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Liebes Auditorium, ich freue mich sehr, heute zu Ihnen zu dem Thema "Entstehung und Komposition des Buches Genesis" sprechen zu dürfen. Bevor ich mit meinem Vortrag anfange, habe ich zwei Vorreden, die vielleicht ganz wichtig sind. Das Erste betrifft die Aussprache des Gottesnamens. Wie Sie vielleicht wissen, wird in der jüdischen Tradition der Gottesname nicht ausgesprochen. In den christlichen Bibeln steht dann immer HERR. Und aus Respekt vor der jüdischen Tradition tue ich das in der Regel auch nicht. Es gibt aber jetzt im Folgenden einige Passagen, wo es schon notwendig ist, dass der Gottesname als solcher ausgesprochen ist. Das ist also kein religiöser Gebrauch, sondern ein rein

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wissenschaftlicher. Da lässt sich das nicht vermeiden. Das ist das Erste. Und der zweite Punkt geht schon in Richtung Thema des Vortrags. Eine Vorbemerkung zu der Art der Literatur, mit der wir es hier zu tun haben. Man spricht von Traditionsliteratur. Und das heißt, es handelt sich um anonym überlieferte Tradition, Literatur. Und mit dieser anonymen Überlieferung verbindet sich im Fall der Bibel ein besonderer Geltungsanspruch. Das ist das eine. Und das andere ist eben, dass diese Literatur, diese anonym überlieferte Literatur über Generationen, Jahrhunderte hinweg gewachsen ist. Und das ist ein Umstand, den man sich immer wieder vor Augen führen muss. Die ältesten vollständigen hebräischen Ausgaben, Handschriftenausgaben der Bibel stammen aus dem

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Mittelalter. Es gibt aus der Zeit, das sind die Qumran-Funde, also aus dem zweiten, ersten Jahrhundert der Zeitenwende, Handschriften von Teilen der biblischen Bücher, auch relativ viele. Und ab dem vierten Jahrhundert vor Christus ungefähr beginnt es eben auch mit den antiken Übersetzungen ins Griechische. Also man kennt die Texte, aber wir haben im Grunde genommen kaum Originaltexte. Und heute geht es um die Genesis, um den Pentateuch, die Bücher Mose. Und selbst wenn wir Handschriften aus den Qumran-Höhlen haben, so liegen eben zwischen dem zweiten Jahrhundert vor Christus und der vermeintlichen Zeit der Erzählung, in der die Erzählung spielt, eben viele Jahrhunderte. Also es gibt keine Originaltexte im strengen Sinne. Das hängt zusammen mit dem Material, auf dem die biblischen Texte geschrieben worden sind, Papyrus

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und Pergament. Das sind Materialien, die nicht sonderlich haltbar sind. Und damit ist eben verbunden, dass diese Texte immer wieder neu geschrieben wurden, abgeschrieben wurden, erneuert wurden. Und Abschreiben ist wie Lesen ein produktiver Prozess. Im Zuge des Abschreibens kommt es zu Textänderungen, zu Erweiterungen des Textes, zu Aktualisierungen des Textes und dergleichen. Also wir schauen auf einen Fluss der Traditionsbildung. So weit die Vorrede und damit komme ich jetzt eben zur Entstehung und Komposition des Buches Genesis. Mein Vortrag beginnt mit einer kurzen Einordnung des Buches in dem Kanon. Das ist der erste Punkt. Der zweite Punkt ist ganz kurz zum Namen. Der dritte

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Punkt betrifft die Gliederung des Buches, und der vierte, und das ist der Hauptteil, beschäftigt sich dann mit der Entstehung und Kompositionsgeschichte. Also erstens die Stellung im Kanon. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Dieser Satz, allen bekannt, eröffnet das Buch Genesis. Es ist zugleich der erste Satz der Bibel und von dessen ersten Kanonteil, der in der wissenschaftlichen Sprache üblicherweise als Pentateuch bezeichnet wird. Die jüdische Tradition spricht von der Thora, zu Deutsch in etwa Weisung. In deutschen Bibelübersetzungen reformatorischer Tradition sind die Bezeichnungen "Erste bis Fünfte Buch Mose" und "Gesetz" gebräuchlich. Die Bezeichnung als Gesetz beruht wiederum auf der

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Wiedergabe der hebräischen Thora mit Nomos in der antiken griechischen Übersetzung, der Septuaginta. Das Buch Genesis, um das es ja nun im Folgenden gehen soll, bildet also den ersten Teil eines noch größeren Erzählungszusammenhangs. Und dieser umfasst zunächst einmal den Pentateuch, reicht also von der Schöpfung bis zum Tode Moses am Vorabend der Landnahme. Aber der Erzählungszusammenhang geht weiter, er schlägt einen Bogen bis hin zum Ende Judas und dem babylonischen Exil. Das sind die Bücher Genesis bis Zweite Könige. Und innerhalb dieses Großwerkes erzählt die Genesis die Geschichte vom allerersten Anfang, also der Schöpfung von Himmel und Erde, bis zum Exil der Großfamilie

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Jakobs in Ägypten. Erst dann steht - im Buch Exodus - das Volk Israel im Zentrum. Und damit zu Punkt zwei: der Name. Die hebräische Bezeichnung oder Bezeichnung in der jüdischen Tradition des Buches Genesis lautet Bereschit: am Anfang. Sie nimmt, das ist üblich bei den Buchbezeichnungen im Pentateuch, das erste Nomen des jeweiligen Buches auf. Und im Licht dieser Bezeichnung erscheint die Schöpfungsgeschichte als das prägende Thema des Buches. Es geht um den Anfang. Das gilt auch für die griechische Bezeichnung, die dann ins Lateinische übernommen worden ist, also Genesis, zu Deutsch "Entstehung". Der traditionellen Auffassung, dass die Thora von

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Mose geschrieben wurde, verdankt sich dann die Bezeichnung als das Erste Buch Mose. So viel zunächst einmal zu den Namen. Und damit komme ich jetzt zu einem etwas längeren Teil, zur Gliederung des Buches. Die Genesis gliedert sich in zwei Hauptteile. Das ist zum einen die Urgeschichte in Genesis 1 bis 11, 26 und dann die Erzählung von den Erzeltern, Genesis 11, 27 bis zum Ende von Kapitel 50. Und an dieser Stelle ist eine kurze Erläuterung zur Terminologie angebracht. Traditionell spricht man von den Väter- oder Patriarchen-Erzählungen. Aber nicht zuletzt durch das Beharren feministischer Theologie auf einer genderfairen Exegese hat sich die

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Terminologie gewandelt, um den eigenständigen Anteil der Frauen der Erzväter herauszustellen. Denn auch dort, wo die Mütter Israels, also Sarah, Rebekka, Lea und Rahel, nicht eigens genannt sind, sind sie doch eigenständige Trägerinnen der Verheißungen von Nachkommenschaft. Und sie sind auch mehr als nur Nebenfiguren. Ein besonderes Beispiel ist vielleicht Rebekka. Der ist ja ganz maßgeblich zu verdanken, so die Darstellung in Genesis 27, dass eben Jakob und nicht der von seinem Vater Isaak bevorzugte Esau der Verheißungsträger wird oder bleibt. Und deswegen ist die

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Bezeichnung Erzeltern-Geschichte durchaus angemessen. So weit zur Terminologie. Von der Erzeltern-Erzählung wird dann in der Regel jedenfalls die Josefs-Geschichte in Genesis 37 bis 50 oftmals noch als eine eigene Einheit abgetrennt. Die Josefs-Geschichte wird wegen ihrer besonderen literarischen Gestalt auch gerne als eine Novelle bezeichnet. Diese Gattungsbezeichnung ist streng genommen ein Anachronismus, passt aber trotzdem ganz gut. Eine Novelle ist eine Prosa-Erzählung, die eine unerhörte Begebenheit erzählt. Anders als bei der Sage handelt es sich um ein Ereignis, das durchaus vorstellbar ist und in dessen Zentrum ein Konflikt steht. Im Zentrum der

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Josefs-Geschichte steht der Konflikt zwischen den Brüdern, der Auslöser und dann auch innerer Beweggrund für den Aufstieg Josefs ist. In formaler Hinsicht zeichnet sich eine Novelle durch eine straffe Handlungsführung aus, wobei sie natürlich trotzdem kunstvoll aufgebaut und durchkomponiert ist. Und auch das lässt sich für die Josefs-Geschichte unschwer aufzeigen. Dargeboten wird ein Erzählfaden, der immerhin zehn biblische Kapitel umfasst, mit einem einheitlichen Spannungsbogen, mancherlei Zwischenszenen und retardierenden Momenten und dabei eben eine sehr komplexe psychologische Situation erzählerisch entfaltet. Kurzum, die Josefs-Geschichte ist nochmal ein Stück im Stück und durchaus eine eigene Einheit. Und

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deswegen können wir jetzt zunächst, um auf die Gliederung des Buches zurückzukommen, drei größere Einheiten im Buch Genesis unterscheiden. Noch einmal: die Urgeschichte in Genesis 1 bis 11, die Erzeltern-Geschichten um Abraham und Sarah, Isaak und Rebekka sowie Jakob mit Lea und Rahel in Genesis 12 bis 36 und schließlich die Josefs-Geschichte in den Kapiteln 37 bis 50. Wobei die Erzeltern-Geschichte und die Josefs-Geschichte durchaus eng miteinander verbunden sind. Einmal durch die Handlung - die Wiederbegegnung Josefs mit seinem Vater Jakob und schließlich der Tod Jakobs in Ägypten und die Überführung des Leichnams nach Israel sind

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wichtige Ereignisse innerhalb der Josefs-Geschichte - und natürlich auch durch die handelnden Personen. Sie verbinden die Josefs-Geschichte eben sehr stark mit der Erzeltern-Geschichte. Wenn wir jetzt sozusagen einen Schritt zurücktreten und die Genesis als Ganzes betrachten, dann wird man unschwer, glaube ich, zu dem Eindruck kommen, dass die Urgeschichte gegenüber der Erzeltern-Geschichte relativ eigenständig ist, denn sie behandelt Themen, die die ganze Menschheit betreffen, weshalb ihre Protagonisten, also Adam und Eva, Kain und Abel, Lamech, Noah und seine Söhne und so weiter und so fort, für die gesamte Menschheit stehen. Als Beschreibung eines jeder Geschichte

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vorausliegenden Urgeschehens stellt die Urgeschichte eine in sich geschlossene Größe dar und sie ist auch in der Folgezeit immer wieder als solche rezipiert worden. Aber auch wenn die Urgeschichte die allgemeinen Menschheitsthemen anspricht, also: Warum sind wir sterblich, warum gibt es Schönes und Schreckliches in unserem Leben, warum müssen wir arbeiten, warum ist die Mühe vergeblich und so weiter und so fort - das sind ja allgemeine Menschheitsthemen und allgemeine Menschheitserfahrungen. Also auch wenn die Urgeschichte die, wie man sagt, Conditio humana erzählt, so handelt es sich dann doch nicht um die Welt und den Menschen im Allgemeinen, sondern stets um die Konkretion dieser allgemeinen Begriffe, also um die vorfindliche

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Welt der Erzähler und der intendierten Erstleser. Und das heißt eben für unseren Text, für die biblische Urgeschichte: Alles wird in der Perspektive einer wie auch immer zu bestimmenden Größe Israel dargestellt. Ich erläutere das an einem Beispiel. Schon die Schöpfung der Welt in sechs Tagen und der Gottesruhe am siebten Tag ist nach der Struktur des Sabbats ausgerichtet. Auch wenn der Sabbat selbst ein Privileg Israels ist und deswegen nicht explizit erwähnt wird, so ist er eben doch schon in die Schöpfungsordnung eingelenkt. Zweites Beispiel: Noahs Arche ist eigentlich kein richtig schwimmfähiges Schiff, sondern stellt die Schöpfung im Kleinen dar,

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ist aber zugleich von den Maßen, vom Aufbau her nach dem Modell des späteren Jerusalemer Tempels gestaltet. Der Jerusalemer Tempel wiederum nimmt in seiner Architektur die Ordnung der Schöpfung auf. Das heißt, es gibt - und das ist gut altvorderorientalische Theologie - eine Beziehung, eine enge Beziehung zwischen der Schöpfung auf der einen Seite und dem Heiligtum auf der anderen Seite. Und das Ganze - die Schöpfung wird bewahrt in der Arche - bildet sich eben auch in der Gestaltung von Schöpfungsordnung, Arche und Tempel ab. Schließlich: Sem, Ham und Japhet sind die Söhne Noahs, die mit ihrem Vater, ihrer namenlosen Mutter und ihren ebenfalls namenlosen Frauen die Flut überleben und von denen es dann im Anschluss an die Flut heißt: "Diese drei sind

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die Söhne Noahs und von ihnen aus bevölkerte sich die ganze Erde." Dieser Gedanke wird in der Völkertafel entfaltet und wird dann in einer Genealogie fortgeführt. Das interessante ist eben, dass diese Genealogie sich dann eben auf Sem fokussiert und hinausläuft auf Terach, der wiederum dann der Vater Abrahams ist. Also wir sehen - es ist wie in einer Filmaufnahme -, die Erzählung, die Genealogien fokussieren sich immer mehr auf Israel oder auf die Vorfahren Israels hin. Also am Ende der biblischen Urgeschichte steht die spezielle Geschichte des Auszugs der Vorfahren Israels aus Ur in Chaldäa, und damit läuft die Urgeschichte in ihrer

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vorliegenden Gestalt auf die mit Genesis 12 einsetzende Ursprungsgeschichte Israels hinaus. Dieser Zusammenhang lässt sich besonders deutlich an einem Gliederungsmerkmal aufzeigen, nämlich der sogenannten Toledot-Formel. Die lautet übersetzt: "Dies sind die Toledot - oder Zeugungen - von ...", und dann kommt eben ein Name. Diese Formel trägt ihren Namen nach dem hebräischen Wort toledot, zu Deutsch "Familiengeschichte" oder "Genealogie", und sie begegnet das erste Mal am Ende des Schöpfungsberichtes beziehungsweise am Anfang der Paradieserzählung. Sie trennt also Schöpfungsbericht als Prolog von der mit der Paradieserzählung einsetzenden Geschichte der Menschheit. Dort heißt

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es: "Dies sind die Toledot von Himmel und Erde, als Gott sie erschaffen hatte." Und dann wird aber diese Formel im Fortgang immer wieder aufgegriffen und unterteilt die Ereignisfolge dann in die Zeugungen Adams, "dies sind die Toledot Adams" in Genesis 5, dann kommen die Toledot Noahs in Genesis 6, die Toledot der Söhne Noahs in Genesis 10 und die Toledot Sems in Kapitel 11. Und nach dieser Gliederung in diese Genealogien endet die Urgeschichte eben mit den Nachkommen des Noah und mit den auf Abraham hinauslaufenden Toledot - Zeugungen - Terachs. Das ist dann der nächste Gebrauch der Formel am Ende von Kapitel 11, da beginnt dann nahtlos die Geschichte der Erzeltern Israels.

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Und auch in dieser Geschichte begegnet die Gliederung durch die Formel, da heißt es dann: "Dies sind die Zeugungen Israels" in Genesis 25, "Dies sind die Zeugungen Isaaks" in Genesis 25, etwas weiter hinten: "Dies sind die Zeugungen Esaus", zweimal in Genesis 36, und "Dies sind die Zeugungen Jakobs" in Genesis 27. Und weil Jakob eben den Ehrennamen Israel erhält und eben auch der Vater seiner zwölf Söhne ist, die gleichzeitig die Ahnherren der zwölf Stämme Israels sind, ist die Geschichte des Volkes Israel dann eben in die Toledot des Vaters Jakob eingereiht. Das heißt, anhand dieser Formeln sieht man einen genealogischen Aufbau des Buches Genesis, der eben mit der Schöpfung einsetzt und dann bis zur Volkswerdung Israels reicht. Ferner zieht sich als

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eine weitere Verbindung das mit dem Schöpfungsbericht anhebende Thema von Mehrung und Segen wie ein Leitmotiv zunächst durch die Urgeschichte - die Vermehrung der Menschheit - und dann durch die nachfolgende Geschichte der Erzeltern und die Gründungsgeschichte des Volkes Israels. Nach der Menschenschöpfung segnet Gott den Menschen und setzt ihn als seinen Beauftragten zum Herrscher über die Erde und ihre Lebewesen ein, Genesis 1. Nach der Flut segnet er den Menschen abermals und richtet seinen Bund mit ihm auf, Genesis 9. Und das Motiv von Segen und Bund wird dann mit Blick auf Abraham und seine Nachkommen aufgegriffen und entfaltet. Gott offenbart sich Abraham und richtet seinen Bund mit ihm und seinen Nachkommen auf. Abraham wird zum Vater vieler

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Völker, vor allem aber wird er zum Ahnherren des Volkes Israel, dem dann die Bundeszusage und die Verheißung von Gottes Gegenwart und Landgabe gelten. Und auch Jakob werden Fruchtbarkeit und Segen zugesprochen, die sich dann für Israel in Ägypten realisiert. Also wir haben eine ganze Reihe von Motiven, Gliederungssignalen, die mit der Urgeschichte, im Grunde genommen mit dem Schöpfungsbericht, einsetzen und dann Stück für Stück sich konzentrieren, fokussieren auf die Geschichte des Volkes Israel. Wir treten noch einen Schritt zurück und schauen noch einmal auf die Urgeschichte, denn dann lässt sich dort jetzt mal ganz unabhängig von dem, was ich Ihnen eben gerade erzählt habe, noch eine andere Gliederung und Abgrenzung erkennen. Und zwar können wir in

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Analogie zu einigen Literaturwerken des Alten vorderen Oriens eine zweite Gliederungsebene erkennen, in der der Mythos vom Uranfang die Epochen Schöpfung und Flut umfasst. Und das ist, sagen wir, eine ganz andere Darstellungsebene, die jetzt vielleicht mit Israel nicht ganz so viel zu tun hat wie diejenige, die ich Ihnen eben entfaltet habe. Und auf dieser Ebene kommt auch in der Bibel die Darstellung der Anfänge schon mit dem Ende der Sintflut an ihr - wenn auch vorläufiges - Ziel. Und auf dieser Ebene der Urgeschichte sind die auf die Fluterzählung folgenden Begebenheiten

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Begebenheiten einer Zwischenzeit zwischen Urgeschichte und der Vorgeschichte des Volkes Israels. Und dadurch sind diese Geschichten in einer ganz eigentümlichen Spannung. Auf der einen Seite sind sie noch urgeschichtlich, weil hier noch die ganze Menschheit betroffen ist. In der Turmbauerzählung etwa handelt sogar noch die eine Menschheit, die ist das handelnde Subjekt. Und auf der anderen Seite weisen diese Erzählungen aber schon auf die Geschichte hin. Ein Beispiel dafür ist die nicht so bekannte Erzählung von Noah und seinen Söhnen, in denen Noah, von der Sintflut völlig erschöpft, den Weinbau erkennt, die Folgen des Weingenusses noch nicht so richtig im Griff hat, sich betrunken in sein Zelt zurückzieht. Und einer der drei Söhne, nämlich Ham, sieht seinen Vater

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betrunken im Zelt liegen und mokiert sich darüber. Und das ist eine Entehrung des Vaters. Und diese Entehrung des Vaters führt dazu, dass Noah, nachdem er wieder aufwacht und von den Geschehnissen erfährt, Ham verflucht. Aber er verflucht Ham nicht direkt, sondern dessen eigentlich noch gar nicht geborenen Sohn Kanaan. Also der Enkel Noahs und Sohn des übergriffigen Sohnes Ham wird für die Tat seines Vaters verflucht, was schon an sich eine ziemlich wilde Geschichte ist. Interessant für uns ist, dass hiermit in der Urgeschichte ein Konflikt sozusagen präfiguriert vorweggenommen wird, der dann die ganze spätere Darstellung der Geschichte Israels immer wieder betrifft,

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nämlich der Konflikt mit Kanaan. Also hier wird in der Urgeschichte bereits ein Thema angeschlagen, was eigentlich gar nicht mehr in die Urgeschichte gehört, sondern eigentlich in der Geschichte Israels spielt. Also lange Rede, kurzer Sinn: Auf dieser zweiten Darstellungsebene in der biblischen Urgeschichte haben wir ganz nach dem Modell des Alten vorderen Orients einen Mythos vom Uranfang, der die beiden Pole Schöpfung und Flut umfasst, und dann eben eine Zwischenzeit, die dann auf die Vorgeschichte Israels hinausläuft. Warum erzähle ich das so breit? Ich erzähle es deswegen so breit, weil Fragen der Gliederung und Textabgrenzung in den biblischen Büchern oder - wenn wir mal den Pentateuch insgesamt als Erzähleinheit nehmen - innerhalb der biblischen Erzählwerke nie einfach

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und eindeutig sind. Und das hängt eben auch mit der Entstehungsgeschichte der biblischen Bücher und Erzählwerke zusammen. Und das möchte ich nun im Folgenden skizzieren, wobei ich mich zunächst grob an der Forschungsgeschichte und dann an den in der Forschungsgeschichte aufgeworfenen Hauptproblemen orientiere. Das scheint mir der beste Weg zu sein, um nicht gänzlich den Überblick zu verlieren. Und damit komme ich jetzt zum vierten und längsten Punkt dieser Vorlesung, nämlich der Entstehungsgeschichte des Buches Genesis. Die Pentateuch-Forschung hat im 18. Jahrhundert mit der Analyse des ersten Buches Mose eingesetzt. Und dies hat bis heute spürbare Auswirkungen auf die

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literarhistorische Analyse des Pentateuchs als Ganzem wie auch auf die Analyse seiner einzelnen Bücher und damit eben auch des Buches Genesis. Dass die Frage nach Quellen oder Erzählschichten im Buch Genesis nicht ohne einen Seitenblick auf das gesamte Erzählwerk beantwortet werden kann, liegt, glaube ich, auf der Hand. Es handelt sich schließlich eben um ein großes Erzählwerk mit übergreifenden Handlungsbögen. Weniger offenkundig und in der Forschung entsprechend häufig unterbestimmt ist indessen, wie sehr die Ausgangsfragen der Pentateuch-Forschung die Forschungsansätze späterer Generationen präfiguriert haben, und zwar auch dort,

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wo sich diese Fragestellungen deutlich verschoben haben, und sogar auch dort, wo die ursprünglichen Fragestellungen überhaupt nicht zur Kenntnis genommen werden. Das will ich kurz erläutern. In ihren Anfängen ist die Pentateuch-Forschung ganz von der Frage nach der Autorschaft des Pentateuchs bestimmt, also von der Frage: Hat Mose die ersten fünf Bücher Mose geschrieben? Mit dem Einzug des historischen Denkens in die Theologie und dem Ablösungsprozess vom Dogma der Verbalinspiration, die ungefähr zeitlich gleich liegen, ließ sich für die Bücher Exodus bis Deuteronomium, also zweites bis fünftes Buch Mose, ja immerhin noch auf den Gedanken von Moses Zeitgenossenschaft verweisen. Exodus 2 setzt mit der Geburt Moses

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an und dann wird er sehr schnell groß, und von dort an ist er, so die Erzählung, ja Zeitzeuge des Berichteten. Für das Buch Genesis und die dort geschilderte Zeit vor Mose drängte sich jedoch eine andere Erklärung fast wie von selbst auf. Mose konnte sich für die in der Genesis erzählten Geschehnisse auf die Berichte von Zeitzeugen stützen. Und so wurde aus dem inspirierten Autor Mose der kundige Historiker Mose, der neben seinen eigenen Berichten über die Dinge, die er selbst erlebt hatte, eben auch auf die überlieferten Dokumente aus ältester Zeit zurückgreifen konnte, diese gesammelt, redigiert und dann eben auch zusammengestellt hat. Und mit diesem Paradigmenwechsel

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war die wirkmächtige Suche nach den Urkunden oder Quellen eröffnet, also 18. Jahrhundert. Jean Astruc, gestorben 1766, eigentlich nur im Nebenberuf Bibelwissenschaftler, im Hauptberuf Arzt, der zwei bedeutende Werke zur Frauenheilkunde geschrieben hat und erst im Dienste des polnischen Königs stand und dann Leibarzt von Ludwig XV. wurde. Jean Astruc, also der Ahnherr aller Urkundenhypothesen, erklärt die Entstehung des Buches Genesis mit der Annahme der Verbindung von zwei durchlaufenden und zehn weiteren nur fragmentarisch erhaltenen Urkunden, die der um Vollständigkeit bemühte Mose fein säuberlich in vier Kolumnen nebeneinandergestellt habe. Erst im

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Zuge der späteren Redaktion, also nach dem Tode Moses, seien diese Kolumnen zusammengeschoben worden, wobei es dann zu den chronologischen Unstimmigkeiten, den Wiederholungen von Erzählungen und vor allem dem Wechsel der Gottesbezeichnungen Gott, hebräisch Elohim, und eben dem Tetragramm JHWH gekommen sei. Auf diese Weise konnte Jean Astruc die Mosaizität des Pentateuchs historisch plausibilisieren. Er vermochte zudem Widersprüche und Dubletten zu erklären und schließlich Mose von dem Vorwurf freizusprechen, nachlässig oder fehlerhaft gearbeitet zu haben. Das haben dann die Späteren gemacht, die Moses Werk, die vier Kolumnen, dann einfach ineinandergeschoben haben.

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So, jetzt könnte ich Ihnen gerne die nächsten 200 Jahre der Pentateuchs-Forschung referieren. Es ist eines der aufregendsten Kapitel der Theologiegeschichte, zumindest in meiner vielleicht etwas, wie soll man sagen, voreingenommenen Wahrnehmung. Aber ich springe 250 Jahre weiter, also in die Jetztzeit. Gut 250 Jahre später hat die Forschung die Vorstellung von Mose als Autor oder Kompilator von Quellen längst aufgegeben, wobei man fairerweise feststellen muss, dass bereits zur Zeit von Jean Astruc die Mosaizität des Pentateuchs sehr umstritten gewesen ist. Gleichwohl dominieren aber, anders als in den übrigen Schriften der hebräischen Bibel, im Bereich des Pentateuchs weiterhin

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Urkundenhypothesen. Sie scheinen irgendwie zur DNA der Pentateuch-Forschung zu gehören. Dies kann eine Verengung des Blickwinkels zur Folge haben. Es ist ein wenig wie im Law of Instruments, das dem Psychologen Abraham Maslow zugeschrieben wird: "If you're a hammer, everything looks like a nail." Oder für die Genesis formuliert: Wer Urkunden sucht, seit 250 Jahren, erklärt jede Auffälligkeit in den Texten mit einer Urkundenhypothese. Eine Forschungsrichtung, die von Anfang an Urkunden sucht, fragt erst an zweiter Stelle oder vielleicht auch gar nicht nach der Möglichkeit, ob Wiederholungen wie die dreifache Erzählung von der Gefährdung der Patriarchen durch sexuelle

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Übergriffe seitens fremder Herrscher - also Sarah und der Pharao in Genesis 12, Sarah und Abimelech in Genesis 20, Rebekka und Abimelech in Genesis 26 - keine Parallelüberlieferung verschiedener Quellen sind, sondern das Ergebnis einer kommentierenden Ergänzung oder einer gewollten literarischen Gestaltung. Ich komme auf die drei Erzählungen später noch mal zurück. Jean Astruc hatte seine Suche auf die vormosaische Zeit beschränkt, also den Textbereich der Weltschöpfung in Genesis 1 bis Moses Geburt in Exodus 2. In der Folgezeit wurde dann aber das am Buch Genesis entwickelte Urkundenmodell auf die übrigen Bücher des Pentateuchs übertragen. Und dies hatte zur Folge, dass sich mit dem Begriff der Urkunde - bei Jean Astruc ja schon noch eine historische Quelle -

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die Vorstellung von durchgehenden, den gesamten Pentateuch umfassenden Quellenschriften und Geschichtsbüchern verbunden hat. Auch in dieser Hinsicht haben die Anfänge der Pentateuch-Forschung im 18. Jahrhundert die weitere Forschung nachhaltig geprägt. Bis in die Gegenwart gilt das Buch Genesis und hier wiederum die Urgeschichte in Genesis 1 bis 11 vielfach als Paradigma für den gesamten Pentateuch, und zwar selbst dann, wenn der Textbefund deutlich gegen eine Übertragung dieses Quellenmodells auf die übrigen Bücher des Pentateuchs spricht. Die schon bei Jean Astruc aufkeimende Ansicht, dass ein einseitig verfolgter Erklärungsansatz den komplizierten literarischen Verhältnissen im Pentateuch nicht gerecht wird, konnte und kann so leicht aus dem Blick geraten.

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So besteht die Gefahr, dass ein an einem bestimmten Text bewährtes Entstehungsmodell das Ergebnis der Analyse anderer Texte vorherbestimmt und sachgemäßere Erklärungen von vornherein ausgeschlossen werden. In der Regel wird dieser Gefahr dadurch begegnet, dass die Vertreter einer Urkunden-, einer Ergänzungs- oder einer Fragmentenhypothese jeweils auch Elemente konkurrierender Erklärungsmodelle integrieren. Ich mache einen Sprung nochmal zurück ins 19. Jahrhundert. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts trat die vor allem von drei Forschern - nämlich Karl Heinrich Graf, Abraham Kuenen und Julius Wellhausen -

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begründete neuere Urkundenhypothese ihren Siegeszug an. Sie hatte bis in die 1970er Jahre eine nahezu unhinterfragte Gültigkeit. Die neuere Urkundenhypothese geht für den Bereich Pentateuch - und ursprünglich auch Josua - von vier ehedem selbstständigen Literaturwerken aus. Es sind dies der im Südreich Juda im 9. Jahrhundert beheimatete Jahwist, der etwas jüngere Elohist aus dem Nordreich Israel des 8. Jahrhunderts, das in seinen Anfängen mit der Reform des Königs Josia in Verbindung stehende Buch Deuteronomium aus dem 7. Jahrhundert und die frühnachexilische Priesterschrift aus dem 6. Jahrhundert. Der Jahwist verdankt seine Bezeichnung der durchgängigen Verwendung des Tetragramms,

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während der Elohist bis zur Offenbarung des Gottesnamens in Exodus 3 die Gattungsbezeichnung Elohim, zu Deutsch Gott, verwendet. Diese vier Quellen, also Jahwist, Elohist, Deuteronomium und Priesterschrift, seien von Redaktoren in einem mehrstufigen Prozess zusammengearbeitet und dabei auch eigentständig erweitert worden. Ihre besondere Überzeugungskraft gewann die Hypothese dadurch, dass Wellhausen eine literarische Analyse mit einer religionsgeschichtlichen These verband, indem er den Nachweis führte, dass die erkannten Quellenschriften bestimmte Stadien der Geschichte und Kultgeschichte des antiken Israel repräsentieren.

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Hinzu kommt, dass es sich um eine schlanke und in der Darstellung Wellhausens auch sehr elegante Hypothese handelt, die mit wenigen Annahmen die Entstehung eines so komplexen Literaturwerks wie dem Pentateuch in ihren Grundzügen erklären kann. Auch wusste Julius Wellhausen, dass die Konzentration auf vier Hauptquellen und ihre schrittweise Verbindung im Prozess des literarischen Wachstums stark vereinfacht. Es handelt sich eben um ein Modell. In der Folgezeit - und jetzt sind wir am Ende des 19. Jahrhunderts und am Beginn des 20. Jahrhunderts - wurde versucht, diesen Prozess mit den Mitteln der Literarkritik immer präziser zu erfassen. Diese Versuche führten indes zu keinem befriedigenden und allgemein anerkannten Ergebnis, sodass

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Gerhard von Rad im Jahr 1938 sich und seinen Zeitgenossen eine gewisse Erschöpfung bescheinigte. Ich zitiere ganz kurz: "Man wird nicht sagen können, dass die theologische Erforschung des Hexateuchs" - also Pentateuch und Josua - "sich in unseren Tagen in einer Krise befinde. Viel eher ließe sich behaupten, dass ein Stillstand eingetreten ist. Was die Analyse der Quellenschriften anbelangt, so liegen Anzeichen vor, dass hier ein Weg zu Ende gegangen ist. Was die Untersuchung der Einzelstoffe anlangt, so kann freilich nicht in gleicher Weise gesagt werden, dass ungefähr alles getan sei, was zu tun war. Aber auch hier ist es stiller geworden, sodass man hinsichtlich des Hexateuchs

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wohl ohne Übertreibung von einer Forschungsmüdigkeit namentlich unter den Jüngeren reden kann." Gut drei Jahrzehnte später beschloss Gerhard von Rad die letzte Auflage seines Genesis-Kommentars dann mit einer seither vielfach zitierten Forderung nach einer - ich zitiere - "umfassenden Neuanalyse des pentateuchischen Erzählungsgutes, deren wir dringend bedürfen". Also 1938: "Hier ist ein Weg zu Ende gegangen, ein Stillstand ist eingetreten, es ist eigentlich alles gesagt, und das, was noch zu sagen wäre, interessiert keinen." 1970: "Wir bedürfen dringend einer Neuanalyse." Und dann fragt man sich natürlich, was innerhalb dieser

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drei Jahrzehnte geschehen ist. Unmittelbarer Anlass - und das ist auch der Ort, wo diese letzte Bemerkung herstammt - für die Forderung nach einer Neubewertung des Quellenbefundes war die Analyse der Josefs-Geschichte in Genesis 37 bis 50. Und Sie erinnern sich, ich hatte Ihnen ganz zu Anfang ja schon mal kurz dargelegt, dass die Josefs-Geschichte aufgrund ihrer literarischen Gestalt schon eine Größe eigener Art im Ganzen der Genesis darstellt. Die Josefs-Geschichte galt lange Zeit als Kronzeuge für die Scheidung in die Quellen Jahwist und Elohist. Und im Unterschied zu dieser klassischen Quellenscheidung bescheinigte Gerhard von Rad der von ihm als Novelle bezeichneten Josefs-Geschichte, dass sie sich deutlich von den

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Erzeltern-Erzählungen abhebt und eine, ich zitiere ihn noch mal, "von Anfang bis Ende organisch aufgebaute Erzählung ist, von der kein Einzelabschnitt je als gesondertes Überlieferungsgut eine ehedem selbstständige Existenz gehabt haben kann". Trotz dieser Einschätzung, dass wir es in der Josefs-Geschichte eben mit einem geschlossenen Literaturwerk zu tun haben, hielt Gerhard von Rad an der Quellenscheidung in der Josefs-Geschichte und darüber hinaus fest. Andere würden sagen, er hat die Konsequenzen seiner Einsicht gescheut oder nicht gesehen. Fairerweise muss man sagen, dass diese Auflage des Kommentars, von dem ich hier spreche, erst ein Jahr nach seinem Tode erschienen ist. Insofern erübrigt sich dann auch jegliche Spekulation, wie von Rad die Sache weiter angegangen wäre. Jedenfalls fest steht:

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Von Rads Charakterisierung der Josefs-Geschichte als literarisches Meisterwerk lässt sich kaum noch mit ihrer Aufteilung auf einen Jahwisten und Elohisten vereinbaren. Und sollten sich nun in der Josefs-Geschichte die beiden Quellen, Jahwist und Elohist, nicht nachweisen lassen, dann hat die Urkundenhypothese ein massives Problem, weil die Josefs-Geschichte eben die Verbindung von der Genesis und den Erzeltern-Erzählungen hin zum Buch Exodus darstellt. Und deswegen ist es dann in der Folgezeit auch zu ganz eigenwilligen Nothypothesen gekommen, etwa dass die jetzige Josefs-Novelle einen älteren Übergang ersetzt hätte und dergleichen mehr. Aber Sie sehen, hier bricht ein Problem auf, das sich eben der Neubewertung des Erzählstoffes verdankt. Nun war es aber nicht

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allein der Befund zur Josefs-Geschichte, der zu dieser Krise, der sogenannten Krise der Pentateuch-Forschung, seit den 70er Jahren geführt hat. Und wenn wir jetzt - und das ist dann auch der nächste Teil meiner Ausführungen - nach weiteren Gründen für die massive Infragestellung des bisherigen Konsenses fragen, dann sind mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Buches Genesis vor allem vier Punkte von Interesse, auf die ich im Folgenden eingehen möchte: Erstens die Verbindung der einzelnen Überlieferungen zu größeren Erzählwerken. Zweitens die Bestreitung der Existenz einer elohistischen Quellenschrift. Drittens der ursprüngliche Charakter der priesterschriftlichen Texte. Und viertens das theologische und

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literarische Profil der jahwistischen Texte. Und damit komme ich zu fünftens: neue und alte Fragen. Der erste Punkt ist überschrieben mit "Die Genesis ist eine Sammlung von Sagen". So lautet nämlich der berühmte Eingangssatz aus Hermann Gunkels Genesis-Kommentar aus dem Jahre 1910. Aus der Bestimmung der einzelnen Erzählungen - also etwa der Erzählung von Sodom und Gomorra oder der Turmbauerzählung und so weiter und so fort - als Sagen ergeben sich zwei Fragen mit weitreichenden Konsequenzen. Die Sage ist die mündliche Form der geschichtlichen Überlieferung. Damit war erstens die Frage nach der mündlichen Vorstufe des Textes und ihrer Verschriftung gestellt.

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Ferner sind Sagen Einzelüberlieferungen, die für sich stehen und auch entsprechend überliefert werden. Die Anordnung der Sagen in einer bestimmten Erzählfolge ist demnach nicht durch die Sage selbst vorgegeben, sondern beruht auf dem Gestaltungswillen desjenigen, der die Sagen zusammengestellt hat. Und damit ist zweitens die Frage gestellt, wie es zu ihrer Verbindung zur Pentateuch-Erzählung gekommen ist. Hermann Gunkel hatte die Quellen Jahwist und Elohist als Erzähler-Schulen charakterisiert, welche die mündlichen Volksüberlieferungen gesammelt und verschriftet haben. Gerhard von Rad war aber nun der Ansicht, dass diese Auskunft

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die, wie er meinte - und das hat er auch zu Recht festgestellt -, große Zielstrebigkeit und Bindung der Einzelstoffe an ganz wenige Grundgedanken nicht erklären kann. Vielmehr sei - und jetzt bezieht er sich auf die jahwistische Erzählung - sei die jahwistische Erzählung eine Entfaltung des sogenannten kleinen geschichtlichen Credos. Ich lese den Text ganz kurz vor, er steht in Deuteronomium 26 und es handelt sich um eine Anweisung zur Abgabe von Erntegaben. Da heißt es: "Und wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, als Erbbesitz gibt, und wenn du es in Besitz nimmst und dich darin niederlässt, dann sollst du etwas von der ersten Ernte aller Früchte des Bodens nehmen, die du einbringen wirst von dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt. Du

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sollst es in einen Korb legen und du sollst an die Stätte gehen, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, und du sollst zu dem Priester gehen, der zu jener Zeit dort sein wird, und zu ihm sprechen" - und jetzt kommt der Credotext: "Ich bezeuge heute dem HERRN, deinem Gott, dass ich in das Land gekommen bin, das uns zu geben der HERR unseren Vorfahren geschworen hat. Und der Priester soll dann den Korb aus der Hand nehmen und dann sollst du bekennen vor dem HERRN, deinem Gott: Ein verlorener Aramäer war mein Vater und er zog hinab nach Ägypten und blieb dort als Fremder mit wenigen Leuten, und dort wurde er zu einer großen und starken zahlreichen Nation. Die Ägypter aber behandelten uns schlecht und unterdrückten uns und auferlegten uns harte Arbeit. Da schrien wir zum HERRN, dem Gott unserer Vorfahren, und der HERR hörte unser Schreien und sah unsere Unterdrückung, unsere Mühsal und unsere Bedrängnis. Und der HERR führte uns heraus aus

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Ägypten mit starker Hand, mit ausgestrecktem Arm, mit großen und furchterregenden Taten, mit Zeichen und Wundern. Und er brachte uns an diesen Ort und gab uns dieses Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen." Und dann soll der Betreffende seine Erntegaben abgeben. Also ein Glaubenskenntnis, kleines geschichtliches Credo, das herausragende Ereignis der Heilsgeschichte referiert. Und von Rad war nun der Ansicht, dass dieses Glaubensbekenntnis, das kleine geschichtliche Credo, die Blaupause für den jahwistischen Erzähler dargestellt hat, nach der er das ihm irgendwie überlieferte Sagenmaterial angeordnet hat. Und genauer ging er davon aus, dass sich mit diesem Credo das vorstaatliche Israel bei einem Wochenfest in Gilgal die grundlegenden Themen seiner

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Heilsgeschichte vergegenwärtigt habe, und der Jahwist habe dann eben in salomonischer Zeit das Credo um die im Bundesfest in Sichem beheimatete Sinai-Tradition erweitert, die Vätergeschichte aufgebaut, die Urgeschichte vorgeschaltet und so weiter und so fort. Also langer Rede kurzer Sinn: Nach von Rad steht am Anfang das Credo, und die Ausführung und Erweiterung des Credos um andere Inhalte gibt dann das jahwistische Geschichtswerk. Und diesem jahwistischen Geschichtswerk sei es um den Nachweis gegangen, dass das salomonische Reich die Erfüllung aller Verheißungen Gottes an Israels gewesen ist. So weit der Jahwist. Martin Noth - etwa zeitgleich - hat dann diese These dahingehend modifiziert, dass er die Entstehung der Pentateuch-Erzählung auf den Prozess

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des Zusammenwachsens der Überlieferungen und ihrer Trägergruppen zu einem sakralen Stämmebund zurückgeführt hat. Also beide, von Rad wie Noth, verbinden die Zusammenführung dieser Einzelsagen nach Gunkel mit der These, dass es institutionelle Bedingungen gegeben habe, die eben dazu geführt haben, dass jetzt die Traditionen zusammengeführt wurden, ausgeführt wurden und so weiter. Und der stärkste Punkt dieser, wenn man so will, Reformulierung der neueren Urkundenhypothese ist die institutionelle Verortung der Literaturwerdung der alten Stoffe, also wie es von der Sage zur Quellenschrift gekommen ist. Noch einmal etwas anders formuliert: Für Wellhausen und seine

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Zeitgenossen war der Jahwist einfach ein Schriftsteller. Dann hat aber Gunkel entdeckt, dass die einzelnen Geschichten ursprünglich Sagen waren, und damit stellt sich eben die Frage nach der Verbindung der Sagen. Und das geht nicht ohne Konzept, und jetzt fragen von Rad und Noth, was sozusagen der Hintergrund dieser Vereinigung der verschiedenen Überlieferungen gewesen ist. Und da kommt jetzt die Idee des Credos beziehungsweise des Stämmeverbandes in die Debatte. Und das ist eigentlich ein sehr starkes Argument. Aber das Problem dabei ist: Gerade hier haben sich die grundlegenden Annahmen nicht halten lassen. Weder die These eines sakralen Zwölf-Stämme-Bundes noch die Rekonstruktion eines Wochenfestes in Gilgal und eines Bundesfestes in Sichem haben sich bewährt. Also um die Diskussion etwas abzukürzen, weil es eigentlich auch jetzt

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nicht unser Thema ist: Die postulierten Feste sind recht freihändige Konstruktionen aus relativ späten Texten. Auch kennt die biblische Darstellung der vorstaatlichen Zeit kein den zwölf Stämmen gemeinsames zentrales Heiligtum. Also die These, dass die Verknüpfung der Stoffe der Pentateuch- Erzählung bereits in vorstaatlicher Zeit im Rahmen kultischer Begehungen erfolgt ist, die kann eben als gründlich widerlegt gelten. Das ist der erste Punkt. Wie sind die Einzelüberlieferungen zum Großwerk geworden? Großes Fragezeichen. Zweiter Punkt: Der Elohist als Erzähler - ein Irrweg der Pentateuchkritik. Die Annahme einer elohistischen Quellenschrift galt schon früh als

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Schwachpunkt der neueren Urkundenhypothese. Der Elohist hat weder einen richtigen Anfang noch ein richtiges Ende. Auch bieten die als elohistisch bezeichneten Texte keinen durchgehenden Erzählfaden und geben auch keine einheitliche theologische Konzeption zu erkennen. Bereits Wellhausen hielt eine präzise Quellenscheidung zwischen J und E vielfach für undurchführbar. Gleichwohl rekonstruierte er einen elohistischen Quellenfaden, in dem er, von einigen Textblöcken ausgehend, nach den vorauszusetzenden Verbindungsstücken zwischen diesen Textblöcken fragte. Und schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde dieses Verfahren als - Zitat - "Irrweg der Pentateuchkritik"

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bezeichnet. Und es wurde die Gegenthese vertreten, dass die elohistischen Stücke teils zum Jahwisten gehören, teils spätere Ergänzungen zum Jahwisten sind. Dass sich dieser Vorschlag nicht durchgesetzt hat, lag vor allem an dem massiven Widerspruch von Martin Noth. Martin Noth erklärte den eigenwilligen Erhaltungszustand der elohistischen Texte damit, dass er sagte: Der Elohist ist eben in den Jahwisten eingearbeitet worden und dabei habe man eben nur Teile aufgenommen, und dieses Gesamtgebilde aus Jahwisten und Elohisten ist dann wiederum in die Priesterschrift eingearbeitet worden. Und auch da habe man nicht alles übernommen, sodass - wie in der Homöopathie - der Elohistenstrang immer weiter verdünnt wurde. Und aus diesem Grund hat man dann in der Folge - weil es eben zu einem solchen

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Textverlust gekommen sei - dann auch gerne von Fragmenten einer elohistischen Quellenschrift gesprochen. Langfristig konnten sich diese Fragmente aber dem Sog einer Ergänzungshypothese kaum entziehen. Und das heißt, die elohistischen Texte werden - Ausnahmen gibt es immer - weithin eben nicht mehr als Fragmente einer Quellenschrift, sondern als Ergänzungen zu den anderen Texten betrachtet. Und das zeigt sich auch am Schicksal der beiden klassischen Argumente für eine Quellenscheidung zwischen Jahwist und Elohist, nämlich zum einen dem alternierenden Gebrauch der Gottesbezeichnungen Elohim-El und des göttlichen Eigennamens sowie der Wiederholung

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einzelner Erzählungen. Der Wechsel der Gottesbezeichnungen wird von Kritikern der These eines Elohisten als nicht stichhaltig zurückgewiesen und in seiner Bedeutung als Kriterium für eine Quellenscheidung auch von Vertretern der These eines Elohisten mehrheitlich stark relativiert oder abgelegt. Ich gebe ein Textbeispiel, und zwar die Erzählung von Jakobs Traum von der Himmelsleiter in Genesis 28, 10 bis 22. Dieser Text war für die Herausbildung der These eines Elohisten von grundlegender Bedeutung, aber es lässt sich zeigen - und wie ich meine, sehr schön zeigen -, dass der Wechsel zwischen Elohim und dem Tetragramm intendiert ist. Die Leser, die sich dem Text nähern, wissen von vornherein, dass es sich um eine Erscheinung

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des Gottes Jahwe handelt, und dementsprechend wird auf der Ebene des Erzählers, die sich an den Leser richtet, eben auch das Tetragramm benutzt. Jakob auf der Ebene der Handlung erkennt dies erst im Laufe seines Traumes. Er sieht zunächst himmlische Wesen, in dem Zusammenhang begegnet die Bezeichnung Elohim, auf der Treppe auf und ab steigen. Erst als sich der Gott Israels mit seinem Namen vorstellt, weiß er, welche Gottheit an dem ihm bislang unbekannten Heiligtum gegenwärtig ist. Weil nun die Erzählung die Gründungslegende für das Heiligtum in Beth-El, wörtlich Haus Gottes, ist, spricht er nach dem Aufwachen vom Haus Gottes und gebraucht dabei

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Beth-Elohim. Der eigentliche Clou der Erzählung liegt aber darin, dass Jahwe, der Gott - Elohim - Jakobs ist. Und jetzt in aller Kürze, glaube ich, wird sehr schön deutlich, dass sich diese Erzählung eben nicht auf zwei Fäden aufteilen lässt. Und vor allen Dingen lässt sie sich nicht anhand des Wechsels zwischen Tetragramm und der Gattungsbezeichnung Elohim durchführen, sondern der Wechsel ist intendiert, weil es hier um die Identifizierung Jahwes als Gott Jakobs geht. Zweites Beispiel: Wiederholungen von Erzählungen. Ich hatte ja vorhin schon auf die Erzählungen von der Gefährdung der Patriarchin durch sexuelle oder mögliche sexuelle Übergriffe seitens fremder Herrscher aufmerksam gemacht. Dass Wiederholungen von Erzählungen nicht notwendig

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auf parallele Erzählfäden im Sinne der neueren Urkundenhypothese zurückgeführt werden müssen, lässt sich am Beispiel der Erzählung von der Gefährdung der Patriarchin zeigen. Die Erzählung hatte ich ja vorhin schon einmal erwähnt. Dreimal wird die Episode erzählt, einmal die Gefährdung Rebekkas und Sarahs durch Abimelech. Sie werden in der neueren Urkundenhypothese auf die Quellen Jahwist und Elohist verteilt und gelten als Dubletten. Die dritte gilt dann als Variante innerhalb des Jahwisten. Also zunächst einmal können wir festhalten: Offenkundig kann der Plot einer Erzählung auch innerhalb eines Literaturwerkes mehrfach aufgenommen werden, ohne dass gleich von Dubletten gesprochen werden muss. Was nun die vermeintlich elohistische Abimelech-Episode anbelangt, so handelt es sich bei Genesis 20 um eine späte Reflexion darüber, ob es auch in der

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Fremde Gottesfurcht gibt. Ich paraphrasiere ganz kurz die Erzählung. Also Sarah und Abraham kommen zu Abimelech, suchen dort Schutz. Man sieht, wie schön Sarah ist. Sarah wird in den Harem des Abimelech verbracht. Und bevor Abimelech sich jetzt Sarah, also seiner Neuerwerbung, zuwenden kann, hat er einen Traum, in dem Gott ihn warnt und sagt, er soll seine Finger von Sarah lassen, denn Sarah sei verheiratet und er würde große Schuld auf sich laden und die Existenz seines Volkes gefährden, und darüber hinaus werde auch noch allen Frauen im Königtum Abimelechs, wie es heißt, "der Schoß verschlossen". So weit, so gut - oder eben nicht gut. Abimelech wacht am

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nächsten Morgen auf, ist vergleichsweise verärgert und fragt, was es mit Sarah auf sich hat. Ihm wird berichtet und dann lässt er Abraham zu sich rufen. Und dann macht Abimelech dem Abraham zu Recht große Vorwürfe und sagt: "Warum hast du gesagt, sie ist deine Schwester? Ich hätte sie ja niemals in den Harem aufgenommen. Weißt du, in welchem Maße du mich und mein Volk gefährdet hast?" Und dann sagt Abraham - er gibt zu, dass er da falsch gehandelt hat, handelt dann noch so ein bisschen rum, na ja, irgendwie ist sie ja auch meine Schwester über Terach und so weiter - aber entscheidend ist: "Ich dachte, es gibt keine Gottesfurcht an diesem Ort." Und die Frage, ob es im Ausland Gottesfurcht gibt, die eben ein derartig übergriffiges Verhalten von vornherein ausschließt, das ist eine typische Diaspora-Situation. Also was geschieht hier? Hier wird eine ältere

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Erzählung, nämlich die Gefährdung von Sarah beim Pharao beziehungsweise von Rebekka bei Abimelech, aufgegriffen. Der Plot ist den Lesern und Leserinnen dieses Textes bekannt, aber anhand dieses Plotes wird eine Konstellation, eine Problembestellung durchgespielt, die eben für die Zeitgenossen der Autoren über die intendierten Leser von erheblicher Relevanz ist, nämlich: Wie kann man als gefährdete Minderheit im Ausland in der Diaspora überleben? Und gibt es dort so etwas wie Gottesfurcht? Und erstaunlicherweise sagt diese Geschichte ausgerechnet am Beispiel eines Philisterkönigs - die Philister sind ja über die Geschichtsdarstellung hinweg nicht so richtig gut beleumundet in der biblischen Darstellung - ausgerechnet am Beispiel des Abimelech wird eben dargetan: Ja, es gibt

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Gottesfurcht. Im Grunde genommen handelt Abimelech im Vergleich zu Abraham wesentlich korrekter als der Ahnherr Israels. Und das heißt, die Episode von Sarah und Abraham bei Abimelech in Genesis 20 schöpft aus den vermeintlichen Dubletten in Genesis 12 und 26, setzt bei ihren Lesern die Vertrautheit mit beiden Texten voraus. Und das lässt sich eben wesentlich besser damit erklären, dass wir es hier mit so einer Art späterer Kommentierung, Neuaufnahme des Plotes haben und nicht mit einer Parallelüberlieferung. Das spricht eben gegen die Existenz einer Quellenschrift - an dieser Stelle zumindest -, sondern eher für die Vorstellung, dass hier Texte

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hinzugewachsen sind. Der dritte Punkt: Weder Quelle noch Redaktion - die janusköpfige Priesterschrift. Die Aussonderung der Priesterschrift gilt weithin als einer der wenigen Fixpunkte innerhalb der Pentateuch-Forschung, da die Bestimmung der im weitesten Sinne zur Priesterschrift gehörigen Texte seit Theodor Nöldeke vor 150 Jahren so gut wie unstrittig ist. Also eine Hypothese mit einer wirklich langen Haltbarkeitsdauer, was die Aussonderung dieser Texte anbelangt. Nun unterscheidet sich das natürlich alles im Detail, aber das erspare ich Ihnen jetzt. Wichtiger ist ein anderer Punkt, der auf ein doch nicht unerhebliches Problem

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aufmerksam macht. Bis in die 70er Jahre herrschte ein Konsens dahingehend, dass es sich bei der Priesterschrift um eine ehedem selbstständige und nahezu vollständig erhaltene Quellenschrift handelt. Dieser Konsens wurde dann aber in den 70er Jahren aufgekündigt durch einmal Frank Moore Cross aus Harvard und Rolf Rendtorff aus Heidelberg, die beide dafür plädierten, dass P. eine Redaktion gewesen sei, die ältere Schriften in ihr Werk integriert hat. Dieser Position haben sich eine Reihe von Forschern und Forscherinnen angeschlossen, wenngleich auch die Forschungsmehrheit an der klassischen Position einer ehedem selbstständigen Priesterschrift festhält. Ich

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würde meinen, dass der Befund in der Tat ambivalent ist, und das lässt sich nun gerade am Buch Genesis aufzeigen. In der Urgeschichte, Genesis 1 bis 11, bietet die Priesterschrift einen zusammenhängenden und vollständigen Text mit einem klaren theologischen und kompositorischen Profil. Ebenso lässt sich - also das betrifft etwa den Schöpfungsbericht, der sich deutlich abheben lässt von der Paradieserzählung - das durchlaufende Ineinander der priesterschriftlichen und nicht-priesterschriftlichen Passagen in der Fluterzählung, also Genesis 6 bis 9, am besten mit einem Quellenmodell erklären. Beide Fädenversionen haben einen ähnlichen Plot, weichen dann aber in Details ab, etwa was die Zahlenangaben anbelangt und wo man schon sagen

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kann: Kein Bearbeiter hätte sich diese Ungenauigkeiten in den Nebenzügen, die auch keinerlei redaktionelles Interesse verraten, erlaubt. Also für die Urgeschichte kann man sagen, dass die klassische Position - die Priesterschrift ist sozusagen ein selbstständiges Werk - durchaus die einfachere Erklärung bietet, die plausiblere Erklärung bietet. Mit Genesis 12 ändert sich das total. Die priesterschriftlichen Texte in der Erzeltern-Erzählung und in der Josefs-Geschichte bieten, denke ich, für sich genommen keine selbsttragende Erzählung und wirken ohne Kenntnis der Stoffe der nicht-priesterschriftlichen Überlieferung unvollständig. Und das ändert sich

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dann aber abermals in der Exodus-Erzählung, in den ersten 14 Kapiteln des Buches Exodus, in der das theologische Profil der priesterschriftlichen Darstellung, also die Berufung Moses, Plagen und Auszug, erst dann richtig erkennbar wird, wenn man die anderen Texte sozusagen außer Acht lässt. Und dann ist das Ganze so ein bisschen wie bei der Zeichnung des kleinen Prinzen von der Schlange, die den Elefanten verschluckt hat. Also mal hat man einen ganz schmalen Streifen, und dann gibt es immer so Ausbuchtungen, wo die Priesterschrift ganz viel Text hat, und dann kommt wieder ein ganz dünner Faden und dann wird es wieder umfangreicher. Und deswegen kann man erwägen, ob es sich bei der Priesterschrift um eine Art Kompositionsschicht

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gehandelt hat, die ihre eigenen Traditionen - etwa in der Urgeschichte oder in der Exodus-Erzählung - zunächst für sich formuliert hat und dann, sagen wir, mit den älteren nicht-priesterschriftlichen Texten verbunden hat. Und angesichts des extrem spärlichen priesterschriftlichen Textbestandes in Genesis 12 bis 50 - die einzige Ausnahme ist im Grunde genommen Genesis 17, also der Bundesschluss mit Abraham - ließe sich sogar überlegen, ob die Priesterschrift in diesem Bereich die nicht-priesterschriftlichen Darstellungen oder die nicht-priesterschriftlichen Erzählungen ihrer Darstellung zugrunde gelegt hat. Aber auch hier bestätigt sich das, was ich ganz am Anfang schon mal berichtet habe, dass eigentlich kein Erklärungsmodell für alle Texte gleich gut

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funktioniert, sondern dass man wirklich auf die einzelnen Textzusammenhänge achten muss. Dann am Rande noch ein weiteres Problem, was sich mit der Priesterschrift wiederum in der Genesis verbindet, und das ist eine Frage der Chronologie. Nach der neueren Urkundenhypothese ist die Priesterschrift die jüngste Quellenschrift und gehört in die Zeit um die Einweihung des zweiten Tempels, also nach dem babylonischen Exil im ausgehenden sechsten Jahrhundert vor Christus. Nun fällt aber auf, dass die Priesterschrift sich zum Teil einer sehr archaischen Sprache bedient, weshalb sie immer wieder in die Zeit der Monarchie datiert wird, so insbesondere in Teilen der israelischen und der nordamerikanischen Forschung. Daran ist richtig beobachtet, dass die in der Priesterschrift

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dargestellten Rituale und deren Vorstellungen zum Teil in der kultischen Praxis des ersten Tempels wurzeln. Gleichwohl lässt sich aber - zumindest meiner Meinung nach - nicht verkennen, dass die Priesterschrift eine Reihe sprachlicher und sachlicher Berührungen mit dem Deuteronomium, Deutro-Jesaja und mit Ezechiel aufweist und damit dann doch in eine spätere Zeit gehört. Die Priesterschrift setzt etwa die im spätvoerexilischen Deuteronomium geforderte Zentralisierung des Kultes voraus. Der schon von der Priesterschrift in Genesis 1 vertretene Monotheismus findet sich im Alten Testament sonst erstmals in Texten des Deutro-Jesaja, und auch der

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Universalismus des priesterschriftlichen Schöpfungsberichts oder der Völkertafel in Genesis 11 gehört eher in die geistigen und politischen Verhältnisse der Perserzeit. Insofern stellt die Priesterschrift vermutlich das über Jahrhunderte gewachsene und dann in frühnachexilischer Zeit zum Text geronnene Priesterwissen dar. Damit komme ich zum vierten Punkt, nämlich dem nur schwer fassbaren Jahwisten. Im Gebäude der neueren Urkundenhypothese bewohnte der Jahwist stets die Belle Etage. Er hatte, so Gerhard von Rad, ein Werk geschaffen, das als eine der größten Leistungen der Geistesgeschichte aller Zeiten gelten darf. Gemeinsam

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mit den Geschichten über den Aufstieg und die Thronfolge Davids sei das Werk des Jahwisten Ausdruck eines geschichtlichen Denkens, das das antike Israel lange vor den Griechen entwickelt und zu einer ganz eigenständigen Form gebracht habe. In all dem sei der Jahwist ein Zeugnis der freigeistigen Ära Salomos. Nun ist es so, dass in der gegenwärtigen Diskussion mit Blick auf die Texte, die herkömmlich dem Jahwisten zugeschrieben werden, nahezu alles zur Disposition steht, Alter und Umfang, innere Kohärenz und theologische Konzeption. Und deswegen ist es so, dass der Name Jahwist zwar in den in den einschlägigen Fachartikeln oder Lehrbüchern immer noch existiert, aber doch sehr unterschiedliche Größen sich hinter diesem Namen verstecken. Gemeinsamer Nenner ist

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allenfalls die Annahme, dass es sich um den ersten Gesamtentwurf einer Pentateuch-Erzählung gehandelt hat. Besonders einschneidend ist der Wandel in der Datierung. So hat, um jetzt ein paar Namen zu nennen, John Van Seters für die Mehrzahl der in Genesis 12 bis 25 erhaltenen Überlieferungen von Abraham herausgearbeitet, dass sie aus exilischer Zeit stammen. Abraham, der außerhalb des Pentateuchs erstmals bei Ezechiel und Deutero-Jesaja, also zwei exilischen Propheten, erwähnt wird, sei eine Identifikationsfigur für das exilische Israel. Die Väterverheißungen sind nicht der Niederschlag von Erfahrungen aus der nomadischen Frühzeit Israels, vielmehr handelt es sich um geschichtstheologische Reflexionen, die auf die

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Erfahrungen des Exils reagieren und einem deprimierten Volk neue Zuversicht geben sollen. Der Jahwist, so Van Seters, sei ein Historiker nach dem Beispiel griechischer Geschichtsschreiber wie Herodot oder Hellanikos von Lesbos, der in exilischer Zeit die verschiedenen Gründungsüberlieferungen Israels zusammengestellt habe. Und sein Werk sei dann später von priesterschriftlichen Bearbeitern redigiert worden. Ähnlich, aber dann auch wieder ganz anders, stellt sich Christoph Levin den Jahwisten vor. Für ihn ist der Jahwist ein in der Diaspora wirkender Redaktor, der in seinem Werk verschiedene ältere Quellen verarbeitet hat. Und gerade in den Erzählungen von den Erzeltern polemisiert er gegen die Forderung des Deuteronomiums, Jahwe nur an dem einen Heiligtum

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zu verehren. Stimmen John Van Seters und Christoph Levin nun mit der älteren Forschung darin überein, dass der erste Gesamtenwurf des Pentateuchs auf den Jahwisten zurückgeht, so wurde in jüngerer Zeit auch dies massiv infrage gestellt. Für das Buch Genesis betrifft dies die Urgeschichte und die Verbindung mit der Exodus-Erzählung. Die große thematische und kompositorische Geschlossenheit der herkömmlich zum Jahwisten gerechneten Texte in Genesis 1 bis 11 einerseits und ihre eher sehr lockere Verbindung zu der jahwistischen Vätergeschichte andererseits hat zur These einer ursprünglich selbstständigen nicht-priesterschriftlichen Urgeschichte geführt. Andere wiederum führen die herkömmlich zum Jahwisten gerechneten Texte auf eine Redaktion zurück, die sogar nachpriesterschriftlich

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sei und die Urgeschichte der Priesterschrift ergänzt habe. Nur um ein Beispiel zu nennen: In Genesis 1, ein priesterschriftlicher Text, endet der Schöpfungsbericht mit der Feststellung: "Siehe, es war alles sehr gut." Und wenn man dann im priesterschriftlichen Text weitergeht, landet man erst bei der Genealogie der Söhne Abrahams in Genesis 5 und dann gleich bei der Sintflut. Und die Idee ist, dass man gesagt hat, eine spätere, midraschartige Erweiterung habe die Paradieserzählung und vor allen Dingen die Erzählung von Kain und Abel hinzugefügt, um zu begründen, wie denn aus der sehr guten Schöpfung eine Schöpfung werden konnte, von der es heißt, "sie ist verderbt", was dann zur Sintflut gehört. Und daraus wird dann eben geschlossen, dass es sich bei diesem Text Genesis 2 bis Genesis 4 um eine spätere Bearbeitung der Priesterschrift handelt. Ich finde das nicht überzeugend, aber es zeigt eben, wie sehr sich

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die Forschung hier im Umbruch befindet. So weit, so gut - oder eben nicht so gut. Jedenfalls sollte deutlich geworden sein, wie sehr die Forschungssituation sich in den letzten mittlerweile 50 Jahren geändert hat, sodass man den Eindruck haben könnte, was die Entstehungsgeschichte dieser Texte anbelangt, sei kein Stein auf dem anderen geblieben. Und damit komme ich jetzt zum letzten Punkt meiner Vorlesung, den ich etwas ratlos überschrieben habe mit: Sechstens: Und nun? Die Forschung ist zurzeit von einem Konsens weit entfernt, wenn es um die Entstehung des Pentateuchs

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und damit auch des Buches Genesis geht. In der angelsächsischen, insbesondere der nordamerikanischen Forschung wird weiterhin vielfach die Urkundenhypothese vertreten. Hingegen werden in der kontinentaleuropäischen Forschung neben verschiedenen Spielarten einer modifizierten Fassung der neueren Urkundenhypothese zunehmend solche Modelle vertreten, die mit kleineren und größeren Kompositionen rechnen, die unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten entstanden sind und durch redaktionelle Klammern zu immer größeren Einheiten verbunden wurden. Und dann gibt es auch noch die im Einzelnen wiederum sehr unterschiedlichen synchronen Zugänge, die im Allgemeinen unter dem englischen Begriff

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Literary Criticism subsummiert werden. Das ist eine Forschungsrichtung, die zunächst aus den English Departments stammt, also aus literaturwissenschaftlichen Einrichtungen, und ihnen ist gemeinsam, dass sie die biblischen Texte als einheitliche literarische Werke betrachten und eine historische Dimension in der Regel diesen Ansätzen fehlt. Stattdessen werden die Texte, auch wenn die Spannungen wahrgenommen werden, in ihrer vorliegenden Gestalt als Kunstwerke begriffen, wobei die inneren Strukturmerkmale und literarischen Strategien des Textes selbst im Fokus stehen und externe, historische Daten bei der Interpretation keine Rolle spielen. Das ist ein ganz anderer Zugang.

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Er ist für eine historisch orientierte Forschung gleichwohl von sehr großem Interesse, weil nämlich diese Arbeiten den Blick für die Eigenarten biblischer Erzähltöpfe öffnen und zeigen, dass nicht jede Wiederholung und vermeintliche sprachliche Unebenheit von vornherein auf eine literarische Naht hinweisen muss. Und angesichts der Vielzahl der verschiedenen Zugänge könnte es jetzt als kühn erscheinen, mit einem Ausblick über mögliche Quellen und Schichten Redaktionen im Buch Genesis zu schließen. Gleichwohl lassen sich aus dem Gang der Diskussion einige Einsichten gewinnen, die, wie ich meine, Konturen eines Bildes zu erkennen geben oder zumindest helfen, Sicheres von Unsicherem zu unterscheiden und offene Fragen zur Entstehung des Buches Genesis

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zu identifizieren. Wichtig ist die schon früh aufgekommene Einsicht, dass weder der Pentateuch als Ganzes noch das Buch Genesis über einen Leisten geschlagen werden können. Zu Recht integrieren Vertreter einer Urkundenergänzung oder Fragmenten-Hypothese jeweils auch Elemente der konkurrierenden Modelle. Darüber hinaus ist in entstehungsgeschichtlicher Hinsicht zwischen den Großabschnitten der Urgeschichte, der Erzeltern-Erzählungen und hier zwischen Erzählungen um Abraham, Isaak und Jakob und der Josefs-Geschichte zu unterscheiden. Für die Urgeschichte hat sich die Zwei-Quellen-Theorie, eine priesterschriftliche und eine nicht-priesterschriftliche Version, grundsätzlich bewährt. Das beste

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Beispiel ist meines Erachtens nach wie vor das Nebeneinander von Schöpfungsbericht und Paradieserzählung und die eben nicht miteinander vereinbaren Vorstellungen über den Vorzustand der Welt, über die Art der Menschenschöpfung, über den Zeitpunkt der Menschenschöpfung und so weiter und so fort. Es scheint mir, dass hier die Zwei-Quellen-Theorie greift. Es ist unverkennbar, dass die priesterschriftlichen Texte in Genesis 1 bis 11 Teil eines größeren Entwurfs der Geschichte Israels sind. Das hatte ich vorhin am Beispiel des Sabbats, am Beispiel der Schöpfungsordnung und des Tempelbaus ausgeführt. Ein Teil eines Entwurfs, der zumindest bis zur Offenbarung Gottes an Sinai gereicht hat. Was die nicht-priesterschriftlichen Texte oder

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die nicht-priesterschriftliche Version der Urgeschichte anbelangt, so spricht meines Erachtens einiges für die Annahme einer ehedem selbstständigen Komposition um die beiden Pole Schöpfung und Flut. Dieser Textbereich zeichnet sich aus durch ein sehr intensives Verhältnis von Querbeziehungen, die eben nicht über diese beiden Pole hinaus reichen. Und dort, wo Verbindungen in den Fortlauf der Geschichte gezogen werden, lassen diese sich dann doch vergleichsweise leicht von der Erzählsubstanz lösen. So weit zur Urgeschichte. Der älteste Bestand der Erzeltern-Erzählungen findet sich in der Jakob-Esau-Laban-Erzählung in Genesis 25 bis 33. Diese Jakobs-Geschichte ist ursprünglich im Nordreich Israel beheimatet. Das geht allein schon aus den

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lokalen Haftpunkten der einzelnen Erzählungen hervor. Es ist auch wichtig zu sehen, dass die Erzählung im Grunde genommen mit Beth-El und der Heiligtumsgründung in Beth-El, also einem Staatsheiligtum im Bereich des ehemaligen Nordreichs, beginnt und dort auch wieder ihr Ende findet. Jakob ist der Eponym, der Ahnherr des Nordreichs, weswegen er eben auch den Namen Israel erhält. Diese Jakobs-Geschichte wurde mutmaßlich nach dem Fall des Nordreichs im Jahre 722 v. Chr., also nach der Eroberung Samarias durch das Neuassyrische Reich, nach der Zerstörung des Nordreichs in den Süden gelangt

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und wurde mit den dort beheimateten Erzählungen um Isaak und Abraham verbunden. Es ist auffällig, wenn wir uns jetzt den Textbestand nochmal im Einzelnen anschauen, dass die auf Genesis 26 konzentrierte Isaak-Erzählung größtenteils Varianten zu Erzählungen von Abraham und Sarah bietet, wobei bei der Gefährdung der Patriarchin, also Genesis 12 und 20 (das wäre Abraham) und Genesis 26 (das wäre Isaak und Rebekka), und dem Vertrag mit Abimelech um Brunnenrechte (Genesis 21: Abraham, Genesis 26: Isaak) die Priorität bei Isaak liegen dürfte. Vermutlich hat also Abraham

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als die später beliebtere und bedeutendere Figur diese Geschichten an sich gezogen. Den Kern der Abraham-Erzählungen bilden die Erzählungen um Abraham und Lot. Abraham und Lot gehörten geografisch in das Gebiet von Hebron, also auf judäisches Territorium. Und jetzt ist die Frage, wie diese Erzählungen miteinander verbunden worden sind. Ich war da ja vorhin schon mal darauf eingegangen. Und hier hängt jetzt wiederum sehr viel am Detail. Sollte der Aufbruchsbefehl in Genesis 12 (und das ist umstritten) von vornherein zum Kern der Erzählungen um Abraham und Lot gehört haben, dann handelt es sich bei diesen Erzählungen von vornherein um einen Vorspann um die Erzählungen von Jakob, sie wären also sozusagen aus der Perspektive des Südreichs

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Juda den aus dem Norden stammenden Erzählungen um Jakob vorgeschaltet worden. Ich gebe nur ein Beispiel, um diesen zugegebenermaßen nicht ganz leichten Sachverhalt sich so ein bisschen vor Augen zu führen. In Genesis 12 wird die Reiseroute Abrahams und Lots berichtet, die eben in Ur in Chaldäa aufbrechen und dann in das Land Kanan ziehen. Und bei der Reiseroute fällt auf, dass diese Reiseroute mehr oder weniger derjenigen Jakobs entspricht. Und besonders auffällig ist, dass Abraham bei all dem nicht nach Bethel gelangt, sondern zwischen Ai und Bethel gelangt. Und dann fragt man sich natürlich, was soll diese Angabe? Wenn man aber sozusagen das

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Ganze der Erzeltern-Erzählungen in Betracht nimmt, dann leuchtet das sofort ein, denn der Ort Bethel wird ja erst von Jakob in Genesis 28 entdeckt. Und dadurch, dass die Verfasser dieser Erzählung Abraham zwischen Ai und Bethel lagern lassen, wird auf der einen Seite Abraham mit Bethel in Verbindung gebracht, aber der Entdeckung des Heiligtums durch Jakob kommt er nicht in die Quere. Und so entsteht schon ein in sich plausibles Ganzes. Wenn also Genesis 12 - das eben von vornherein auch Jakob mit im Blick hatte - zum Kern der Abraham-Erzählungen gehört hat, dann liegt es nahe, davon auszugehen, dass dieser ganze Bereich sich vielleicht auf ältere

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Überlieferungen berufen kann, also etwa die Sage von unerkannten reisenden himmlischen Wesen, die dann bei Abraham auftauchen, gastlich bewirtet werden und deswegen Abraham belohnen, in diesem Fall mit der Verheißung eines Sohnes - in der griechischen Variante dann bei Philemon und Bauces eben mit der Verheißung eines langen Lebens und gemeinsamen Todes der Gastgeber. Also das kann man annehmen. Wie dem auch sei - ob nun Abraham rein vorgeschaltet worden ist, ob es einen Kern von der Abraham-Erzählung gegeben hat und dieser Erzählkranz um Abraham und Lot erst mal für sich bestanden hat und dann eben nachträglich mit Jakob verbunden ist -

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deutlich ist: Der Kern liegt in diesen Erzählungen um Abraham und Lot und Sodom und Gomorra. Der Hauptbestand der Erzählungen um Abraham verdankt sich jedenfalls sehr späten Auffüllungen und setzt die Verbindung mit den Erzählungen um Jakob bereits voraus. Und die hohe Attraktivität der Gestalt Abrahams als Identifikationsfigur in nachexilischer Zeit zeigt sich dann an vielfältigen späten Ergänzungen, wie etwa der umfangreichen Darstellung der Brautwerbung um Rebekka. Hier reist der Knecht Abrahams durch die bekannte Diaspora, um dann eine angemessene Braut für Abrahams Sohn Isaak zu finden. Hier sind ganz andere Verhältnisse vorausgesetzt, die schon in die Perserzeit gehören. Es zeigt sich an den Fürbitten Abrahams für Sodom im Genesis 18.

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Die Frage, ob denn Gott eine Stadt wegen der Ungerechtigkeit vernichtet bzw. wegen der Gerechtigkeit von wenigen nicht bewahren sollte, reflektiert die Situation der Zerstörung Jerusalems. Oder Abimelech - Genesis 20, das hatten wir vorhin - hier geht es um die Frage: Gibt es Gottesfurcht außerhalb Israels oder gar bei Philistern? Und schließlich auch die Bindung oder Opferung Isaaks, die ja die Frage, ob Gott seiner Verheißung an Abraham und damit an Israel treu bleibt, sozusagen bis auf das Äußerste zuspitzt und steigert. Das sind Problemkonstellationen, die eher in die Zeit des zweiten Tempels gehören. - Kommen wir noch einmal zur Josefs-Geschichte. Die

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durch und durch novellistische Geschichte von Josef und seinen Brüdern in Genesis 27 bis 50 ist in ihren Ursprüngen, meine ich, eine selbstständige Erzählung, die zunächst einmal unabhängig von der Erzeltern-Erzählung, aber auch unabhängig von der Exodus-Erzählung überliefert worden ist. Die literarischen Verknüpfungen nach vorn und hinten sind sämtlich das Werk späterer Editoren. Wer für die Verbindungen der Großabschnitte dann nun verantwortlich ist - also wir hätten die Erzeltern-Erzählungen, die in sich aber auch schon gewachsen sind, die Urgeschichte, die Josefs- Geschichte und dann noch mal den priesterschriftlichen Großfaden -,

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das ist derzeit in der Forschung sehr umstritten. Mutmaßlich wird es sich auch nicht lösen lassen. Ist dies, das wäre die Frage, noch vor der Verbindung mit der Priesterschrift der Fall gewesen - das wäre dann, so wie vorhin referiert, bei John Van Seters oder Christoph Levin der Fall - oder hat die Priesterschrift erst die verschiedenen Blöcke in ihr Werk integriert? Das wäre die Hypothese, der ich zuneigen würde. Oder dritte Möglichkeit: Geht die Verbindung auf einen Redaktor zurück, der die Priesterschrift mit diesen nicht-priesterschriftlichen Literaturwerken verbunden hat? Schwierig zu bewerten ist schließlich auch der Befund zur Priesterschrift in der Genesis. Das hatte ich ja vorhin schon gesagt. Es ist eben möglich, dass die ehedem selbstständige Priesterschrift nur eine sehr reduzierte Version der Erzeltern-Erzählungen und der Josefs-Novelle

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geboten hat und bei ihren Lesern die Bekanntschaft mit den anderen Texten bereits voraussetzen konnte. Es wäre aber auch möglich, dass die Priesterschrift im Bereich von Genesis 12 bis 50 eher eine Bearbeitungs- oder Kompositionsschicht gewesen ist. Bei all dem - und damit endet mein Durchgang durch die Entstehungsgeschichte der Genesis - sollten wir uns, glaube ich, immer vor Augen halten, dass die Frage nach der Entstehungsgeschichte sicherlich mühsam ist, aber sie ist kein Glasperlenspiel, weil es eben darum geht, die immerwährende Diskussion der biblischen Autoren mit der eigenen Tradition und dann mit der Diskussion der anderen mit dieser

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Diskussion ernst zu nehmen. Also es geht bei dieser ganzen Frage nach der Entstehungsgeschichte auch immer darum, einen geronnenen Diskurs, der sich über viele Generationen und Jahrhunderte hingestreckt hat, wieder zu verflüssigen, um die einzelnen Stimmen deutlich zu machen. Dazu dient das ganze Unternehmen. Also die Frage ist eben: Unter welchen historischen Bedingungen haben die Autoren der biblischen Bücher, jetzt in unserem Fall der Genesis, geschrieben? Was waren ihre Fragestellungen und was waren die Fragestellungen der intendierten Leser? Und wie haben dann Spätere wiederum auf diese Fragen und Antworten reagiert? Und ich meine, das zumindest an einem Beispiel, nämlich der Erzählung von der Gefährdung der Patriarchen durch die Ahnfrau, wenigstens jetzt in Ansätzen

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auch mal angedeutet zu haben. Das ist ein Plot, in dem es zunächst um folgende Frage geht: Genesis 12 beginnt mit der Verheißung eines großen Volkes und sieben Verse später sitzt Sarah im Harem des Pharao. Das ist sozusagen die erste Gefährdung der Verheißung. Also eben einfach dadurch, dass sie eben nicht mehr bei Abraham ist und die Gefahr besteht, dass sie jetzt sozusagen ein Kind des Pharaos austrägt. Und die Gefährdung der Verheißung ist ein Thema, was sich durchzieht. Das geht über zur nächsten Gefährdung der Ahnfrau, aber hier wird das Thema jetzt auf einmal variiert. Hier wird es variiert in Hinblick auf die Frage: Kann Israel außerhalb des Kernlandes leben und eben in der

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Diaspora? Und das wird an der Frage der Gottesfurcht des Abimelech durchdiskutiert. Also die Texte nehmen aufeinander Bezug, greifen alte Antworten auf und entwickeln sie dann eben unter dem Gesichtspunkt eigener Fragestellungen weiter.

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Genesis | 15.11.1

Worthaus Pop-Up – Heidelberg: 15. Oktober 2025 von Prof. Dr. Jan Christian Gertz

Den ersten Satz des ersten Buchs in der Bibel kennen auch viele Nicht-Christen. Und wie es danach weitergeht, das füllt die ersten Seiten jeder Kinderbibel: die Schöpfung und die Sintflut, der Turmbau und die Geschichten rund um Abraham, Isaak und Jakob. In Kinderbibeln und Kinderstunde klingen die Erzählungen aus dem Buch Genesis wie eine einzige, wohlüberlegte Geschichte, die die Anfänge des Judentums erzählt.
Jan Christian Gertz, evangelischer Theologe und Alttestamentler, erklärt, wie stattdessen aus verschiedenen Überlieferungen von vielen Autoren ein einziges Werk werden konnte, wie sich die Bibelwissenschaft im Laufe der Geschichte die Autoren vorgestellt hat und wie das Buch letztendlich den Weg beschreibt von einer recht einfachen Gottesvorstellung hin zu einem Gott, zu dem eine Beziehung möglich ist.