Da ist die große Chance, da setzt ganz offensichtlich dieser Paulus dann ein. In der Apostelgeschichte findet man da auch immer wieder Hinweise und, wie gesagt, auch bei Paulus selber. Es gibt im Philemonbrief tatsächlich authentische Zeugnisse des Paulus, dass der wohl genau aus dem Handwerksbereich Textilindustrie, Weberei, kam, vielleicht spezialisiert auf Zeltbahnen, Weben, Zeltmacher, dass er das war und dort gearbeitet hat. "Dass der Onesimus mir dient", da ist das griechische Zeitwort diakoneo. Der Diakon. Der Diakon kommt nicht aus dem Tempelkult.
Der kommt nicht aus der Priesterschaft, die Bezeichnung kommt aus dem Handwerksbereich. Also Paulus denkt sich da nicht jetzt irgendwas aus, wenn es dann im Folgenden um die Gemeindestrukturen geht. Er kopiert das nicht aus dem heidnischen Tempel vielleicht. Da kann man mit gutem Grund annehmen: Paulus ist sich dessen bewusst, was Jesus da gesagt hat und wie es dem ergangen ist. Da müssen wir wirklich beachten: Die größten Gegner Jesu waren nicht die Pharisäer und nicht die Schriftgelehrten, sondern es waren die Hohenpriester und die anderen Tempelpriester. Das sind die, die Jesus ans Kreuz geliefert haben, gekreuzigt dann von den Römern.
Der Priester, der zum Tempel eilen muss, ist der, der ganz schlecht wegkommt bei der Erzählung über den barmherzigen Samariter. Unser Priester kommt nicht vom griechischen Ausdruck für Priester. Das ist der Hieraeus. Unser Wort Priester kommt vom Presbyter. Der Presbyteros, das ist der Älteste. Das sind erfahrene, ältere Menschen, die so beratend angefragt werden, die einem einen Rat geben können, die man um Rat fragen kann. Das ist keine sakrale Amtsfigur. Der Episkopos, davon kommt dann unser Bischof, ist der Aufseher, der Vorsteher vielleicht, der das Ganze überblickt, der Sorge tragen kann und Erfahrung hat.
Heute könnte man auch sagen, ein guter Manager. Manager sind auch so ein bisschen in Verruf geraten, vor allem, wenn sie einen Betrieb bankrottgehen lassen und dann immer noch Prämien von ein paar Millionen kassieren. Ein guter Manger ist der, der wirklich gut drauf schaut, dass alles funktioniert. Das kennt er aus dem Vereinswesen, Postatis zum Beispiel, das kennt der Paulus aus seinem Handwerksbereich, und er hat die Erfahrung: Das bewährt sich.
Ein gutes Meister-Lehrlings-Verhältnis, das bewährt sich. Das ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Das könnte doch auch unter uns jetzt funktionieren, wenn wir da gemeinsam was auf die Beine stellen. Das könnte auch bei uns funktionieren, wenn wir manches so ähnlich machen wie in diesen Vereinen. Bei Paulus ist dann zum Beispiel im ersten Korintherbrief von Mitgliedsbeiträgen nicht die Rede. Das könnte vielleicht so etwas gewesen sein, wo man gesagt hat: Wenn du jetzt beim Verein bist, schau doch einfach mal vorbei, du musst nichts zahlen. Komm doch einfach zu unserer nächsten Mahlfeier. Da ist auch der da, der kann dir dann auch was erzählen über diesen Jesus. Wer ist der Jesus? Ist das euer Vereinsgott? Jeder Verein hat seine eigene Gottheit.
Ja, das ist unser Herr, wir haben nur den. - Und damit bin ich jetzt gerade noch beim weiteren Bereich. Zur Welt des Paulus gehört auch der Kaiserkult. Dazu haben wir auch schon ein bisschen was gehört. Nur so zwei Dinge, zwei Begriffe, die sehr viel da aussagen. Der römische Kaiser lässt sich zunehmend als Kyrios bezeichnen, als Herr, lateinisch Dominus. Den bisherigen Zeugnissen zufolge, die wir haben, war Augustus da noch eher zurückhaltend. Offiziell hat er es sogar verboten, auf alle Fälle nicht haben wollen, als Dominus oder griechisch
Kyrios angesprochen zu werden. Es gibt aber ganz vereinzelt Belege, wo er als Kyrios bezeichnet wird. Richtig los geht es mit Claudius. Ganz, ganz regelmäßig Kyrios Claudius, der Vorgänger Neros. Und dann wird es stereotyp bei Nero. Genau die Zeit des Paulus. Wo findet man das vor allem? Ganz einfach, bei Datierungen. In jedem Vertrag. Das Jahr wird ja angegeben nach dem Regierungsjahr des gegenwärtigen Kaisers.
Das erste Jahr des Tiberius. Das siebte Jahr des Nero. Und das steht dann nicht einfach so dort, wie wir das gewohnt sind, Augustus, Tiberius, dann kommt der Kyrios, besser bekannt als Caligula, dann kommt der Claudius, dann der Nero und so weiter. Sondern jeder Kaiser übernimmt auf alle Fälle schon einmal das Wort Cäsar. Wir wissen heute, dass das im Lateinischen als Käsar ausgesprochen wurde. Davon kommt unser Kaiser. Im Griechischen tatsächlich, wie wir es schreiben, nur mit griechischen Buchstaben und am Schluss nur mit A, R, Kaisar. Gesprochen im Griechischen genauso wie im Lateinischen als Käsar.
Von Kyrios Julius Cäsar her natürlich. Jeder Imperator ist ein Käsar. Augustus erhält die Ehrenbezeichnung Augustus, der Erhabene. Das erhält in Folge dann jeder weitere Nachfolger des Augustus. Wenn einer dann besonders sich hervorgetan hat in der Besiegung eines anderen Volkes, wenn einer dann besonders sich hervorgetan hat in der Besiegung eines anderen Volkes, zum Beispiel der Parther, dann bekommt er auch noch den Beinamen Parthicus. Oder gegen die Germanen, dann wird er zu einem Germanicus ernannt. Also diese vollen Bezeichnungen, die können ziemlich lang sein. Bei Nero ist aber auffällig, dass zwei Ausdrücke immer dort stehen: Kyrios und Nero. Und ganz, ganz oft nur diese zwei. Im Jahr des Herrn Nero, im ersten Jahr des Herrn Nero, am so- und sovielten des Monats so und so,
im zweiten Jahr des Herrn Nero, im dritten und so weiter und so fort. Und zeitgleich reist da ein Paulus herum und spricht vom Herrn Jesus. Jetzt muss man aber aufpassen. Bei Paulus gibt es noch keine gravierende oder eigentlich überhaupt keine echte Kritik am römischen Staat. Deutlich in Römer 13 wird der Staat sogar als Diakonos, als Diakonin Gottes, bezeichnet. Im Griechischen ist das Femininum, deshalb also die Diakonin so quasi.
Und man soll entsprechend die Steuern zahlen und so weiter und so fort. Paulus hat eine ganze Reihe von Steuern zahlen müssen, zum Beispiel die Gewerbesteuer. Aber was deutlich wird, wenn wir das sehen: Da gibt es einen Kyrios Jesus und da gibt es einen Kyrios Claudius und einen Kyrios Nero. Im Verlauf der Zeit muss das zum großen Konflikt führen. Unter Paulus noch nicht, aber am Ende seines Lebens hat er das wohl auch zu spüren bekommen. So weit die Tradition sagt, wurde er ja im Zusammenhang mit der Verfolgung unter Nero dann enthauptet. Zwei Kyrioi können nicht nebeneinander als Vergöttlichte oder Götter existieren. Und damit bin ich mit der Vergöttlichung und mit Gott beim zweiten interessanten Begriff:
Jesus, der Sohn Gottes. Und der römische Kaiser ist auch der Sohn Gottes. Im Lateinischen kann man es noch recht gut unterscheiden. Da ist der römische Kaiser ein divi filius. Filius, der Sohn, ein Sohn des Vergöttlichten. Also nicht deus, sondern divus. Das ist der vergöttlichte Vorfahre, der Vorgänger, der sogar per Senatsbeschluss zu einem divus, zu einem Vergöttlichten, in den Götterhimmel Emporgestiegenen bezeichnet werden darf, werden soll, werden muss.
Im Griechischen wird das genau übersetzt mit Gottes Sohn. Und zwar in dieser Reihenfolge. Divi: des Vergöttlichten, filius: Sohn. Im Griechischen gibt es keinen Ausdruck für divus, da wird wirklich das Wort für Gott genommen. Theou huios: Theou ist der Genitiv von theos, also Gottes huios (= Sohn). Der regierende römische Kaiser ist Gottes Sohn im Griechischen. Jesus ist sprachlich gesehen nicht Gottes Sohn, sondern Sohn Gottes. Ich denke, das ist kein Zufall, sondern ganz bewusst gesetzt von dem Paulus, die umgekehrte Reihenfolge.
Wir verehren nicht einen divi filius, im Griechischen nicht einen theou huios, sondern einen huios theou. Und damit wird klar: Das ist wer anderer. Und das ist dann natürlich der eigentliche Sohn Gottes. - Was macht dann noch der Paulus? Er ist nicht allein. Er hat ein Netzwerk, würde man heute sagen. Er ist ein Netzwerker. Da gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die da immer wieder mal mit ihm unterwegs sind, die auch als Absender, als Mitabsender vom einen oder anderen Brief genannt werden. Timotheus, Silvanus, die beiden kommen besonders oft als Mitabsender vor. Natürlich wird heiß diskutiert, wie weit haben die da wirklich was mitgeschrieben?
Wir nehmen eher an, die werden da so mitgenannt, um als Anwesende da mit Paulus eben auch drauf zu stehen. Das funktioniert so: Ich schreibe jetzt gerade der oder dem - soll ich von dir auch Grüße draufschreiben? Das ist dann das am Schluss, was es damals auch gibt, auch in den Paulus-Briefen: "Die oder der grüßen euch auch." Im griechischen und im lateinischen Brief steht schon am Anfang, wer an wen schreibt. Wir schreiben erst am Schluss "Liebe Grüße, dein Soundso". In der Antike hat man geschrieben: "Ich, der ich da jetzt schreibe, an dich,
der das dann zu lesen kriegt und zugesendet kriegt, und dann steht gleich dabei: Liebe Grüße. Das war dieses Sich-zu-Freuen am Beginn solcher Briefe. Das gehört dann einfach auch dazu, da nennt man halt andere mit, die halt gerade da sind und dazugehören. Wir nehmen da eher an, dass die nicht da gleich als Mitautoren gewirkt haben. Als Gleichwertige schon gar nicht. Aber die sind da mit dabei, die sind mit unterwegs. Ein Timotheus. Ein Titus kommt dann auch noch vor, zusätzlich zu dem Silvanus, Onesimus. Paare, Aquila und Priska, die demselben Handwerksbereich wie Paulus angehören. So steht es in der Apostelgeschichte. "Paulus hatte dasselbe Handwerk wie Aquila und Priska, denn sie waren Zeltmacher."
Davon leitet man ab, da muss auch der Paulus Zeltmacher gewesen sein. Aquila und Priska oder die gestern schon erwähnten Andronicus und Ionia. Ganz viele weitere da im Schlusskapitel des Römerbriefs. Die Phöbe natürlich auch. Menschen, die manchmal für kurze Zeit mit dabei waren, ihn unterstützt haben, manchmal auch längere Zeit. Die konnten auch von Paulus dann da- und dorthin geschickt werden. Sehr deutlich in den beiden Korintherbriefen. Gerade dieser Timotheus im zweiten Korintherbrief, der kommt da mit Nachricht aus Korinth. Paulus nimmt dann gleich darauf Bezug. Die Gemeinden selber, die können auch Leute wegschicken.
Erster Korintherbrief wieder. Die Leute der Chloe, von denen hat er gehört, dass es da diese Parteien gibt, diese Gruppierungen, die da miteinander streiten in Korinth. Wer hat die bessere Botschaft? Wer hat das richtige Evangelium? Und schließlich, dann schon fortgeschritten, wenn schon was gegründet wurde, diese Hausgemeinden. Im Philemonbrief sehr deutlich: Das wird nicht nur an Philemon gesandt. Es wird nicht nur Philemon als Adressat erwähnt, sondern auch noch eine Aphia. Man könnte dann denken, das war vielleicht die Frau des Philemon. Das steht aber nicht dort. Sie wird als Schwester bezeichnet. Aber könnte natürlich sein, die Frau des Philemon. Ein Archippus, vielleicht der Sohn der beiden. Aber das ist nicht hundertprozentig sicher. Es stehen nur die Namen dort und ihr Verhältnis zu Paulus bzw. zur Gemeinde. Das sind Brüder, das sind Schwestern,
das sind Mitarbeiter. Mitstreiter, schreibt er mal, Mitgefangene. Im übertragenen oder im wörtlichen Sinn. Das sind die Treffpunkte. Also kein Tempel, kein Gebäude für den Kult in einer Gemeinde von vielleicht zwanzig Leuten. Es wird angenommen, die waren nicht so besonders zahlreich, diese Gemeinden zur Zeit des Paulus. So kurz nach der Gründung vielleicht zwanzig Leute, vielleicht ein bisschen mehr. Philemon hat offensichtlich ein Haus, das einen Raum hat, wenigstens einen, der groß genug ist, damit sich da alle treffen können, Platz nehmen können, und nicht nur Stehplätze.
Um Mahl zu feiern, um aus der Schrift zu lesen, um die ausgelegt zu bekommen. Oder auch um einen Brief, der gerade zum Beispiel von Paulus angekommen ist, vorgelesen zu bekommen. Das war möglicherweise auch die Funktion der Phöbe für den Römerbrief, dass er deshalb am Schluss der Gemeinde empfiehlt, die Phöbe aufzunehmen und ihr alles zukommen zu lassen, was auch immer sie braucht. Wir können da mit gutem Grund annehmen, die Phöbe hat den Römerbrief überbracht und vielleicht dann auch der Gemeinde in so einer Versammlung vorgelesen.
Und sie konnte - das ist ein ganz interessantes Gebiet, das antike Briefwesen und Briefboten usw. - auch noch mündliche Nachrichten von Paulus überbringen. Da kann man sich gut reinversetzen. "Und wenn es da Probleme gibt, wenn die da was nicht verstehen, zum Beispiel das, was ich da geschrieben hat, dann sag ihnen bitte ..." Das können wir heute auch, wenn wir da gerade so im Betrieb jemanden losschicken, der soll da irgendwas machen, einen Bericht machen oder mündlich vor allem. So muss man sich das vorstellen, ein Netzwerk. Nur so ganz kurz zum Abschluss noch zu den Inhalten. Nur ein paar Punkte, denn das haben wir jetzt eh die ganzen Tage immer wieder gehört.
Was sind die Inhalte der paulinischen Mission? Paulus nennt das vor allem Evangelium. Steht aber da wirklich drauf "Mein Evangelium, dass ich vom Herrn empfangen habe, ist das, und zwar genau so, wie ich es verkündige. Das ist das. Kein anderes"? Auferstehung als zentrale Botschaft, mit der alles steht oder fällt, wird das so begründet in 1. Korinther 15. Gott Vater, Jesus als Herr und Gottes Sohn, da habe ich schon drauf hingewiesen. Gott der Mächtige. Das ist schon auch so Konkurrenz. Da kann man sich schon vorstellen, das zieht schon auch, zumindest so lange es nicht zum Konflikt kommt.
Dann muss man sich wirklich entscheiden: Wir haben den echten Vater. Nicht der regierende Kaiser ist der Sohn eines vergöttlichten Vaters, eines Gottvaters, sondern wir sind die Söhne und Töchter eines wahren Vatergottes. Unser Herr Jesus ist der Wahre. Da sind natürlich auch Machtideen dahinter. Das Gericht - da ist es wieder ganz interessant: Wie verkündet er das? Ich habe meine Dissertation zum Thema Gericht und andere Begriffe in den Paulusbriefen gemacht. Drohungen und Bedrohungen in den Paulusbriefen, die eschatologischer Natur sind, Ende der Zeit.
Das war eine linguistische, sprachliche Untersuchung. - Also macht das nicht. Keine Chance auf einen Bestseller. Keine Chance. Linguistische, sprachwissenschaftliche Untersuchung ... Ich habe mir dann auch gesagt: Eine für mein ganzes Leben habe ich jetzt gemacht. Jetzt ist genug. Jetzt gehe ich zu den Papyri. Jetzt gehe ich zum Alltag. - Aber ein Ergebnis war hochspannend: Je bedrohlicher die Aussagen sind, desto weniger werden sie an die Anwesenden, Hörenden, Lesenden gerichtet. Es gibt keine wirklich bedrohliche Aussage, ob jetzt über Gericht, über den ewigen Tod und so weiter und so fort in den Paulusbriefen, direkt an die Gemeindemitglieder gerichtet,
also im Sinne eines Du oder Ihr. Das ist höchstens an einer Stelle, wo das mehr oder weniger neutral ist: "Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen." Das sagt aber nichts über den Ausgang aus. Also das ist noch so ziemlich das Bedrohlichste, was den Christus-Nachfolgenden direkt gesagt wird. Ansonsten ist das immer ein Kontrastprogramm: Die da draußen so quasi. Und die da vorn, die so abscheulich Böses tun - denen Zorn und Gericht und Wut Gottes. Euch aber, die ihr Gutes tut - das ewige Leben.
Also es kommt drauf an, wenn man über das Gericht Gottes redet, wie redet man darüber zu den Anwesenden? Das kann man beim Paulus wirklich lernen und abschauen, so dass das Evangelium eben eine gute Botschaft wird. Ich habe das so schön gefunden von dir, Siggi: "Eine ewige Hölle traue ich Gott nicht zu." Das gilt auch für Paulus. 1. Korinther 15, das läuft darauf hinaus: "Am Schluss wird Gott alles in" - und dann steht der Ausdruck für alle/alles dort, das kann sächlich und kann aber auch männlich, weiblich sein -
also "dass Gott alles in allem, aber auch in allen ist." Und da ist dann die Verdammnis und die Hölle und so weiter aufgehoben. Zu meinen Studierenden habe ich mindestens einmal gesagt: "Wenn Sie sich nicht vorstellen können, dass unser Gott auch einen Adolf Hitler gerecht spricht, dann arbeiten Sie bitte an Ihrem Gottesbild. Denn wenn Sie sich das nicht vorstellen können, dann setzen Sie sich über Gott drüber und glauben, Sie wissen besser, was der tun kann und niemals tun kann." Das ist die Hoffnung des Paulus: Am Schluss wird dann doch Gott alles in allen und in allem sein.
Und da gehören nicht nur wir Menschen dazu, da gehören auch unsere direkten Verwandten, die Menschenaffen, dazu, da gehören auch alle anderen Lebewesen dazu. Wer heute noch behauptet, Tiere hätten keine Seele, der ist auch naturwissenschaftlich nicht mehr ganz auf dem Laufenden. Nicht einmal naturwissenschaftlich. Die Fülle der Schöpfung. Man sollte auch nicht übersehen - jetzt ganz zum Schluss: Jeder Brief des Paulus beginnt mit einer Botschaft, die in der Zeit einzigartig ist. Ein üblicher Briefschreiber, eine übliche Briefschreiberin wünscht den Adressatinnen und Adressaten, sich zu freuen.
Das kann dann ausgedehnt werden, sich zu freuen und gesund zu sein, wohlauf zu sein, den Tag gut zu verbringen, allezeit gesund zu bleiben. Paulus sagt seinen Adressatinnen und Adressaten zu: Gnade und Friede. Und das ist nicht die Pax Romana, das ist nicht der berühmt-berüchtigte Römische Friede, wo ein Gebiet zuerst erobert wird, dann wird das Steuerwesen eingeführt, damit die Verwaltung genügend Geld hat, und jeder, der nur im Keim einen Aufstand anzettelt, wird festgenommen und kann standrechtlich enthauptet werden, gegeißelt, gekreuzigt.
Der umfassende Friede, der echte Friede, das ist das Erste, was man in jedem Paulusbrief liest: "Gnade und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Das sollte man nicht übersehen. Das ist bereits zentrale Botschaft. Das kommt nicht erst später, wenn er sich dann theologisch äußert und die Dinge ausargumentiert. Und am Schluss des Briefes noch einmal: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch." Was für ein wunderbarer Wunsch. Wir sind es heute so gewohnt. Man sagt im Gottesdienst: "Der Friede sei mit euch. Der Herr sei mit euch." Bei Paulus war das was Neues, da gab es noch niemand anderen, der so einen Brief begonnen hat.
Paulus’ Mission – die universale Dimension des Evangeliums | 15.8.2
Heute Weltreligion, damals eine Sekte unter vielen. Das Christentum hatte in der Antike harte Konkurrenz. Im riesigen Römischen Reich gab es Religionen ohne Ende. Wer Hilfe brauchte, konnte sich an Magier und Priester wenden, an Orakel und Zauberbücher. Und natürlich an diverse Götter. Wer Orientierung suchte, konnte fragen: Was habt ihr mir zu bieten? Was ist bei euch besser als bei den anderen? Glaubens-Shopping sozusagen. Wie sollte Paulus auf diesem Markt der Möglichkeiten mit seiner Botschaft vom Zorn Gottes und dem jüngsten Gericht Menschen für den Glauben gewinnen? Mit seiner Forderung nach Liebe, Vergebung und Unterordnung?
Damals Sekte, heute Weltreligion – Paulus hat es trotz harter Konkurrenz geschafft, den Glauben an Christus im riesigen Römischen Reich publik zu machen. Der Papyrologe und Theologe Peter Arzt-Grabner erklärt, wie die Welt damals aussah und was wir von Paulus’ Mission lernen können.