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In gewisser Weise knüpft das, was ich sagen will, an an Kathy Ehrenspergers Vortrag über Kontinuität, Diskontinuität, Verhältnis des Paulus zum Judentum oder anders gesagt Paulus im Judentum seiner Zeit, was ja ein wichtiges Thema der gegenwärtigen Paulusforschung ist. Kathy Ehrensperger hat ja dazu eben unter diesen Stichworten Kontinuität und Diskontinuität einiges ausgeführt. Und ich werde das jetzt mit einem spezifischen Aspekt fortsetzen, nämlich der Frage, was Rechtfertigung und Versöhnung bei Paulus bedeutet. Ich beginne mal mit einer Bemerkung, mit einer sprachlichen Bemerkung, nämlich mit der, dass diese beiden Begriffe,

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die ja in der Paulusforschung, in der Paulusinterpretation eine wichtige Rolle spielen, bei Paulus selber gar nicht vorkommen. Der deutsche Begriff "Rechtfertigung" wird bei ihm durch bestimmte griechische Begriffe wie "die Gerechtigkeit" oder "gerecht gemacht werden" oder "Rechtstat" oder derartige Termini beschrieben. Aber das deutsche Wort Rechtfertigung hat eigentlich im Griechischen so keine Entsprechung. Das Wort "Versöhnung" hat schon eine Entsprechung, aber diese Entsprechung, also dieses Nomen, dieses Substantiv Versöhnung - der griechische Begriff dafür wäre "katallage" - kommt bei Paulus nicht vor.

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Paulus verwendet hier das Verb "katallassein", also versöhnen oder versöhnt werden, versöhnt sein, aber nicht den Begriff Versöhnung, also nicht das Nomen Versöhnung. Ich sage das deshalb am Anfang, um deutlich zu machen, dass das zwei Interpretationskategorien sind, mit denen man dasjenige beschreibt, was Paulus mit dieser Rede, die eben mit diesen Begriffen eingefangen werden soll, verbindet. Eine zweite Bemerkung, die ich an den Anfang stellen will, ist die, dass es bei Paulus bei diesen beiden Begriffen nicht um eine ethische Theorie geht. Das hatte ich gestern schon mal angedeutet. Also Rechtfertigung oder Versöhnung ist nichts, was etwas über die Ethik besagt. Das ist deshalb wichtig, weil das mitunter missverstanden werden kann und auch wurde, nämlich in der Weise, dass man sagt,

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wir werden nicht aus Werken gerecht, also wir müssen nichts tun. Also wir werden gerecht, ohne dass wir was tun müssen. Das ist ein grobes Missverständnis dessen, was Paulus sagen will damit, was schon dadurch deutlich wird, dass er fast nie nur von Werken, sondern immer von Werken des Gesetzes spricht. Übrigens eine Wendung, die nur in zwei Zusammenhängen, nur im Galater- und im Römerbrief vorkommt. Und wenn er einmal auch nur von den Werken spricht, das kommt auch mal vor, aber da meint er genau dasselbe, also er meint damit Werke des Gesetzes. Und Werke des Gesetzes ist eine Beschreibung bei Paulus, die sich auf die Thora bezieht. Das ist ja eben bei Kathy Ehrensperger auch schon deutlich geworden. Also es geht nicht einfach darum, dass man etwas tut oder nicht tut, sondern es geht um eine bestimmte Verhaltensweise in Bezug auf die Thora. Also keine ethische Theorie,

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sondern beide Begriffe, sowohl Rechtfertigung als auch Versöhnung, gehören bei Paulus in die Lehre darüber, wie der Mensch das Heil Gottes bekommen kann. Und dieses wird immer ausgelöst durch ein Handeln Gottes. Das will Paulus damit sagen. Also wie der Mensch gerecht wird vor Gott oder wie er mit Gott versöhnt wird, das wird immer durch ein Handeln Gottes verursacht oder vollzogen und nie durch den Menschen selber. Und deswegen kommen diese Begriffe - sowohl die mit der Gerechtigkeit des Menschen vor Gott als auch die Begriffe des Versöhntseins des Menschen oder Versöhntwerdens des Menschen mit Gott - bei Paulus immer im Passiv vor, wenn sie den Menschen beschreiben. Also der Mensch wird gerecht gemacht. Dieses griechische Verb - "dikaioustai" heißt der griechische, passive Begriff dafür -

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wird bei Paulus dafür verwendet, was der Mensch ist in Bezug auf die Gerechtigkeit. Nämlich der Mensch ist in Bezug auf die Gerechtigkeit immer ein Gerechtgemachter, ein von Gott Gerechtgemachter. Und das gilt im Blick auf das Versöhnen genauso. Der Mensch ist immer einer, der mit Gott versöhnt wird. Das ist auch ganz wichtig, um das bei Paulus zu verstehen. Beides, sowohl das Gerechtwerden als auch das Versöhntwerden, ist aus der Perspektive des Menschen immer etwas, was an ihm geschieht, was er aber nicht selber bewirkt. Das ist an einer Stelle insbesondere wichtig, nämlich im zweiten Korintherbrief, wo Paulus dazu auffordert, dass sich die Menschen versöhnen lassen mit Gott:

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"Lasst euch versöhnen mit Gott." Das ist ein passiver Imperativ. Der darf niemals so übersetzt werden wie "Versöhnt euch mit Gott". Das ist ganz zentral. Damit wären nämlich die Punkte völlig verdorben dessen, was Paulus da sagen will. Er will dort nämlich an der Stelle sagen: Lasst euch ein darauf, dass Gott euch mit sich selber versöhnen will. Also lasst euch auf dieses Versöhnungsangebot Gottes ein. Das ist für die Art und Weise, wie Paulus davon spricht, dass Menschen gerecht werden und dann eben gerecht sind als Gerechtgemachte und dass sie versöhnt sind eben als solche, die Gott mit sich versöhnt hat - diese Art, davon zu reden, ist für Paulus ganz entscheidend. Und das muss man beachten, dass er in dieser Weise davon spricht. Also es gehört nicht in die Ethik, sondern es gehört in die Rede davon, wie Menschen in ein Verhältnis zu Gott gesetzt werden,

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indem sie als Gerettete dann bereits leben. Die Ethik ist eine Folge daraus. Als von Gott Gerechtgemachte und als mit Gott Versöhnte. Paulus könnte auch sagen: als Geheiligte. Oder er kann sogar sagen, dass man schon gerettet ist. All dieses ist bereits geschehen für diejenigen, die an Jesus Christus glauben. Und wie sie jetzt leben sollen, das ist eine Folge daraus, ist eine Konsequenz daraus. Das ist für Paulus natürlich nicht einfach egal. Es gibt natürlich eine Ethik bei Paulus, aber diese Ethik würde er nicht mit diesen Begriffen beschreiben. Also er würde nicht sagen: Ihr sollt die Gerechtigkeit tun. Das ist deshalb zu beachten, weil es sowohl in jüdischen als auch in christlichen Texten auch andere Weisen gibt,

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das auszudrücken, was Menschen tun sollen. Es gibt nämlich sowohl jüdische Texte als auch christliche Texte, auch neustestamentliche Texte, die durchaus von dem Tun der Gerechtigkeit sprechen. Das ist deshalb kein Gegensatz zu Paulus, denn auch zum Beispiel im Matthäusevangelium kommt das vor oder in der Apostelgeschichte, dass von dem Tun der Gerechtigkeit die Rede ist. Damit ist in der Sache nichts anderes gemeint als das, was Paulus als die Ethik der Christusglaubenden beschreibt. Nur man kann es eben in der jüdischen Tradition auch ausdrücken, dass man die Gerechtigkeit tut als etwas, was auf Gott und seine Ordnung und seinen Bund antwortet. Man lebt in der Ordnung Gottes und man lebt in der von seiner Gerechtigkeit bestimmten Ordnung. Und wenn man sich daran hält, dann tut man eben die Gerechtigkeit.

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Das ist also etwas, was durchaus terminologisch auch begegnet, aber eben nicht bei Paulus. Paulus würde das so nicht ausdrücken, sondern er reserviert diese Begriffe, diese Begrifflichkeiten von der Gerechtigkeit und von der Versöhnung für diesen Bereich, den ich gerade beschrieben hatte. Also Gott handelt an den Menschen und er macht sie zu Gerechten und er macht sie zu Versöhnten. Nun muss man einen weiteren Aspekt in den Blick nehmen, nämlich: Dieses Reden von der Gerechtigkeit und von dem Gerechtgemachtwerden der Menschen kommt bei Paulus in ganz bestimmten Zusammenhängen vor. Es kommt nicht in allen Briefen vor, sondern es kommt nur in drei Briefen vor. Im Philipperbrief in einem bestimmten Zusammenhang und im zweiten Korintherbrief in einem bestimmten Zusammenhang

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und nur an einer Stelle, eigentlich nur an einer relativ kurzen Stelle, in dem Zusammenhang, den ich eben schon mal genannt hatte. Und dann vor allem im Galaterbrief und im Römerbrief. Der zweite Korintherbrief ist für diese Frage nicht so entscheidend. Vor allem für die Lehre von der Gerechtigkeit, für das Reden von der Gerechtigkeit sind vor allem der Philipperbrief und der Galaterbrief und der Römerbrief entscheidend. Die Rede von der Versöhnung kommt bei Paulus nur in zwei Briefen vor, nämlich zum einen im zweiten Korintherbrief, in 2. Korinther 5, und zum anderen im Römerbrief, in Römer 5. Nur an diesen beiden Stellen gebraucht Paulus diese Terminologie von der Versöhnung, also eben nicht Versöhnung, sondern das Versöhnen, also dass man eben mit Gott versöhnt wird. Dass das in diesen Briefen vorkommt, die Rede von der Rechtfertigung, wenn wir das mal so nennen wollen, im Philipperbrief und im Galaterbrief und im Römerbrief, ist kein Zufall.

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Sondern es weist auf einen bestimmten Zusammenhang hin, in dem Paulus auf diese Frage der Rechtfertigung, des Gerechtwerdens, des Gerechtgemachtwerdens durch Gott zu sprechen kommt. Darauf komme ich gleich nochmal zurück. Aber bevor ich darauf zurückkomme, will ich zu dieser Terminologie noch folgende Bemerkung machen: Dieser ganze Vorstellungskomplex von der Gerechtigkeit, von Gerechtsein oder Gerechtwerden oder Gerechtgemachtwerden hat natürlich einen Anklang an juridische Vorstellungen. Also wenn Gerechtigkeit herrscht, dann herrscht ein Verhältnis, in dem sich die Seiten, die davon betroffen sind, in einer intakten Beziehung befinden. Und genau das ist damit auch gemeint.

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Und diese intakte Beziehung kann verletzt werden. Sie kann für Paulus nur von Seiten des Menschen verletzt werden. Gott kann nicht ungerecht sein. Das würde Paulus mit der gesamten jüdischen Tradition sagen. Gott ist nicht ungerecht, sondern Gott ist per se gerecht. Und seine gerechte Ordnung ist auch diejenige, die in der Welt vorherrscht. Das widerspricht natürlich dann oft der faktischen Situation, in der sich Menschen vorfinden, nämlich dass es auf der Welt nicht gerecht zugeht. Eine Situation, die wir natürlich immer schon haben in der Menschheitsgeschichte bis heute und die auch für Israel galt und gilt. Dass auch Israel als Gottes auserwähltes Volk nicht immer in einer Situation lebte, in der es sich als das Volk Gottes verstehen konnte, was in Gottes gerechter Ordnung lebt.

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Diese Ordnung war und ist oft gestört. Zu Zeiten des Paulus war das auch nicht anders. Zum Beispiel dadurch, dass Israel das Land faktisch verloren hatte, weil es unter einer Fremdherrschaft lebte, zu Zeiten des Paulus eben unter der Herrschaft der Römer. Und dass das Volk in der Verstreuung lebte und immer noch lebt. Also die gerechte Ordnung war und ist aus der jüdischen Perspektive gestört. Die Konsequenz daraus ist nicht die, dass Gottes gerechte Ordnung nicht existiert, sondern die Konsequenz daraus ist für Paulus und viele andere Juden seiner Zeit, dass Gott diese gerechte Ordnung durchsetzen wird. Das wird in der Zukunft sein. Wenn wir es in der Gegenwart nicht sehen können, dann wird es in der Zukunft sein. Also Gott wird sein Gericht halten und er wird in diesem Gericht die Sünder bestrafen und die Gerechten, die sich an seine Weisung halten, belohnen.

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Diese Vorstellung findet sich in vielen jüdischen Texten. Wir nennen sie manchmal auch apokalyptische Texte. Mit apokalyptisch ist dabei gemeint: Sie interpretieren die Geschichte in der Weise, dass trotz der gegenwärtigen Ungerechtigkeit, die herrscht, die Durchsetzung von Gottes gerechter Ordnung nicht in Frage steht. Sie wird nur in der Zukunft geschehen, und wir warten darauf, dass Gott seine gerechte Ordnung durchsetzen wird. Diese Texte dienen dazu, Menschen zu ermutigen, trotz der Erfahrung gegenwärtiger Ungerechtigkeit an dem Glauben an Gott und an seiner Weisung festzuhalten. Und diese Vorstellung von Gott und seiner gerechten Ordnung, die ist für Paulus eine entscheidende.

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Das kann man auch oft sehen, dass er von Gott und von seinem Gericht sprechen wird und dieses gerechte Richten Gottes für Paulus eine ganz zentrale Kategorie und eine ganz zentrale Vorstellung ist. Also Gott setzt seine gerechte Ordnung in der Welt durch. Nun gibt es bei Paulus eine entscheidende Veränderung gegenüber den jüdischen Texten, und diese Veränderung ist die, dass Gott durch sein Handeln in Jesus Christus bereits seine gerechte Ordnung in der Welt aufgerichtet hat für diejenigen, die an Jesus Christus glauben. Und deshalb ist die Konsequenz für Paulus daraus, dass man durch den Glauben an Jesus Christus bereits jetzt gerecht werden kann. Nun kann man sagen, dann lebt man immer noch in der ungerechten Welt, man lebt immer noch unter den Bedingungen dieser Welt.

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Das ist Paulus natürlich auch nicht unbekannt gewesen, er beschreibt es aber dennoch so, dass man als bereits Gerechtfertigter in der gegenwärtigen Welt lebt und darauf wartet, dass dies noch auf der ganzen Welt durchgesetzt werden wird. Also man kann sagen, was in diesen Texten, die ich eben als apokalyptische Texte bezeichnet habe, als das Gericht Gottes in der Zukunft beschrieben wird, ist für Paulus etwas, was bereits in der Gegenwart geschehen ist. Gott hat bereits durch sein Handeln in Jesus Christus die Sünde und die Ungerechtigkeit beseitigt. Er hat bereits jetzt die Möglichkeit geschaffen, dass man vor Gott gerecht ist, weil man nämlich durch den Glauben an Jesus Christus gerecht gemacht wird und deshalb in neuer Weise lebt. Das gehört dann alles in den Bereich der Beschreibung dessen, wie man jetzt als an Jesus Christus glaubender Mensch lebt und eben auf die endgültige Offenbarung von Gottes gerechter Ordnung wartet.

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Diese Modifikation der Vorstellung von Gottes gerechtem Gericht bei Paulus, die muss man auch zugrunde legen, die muss man auch in den Blick nehmen, weil sie eben eine spezifische Version dieses Redens von Gottes gerechtem Gericht bedeutet. Und schließlich, bevor ich auf diese genannten Texte etwas näher eingehe, noch eine wichtige Vorbemerkung oder noch eine wichtige Bemerkung zu diesem Teil, mit dem ich mich zunächst an das Thema annähern will. Eine wichtige Überzeugung des Paulus ist, dass alle Menschen vor Gott Sünder sind, unterschiedslos, und zwar unabhängig davon, ob sie Juden oder Nichtjuden sind.

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Diese Überzeugung entwickelt er im Diskurs mit anderen, vor allem mit anderen jüdischen, judenchristlichen Missionaren, also jüdischen Menschen, die auch zum Glauben an Jesus Christus gekommen waren. Da komme ich gleich noch mal darauf zurück. Und diese Überzeugung bedeutet für ihn zugleich, dass alle Menschen, unabhängig davon, ob sie Juden oder Nichtjuden sind, der Herrlichkeit, der "doxa", wie Paulus mit diesem griechischen Wort sagt, ermangeln. Also alle Menschen sind gegenwärtig nicht in dem Zustand des Gerechtseins vor Gott, sondern sie müssen erst von Gott gerecht gemacht werden. Und an dieser Stelle ist das, was man mit Rechtfertigungslehre bezeichnen kann, etwas, was deutlich macht, dass für Paulus diese Rechtfertigung den Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden aufhebt.

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Kein Mensch kann vor Gott gerecht sein. Dass kein Mensch vor Gott gerecht sein kann, ist nun auch keine Erfindung von Paulus. Er ist nicht der Erste, der sagt, niemand kann vor Gott gerecht sein. Diese Überzeugung gibt es in jüdischen Texten auch. Also wir haben Texte, jüdische Texte, zum Beispiel aus dem Qumran, in denen genau dieses auch gesagt wird: "Kein Mensch kann vor dir, oh Gott, bestehen. Nur du bist gerecht allein." Das ist also nichts, was Paulus irgendwie als eine neue Idee einführen würde. Aber was bei Paulus neu ist, ist, dass er dieses, dass kein Mensch vor Gott bestehen kann, mit dem Glauben an Jesus Christus verbindet und sagt, dass deshalb, weil das so ist, weil kein Mensch vor Gott bestehen kann, Gott eine Möglichkeit geschaffen hat, wie der Mensch gerecht gemacht werden kann.

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In jüdischen Texten wie den eben genannten, also etwa in dieser einen Qumranschrift, Serek Ha-Yahad - das ist diese Regel, die sich unter den Qumrantexten findet für das Leben der Gemeinschaft in Qumran -, findet sich eine ähnliche Aussage, dass kein Mensch vor Gott gerecht sein kann. Und die Antwort dort darauf ist: "Wir können nur auf deine Barmherzigkeit hoffen." Also man hofft darauf, dass Gott uns unsere Sünden nicht anrechnet, dass er uns nicht für unsere Sünden bestraft. An dieser Stelle tritt bei Paulus der Glaube an Jesus Christus in Kraft. Und für Paulus ist eben der Glaube daran, dass Gott durch Jesus Christus gehandelt hat, das, was den Menschen gerecht macht. Und eine letzte Vorbemerkung noch. Diese Auffassung des Paulus, dass alle Menschen Sünder sind und kein Mensch vor Gott gerecht ist,

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diese Auffassung hat er nicht einfach dadurch gewonnen, dass er sich die Menschen angeguckt hat und dann gesagt hat: "Ihr seid irgendwie alle Halunken und niemand von euch ist vor Gott gerecht", sondern das ist eine Überzeugung, zu der er gelangt ist, weil er Gottes Handeln durch Jesus Christus als etwas betrachtet, was für alle Menschen gilt. Das knüpft in gewisser Weise daran an, was ich gestern zu der grundlegenden Überzeugung des Paulus, die er in seiner Zeit in Antiochia gewonnen hat, gesagt habe, nämlich, dass das Evangelium nicht nur für die jüdischen Menschen, sondern auch für die nichtjüdischen Menschen gilt. Das ist eine wichtige Überzeugung, die Paulus im Grunde von Anfang an hat.

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Das Evangelium muss allen Menschen verkündigt werden. Und deswegen gibt es auch diese Vereinbarung, dass es durch Petrus und andere an die Juden und durch Paulus und seine Mitarbeiter an die Nichtjuden verkündigt wird - weil es Gottes Handeln für alle Menschen ist. Das kann man im Römerbrief ganz deutlich sehen, wenn am Anfang des Römerbriefes, also in der grundlegenden These des Römerbriefes, Paulus sagt, dass das Evangelium die Kraft Gottes zum Heil ist für alle, die glauben (oder: für jeden, der glaubt), für den Juden zuerst und auch für den Griechen. Also das Evangelium ist Kraft Gottes zum Heil für jeden, der glaubt, unabhängig davon, ob man Jude oder Grieche ist. Die Konsequenz daraus für Paulus ist, wenn Gott also zum Heil aller Menschen gehandelt hat, unabhängig davon, ob sie jüdische oder nichtjüdische Menschen sind, dann heißt das, dass sie ohne dieses Handeln Gottes alle Sünder sind. Sonst hätten sie dessen nicht bedurft.

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Und so funktioniert auch das Argument im Römerbrief. Also Paulus sagt zunächst: "Das Evangelium ist Kraft Gottes für jeden, der glaubt, für den Juden zuerst und auch für den Griechen. Denn in ihm, im Evangelium, ist die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden." Also im Evangelium ist die Gerechtigkeit Gottes offenbart für jeden, der glaubt. Das heißt, unabhängig von dieser Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes im Evangelium haben die Menschen diese Gerechtigkeit nicht, also sind sie alle Sünder. Und genau das ist dann auch die Fortsetzung im Römerbrief. Er beschreibt dann nämlich, in welcher Weise alle Menschen Sünder sind. Und dieser nächste Abschnitt im Römerbrief, der ist ganz allgemein für alle Menschen gültig, unabhängig davon, ob sie Juden oder Nichtjuden sind. Also dies muss man zunächst beachten, wenn man sich mit dieser Frage Rechtfertigung, Rechtfertigungslehre, Gerechtigkeit bei Paulus beschäftigt.

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Das ist etwas, was für alle Menschen gilt. Das wäre die eine wichtige Konsequenz bei Paulus. Und zum anderen ist es etwas, was an den Glauben an Jesus Christus gebunden ist, weil Gott durch sein Handeln durch Jesus Christus diese Situation verändert hat, dass alle Menschen vor ihm nicht gerecht sein können. Wenn wir jetzt also dafür auf diese Texte etwas näher eingehen, dann will ich zunächst zum Philipperbrief kommen. In Philipper 3, das ist die erste Stelle, da findet sich ein erster Zusammenhang, in dem Paulus auf diese Frage "Gerechtigkeit" und "Woher kommt die Gerechtigkeit?" eingeht. Der Zusammenhang hier im Philipperbrief ist, dass sich Paulus mit anderen Missionaren, missionierenden Leuten auseinandersetzt.

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Das kommt in mehreren Briefen bei Paulus vor, genauer gesagt in drei Briefen, nämlich im Philipperbrief, im zweiten Korintherbrief und im Galaterbrief. In allen drei Briefen setzt sich Paulus mit Konkurrenzmissionaren auseinander, nämlich mit Leuten, die auch - wie er selber - Juden sind und die auch das Evangelium verkündigen, aber auf eine andere Weise, als er das getan hat. Sie verkündigen es nämlich so, dass sie sagen: Als Nichtjuden, die ihr zum Glauben an Jesus Christus kommt, müsst ihr auch die Regeln des jüdischen Lebens beachten. Also ihr müsst euch beschneiden lassen - das ist vor allem das wichtige Thema im Galaterbrief - und ihr müsst euch auch an andere jüdische Regeln, etwa die Einhaltung des Sabbats, halten und an Speisevorschriften.

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Das sind vor allem die Themen, die in den Paulusbriefen wichtig sind. Denn diese Kontroverse zwischen Paulus einerseits und diesen anderen Missionaren andererseits ist insofern nicht erstaunlich, als, wie ich gestern schon mal gesagt hatte, es immer unstrittig war, dass zum Glauben an Jesus Christus auch der Glaube an den Gott Israels gehört. Also man kann als Nichtjude nicht zum Glauben an Jesus Christus kommen und nicht zum Glauben an den Gott Israels. Das ist für Paulus und alle anderen völlig ausgeschlossen. Das wird in seinen Briefen an mehreren Stellen deutlich, dass seine Verkündigung immer darauf zielt, zu sagen: Ihr müsst euch von eurem früheren Glauben abwenden, von dem Glauben an die Götzen, wie Paulus sagen würde, oder an Götter, die in Wahrheit gar keine Götter sind. Von denen müsst ihr euch abwenden. Und ihr müsst zum Glauben an den wahren und lebendigen Gott kommen und an seinen Sohn Jesus Christus.

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Und dieser zweite Teil, der ist nun derjenige Teil, der das, wenn wir es mal ganz pauschal sagen wollen, das christliche Bekenntnis von dem jüdischen Bekenntnis unterscheidet, perspektivisch. Das ist jetzt so im Blick auf Paulus ein bisschen schräg formuliert, weil Paulus nicht sagen würde, es gibt ein christliches und ein jüdisches Bekenntnis, sondern Paulus würde sagen, das Bekenntnis zu dem Gott Israels muss jetzt eigentlich dasjenige zu Jesus Christus einschließen. Das sagt er auch ausdrücklich an mehreren Stellen. So weit bestand durchaus Einigkeit. Aber weil es so ist, dass der Glaube an Jesus Christus immer auch Glaube an den Gott Israels ist, stellte sich natürlich die Frage: Was bedeutet das für das Leben, wenn wir an den Gott Israels glauben? Was bedeutet es für unsere Lebenspraxis? Müssen wir uns dann nicht auch an die Thora halten? Und die näherliegende Antwort war: Natürlich müssen wir uns dann auch an die Thora halten.

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Und das haben eben auch diese konkurrierenden Missionare, die ich gerade genannt hatte, so vertreten. Und es wurde sicher auch von vielen anderen so vertreten. Also die eigentlich ungewöhnliche Lösung ist die, die Paulus vertritt, nämlich dass er sagt: Ihr könnt zum Glauben an den Gott Israels kommen und an Jesus Christus, aber ihr müsst euch nicht mehr an die Thora halten. Beziehungsweise präziser müsste man sagen: Ihr müsst euch auf andere Weise an die Thora halten. Also Beschneidung etwa ist nicht mehr das integrierende Merkmal für den Glauben an den Gott Israels und an Jesus Christus. Deswegen wehrt Paulus es durchaus vehement ab, dass Heiden, also nichtjüdische männliche Menschen, dazu genötigt werden sollen, sich beschneiden zu lassen.

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Das wehrt er dezidiert ab. Er wehrt auch ab, dass diesen nichtjüdischen Menschen jüdische Speisevorschriften aufgezwungen werden. Der Punkt dabei für Paulus ist nicht, dass jüdische Menschen sich an so etwas halten. Paulus sagt nirgendwo, dass jüdische Menschen, wenn sie zum Glauben an Jesus Christus kommen, nicht mehr den Sabbat halten sollen oder sich nicht mehr an die jüdischen Speiseregeln halten sollen oder dass sie ihre männlichen Kinder nicht mehr beschneiden lassen sollen. Solche Aussagen finden sich bei Paulus nie. Der entscheidende Punkt für Paulus ist, dass diese Einhaltung der jüdischen Regeln nicht mehr der Maßstab ist, der für den Glauben an Jesus Christus jüdische und nichtjüdische Menschen miteinander verbindet. Das ist der entscheidende Punkt.

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Und deshalb wehrt er sich dagegen, dass solche jüdischen Regeln wie eben etwa Beschneidung, Einhaltung des Sabbats und Speisevorschriften nichtjüdischen Menschen aufgenötigt werden. Er sagt, wir haben jetzt einen neuen Maßstab und dieser neue Maßstab ist zunächst ganz allgemein gesagt der Glaube an Jesus Christus. Also der Glaube ist das Merkmal, der Glaube an Jesus Christus, wie gesagt, immer einschließlich des Glaubens an Gott oder umgekehrt der Glaube an Gott und Jesus Christus. Das ist dasjenige Merkmal, was uns miteinander verbindet. Das vollzieht sich de facto nicht nur darin, dass man sagt, ich glaube an Gott und Jesus Christus, sondern das hat natürlich dann auch praktische Konsequenzen. Etwa, dass man sich taufen lässt und durch die Taufe seine Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft dokumentiert und dann eben auch in bestimmter Weise lebt.

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Das gehört für Paulus natürlich alles dazu. Also es gehört nicht nur das Ablegen eines Bekenntnisses dazu, sondern auch eine bestimmte Lebensweise. Und für diese Lebensweise entwickelt Paulus dann seine Ethik. Und diese Ethik ist deshalb, also aufgrund dessen, was ich gerade ausgeführt hatte, eine, bei der er sich darum bemüht, Maßstäbe zu entwickeln, die sowohl für jüdische als auch für nichtjüdische Menschen gelten können. Und das ist natürlich ein Novum. So etwas gab es nicht in der Antike. Es gab keine Gemeinschaft, zu der Juden und Nichtjuden gehörten. Das ist ein Novum, und deshalb musste Paulus hier auch innovativ sein, und das war er dann auch in den Teilen seiner Briefe, wo er Maßstäbe dafür entwickelt, wie jüdische und nichtjüdische Menschen gemeinsam leben können. Das ist also der Kontext. Das ist der Kontext im Philipperbrief, den ich gerade genannt hatte, wo eben Paulus mit solchen konkurrierenden Missionaren zu tun hat. Und es ist auch der Kontext im Galaterbrief, wo Paulus ebenfalls mit solchen konkurrierenden Missionaren zu tun hat.

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Im Philipperbrief, um darauf jetzt zurückzukommen, sagt Paulus denen entgegen - er redet natürlich indirekt mit denen, also er schreibt diesen Brief ja an die Gemeinde in Philippi, aber in dieser Gemeinde haben eben andere Leute gewirkt. Und dass sie so gewirkt haben, kritisiert Paulus jetzt. Und er sagt, dass die sich auf ihre jüdischen Merkmale berufen, eben auf die Beschneidung und so weiter, und dass er das aber viel mehr könnte, denn er sei die wahre Beschneidung, sagt Paulus. Er sei am achten Tage beschnitten, er sei aus dem Stamm Benjamin, er sei ein Pharisäer. Er habe diese Merkmale alle auch. Also Paulus sagt von sich: Ich bin ein Jude. Das unterscheidet mich überhaupt nicht von denen.

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Aber ich habe erkannt, dass man in Jesus Christus nicht mehr durch die Werke des Gesetzes gerecht gemacht wird. Also "ich strebe nicht mehr", so ist die Formulierung in Philipper 3, dort kommt nicht der Ausdruck "Werke des Gesetzes" vor. Also das ist das, was er dann in ähnlicher Weise im Galaterbrief durchgeht, und da gebraucht er dann diesen Begriff. Hier im Philipperbrief sagt er, dass er nicht mehr die Gerechtigkeit sucht, die aus dem Gesetz kommt. Also das ist die Formulierung, die er hier im Philipperbrief gebraucht: "die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt". Was damit gemeint ist, ist nicht, dass er jetzt plötzlich ganz andere Dinge tut, sondern gemeint ist damit eben dieser Maßstab. Was ist der verbindliche Maßstab für die Gerechtigkeit? Und das kann eben nicht mehr dasjenige sein, was bisher den Maßstab für das jüdische Volk abgegeben hat.

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Das kann es deshalb nicht mehr sein, weil Gott jetzt in neuer Weise gehandelt hat, und zwar in einer Weise, die nicht nur für das jüdische Volk, sondern auch für die nichtjüdischen Menschen gilt. Und deshalb bedeutet es, dieses Handeln Gottes misszuverstehen - aus der Sicht des Paulus -, wenn man jetzt weiterhin sagt: Ja, aber Gottes Handeln an dem Volk Israel und die Maßstäbe, die er dem Volk Israel gegeben hat, das sind weiterhin die verbindenden Maßstäbe für alle. Und da würde Paulus sagen: Nein, es gibt jetzt andere Maßstäbe, die für die Glaubenden, für die jüdischen und für die nichtjüdischen Glaubenden gelten. Das sind nicht mehr die Maßstäbe, die für das jüdische Volk gegolten haben. Also das ist die Argumentation zunächst im Philipperbrief, wie gesagt im dritten Kapitel des Philipperbriefes.

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Noch eine Bemerkung zu dieser Stelle im Philipperbrief: Wenn Paulus beschreibt, was er getan hat, wie er gelebt hat, bevor er die Offenbarung Gottes in Jesus Christus erkannt hat, also wenn er sagt: "Ich war ein Pharisäer, ich wurde am achten Tag beschnitten, ich komme aus dem Stern Benjamin" und so - also er beschreibt seine Herkunft, seine jüdische Herkunft ganz eindeutig -, dann sagt er dort auch: "Ich war in der vom Gesetz geforderten Gerechtigkeit untadelig." Das ist deshalb wichtig, weil man nicht sagen kann: Paulus hat gesehen, wenn man das von Luther her interpretiert, man versucht immer gerecht zu werden, aber es gelingt einem nicht und deshalb hofft man nun auf Gottes Gnade, weil man das Gesetz nicht erfüllen kann. Das ist nicht so, wie Paulus redet, und das ist auch nicht die Sichtweise des Paulus, sondern Paulus sagt: Bis zur Offenbarung Gottes in Jesus Christus

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war das völlig richtig, dass man sich an das Gesetz gehalten hat, natürlich. Und das konnte man auch, das war auch kein Problem und man ist daran auch nicht gescheitert. Paulus sagt selber: "Ich war untadelig, ich habe keinen Fehler gemacht in der vom Gesetz geforderten Gerechtigkeit." Aber angesichts der neuen Erkenntnis, dass Gott jetzt in anderer Weise gehandelt hat, verändert sich auch die Sichtweise darauf, woher Gerechtigkeit kommt. Bis dahin war es also die Weisung Gottes, dass man sich eben an die Thora hält, aber jetzt gibt es eine neue Weisung. Und diese Weisung ist eben der Glaube an Jesus Christus, durch den Gott Gerechtigkeit geschaffen hat. Und das hat Paulus erkannt und das wirft er diesen anderen, seinen konkurrierenden Missionaren vor, dort im Philipperbrief, dass die diese Einsicht nicht realisieren,

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dass die diese Erkenntnis Jesu Christi - also von der Erkenntnis spricht Paulus dort, es ist eine Erkenntnis, man muss das verstehen, dass Gott jetzt in neuer Weise gehandelt hat - nicht haben. Deshalb also kann man hier im Philipperbrief bereits sehen, dass Paulus diese Frage der Gerechtigkeit - Gerechtigkeit aus dem Gesetz oder Gerechtigkeit durch den Glauben an Jesus Christus -, dass er diese Auseinandersetzung mit anderen Juden führt, die auch an Jesus Christus glauben. Also diese anderen teilen mit ihm, dass sie auch Juden sind, und sie teilen mit ihm, dass sie auch an Jesus Christus glauben, aber sie verstehen das, was passiert ist mit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, aus der Sicht des Paulus nicht in der richtigen Weise. Das ist also der erste Zusammenhang, in dem Paulus auf diese Frage kommt. Der zweite Zusammenhang, der uns noch näher in diese Thematik hineinführt, ist der Galaterbrief.

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Der Galaterbrief ist davon bestimmt, dass sich Paulus auch mit Leuten auseinandersetzt, die in den galatischen Gemeinden, die Paulus selber gegründet hat, nach ihm gewirkt haben. Also das war in Philippi ähnlich. Die sind offenbar später als Paulus in diese Gemeinden gekommen und haben da auch gewirkt und haben da eine andere Auffassung über das Evangelium vertreten als Paulus. Und er reagiert sehr schroff und sehr polemisch darauf. Der Galaterbrief ist der polemischste Brief des Paulus. Er reagiert dort sehr, sehr scharf auf diese Leute, weil die offenbar in den galatischen Gemeinden Einfluss gewonnen haben.

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Die Leute in den galatischen Gemeinden waren selber Heidenchristen, und sie haben sich dann offenbar davon überzeugen lassen, dass sie sich auch ins Judentum integrieren sollen. Und darauf reagiert Paulus im Galaterbrief. Und er reagiert darauf zunächst dadurch, dass er sagt: "Ich gehörte früher selber zum Judentum", also was er im Philipperbrief auch sagt: "Ich habe selber im Judentum gelebt und dann hat mir Gott seinen Sohn offenbart." Das heißt nicht, dass er das Judentum verlassen hat, sondern es bedeutet, dass man die jüdischen Traditionen und Schriften in neuer Weise verstehen muss. Also Gott hat ihm seinen Sohn offenbart, damit er ihn unter den Heiden verkündigt. Das beschreibt Paulus im Galaterbrief, und damit will er zunächst deutlich machen, dass das, was er verkündigt, nicht irgendwas ist, nicht eine fixe Idee, die ihm mal gekommen ist,

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sondern dass das der Auftrag Gottes an ihn ist. Gott hat ihm seinen Sohn offenbart, damit er ihn unter den Heiden verkündigt. Also Paulus ist ein direkt von Gott beauftragter Apostel, der das Evangelium unter den Heiden verkündigt. Das ist sozusagen ein Autoritätsargument. Ein zweites wichtiges Argument ist, dass Paulus im Galaterbrief auf dieses Treffen in Jerusalem, das sogenannte Apostelkonzil, zu sprechen kommt. Das hatte ich gestern schon mal erwähnt. Und auch hier ist es kein Zufall, dass Paulus im Galaterbrief auf dieses Treffen der Jerusalemer und der antiochienischen Apostel zu sprechen kommt. In Galater 2 ist das. Er kommt nicht darauf zu sprechen, weil er die Galater darüber informieren will: Also damals haben wir uns übrigens in Jerusalem getroffen. Sondern er kommt deshalb darauf zu sprechen, weil er sagen will: Die Vereinbarung war, dass das Evangelium einerseits an die Juden und andererseits an die Nichtjuden verkündigt wird.

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Also es gibt zweierlei Weisen, die nennt Paulus auch das Evangelium der Beschneidung und das Evangelium der Unbeschnittenheit. Das sind nicht zwei Evangelien, sondern es sind zwei Formen, in denen das eine Evangelium Jesu Christi verkündigt wird, weil man natürlich Juden was anderes sagen muss als Heiden, wenn man ihnen das Evangelium verkündigt. Man muss Juden nicht sagen: "Ihr müsst euch von euren Götzen bekehren zu dem wahren und lebendigen Gott", weil sie sowieso schon an Gott glauben. Den Heiden muss man das sehr wohl sagen. Also was gesagt werden muss, ist sozusagen inhaltlich verschieden. Und Paulus sagt: Damals in Jerusalem haben wir uns, also Kephas und Jakobus und Johannes auf der einen Seite, also die Leute aus Jerusalem, und Barnabas und Titus und ich auf der anderen Seite, also die Leute aus Antiochia, darauf verständigt, dass Kephas und die anderen zu den Juden gehen und wir gehen zu den Heiden.

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Diese beiden Formen des Evangeliums stehen also gleichberechtigt nebeneinander. Das ist der wichtige Punkt für Paulus im Galaterbrief: Beide Formen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Und was die Leute in den galatischen Gemeinden jetzt tun, also seine konkurrierenden Missionare, ist, dass sie das Evangelium, das eigentlich den Juden verkündigt werden soll, den galatischen Gemeinden überstülpen wollen. Also sie verraten sozusagen diesen Beschluss, der damals in Jerusalem gefasst wurde, wo man sich auch darauf verständigt hat, dass Heiden nicht beschnitten werden müssen. Das erwähnt Paulus ausdrücklich, deswegen erwähnt er das auch im Galaterbrief. Also was die dort tun, ist eigentlich, dass sie hinter diese Vereinbarung zurückfallen, die wir damals in Jerusalem getroffen haben. Das ist also das, wie er im Galaterbrief zunächst diese Argumente entwickelt. Und dann gibt es einen weiteren Schritt, nämlich ein Geschehen, was sich nun nicht in Jerusalem, sondern in Antiochia zugetragen hat.

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Und dieses Geschehen ist folgendes: Der Kephas, also Petrus - Paulus nennt ihn immer Kephas, also mit seinem aramäischen Namen - kommt nach Antiochia und isst dort zunächst mit Leuten aus der Gemeinde, zu der auch Nichtjuden gehörten. Also er hat Tischgemeinschaft mit denen. Und dann kommen Leute aus Jerusalem, Abgesandte des Jakobus nennt Paulus sie, und die sagen: Das geht so nicht. Also die Frage der Tischgemeinschaft, die ist irgendwie nicht geklärt. Sie war auch bei diesem Jerusalemer Treffen nicht geklärt worden. Und wenn man mit den Heiden zusammen isst, dann verletzt man ja die jüdischen Reinheitsgebote. Und daraufhin hat sich der Kephas von dieser Tischgemeinschaft mit den heidnischen Leuten der antiochianischen Gemeinde zurückgezogen.

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Und das bringt Paulus sehr in Rage. Er sagt nämlich, der Kephas hat geheuchelt. Erst macht er das und dann sagt er plötzlich: Nein, nein, das darf nicht sein. Also der Kephas ist ein Heuchler. Und diese Stelle ist bedeutsam für die Frage: Was denkt Paulus über die Rechtfertigung? Denn an dieser Stelle (Galater 2, 15ff.) führt er dann zum ersten Mal aus, in welcher Weise die Unterschiede zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen durch das Handeln Gottes in Jesus Christus aufgenommen werden. Dass das so ist, hatte er ja schon mal in seiner antiochienischen Tradition gesagt: "In Christus ist weder Jude noch Grieche." Das kommt im Galaterbrief an einer etwas späteren Stelle. Also das ist offenbar schon eine ältere Tradition, die Paulus mitbringt. Aber hier, in Galater 2, 15 ff., führt er das aus.

45:12
Also hier denkt er zum ersten Mal darüber nach: Was heißt das jetzt eigentlich, dass die Unterschiede aufgehoben sind? Und deshalb führt er das an, was er über Kephas sagt, also "Der Kephas kam nach Antiochia ... und dann hat er erst mit den Heiden zusammen gegessen und hat sich davon zurückgezogen." Das schreibt er alles den Galatern, die waren natürlich da gar nicht dabei, das war ja auch woanders. Aber er schreibt ihnen das natürlich aus einem bestimmten Grund, nämlich um zu sagen: Man darf den Heiden nicht die jüdischen Regeln aufzwingen. Und das ist das, was Petrus dort getan hat. Wenn er sagt, ich kann mit euch nicht zusammen essen, ihr müsst euch an die jüdischen Regeln halten, dann zwingt er ihnen das auf und verletzt damit auch diese Vereinbarung in Jerusalem, bei der er selber dabei war. Also im Grunde geht aus Galater 2 auch dieser Vorwurf hervor: Der Kephas, der war ja selber dabei in Jerusalem, als wir das beschlossen haben. Und jetzt verhält er sich plötzlich anders.

46:07
Und dann führt Paulus diesen Vorwurf in folgender Weise fort, dass er sagt: "Wir sind Juden." Sehr interessanter Satz: "Wir sind Juden und nicht Sünder aus den Heiden." Wir, das heißt Kephas und Paulus selber und Barnabas und alle Juden, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind. Also das meint hier dieses "wir" ganz eindeutig. Also wir sind Juden und nicht Sünder aus den Heiden. Das heißt, dieser Satz hält an dieser Differenzierung aus jüdischer Perspektive zunächst fest. Er sagt nämlich: Was ist der Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden? Die Nichtjuden sind Sünder, weil sie die Thora nicht haben. Sie leben nicht nach dem Willen Gottes. Sie leben nicht im Bund mit Gott. Das tun wir, das jüdische Volk, und die nicht. Das ist also ganz aus jüdischer Perspektive formuliert. Und dann geht es weiter, dass Paulus sagt: "Auch wir, da wir aber wissen,

47:13
dass kein Mensch gerecht wird durch die Werke des Gesetzes, sind auch wir ..." Dieses "auch wir" kann an dieser Stelle nur heißen: auch wir Juden, die an Jesus Christus glauben. Nur das kann hier gemeint sein. "Auch wir Juden sind zum Glauben an Jesus Christus gekommen, damit wir gerecht gemacht würden durch den Glauben an Jesus Christus und nicht durch die Werke des Gesetzes." Und diese Formulierung, Galater 2,16, die ist deshalb so wichtig, weil Paulus hier sagt: Auch wir Juden sind zu dieser Erkenntnis gekommen, dass der Unterschied zwischen Juden und Sündern aus den Heiden im Blick auf die Frage "Wo kommt Gerechtigkeit her?" aufgehoben ist.

48:06
Und deshalb ist hier, wenn Paulus dann sagt: "Auch wir wissen, dass die Gerechtigkeit nicht aus den Werken des Gesetzes kommt", gemeint: Die Gerechtigkeit kommt nicht daher, dass wir weiterhin auf die Thora als denjenigen Weg vertrauen, auf dem Gerechtigkeit hergestellt wird. Also wir müssen uns dessen bewusst sein, dass der Glaube an Jesus Christus einen neuen Maßstab installiert. Und wenn er sagt: "Auch wir wissen, dass ein Mensch nicht gerecht wird durch oder aus den Werken des Gesetzes", da kann man natürlich fragen: Wer ist mit diesem "wir" jetzt eigentlich gemeint? Will er da auch noch sagen, ja, das weiß der Kephas doch eigentlich auch? Das könnte man im Blick auf Galater 2,16 jetzt diskutieren. Wie gesagt, er beschreibt vorher diesen Konflikt mit Kephas und sagt dann eben, warum das Verhalten des Kephas falsch ist. Weil er nämlich hinter diesen Maßstab - es gibt etwas, wodurch der Mensch gerecht wird, und das sind nicht die Werke des Gesetzes - zurückfällt.

49:17
Das tut er, indem er nun plötzlich doch wieder die jüdischen Verhaltensregeln als diejenigen installiert, die eben auch für die heidenchristlichen Galater gelten sollen. Noch eine Bemerkung zum Galaterbrief. Aus diesem Zusammenhang geht hervor, dass diese Formulierung "Werke des Gesetzes", "erga nomou" - oder "Werke der Thora" könnte man auch sagen - bei Paulus immer auf einen jüdischen Kontext verweist. Aber was Paulus zugleich entwickelt, und das ist ein weiterer wichtiger Aspekt hier im Galaterbrief, ist etwas, was nunmehr auch in analoger Weise für die heidenchristlichen Galater gilt,

50:11
also für Leute, die nicht aus dem Judentum kommen. Und zwar in der Weise, dass er sagt: Wenn ihr das macht, also wenn ihr jetzt diesem Weg folgt und euch diese jüdischen Regeln als den Maßstab aufzwingen lasst, dann kehrt ihr dahin zurück, wo ihr vorher wart. Dann lasst ihr euch erneut versklaven. Diese Terminologie von Sklaverei und Freiheit gebraucht Paulus da im Galaterbrief: "Dann lasst ihr euch erneut versklaven unter Götter, die in Wahrheit keine sind." Also das ist insofern interessant, weil Paulus hier die Vergangenheit, also seine eigene Vergangenheit, seine eigene jüdische Herkunft, müsste man vielleicht besser sagen, und die Herkunft der heidnischen Galater quasi auf dieselbe Stufe stellt und sagt: Wir haben beide etwas verlassen. Verlassen nicht in dem Sinne, dass Paulus sagen würde: "Ich bin kein Jude mehr", aber insofern etwas verlassen, als man in einer neuen Gemeinschaft zusammenkommt und der gemeinsame Maßstab für diese Gemeinschaft der Glaube an Jesus Christus ist und alles, was daraus folgt.

51:21
Also "verlassen" meint bei Paulus nicht, dass er sein Judesein verlassen hat. Das wäre ganz falsch. Das habe ich auch schon öfter gesagt. Er betont immer, dass er Jude ist und so. Aber "verlassen" meint die alte Lebensweise, die alte Erkenntnisweise. Was er eben neu gewonnen hat, ist eine neue Erkenntnis, was Gottes Handeln durch Jesus Christus bedeutet. Und das ist im Galaterbrief sehr stark mit dem Begriff der Freiheit ausgedrückt. Also man hat die Freiheit in Christus gewonnen. "Durch Christus seid ihr befreit worden. Lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei bringen." Oder: "Zur Freiheit hat euch Christus befreit."

52:04
Also solche Formulierungen, die sehr stark auf die Freiheit abheben, sind im Galaterbrief wichtig und dem korrespondierend eben auch Sklaverei. Also das ist sozusagen das, was Paulus hier - metaphorisch natürlich - meint. Also diese sozialen Begriffe von Sklaverei und Freiheit verwendet er hier eben für einerseits die frühere Existenz und andererseits die neue Existenz. Also die neue Existenz ist eine in Freiheit. Die frühere Existenz ist eine in der Sklaverei. Und der Aspekt, der dabei im Galaterbrief interessant ist und dann im Römerbrief wieder aufgenommen wird, zu dem ich gleich komme, ist derjenige, dass Paulus hier etwas vornimmt, was man Universalisierung nennen kann. Universalisierung deshalb, weil er sagt: Im Grunde ist das, wo wir herkommen, also wir jüdischen Menschen und ihr nichtjüdischen Menschen, in gewisser Weise vergleichbar.

53:05
Natürlich kommt ihr woanders her als wir, aber es ist insofern vergleichbar, als es beides etwas war, was nicht unter der Freiheit stand, sondern was im Nachhinein betrachtet - also man kann diese Erkenntnis natürlich nur post festum gewinnen, man kann sie nur aus der Perspektive des Christusglaubens gewinnen -, was aus dieser Perspektive betrachtet etwas war, wo wir noch nicht die Freiheit in Christus hatten. Ihr nicht und wir auch nicht. Und das macht eben die Herkunft von jüdischen und nichtjüdischen Menschen nicht gleich, aber es macht sie vergleichbar. Das ist eben ein weiterer wichtiger Punkt, den Paulus hier im Galaterbrief noch ausführt. Ein Paradebeispiel für Paulus dabei ist Abraham. Abraham ist im Galater- und dann auch im Römerbrief eine sehr, sehr wichtige Figur für Paulus. Und zwar deshalb, weil Abraham derjenige ist, an dem man in der Schrift den Zusammenhang von Glaube und Gerechtigkeit sehen kann.

54:16
Und deshalb ist für Paulus dieser Vers aus der Genesis so wichtig: "Abraham glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet." Diesen Satz zitiert Paulus im Galaterbrief explizit und den zitiert er auch noch mal im Römerbrief explizit. Er kann an Abraham verdeutlichen, dass man durch den Glauben an Gott gerecht gemacht wird. Also Abraham hat das gemacht. Er hat Gott geglaubt (oder man kann auch sagen: vertraut). Abraham hat auf Gottes Verheißung vertraut und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet. Natürlich hat Abraham nicht an Jesus Christus geglaubt, aber er hat auf Gott vertraut. Und deshalb ist sein Glaube mit unserem Glauben vergleichbar. Der hängt eben nicht davon ab, dass es die Thora gab. Abraham hat die Thora noch nicht befolgt,

55:10
weil es die noch gar nicht gab. Und das ist für Paulus wichtig. Das ist im Galaterbrief und auch im Römerbrief wichtig. In Galater 3 sagt er, dass die Thora erst später kam. Also da argumentiert er sozusagen chronologisch, also heilsgeschichtlich, könnte man sagen. Abraham war vorher, und von der Gabe der Thora am Sinai ist erst später die Rede. Das hat sich erst später ereignet. Und deshalb kann die Thora auch als eine spätere Verfügung nicht das frühere, was bei Abraham schon da war, außer Kraft setzen. Und die Verheißung an Abraham ist, die zitiert Paulus in Galater 3 auch ausdrücklich, die Verheißung an Abraham ist, dass er zum Vater vieler Völker werden soll. Also in Abraham werden alle diejenigen gesegnet, die wie Abraham glauben.

56:03
Und wie Abraham glauben heißt eben, man vertraut Gott - auch ohne die Thora. Deshalb ist die Figur Abraham für Paulus so wichtig im Galaterbrief und dann wie gesagt auch noch mal im Römerbrief. Ich komme damit jetzt zum Römerbrief, der wie gesagt verschiedene Aspekte, die wir im Galaterbrief haben, noch einmal aufgreift und sie in vertiefender Weise reflektiert. Der Römerbrief unterscheidet sich vom Galaterbrief insofern, als er nicht wie der Galaterbrief in so einer polemischen Situation geschrieben wurde. Also der Römerbrief ist nicht in einer Situation entstanden, in der sich Paulus mit anderen auseinandersetzt wie diesen konkurrierenden Missionaren, die im Philipperbrief und im Galaterbrief wichtig sind. Sondern hier ist Paulus in einer ganz anderen Situation. Er ist, das hatte ich gestern schon mal kurz erwähnt, am Ende seines Wirkens in der Osthälfte des Römischen Reiches angekommen und will jetzt noch mal nach Jerusalem gehen und dort die Kollekte überbringen und dann will er über Rom nach Spanien.

57:12
Also er will dann in den Westen gehen. Das sagt Paulus auch im Römerbrief ausdrücklich. Das heißt, wir haben hier eine ganz andere Situation vor uns, also eine andere biografische Situation für Paulus. Und wir haben auch eine andere Situation im Blick auf die Christusgläubigen in Rom vor uns. Paulus schreibt den Brief nicht, weil er irgendetwas gehört hat aus den Gemeinden von den Christusgläubigen in Rom, sondern er schreibt diesen Brief, weil er sich dort vorstellen will. Er war vorher noch nie da und er will jetzt sich sozusagen ankündigen mit diesem Brief. Und das gibt ihm die Gelegenheit, in grundlegender Weise und ohne so einen spezifischen Situationsbezug, wie das in allen anderen Briefen bei Paulus ist, darüber nachzudenken,

58:08
was das Evangelium eigentlich ist. Und er will sich damit, dass er in dieser grundlegenden Weise über das Evangelium nachdenkt, zugleich auch den Christusgläubigen in Rom vorstellen. Und das tut er eben in der Weise, dass er zunächst, was ich vorhin sagte, zusammenfasst in Römer 1, 16 und 17, das ist sozusagen die grundlegende These des Römerbriefes: "Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes für jeden, der glaubt, für den Juden zuerst und auch für den Griechen, denn in ihm ist offenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, also die Gerechtigkeit Gottes, die durch den Glauben hergestellt wird zwischen Gott und den Menschen, wie geschrieben steht ..." Also das ist dieses Schriftzitat aus Habakuk, das Paulus dort bringt in Römer 1, 17. Man kann diesen Satz in zweierlei Weise übersetzen, man könnte sagen:

59:09
"Der Gerechte wird aus Glauben leben", das ist beides möglich grammatisch, aber meines Erachtens ist die richtige Übersetzung: "Der aus Glauben Gerechte wird leben." Das begründe ich jetzt nicht näher, das glauben Sie mir jetzt einfach mal. Das ist wie gesagt die grundlegende These des Römerbriefs. Und dann kommt Paulus im nächsten Abschnitt des Römerbriefes auf seine Ausführungen darüber, dass alle Menschen gottlos sind, und hier formuliert er ganz universal über alle Menschen, also unabhängig davon, ob sie jüdische oder nichtjüdische Menschen sind: "Alle Menschen sind nämlich ungerecht und gottlos." Paulus gebraucht hier die Substantive "asebeia" und "adikia", also die Gottlosigkeit und die Ungerechtigkeit.

60:07
Und Gottes Zorn ist jetzt über die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen gekommen. Also Gottes Zorn wurde offenbart über die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. Alle Menschen sind vor Gott gottlos und ungerecht - diese Einsicht hat Paulus, weil er sieht, was Gott im Evangelium getan hat und dass unabhängig davon, ob man an das Evangelium glaubt, man zu den Gottlosen und Ungerechten gehört. Das beschreibt er dann in dem nächsten Abschnitt des Römerbriefes ausführlich und dort redet er eben von dem gerechten Gericht Gottes. Also Gott wird die Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit der Menschen abweisen. Er wird sie tilgen, weil Gott selber gerecht ist und seine gerechte Ordnung durchsetzt, das hatte ich vorhin gesagt mit diesen apokalyptischen Vorstellungen, und das widerspricht der Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen.

61:08
Das heißt, wenn Gott seine gerechte Ordnung durchsetzt, dann weist er diese Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen ab. Und dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Gott kann das so tun, dass er das Gesetz als Maßstab nimmt und die Menschen nach dem Maßstab des Gesetzes verurteilt. Das wäre auch das, was eigentlich zu erwarten ist. Aber nun passiert etwas Neues, und das ist der nächste Teil, den Paulus im Römerbrief dann ausführt, nämlich, dass Gott ohne Gesetz seine Gerechtigkeit offenbart hat. Also er handelt nicht nach dem Maßstab des Gesetzes, sondern Gott hat jetzt seine Gerechtigkeit offenbart, die durch den Glauben an Jesus Christus zustande kommt.

62:02
Ohne diesen Glauben an Jesus Christus ermangeln alle Menschen der Gerechtigkeit. Das wird mehrfach gesagt im Römerbrief. Paulus betont diese wichtige universelle Dimension des Glaubens an Jesus Christus, was eben heißt, dass es auch für Juden nötig ist. Es ist nicht nur so, dass die Heiden den Glauben an Jesus Christus brauchen und die Juden sind als erwähltes Volk sowieso schon dabei, sondern auch für die Juden ist es wichtig, dass sie in ein Verhältnis der Gerechtigkeit zu Gott gesetzt werden. Deswegen tut Paulus es ja auch selber. Er ist selber Jude. Sonst könnte er ja sagen, ich brauche nicht an Jesus Christus zu glauben. Aber natürlich ist es für jüdische Menschen auch wichtig, dass sie an Jesus Christus glauben. Gott hat jetzt eben durch sein Handeln in Jesus Christus die Möglichkeit geschaffen, gerecht zu werden. Gerecht gemacht zu werden, müssten wir genauer sagen. Und an dieser Stelle führt Paulus das etwas näher aus, indem er nämlich sagt:

63:02
"Gott hat Jesus Christus zu einem ..." - und an dieser Stelle kommt ein schwieriger griechischer Begriff, der griechische Begriff heißt "helasterion". "Gott hat Jesus Christus zu einem Helasterion eingesetzt." Dieser Begriff Helasterion kommt nur an dieser Stelle, nur in Römer 3,25, bei Paulus vor. Und er meint sehr wahrscheinlich, dass Gott hier Jesus Christus - also gemeint ist damit der Tod Jesu Christi - zu demjenigen Ort gemacht hat, an dem man von seinen Sünden freikommt. Dass hier der Tod Jesu Christi gemeint ist, ist ganz eindeutig, weil Paulus sagt: "Gott hat Jesus Christus zu einem Helasterion erklärt in seinem Blut", also im Blut Jesu Christi. Und dieser Begriff Blut bezieht sich auf den Tod Jesu Christi. Also der Tod Jesu Christi ist durch Gott zu einem Geschehen gemacht worden,

64:02
durch das man von seinen Sünden freikommt. Dieser griechische Begriff Helasterion kommt auch in der griechischen Bibel, also in der Übersetzung der jüdischen Schriften ins Griechische, vor. Und er bezeichnet dort vor allem, also an der Stelle, an der er am prominentesten vorkommt, den Deckel der Bundeslade. An diesen Deckel der Bundeslade wurde am großen Versöhnungstag von dem Hohenpriester das Blut der Opfertiere gesprengt und auf diese Weise wurde Israel von seinen Sünden gereinigt. Und wenn Paulus jetzt sagt: "Gott hat Jesus Christus zu einem Helasterion gemacht", dann bezieht er sich sehr wahrscheinlich darauf und sagt: Das ist der Ort, an dem Gott jetzt anwesend ist, an dem er selber anwesend ist. Gott wurde auch als anwesend auf dieser Bundeslade vorgestellt. Also es gibt eine direkte Begegnung des Hohenpriesters mit Gott, der präsent ist auf dem Deckel der Lade.

65:06
Und durch diese Opferhandlung wird Israel von seinen Sünden gereinigt. Sehr wahrscheinlich ist das der Hintergrund. Dieser Begriff ist sehr umstritten und so, aber ich sage Ihnen jetzt mal, wie es richtig ist ... Das ist aber nicht nur meine Interpretation. - Also das ist sehr wahrscheinlich die Analogie, die Paulus hier herstellen will zum Kreuzestod, der natürlich kein blutiges Opfer war, also Jesus Christus wurde nicht in einem Opfervorgang geopfert. Aber Paulus interpretiert diesen Vorgang der Kreuzigung Jesu jetzt so, dass Gott dadurch den Menschen ihre Sünden vergibt oder sie von ihren Sünden reinigt - durch den Glauben. Also die Antwort der Menschen darauf ist der Glaube. Und deshalb sagt Paulus, das ist noch eine weitere Wendung, die auch hier in Römer 3,25 vorkommt: "Durch den Glauben".

66:13
Gott hat also Jesus Christus zu einem solchen Helasterion gemacht in seinem Blut, und dieses Helasterion wirkt durch den Glauben. Das ist dieser Zusammenhang und deshalb ist hier durch dieses Handeln Gottes eine neue Weise geschaffen worden, wie Gerechtigkeit möglich wird. Das kommt dann auch im weiteren Verlauf in Römer 3 explizit vor. Paulus sagt dann: "Auf diese Art und Weise hat Gott jetzt seine Gerechtigkeit gezeigt", genau auf diese Weise. Und da sehen Sie eben, warum die Rechtfertigung - also was wir mit Rechtfertigung bezeichnen, das muss anhand dessen, was Paulus tatsächlich ausführt, natürlich erklärt werden - für Paulus so eine wichtige Kategorie ist.

67:03
Das ist im Grunde das, was beschreibt, worin eigentlich die Bedeutung des Handelns Gottes durch Jesus Christus liegt. Und darum ist eben seine Theologie für die Grundlegung dessen, was wir als Christen glauben, so entscheidend. Gerade diese Passage im Römerbrief ist dafür eine so wichtige, weil Paulus hier in einer sehr, sehr dichten Formulierung - also diese Verse sind unglaublich dicht - darlegt, was dieses Handeln Gottes durch Jesus Christus eigentlich bedeutet, worin eigentlich ihre tiefe Bedeutung liegt. Das wird dann im weiteren Verlauf des Römerbriefs noch durch einige Gedanken vertieft und fortgeführt. Ein wichtiger Gedanke ist der, dass Paulus noch mal auf Abraham zu sprechen kommt und auf den eben schon genannten Vers: "Abraham glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet." Dieser Vers ist einer, den Paulus im ganzen vierten Kapitel des Römerbriefes interpretiert.

68:06
Das ganze vierte Kapitel ist eine Interpretation dieses Satzes. Und entscheidend dabei sind für Paulus folgende Dinge: Zum einen sagt Paulus: Abraham glaubte Gott und er hatte nichts getan. Also Paulus sagt über Abraham, dass er Gott nur geglaubt hat und nichts weiter getan hat. Also er hat sich eben nicht an die Thora gehalten oder so. Die Thora gab es noch gar nicht. Davon ist dort in der Genesis gar nicht die Rede. Da geht es nicht darum, ob Abraham was getan hat oder nicht, sondern das ist ein Aspekt, den Paulus hier einbringt, um diesen Vers zu interpretieren und um diesen Zusammenhang von Glaube und Gerechtigkeit zu interpretieren. Und ein zweiter interessanter Gedanke in Römer 4 ist, dass Paulus dann sagt: "Wann hat Abraham denn Gott geglaubt? Als er beschnitten war oder als er unbeschnitten war? Natürlich als er noch unbeschnitten war." Da macht sich Paulus einfach zunutze, dass in der Bibel die Beschneidung Abrahams erst später erzählt wird.

69:09
Also in unserer Nomenklatur in Genesis 15 wird erzählt, dass Abraham Gott glaubte, und später, in Genesis 17, wird von der Beschneidung Abrahams erzählt. Und daraus macht Paulus hier so eine chronologische Abfolge und sagt: Ja, als Abraham Gott geglaubt hat, da war er noch gar nicht beschnitten. Und deshalb hat er später die Beschneidung als Siegel der Glaubensgerechtigkeit empfangen. Also die Beschneidung ist sozusagen dasjenige, was besiegelt, was sowieso schon da war, nämlich dass Abraham Gott geglaubt hat und deshalb ihm dies zur Gerechtigkeit angerechnet wurde. Deshalb kann Abraham, das ist wiederum die Fortführung bei Paulus in Römer 4, deshalb kann Abraham der Vater sowohl der Beschnittenen als auch der Unbeschnittenen sein. Also Abraham ist sozusagen die Integrationsfigur für diejenigen, die beschnitten sind, und für diejenigen, die unbeschnitten sind,

70:03
also anders gesagt: für Juden und Nichtjuden. Beide können sich auf Abraham beziehen, weil hier in Abraham dieser Zusammenhang von Glaube und Gerechtigkeit, der nicht von der Beschneidung abhängt, deutlich wird, Abraham aber zugleich jemand ist, der dann trotzdem beschnitten wurde. Deswegen kann er eben sowohl der Vater der Unbeschnittenen als auch der Vater der Beschnittenen sein. Und ein weiterer Aspekt in Römer 4, der auch mit Abraham zusammenhängt, ist noch, dass Abraham Gottes Verheißung glaubte, nämlich der Verheißung, dass er einen Sohn bekommen wird, obwohl er selber schon so alt war. Der Abraham war schon 100 und auch die Sarah war schon 90 und so. Und trotzdem hat er Gott das geglaubt. "Er hat geglaubt", sagt Paulus dort, "dass Gott aus dem, was nicht ist, etwas schaffen kann, was ist." Also aus dem Nicht-Seienden kann Gott etwas ins Sein rufen. Und diese Aspekte machen den Glauben Abrahams für Paulus mit dem Glauben von uns vergleichbar. Das ist dann das Fazit von diesem vierten Kapitel:

71:14
Abraham hat eben geglaubt, ohne dass er etwas getan hat. Und er hat geglaubt, auch als er noch nicht beschnitten war. Und er hat an den Gott geglaubt, der aus dem Nicht-Seienden etwas schaffen kann. Und dieses "aus dem Nicht-Seienden etwas schaffen kann" bezieht Paulus dann darauf, dass Gott aus Toten Lebende machen kann, nämlich: "der den Herrn Jesus Christus auferweckt hat". Und deswegen sagt Paulus am Ende dieses Kapitels, dass das alles nicht nur um Abrahams willen geschrieben ist, so dass wir mal lesen können, was war denn eigentlich mit Abraham damals los, sondern auch um unseretwegen, die wir an den glauben, der unseren Herrn Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Also das ist sozusagen noch so eine Plausibilisierung dieses Glaubens an Jesus Christus mit dem Verweis auf Abraham. Dieser Verweis auf Abraham ist für Paulus deshalb wichtig, weil er sagt: Was ich hier darlege, ist nicht irgendwie eine fixe Idee, sondern das kann man alles in der Schrift schon sehen.

72:15
In den jüdischen Schriften kann man das alles schon lesen. Das ist sozusagen nichts Neues. Man muss diese Schriften nur richtig verstehen. Im weiteren Verlauf des Römerbriefes geht Paulus dann noch auf die Analogie zwischen Adam und Christus ein: "Mit Adam ist die Sünde in die Welt gekommen und mit Christus ist die Gerechtmachung in die Welt gekommen." Hier wird das insofern auch auf eine sehr grundlegende Ebene gestellt, als Paulus hier grundlegend anthropologisch, also auf das Sein des Menschen bezogen, argumentiert. Er sagt: "Seit Adam sind alle Menschen unter der Macht der Sünde. Und das konnte nur durch ein neues Handeln Gottes geändert werden. Und dieses neue Handeln Gottes war eben, dass er durch Jesus Christus nunmehr die Gerechtmachung, die Gerechtsprechung ermöglicht hat."

73:12
Also am Ende des fünften Kapitels des Römerbriefes ist diese Analogie zwischen Adam und Christus eine, die Sünde auf der einen Seite und Gerechtmachung auf der anderen Seite einander gegenüberstellt. Das ist im Wesentlichen das, was für den Römerbrief wichtig ist im Blick auf diese Frage der Gerechtigkeit Gottes und der Gerechtwerdung oder des Gerechtmachens der Menschen. Paulus führt im weiteren Verlauf des Römerbriefes noch aus, wie sich das de facto vollzieht. Man verabschiedet sich von dem alten Leben und lebt jetzt in neuer Weise als jemand, der bereits gerecht ist. Und dieser Abschied von dem alten Leben und die Hinwendung zu einem neuen Leben geschieht durch die Taufe. So interpretiert Paulus hier die Taufe.

74:05
Taufe bedeutet eine Taufe auf den Tod Christi, weil man mit Christus sozusagen sich von dem alten Leben, das man bisher gelebt hat, verabschiedet und jetzt in neuer Weise lebt. Und als Getaufter lebt man dann eben im Geist und verhält sich in neuer Weise. Das ist dann sozusagen die Ausführung dessen, was es für die Glaubenden jetzt bedeutet, in neuer Weise zu leben. Und dieser Durchgang endet dann im achten Kapitel des Römerbriefes mit der Frage, was wir als Gerechtfertigte oder auch als bereits Gerettete, wie es Paulus in Römer 8 sagt, noch von der Zukunft erwarten. In der Zukunft erwarten wir eben noch, dass diese Herrlichkeit der Kinder Gottes an uns offenbar gemacht wird. Das ist das, was wir in der Zukunft noch erwarten: Herrlichkeit der Kinder Gottes. Und damit meint Paulus, dass wir das, wie wir eigentlich als Menschen geschaffen sind von Gott, wiedererlangen werden.

75:14
"Doxa" ist das griechische Wort dazu, also "Herrlichkeit". Wir sind eigentlich als Gottes Ebenbilder geschaffen worden und hatten diese Herrlichkeit mal. Dann ist aber eben durch die Sünde dieses alles in einen Zustand geraten, in dem wir dieser Herrlichkeit verlustig gegangen sind. Und diese Herrlichkeit, die wird an uns zukünftig wieder offenbart werden. Das ist so der Durchgang durch diesen Teil des Römerbriefes. Zu Römer 9 bis 11 und der Frage, was das für Israel bedeutet, habe ich gestern schon ein paar Worte gesagt, das wiederhole ich jetzt an dieser Stelle nicht. Kathy Ehrensperger hat da vorhin auch ein paar Worte dazu gesagt. Das gehört jetzt auch nicht unmittelbar in dieses Thema der Rechtfertigungslehre hinein. Deswegen lasse ich das an dieser Stelle aus und sage zum Schluss noch etwas zu diesen beiden Passagen in Römer 5 und 2. Korinther 5, wo Paulus von der Versöhnung spricht.

76:15
Das ist also viel, viel kürzer, keine Angst ... Also Versöhnung ist eine Vorstellung - wie gesagt, bei Paulus kommt das Nomen nicht vor, hatte ich schon gesagt, sondern das Verbum. Es ist etwas, was sich dieser Rede von der Rechtfertigung zuordnen lässt, weil Paulus sagt - das ist der erste Teil von Römer 5 -, dass wir als Gerechtfertigte Frieden mit Gott haben. Frieden ist bereits ein Begriff, der in dieses Wortfeld Versöhnung gehört. Und hier in Römer 5 führt Paulus also durch diese Rede von der Versöhnung die Rede von der Rechtfertigung oder des Gerechtgemachtwerdens weiter und sagt: "Wir haben jetzt Frieden mit Gott." Und er beschreibt das dann in diesem Teil des Römerbriefes (Kapitel 5, 1-11) so, dass wir in unserer früheren Existenz Feinde waren -

77:22
also Feinde ist ein weiterer Begriff, der in diese Vorstellung von der Versöhnung gehört - und dass wir aber von Gott versöhnt worden sind, dass wir diese Versöhnung eben erlangt haben. Und auch an dieser Stelle bringt Paulus eine Interpretation des Todes Jesu ein. Er sagt nämlich, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch schwach waren oder als wir noch Gottlose waren. Also in dieser früheren Existenz ist Christus für uns gestorben und hat uns aus dieser früheren Existenz in eine neue Existenzweise geführt. Und diese Existenzweise ist eben die, dass wir nunmehr versöhnt sind mit Gott.

78:10
Also man kann sagen, das ist etwas, was diese Vorstellung von dem Gerecht-gemacht-worden-Sein an dieser Stelle fortführt dadurch, dass der Akzent darauf gesetzt ist, dass ein früheres Gegeneinander von uns Menschen, wo wir uns als Feinde Gottes aufgeführt haben, jetzt beendet ist. Der zweite Zusammenhang der Rede von der Versöhnung ist in 2. Korinther 5, und hier insbesondere in 2. Korinther 5, 18-21. Da interpretiert Paulus Gottes Handeln durch Jesus Christus in der Weise, dass er sagt: "Gott hat durch Christus die Welt mit sich versöhnt." Also Gott hat das bereits getan. "Und er hat uns" - und damit meint Paulus sich und seine Mitarbeiter - "den Dienst der Versöhnung gegeben."

79:10
Also die Versöhnung hat hier nach 2. Korinther 5 zwei Teile. Der eine Teil ist, dass Gott durch Christus gehandelt hat und die Welt mit sich versöhnt hat. Und der zweite Teil ist, dass Gott den Paulus und seine Mitarbeiter damit beauftragt hat, diese Versöhnung auch zur Wirkung zu bringen. Und deshalb wird das dann in 2. Korinther 5 fortgesetzt, dass Paulus sagt: "Wir wirken also als Friedensgesandte Gottes." Das ist ein Verbum, was Paulus dort gebraucht, "presboiein" heißt das griechische Verb, Paulus verwendet es nur an dieser Stelle. Und dieses Verbum bedeutet so etwas wie "als jemand tätig sein, der als Abgesandter zwischen Parteien vermittelt, um Frieden herzustellen". Und Paulus sagt dann: "Wir wirken als solche Friedensgesandte für Christus und bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott." Also die Versöhnungsvorstellung hier in 2. Korinther 5 dient vor allem dazu, dass Paulus seine eigene Tätigkeit mit dieser Vorstellung der Versöhnung verbinden kann.

80:19
Versöhnung ist so, dass zwei Parteien miteinander versöhnt werden und dass es Friedensgesandte gibt, die zum Beispiel zwischen Kriegsparteien vermitteln. Das ist in der Antike so und das gibt es ja auch heute, dass zwischen einander verfeindeten Parteien eine Versöhnung dadurch hergestellt wird, dass es vermittelnde Friedensgesandte gibt. Der wichtige Unterschied zwischen der von Paulus gebrauchten Vorstellung von dieser Versöhnung und der, dass sich Kriegsparteien miteinander verständigen, ist der, dass bei Paulus - das hatte ich am Anfang gesagt - die Versöhnung immer von Gott ausgeht. Das heißt nicht: Ihr müsst euch jetzt beide einigen sozusagen, sondern es gibt natürlich für Paulus immer ein Ungleichgewicht zwischen Gott - der hat die Welt mit sich versöhnt -

81:10
und den Menschen, die sich auf dieses Versöhnungsangebot nunmehr einlassen sollen. Und deshalb ist das natürlich anders, als wenn jetzt in Kontexten von Geschichtsschreibung oder so von der Versöhnung von verfeindeten Parteien die Rede ist. Bei Paulus ist es immer so, dass Gott derjenige ist, der die Menschen zu sich in ein Verhältnis des Versöhntseins setzt. Und hier, in 2. Korinther 5, kann Paulus eben auch davon sprechen, dass er selber als ein solcher Friedensgesandter wirkt. Insofern ist diese Rede von der Versöhnung also eine, die die Vorstellung von der Rechtfertigung aufgreift und in gewisser Weise akzentuiert. Diese beiden Vorstellungen, also Rechtfertigung und Versöhnung, beschreiben also aus der Sicht des Paulus den Vorgang der Rettung des Menschen, also wie der Mensch zum Heil gelangt.

82:11
Beide Male ist es auf das Handeln Gottes an den Menschen und an der Welt bezogen, und zwar insofern, als Gott seine gerechte Ordnung in der Welt durchsetzt. Er hat das bereits in Jesus Christus getan. Und deswegen sind die Glaubenden bereits in der Gegenwart Gerechtfertigte und Versöhnte und hoffen darauf, dass diese zukünftige Herrlichkeit der Kinder Gottes an ihnen offenbar wird.

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Rechtfertigung und Versöhnung: Zwei zentrale Achsen in der paulinischen Theologie | 15.5.2

Worthaus 13 – Tübingen: 7. Juni 2025 von Prof. Dr. Jens Schröter

Paulus scheint es uns einfach zu machen: Wir müssen nichts tun, nur an Gott und Jesus glauben, dann passt das schon alles – egal wie wir leben, egal ob wir sündigen.

So einfach ist es natürlich nicht. Paulus war Pharisäer, untadelig nach dem Gesetz, wie er schreibt, mit Regeln kannte er sich aus. Und die hat er für Christen nicht außer Kraft gesetzt. Jens Schröter erklärt anhand verschiedener Paulus-Briefe, was der Apostel gemeint haben könnte, was es mit Gottes Gericht überhaupt auf sich hat, was es bedeutet, vor Gott gerecht zu sein, an welche Regeln sich Christen trotz – oder gerade wegen – ihres Glaubens halten sollen.