Dieser heutige Vortrag gilt dem Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn, und zwar dem zweiten Teil. Ich konzentriere mich also auf den älteren Sohn. Lange Zeit in der Gleichnisauslegung hat man den Schwerpunkt auf den ersten Teil gelegt, auf den jüngeren Sohn, und den zweiten Teil manchmal fast wie nur einen Anhang behandelt. Nach dem Motto, der Anhang könnte auch wegfallen, dann wäre der erste Teil immer noch das schönste Gleichnis Jesu. Diese Großwetterlage in der Exegese hat sich in
den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt. Heute sagt die Mehrzahl der Fachleute, der zweite Teil des Gleichnisses mit dem älteren Sohn ist der Höhepunkt. Und das glaube ich persönlich auch. Martin Hühnerhoff wird für diejenigen, die nicht so bibelkundig sind, das ganze Gleichnis einmal vorlesen und dann den zweiten Teil, ab Vers 25, der den älteren Sohn betrifft, noch einmal Schritt für Schritt vorlesen. Bitte, Martin. Ein Mensch hatte zwei Söhne und der jüngere von ihnen sagte zum Vater, Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zusteht. Da teilte er alles, was er hatte,
unter ihnen auf. Wenige Tage danach machte der jüngere Sohn alles zu Geld und zog in ein fernes Land. Dort lebte er in Saus und Braus und verschleuderte sein Vermögen. Als er aber alles aufgebraucht hatte, kam eine schwere Hungersnot über jenes Land und er geriet in Not. Da ging er und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes, der schickte ihn auf seine Felder, die Schweine zu hüten. Und er wäre zufrieden gewesen, sich den Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen. Doch niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte, wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot in Hülle und Fülle. Ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will mich aufmachen
und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen, Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Stelle mich ein wie einen deiner Tagelöhner. Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Er war noch weit weg, da sah ihn sein Vater schon und er wurde vom Erbarmen erfasst. Und er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sagte zu ihm, Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Da sagte der Vater zu seinen Knechten, schnell, bring das beste Gewand und zieht es ihm an und gibt ihm den Ring an die Hand und Schuhe für
die Füße, holt das Mastkalb, schlachtet es und wir wollen feiern und uns freuen, denn dieser, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an zu feiern. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Und er rief einen von den Knechten herbei und erkundigte sich, was das sei. Der sagte zu ihm, dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und bat ihn, er aber entgegnete seinem Vater, so viele Jahre diene ich
dir nun und nie habe ich eine Anordnung von dir übertreten. Doch mir hast du nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, dass ich mit meinen Freunden hätte feiern können. Aber nun, da dein Sohn heimgekommen ist, der dein Vermögen mit Huren verprasst hat, hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater aber sagte zu ihm, Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist dein. Man musste doch feiern und sich freuen, denn dieser, dein Bruder, war tot und ist lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Danke für diese Lektüre und jetzt konzentriere ich mich ganz auf die zweite Hälfte. Die beginnt bei Vers 25 mit dem Satz, der ältere Sohn aber
war auf dem Feld. Und fangen wir mit dem Satz an. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Nur mal diesen allerersten Satz, weil schon dieser erste Satz ist auch sehr bewusst so formuliert. Das Stichwort Feld sagt viel aus über den älteren Sohn. Das Feld ist der Arbeitsplatz des Bauernhofs, der ältere Sohn ist ein Arbeiter, er versteht sich stark von der Arbeit her und in Agrargesellschaften ist es das Allerwichtigste bei den Söhnen, dass du fleißige Söhne hast. Wenn du Pech hast und du hast einen faulen, verwöhnten Sohn, nannte man filius prodigus, der missratene Sohn. Da kannst
du nicht mehr viel machen. Wenn du dann Pech hast und einer deiner Söhne ist missraten, da hilft nicht mehr viel. Du kannst den nicht mehr umbiegen. Es helfen nur noch härteste Gegenmaßnahmen, um den Schaden zu begrenzen. Aber der ältere Sohn war kein filius prodigus, kein missratener Sohn, sondern ein fleißiger Sohn, der typischerweise auf dem Feld ist. Und jetzt ist interessant, der jüngere Sohn kam ja wieder zum Haus zurück von außen, der ältere Sohn auch. Lies mal den nächsten ein oder zwei Sätze. Und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Und er rief ein von den Knechten herbei. Danke, soweit mal. Als er sich dem Haus näherte, der jüngere Sohn hat sich da auch mal
dem Haus genähert und der ältere auch. Und da hörte er Musik und Tanz. Das erstaunt den natürlich. Man feiert auf dem Land nicht einfach. Da muss was Besonderes sein. Er fragte also den Knecht, was das sei. Dass er Musik hörte, das leuchtet jedem ein. Aber wie hört man eigentlich einen Tanz? Ja, man hörte vor allem den Tanz. Denn die orientalischen Tänze waren von den Männern her gesehen ein Stapfen mit dem Fuß mit aller Kraft auf den Bretterboden. Und das hört man sehr weit. Also Tanz besteht im Stapfen mit dem Fuß in aller Kraft. Und jetzt ruft er einen Knecht herbei. Was ist da los? Und was antwortet der Knecht? Der sagte zu ihm, dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat
das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Soweit mal. Das antwortet der Knecht. Wir haben hier so ganz nebenbei eine hochinteressante Beobachtungsmöglichkeit. Denn dieser unbekannte Knecht hat ja eine völlige Nebenrolle. Er soll ja nur eine gewisse Information weitergeben. Aber ich sage euch, schon da kann sehr viel passieren, wie man eine Information einfach so, wenn es so einfach wäre, ergibt ja nur eine Information weiter. Zunächst mal muss ich sagen, zeigt der Knecht eine gewisse Empathie. Denn er sagt, dein Bruder ist zurückgekommen und dein
Vater hat das Mastkalb geschlachtet und jetzt gibt er ihm eine gewisse Hilfe, weil er ihn gesund wieder hat. Er will da mit dem älteren Bruder ein Stück weit entgegenkommen und sagen, weißt du, und da hat sich natürlich dein Vater riesig gefreut. Also das finde ich irgendwie ganz gut. Aber dieser Knecht, ohne zu merken, was er tut, lässt auch etwas noch Wichtigeres weg. Da hat der Knecht einen Blindenfleck. Der Knecht sagt nämlich nicht, weißt du, und dein Bruder hat ein Schuldbekenntnis abgelegt. Er hat gesagt, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Stellt euch mal vor, dieser Knecht hätte das
auch gesagt. Das hätte ziemlich sicher doch einen Eindruck auf den älteren Sohn gemacht und ihn ein Stück weit besänftigt. Aber obwohl er die Empathie hat zu sagen, dein Vater, weil er ihn gesund wieder hat, hat sich riesig gefreut, hat er gleichzeitig auch einen Blindenfleck, obwohl er da sicher nicht bösartig sein wollte. Er wollte dem Frieden sicher nicht schaden. Aber so ganz nebenbei können wir hier mal lernen, eine Information weiterzugeben. Das ist gar nicht so einfach. Einerseits macht er es gut, andererseits kommt er gar nicht auf die Idee, dass dieses Schuldbekenntnis noch viel wichtiger wäre, weil das würde eine Brücke bauen zum älteren Sohn.
Nein, auf die Idee kommt er nicht, obwohl er sicher unschuldig ist. Er macht es sicher nicht absichtlich. Aber er hat hier einen Blindenfleck. Da wurde der ältere Sohn zornig und wollte nicht hineingehen zum Fest. Lies mal an der Stelle weiter. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und bat ihn. Ja, also bleiben wir mal, machen Sie in kurzen Schritten. Sein Vater aber kam heraus. Also der Vater kommt dem jüngeren Sohn entgegen, aber er kommt auch dem älteren Sohn entgegen. Wenn man selber der Gastgeber ist, verlässt man nicht gerne eine größere Feierhunde. Man möchte ja zur Verfügung stehen für alle Kontakte, die sich jetzt vielleicht ergeben. Also der Gastgeber verlässt eine Feierrunde,
zu der er selber eingeladen hat, nicht gern. Aber der Vater verlässt die Feierrunde und kommt heraus zu dem älteren Sohn und bat ihn. Also nichts mit Genörgel. Er wollte den älteren Sohn gewinnen. Und jetzt kommt die Rede des älteren Sohnes. Er aber entgegnete seinem Vater. So viele Jahre diene ich dir nun und nie habe ich eine Anordnung von dir übertreten. Doch mir hast du nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, dass ich mit meinen Freunden hätte feiern können. Aber nun, da dein Sohn heimgekommen ist, der dein Vermögen mit Huren verprasst hat, hast du für ihn das Mastkalb
geschlachtet. Ja, der ältere Sohn greift jetzt den Vater ziemlich energisch an. Man muss ihm zugestehen, es geht ihm nicht um primitives Beleidigtsein. Es geht dem älteren Sohn um Gerechtigkeit. Er wirft dem Vater vor, du warst sehr ungerecht mir gegenüber. Denn ich bin so viele Jahre bei dir und diene dir und deine Anordnungen habe ich eigentlich immer befolgt, das sollten wir ihm auch glauben. Und doch hast du mir nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, dass ich mit meinen Freunden hätte ein Fest feiern können. Aber jetzt, wo dein Sohn, er sagt nicht mein Bruder, es ist ja dein Sohn, jetzt wo dein Sohn heimkommt, der sein Geld mit den Huren verprasst
hat, man fragt sich, woher will er denn das wissen? Der Punkt wird nicht geklärt, aber er liegt ziemlich auf der Hand. Man kann es sich wohl denken. Wenn damals ein jüngerer Sohn ausbezahlt wurde und in die Fremde ging und dann bald als Gescheiter zurückkam, da werden wohl viele Zuhörer und später viele Leser angenommen haben, der hatte doch eine Zeit lang viel Geld und jetzt ist schon alles weg, der hat es sicher mit den Huren durchgebracht. Das wird ein guter Teil der Hörer und Leser angenommen haben. Und diese Annahme legt Jesus in den Mund des älteren Bruders, ohne das jetzt ganz genau zu begründen. Dann ist aber auch interessant, jetzt wird der Vater zum ersten Mal kritisch angegriffen.
Das gibt es im ersten Teil gar nicht. Aber der ältere Bruder lässt jede Anrede weg. Er sagt nicht wie der jüngere Bruder immer, Vater, ich habe gesündigt vor dir. Er sagt immer zuerst, Vater. Auch ganz am Anfang sagt er, Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zusteht. Und damit ist für einen Kenner sofort klar, diese Rede ist höflich. Denn er benutzt eine Anrede, Vater. Aber der ältere Sohn benutzt keine Anrede. So viele Jahre diene ich dir. Und es geht ihm um Gerechtigkeit. Das können wir auch verstehen. Mir hast du nie auch nur einen Ziegenbock gegeben. Jetzt wird es aber aufschlussreich, wie der Vater antwortet. Der ältere Sohn bringt den Vater jetzt
in eine angegriffene Lage, wo es hoch interessant wird, wie der Vater antwortet. Der Vater benutzt eine Anrede, Kind. Und das zeigt, der Vater bleibt herzlich. Er lässt sich von dieser, wenn man so will, frechen Rede des älteren Sohnes nicht anstecken. Und jetzt sagt der Vater drei Sätze und dann ist das Gleichnis zu Ende. Aber diese drei Sätze, in denen steckt die Qualität dieses Gleichnisses. Also der Vater verwendet eine Anrede, eine herzliche Anrede, Kind. Erster Satz heißt, du warst immer bei mir. Was drückt dieser Satz aus, kann man sich ungefähr denken. Älterer Sohn,
du warst immer bei mir. Du hast nie im Freien übernachten müssen. Du hast immer gewusst, wo dein Bett steht. Es war immer dein vertrautes Bett. Die Geborgenheit und Sicherheit eines Bauernhofes hast du immer selbstverständlich gehabt. Der jüngere Sohn hat sicher oft nicht gewusst, wo er heute sein Bett hat. Und er wusste sicher auch oft nicht, wie es morgen weitergeht. Und dann kommt der zweite Satz, der mittlere Satz. Dieser Satz ist eine Bombe. Er ist eine Leuchtrakete voller Glanz und Licht. Der Vater sagt jetzt einen Satz, mit dem der ältere Sohn bestimmt nicht gerechnet hat. Er sagt nämlich, und alles, was mein ist, ist dein. Diesen Satz,
der eine Leuchtrakete ist, auf diese relativ energische, um nicht zu sagen freche Rede des älteren Sohnes bringt der Vater jetzt eine eindeutige, umfassende Zusage. Er will ihn gewinnen. Und wir können davon ausgehen, dass Jesus der Meinung war, diese Zusage, was mein ist, ist doch alles auch dein, kann ihn am ehesten noch gewinnen. Denn diese Zusage besagt, du hättest jeden Monat dir einen Ziegenbock nehmen können, hättest mich gar nicht fragen müssen, du hättest das Mastkalb schlachten können, denn alles, was mein ist, ist auch dein.
Jeder Ziegenbock, der hier herumläuft, ist dein Ziegenbock. Du bist doch gar kein Lohnarbeiter, dem ich jetzt zu wenig gebe. Du bist doch mein Partner. Wir haben Gütergemeinschaft. Es ist nicht so, dass ich als Vater da oben bin und ihr zwei Söhne seid die Lohnempfänger da unten. Und ich muss aufpassen, dass ich euch genau gleich viel gebe wegen der justitia distributiva, wegen der verteilenden Gerechtigkeit. Nein, das ist doch bei uns gar nicht der Fall. Du, älterer Sohn, bist mit mir da oben und wir beide beschenken den jüngeren Sohn. Wir haben Gütergemeinschaft. Du bist doch gar kein Lohnempfänger von mir. Du bist mein Partner. Und ich hätte nichts dagegen gehabt,
dass du jeden Monat einen Ziegenbock nimmst. Du hättest mich gar nicht fragen müssen. Das ist eine erstaunliche Wendung. Der Vater denkt höher vom älteren Sohn als der ältere Sohn selbst. Der Vater erhöht den älteren Sohn, aber er demütigt ihn nicht. Er erhöht ihn. Er zeigt ihm eine ganz neue Perspektive. Also dieser Satz, was mein ist, ist auch dein. Dieser erstaunliche Satz, den wir heute noch nicht genau interpretieren können. Niemand kann das, denn das antike jüdische Erbrecht ist bis heute nicht so genau bis in jedes Detail erforscht, dass wir diesen Satz genau
verstehen können. Wenn wir fragen, was meint denn der Vater mit diesem Satz, dass das eine Leuchtrakete ist, das ist klar. Aber was meint der genau damit? Müssen wir bekennen, das wissen wir auch nicht. Denn das jüdische Erbrecht ist nicht in jeder Hinsicht geklärt. Aber wichtig ist, dass es hier nicht um eine Testamentsvollstreckung geht. Der Vater sagt nicht, alles, was mein ist, das wirst du doch der mal einst erben. Das meint er nicht. Es geht hier gar nicht um das Erbteil. Der jüngere Sohn sagt auch genau übersetzt, hier schlampern leider schon die Mehrzahl der Bibelübersetzungen. Man muss hier sehr genau übersetzen. Der jüngere Sohn sagt nicht, Vater, gib mir den Teil des Erbes, das mir zusteht. Das sagt er gar nicht. Er sagt,
Vater, gib mir den Teil des Vermögens, das mir zusteht. Das ist nicht das Gleiche. Und dann übersetzen im nächsten Satz manche Bibelübersetzungen, da teilte der Vater sein Erbe unter den beiden Söhnen auf. Falsch. Da teilte der Vater das Vermögen unter die beiden Söhne auf. Das Wort Testament kommt hier im ganzen Gleichnis nicht vor. Es geht hier nicht um eine Testamentsvollstreckung, die man natürlich erst vollziehen kann, wenn der Tod ist, der das Testament aufgesetzt hat. Aber darum geht es hier gar nicht. Also alle, die sagen, der jüngere Sohn ist eigentlich unverschämt. Nein, er sagt ja, Vater, gib mir das Teil am Vermögen, das mir zusteht. Er sagt nicht, gib mir
jetzt schon das Erbe, obwohl du noch lebst. Wenn das eine Ungeheuerlichkeit gewesen wäre, dann hätte der Vater als Hausherr sagen müssen, Burschle, ich glaube, du hast einen Vogel. Da hätte er doch nicht mitmachen können. Der Vater ist ja ein Erfüller, dann eine Hilfe zur Sünde. Und dann teilte er einfach beides aus. Nein, da hätte der Vater sich wehren müssen, sonst wird er ja Mitteilhaber am Unrecht. Gut, also alles, was mein ist, ist dein. Ein geheimnisvoller Satz, aber eine Leuchttrakete. Ich bleibe mal bei diesem Satz, kann man sagen, für den Rest des Vortrags stehen. Weil dieser Satz verdient es, mit größter Aufmerksamkeit beschenkt zu werden. Sonst kannst
das Gleichnis weitgehend den Hasen geben. Dieser Satz ist entscheidend. Und hat er den älteren Sohn gewonnen? Das wissen wir nicht. Das Gleichnis hat sehr bewusst einen offenen Schluss. Und der offene Schluss heißt, Leser, überlege dir selber, wärst du jetzt anstelle des älteren Sohnes in die Feiergesellschaft hineingegangen oder nicht? Was hättest du gemacht? Das bewirkt dieser offene Schluss. Ich will am Ende meines Vortrags auch etwas zum ersten Mal tun. Ich will dieses Gleichnis zu Ende erzählen. Rein aus meiner Fantasie. Ich lasse den Vater noch weiterreden und erzähle dann, was
draus sich entwickelt. Also ich greife die Gelegenheit, offener Schluss, also denk dir deinen eigenen Schluss aus, habe ich gemacht und den erzähle ich euch dann am Ende. Aber jetzt erst mal. Und alles, was mein ist, alles ist dein. Ich stelle mir an dieser Stelle eine sehr ungewohnte Frage. Ich weiß selber nicht mehr ganz sicher, wie mir diese Frage in den Sinn gekommen ist. Aber diese Frage, die führt weiter. Ich stelle nämlich folgende ungewohnte Frage. Dieser Satz des Vaters an den älteren Sohn, Kind, alles, was mein ist, ist auch dein. Kommt dieser Satz in der öffentlichen
Verkündigung Jesu einmal vor? Das hat mich einfach mal interessiert. Das ist ja zunächst mal nur ein Satz innerhalb von einem Gleichnis. Und der Vater, den gibt es ja nur in diesem Gleichnis. Und man kann ja nicht fragen, wie kommt der Vater auf den Gedanken, so einen Satz zu sagen und was meint er damit? Weil der Vater im Gleichnis hat ja gar kein eigenes Gehirn. Der hat ja gar keine eigenen Gedanken. Der Autor lässt den Vater so reden. Also wir können nur fragen, was hat der Autor sich bei diesem Satz gedacht? Nicht der Vater. Entscheidend ist hier der Autor, der dem Vater diese Worte in den Mund legt. Und da würde mich es mal interessieren, kommen diese Worte,
Kind, alles, was mein ist, ist dein. Kommen die auch sonst irgendwo beim historischen Jesus in seiner öffentlichen Verkündigung vor? Es würde mich sehr interessieren, warum? Jesus ist ja auch ein Sohn. Jesus hat sich ja sehr bewusst als Sohn verstanden. Und er hatte einen Vater, den er auch mit Vater, im Vaterunser und an hundert anderen Stellen als Vater angeredet hat. Also gibt es da irgendwelche Zusammenhänge? Hat der historische Jesus in seinem öffentlichen Auftreten irgendwo irgendwann mal eine Stimme gehört? Kind, alles, was mein ist, ist auch dein. Meine These lautet, ja, hat er. Und Martin, lies jetzt mal sowohl den Vers Matthäus 10, 27 als auch die Parallelstelle
bei Lukas. Aber nur den ersten Satz, lies mal den laut und deutlich, weil das ist ein Hammer. Matthäus 11, Vers 27. Alles ist mir übergeben von meinem Vater. Ich muss noch mal nachsagen, weil das ist ja unglaublich. Alles ist mir übergeben von meinem Vater. Vom sachlichen Inhalt her entspricht das Haar genau dem Satz, alles, was mein ist, ist dein. Es geht sogar noch weiter. Das Wort alles steht selten am Anfang, das ungewöhnlich, weil der normale Satz, S-P-O, Subjekt, Prädikatobjekt, würde heißen, mein Vater hat mir alles übergeben.
Das wäre ein normaler griechischer Satz. Aber selbst diese Vorrangstellung des Wortes alles, alles ist mir von meinem Vater übergeben worden. Selbst das erinnert noch irgendwie daran, diese beiden Sätze hängen untergründig, unterirdisch irgendwie zusammen. Und es gibt noch ein weiteres Indiz. Der Sohn Jesus aus Nazareth, der historische Jesus, kann von sich aus gar nichts sagen, alles ist mir vom Vater übergeben worden. Das steht dem Sohn gar nicht zu. Das kann er gar nicht sagen. Warum nicht? Weil der Sohn unterliegt Zeit und Raum, aber der Vater nicht. Der Vater, um den es hier geht, der himmlische, sein himmlischer Vater, unterliegt
Zeit und Raum. Also bei Jesus könnte man sagen, als Jesus diesen Satz gesagt hat, alles ist mir vom Vater übergeben worden, da war er, sagen wir mal, 31 Jahre alt. Wir könnten aber nie sagen, der Vater war, als er dem Sohn gesagt hat, alles was mein ist, ist sein, der war vielleicht 64 Jahre alt. Das kann man nicht sagen, denn der Vater altert gar nicht. Er unterliegt gar nicht Zeit und Raum. Und deswegen kann der Sohn gar nicht wissen, was es bedeutet, alles ist mir von meinem Vater übergeben worden. Alle Milliarden Lichtjahre, alle Sternschnuppen, alle schwarzen Löcher, auch die Antimaterie und die Milchstraßen und aber auch psychisch alle Vollmacht, das weiß doch der Sohn gar nicht. Der Sohn überblickt den Vater nicht. Deshalb kann dieser Satz seriös nur so
erklärt werden. Erst hat der Sohn den Satz von seinem Vater gehört, alles was mein ist, habe ich dir übergeben. Von da an kann der Sohn sagen, alles ist mir vom Vater übergeben worden. Also der Vater muss da vorangegangen sein. Und jetzt, also ich bin schon mal ganz schön getriggert, dass es tatsächlich diesen Satz gibt. Alles mit Voranstellung ist mir von meinem Vater übergeben worden. Dann muss er das von seinem Vater so gehört haben. Aber es wird noch hundertmal spannender. Denn ich bin dann irgendwann mal drauf gekommen, mich Folgendes zu fragen, wenn das
stimmen sollte, also wenn es da einen Anhaltspunkt in der Historie gibt, was ich glaube. Also ich stelle hiermit die These auf, der historische Jesus aus Nazareth hat mal die Stimme seines Vaters reden hören. Alles was mein ist, habe ich dir, Kind, übergeben. Wenn das aber so sein sollte, dann muss das ja ein Vulkanausbruch gewesen sein. Dann kann der Sohn danach nicht übliche Sätze weiterreden, wie er schon vorher 500 geredet hat. Diese, wenn das einen historischen Anhalt hat, muss das ein Vulkanausbruch sein. Denn ihr stellt euch mal vor, er hört von seinem himmlischen Vater,
alles was mein ist, ist dein. Das ist doch der Hammer aller Hemmer. Und jetzt behaupte ich, und das kann man auch noch erkennen, denn die nächsten zwei Sätze, die heute noch hinter diesem Satz stehen, alles ist von mir, von meinem Vater übergeben worden. Die nächsten zwei Sätze sind die steilsten, die kühnsten, die abenteuerlichsten Sätze, die Jesus jemals gesagt hat. Also es war ein Vulkanausbruch und das Zittern über diesen Vulkanausbruch zittert noch heute durch die nächsten zwei Sätze. Lies mal den nächsten Satz. Und niemand kennt den Sohn als nur der Vater. Und niemand kennt den Vater als nur der Sohn. Ja, Leute, könnt ihr das aushalten? Das ist der
steilste, höchste Offenbarungsanspruch, der überhaupt denkbar ist. Und der kommt jetzt als nächstes. Ich bin mal so frei und sage euch, ich kann das erklären, warum der Satz kommt. Denn nach dem Satz vorher, alles was mein ist, ist dein, kann er so was sagen. Der Satz vorher ist die Ermöglichung, der Ermöglichungsgrund, ist der sachliche Ermöglichungsgrund des nächsten Satzes. Und jetzt geht es noch weiter. Auch der übernächste Satz ist noch ein Hammer aller Hemmer. Es ist ein ganz besonderer Satz, wie Jesus ihn nie wieder gesagt hat. Der kommt als übernächstes. Lies mal, Martin. Und wem es der Sohn offenbaren will. Ja, jetzt weiter. Der Heilandsruss. Kommt her zu mir,
alle die ihr müselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Liebe Leute, hört doch mal bewusst, das sagt ein Mensch, der ja auch ein bisschen Vernunft hat. Aber noch nie hat ein vernünftiger Mensch gesagt, noch nie. Kommt her zu mir, alle die ihr müselig und beladen seid. Das sagen die Exegeten immer wieder, warum tut Jesus sich so was an. Die werden ihn aber dann ganz schön piesacken und erdrücken. Kommt her zu mir, alle ihr schönen Reichen und ihr reichen Schönen. Kommt
her zu mir, alle ihr Hochbegabten. Kommt her zu mir, alle ihr Führungskräfte. Mit euch lohnt sich die Zusammenarbeit. Nein, es ist ein Heilandsruf. Es ist der einzige Heilandsruf. Nie wieder, es gibt keinen zweiten Heilandsruf. Und das ist ein Ruf, in dem die Identität unseres Heilands steckt und zu erkennen ist. Unser Heilands sagt, kommt her zu mir, alle die ihr müselig und beladen seid. Ich verkrafte das. Das kann er sagen, weil er vorher gehört hat, alles was meines ist ein der Satz ermöglicht diesen Satz. Die hängen unheimlich eng zusammen. Sie sind auch durch ein und gekoppelt, auch bei Lukas. Bei Lukas gibt es die gleiche Stelle, wörtlich gleich, brauchen wir
jetzt nicht vorlesen. Also auch Lukas hat diese Stelle und alles ist mir von meinem Vater übergeben worden. Und das alles schimmert ja noch durch, die hängen zusammen. Also ich fasse jetzt mal meine These zusammen und ich lade die Neutestamentler, meine hochverehrten Kollegen, lade ich herzlich ein, diese These zu prüfen. Ich glaube, dass man sie halten kann. Der vorletzte Satz des Gleichnisses sagt der Vater, Kind, alles was mein ist, ist dein. Dieser Schlüsselsatz, der unverhofft kommt und
den älteren Sohn vielleicht gewinnen konnte, kann ja sein. Dieser Satz kommt sachlich genau mit dem gleichen Inhalt in der öffentlichen Verkündigung Jesu vor. Alles ist mir vom Vater übergeben worden. Und dieser Satz hat, wie man auch nicht anders sich denken kann, einen Vulkan ausgelöst beim historischen Jesus. Anders geht es ja auch nicht. Denn er sagt anschließend, nur der Vater weiß, wer der Sohn ist und nur der Sohn weiß, wer der Vater ist. Das ist ein einmaliger Anspruch. Jesus beansprucht ein einzigartiges Wissen über Gott. Und das steht ihm auch zu, wenn er den Vater gehört hat, Kind, ich habe alles, was mein ist, dir übergeben. Dann steht ihm ein solcher Satz zu.
Ich würde aber sagen, nur dann. Und der Vulkanausbruch setzt sich fort. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich werde euch erquicken. Das hat noch kein vernünftiger Mensch sich selber zugemutet. Warum tut er sich so was an? Ja, weil jetzt fühlt er sich stark genug. Und ist er auch. Also ich fasse eine wissenschaftliche These jetzt zusammen, die ich weiter überprüfen will. Und ich lade meine Neutestamentler-Kollegen, meine verehrten Neutestamentler-Kollegen an den theologischen Fakultäten, lade ich dazu ein, darüber mal sich Gedanken zu machen. Wir könnten sogar in den nächsten Jahren, könnten wir ein ganz neues Forschungsgebiet betreten. Und zwar,
wir könnten Folgendes machen. Wir könnten alle ungefähr 40 Gleichnisse Jesu, alle daraufhin noch einmal ganz genau untersuchen, gibt es in den Gleichnissen Jesu gegen Ende hin, wo die Worte ja immer wichtiger werden, finale Tendenz, am besten die letzten Sätze, das sind ja meistens auch hochgestellte Personen, der Vater, der Weinbergbesitzer, der König. Gibt es da Sätze, die auch im öffentlichen Verkündigung Jesu eine entscheidende Rolle spielen, wie zur Vorbereitung nur der Vater kennt den Sohn und nur der Sohn kennt den Vater. Oder zur Vorbereitung von, kommet her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid. Das sind doch entscheidende Sätze, nicht irgendwelche. Und wir könnten bei manchen Gleichnissen, ich glaube, dass da was rauskommt, weil oft sind die letzten Sätze in den Gleichnissen Jesu Schlüsselsätze von einer unergründlichen Tiefe. Ich sage mal ein Beispiel, die letzte Frage des Königs beim Gleichnis vom Schalksknecht lautet, hättest nicht auch du dich, deines Mitknechtes erbarmen müssen, wie ich mich deiner erbarmt habe. Diese Frage führt in ethisch unergründliche Tiefen. Sie ist von entscheidender Bedeutung, weil du hättest dich erbarmen müssen. Ich habe dir gerade ein paar Milliarden erlassen und am nächsten Tag kommt ein
Kollege, der hat ein paar hundert Euro Schulden und du erlässt sie ihm nicht. Birschle, das geht nicht. Man kann zwar sich nur erbarmen aus der Freiheit heraus, ja das stimmt, man kann nur freiwillig sich erbarmen und trotzdem stimmt es auch, wenn dir so ein Erbarmen zuteil wurde, dann musst du dich deines Nächsten auch erbarmen. Wer vom Erbarmen leben will, der muss es weiter geben oder er verliert es. Das ist auch so ein Satz, da kann man zehn Doktorarbeiten darüber schreiben, wie hängt es im Erbarmen zusammen, Freiheit von innen, vom Herzen her und Birschle, du hättest dich deines Kollegen erbarmen müssen. Und jetzt wird der König schneidenscharf, es heißt,
er warf ihn in den Schuldturm, bis er das letzte Cent abgearbeitet hat. Jetzt wird er gnadenlos. Und das kann ich nachvollziehen. Also das ist so ein Beispiel oder ich sage ein anderes Beispiel, im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Sagt der Weinbergbesitzer als letzte Frage, oder schaust du deshalb so böse, weil ich gut bin? Verdammt, verdammt ist das eine Frage. Der Weinbergbesitzer will sagen, du kannst schon böse zu mir schauen, wenn ich böse bin. Kannst du böse gucken? Aber du kannst doch nicht böse gucken, weil ich gut bin. Das geht nicht. Das kannst du nicht. Ja und ich sage, der hat recht. Allein diese Frage, du kannst doch nicht böse auf mich gucken,
weil ich Gutes getan habe. Das geht nicht. Ich will damit nur andeuten, wir könnten doch an den theologischen Fakultäten und an den pädagogischen Hochschulen zusammenarbeiten, weil die pädagogischen Hochschulen haben eine reiche Tradition in der Interpretation der Gleichnisse. Wir haben viele Standardwerke veröffentlicht. Da könnten wir mal auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Alle Gleichnisse untersuchen stecken sonst noch in den letzten Schlüsselimpulsen. Fragestellungen, die für den historischen Jesus von entscheidender Bedeutung waren. Das ist ein neues Forschungsgebet, das noch gar nicht angegangen wurde. Da könnten wir mal gemeinsam auf Augenhöhe forschen. Und, ihr Lieben, es gibt noch eine dritte Sache, auf die ich unbedingt noch zu sprechen kommen will.
Es gibt noch ein weiteres Geheimnis, bei dem ich so den Eindruck habe, ich bin einer Erklärung nähergekommen. Und dieses Geheimnis ist folgendes. Es ist schon immer aufgefallen, dass es in der Gebetspraxis Jesu eine krasse Auffälligkeit gibt, die man nirgendwo sonst in gleicher Weise beobachten kann. Nämlich, dass Jesus eigentlich immer alleine für sich betet, wenn es um das freie persönliche Beten geht. Nicht um das Nachsprechen vorformulierter Gebete. Das ist was anderes. Lukas 11, 1 bis 2. Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete.
Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm, Herr, lehre uns beten. Wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Jawohl, soweit mal. Also an dieser Stelle heißt es, es begab sich, dass Jesus an einem Ort betete. Als er aufgehört hatte, trat ein Jünger zu ihm und sagte, Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes der Täufer, der es hier gemeint, uns beten gelehrt hat. Also dieser Satz, der kommt ein bisschen anders formuliert in den synoptischen Evangelien sieben- oder achtmal vor. Also relativ häufig. Erstaunlich häufig. Und er heißt bei den anderen Evangelien so. Jesus ging an einen einsamen Ort und betete. Sechs-, siebenmal.
Jesus ging an einen einsamen Ort und betete. Und der Satz ist so gemeint, Jesus ging an einen einsamen Ort und betete dort einsam für sich. So ist der Satz hundertprozentig gemeint. Interessant ist auch, wie das Vater Unser eingeleitet wird in Lukas 11, Vers 3. Ein bisschen später, wie da, wo du gerade aufgehört hast. Lukas 11, Vers 3. Er aber sprach zu ihn, wenn ihr betet, so sprecht Vater. Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme. Und jetzt kommt das Vater Unser in der Fassung des Lukas-Evangeliums. Aber ich will euch auch ein Wort jetzt ganz ins Gehirn rein brennen. Wenn ihr betet, dann sprecht. Ich glaube, daraus kann und muss man folgern, Jesus selber hat
das Vater Unser gar nicht gebetet. Wenn ihr betet, dann sprecht. Also auch das berührt dieses Geheimnis. Er betet das Vater Unser gar nicht. Und jetzt kommt der krasseste Fall, der steht in Markus 14, 32. Da handelt es sich um drei Stellen. Ich führe dich dann zu denen hin. Lies mal Markus 14, Vers 32. Und sie kam zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern, setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Ja, also Jesus mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane und er sagt zu seinen zwölf Jüngern, das ist ja irgendwie erstaunlich, gell, setzt euch hierher
und wartet hier, bis ich gebetet habe. Und wenn er sagt, setzt euch hierhin, dann klingt es schon ein bisschen in die Richtung, es könnte ein bisschen dauern. Jetzt nimmt er aber drei besonders enge Mitarbeiter, die nimmt er mit, lies mal vor. Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes. Ja, halb so weit. Also zu den zwölf sagt er, wartet mal hier und setzt euch hin, ich gehe beten. Drei nimmt er mit, Jakobus, Johannes und Petrus. Und zu denen sagt er ein bisschen weiter, ihr wartet jetzt hier bitte auch, stellt euch hier hin, ich gehe noch weiter zum Beten. Lies mal. Und er sprach zu ihnen, bleibt hier und wachet. Und er ging ein wenig weiter und betete. Also ich muss jetzt wirklich ein bisschen meine Gefühle in Worte kleiden. Das riecht doch aber wirklich sehr stark danach. Er will
auf keinen Fall jemanden bei sich haben, wenn er betet. Das will er gar nicht. Den zwölf Jüngern bitte hier sich hinsetzen, drei nimmt er mit und sagt, ja hier, ist für euch auch Schluss, jetzt gehe ich noch alleine weiter und bete. Dass mir da keiner mitkommt. Und das ist ein Geheimnis bis heute. Ist ein Rätsel. Ist doch komisch. Ich hätte da eine Idee. Also ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich habe da eine Idee. Wenn also Jesus tatsächlich, wir nehmen es mal nur an, ich kann es nicht beweisen, aber wenn es so sein sollte, dann wird vieles klar. Und das ist ein starkes Indiz. Es wird vieles auf einmal plausibel, was bisher nicht plausibel war. Und das ist eigentlich eine sehr elegante Methode, etwas in
der Wahrscheinlichkeit zu belegen. Also wenn Jesus tatsächlich die Stimme seines Vaters gehört hat, alles was mein ist, ist Dein, muss das für Jesus eine Explosion ausgelöst haben und hat sie wohl auch, wie man heute noch am Kontext dieser Sätze erkennen kann. Dann aber kann ich verstehen, warum er darauf geachtet hat, ich will alleine beten. Warum? Weil wenn dieser Vulkanausbruch war und wenn Jesus gehört hat, alles was mein ist, Kind, ist auch Dein, dann hat er so ein vertrautes Verhältnis zu Gott bekommen, was Gott selber ihm ermöglicht hat, wie es kein anderer Mensch
auch nur ein Millimeter hat. Denn kein Mensch hat gehört, alles was meines ist Dein. Aber Jesus hat es gehört und er hat es geglaubt. Und dann sah er die Gefahr, das kapiert aber niemand. Wenn die hören, wie vertraut ich auf Augenhöhe fast Gütergemeinschaft, das kapiert keiner, das verwirrt die alle. Und dann hören sie es vielleicht nicht genau, haben sich verhört oder kapieren nur die Hälfte. Da entsteht eine Gerüchteküche, die kriegst Du nicht mehr unter Kontrolle. Und da hat Jesus gesagt, nein, da bin ich vorsichtig. Das will ich ganz in meiner Obhut behalten, denn das wird die Menschen nur verwirren. Und damit habe ich eine sehr einleuchtende, ich finde recht plausible
Erklärung für dieses ungelüftete Geheimnis. Also da kommt eins zum anderen. Was ich jetzt noch gerne machen würde, wäre das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu Ende zu erzählen, so wie ich es mir halt vorstelle. Martin wird zum Übergang nochmal die letzten drei Sätze des Vaters vorlesen, so wie es in der Bibel steht. Und wenn er dann fertig ist, setze ich einfach frei fort. Das steht dann nimmer in der Bibel. Der Vater aber sagte zu ihm, Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist dein. Man musste doch feiern und sich freuen, denn dieser, dein Bruder, war tot und ist lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden.
Ja, und der Vater sprach dann noch weiter, weißt du, ich habe noch genau im Ohr, wie du mich monatelang im Ohr gelegen bist. Du willst einen kleinen Bruder haben. Du wärst so gern der größere Bruder vom Kleinen und würdest ihn überall beschützen und wärst sein starker Löwe. Und tatsächlich, der kleinere Bruder wurde geboren und du warst begeistert. Du bist fast jede Nacht in der Nacht rübergeschlichen zu deinem schlafenden kleinen Bruder und bist um seine Wiege herum getanzt, ganz lautlos, dass dein eigener Bruder ja nicht gestört wird. Und dann hast du dir in Gedanken ausgemalt, wie es sein wird, wenn dein kleinerer Bruder etwas größer geworden ist und du
bist dann sein starker Löwe. Du holst ihn aus jeder Notlage heraus und du verteidigst ihn überall. Weißt du, und so ist es ja auch gekommen. Ihr wart die besten Freunde. Ihr wart jahrelang unzertrennlich und du hast ihn wirklich überall verteidigt und aus jeder Notlage hast du ihm herausgeholfen. Und weißt du noch, wie stolz er auf dich war, seinen älteren Bruder? Und dann möchte ich dir noch sagen, du bist eigentlich der einzige Mensch, den ich kenne, der seinen ersehnten kleineren Bruder gleich zweimal gekriegt hat. Du hast ihn ja heute noch einmal bekommen. Wir waren doch beide davon überzeugt, dass er tot war und haben mit seiner Rückkehr nicht mehr gerechnet. Und er ist
ja gescheitert und er ist voller Schuldgefühle. Also ich sage dir, jetzt braucht er einen größeren Bruder. Jetzt braucht er einen starken Löwen. Stell dir doch mal bitte Folgendes vor. Ihr werdet noch einmal, beste Freunde, ihr werdet noch einmal unzertrennlich und ihr werdet alles gemeinsam tun und du wirst tatsächlich sein starker Löwe. Und er wird dich bewundern und er wird so stolz auf seinen älteren Bruder sein. Der ältere Bruder sagte lange Zeit nichts. Aber dann brach es aus ihm heraus. Er stieß einen irrsinnig lauten Freudenschrei heraus und dann begann er mit seinen Füßen im Takt
zu stampfen.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) – Teil 2 | 15.10.1
Alle kennen diese Geschichte, aber einer wird dabei meist übersehen. Wenn der verlorene Sohn zurückkommt, vom Vater in die Arme geschlossen wird, wenn alle feiern, tanzen und das Mastkalb futtern, da steht der ältere Bruder, verschwitzt von der Arbeit, vor dem Haus. Und macht einen ganz schlechten Eindruck. Eifersüchtig fragt er, womit er denn belohnt wird dafür, dass er geblieben ist. Jesus lässt den Vater in seinem Gleichnis darauf einen Satz sagen – und sagt damit so viel mehr. Siegfried Zimmer erklärt, warum es den älteren Bruder in diesem berühmten Gleichnis überhaupt gibt, was Jesus mit der Reaktion des Vaters womöglich sagen wollte, er stellt eine These auf und damit andere Theologen vor eine Herausforderung – und er erzählt das Gleichnis vom verlorenen Sohn weiter. So dass der ältere Bruder gar nicht mehr so unsympathisch dasteht.