"Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die den gleichwertigen Glauben haben, in der Gerechtigkeit unseres Gottes und des Retters Jesus Christus. Gnade euch und Friede erfülle euch in der Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn." Mit diesen Worten beginnt der 2. Petrusbrief. Der 1. Petrusbrief ist einer, der den Brückenschlag von Babylon-Rom aus nach Kleinasien versucht, in die Missionsgebiete,
die ursprünglich paulinisch geprägt gewesen sind und die jetzt in einen größeren Kontext gestellt werden. Auf diesen 1. Petrusbrief bezieht sich der 2. Petrusbrief an einer Stelle. Das heißt, hier entsteht etwas innerhalb des Neuen Testaments, was man Traditionsbildung nennen kann. Wir kennen diese Traditionsbildung sehr intensiv auf der Seite des Paulus. Dort ist sie auch literarisch sehr produktiv gewesen und ist, da können wir historisch sicher sein, von dem Apostel Paulus selber angestoßen worden, dadurch, dass er Mitarbeiter gewonnen hat, Schüler. Timotheus und Titus sind sicherlich die Wichtigsten und Bekanntesten gewesen. Aber diese Schul-Bildung auf der
paulinischen Seite ist nicht das einzige Phänomen, sondern es gibt auch auf der Petrusseite Ansätze einer solchen Schul-Bildung, wie ich sage, auf der Petrusseite. Innerhalb des Neuen Testaments hat Petrus einen größeren Stellenwert als Paulus, weil er bereits in den Evangelien vorkommt als Jünger Jesu, als Bekenner des Messias, als derjenige, der sich Jesus in den Weg stellen und als Satan titulieren lassen muss, der in die Nachfolge gerufen werden muss. Petrus ist ganz nah beim leidenden Jesus. Aber er hat auch gesagt: "Ich kenne diesen Menschen nicht." Und er gehört dann zu den Ersten, die den auferweckten Jesus gesehen haben. Von dort her ist er dann auch in der Apostelgeschichte eine
zentrale Gestalt im ersten Teil, während im zweiten dann Paulus bei Lukas das Kommando übernimmt. Und im Vergleich dazu sind die beiden Briefe, die wir im Neuen Testament mit dem Namen des Apostels Petrus verbunden finden, vielleicht ein wenig unscheinbarer und im Falle des 2. Pertusbriefs sicher ein wenig unscheinbarer, aber sie gehören zu dem kanonischen Petrusporträt dazu. Sie dürfen nicht historistisch gelesen werden, aber sie schreiben Gedächtnis, sie pflegen Erinnerung, das sind jetzt ganz starke Schlüsselworte schon des 2. Petrusbriefs, ein lebendiges Gedächtnis haben. Und damit sind sie auf ihre Weise auch Zeugen für die Lebendigkeit der Erinnerung an Petrus.
Auf der anderen Seite ist es aber so, dass man schon den 2. Petrusbrief lesen wollen muss, weil er aus sich selbst heraus es vielen, die heute wenigstens diesen Brief lesen, durchaus schwer macht. Und das hängt daran, dass er relativ kurz ist. In meiner Bibelausgabe sind das etwas mehr als sechs Seiten, und von diesen sechs Seiten ist knapp die Hälfte eine Schimpfkanonade. Es werden andere fertig gemacht nach allen Regeln der Kunst: Sie haben Gott aus dem Auge verloren, weil sie Gott aus dem Auge verloren haben, haben sie auch sich aus dem Auge verloren und den Nächsten verloren und sie sind Heuchler und sie sind sozusagen Pseudo-Propheten und Pseudo-Lehrer.
Und man liest und liest und liest, und ein Schimpfwort nach dem anderen, also durchaus literarisch, funkeln. Und man weiß gar nicht, worum es eigentlich geht. Weswegen dieser Aufwand, woher diese Emotion, weswegen muss man so klare Kante eigentlich zeigen? Passt das überhaupt noch zusammen zu dem, was wir sonst im Neuen Testament doch häufig lesen? Ja klar, man muss unterscheiden können, aber dass Jesus kommt, auf Menschen zukommt und sie einlädt, das ist doch das eigentlich Entscheidende und das bleibt es auch in großen Teilen des Neuen Testaments. Also von daher macht es der 2. Petrusbrief nicht allen leicht, ihn zu mögen. Und dann gibt es ein Aber, wenn man also genügend Ausdauer - so lange sind die Texte jetzt ja auch nicht - an den Tag gelegt hat,
dann stößt man im 3. Kapitel auf eine harte Frage. Und diese harte Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Und diese harte Frage lautet in meinen Worten: Hat sich seit dem Kommen Jesu Christi in der Welt irgendetwas geändert? Oder ist nicht in Wahrheit alles so geblieben, wie es vorher gewesen ist? Das ist eine harte Frage. Die kommt von den sogenannten Spöttern, aber man hat den Eindruck, das ist eine Kritik, die zu einem Teil auch Selbstkritik ist, die also eindringt in die christlichen Gemeinden, die aufräumt mit dem Enthusiasmus, den es am Anfang
gegeben hat, und die ernste Fragen stellt. Jesus hat verkündet: Das Reich Gottes ist nahe gekommen. Und man kann fragen: Wo denn? Wo ist es denn sichtbar? Ich kann sagen, Gott ist verborgen. Ja, aber wenn Gott nur verborgen ist, was ist er dann überhaupt? Wo sind die Spuren? Wo sind die Zeichen? Wo sind die Verbindungslinien? Das ist eine tiefe Frage des Glaubens, die im 2. Petrusbrief knallhart gestellt wird. Und einfach die Tatsache, dass diese harte Frage, "Was hat sich wirklich geändert?" gestellt wird, macht diesen Brief lesenswert. Es gibt andere neutestamentliche Zeugnisse, die ähnliche Fragen haben: Der 2. Thessalonicherbrief, der Hebräerbrief, immer noch
mal eigene Spezifika, aber immer aus der Perspektive einer späteren Generation im Blick auf ein Weitergehen der Geschichte und angefasst von der Frage: Ist der Glaube tatsächlich relevant, nicht nur im innersten Winkel meiner Seele, sondern in meiner ganzen Lebensführung, in meiner Gemeinschaft, in meiner Glaubensgemeinschaft, in der ich mich aufhalte, in der Welt, in der ich bin? Der 2. Petrusbrief lässt diese Frage zu. Das ist eine Stärke. Und er gibt auch eine Antwort. Eine Antwort, die aber nicht nur theoretisch ist, sondern die auch praktisch ist: Was hat sich eigentlich geändert, ist die Frage, die anficht. Und habt ihr euch eigentlich geändert, ist die Variation
dieser Frage, jetzt in meinen Worten, die der 2. Petrusbrief stellt. Habt ihr euch eigentlich geändert, die ihr doch in einer so überwältigenden, großartigen, gar nicht mehr zu steigernden Art und Weise von Gott angesprochen und verändert worden seid? Ja, und jetzt kann man wieder anfangen, will der 2. Petrusbrief schlechtes Gewissen machen und erklärt sich von dort her diese Schimpfkanonade? Mag sein, dass das mitspielt. Aber ich bin der Auffassung, wenn so etwas mitspielt, kann man das auch ausblenden und versuchen, sich auf das zu konzentrieren, was im zweiten Petrusbrief
Evangelium ist, Frohe Botschaft ist. Und das ist nicht wenig. Dieser zweite Petrusbrief ist ein Plädoyer gegen die Resignation, gegen die Behauptung, es hat sich gar nichts geändert, man kann es gar nicht ändern, die Kräfte sind viel zu schwach, die Gegenkräfte sind viel zu groß. Nein, sagt der Brief, keine Resignation, sondern Hoffnung, aber Hoffnung ohne Illusion, ohne dass man sich die Welt schönredet, ohne dass man sich wegträumt aus der Gegenwart in eine ideale Gotteszukunft hinein. Es gibt Hoffnung, und es gibt Zuversicht, die mit Wirklichkeitssinn zu tun hat, die Fragen zulässt,
die nicht sozusagen mit einem Dauerlächeln durch die Gegend wandelt, sondern die sich Fragen stellt, die sich auf die Fragen einstellt und auch weiß, dass es vielleicht gar nicht die ganz einfachen Antworten gibt, aber trotzdem die Hoffnung größer ist als das Gewicht des Zweifels. Und das ist getragen, diese Zuversicht ist getragen von einer Zusage ohne Vorbehalt. Eine Zusage ohne Vorbehalt - in der systematischen Theologie heute spricht man oft von der bedingungslosen Liebe Gottes, dass Gott nicht unter einer bestimmten Voraussetzung nur handelt, sondern aus sich heraus, und dann
Konsequenzen zu ziehen sind. Das ist richtig und biblisch betrachtet richtig. Und wie richtig, das kann man in dem 2.Petrusbrief erkennen in Zusagen über den, evangelisch würde man sagen, Gnadenstand, die ihresgleichen suchen, auf die ich dann auch gleich noch eingehen möchte, wenn es um die Inhalte dieses Briefes geht. Mein zweiter Punkt: Wie ist dieser Brief aufgebaut? Wie der 1. Petrusbrief, wie die Paulusbriefe. Da hat sich ein Muster entwickelt. Es gibt eine Anrede, aus der ich etwas zitiert hatte. Wir haben in diesem Sektor des Kanons nicht die Adresse an
eine ganz spezifische Gemeinde, sondern eine breitflächige Anrede, "alle, die den mit uns gleichwertigen Glauben erlangen." Das ist natürlich eine unglaublich globalisierende, aber übrigens auch egalitäre Aussage: "Mit uns gleichwertigen". Ich bin übrigens hier mal, der da schreibt, Simon Petrus. Also ich habe nicht den erstklassigen Glauben und ihr den zweitklassigen, sondern es gibt da eine bestimmte Form von Gleichwertigkeit. Natürlich große Unterschiede, wie der Glaube gelebt wird, aber er ist gleichwertig, und es geht um den Glauben. Das ist eine Erkenntnis, die wir Jesus verdanken, die wir dem Apostel Paulus in der Rechtfertigungslehre verdanken, die aber auch im 1. Petrusbrief schon zu finden ist und die sich jetzt hier auch dem
2. Petrusbrief vermittelt. Also wir haben ein solches Präskript. Wir haben ein Vorwort, ein Proömion, in dem jetzt so ähnlich wie im 1. Petrusbrief, formal betrachtet, mit ganz anderen Worten, der Glanz der Gnade ausgeleuchtet wird und Aussagen getroffen werden von der Intensität der Zuwendung Gottes, die grandios sind und denen manchen dann auch schon wieder zu weit gehen. Und dann kommt nach diesem doppelten Intro - Präskript, Proömion - wie im ersten Petrusbrief, wie in den meisten Paulusbriefen, ein Corpus. Und dieser Briefhaupteil hat zwei Seiten einer Medaille. Zunächst mal kommt diese brutale Polemik, bei der man über
Seiten nicht versteht, worum es eigentlich geht. Und dann kommt der Diskurs in Kapitel 3, diese Auseinandersetzung mit der Frage. Und dann kann man im Rückblick verstehen, ah, die Frage war so wichtig, dass es vorher auch dieses Aufwandes bedarf. Diese Frage kann man so missachten, dass man diese Missachtung kritisieren muss. Die kann man so falsch verstehen, dass man das in den Augen des Autors missverstehen muss. Und wenn man an zwei Seiten einer Medaille denkt, dann können diese Stücke zusammenpassen. Und dann merkt man auch, Schärfe der Kritik ist nötig in den Augen des Autors, weil die Erinnerung geschärft werden soll, die Erinnerung geschärft werden soll an das, was Hoffnung macht. Und das, was Hoffnung macht, ist schon passiert und wirkt
und beantwortet sublim die Frage: Was hat sich eigentlich geändert? Denn wir haben uns geändert. Oder vielleicht sollte ich vorsichtiger formulieren: Wir sind geändert worden. Gott hat in unser Leben eingegriffen, und wie tief, das ist offensichtlich nicht allen klar. Und es sollte ihnen aber klar sein. Und dann kommt ein Nachschreiben, ein Postscriptum, das Mut macht. Das Mut macht, sich jetzt nicht sozusagen einschüchtern zu lassen von dieser Ketzerpolemik, die es tatsächlich ist, sondern auf diese Frage, was hat sich eigentlich geändert, guten Gewissens antworten zu können: Ich habe mich geändert. Ich will mich ändern. Ich kann es auch. Und damit
beginnt sich auch die Welt zu verändern. Diese Fragestellung, diese Polemik gehört in eine bestimmte Zeit. Das ist mein dritter Punkt. Der zweite Petrusbrief ist in den Augen der historisch-kritischen Exegese oft als eines der jüngsten Schreiben des Neuen Testaments angesehen worden, wenn nicht das jüngste. Und in meiner Studienzeit habe ich dann Datierungen gelernt, die so auf das Jahr 120 nach Christus verweisen. Das ist schon ein ziemlicher Abstand, also knapp 100 Jahre nach dem Auftreten Jesu. Ich selber bin nicht ganz sicher, dass der Brief tatsächlich erst in Anführungszeichen "so spät" ist. Manche rücken ihn noch weiter hinauf. Mir ist etwas anderes wichtiger. Nämlich, dass dieser 2. Petrusbrief Teil eines Beziehungsgeflechtes ist, an dem er
selber mitarbeitet. Was meine ich mit Beziehungsgeflecht? Auf der einen Seite haben wir eine Verbindung von Texten. Der 2. Petrusbrief bezieht sich auf andere Texte, zum Beispiel auf den 1. Petrusbrief. Er sagt nämlich: Dies ist jetzt der zweite Brief. Zum anderen ist es aber so: das ist eine große Merkwürdigkeit, die hohe Sorgfalt in der Lektüre verlangt. Es gibt einen ziemlich unbekannten weiteren, so genannten katholischen Brief des Neuen Testaments, den Judasbrief. Wenn man den Judasbrief und den 2. Petrusbrief nebeneinander liest, dann merkt man, zwischen diesen beiden Briefen gibt es enge literarische Beziehungen.
Der Judasbrief ist jetzt von vorne bis hinten eine reine Polemik. Und man weiß gar nicht, gegen wen es überhaupt gehen soll. Diese Polemik des Judasbriefes ist in einzelnen Motiven, teilweise sogar in Formulierungen, auf jeden Fall im Aufbau aufgenommen worden, findet sich wieder im 2. Petrusbrief. Und damit entsteht eine Nachbarschaft zwischen jetzt zwei kleineren neutestamentlichen Briefen, unbekannten. Aber es ist doch ein Zeichen dafür, dass hier im Urchristentum nicht nur etwas auseinanderflieht, sondern dass hier etwas zusammenwächst, nach vorne wächst, größer wird, aber nicht die Verbindung untereinander verliert. Anders wäre ja auch die Entstehung des Kanons gar nicht vorstellbar gewesen. Jetzt ist dieses textliche Geflecht
aber auch mit Namen verbunden, mit Personen verbunden. Das ist auf der einen Seite Petrus. Und in dem 2. Petrusbrief steht sogar Simon Petrus, Symeon, ganz archaisierend dargestellt, Petrus. Das heißt also, der Petrus, der eine Geschichte hatte, der mal Simon gewesen ist und es auch geblieben ist, am See Genezareth. Die Geschichten werden nicht erzählt, aber ich bin sicher, mit diesem Namen Simon wird auf einmal deutlich, Petrus ist nicht nur einfach, sagen wir mal, ein Typ, der Prototyp eines Apostels, sondern das ist ein Mensch, eine Person. Da ist eine lebendige Erinnerung im Hintergrund. Die kann man erzählen, wenn man zum Beispiel die Evangelien wieder liest.
Dieser Simon Petrus ist die zentrale Gestalt. Und über Simon Petrus ist, wie im 1. Petrusbrief, die Verbindung zu Jesus vermittelt. In der Zeit, in der dieser Brief gelesen wird, hat niemand mehr den irdischen Jesus gesehen, und auch die Zeit der Erscheinung des Auferweckten sind vorbei, neue Zeiten sind angebrochen, aber Jesus bleibt lebendig. Wichtig und relevant, der Zugang ist vermittelt durch wen? Durch diejenigen, die er zu Aposteln gemacht hat. Hier heißt es "Knecht und Apostel", auch das ist eine sehr archaische Formulierung, der Prophet des Jesaja-Buches ist ein Knecht Gottes, also einer, der im Dienst Gottes steht. Der Apostel Paulus hat sich häufig als Knecht, als doulos, manche übersetzen als Sklave, dargestellt, also einer, der ganz im Dienst seines
Herrn aufgeht. Das ist auf der Textoberfläche. Im 3. Kapitel des 2. Petrusbriefes schreibt der Autor aber vom Apostel Paulus, und zwar von den Briefen des Apostels Paulus, in denen vieles sehr schwer zu verstehen sei. Das, denke ich, stimmt. Aber es gibt doch sozusagen sehr viel Respekt, und so viel Selbstapologie mag gestattet sein. Der 2. Petrusbrief hat dann die Sorge, dass diese Briefe des Apostels Paulus falsch ausgelegt werden. Also brauchen wir Exegese,
sonst gerät man mit Paulus ins Verderben. Paulus ist der Bruder, so wird er im 2. Petrusbrief, Kapitel 3, die Verse 15 und 16, dargestellt, unser geliebter Bruder sogar. Das ist nicht ironisch, das ist tatsächlich Ausdruck von Verbundenheit. Die Briefe, die er geschrieben hat, gemäß der ihm gegebenen Weisheit, also der Fähigkeit, sich im Leben mit Hilfe von Gott und vom Glauben zu orientieren. Paulus als Weisheitslehrer, da könnte man auch noch andere Attribute zu Paulus nennen, aber als solche ist er eine Respektperson. Simon Petrus, Paulus kommunizieren miteinander im
2. Petrusbrief, und zwar nicht, wie das die Neuzeit gerne hat, konfrontativ, sondern kooperativ. Selbstverständlich gibt es auch welche, die jetzt aus diesen Respektbezeugungen irgendwie das Gegenteil ablesen wollen, aber das ist dann typisch 20. Jahrhundert. Da ist keine frühere Generation drauf gekommen, und ich hoffe, dass auch in Zukunft solche Räuberpistolen der Vergangenheit angehören. Die Verbindung mit dem Judasbrief ist jetzt aber noch eine andere. Die ist allerdings eine stille Verbindung, sie wird nicht aufgedeckt im Brief, denn dieser Judas nennt sich in dem Anschreiben dieses Briefes "Bruder des Jakobus". Und welcher Jakobus damit gemeint ist, ist völlig klar, das ist der sogenannte Herrenbruder, und wir haben einen Jakobusbrief innerhalb des Neuen
Testament. Stichwort Netzwerk: Hier entsteht etwas, man bezieht sich aufeinander, man lässt sich nicht gegeneinander ausspielen. Wer Petrus sagt, muss auch Paulus sagen können, wer Paulus sagt, muss auch Jakobus sagen können. Wer den Judasbrief liest, muss auch den Petrusbrief lesen. Nicht, dass alle dasselbe sagen, aber so, dass doch hier nur im Zusammenhang, in der wechselseitigen Erhellung und Begrenzung, etwas entsteht, was dem Glauben Orientierung gibt. Das ist die offenkundige und auch die verborgene Botschaft. Und der Kanon des Neuen Testamentes hat diese Beziehung sozusagen auf Dauer gestellt und dadurch gestärkt. Der große Unterschied zum Judasbrief, Stichwort Ketzerpolemik, Copy and Paste, besteht darin, dass die Problemanzeige, was hat sich eigentlich
geändert, im Judasbrief nicht zu finden ist. Das ist das Spezifikum des 2. Petrusbriefes. Der Streit um die letzten Dinge, der Streit um die Eschatologie, der Streit um das, was die Stunde geschlagen hat, die Anfechtung durch die Unanschaulichkeit des Heiles. Hier wird der 2. Petrusbrief diskursiv, er munitioniert sich mit dem Judasbrief, er wird theologisch, er hat etwas zu sagen. Und das, was er zu sagen hat, das verbindet sich mit Petrus und es verbindet sich mit Paulus. Es verbindet sich mit Petrus, mit Simon Petrus, mit dem Petrus des 1.
Petrusbriefes, weil nämlich schon der 1. Petrusbrief, der aber nicht als solcher im 2. Petrusbrief zitiert wird, ja eine Orientierung über das Christsein in der Zeit gegeben hat: Was ist der Weg vom Anfang bis zum Ziel, Jesus Christus, welches ist die Welt, in der dieser Weg verläuft, was passiert auf diesem Weg, Leidensfähigkeit, rechenschaftsfähig bleiben, die Nähe Gottes in der Verborgenheit erkennen. Da wird versucht, Kontinuität herzustellen und eine neue Herausforderung sozusagen im petrinischen Geiste, der aber in Wirklichkeit der Geist Jesu sein soll, zu lösen. Und dieses Petrus' Gedenken, das bekommt jetzt im 2. Petrusbrief einen
ganz besonderen Ton, weil sich hier der Petrus, der da schreibt oder schreiben soll, auf ein absolutes Highlight in seinem Leben, in seinem erzählten Erdenleben bezieht. Denn im 1. Petrusbrief ist es so, dass Petrus sich vorstellt als "Zeuge der Leiden Christi". Das spielt im 2. Petrusbrief keine Rolle mehr, aber in der zentralen Passage dieses Proömiums, dieser theologisch starken Eröffnung, lesen wir über Jesus Christus im 2. Petrusbrief: "Denn empfangen hat er bei Gott Ehre
und Herrlichkeit, als eine solche Stimme ihm wurde", so archaisch ist das formuliert, Gottes Stimme geschah zu mir, "von der erhabenen Herrlichkeit, dies ist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." Das ist das Wort, das nach dem Markus- und Matthäus-Evangelium und dem Lukas-Evangelium Jesus über dem Jordan aus dem geöffneten Himmel heraus gehört hat, als Signal, dass jetzt die öffentliche Verkündigung Jesu beginnt: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." Im Markus-Evangelium ist das so erzählt, dass es nur Jesus hört. Und diejenigen,
die das Markus-Evangelium nachösterlich lesen, können es wissen. Die Jünger nehmen es nicht wahr. Das ist auch nach dem 2. Petrusbrief so: "Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe." Das hat Jesus gehört, "ihm geschah diese Stimme". Aber die Fortsetzung in Vers 18 lautet dann: "Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel, da wir gemeinsam mit ihm auf dem heiligen Berg waren." Damit ruft jetzt dieser Petrus des Briefes ein zweites Epiphanie-Erscheinungs-Motiv auf, die sogenannte Verklärung Jesu, in der jetzt genau auch tatsächlich das Taufwort weitergeführt
wird: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden", so Markus 1,11, das Wort Gottes an Jesus, "und dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören", das Wort an drei auserwählte Jünger, zu denen auch den Evangelien zufolge Petrus gehörte, auf dem Berg der Verklärung. Und damit wird ein bestimmter Standpunkt markiert. Das ist ein sehr privilegierter Standpunkt: Wir sind doch diejenigen, Petrus und die anderen, und Petrus redet stellvertretend, die dieses Offenbarungsmomentum erfahren haben und die deswegen authentisch Zeugnis ablegen können davon, dass Jesus der Messias,
der Sohn Gottes ist, der von Gott bedingungslos geliebt ist. Das ist sozusagen die Sprecherposition, die Schreiberposition. Höher geht es nicht. Damit wird formale Autorität beansprucht, ohne jede Frage. Aber es wird nicht nur formale Autorität beansprucht, sondern es wird auch sozusagen dieses Momentum benannt, dass es jenseits aller Unanschaulichkeit diese spezifischen Augenblicke der wahren Erkenntnis gibt. Und Petrus ist eines solchen Momentes teilhaftig geworden, und deswegen kann er die Frage, was hat sich eigentlich geändert, beantworten. Das hat sich geändert. Einen solchen Moment der Erkenntnis eines Menschen als Sohn Gottes, den hat es gegeben. Und jetzt kommt wieder
die Einschränkung. Die Einschränkung des Exegeten, der nicht nur den 2. Petrusbrief liest, sondern der das gesamte Neue Testament vor Augen hat und auch die Evangelien kennt. Denn in den Evangelien wird zur Verklärung immer dazu erzählt, dass die Jünger von dem Offenbarungsgeschehen im Moment der Offenbarung nichts verstanden haben. Petrus will ja drei Hütten bauen. Und der Evangelist sagt lakonisch, er wusste nicht, was er sagt. Und Jesus sagt beim Abstieg vom Berg: "Erzählt niemandem etwas, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist." Und sie wissen noch nicht mal, was der Menschensohn sein soll. Das ist für das Markusevangelium konstitutiv, weil Jesus zwar von
Anfang an der Sohn Gottes ist, der als Sohn Gottes reden kann, was er sagt, und tun kann, was er tut, aber nur vom Ende her als der Sohn Gottes verstanden werden kann, nur wenn man den ganzen Weg bis nach Golgotha mit ihm gegangen ist und mit den Frauen das Grab leer gefunden hat und die Rückführung nach Galiläa gehört hat. Und das wird ausgeblendet im 2. Petrusbrief, dieses Unverständnis, diese Unwissenheit, dieses Versagen. Und damit passiert was ganz ähnliches im Petrusbild wie im 1. Petrusbrief. Im ersten Petrusbrief stand nur, "ich bin Zeuge der Leiden Christi." Von der Verleugnung, "ich kenne diesen Menschen nicht", war keine Rede. Und deswegen wird das Zeugnis, also bei allem Respekt, an der Stelle ein bisschen glatt. Und hier: "Wir waren doch oben mit auf dem Berg der Verklärung." Aber weil nicht mit erzählt wird, dass hier das Verstehen nicht geöffnet worden war,
sondern seine Zeit brauchte, deswegen bekommt dieser Zugriff doch sozusagen etwas Legitimatorisches oder anders formuliert: Die Brillanz, die Nervosität, die Brüchigkeit, die wir in den Paulusbriefen deswegen erkennen, weil die Verfolgertätigkeit nicht verschwiegen wird, fehlt in diesen Briefen. Man wollte dem Petrus was Gutes tun und hat es wahrscheinlich nicht so gut getan. Und damit habe ich jetzt schon auch meine und nicht nur meine Position zur Verfasserfrage genannt. Dieser Brief ist mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht historisch von Petrus verfasst worden, sondern unter Berufung auf ihn, im Gedächtnis an ihn. Das ist in der Antike ein vollkommen bekanntes und
akzeptiertes literarisches Verfahren, das Kontinuität stiftet über den Tod hinaus. Es wird in Teilen der Forschung anders gesehen, aber ich halte dafür, dass es sich hier um sogenannte offene Pseudepigraphie handelt, also dass alle Beteiligten immer wussten, welches literarische Spiel hier gerade gespielt wird. Und dann müssen wir, was die Frage der zeitlichen Orientierung anbelangt, eben halt schon auch erkennen, es sind nicht Anfangsprobleme, es sind Folgeprobleme des Christseins. Wir haben ähnliche Fragestellungen im zweiten Thessalonicherbrief, im Hebräerbrief, und deswegen würde ich persönlich auch den 2. Petrusbrief nach dem 1. Petrusbrief einordnen, aber nicht so weit in das zweite Jahrhundert hinein, wie das allerdings Mehrheitsauffassung
ist, sondern schon sagen, dass es zu den neustestamentlichen Spätschriften gehört. In meinem vierten Punkt etwas zur historischen und sozialen Konstellation, in der ich jetzt nochmal auf die Formulierung des Präskriptes verweise. "Der mit uns gleichwertige Glaube, der bezogen ist auf Gerechtigkeit", das ist durchaus auch ein sozialethisch belastbarer Begriff im 2. Petrusbrief, und der zu tun hat mit Frieden, das ist biblisch shalom, also der durch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gefüllte Friede, der in der Erkenntnis Jesu
Christi, unseres Herrn, besteht. Erkenntnis ist nicht Besserwisserei, Erkenntnis ist aber das Gegenteil von Meinung. Glaube hat mit Wissen zu tun. "Glaube heißt nicht Wissen", ist eine sehr unterkomplexe Formulierung. Glaube ist eine bestimmte Form von Wissen. Glauben kann man am besten oder soll man am besten nur das, was man nur glauben kann. Man kann sehr, sehr viel wissen, aber bei einigem kann ich wissen, dass ich es nur glauben kann. Und das ist das, was hier besagt wird. Also dass Gott der Vater Jesu Christi ist, kann ich nur glauben, aber ich kann es auch glauben. Dass Jesus Christus zu unserem Heil Mensch geworden ist, kann ich nur glauben, aber ich kann es auch glauben. Es gibt Gründe dafür. Und dafür macht sich dieser Brief tatsächlich stark. Wir haben aber eine bestimmte typische Problemverschiebung. Wenn wir es mit dem
Paulusbriefen vergleichen, dann ist dort das bei vielen Briefen, nicht bei allen, aber bei vielen Briefen wichtige Problem, wie kann das Christentum innerhalb des Judentums seine Rolle finden, und zwar in einer pluralen Welt des Hellenismus? Diese Herausforderung steht nicht im Vordergrund des 2. Petrusbriefes. Ich erkläre es mir dadurch, dass hier im Wesentlichen schon wegweisende Entscheidungen getroffen worden sind und auch umgesetzt worden sind. Also man weiß das schon. Auch das, was der erste Petrusbrief sagt, ihr werdet marginalisiert, aber nehmt das nicht nur als Ungerechtigkeit, sondern als Chance, Avantgarde an der Peripherie zu sein, auch das ist praktisch schon bearbeitet. Heißt nicht, dass das ideal umgesetzt worden ist, aber das ist nicht
die starke Herausforderung. Die starke Herausforderung sind innere Spannungen, sind innere Spannungen innerhalb der christlichen Gemeinden. Die christlichen Gemeinden sind Glaubensgemeinschaften, der Glaube hat ein Bekenntnis. Dieses Bekenntnis kann man erklären, man kann das Bekenntnis bestreiten. Das heißt, die Geschichte der christlichen Kirche als einer Glaubensgemeinschaft ist eine Geschichte der Auseinandersetzung, des Streits, der Ausgrenzung, aber auch der Konzentration auf das Wesentliche. Und dem will der zweite Petrusbrief mit seiner durchaus rabiaten Polemik dienen. Worum geht es? Nicht so sehr um Fragen der Christologie. Also, ist Jesus wirklich der Sohn Gottes, ist er wirklich zu unserem Heil in die Welt gekommen? Das ist eher die Voraussetzung,
unter der der 2. Petrusbrief schreibt, als das Thema, das er tatsächlich bearbeitet. Die entscheidende Frage lautet: Wie deuten wir die Zeit, in der wir jetzt unseren Glauben leben? Und wie deuten wir den Glauben in dieser Herausforderung der Zeit? Es gibt, das ist aus dem 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums abgeleitet worden, das Stichwort der "Zeichen der Zeit", etwas, was in der neuren katholischen Theologie seit dem zweiten Vatikanischen Konzil, aber nicht nur in der römisch-katholischen Theologie, aufgegriffen worden ist. Das sind sozusagen die verborgenen Spuren Gottes in der menschlichen Zivilisation außerhalb der Glaubensgemeinschaft. Es passiert etwas. Ich muss mich orientieren,
auch wenn ich nicht jede Frage beantworten kann. Ich muss ein Zeitmanagement entwickeln, das Verantwortung begründet. Das Wissen um die Nähe Gottes, das hilft in einer Zeit, die sich dehnt, Orientierung zu finden. Und da ist der 2. Petrusbrief, so kurz wie er ist, engagiert. Der 1. Petrusbrief hatte gesagt, die Peripherie ist das Zentrum. Und der 2. Petrusbrief sagt, die Höhe ist unsere Zukunft. Wir müssen, wir dürfen nicht unter das Niveau des Berges der Verklärung zurückgehen. Das, was dort offenbart worden ist, wenn auch, wie wir den Evangelien zufolge wissen, unter Schmerzen: Das ist die Zukunft, weil es Gott ist in der Person Jesu.
Also das ist sozusagen der Beobachtungspunkt, von dem aus wir in die Zeit hineinschauen. Und das ist auch so, dass von Anfang an dieser besondere Moment auf dem Berg der Verklärung eingebettet ist in Zeitdiagnostik in den Evangelien. Im Markusevangelium zum Beispiel steht vorher: "Amen, ich sage euch, unter euch stehen einige, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie die Herrlichkeit Gottes haben kommen gesehen." Das sind Dialektiken von Verborgenheit, Offenheit, Herrlichkeit, Niedrigkeit, Zukunft, Gegenwart, die für die christliche Eschatologie typisch ist. Und ich meine, der 2. Petrusbrief sei in diese Frage engagiert und habe da auch etwas innerhalb
seiner Grenzen zu sagen. Fünfter Punkt, was ist seine Bedeutung im Kanon? Beim 1. Petrusbrief habe ich auch relativ stark ausgeführt, was das bedeutet, katholische Briefe, wie die aufgebaut sind. Der 2. Petrusbrief ist sozusagen der kleine Bruder des 1. Petrusbriefes. Und ohne den 1. Petrusbrief wäre er auch gar nicht in den Kanon reingekommen. Es gibt eine ganze Reihe von christlichen Schriften, die sehr kluge Gedanken haben, die sehr scharfe Kritik üben, die nicht in den Kanon aufgenommen worden sind, auch obwohl sie dann von einer der apostolischen Autoritäten geschrieben sein wollten. Aber dieser ist es. Und ich meine auch mit Recht, wobei es in der Antike immer schon auch Zweifel gegeben hat, ob der jetzt wirklich von Petrus geschrieben worden ist, weil der sprachlich so weit weg von Galiläa ist, um es mal so zu formulieren. Ganz, ganz viele
Fremdworte, ganz elaborierter Code, viele Worte, die nur so in dem 2. Petrusbrief bekommen. Aber im Doppelpack kriegt man den 1. Petrusbrief nicht ohne den 2. Petrusbrief, das heißt nicht ohne die Zeitdiagnostik, und den 2. Petrusbrief natürlich nicht ohne den 1. Petrusbrief, weil wir sonst einen viel zu schmalen Ausschnitt haben. An anderer Stelle will ich jetzt dieses kanonische Spektrum noch erweitern. Und ich darf so persönlich sein, dass ich sage, dass das zu meinen Lieblingsstellen aus dem 2. Petrusbrief gehört, weil es wir nämlich hier eine sehr schöne, verdichtete Theologie und Hermeneutik der Heiligen Schrift haben. Das ist
im 1. Kapitel, noch am Ende des Proömiums, in den Versen 19 bis 21. Und dort schreibt dieser 2. Petrus: "Wir haben das prophetische Wort umso fester, wie wir gut daran tun, es festzuhalten, als ein Licht, das am finstern Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen." Ich bleibe zunächst mal bei diesem Bild: "Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte", aus dem Psalm abgeleitet. Es ist dunkel, ich brauche ein Licht. Wenn ich kein Licht habe, verirre ich
mich. Die kleine, darf ich das mal so sagen, Funzel, die mir den Weg durch die Dunkelheit erlaubt, das ist die Heilige Schrift. Mehr ist sie nicht. Aber das ist sie. Bis der Morgenstern aufgeht. Wenn es taghell ist, brauche ich diese Funzel nicht mehr. "Wenn der Morgenstern aufgeht in euren Herzen": Es geht gar nicht hier um ein Phänomen der Natur, sondern es geht um das, was im menschlichen Herzen geschieht. Wenn hier tatsächlich sozusagen aus der Nacht heraus mit Hilfe der Heiligen Schrift der Moment gekommen ist, in dem es hell ist, ja, dann möchte ich wissen, wer dann noch die Bibel liest. Dann geht es darum zu singen, dann geht es darum zu tanzen, dann geht es darum,
Mahl zu halten, dann geht es darum, sich den Armen zuzuwenden. Ohne dass ich die Bibel gelesen hätte, wüsste ich das gar nicht, dass es diese Momente gibt. Wenn es die Momente gibt, darf ich die Bibel zur Seite legen. Aber diese Stunde wird zu Ende sein. Diese lichten Momente sind begrenzt, und da ist wieder sehr gut, die Bibel zu haben. Also wie ich finde, ein wunderbares Bild, das ist der Sinn der Schrift, das ist das Zeugnis der Prophetie. Und dann geht es weiter. "Deshalb erkennt zuerst keine Prophetie der Schrift die Sache", eigenwillige Auslegung, "denn niemals", ich übersetze jetzt ganz, ganz wörtlich, "denn niemals ist eine Prophetie vom Willen eines Menschen ausgegangen, sondern vom Heiligen Geist getragen haben Menschen von Gott gesprochen." Ein wunderbares Bild, wie ich
finde: "Vom Heiligen Geist getragen haben Menschen von Gott gesprochen." Auf Händen getragen. Von alleine geht es nicht. Aber es sind auch immer die menschlichen Worte, die hier aufgeschrieben worden sind. Inspiration ist hier beschrieben. Inspiration schaltet den menschlichen Verstand nicht aus, sondern ein. Ich finde die richtigen Worte. Ich kann etwas schreiben, was ich sonst nicht gesehen hätte. Das ist das Zeugnis der Heiligen Schrift und eine der größten Kostbarkeiten, die wir im 2. Petrusbrief Gott sei Dank finden können. Also von daher eine erhebliche Bedeutung innerhalb des Kanons. Allerdings, sechster Punkt, Schwächen und Stärken, durchaus auch überschaubares
Gewicht, also ist den anderen Schriften nicht ganz gleichzustellen, um so eine kleine lutherische Differenzierung zwischen kanonischen und bei ihnen apokryphen Schriften, für katholische Kirche sind das ja deuterokanonische Schriften, zu stärken. Das ist richtig. Aber es gibt doch auch neben dem, was ich schon gesagt habe über den Berg der Verklärung und dieses, wie ich finde, formidable Zeugnis der Hermeneutik der Heiligen Schrift, einen berühmten Satz des 2. Petrusbriefes, der Geschichte geschrieben hat und der gleich am Anfang des Proömiums steht und durchaus Kontroversen auslösen kann. Ich lese ihn: "Wie uns seine göttliche Kraft alles zum Leben und zur
Frömmigkeit gegeben hat, durch die Erkenntnis dessen, der uns in seiner eigenen Herrlichkeit und Tugend berufen hat." Das ist jetzt noch nicht die Pointe. Die kommt jetzt. Also göttliche Kraft, alles was wir brauchen ist uns gegeben, ist nicht gerade bescheiden. Ja, es ist sozusagen die gleiche Zuversicht, die wir in vielen anderen neutestamentlichen, auch paulinischen Schriften finden. Und jetzt kommt Vers 4: "Durch die er uns die ehrenvollen und großen Verheißungen geschenkt hat", das ist schon mal nicht ohne. Dann wird diese Verheißung aber qualifiziert, "damit wir durch sie seiner göttlichen Natur teilhaftig werden." Das ist eine Aussage. Das ist eine Aussage, die besonders in der Orthodoxie aufgenommen worden ist, in dem Motiv der Theosis, der Vergöttlichung
des Menschen, ganz kurz formuliert, "Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch vergöttlicht wird." Das ist eine radikale Aussage, die auch durchaus in der westlichen Tradition immer ein paar Fragezeichen produziert hat, nämlich die, ob nicht doch am Ende da des Guten zu viel gesagt worden sei, und müsste man nicht doch den Unterschied, den qualitativ Unterschied zwischen Gott und Mensch darstellen. Jetzt möchte ich mich hier nicht zum Kritiker einer großen orthodoxen Tradition machen und auch nicht zum Kritiker der Kritik dieser orthodoxen Tradition, aber doch sagen, dass die Formulierung des 2. Petrusbriefes in einer besonderen Weise präzise ist, weil er nämlich
eigentlich nicht von Vergöttlichung spricht, sondern sein Leitwort ist koinonia, und das heißt Teilhabe. Und dieses Stichwort koinonia, Gemeinschaft durch Teilhabe, ist eines, das wir aus der Paulus-Tradition kennen, das mit Jesus Christus verbunden ist, die Gemeinschaft mit Jesus Christus prägt, auch die Gemeinschaft untereinander, die im Abendmahl, in der Eucharistie, sich verdichtet. Immer geht es dabei um einen bestimmten Punkt, nämlich, dass Gott Gott bleibt und der Mensch Mensch bleibt, nicht in dem Maße, wie die Distanz zwischen ihnen wächst und gewahrt wird, sondern in dem Maße, wie die unendliche Nähe qualifiziert wird. Gott bleibt Gott, der Mensch bleibt Mensch,
aber zwischen beiden entsteht um Gottes Willen, Gott sei Dank, kein Konkurrenzverhältnis, sondern eine Beziehung, die Teilhabe bedeutet. Menschen nehmen an der göttlichen Natur teil. Das heißt nicht, dass sie Götter werden, aber das heißt, dass Gott sich ganz und gar öffnet in seinem Heilswillen, um es systematisch auszudrücken, für die Menschen. Das hat der 2. Petrusbrief gesagt. Wenn ich da nach Sachparallelismen oder Sachparallelen suche, dann sind das johanneische Formulierungen: Der Vater ist im Sohn, der Sohn ist im Vater, die Gläubigen, die Jünger sind im Sohn und dadurch in Gott. Auch das sind nicht räumliche Metaphern. Die zeigen, der Sinn der Heilsvermittlung ist nicht, dass es am Ende eine Kluft, einen letzten
garstigen schmalen Graben gibt, um es mal Lessing zu karikieren, zwischen Gott und Mensch, sondern Gemeinschaft, Verbundenheit. Das ist das Ziel der Heilsgeschichte. Das sagt der 2. Petrusbrief, das hat die Orthodoxie meines Erachtens verstanden und das nimmt sie mit diesem Petrusbrief sozusagen weit in die Geschichte hinein. Lehrreich, wie ich finde, auch für die katholische Kirche, für die evangelische Kirche. Das ist sozusagen ein starker Punkt. Und der zweite, dass man in der Eschatologie tatsächlich auch eine Antwort auf die Frage, was hat sich eigentlich geändert,
finden kann. Aber eine Antwort, die das Gottsein Gottes klar macht: Tausend Jahre sind wie einen Tag, und ein Tag ist wie tausend Jahre. Das ist den Psalmen abgeleitet. Eine geniale Formulierung, die der zweite Petrusbrief einfach aufgreift und in diese Situation hineinführt und dann zu erkennen geben kann, du Mensch bist nicht der, der darüber die letzten Kriterien definiert, wo Gott ist und wo Gott nicht ist. Du kannst vor allen Dingen nicht deine persönlichen Zeitprobleme sozusagen Gott in die Schuhe schieben, sondern du hast die Möglichkeit, aber auch die Aufgabe, dich der verborgenen Gegenwart Gottes, die aber eine Gegenwart Gottes ist, zu öffnen. Das sind die enormen Stärken dieses knappen, schlanken Briefes. Und die Schwächen hatte ich schon genannt. Also diese Maßlosigkeit der Kritik - ja, auf der Metaebene sage ich, ich will es jetzt einfach
versuchen, so zu erklären: Es geht um etwas. Es ist nicht einfach alles gleich. Und die einen denken so, die anderen denken so. Ich bin im Tiefsten meines Herzens kein Rigorist. Aber man muss auch Nein sagen können. Und dass es Punkte gibt, an denen man Nein sagen muss, in denen man sagen muss, entscheide dich so oder so, ja, das sind die heißen Themen. Und dass es solche gibt, das muss sich unsere Gegenwart vielleicht immer etwas stärker erarbeiten. Frühere Generationen haben da vielleicht viel zu früh sozusagen das Fallbeil fallen lassen. Und dann haben auch diese Texte verheerende Wirkung gehabt, weil sie natürlich allen Ketzern sozusagen oder die, von denen man sagte, dass die Ketzer seien, zugeschrieben worden sind. Diese Maßlosigkeit, die ist schon, sagen wir mal, irritierend, ist eine Schwäche. Und das kann nur einfach ausgelöst werden, ausgeglichen werden durch andere Themen. Sonst würde ich eher sagen Grenzen. Also ich kann jetzt sechs Seiten der Bibel nicht
zumuten, dass sie den ganzen Sinn im Kosmos erschließt, sondern da muss es schon mehr geben und da muss man sich auch auf Zentrales konzentrieren können. Was ist der - siebtens - Ertrag für heute? Ich habe ja jetzt diese zentralen Stellen schon ganz kurz ausgelegt und will das nicht wiederholen, sondern ein bisschen auf eine Metaebene gehen. Ein Punkt ist, der Glaube hat eine Geschichte. Und diese Geschichte fesselt nicht, sondern verschafft Orientierung. Das hat dieser 2. Petrusbrief erkannt. Deswegen rückt er den Begriff der Erinnerung nicht ins Zentrum, aber an die
entscheidenden Schaltstellen seines Gedankengangs. Erinnerung heißt Vergegenwärtigung, ein jüdischer Gedanke, der christlich transformiert wird. Bei Platon ist die Erinnerung das Vergegenwärtigen der ewigen Ideen. Und in der Bibel ist die Erinnerung die Vergegenwärtigung dessen, was mit Gottes Hilfe gewesen ist und Zukunft öffnen sollte, Vergegenwärtigung. Und dass es solche Formen der Vergegenwärtigung gibt, auch des Paulus, Jesu, Gottes, das ist die große Leistung. Deswegen ist Geschichte wichtig, weil man dort die Momente findet. Auch die Geschichte des Gottesvolkes Israel ist wichtig, die Geschichte Jesu ist wichtig, die Heilige Schrift ist wichtig, wie ich das darzustellen
versucht habe. Und wir sind jetzt in der neustestamentlichen, ich sage es jetzt so, Literaturgeschichte so vorangeschritten, dass jetzt praktisch auch schon so etwas passiert wie die Selbstkanonisierung neustestamentlicher Schriften. Also wenn man zum Beispiel hier auf alle Briefe des Apostels Paulus schon meint blicken zu können und sagt, also bitte sehr, Respekt, große Weisheit, aber gut auslegen, dann haben die einen ähnlichen Status wie Bücher der Bibel Israels, die eben richtig ausgelegt werden müssen. Also da wächst sozusagen vieles. Der Glaube hat eine Geschichte, das ist letztendlich eine Gottesgeschichte, und deswegen fesselt die Geschichte nicht, sondern sie schafft eine Grundlage. Zweitens, Glaube hat Zeit. Glaube hat Zeit. Es gibt keine Hektik im Glauben. Manche denken das ja so, dass es am Anfang eine riesige Naherwartung gegeben habe bei allen, die dann schwer enttäuscht worden seien. Ich persönlich sehe das etwas anders, aber ich will jetzt gar
nicht diesen Diskurs im Moment führen, sondern nur sagen, also hier ist deutlich, es gibt eine Zeit des Glaubens, und die Zeit des Glaubens ist jetzt. Und zwar immer ist sie jetzt. Nicht nur damals war sie jetzt, sondern heute ist sie ganz genauso, weil es nämlich die Berührung mit Gott gibt und weil es dieses Unbedingte der Zusage des Anfangs gibt. Das gilt, das was da über die Teilhabe an der göttlichen Natur formuliert worden ist, das bezieht sich ja nicht auf eine ferne Vergangenheit, sondern es bezieht sich ja auf die Gegenwart. Glaube hat Zeit, diese Zeit darf aber nicht vergeudet werden, sondern diese Zeit muss genutzt werden. Deswegen muss man zeitsensibel sein, deswegen muss man kritisch sein, deswegen muss man wissen, wo man sich für Gott einsetzt, und dann verändert sich auch die Welt. Und der dritte Punkt: Dieser Glaube, jetzt versuche ich einfach mal die
Polemik auch mitzunehmen, der Glaube braucht Klarheit. Also wischiwaschi ist falsch, man muss Auseinandersetzungen führen können, man muss Klartext reden können, man muss Nein sagen können im Glauben. Und das ist vielleicht dann ein bisschen zu wenig im 2. Petrusbrief ausgedrückt, Nein muss immer das Ja, das eigentlich das Ziel ist, zum Ziel haben. Paulus hat auch Menschen exkludiert aus der Gemeinschaft, aber es waren welche, die andere exkludiert haben. Es ging letztendlich um Inklusion, es ging letztendlich um Einladung, es ging darum sozusagen auf Zeit Menschen auszugrenzen, damit sie aber wieder Mitglied sein können. Das ist zu wenig im 2. Petrusbrief ausgeführt worden. Aber dass Glaube nicht durch Wohlfühlen vernebelt wird, sondern
dass er tatsächlich sozusagen Aufklärung ist und klärend wirken kann, das hat er gesagt und meines Erachtens hat er es auch in dieser Zeitdiagnostik gesagt. Damit bin ich bei meinem letzten Punkt: Warum soll man den 2. Petrusbrief heute lesen? Ja, wegen Petrus. Also, weil das eine faszinierende, gebrochene, aber auch aufmunternde Gestalt ist, der diesen Text nicht geschrieben hat, diesenText historisch nicht geschrieben hat, aber dieser Text bezieht sich auf Simon Petrus und bezieht sich auf das Highlight der Verklärung, das ja für Petrus dann sofort auch ein Tiefpunkt gewesen ist. Das wäre ein zentraler Grund für mich, diese Ansage,
die Zeit zu nutzen, die Frage, wie ich es einleitend formuliert hatte, was hat sich eigentlich geändert, zu transformieren zu wie habe ich mich eigentlich geändert und wie kann ich mich ändern? Das kann in bestimmten Konstellationen zu viel Stress machen. Aber für viele Menschen, die vielleicht auch erfolgreich sind oder in Krisen sind, hat das etwas Aufbauendes. Die Vorgabe von Gott ist so groß, dass es dieses Veränderungspotenzial gibt. Und wenn ich sage Veränderung, dann meine ich, dass Zeit qualifiziert werden kann. Ja, und das letzte, Teilhaber zu sein der göttlichen Natur, das ist eine Aussage, mit der man so schnell nicht fertig wird. Und das ist auch gut so. Und deswegen
ende ich zwar jetzt meine Einführung, aber ich hoffe, dass die intensivere Lektüre des 2. Petrusbriefes beginnt.
2. Petrusbrief | 15.9.2
Da war jemand zu ihnen gekommen. Er hatte ihnen von dem Sohn Gottes erzählt, der ein Reich Gottes auf Erden verkündet hat, der von Menschen getötet und doch wieder auferstanden ist, der nach seinem Tod Menschen erschienen ist. Und sie haben die frohe Botschaft geglaubt, sie beten zu Gott, verehren den Messias, werden verspottet, verachtet und verfolgt.
Und nun? Wo ist das Reich Gottes? Was hat sich verändert, seitdem sie die frohe Botschaft angenommen haben? Diese Fragen haben sich offenbar schon die ersten Gläubigen gestellt. Und sie dürften auch in den zwei Jahrtausenden bis heute immer wieder Christen beschäftigt haben. Eigentlich verständlich, oder? Doch der Verfasser des 2. Petrusbriefs hat scharfe Worte für die Zweifler, die Spötter und jene, die einfache – und falsche – Antworten auf schwere Fragen anbieten. Thomas Söding, katholischer Theologe und Seniorprofessor für neutestamentliche Exegese, seziert auch den zweiten Petrusbrief, erklärt den möglichen Autor, die Adressaten und die Zeit, in der der Brief verfasst wurde. Und er beschreibt den Trost und die Ermutigung, die dieser Brief trotz aller Schimpftirade den Menschen damals ins Leben sprach – und auch uns heute noch.