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Ich dachte, wir machen das einfach wie gestern. Und ich erzähle Ihnen erstmal ganz viel über die Umwelt dieser ganzen Tempel, Heiligungs- Gemeindegeschichte. Und wir kommen erst dann zu Paulus. Sie müssen sich also wieder ein bisschen gedulden. Aber ich hoffe, ich kann Sie wieder vorsichtig mitnehmen. In die Antike tauchen wir ein, in das antike religiöse Leben. Es wird heute auch ein bisschen, wie soll ich sagen, neustestamentlich experimentell, weil so meine Lesart von Paulus vielleicht nicht von allen Paulus-Forscherinnen und Forschern so unterstützt wird. Und er sagt dann noch hier, Achtung, Hypothese. Ich möchte nochmal erinnern, das haben wir jetzt die ganze Zeit schon immer wieder gehört,

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dass Paulus auf einem jüdisch-hellenistischen Hintergrund agiert. Was heißt das? Das Judentum war natürlich nicht abgeschlossen in dieser Landschaft Palästina, im Staat Israel, wie auch immer man das fassen möchte, sondern diese griechische Kultur war allgegenwärtig und vermischte sich natürlich auch mit ihrer jüdischen angestammten Kultur, falls es so was jemals gegeben haben sollte. Das können wir uns so ein bisschen vorstellen, wie unsere deutsche Kultur, was auch immer das sein soll, ist ja ein bisschen schwierig schon zu fassen, also vielleicht für mich ist das ja was anderes als für Sie, aber wir haben alle so ein bisschen amerikanische Einflüsse. Wir sprechen alle vielleicht ein bisschen Englisch, der eine besser, die andere vielleicht ein bisschen weniger. Wir gucken amerikanische Filme, wir hören amerikanische Musik, also diese amerikanische Kultur hat sich ein bisschen auch zu uns vorgedrungen, ohne dass wir das vielleicht aktiv so wollten.

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Aber so funktioniert das nun mal mit Kultur. Paulus schreibt in seinen Briefen an Gemeinden, die vorrangig nicht-jüdische Mitglieder hatte. Das heißt aber nicht, dass die völlig uninformiert waren von dem, was jüdische Kultur, was jüdische Schriften ausmacht. Wir wissen aus der Apostelgeschichte, dass Paulus erst einmal in die Synagogen gegangen ist zum Predigen. Und dort waren die Empfänger und Empfängerin seiner Botschaft vor allem die sogenannten Proselyten und Gottesfürchtige. Wahrscheinlich wissen Sie alle, wer das ist, aber ich sage es trotzdem nochmal. Proselyten, ein schwieriges Wort. Das sind Menschen, die nicht jüdisch geboren sind, sich für den jüdischen Glauben interessiert haben, eine ganze Zeit lang in der Gemeinde mitgemacht haben und sich dann schließlich

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entschieden haben zu konvertieren. Und Konversion war im antiken Judentum jetzt nicht vielleicht gerade der Normalfall, aber möglich. Das bedeutete aber, dass die meisten Männer oder eigentlich die Männer, die wirklich dazugehören wollten, Proselyten waren, die mussten sich beschneiden lassen. Jetzt stellen Sie sich mal vor, im Erwachsenenalter ist vielleicht nicht für jeden so eine gute Aussicht. Das heißt, es gab noch die Gottesfürchtigen. Und bei den Gottesfürchtigen, das ist ein sehr, sehr weiter Begriff. Das waren Menschen, die irgendwie mit der Gemeinde, mit der jüdischen Gemeinde zu tun hatten. Das waren entweder die Männer, die sagten, meine Vorhaut würde ich dann doch gern behalten. Es waren aber auch einfach Menschen, die sich für das Judentum interessiert hatten, die noch auf dem Weg waren. Es waren Menschen, die mit den Leuten der Gemeinde Kontakt hatten, die auch vielleicht die Gemeinde mitfinanziert haben.

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Also ganz viele, die irgendwie außenrum schwirrten. Aber das waren ja nicht alles völlig unbeleckte Leute, was die Schriften Israels angeht. Das heißt, wir müssen eigentlich uns vorstellen, dass in den Synagogen, sag ich später noch was dazu, natürlich auch gelehrt wurde. Und was wurde da gelehrt? Natürlich die Schriften Israels. Aber nicht auf Hebräisch, wie wir uns das vorstellen, habe ich gestern schon gesagt, sondern auf Griechisch. Wenn wir uns die Briefe von Paulus durchlesen, und ich hoffe, das haben Sie in diesen Tagen ganz intensiv gemerkt, dann setzen wir schon eine ganze Menge Wissen voraus, um die zu verstehen. Auch Paulus setzt natürlich bei seinen Adressaten diese Menge an Wissen voraus, die man sich erst mal aneignen muss. Das heißt, ich bin der festen Überzeugung, auch hier sind wir uns nicht alle einig, aber

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es gab in diesen Gemeinden Formen von Wissensweitergabe. Und ein Amt, ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt, aber eine Person oder ein Personenkreis, der das gemacht haben könnte, waren die sogenannten Lehrer. Die tauchen in 1. Korinther 12 auch mit auf. Lehrer sind Menschen, die Wissen weitergeben, auch in der Antike. Das heißt, ich kann mir gut vorstellen, dass Menschen in den Gemeinden aktiviert worden sind, anderen Menschen irgendwas beizubringen. Wann kommen wir denn zum Tempel? Jetzt. Sie dürfen sich jetzt mal ein bisschen vorstellen, Sie wären in einer antiken Stadt. Vielleicht war der eine oder die andere schon mal auf einer antiken Ausgrabung und stand dort auf der Agora und hat sich umgeschaut und dann stehen da überall die Schildchen, wo es da gewesen sein könnte und da steht auf jedem zweiten Schildchen Tempel für. Ja, also so eine antike Stadt war völlig geprägt von diesen Tempelbauten.

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Da gab es manchmal riesige Tempel, wie in Ephesus und es gab an jeder Ecke kleinere Tempel, es gab in jedem Haus einen Schrein mit kleinen Figürchen vielleicht und Weihrauch. Das heißt, Tempel in jeglicher Form prägten ein Stadtbild. Und je größer und schöner der Tempel, natürlich umso höher das Ansehen auch dieser Stadt. Was passiert eigentlich in so einem antiken Tempel? Also ich rede jetzt nicht nur von Griechisch-Römisch, sondern ich rede auch von dem mesopotamischen Bereich und auch von Ägypten. Das war alles ähnlich, nicht gleich, aber die Grundformen waren ähnlich. Also erst mal stellt man sich natürlich vor, dass in diesem Tempel die Gottheit in irgendeiner Form präsent ist. Es gab Kultbilder, das hatten wir gestern schon, Idola auf Griechisch und diese Kultbilder

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waren möglicherweise aus Holz, manchmal auch aus Stein und manchmal gab es andere Kultgegenstände. Also wir kennen zum Beispiel auch Kometenbruchstücke, die verehrt wurden. Oder es gab vielleicht auch andere Gegenstände. Sie erinnern sich, im alten Tempel stand die Bundeslade als Kultgegenstand. Jetzt wissen wir, nachdem die Bundeslade dort nicht mehr stand, war das Judentum eine bildlose, kultbildlose Religion. Aber es gab auch noch andere kultbildlose Kulte im Römischen Reich, in Griechenland und auch im Nahen Osten. Das ist also kein singuläres Phänomen fürs Judentum. Auch wenn die Präsenz des Gottes in diesem Allerheiligsten im Tempel ist, war für die Menschen natürlich völlig klar, dass Gott nicht nur dort ist, sondern auch im Himmel. Das hat sich natürlich entwickelt. Ganz am Anfang haben sich die Menschen wahrscheinlich vorgestellt, dass der Gott nur an diesem Tempel

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ist, aber irgendwann war auch klar, der kann nicht nur dort sein, sondern der ist auch entweder im Himmel oder auf einem hohen Berg. Ich hoffe, jetzt ploppt bei Ihnen gleich der Olymp auf, wo die Götter sitzen und immer schön Feste feiern im griechischen Bereich. Dieser Berg ist ein ganz, ganz altes Motiv. Das kennen wir schon aus sumerischen Religionen. Also da sind wir tausende Jahre zurück. Der Gottesberg, der verbindet die Erde und den Himmel. Und da kann man hoch und runter steigen. Die Götter einfach eine kleine Wandertour nach unten sozusagen und dann auch wieder nach oben. Das ist natürlich jetzt so ein bisschen eine plastische Vorstellung, aber diese Verbindung von Himmel und Erde, die haben wir auch im jüdischen Bereich. Ich habe das, glaube ich, gestern schon gesagt, der Zion.

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Also wer schon mal in Jerusalem war, der denkt sich, okay, der Zion ist so ein bisschen ein Puckel, so ein kleines Ding, also nicht hoch. Auf keinen Fall so ein riesiger Berg. Aber der hatte sozusagen eine himmlische Existenz, dieser Berg. Also das können wir noch nicht sehen, aber der reicht bis in den Himmel. Und es gibt noch andere solcher Gottesberge natürlich. Ich habe Ihnen gestern die Geschichte vom Engelfall im äthiopischen Henochbuch erzählt. Da wird erzählt, dass die Engel auf den Berg Hermon heruntersteigen auf die Welt. Der liegt so am Rand des galiläischen Gebietes. Also die Gottheit konnte entweder ganz so plastisch gesehen den Berg sich vorstellen, runterlaufen oder in ein Kultbild einwohnen. Also es ist ja nicht nur das Bild, sondern der Gott konnte darin einwohnen, heißt es. Wir kennen aus dem ägyptischen Bereich dort auch Ritualabläufe, wie das gemacht wurde.

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Also wie der Gott gebeten wurde, in dieses Kultbild einzuwohnen. Und tatsächlich haben sie das auch ganz raffiniert in Rituale gepackt, die teilweise auch mit Düften und mit verschiedenen Möglichkeiten, Licht und Dunkelheit, gearbeitet, um das auch für Menschen, die dabei waren, Priester plastisch zu machen. Man konnte die Gottheit locken mit so einem Ritual oder stellen sich einfach vor, macht so einen Opfer leckeren Grillduft. Es kann schon die ein oder andere Gottheit dazu bewegen, sich doch vielleicht nach unten zu bewegen und das leckere Opfer zu verspeisen. Manche Götter bevorzugten eher Weihrauch, den auch oder andere pflanzliche Düfte. Fußnote, weil ich darüber gearbeitet habe, es ist sogar in einem Tempel in Tel Dan,

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viertes, fünftes Jahrhundert vor unserer Zeit, ein Tempel für den Gott Israels, Cannabis gefunden worden. Auch das wurde verräuchert. Vielleicht wird uns jetzt klar, warum Jesaja 6 so ein bisschen... Ist aber bis jetzt der einzige Fundort. Ja, warum macht man eigentlich Opfer? Also Opfer waren die grundlegende rituelle Handlung der Antike. Sie sollte dazu dienen, um die Gottheit einem gewogen zu machen und die Götter sozusagen zu versorgen. Was hat man geopfert? Da fällt Ihnen bestimmt alles mögliche an Tieren ein, aber man hat genauso auch Früchte geopfert, man hat Kuchen geopfert, Brot geopfert, man hat Wein geopfert, man hat Fett geopfert, man hat Haare geopfert. Also alles Mögliche eigentlich, was man irgendwie verbrennen konnte.

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Warum macht man einen Opfer? Jetzt denken Sie sogar, ah, Sünden, Sündenopfer. Ja, auch. Aber man hat auch geopfert zu allen möglichen Anlässen. Also stellen Sie sich einfach vor zu Anlässen, an denen Sie heute beten. Das wäre ein Anlass für einen Opfer gewesen in der Antike. Also Ihre Frau hat ein Kind geboren und es ist gesund auf die Welt gekommen. Sie Opfern. Sie hatten eine schwere Krankheit. Sie sind wieder gesund geworden. Sie Opfern. Sie haben eine schwierige Situation vor sich. Zum Beispiel fahren Sie auf eine Schiffsreise. Das muss man sich nicht so ganz bequem wie heute mit diesen großen Dampflinern vorstellen, sondern es war ja in der Antike ein bisschen gefährlicher. Oder ja, eigentlich für alles. Also Sie machen eine Reise, Sie möchten einen neuen Beruf haben, was auch immer.

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Sie sind krank und bitten um Heilung. Alles, wo man irgendwie im Leben Kontakt mit einer Gottheit, das Bedürfnis hat, das wurde auch in der Antike so genutzt. Das Bewusstsein, was wir vielleicht als Christinnen und Christen heute noch haben, dass unser Schicksal von einem Gott oder einer Göttin abhängt, das war damals ganz alltäglich. Ich habe gestern schon gesagt, Sterben war in der Antike viel einfacher. Das, was Schleiermacher später mit dieser schlechthinigen Abhängigkeit, dem Gefühl der schlechthinigen Abhängigkeit, das ist ein altes Wort, aber er meint eigentlich das Gefühl, dass wir total abhängig sind von Gott, von irgendwie unserem Schicksal, würde vielleicht mancher ohne Glauben sagen. Dieses Gefühl war in der Antike wirklich allgegenwärtig. Wenn es Tieropfer gab, dann wurde der Rest in der Regel von irgendwem verspeist, ein Teil von den Priestern und der Rest in der Regel von denen,

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die das Opfer bezahlt hatten. Jetzt war es in der Antike aber so, dass wenn ein Tempel an jeder Ecke steht, natürlich Fleisch übrig bleibt. So viel Fleisch konnte man gar nicht essen. Das wurde dann auf dem Fleischmarkt verkauft. Haben wir auch schon gehört, bei Paulus, das kennen Sie sicher. Wenn die Tiere geschlachtet wurden, da gab es im meisten Tempel ein besonderes Amt dafür, dann ist das Blut aufgefangen worden und ist an den Altar gesprengt worden. Im jüdischen Bereich haben Sie das sicher schon gehört, aber das war auch im griechischen Bereich so und im ägyptischen Bereich. Das ist also überhaupt nichts, was nur in der jüdischen Religion zu finden war. Was gab es denn noch an so einem Tempel? Nicht nur Opfer, sondern da gab es auch Musik, es gab Wallfahrten, es gab Gebete, es gab Prozessionen, es gab auch Gemeinschaftsmähler.

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Manchmal wurde in Tempeln auch gegessen zusammen. Jetzt stellen Sie sich den Jerusalemer Tempel vor und die Tempelaustreibungsszene von Jesus. Die erzählt uns nämlich noch etwas. In großen Tempeln mit großen Vorhöfen, in großen Handelsstätten gab es Märkte. Warum gab es Märkte? Man musste ja irgendwie, wenn man von außerhalb kam, da hat man ja schlecht sein Opfertier irgendwie über die letzten 30 Kilometer mittragen können. Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Rind opfern. Wie kriegen Sie das dahin? Ist klar. Sie kaufen das vor Ort. Das heißt, es braucht dort Händler, die ihre Opfertiere anbieten. Und es braucht natürlich auch Menschen, wir hatten noch nicht den Euro damals, wenn Sie also Geld wechseln wollten, mussten Sie das irgendwie vor Ort tun. Auch das mussten Sie im Tempel tun. Der Tempel war also auch ein riesiger Warenumschlagplatz. Und er war ein Austausch. Man hat sich getroffen. Vor allen Dingen im Tempel in Jerusalem natürlich hat man sich getroffen,

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aber auch in allen möglichen anderen Tempeln. Vielleicht kennen Sie das von heute von sich selber. Wenn Sie in eine neue Stadt kommen, dann gehen Sie zuerst mal zur Kirche. Also ich mache das zumindest so. Vielleicht treffe ich da schon Menschen. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie wollen die Gottheit im Tempel besuchen. Vielleicht ist es für Sie einfacher, sich vorzustellen, Sie gehen zum Papst. Sie haben eine Papst-Audienz. Was machen Sie? Sie duschen vorher. Völlig klar. Sie ziehen sich nicht Ihr schlechtestes T-Shirt an, sondern den Sonntagsstart. Also vielleicht einen Anzug oder ein schickes Kleid. Und Sie ziehen sich natürlich auch so an, wie der Papst das möchte. Also vielleicht nicht gerade schulterfrei und so weiter. Sie achten auf Ihre Kleidung. Sie essen vielleicht nicht unbedingt einen Haufen roher Zwiebeln vorher und vielleicht auch nicht den Bohnen-Eintopf oder 15 Knoblauch.

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Vielleicht, das ist vielleicht jetzt eher untypisch, verzichten Sie auch mal auf intime Kontakte, weil Sie so aufgeregt sind. Und erst dann, erst dann gehen Sie dahin. Sie haben eine innere Haltung, mit der Sie zum Papst kommen. Schließlich wollen Sie irgendwas. Sie bereiten sich vor. Und ganz ähnlich müssen wir uns das in der Antike vorstellen. Jeder, der zu einer Gottheit kommt, die ja auch irgendwie ein Herrscher ist, eine besonders herausgeprobene Persönlichkeit, die einen sehr leicht einen Kopf kürzer machen könnte, wenn sie wollte. Da geht man ja nicht wie so ein Schlumpf hin, sondern man bereitet sich vor. Es gibt Reinheitsregeln in der Antike und zwar überall. Nicht nur im jüdischen Bereich. Jeder, jeder Tempel hat Reinheitsregeln. Das ist manchmal ein bisschen spezifisch, was die Gottheit so mag. Also die eine Gottheit, die mag nicht gerne Zwiebeln. Die andere Gottheit, da darf man vorher keinen Bohnen essen.

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Und bei der anderen Gottheit sollte man vorher kein Schweinefleisch gegessen haben. Also das kommt immer ein bisschen darauf an. Da muss man sich vorher informieren. Wie ist das dann im jüdischen Bereich mit dieser Reinheit, Unreinheit? Oder heilig und profan? Das haben Sie bestimmt alles schon mal nachgelesen. Levitikus kennen Sie wahrscheinlich auswendig. Aber so richtig verstanden habe ich das auch immer nicht. Deswegen versuche ich es jetzt nochmal. Also rein heißt irgendwie auch sauber sein, aber in einer bestimmten Art und Weise. Ebenso wie ich es gerade gesagt habe. Sie bereiten sich vor auf diesen Übertritt von dem Profanen ins Heilige. Das Heilige ist alles, was zu Gott gehört. Das können Tempel sein, Orte, Dinge. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Topf und der Topf soll demnächst fürs Kochen des Opferfleisch im Tempel verwendet werden. Wenn Sie den Topf zu Hause benutzen, dann ist er natürlich nicht heilig.

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Aber wenn Sie den in den Tempel tragen und den Tempel stiften, dann muss der Topf irgendwie besonders toll abgewaschen, rituell behandelt werden, damit dieser Topf im Tempel dienen kann. Und wenn der einmal im Tempel dient, dann ist er heilig. Das ist ein heiliger Topf. Das ist natürlich jetzt vielleicht ein plastisches Beispiel, aber genauso geht es sozusagen mit den Personen. Wer im Tempel dient, die Priester, die Leviten, die sind heilig. Die müssen die ganze Zeit einen bestimmten Reinheitsstatus haben. Die sind die ganze Zeit in diesem Bereich, in dem sie diesen Status brauchen. Im Judentum ist es jetzt noch so, dass bestimmte Sachen Menschen verunreinigen. Nämlich, kennen Sie alle, Kontakt mit Blut, der Kontakt mit Sperma, der Kontakt mit bestimmten Lebensmitteln und oder Tieren,

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der Kontakt mit Toten und bestimmte Hautkrankheiten. Und jetzt wird es schon diskussionswürdiger, der Kontakt mit nicht-jüdischen Menschen. Das ist alles kein Problem, weil das haftet normalerweise bis auf chronische Hautkrankheiten nicht dauerhaft an Ihnen, sondern Sie können das mit bestimmten Riten abwaschen. Oder Sie müssen einfach ein bisschen warten, bis diese Sache mit dem Blut zu Ende ist und dann sich nochmal waschen. Es ist immer nur dann ein Problem, wenn Sie zu einer bestimmten Zeit im Tempel sein wollen oder müssen. Dann müssen Sie das halt verschieben, das geht dann nicht. Weil wenn man unrein in den Tempel geht, dann erstens verunreinigt man den Tempel, ganz böse, dann ist die Gottheit sauer auf Sie und dann passiert irgendwas Schlimmes. Oder Sie verärgern die Gottheit gleich direkt, ist auch klar, dann passiert irgendwas Schlimmes. Das kann man also nicht machen. An sich ist das alles kein Problem. Im Alltag müssen Sie keinen Reinheitsstatus haben, sondern nur wenn Sie in den Tempel gehen wollen. Jetzt kommt es aber dazu, dass das Volk Israel anfängt, sich als heiliges Volk zu verstehen, als Gottes Volk, als Volk wo Gott anwesend ist.

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Jetzt muss das ganze Volk dauerhaft immer in einem Reinheitsstatus sein. Das ist natürlich nicht jederzeit immer durchführbar, aber es sollen dann, und auch in der Zeit, in der Paulus gelebt hat, ist das Ziel, auch besonders der Pharisäer, das ganze Volk möglichst immer in einem Reinheitszustand zu halten. Das heißt, wir haben Reinheitsriten an der Tagesordnung. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal den Begriff Mikveh gehört haben, das sind diese jüdischen Reinheitsbäder, rituellen Reinigungsbäder. Und in Palästina haben wir es tatsächlich, ich nenne jetzt wieder den politischen Begriff, ist der Zeit,

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haben wir ganz viele große Wannen ausgegraben. Die gab es an ganz vielen Häusern, an ganz vielen Dörfern und kleinere Wannen, die wurden benutzt, um rituelle Reinheit herzustellen. Wir haben also im ersten Jahrhundert vor und im ersten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung überall diese, ich sage jetzt mal böse, Badewannen rumstehen, damit man sich reinigen konnte, an den Häusern, überall. Wir haben das in der Diaspora nicht gefunden, dort wurden wahrscheinlich Bäder benutzt, oder noch wahrscheinliche Flüsse, irgendwelche Quellen, fließendes Wasser, wo es gab. Kommen wir zurück zum herodianischen Tempel. Sie wissen hoffentlich alle, dass der zweite Tempel irgendwann noch mal überbaut wurde, von Herodes den Großen, den kennen wir aus der Weihnachtsgeschichte. Herodes der Große hat es geschafft, Unmengen an Geld aufzutreiben und quasi diesen zweiten Tempel umzubauen in ein Weltwunder.

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Dieser Tempel war in der ganzen Antike bekannt, wir haben aus verschiedenen griechischen und römischen Schriften noch Zeugnisse, wie beeindruckend dieser Tempel war. Es war natürlich ein Dreh- und Angelpunkt für alle jüdischen Menschen im Römischen Reich und jetzt müssen Sie sich die Diaspora vorstellen, es haben Leute in Spanien gewohnt, aber es haben auch Leute ganz unten am Euphrat gewohnt. Also das sind riesige Verbreitungsgebiete, also jüdische Menschen haben quasi im ganzen Römischen Reich und auch im ganzen Patrischen Reich, also das ist alles, was sozusagen im Osten von Rom war, gewohnt. Die haben auch in Ägypten gewohnt. Und eigentlich sollte jeder jüdische Mann einmal in seinem Leben, am besten noch öfter, nach Jerusalem zum Tempel gepilgert sein. Jetzt können Sie sich natürlich vorstellen, wenn Sie in Spanien wohnen, wie teuer das ist, da hinzufahren.

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Also in der Antike war es teuer, auch heute noch wäre es teuer, aber Flugzeuge gab es noch keine. Wir können also davon ausgehen, dass die allermeisten jüdischen Menschen in der Diaspora in ihrem Leben nicht in Jerusalem am Tempel gewesen waren. Aber sie hatten eine Verbindung zum Tempel und das war das Erstlingsopfer, das habe ich gestern schon gesagt. Das Erstlingsopfer wurde von jedem jüdischen Mann, egal wo er gewohnt hat, über 20 bezahlt, auch manchmal von den Frauen, und das waren zwei Drachmen, die Drachma oder ein halbes Schäkel, je nachdem in welcher Währung man sich befand. Die haben die eingesammelt in den Gemeinden und bei kleineren Gemeinden haben die dann einen Boten geschickt mit dem ganzen Geld, in eine größere Gemeinde und von der größeren Gemeinde ist irgendjemand nach Jerusalem gefahren und hat das Geld mitgenommen.

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Vielleicht blinkt jetzt so ein bisschen was bei Ihnen. Paulus und die Kollekte, das hat also auf ähnliche Art und Weise funktioniert. Da war das Vorbild wahrscheinlich diese Art von Geldsammlung. Über diese Erstlingsgabe, diese die Drachma, konnten alle jüdischen Menschen in der ganzen Welt, damals bekannten Welt, am Opferkult teilnehmen, denn diese zwei Drachmen wurden benutzt, um die Opfer zu bezahlen. Die auch so am Tempel gemacht wurden. Also wir können schon davon ausgehen, dass es in dieser Zeit auch eine starke, ideelle Verbindung der Menschen in der Diaspora zum Tempel noch gegeben hat. Und es ist immer mal wieder jemand dahin gefahren und hat geopfert, vielleicht auch stellvertretend geopfert für die Gemeinde, in der er war. Jetzt habe ich viel über Äußerlichkeiten geredet. Was war denn die theologische Bedeutung des Tempels in Jerusalem? Wie hat man sich das genau vorgestellt? Der Tempel war Ort der Präsenz Gottes.

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Ins Allerheiligste durfte aber nur der Priester einmal im Jahr, der Hohe Priester, der Geist des Erachtens, der Erachtung, der Erachtung, der Erachtung. Der Tempel wurde als Thron, als Fußschemel Gottes gesehen, während Gott selbst in den Himmeln thront. Aber wenn der Tempel der Thron oder der Fußschemel ist, dann hat er ja auch eine Verbindung mit Gott. Also es ist irgendwie schon sozusagen wie so eine Telefonleitung. Und es ist auch so, dass man sich das so anschauen kann. Man hat ja auch eine Verbindung mit Gott. Also es ist irgendwie schon sozusagen wie so eine Telefonleitung. Vielleicht gedacht, man hat eine Verbindung in den Himmel. Unsere antike griechische Bibelübersetzung, die ich gestern schon erwähnt habe, die Septuaginta, die schreibt an allen Stellen, wo wir von Gott, Gottes Präsenz im Tempel lesen,

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ein anderes Wort hinein. Das kann entweder sein, also nicht Gott ist im Tempel, sondern Gottes Herrlichkeit ist im Tempel. Gottes Geist ist im Tempel. Sie merken alle auf. Oder auch der Name Gottes ist im Tempel. Das heißt aber nichts anderes als Gott ist im Tempel. Man will nur vermeiden, dass Leute sich vorstellen, dass das wie ein Kultbild da irgendwie funktioniert. Gott wurde vorgestellt wie ein König. Das habe ich gestern schon gesagt. Das heißt, ein König braucht natürlich auch ein Wohnhaus. Wenn das aber nur der Thron oder der Fußschäme ist, der Tempel, dann muss es im Himmel noch was viel Schöneres geben. Der himmlische Tempel, das himmlische Jerusalem ist das Wohnhaus oder der Palast oder auch der Tempel Gottes. Im Himmel. Und er ist unvorstellbar schöner, kann man sich denken. Oder in herodianischer Zeit konnte man sich denken, dass genauso schön. Das reicht vielleicht schon für Gott, weil der einfach so prächtig war. Der Ort des Tempels ist auf jeden Fall auch wichtig.

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Das habe ich vorhin schon gesagt mit dem Weltenberg. Es ist nicht egal, wo der Tempel steht, sondern der steht an einem bestimmten Ort. In der griechischen, im griechischen Umfeld waren das zum Beispiel auch Orte, wo der Blitz eingestellt wurde. Das waren auch heilige Orte. Also diese Orte sind schon besonders ausgesucht worden. Wenn wir uns jetzt noch mal vorstellen, wie man sich Gott vorstellen könnte, wie er entweder bei den Israeliten oder im Tempel sitzt, dann gab es Bilder, die Schriften Israels dafür gefunden haben. Das Wohnen unter den Israeliten ist zum Beispiel ein schönes Bild. Also Gott wohnt im Tempel, aber gleichzeitig unter den Israeliten. Und das Ganze wurde dann in der Exodus-Erzählung in eine wunderschöne Geschichte gegossen. Wie kann Gott denn unter den Israeliten sein?

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Sie erinnern sich, Wolkensäule, Feuersäule, manchmal wird er auch in Engel erwähnt, und das Zelt der Begegnung, wo Gott in seiner Begegnung, wo Gott in seiner Begegnung, wo Gott in seiner Herrlichkeit anwesend ist. So herrlich, dass da nur Mose reingehen kann, weil die anderen davon sozusagen abgeschreckt würden. Erst später dürfen Aaron und die anderen reingehen, nachdem sie so ein spezielles Ritual gehabt haben. Auch in Ezechiel 43 sagt Gott zum Beispiel zu Ezechiel, ich will mitten unter euch wohnen. Die Septuagintü übersetzt dann mein Name wird mitten unter euch wohnen. Hier sehen wir also schon so ein bisschen eine theologische Verschiebung. Aber auch hier ist wieder wichtig in mitten, der Tempel ist auch in mitten. Also nicht nur irgendwo, sondern mitten unter den Israeliten gedacht.

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Wie das Zelt der Begegnung, das kann man einfach mitten unter die Zelte des Volkes stellen sozusagen. Trotzdem bleibt dieser Zion, der Ort des Tempels, auch das Zentrum. Ein weiteres Bild, was ich Ihnen gerne noch mitgeben möchte, ist das Bild vom Wasser. Das kennen Sie vielleicht nicht ganz so deutlich, aber das hat auch mit der Weisheit zu tun. Das ist auch schon hier aufgeploppt im Laufe der letzten Tage. Das Bild vom Wasser geht zurück auf die Tempelquellen, die es an vielen Orten gab. Und diese Tempelquellen wurden natürlich für Reinigungsriten und den Bedarf des Tempelpersonals genutzt. Also wenn Sie Opferfleisch kochen wollen, brauchen Sie dafür Wasser. Oder wenn Sie Reinigungsriten durchführen wollen, brauchen Sie dafür Wasser. Aber diese Quellen wurden auch theologisch aufgeladen. Es wurde dann im Nahen Osten schon, im Antik-Nahen Osten, die Bedeutung gegeben, dass über dieses Wasser sich die lebensspendende Kraft der Gottheit verteilt. Und wir kennen das aus unseren frühjüdischen Schriften.

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Da gibt es auch die Vorstellung, dass aus dem Zion die nährenden Flüsse der Welt entstehen, der Nil und der Euphrat und so weiter. Das ist natürlich ganz topografisch falsch, aber es ist eine Vorstellung, die dahintersteckt. Und es wird dann sozusagen gesagt, dass die Präsenz Gottes sich auch wie Wasser verteilen kann. Und zwar überall im Land. Über die Flüsse kommt die Kraft Gottes, der Geist Gottes in die Welt. Zur Weisheit, das dritte Bild muss ich jetzt nicht so viel sagen. Da haben Sie schon ganz viel gehört. Aber Gott wohnt nach einem Text aus Jesus' Sirach. Gott wohnt in Form der Weisheit unter den Israeliten. Denn sie hat sich niedergelassen auf dem Zion und im Volk Israel. Also hier haben wir auch wieder im Volk Israel und im Zion, beides wird zusammen gedacht.

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Die Erwartung in der Endzeit, habe ich gestern schon gesagt, ist ein neuer Tempel, ein neuer Zion, ein neues Jerusalem. Und alle sind halt mit diesem Tempel eng verbunden. Und das war die zentrale Hoffnung natürlich auch für Juden, nachdem der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Also auch nach 70 war das immer noch die bleibende zentrale Hoffnung, ein neuer Tempel oder ein neuer Ort Gottes in Jerusalem. Ja, wie hat eigentlich religiöses Leben in der Diaspora funktioniert? Es gab Synagogen. Jetzt denken Sie wahrscheinlich alle an ein Haus. Das ist falsch. Synagogen waren Versammlungen von Menschen. Kein Haus oder zunächst mal kein Haus. In der Fremde, in der Ferne bildeten Menschen gerne Gemeinschaften, um unter sich zu sein, um ihre Kultur zu leben,

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um ihre Religion zu leben. Auch im ganzen Römischen Reich, was sehr viele Bewegungen von Leuten kannte, Migration war an der Tagesordnung, gab es an jeder Stelle kleinere Tempel, wo sich Leute trafen oder kleinere Versammlungen von Leuten aus, was auch immer, Idomäa oder aus Galjen und so weiter. Und diese Orte hießen schlicht Versammlungen auf Griechisch. Synagoge. Das heißt, wenn wir Synagoge sagen, dann heißt das nicht nur jüdische Versammlungen, sondern auch überall Versammlungen. Das führte dazu, dass im ägyptischen Bereich die jüdischen Menschen ihre Versammlungen und die von den anderen abzugrenzen,

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pros euche Gebetshaus nannten. Ja, Gebetshaus. Die Synagoge war, müssen wir uns vorstellen, jetzt muss ich wieder mit dem Haus, aber es war trotzdem so eine Art Rathaus. Also alles, was Sie heute in einem Rathaus, in einem Bürgerhaus machen könnten, das könnten Sie auch in der Antike, in der Synagoge machen. Das heißt, es wurde ein Kind geboren und Sie wollten sagen, das ist meins als Vater und das war wichtig, dann haben Sie das in der Synagoge getan und es gab eine Akte und die wurde dort abgelegt. Wenn Sie eine Frau heiraten wollten oder einen Mann, dann gab es darüber in Ägypten zumindest eine Akte, die wurde dort abgelegt. Wenn es einen religiösen Streit gab in der Gemeinde, dann gab es dort jemanden, der diesen religiösen Streit ausgetragen hat. All das, was Sie in Ihrem Leben erleben konnten, was Sie irgendwie regeln müssen per Ritual oder per Vertrag, wurde dort abgelegt. Testamente zum Beispiel.

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Diese Versammlungen waren natürlich nicht aus der Luft gegriffen und deren Strukturen nicht aus der Luft gegriffen, sondern die bildeten auch in einer bestimmten Art und Weise, nicht haargenau, aber das Antike-Vereinsrecht ab. Vereine, Vereinigungen, ist vielleicht das bessere Wort für die Antike, haben ganz ähnlich funktioniert wie auch unsere Vereine heute. Also es gibt irgendeine Art und Weise, wie Sie das machen, wie Sie das machen. Es gab Wahlen, es gab Gelder, die über den Tisch flossen, es gab Menschen, die diese Gelder verwaltet haben, es gab Menschen, die Protokolle geführt haben. Das ist immer meine Lieblingsaufgabe im Kirchenvorstand. Diese Protokolle mussten irgendwo abgelegt werden. Aber es gab natürlich auch die schönen Seiten. Man hat zusammen gegessen, man hat zusammen gefeiert, man hat zusammen gefeiert, man hat zusammen gefeiert. Es gab verschiedene Vereine zu jedem möglichen Zweck.

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Also Kultvereine, klar. Zu irgendeinem besonderen Kult gab es einen Verein, so wie unser Förderverein heute. Vielleicht kann man sich das vorstellen an Kirchen. Es gab Vereine von sozialen Gruppen, zum Beispiel Sklavenvereinigungen. Es gab Begräbnisvereine, das waren auch so eine Art und Weise, wie Sie das machen. Es gab Vereine von sozialen Gruppen, zum Beispiel Sklavenvereinigungen. Es gab Begräbnisvereine, das waren auch so eine Art Versicherung, damit, wenn Sie nicht für Ihr eigenes Begräbnis sofort zahlen konnten, konnten Sie dort über Jahre Mitglied sein und dann hat der Verein für Ihr Begräbnis bezahlt, wenn Sie irgendwann mal gestorben waren. Und es gab auch Vereine, in denen einfach nur gesoffen wurde. Auch das kennen wir von heute. Spannend an diesen Vereinigungen ist, dass diese Mitglieder meistens sozial recht homogen waren. Also es gab kaum Vereine, wo ein ganz reicher Mensch und ein ganz armer Mensch Mitglied war. Das ist ein Unterschied zu unseren Gemeinden, die wir aus der Antike kennen.

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Dort kennen wir von Paulus, da gab es natürlich das Problem, die einen, die kommen schon früh, die müssen nicht arbeiten, die haben viel Geld, die haben das schon alles aufgegessen, was da auf den Tisch kam. Und die anderen, die kommen später und kriegen nichts mehr ab, weil sie noch arbeiten müssen. Also das ist ein bisschen eine Neuerung in den Gemeinden, dass sie sozial ganz unterschiedlich gewesen sind. Jetzt komme ich endlich zu Paulus. Paulus nutzt all das, was ich Ihnen jetzt vorgestellt habe, für seine Gemeinden, sowohl strukturell als auch sprachlos. Und vor allen Dingen der Jerusalemer Tempel kommt auch in seinen Schriften vor und Tempel im Allgemeinen. Und zwar immer dann, wenn er bestimmte Punkte für seine Gemeinden sehr deutlich machen möchte.

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Ich sage es auch nochmal, es ist hoffentlich deutlich geworden, dass vieles von jüdischer Tempeltheologie allgemeines, antikes, religiöses Gut war. Das war nicht nur jüdisch, sondern das haben auch Menschen verstanden, die nicht aus dem jüdischen Bereich kommen. Insbesondere die Sache mit dieser Reinheit. Es war also, wenn Paulus Tempeltheologie benutzt, auch für Menschen verständlich, die aus anderen Kultformen kamen. Als Paulus lebte, stand der Tempel noch. Es war vor 70. Wir müssen uns auch nochmal klarmachen, das haben wir auch schon gehört, Paulus war ein frommer, fariseischer Jude. Und er hatte mit großer, großer Sicherheit eine sehr enge Beziehung zum Tempel in Jerusalem. Das liest man in den älteren Kommentaren oft anders. Das wurde von Forschern bestritten und zwar immer aus dem Grund heraus, weil der Tempel in den paulinischen Schriften kaum vorkommt.

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Und auch in der Apostelgeschichte nichts von Tempelbesuchen zu lesen ist. Das ist natürlich immer schwierig, wenn man so argumentiert. Für jüdische Menschen in der Zeit ist es nach meiner Auffassung und den Quellen überhaupt keine Frage, dass man, wenn man nach Jerusalem reist, natürlich in den Tempel geht. Das muss man aber auch in keine Schrift reinschreiben, weil das war klar. Wenn der Jerusalemer Tempel nicht als solcher, als Ort in den paulinischen Briefen vorkommt, dann kann ich doch nicht einfach sagen, na Paulus hat von dem nichts mehr gehalten. Das tun aber leider viele. Jetzt ist das so ein Argument aus der Abwesenheit einer Sache heraus, ex silencio. Das ist rhetorisch immer eine ganz, ganz schwierige Kiste. Warum könnte Paulus denn den Tempel nicht erwähnt haben? Erstens vielleicht hat es irgendwann mal Briefe gegeben, in denen er diesen Tempel thematisiert hat, aber wir haben die nicht überliefert.

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Wäre eine Möglichkeit. Paulus setzt voraus, dass der Tempel für alle Leute in seiner Gemeinschaft eine unglaubliche Bedeutung hat. Da muss man einfach nicht drüber reden. Punkt. Und auch für die Gemeinden war das überhaupt keine Problematik. Also nicht nur aus Paulus Sicht, wie die Gemeinden sein sollen, sondern auch aus der Sicht der Gemeinde war das überhaupt keine Frage, dass der Tempel so wie er da war, eine positive Sache war. Erst in späterer Zeit wurde das vielleicht eine Frage. Es gibt im Lukasevangelium so eine kleine, seltsame Geschichte. Da kommt zu Petrus, der mit Jesus im Haus ist, ein Beamter, der die Tempel steuert, die die Drachme einziehen möchte. Und Petrus ist so ein bisschen in Erklärungsnot, als er gefragt wird, ja zahlt denn dein Meister die Drachme nicht?

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Und dann geht er zu Jesus und sagt, da steht einer vor der Tür und will die Drachme einsammeln. Was machen wir jetzt? Anscheinend war auch der Sparstrom gerade geleert worden, nichts mehr drin. Und man sagt Jesus, naja, damit wir nicht auffallen, gibst du ihm die Drachme und du gehst jetzt an den See, holst einen Fisch aus dem Wasser und wenn du den Fisch des Maul aufklappst, dann wirst du zwei Drachmen finden bzw. ein Geldstück, was zwei Drachmen wert ist und gibst ihm das. Das ist sozusagen aus späterer Zeit die Debatte, ob auch Christusgläubige noch die Tempelsteuer zahlen sollen. Wir müssen uns nochmal bewusst machen, das ist in einer Zeit um 90, wo die Debatten schon laufen, ob Menschen, die nicht jüdisch geboren sind,

42:09
tempelsteuerpflichtig sind oder nicht, da steht der Tempel nicht mehr, aber der römische Kaiser hat aus Rache für den jüdischen Aufstand beschlossen, dass die Drachme trotzdem eingesammelt wird und für einen Tempel in Rom verwendet wird. Das heißt für den römischen Staat war jeder, der jüdisch geboren war, steuerpflichtig. Das waren dann die Listen, die man hat. Und zu dieser Zeit verstanden sich also noch Jesusanhänger und Jesusanhängerinnen als so weit jüdisch, dass sie das zahlen mussten. Das war also noch nicht völlig auseinander und völlig klar. Das war jetzt ein bisschen eine Fußnote, aber vielleicht auch mal wichtig zu wissen. Das heißt, wir können eigentlich auch davon ausgehen, dass auch die eschatologischen Hoffnungen, also die Endzeithoffnungen der Christusgläubigen, auch weiter auf diesen Tempel konzentriert waren. Zu dieser frühen Zeit auf jeden Fall.

43:16
Ich wiederhole auch nochmal von gestern, Paulus ist der Ansicht, dass wir uns in der akuten Endzeit befinden. Die letzte Zeit vor dem jüngsten Tag ist angebrochen. Und jetzt ist für Paulus etwas zentral, was ein bisschen in den letzten Tagen noch nicht so ganz vielleicht wichtig wurde, aber es geht um den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist für Paulus aus meiner Sicht eins seiner zentralen, wichtigen theologischen Topoi. Der Heilige Geist kommt bei Paulus an ganz vielen verschiedenen Stellen vor und ist für ihn das äußerliche, auch äußerliche Zeichen, was man sehen und begreifen kann, dass wir in der Endzeit angekommen sind. Er interpretiert dann, und das passt schön zu Pfingsten, ein Wort von Joel. Joel 3,1 lesen wir zu Pfingsten immer. Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch.

44:15
Und eure Söhne und eure Töchter werden weiß sagen, eure Greise werden Träume haben, eure jungen Männer werden Gesichter sehen. Paulus selbst hatte eine so intensive religiöse Erfahrung auf dem Weg nach Damaskus, dass er zum Christusgläubigen wurde und alles hinter sich ließ, was er bis dahin so seine religiösen Netzwerke und so weiter, die er hatte. Heißt nicht, dass er seinen Glauben hinter sich ließ, aber er ist da rausgetreten aus diesem phariseischen Beamten. Und ist erst mal woanders hingegangen. Und es war wahrscheinlich nicht die einzige religiöse Erfahrung, die er hatte in seinem Leben. Wir kennen da noch einige andere Hinweise, also das zweite Korintherbrief zum Beispiel. Ich kenne einen Menschen, der in den dritten Himmel gegangen ist. Ich hoffe, Sie kennen die Stelle alle. Also ich bin der Meinung, dass Paulus ja so eine Art öfter religiöse Erfahrungen hatte.

45:17
Und über den Heiligen Geist auch religiöse Erfahrungen in seinen Gemeinden gesehen hat. Er befand sich in der Endzeit und sah den Heiligen Geist als Zeichen und das Wirken des Heiligen Geistes als Zeichen dieser Endzeit. Paulus hat dann versucht, das theologisch zu verpacken oder hat es auch schon vorgefunden, nämlich die Christusgläubigen haben in ihrer Taufe den Heiligen Geist vermittelt bekommen. Und zwar, sagt er, als vorausweisendes Befand ihrer endzeitlichen Existenz in der Nähe Gottes. Ich habe mich gestern ein bisschen auseinander, aus dem Fenster gelehnt mit dieser Engelexistenz. Aber das versuche ich heute auch noch mal zu sagen. Also diese Geist-Existenz und diese himmlische, engelartige Existenz, das ist sozusagen das, was Paulus im Menschen in der endzeitlichen Verwandlung sieht.

46:14
Wir können es halt nur noch nicht ganz sehen, aber es ist schon da, sozusagen in uns drin ist es schon verändert. Für Paulus ist der Heilige Geist also sichtbar und erfahrbar. Jetzt müssen Sie sich vorstellen, Gott wohnt in Ihnen, hat in Ihnen Wohnung genommen. Ich habe vorhin erzählt, wenn Sie zum Papst gehen, was Sie alles tun müssen. Jetzt stellen Sie sich vor, Gott ist in Ihnen drin. Was müssen Sie tun? Klar, Sie ziehen sich schön an, Sie waschen sich jeden Tag und so weiter. Auch das setzt Paulus voraus. Der Heilige Geist ist in Ihnen drin, Gott wohnt in Ihnen. Das müssen Sie sich mal vorstellen. Dann müssen Sie natürlich alles tun, um rein zu bleiben, um heilig zu bleiben, damit dieser Gott, der in Ihnen wohnt, sich wohlfühlt, in Ihnen wohnen bleiben kann. Spannenderweise haben wir auch gestern von Katy Ehrensberger und Peter Arzt-Kapner gehört, hatten ja auch Frauen eine bestimmte Rolle inne.

47:21
Und das ist auch eine gewisse Besonderheit, auch Frauen hatten den Heiligen Geist. Also Gott wohnt auch in den Frauen, obwohl die menschfuhieren. Hier gibt es also schon so eine leichte Verschiebung auch in theologischen Begrifflichkeiten. Und jetzt komme ich zu dem Galater-Wort, was jetzt in den letzten Tagen so oft schon zitiert worden ist, und lege noch meine Interpretation dazu. Wenn Paulus sagt, da ist nicht Jude, noch Grieche, nicht Sklave, noch Freier und so weiter, dann meint er dort aus meiner Sicht auch ein endzeitliches Geschehen. Wenn wir alle den Heiligen Geist haben, wir alle schon in himmlische Existenzen verwandelt sind, dann sind diese Unterschiede in uns drin sozusagen schon nivelliert.

48:16
Sie spielen in der Gemeinschaft und außen natürlich noch irgendwie eine Rolle, aber das hat sich schon sozusagen ein bisschen verändert. Denn in unserer Engelexistenz wird es keine Unterschiede mehr geben, da sind wir alle gleich. Das heißt, es gibt dann auch keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen mehr. Okay, jetzt komme ich zu den Texten, weil ich denke, dass es doch noch mal wichtig ist, die anzugucken. Falls Sie Lust haben, schlagen Sie es mit auf. Wir lesen zuerst 1. Korinther 3, 16 folgend. Er schreibt, Paulus, wisst ihr nicht, buk oederte, das sagt er immer, wenn er irgendwas voraussetzt, was er schon mal gesagt hat, wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt.

49:10
Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, man könnte auch sagen zerstört, wird ihn Gott verderben oder zerstören. Der Tempel Gottes ist nämlich heilig. Und jetzt kommt die schwierige Paulus-Stelle, grammatikalisch nicht so ganz einfach, welche ihr seid. Hier ist der Bezug immer nicht so ganz klar. Ihr seid der Tempel Gottes oder ihr seid ein Tempel Gottes. Ja, da könnte man jetzt sagen, ja, der Paulus nutzt ihr ein Bild, okay. Aber wir haben noch einen anderen Text. Blättern Sie einfach mal weiter zu Kapitel 6, Vers 19. Wisst ihr nicht oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt und der nicht euch selbst gehört.

50:15
Also beide Male wisst ihr nicht. Für Paulus völlig klar, dass die das natürlich wissen müssen. Rhetorische Frage. So was wie, wenn Sie ihren Kindern sagen, habe ich dir nicht gesagt, dass du das nicht machen sollst, und dann sagt das die, na klar. Paulus verweist in der ersten Stelle auf jeden Fall ganz direkt, ganz wörtlich auf das Einwohnen Gottes. Dieses Einwohnen Gottes ist später in der jüdischen Mystik weiterentwickelt worden zur sogenannten Schechina. Ich weiß nicht, ob vielleicht der ein oder andere das schon gehört hat. Die Einwohnung Gottes im Menschen. Das ist ganz plastisch. Gott ist in uns drin. Genauso wie Gott auf dem Tempel, auf dem Sinai, auf dem Zion im Tempel drin und drauf ist oder im Zelt der Begegnung. Genau das gleiche Wort.

51:22
Wichtig ist auch nochmal, dass hier nicht zuerst die Gemeinde als Ganzes angeguckt wird, sondern der Einzelne. Man kann das auch ein bisschen anders leuten, aber ich finde mit diesem Heutinus, welche ihr seid, ist schon die einzelne Person gemeint und euer Leib ist ja nicht der Leib der Gemeinde, sondern der persönliche, der eigene Körper. Das heißt natürlich trotzdem, dass dann die ganze gesamte Gemeinde im Blick ist, aber das erst im zweiten Schritt. Es gibt hier bei diesen Versen eine große Schule, die begann mit einem Schüler des Leipziger Judaisten, Lazar Gulkovic.

52:06
Lazar Gulkovic war selbst Jude. Und er hatte einen Schüler, Hans Wenschgewitz, der die These 1932 von der sogenannten Spiritualisierung der Kultmetaphorik beim Tempelworten des Paulus geprägt hat. Spiritualisierung, was meint das? Das heißt einfach, Paulus meint das hier nicht wörtlich. Aber gucken wir es uns doch nochmal an. Paulus verwendet Sprache, die für jeden antiken Menschen, egal ob jüdisch oder nicht jüdisch, sofort Reinheit, Tempel, Einwohnen Gottes aufruft, heilig. Und jeder in der Antike weiß, was man tun muss, wenn man zum Tempel geht. Es ist also nichts, was Paulus hier nur für jüdische Menschen schreibt, sondern für alle in der Gemeinde. Und was alle in der Gemeinde auch so verstehen würden, egal wie viel sie über Judentum wissen.

53:04
Das heißt, der Geist und die Gemeinde ersetzen in dieser Spiritualisierungsthese von Wenschgewitz dann alles, was den Tempel und den Tempeldienst ausgemacht hätte. Man kann das auch Substituierungs-, also Ersetzungsthese nennen. Der Tempel in Jerusalem, den brauchen wir nicht mehr, weil wir alles hier in der Gemeinde haben und das ist jetzt so, irgendwie der Geist ist in der Gemeinde und dann brauchen wir den Tempel in Jerusalem nicht mehr. Halte ich für keine gute These, wenn man Paulus jüdisch liest. Wenschgewitz hat das abgeleitet aus viel, viel späteren rabbinischen Quellen und hier gibt es eine kleine Warnung von mir. Immer wenn Sie irgendwas lesen, das steht dann später bei den Rabbinen. Vorsicht! Das sind Quellen, die teilweise aus dem Mittelalter stammen und Sie wissen, dass sich Zeiten ändern und dass sich auch sehr viel geändert hat über die Zeit 70 n. Chr., über die Zeit 135 n. Chr.

54:07
Bar Koch war Aufstand, danach durften die Juden nicht mal mehr nach Jerusalem gehen. Es gab keinen Tempel mehr und es gab kein Jerusalem mehr. Das heißt, man musste ganz, ganz viel ändern. Das können wir schlecht in die Frühzeit nach Paulus rückprojizieren, was davor war. Und auch noch eine weitere Warnung. Glauben Sie nicht allen Forschern und Forscherinnen, auch mir nicht. Ich habe neulich Texte übersetzt, die in diesen Zusammenhang gebracht wurden und wo gesagt wird, die Kumran-Gemeinde hätte sich auch als Tempel Gottes verstanden. Ja, man kann das Hebräisch, was dort steht, so verstehen, man kann es aber auch ganz anders übersetzen. Und man kann es so übersetzen, dass die Kumran-Gemeinde sich als Priester verstanden hat und trotzdem den Tempel in Jerusalem immer noch als zentrales Topos verstanden hat, auch wenn er korrumpiert wird aktuell.

55:10
Aber trotzdem ist dieser Tempel immer noch ein zentrales Topos gewesen, auch für die Kumran-Gemeinde. Und wenn man diese Texte anders übersetzt, dann löst sich diese ganze These ganze Luft auf. Wir haben also keine anderen Texte aus meiner Sicht, die irgendwie eine Parallele bieten dafür, dass Paulus hätte sagen können, dass seine Gemeinden den Tempel in Jerusalem ersetzen. Wenn wir keine Ersetzung haben und wenn das von Paulus alles vielleicht doch ganz ernst gemeint ist, dann können wir vielleicht auch nochmal in die antike Umwelt schauen, wie sonst so Menschen gedacht haben, dass Götter in ihnen sind. Jetzt habe ich Ihnen schon erzählt, ich habe über Visionen promoviert. Visionen hatte zum Beispiel auch das Orakel von Delphi, das kennen Sie hoffentlich alle. Die Pythia, und da wurde auch gedacht, dass sie den Apollon in sich trägt. Und aus ihr spricht dieser Geist, das Apoll.

56:17
Da gibt es dann immer noch so ein bisschen sexuelle Konnotationen, das lasse ich jetzt mal weg. Aber es gab auch noch ganz, ganz viele andere Beispiele. Das ist jetzt nur das berühmteste aus der Antike, wo ein Gott in eine Person sich begeben konnte und diese Person dann entweder mantisch irgendwelche Dinge sprechen konnte, prophetisch reden konnte. Wir kennen das von dem Geist Gottes aus unseren alttestamentlichen Propheten. Das ist also gar keine Vorstellung, die unglaublich weit weg ist. Im Eisenen kann ein Gott, eine Göttin sich bewegen und ist dann Hausherr über diesen Leib. So sagt das auch Paulus. Also dieses Bild vom Wohnen Gottes impliziert auch eine Hausherrschaft. Ihr gehört nicht mehr euch allein, ihr gehört Gott.

57:09
Wenn wir jetzt den Kontext dieser beiden Stellen lesen, dann wird 1. Korinther 3,16 folgende im Hinblick auf den Streit in der Gemeinde benutzt und den Zerfall in bestimmte Parteien. Und 1. Korinther 6,19 im Kontext der Ablehnung von Pornäer. Pornäer ist, finde ich, für mich immer schwierig zu übersetzen, aber auch das kam dieser Tage schon in Vorträgen immer mal vor. Und Pornäer ist tatsächlich auch so ein klassisches Topos in der frühjüdischen Literatur und gilt so als Abgrenzung, Identitätsmoment. Also wir sind in der sexuellen Variante besser als die anderen. Paulus übernimmt hier einfach frühjüdische No-Goes, die er vorgefunden hat.

58:08
Und Paulus spricht dann noch eine Warnung aus. Was passiert denn eigentlich, wenn ich dauerhaft unrein bin oder wenn schon Gott in mir gewohnt hat, wenn ich dann nicht mehr christusdäubig bin? Dann wird was Schlimmes passieren, nämlich Gott wird dich zerstören, verderben, habe ich auch übersetzt. Das Wort, was da steht, wird immer dann übersetzt, wenn es einen Krieg gegeben hat und die Landschaft unbewohnbar gemacht wird. Oder wenn sie Essen haben, was sie danach nicht mehr essen können, was verdorben ist. Das ist eine Zerstörung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann oder nur über ganz lange Sicht. Und es ist eine sehr, sehr krasse Formulierung, die Paulus hier verwendet. Und das ist auch im antiken Denken folgerichtig, denn einen Tempel zu zerstören, war im antiken Denken schon ein ziemlicher Frevel. Man konnte das natürlich auch benutzen, um zu sagen, wir sind mächtiger als ihr, wir konnten den Tempel eures Gottes zerstören. Aber an sich hat man das selten gemacht. Ich möchte mit Ihnen jetzt noch eine andere Stelle angucken, nämlich 2. Korinther 6,16, die auch diese Tempel mit der Folgen enthält.

59:23
Die Stellen im ersten Korintherbrief, die hätte noch jemand verstehen können, der nicht-jüdisch denkt. Jetzt kommt eine spannende Frage von Paulus, die jemand, der nicht-jüdisch denkt, hätte ihn komisch angeguckt. Nämlich, wie verträgt sich ein Tempel Gottes mit Götterbildern? Sie haben von mir gehört, in jedem normalen Tempel stand ein Götterbild. Also wie verträgt sich der Tempel Gottes mit Götterbildern? Da hätte jemand aus dem Paganenumfeld gesagt, na gut, doch nochmal. Aber auch hier ist es rhetorische Frage, aber der jüdische Tempel hatte kein Götterbild. Das ist also hier eine jüdische Frage, die Paulus stellt an jüdisch denkende Menschen in der korinthischen Gemeinde. Er will nämlich hören, natürlich gar nicht, das geht überhaupt nicht zusammen. Wir aber sind der Tempel Gottes, des Lebendigen.

60:17
Hier macht er so ein Ding auf, die Götterbilder, die sind alle tot, das ist nur Holz, das ist nur Stein, aber wir haben den lebendigen Gott. Deswegen brauchen wir auch keine Götterbilder, aber dieser lebendige Gott, der kann natürlich auch einwohnen in, wo auch immer, Menschen. Ich will unter ihn wohnen und wandeln, sagt Gott, und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Das ist jetzt ein Zitat. Und es ist kein richtiges Zitat, was man an einer Stelle findet, sondern was Paulus irgendwie so aus dem Kopf aus zwei Zitaten zusammensetzt. Ja, das klingt uns alle sehr, sehr jüdisch, deswegen streichen wir das einfach raus, das kann Paulus nicht gesagt haben. So hat die Exegese viele, viele Jahrzehnte lang funktioniert. Es kommt nämlich im Kontext, wenn Sie das mal noch ein bisschen nach oben lesen und nach unten lesen, noch weitere Elemente vor, die aus außerpaulinischen Schriften aber nicht von Paulus bekannt sind.

61:14
Nämlich die Söhne des Lichts und der Finsternis oder Belial als Titel für den Teufel. Das kommt auch alles in den Koranschriften vor und deswegen, ja, vielleicht hat Paulus dieses Stück von jemand anderem übernommen, hat Rudolf Bultmann gesagt. Aber selbst dann hätte es Paulus ja für wichtig empfunden. Oder es hat irgendein Abschreiber da hineingeschrieben. Hier nenne ich mal ein paar Namen, die haben Sie vielleicht auch alle im Schrank stehen. Joachim Knilker, Friedrich Lang, Hans-Jürgen Klaug, Günther Bornkamm. Dafür gibt es aber auf der Textebene, also in unserer Manuskriptebene, überhaupt keinen Hinweis, dass das irgendwie hier seckt und der reingekommen ist. Es gab sogar mal die These, die finde ich jetzt total abenteuerlich, dass hier ein Zettel der Gegner von Paulus in den Text geraten sei.

62:12
Also wir haben so einen Klebezettel gemacht, da haben wir drauf geschrieben, was die Gegner sagen und das ist dann aus Versehen mit abgeschrieben worden. Was ich damit sagen will, wir müssen uns immer fragen, wie jüdisch darf unser Paulus sein? Wie jüdisch lassen wir ihn für uns gelten? Und kann man einfach aus einem Text herausschneiden, was uns nicht passt, nur weil wir uns Paulus als alten weißen Mann vorstellen, der an seinem Schreibtisch sitzt und die Gedanken aufschreibt, die komplizierten, nur damit er so ist wie wir. Also vielleicht nicht wie ich, aber vielleicht wie die älteren Professoren. Ich übertreibe jetzt, aber das ist oft eine Frage, wenn wir neutestamentische Texte interpretieren, wie sehr stecken wir selbst eigentlich in unserer Interpretation? Was wollen wir, was im Text steht? Ich habe für meine Studenten dann immer dieses Bild der Brille. Wir haben alle eine Brille, mit der wir kommen.

63:08
Und diese Brille kriegen wir auch nie ganz abgenommen, weil dann werden wir vielleicht kurzsichtig und können gar nichts mehr lesen. Aber wir müssen doch versuchen, diese Brille wenigstens so zu putzen und so zu verbiegen, dass wir ganz viel, vielleicht so viel wie möglich von diesem originalen Text sehen können und nicht nur uns selbst. Wir arbeiten heute, die meisten von uns Exegetinnen und Exegeten, arbeiten heute Gott sei Dank anders. Und wir versuchen den Text so zu lassen wie er ist. Wir streichen nichts raus, sondern wir lesen ihn so wie er ist. Und wir haben das Ganze rumgedreht. Wir wollen nicht mehr begründen, warum wir den Text rausstreichen, sondern wenn wir Probleme haben mit dem Text, dann müssen wir begründen, warum er drinsteht. Das finde ich auch viel besser. Aber solche Argumente müssen wir bei Paulus gar nicht finden, warum dieser Text hier drinsteht. Es ist einfach frühjüdisches Denken aus meiner Sicht, was super gut anknüpfungsfähig ist an andere.

64:09
Okay, jetzt habe ich natürlich einen langen Exkurs auch zu Hermeneutik gemacht, aber wichtig ist, dass dieses Vokabular, was Paulus ja auch benutzt, noch aus der Thora stammt. Dort gibt es nämlich auch das Verbot, dann zwei unterschiedliche Tiere gemeinsam anzuspannen. Also die gemeinte Mitglieder sollen sich nicht mischen mit den Ungläubigen, kommt dann später im Verlauf des Textes. Wer sind denn die Ungläubigen? Ja, da hat man auch wieder gesagt, die Ungläubigen, das sind Paulus Gegner aus Galazien. Hä? Okay, da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen, aber man kann das ja mal durchdenken. Die Ungläubigen, wenn man alle Stellen von Paulus durchguckt, wo die Ungläubigen drinstehen, dann sind das immer die Paganen, nicht-jüdischen, nicht-christusgläubigen Menschen. Also Paulus sagt, ihr zerrt euch gegenseitig vor die Gerichte der Paganen, der Ungläubigen. Das sollt ihr nicht machen.

65:08
Es ist also eine Frage, die Paulus hier stellt oder die Paulus aufmacht. Ihr sollt euch nicht mit Ungläubigen, nicht mit Paganen Menschen mischen. Und auf das ist hier schon vorgekommen, das gibt es auch an anderen Stellen. Paulus sagt, entfernt euch aus diesen ganzen Netzwerken, geht raus aus irgendwelchen anderen Kulten, das ist Götzendienst. Ihr könnt euch nicht mit den anderen zusammen in einem Kultkontext mischen. Und Paulus hat es nicht erfunden, das galt schon für Diaspora-Jüdinnen und Diaspora-Juden auch insgesamt. Aber er macht das hier nochmal deutlich. Aber für wen macht das deutlich? Er macht das ja nicht für Diaspora-Juden und Jüdinnen deutlich, sondern für seine Gemeinde, wo auch Menschen drin sind, die nicht-jüdisch sind. Ja, wenn wir jetzt sehen, Paulus sagt, mischt euch nicht mit Ungläubigen. Paulus sagt, ihr seid ein Tempel Gottes, der Heilige Geist wohnt in euch, heiligt euch.

66:15
Und dieses Heiligen, was er da benutzt, reinigt euch, ist genau das Heiligen, was verwendet wird, wenn man sich vorbereitet, um in den Tempel zu gehen. Tja, es scheint jetzt so gewesen zu sein, und das ist natürlich völlig logisch, dass es in Korinth Menschen gab, die diesen krassen Ansprüchen nicht genügt haben. Stellen Sie sich einfach vor, Sie haben einen Laden in Korinth. Da sind Sie natürlich nicht alleine und verkaufen Ihre Sachen, sondern da gibt es Menschen, wo Sie netzwerken müssen. Es gibt an jeder Stelle, wo Sie sich irgendwie bewegen, irgendwelche Götzenbilder. Sie können da ganz schwierig rausgehen, das ist ein riesengroßer Schritt. Dann habe ich gestern auch erzählt von der Verfolgung, von der Judenverfolgung, Judenhass war ein großes Thema zu der Zeit.

67:08
Also rauszugehen, aus diesen ganzen Kontexten, sich dem auszusetzen, war ein riesengroßer Schritt. Und es war auch ein riesengroßer Schritt für Menschen aus diesem Pagan-Denken zu kommen und dann in eine monotheistische Religion reinzugehen. Sie konnten nicht mehr an Symposium teilnehmen, auch wichtig für Netzwerke. Sie waren vielleicht vorher eingeweihte Mysten, auch dort konnten Sie nicht mehr teilnehmen. Sie konnten nicht mehr an Pagan-Prozessionen teilnehmen, auch das war vielleicht notwendig, um in Ihrem antiken Netzwerk zu funktionieren. Sie konnten nicht mehr für politische Ämter kandidieren, Sie konnten nicht mehr für den Erfolg Ihres eigenen Geschäfts sorgen, bei allem kam man nämlich um religiöse Handlungen nicht herum. Paulus verlangt hier absolutes Commitment für seine Gemeinden. Und dieses Commitment basiert aber darauf, dass es sozusagen ein neues Netzwerk, eine neue Familie, ein neues Umfeld gibt, die die Gemeinden selber stellen.

68:21
Er hatte aber, das muss ich auch noch dazu sagen, private Einladungen waren noch okay. In 1. Korinther 10 sagt er, wenn ihr privat eingeladen werdet, dann geht dahin. Jetzt kommen wir noch zur 2. Korinther 7,1, das ist so ein bisschen das Ende dieses Abschnitts, was ich schon besprochen habe mit Ihnen. Da wir nun diese Zusagen Gottes haben, schreibt Paulus da, Geliebte, wollen wir uns reinigen, Sie hören, von jeder Befleckung von Fleisch und Geist, vollendend die Heiligkeit in der Furcht Gottes. Ich übersetze das mal. Führt alle möglichen Reinigungsrieten durch, um euch von Sünder an Fleisch außen und innen zu reinigen, damit ihr in einem Reinheitszustand seid, der euch einen Tempelbesuch ermöglichen würde.

69:25
In Gottes Furcht. Ich weiß nicht, ob Sie diese Texte schon mal so gelesen haben, aber ich finde, dass es einen ganz schönen hohen Anspruch den Paulus hier auch an seine Mitbürger und Mit-Christus-Gläubige gibt. Reinigungsrituale waren für fromme jüdische Menschen wie Paulus selbst einer war, also für Pharisäer natürlich in der Tagesordnung, Alltag, habe ich vorhin schon erzählt, aber für jeden antiken Menschen war das nicht normal. Er sagt dieses Ideal jetzt auch den Korinthern, ihr müsst das genauso machen.

70:16
Konnten die Christusgläubigen ihr Ideal von der Gemeinschaft mit Gott eigentlich nur im Gottesdienst leben oder sagt Paulus hier, das hat auch Auswirkungen auf euren Alltag. Ihr müsst immer so sein, nicht nur wenn ihr zum Gottesdienst kommt, nicht nur wenn wir abend mal feiern, sondern immer. Es würde zu Paulus und seiner pharisäischen Richtung passen auf jeden Fall. Paulus kennt natürlich noch andere Ideen von Gemeinde, also Sie kennen das alle mit dem Leib, das ist ja ein beliebtes Motiv auch in den Predigten, oder die Pflanzung Gottes, auch das ist alles kompatibel mit diesen Reinheitsorten und Reinheitsvorstellungen. Was meint Paulus dann für uns heute? Sie merken, ich bin so ein bisschen auch im Zwiespalt und habe mich jetzt ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Paulus das alles nicht wörtlich gemeint haben könnte.

71:16
Das hätte Paulus auch anders verpacken können. Ihr sündigt mal nicht, das ist blöd oder so, also er hätte das vielleicht schöner machen können, aber er verpackt das in kultische, in Reinheitssprache, weil seine Begründung ist, Gott wohnt in euch, in der Gemeinde, in euch, in jedem Leib, der ihr seid. Und deswegen habt ihr euch reinzuhalten, ihr habt euch an bestimmte Reinigungsriten zu halten, vielleicht auch einen Teil der Halacha, also der weiteren Reinheitsgebote. Es wäre möglich, und das ist aber auch wieder eine spätere Sicht, dass alles, was diese Jakobusregeln angeht, die stammen ja auch nicht aus dem Nichts, also was beim Apostelkonvent sozusagen rauskam, was die nicht-jüdischen Personen auch machen sollen, nämlich sich fernhalten von Blut, ersticktem, ich weiß gar nicht, Tote und so weiter. Das steht ja alles schon in Leviticus, das ist nichts Neues, als Regel für Israeliten und Nicht-Israeliten, die unter den Israeliten wohnen.

72:22
Paulus hätte das also locker übertragen können und sagen können, ja, das sind die normalen Regeln, die wir haben, wir gehören jetzt alle irgendwie zusammen zu Israel, zu Christus, und jetzt brauchen alle die gleichen Regeln, weil das sind ja Regeln, die Gott aufgestellt hat. Wenn der Geist in euch ist, dann müsst ihr bestimmte Regeln beachten. Vielleicht dann doch nicht die Reinheitsregeln, wenn wir uns nicht so weit aus dem Fenster lehnen wollen, aber zumindest ein hohes moralisches Ideal, was hier rüberkommt. Und ein sehr, sehr großes Commitment. Ich wurde gestern gefragt, ja, was lassen wir eigentlich zurück? Das können wir uns selber mal fragen. Was lassen wir eigentlich zurück? Was ist unser Commitment?

73:06
Paulus redet dann noch an anderer Stelle die Gaben, die Gott ihm und ihr gegeben hat, in der Gemeinde zu nutzen und als Opfer und Dienst an Gott zu verstehen. Also alles, was wir können, wir können gut mit Geld umgehen, wir können gut sprechen, wir können heilen und so weiter. Alle Geistesgaben, alle Gaben, die wir haben, die sollen wir als Opfer verstehen für Gott. Der Einzelne ist dann mit einem Tempel von Gott vergleichbar, aber er ist natürlich nicht der Tempel in Jerusalem. Der Tempel in Jerusalem, der spielt ja natürlich immer noch eine Rolle. Der ist ja deswegen nicht weg, nur weil Gott auch in uns wohnen kann. Der Kult in Jerusalem steht für den Paulus überhaupt nicht außer Frage. Das kennen wir zum Beispiel auch aus dem Brömerbrief 1.10 und so. Also das ist völlig, völlig komisch zu sagen, dass das keine Rolle mehr spielen würde.

74:12
Und er verwendet diese Tempeltheologie ja auch in einer positiven Art und Weise für die Korinther. Der sagt nicht, das ist alles doof und ihr müsst euch deshalb so verhalten, sondern er sagt, es ist gut, verhaltet euch so. Und er fordert auch nirgends, dass die Opfer aufhören sollen. Also er fordert nirgends, hört auf, dir die Drachme zu geben, hört auf zu opfern, weil das wäre irgendwas doof. Nein, er sagt sogar, die Opfer, die ihr hier in eurer Gemeinde geben könnt, das sind eure Gaben. Aber er sagt nicht, hört auf zu opfern im Tempel in Jerusalem. Deswegen ist der Titel dieses Vortrags eigentlich falsch, denn die Kirche, die es sowieso noch nicht gab, aber die Versammlung, die ist auch bei Paulus kein neuer Tempel. Sie ist ein Tempel Gottes.

75:04
Und für einen nicht-jüdischen Menschen, ich sage das nochmal deutlich, heißt das, alle Freundschaften, vielleicht seine Großfamilie, seine Netzwerke zu verlassen, manchmal den Beruf aufzugeben und auf besondere Art und Weise zu leben und damit auch eben dieser Judenfeindlichkeit und dem Druck des Paganen-Umfelds ausgesetzt zu sein. Und es kann gut sein, dass nicht alle diesem Druck gewachsen waren. Und auch deswegen Paulus das nochmal thematisiert. Es gab dann schon recht früh im zweiten Jahrhundert Stimmen, die all diese Stellen für komisch gehalten haben und die sogar alles Jüdische in unserer jungen christusgläubigen Bewegung abgelehnt haben. Wir kennen Markion, das war ein Mann in Rom, der versucht hat, ein nicht-jüdisches Evangelium zu schreiben und alle möglichen Schriften rausgestrichen hat. Es gab zum Beispiel den Autor des Diognetbriefes, den wir den apostolischen Vätern überliefert haben, der einen sehr, sehr antisemitischen Brief schreibt.

76:13
Und wir müssen tatsächlich heute Spuren von christusgläubigen, die jüdische Feste feierten, sich an Reinheitsgebote hielten, ein bisschen suchen. Aber wir finden sie bis weit ins dritte Jahrhundert hinein. Es gibt eine syrische Kirchenordnung zum Beispiel, wo das ganz klar der Fall ist. Aber selbst dort kann ich in Kommentaren eine nicht-jüdische Interpretation lesen. Auch hier müssen wir immer wieder vorsichtig sein. Mit den Kommentaren, die wir lesen, mit den Büchern der Sekundärliteratur, die wir haben, die ist oft noch viel länger vom Antisemitismus des beginnenden 20. Jahrhunderts beeinflusst, als wir uns das vorstellen.

77:04
Also seien Sie vorsichtig, wenn Sie das Theologische Wörterbuch des Neuen Testaments in die Hand nehmen sollten oder auch andere Lexika. Lesen Sie das immer kritisch, alles, was da übers Judentum steht. Ja, was macht das jetzt mit uns? Ich habe da für mich auch noch keine Lösung gefunden. Denn so zu leben, dass ich jeden Tag heilig und rein bin, das ist schon eine Aufgabe. Schaffe ich auch nicht. Wir müssen also diese Paulus-Worte für uns auch in irgendeiner Form übersetzen. Wie können wir so leben, dass der Heilige Geist in uns wohnen kann? Wie können wir es Gott bequem machen? Wie können wir ein schönes Haus schaffen? Und Paulus hat da natürlich auch Möglichkeiten, nämlich streitet euch nicht. Und wenn ihr euch streitet, dann versucht das untereinander auszutragen und nicht vor irgendwelchen Gerichten. Liebe, das ist das zentrale Moment, was wir gestern auch gehört haben in den Gemeinden. Das ist die Möglichkeit, mit der ich meinem Nächsten gegenübertreten kann, um es Gott in meinem Haus schön zu machen.

78:19
Wieder steht euren Gelüsten, sagt Paulus. Das können Sie jetzt für sich selber umsetzen, wie Sie das brauchen. Ja, und es ist an uns auch, dieses jüdische Erbe, was wir von Paulus haben, natürlich zu suchen, habe ich gerade schon gesagt, auch zu respektieren und in verantwortungsvoller Art und Weise mit unseren jüdischen Geschwistern umzugehen und deren religiöser Kultur. So achten wir auf jeden Fall das Erbe von Paulus.

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Paulus und die Kirche als neuer Tempel: Heilige Gemeinschaft und Gottes Gegenwart | 15.8.1

Worthaus 13 – Tübingen: 10. Juni 2025 von Dr. Nicole Oesterreich

Als Gott noch mitten unter den Israeliten wohnte, in einem Zelt, später in einem imposanten Tempel, der in der ganzen damaligen Welt berühmt war, da war alles noch einfach: In Gottes Gegenwart wurden Opfer dargebracht, Steuern gezahlt, Testamente und andere offizielle Dokumente aufgesetzt, und darum, dass alles rund lief, dass Gott sich im Tempel wohl fühlte und alle Gläubigen sich an die Regeln hielten, darum kümmerten sich einige Auserwählte. Doch dann zerstörten die Römer den Tempel und nahmen den Juden ihren religiösen, politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt.
Was blieb war die Hoffnung auf einen neuen Tempel. Für die Juden.
Paulus aber brachte den christlichen Glauben auch zu Nicht-Juden. Für sie ging es nicht mehr um einen Tempel, den man betreten konnte. Der Tempel sollten sie jetzt selber sein, forderte Paulus. Und verlangte damit eine absolute Hingabe, die damals manche Gläubige die wirtschaftliche Existenz kosten konnte. Und heute? Würden wir heute schaffen, was Paulus von den ersten Christen verlangt hat?