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Thema des Vortrags ist die Geschichte der Paulusforschung, die jüngere Geschichte der Paulusforschung, um das gleich ein bisschen einzugrenzen. Man könnte ja viel dazu sagen und der oder die ein oder andere möge jetzt sagen: Warum? Wen interessiert das denn? Also ich will ja auch nicht, wenn ich beim Arzt oder der Ärztin bin, hören: "Sie haben eine Krankheit. Bevor ich Ihnen die Diagnose sage, erzähle ich Ihnen erst mal die Geschichte der Forschung der letzten 70 Jahre." Da würde man sagen: "Nein! Was gilt jetzt? Was ist state of the art?" Und es interessiert nicht, was man 1965 für Elektroschocks probiert hat oder so. - Theologie ist anders. Theologie ist ein bisschen komplizierter, ein bisschen verschachtelter. Ich behaupte einfach mal, wenn man sich so hier 100 Jahre Paulus-Forschung anschaut,

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das hat einen lehrreichen Effekt. Ich spoiler das Ergebnis gleich schon mal. Ein Ergebnis wird ganz schlicht sein: Jeder Mensch ist echt Kind seiner Zeit. Jeder Mensch schaut da drauf aus seiner ganz bestimmten Zeit, aus der Situation, aus seinem Kontext, aus der Verwurzelung in bestimmten theologischen Fragen. Die Wurzeln in kirchlichen Situationen, in gesellschaftlichen Herausforderungen haben ihren zeitgeschichtlichen Ort, wo man in dieser Weise denkt. Und sich das klarzumachen, ist heilsam. Um ein erstes Paulus-Wort rauszuhauen: "All unsere Erkenntnis ist Stückwerk." Das kann man beweisen, indem man die Stücke zeigt, indem man sie einfach mal nebeneinanderlegt. Ja, Erkenntnis ist immer Baustelle, immer in Entwicklung. Und es ist jetzt auch nicht so, dass man sagen kann, es ist von "dumm"

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zu "eine Ahnung kriegen" hin zu "schlau". Und witzigerweise ist jetzt hier, wo wir stehen, "alles klar". Das hat man jetzt immer mal zwischendurch gedacht. Man könnte im Lauf der Jahrtausende irgendwie die Idee kriegen: In 30 Jahren wird man über uns auch hier und da auch mal so ein bisschen lächeln. Vielleicht sind die dann noch weiser geworden und lachen nicht mehr laut oder so, weil sie verstehen, es geht immer weiter. Zweite Frage, die man sich stellen kann: Ja, warum mache ich das denn als systematischer Theologe? Ich bin ja fachfremd, bin ja da eigentlich gar nicht drin. Ich hab mich auch erst gewehrt, wollte das gar nicht machen. Hatte auch die Ahnung, dass es Arbeit ist. Dann habe ich am Ende aber gesagt: Doch, ich mach das. Warum? Weil ich tatsächlich denke, Theologie insgesamt, auch systematische Theologie, sollte sich schlicht dem Anspruch stellen, die Botschaft der Bibel für die eigene Zeit zu vermitteln.

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Es gibt Formen von Theologie heute, da ist ja Theologie nicht nur die Reflexion des Glaubens, sondern im Grunde ist Theologie die Reflexion von anderer Theologie, die auch schon die Reflexion von anderer Theologie war. Und wenn man in der Theologie TheologInnen hört, die über TheologInnen reden, die über TheologInnen geredet haben, ist es vielleicht jetzt kein Wunder Gottes, dass das - außerhalb dieser Kaskade - gar nicht mehr so interessant gefunden wird. So, also ich denke schon, alle in der Theologie sollten mal wieder klarkriegen: Die Bibel ist die Basis und nicht nur historisch, sie ist auch sachlich Grundlage des Glaubens. Und da muss uns irgendwie was zu einfallen. Das kann dann aber auch nicht so sein, dass man das quasi an denen vorbeimacht, die das hauptberuflich tun. Das heißt, ich habe so ein bisschen die anspruchsvolle Idee,

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dass man in der systematischen Theologie tatsächlich die Entwicklung der Exegese verfolgen sollte. Lebenslang. Und dann ist man natürlich immer allein. Das ist so eine Schule der Demut. Man muss immer um Auskunft fragen. Man ist da nicht so ganz. Man tut, was man kann. Aber Schule der Demut würde ich weiterempfehlen, ist immer gut. Alles, was einen erdet, macht einen reifer. Das bringt schon was. Und ich glaube, am Ende werden wir davon profitieren. Jetzt habe ich genug geworben. Jetzt muss ich liefern. Okay. Ich steige sofort ein. Wo steige ich ein? Ich habe ja schon gesagt: 100 Jahre. 100 Jahre muss jetzt mal reichen. Alles andere ist sonst echt Kirchengeschichte, und 100 Jahre kann man auch wirklich machen. Ich steige ein bei einer Paulus-Rezeption, die ungeheuer einflussreich geworden ist. Darum ist sie eigentlich eine ideale Einstiegsgelegenheit.

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Der Name wird jetzt auch kein großes Wunder sein. Ich wohne immer noch in Marburg, am Wochenende zumindest. Also Rudolf Bultmann ist für vieles ein guter Anfang. Immer. Also man kann bei ihm immer erst mal so eine Startposition kriegen. Warum? Rudolf Bultmann ist jemand, der vor allem nach dem Ersten Weltkrieg berühmt wird, bekannt wird für eine innovative, für eine gründliche Bibelauslegung, die vor allem zu Johannes und zu Paulus auch wirklich Maßstäbe setzt. Er prägt die Exegese selbst für die nächsten 30 Jahre sehr stark mit. Und Rudolf Bultmann ist es gelungen, einen Schülerkreis aufzubauen, der dann im Grunde die nächsten 30 Jahre noch mal dominiert hat. Also das ist schon so eine Geschichte, wo er selbst von den 20ern bis zu den 50ern eine zentrale Stimme wird. Und bis in die 80er hinein ist eigentlich so eine Reihe von Bultmann-Schülern überall quer durch Deutschland

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sehr, sehr prägend, ob die dann Ernst Käsemann heißen oder Willi Marxsen oder Hans Conzelmann, Andreas Lindemann. Da kann man ganz viele nennen. Also das ist schon prägend. Und bei Bultmann ist auch interessant, dass er selbst natürlich in einer Geschichte steht. Er ist selbst groß geworden im Grunde mit der Theologie des 19. Jahrhunderts, mit der Theologie des Kaiserreichs, mit der damaligen Exegese. Das heißt, wir können bei ihm auch fragen: Wo kommt er denn her? Was war der Stand der Paulus-Exegese auch vor dem 20. Jahrhundert? Da kann man Folgendes sagen: Im 19. Jahrhundert hat die Theologie insgesamt - und das wirkt sich auch in der Exegese aus - so eine polare Aufstellung. Es gab so zwei Pole. Den einen nannte man "positive Theologie", das waren Menschen, die sagten: Ich stehe auf dem Boden von Bibel und Bekenntnis.

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Ich orientiere mich an der Reformation oder manchmal auch am Pietismus. Und das ist im Grunde die klassische Bibelauslegung, die ich entfalte für heute, ein bisschen auch hier und da was mache. Aber im Großen und Ganzen verteidigen wir die Bibeldeutung unserer reformatorischen Väter und unserer pietistischen Väter. Und dann gab es auf der anderen Seite des Spektrums liberale oder freie Theologen, die gesagt haben: Ja, Moment mal. Also bis 1750 kam man damit so ungefähr durch. Aber dann ist, muss man im Grunde sagen, ein bisschen viel passiert. Also die ganze Zeit der Aufklärung hat unser Weltbild verändert, hat unser Menschenbild verändert, hat unsere Vorstellung von Moral, von Religion, von Kultur, von allem verändert. Wir leben nicht mehr in Zeiten wie die Reformatoren. Für die war die Welt 6000 Jahre alt.

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Die Welt war klein. Die hatten irgendwie ein Endzeitbewusstsein. Uns gäbe es gar nicht mehr, hätten die Recht gehabt mit allem. Die waren sicher: Der Antichrist ist längst da. Demnächst ist Schluss. Das war eine komplett andere Welt. Wenn man da nicht irgendwie so eine Auswahl-Ausgabe hat, sondern Reformation im Original liest, wenn man pietistische Väter im Original liest - jeder merkt es: Das ist eigentlich noch Mittelalter. Und diese Liberalen sagten: Der tiefste Einschnitt, den wir sehen, ist nicht der zwischen Mittelalter und Reformation, sondern im Grunde zwischen Aufklärung, Moderne und der Zeit davor. Moderne und Vormoderne. Und die Kirche und die Religion der Vormoderne, das ist altprotestantisch. Das ist nicht kritisch. Das ist nicht historisches Bewusstsein. Und das ist nicht wissenschaftlich im modernen Sinne. Und das ist im Grunde kirchlich gebundene, dogmatische,

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enge Theologie, die von autoritären Voraussetzungen ausgeht. Neuprotestantismus heißt, überhaupt erst mal Theologie zu treiben, nicht im Bewusstsein, dass wir quasi die höchstmögliche Form des Wissens sind, sondern wir sind ein Strang der Geistes- und Geschichtswissenschaften. Und das, was andere Geschichtswissenschaften tun und was sie über die Entwicklung der Kulturen sagen und über den Menschen und über die Welt und über die Religionsgeschichte und über all diese Sachen, das ist total entscheidend. Das war das Spektrum: positiv gegen liberal. Positiv ist das Vorgängerwort von konservativ. Irgendwann ging das dann über in konservativ. Positiv meint konservativ. Bultmann war ganz klar im Lager der liberalen Theologie. Darum zoomen wir da jetzt noch mal ein bisschen näher ran. Bei positiv-konservativer Theologie kann man sagen:

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Die meisten Namen derer, die die Bibel ausgelegt haben, sind so ein bisschen vergessen, denn wenn am Ende sowieso dabei rauskommt, dass Paulus das gesagt hat, was in den lutherischen Bekenntnisschriften steht - schön, gut zu wissen, super -, dann sind die lutherischen Bekenntnisschriften natürlich ein bisschen besser, weil die das besser auf den Punkt kriegen, und man hat nicht das ganze Griechisch und so. Pietistisch ist interessanter. Bei den Pietisten war manchmal auch die Lust zu sagen: Die Bibel ist sehr viel tiefer als Bekenntnisschriften und so. Und da gab es ganz originelle, spannende Sachen. Aber da ich nicht über das 19. Jahrhundert referiere, lassen wir das einfach mal. Aber da kann man Sachen entdecken. In der liberalen Theologie ist es schon auch spannend, auch bunt. Zu deren Paulus-Zugang gibt es jetzt mehrere Ansätze. Es gibt Ansätze, die so sagen: Jesus war wundervoll, Paulus nicht. Diesen Ansatz gibt es,

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wo man sagt: Jesus war ein Menschenfreund. Der hat Kinder gestreichelt, der hat die Weinenden getröstet. Der hat Menschen geheilt, einfach durch die Gegenwart seiner Liebe. An Wunder glauben wir nicht, aber die Liebe ist verwandelnd, da ist viel Kraft drin. Er hat Verfeindete versöhnt. Er hat Gewaltexplosion durch seine Wehrlosigkeit und seine Güte gestoppt. Ja, ganz am Ende ging es nicht mehr, aber umso heiliger war er. Also Jesus hat gelebt und er hat Geschichten erzählt und er hat gehandelt. Und Paulus? Puh! Also sieben coole Sprüche finden wir in seinem Gesamtwerk. Da ist schon ein bisschen was, Glaube, Liebe, Hoffnung und so. Da kann man schon was finden. Aber Paulus fing im Grunde mit diesem ganzen Mist an, wegen dem wir liberal geworden sind, dieses ganze Streiten und Kämpfen,

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also irgendwelchen Leuten sagen: "Du bist nicht mehr richtig gläubig. Und wenn du ein anderes Evangelium predigst als ich, dann bist du verflucht." Dieser ganze Streit und so. Also Paulus hat es im Grunde gebracht auf diese Rechthaberei, auf diese Pfennigfuchserei, das "Nur so musst du es sagen. Und wenn du es ein bisschen anders sagst, dann bist du nicht mehr richtig gläubig. Und dann können wir auch nicht mehr zusammen essen, Dann lasse ich dich auch zurück, dann gehe ich allein weiter auf Mission" und dieses Ganze. Er hat das Christentum dogmatisiert. Er hat es streitlustig gemacht. Er hat so viel Theorie. Römerbrief. Gib ihn irgendeinem 17-Jährigen deiner Wahl, lass es ihn lesen: Er wird weinen. Er wird's bereuen. Das ist sehr schwer und so. Also es gibt diesen liberalen Zugang, wo man im Grunde sagt: "Jesus ist wundervoll -

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Paulus, geh mir weg." Es gibt andere liberale Zugänge, die sagen: Nein, das ist jetzt wirklich dumm. Und du bist nicht mehr 17. Hör auf, so zu weinen und so. Das ist anders. Nein, Paulus hat im Grunde etwas ganz Großartiges geschafft. Er hat das, was Jesus für seine Zeit und für sein Umfeld, für das palästinensische Judentum, gebracht hat, im Grunde genial übersetzt für die Welt, die griechisch-römische Welt. Aber das wurde ja irgendwie die Welt dann auch, also die, die wir zivilisiert finden und so. Paulus hat es übersetzt. Und was Paulus geschafft hat, ist, das, was Jesus gelebt und als Person verkörpert hat, in Gedanken zu übersetzen. Paulus hat den christlichen Glauben so formuliert, dass er darin die Freiheit eines Christenmenschen zur Geltung gebracht hat. Er hat das Christentum befreit aus einer Religion der Rituale, aus einer Religion der Formen, die bewahrt werden müssen,

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aus einer Religion, die sich an ganz viele Regeln hält und die beim Essen und Trinken und bei allen möglichen Sachen irgendwie gebunden ist an Vorschriften. Er hat das alles übersetzt in eine geistige Kultur, wo man weiß: Aufgrund der christlichen Botschaft von Jesus Christus können wir im Vertrauen zu Gott, dem Vater, Zuversicht haben und können in der Liebe leben, den Nächsten lieben. Das ist im Grunde christliche Existenz, und nicht Gebote abtackern, ob ich da irgendeins übersehe, und mit Hoffnung nach vorne schauen. Paulus hat es gedanklich konzentriert und im Grunde die Religion elementarisiert. Und das ist eine ganz große Leistung. Das, was er geleistet hat, wurde aber irgendwann von den Fanatikern dann wirklich überführt in griechische Metaphysik und in Streitsucht und in juristische Bestimmungen und Kirchenapparate.

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Das hat Paulus alles nicht gewollt. Paulus wollte eine Gemeinschaft des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Paulus ist im Grunde ein Luther vor Luther. Und - Gott sei Dank - im 16. Jahrhundert hat Luther das alles wiederentdeckt. Dann kamen wieder lauter Bekloppte dazwischen und so. Und wir Liberalen sind im Grunde der dritte Durchbruch. Paulus, Luther, Aufklärung, wir. Das ist eigentlich der Feldzug der Freiheit. Ja, das gab's. Und dann kamen aber wieder andere Liberale, also Liberale, das sind viele Menschen, 100 Jahre und so. Also es gab die "eher nicht so Paulus", die "schon ziemlich Paulus", und da gab's die, die gesagt haben: Ja, fast hätte ich es schön gefunden, aber es ist doch Kitsch. Weil Paulus, der war wild, der war echt wild, der ging echt davon aus, dass er jetzt hier so durch die Lande zieht, nicht heiraten muss - wofür? - und auch allen anderen sagt: Wenn du noch nicht verlobt bist, hör bloß auf, denk nicht dran.

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Wenn du nichts spürst, wenn dich da nix irgendwie kitzelt oder so, sei dankbar. Halt es, du weißt: Es ist bald vorbei. Es ist sehr bald vorbei. Jesus wird kommen mit den Wolken des Himmels und es wird die letzte Posaune erschallen und die Gräber werden sich auftun. Paulus war Apokalyptiker und Paulus hatte extrem krasse Gedanken, dass die ganze Welt in Feuer aufgeht und dass vom Himmel was kommen wird und die Posaune des jüngsten Gerichts und dann eine große Scheidung und all diese Dinge. Es gab Liberale, die gesagt haben: Paulus steckt im Grunde schon noch knietief in den Vorstellungen seiner Zeit, apokalyptische Vorstellungen von Endzeit und kosmischen Katastrophen und Scheidung der Gerechten und Ungerechten. Er ist aber auch von anderen religiösen Konzeptionen beeinflusst. Es war damals echt eine extreme Zeit.

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Es gab Mysterien, Religionen, es gab lauter so orientalische Dinge. Die schwappten so in die ehemals vernünftigen hellenistischen Gegenden hinein und die hatten dann Ideen mit Isis und Osiris, von Sterben und Auferstehen und mystischen Entrückungen und mystischer Vereinigung mit der Gottheit. Und Paulus hat das alles in seine Religion da reingesteckt und er hat ekstatische Phänomene erlebt. Er hatte, was weiß ich, das Gefühl, auf einmal nicht mehr im Körper zu sein und in irgendwelche Himmel entrückt zu werden. Das ist ja alles Irrsinn. Und diese Liberalen haben gesagt: Also man muss im Grunde sagen, was Paulus so schreibt, also zwei Drittel davon kann ein moderner Mensch nicht ertragen, ohne sich zu wundern oder zu lachen. Da ist aber ein Rest. Also da kann man mit manchem echt was anfangen. "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat." Da fällt einem auch noch mal am Sonntag was zu ein oder so. -

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Da kommt Bultmann her, aus diesem Spektrum. Das ist alles ganz interessant. Und ich habe ja versucht, alles irgendwie mal stark zu machen. Bultmann merkte, es hat auch Probleme. Und er hat jetzt so die Idee: Wir gucken mal, was ist da historisch und was noch brauchbar und was können wir noch ertragen und so? Also es gibt Formen der liberalen Theologie, da ist am Ende von Paulus das noch zu ertragen, was Goethe eigentlich auch so ähnlich gesagt hat. Warum genau machen wir das noch? Also kann es das sein, dass wir die Paulus-Briefe im Grunde zu 90 % reduzieren, bis es in so einem Goethe-Schiller-Paulus-Almanach nicht mehr unangenehm auffällt oder so? Das ist vielleicht auch gar nicht so die Zukunft. Auch andere Dinge fand er. Die haben dann Paulus als religiöses Genie gesehen, dass er so als empfindsamer Mensch die Freiheit und die Nähe zu Gott und die Gotteskindschaft betont.

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Und Bultmann sagte: Ich weiß gar nicht, wie der war. Wir haben da ein paar Briefe. Also wir reden hier von 50, 60 Seiten. Also die ganze Idee, dass wir aus 50, 60 Seiten Text ein Charakterbild von einem Menschen der Antike zeichnen und den irgendwie als Glaubensvorbild hinstellen - das funktioniert so alles nicht. Also dafür habe ich keine gute Prognose, das wird alles schwierig. So, was hat Bultmann dann durchgearbeitet während des Ersten Weltkriegs, zu Beginn der Weimarer Republik? Es gab damals einen großen Trend in der Theologie. Es gibt andere Worthausvorträge, wo ich das berichte. Ich "verlinke" mich hier ganz kurz verbal: Die Vorträge über Barth, über Gogarten und über Bultmann, die es ja alle schon gibt, die machen das ein bisschen ausführlicher. So. Alle, die jetzt nicht live dabei sind, haben die drei Stunden kurz nachgeholt und haben sich da reingehört. Für uns hier einfach noch mal sehr kurz: Also es gab nach dem Ersten Weltkrieg eine große Rückbesinnung.

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Eine Rückbesinnung, dass man sagte: Also diese sehr anthropozentrische, optimistische Sicht vom Menschen, diese positiven Erwartungen, aufgeklärter Mensch und wir haben das alles im Griff und zivilisiert, das Edle, Hilfreiche, Gute, Wahre, Schöne und so - das ist alles zusammengebrochen. Wir stehen mitten in den Trümmern europäischer Zivilisation. Wir haben die Gewalt des Bösen so erlebt, dass wir doch nie wieder daran zweifeln können, dass wir erlösungsbedürftige Wesen sind und es mit unserer Vernunft und Kraft nicht in den Griff bekommen. Also Erlösung, realistische Hoffnung für Menschen, die in irgendeiner Weise an ihre Grenzen kommen, das ist doch das, was wir brauchen. Und die christliche Botschaft, wie sie im Grunde die Reformation

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in ihrer Zeit verkündet hat, die hat Kraft. Das spüren viele. Und ja, wir sind immer noch aufgeklärt genug, um zu sehen, man kriegt jetzt Calvin und Luther nicht eins zu eins in die Gegenwart. Aber es muss doch die Herausforderung sein, daran Maß zu nehmen: Hat die Bibel eine Botschaft, eine Botschaft von Gott, eine Botschaft der Erlösung für Menschen, die von Schuld bedrängt und vom Bösen in irgendeiner Weise umgetrieben sind? Das muss doch die Herausforderung sein. Und das kann jetzt nicht ein Persönlichkeitsbild von Paulus sein und nicht irgendein zivilisatorischer Rest, der vor Kant und Goethe Gnade findet, sondern das muss was Eigenes sein, eine eigene christliche, substanzielle Botschaft. Und die hat Bultmann entfaltet. Ich entwerfe ein kleines Bild davon. Paulus war Jude, war Pharisäer, war Eiferer, war jemand,

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der es wirklich ernst nahm, der das frühe Christentum als Bedrohung des jüdischen Glaubens erlebt hat. Diese frühen christlichen Gruppen, die er natürlich als Teil des Judentums wahrnahm, das war für ihn wirklich sehr gefährlich. Er hat sie bekämpft, er hat sie verfolgt. Er hat sich teilweise sogar an ihrer Tötung beteiligt. Und dann findet diese Lebenswende statt. Bultmann sagt da sehr nüchtern zu: Da kommen wir nicht dran. Lukas erzählt das dreimal, das ist Jahrzehnte später. Paulus verliert da nicht viele Worte zu. Wir können nicht so tun, als könnten wir biografisch uns in Paulus einfühlen. Das können wir nicht. Das Einzige, was wir können, ist wahrzunehmen: Es gab eine Lebenswende, wie immer das gewesen ist. Keine Psychologie, keine Biografistik. Welche Botschaft, welche Überzeugung hat Paulus aus dieser Wende mitgenommen? Warum diese Lebenswende?

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Warum? Bultmann sagt: Paulus ist offensichtlich zu der Überzeugung gekommen, dass Gott sich tatsächlich in diesem Jesus von Nazareth offenbart hat. Er ging davon aus, dass dieser Jesus von Nazareth auferstanden ist, dass er lebendig ist, sodass Gott in ihm gehandelt hat. Gott hat in Christus geredet. Gott hat in Christus gehandelt. Paulus hat an ein Heilshandeln Gottes in Christus geglaubt. Wir können nicht genau herausfinden, wie die Erstgestalt seines Glaubens aussah. Was wir sehen, was wir wissen: Es war ja wenige Jahre nach der Tod-Auferstehung- Jesu-Zeit, dass Paulus dem begegnet ist. Also Paulus ist hier offenbar der Botschaft der frühesten Anhängerschaft Jesu begegnet, eine jüdisch-palästinensische Gruppe.

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Und für die waren ein paar Dinge klar: Jesus ist der Messias. Jesus ist der Christus, der Messias Jesus Christus. Das wird ziemlich schnell tatsächlich wie zu einem Namen. Es ist nicht immer "der Messias Jesus"; es geht ziemlich schnell, dass es wie so ein Name verwendet wird. Er ist es. Er ist auferstanden. Und sein Tod ist dann natürlich das große Rätsel. Aber offenbar hatte man früh die Idee, der Tod Jesu ist keine Katastrophe, kein großes Unglück, sondern der Tod Jesu hat Sinn im Plan Gottes. Jesus ist wie ein Opfer dahingegeben. Er ist in irgendeiner Weise Opfer, Sühne, Lamm Gottes. Und da gibt es viele Bilder, das ist nicht immer dasselbe. Da gibt es viele Motive, das wollen wir aber jetzt nicht vertiefen. Aber das ist das Entscheidende: Jesus ist der Messias, der Sohn Gottes, der von Gott Gesandte,

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für uns gestorben, für uns hingegeben und auferstanden. Gott hat in ihm gehandelt. So, und das war sicher der frühe Glaube des Paulus. Das ist bei Paulus bereits vermittelt durch - - es passiert ja bei Damaskus - ein hellenistisch geprägtes jüdisches Bekenntnis zu Jesus. Und in der Apostelgeschichte ist von Anfang an ja klar: Sehr früh gibt es im Grunde die galiläische und die palästinensische jüdische Wurzel und diese Diaspora-jüdische Anhängerschaft Jesu, also die Hellenisten wie Stephanus. Von Anfang an ist es da. Damit ist Paulus vertraut, und er selbst hat dann offenbar für sich die Berufung empfunden, diese Erfahrung als Mission anzunehmen,

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als Beauftragung, den Glauben an Jesus von Nazareth in die heidnische Welt hineinzubringen. Paulus hat diese Mission radikal ernst genommen. Er muss den Glauben an Jesus Christus verkünden für die Heiden, für die Völker - Heiden ist ein doofes Wort, ist aber oft noch in den Bibeln drin -, also für die Völker, für die nicht-jüdische Welt. Und das heißt, er steht auch vor einer Übersetzungsaufgabe, wie er denen das nahebringen kann. Und Bultmann geht davon aus, das hat Paulus sehr ernst genommen. Er hat schon schnell gemerkt, man kann jetzt nicht so überall lauter Dinge verkünden, für die man im Grunde die hebräische Bibel oder wenigstens die Septuaginta auswendig können muss. Man muss es im Grunde übertragen. Man muss es übersetzen. Man muss es weiterdenken. Und Bultmann hat sich dieser Aufgabe gestellt, von Anfang an Paulus als den großen Übersetzer der christlichen Botschaft für die nicht-jüdische Welt nachzuzeichnen.

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Das ist seine große Leistung. Also hinter sich hat er das ursprüngliche, jüdische Verständnis von Jesus als dem Messias, schon ein bisschen hellenistisch bearbeitet. Und Paulus geht voll rein und arbeitet daran. Jetzt muss man dazu sagen: Paulus hat manche Überzeugungen, von denen wir heute davon ausgehen, dass es nicht mehr so ist. Also er geht davon aus, dass damals bereits Gnosis ein großes Thema war. Und das sehen wir nicht mehr. Wir sehen eher, dass die Gnosis sich später entwickelt. Damit fällt vieles in seinen Schriften auch mal so ein bisschen weg. Er hat auch einen ein bisschen groben Begriff von Mysterien-Religionen. Also Bultmann geht davon aus, Paulus übersetzt vieles - Johannes noch stärker - in gnostische, mysterienreligiöse Dinge. Das brauchen wir im strengen Sinne jetzt nicht. Ich zeichne aber kurz nach, wie man sein Paulus-Verständnis zusammenfassen kann.

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Gehen wir noch mal zur Frage: Was hat Paulus erkannt in Damaskus? Welche Botschaft hat sich in seinem Kopf herauskristallisiert, nachdem er seine Lebenswende durchdacht hat? Er hat erkannt: Er lag falsch. Er hat die christliche Gemeinde verfolgt, und das war ein furchtbarer Fehler. Er schreibt in seinen Briefen immer wieder: "Ich bin der Allergeringste, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe." Er hat verkannt, dass Jesus der Messias ist. Er hat verkannt, dass Jesus der Auferweckte ist. Ja, wie konnte das passieren? Warum? Warum hat er das verkannt? Nach Bultmann ist seine Analyse tiefer gegangen. Paulus hat gemerkt im Rückblick, dass er wie besessen war davon, als Jude das Gesetz Gottes einzuhalten. Und wenn andere jüdische Gruppen an der Thora-Observanz, an der Befolgung des Gesetzes,

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anfingen Kompromisse anzubringen, liberaler wurden - das ist furchtbar. Das ist eine Katastrophe. Das ist Gotteslästerung. Das ist Verführung. Wenn da Leute anfangen, liberal zu werden und sich da irgendwie moralisch, ethisch auflockern und klare Gebote der Thora nicht mehr respektieren, das ist eine Katastrophe. Und laut Bultmann hat Paulus darüber immer tiefer nachgedacht und gemerkt: Ich werde gerettet durch den Glauben an Jesus Christus, durch das, was Gott in Christus getan hat, in Kreuz und Auferstehung. Dadurch werde ich gerettet. Ich werde nicht durch das Gesetz gerettet. Ich werde nicht durch meinen Gehorsam gerettet. Ich werde nicht dadurch erlöst, dass ich mich an alle Gebote der Thora halte, egal ob sie ethisch oder kultisch oder rituell sind.

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Und er hat dann noch weitergedacht und gesagt: "Es war ja geradezu meine Sünde. Es war meine Sünde, dass ich versucht habe, durch Einhaltung des Gesetzes Gott wohl zu gefallen. Das ist doch der tiefste Kern meines Irrwegs, dass ich geglaubt habe: Einhaltung des Gesetzes, Treue zum Gesetz, absolutes Befolgen aller Regeln, das ist der Weg zum Heil." Und Bultmann hat dafür Stellen zusammengestellt und gesagt: Wie versteht Paulus Gerechtigkeit? Es gibt einige Stellen, da ist völlig klar: Paulus versteht Gerechtigkeit als schenkende Gerechtigkeit, als Gabe Gottes. Und da ist Bultmann ganz Lutheraner, wie er überhaupt von seinem Selbstverständnis sehr, sehr lutherisch war. Norddeutscher Mensch, Oldenburg, sehr lutherisch. Das Gesetz Gottes, die Gerechtigkeit Gottes ist rettende Gerechtigkeit, schenkende Gerechtigkeit.

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Die Gerechtigkeit vor Gott ist eine Gabe Gottes. Und was habe ich getan? Ich habe versucht, meine Gerechtigkeit vor Gott aufzurichten. Wenn man es ein bisschen nachlesen will, empfehle ich mal, die Kombination aus Philipper 3 und Römer 10 anzuschauen. Da hat Bultmann immer so Lieblingsbelege gefunden. Und er kann sie auch tatsächlich gegen Menschen aus dem Judentum wenden: Sie versuchen, ihre eigene Gerechtigkeit vor Gott aufzurichten, und verfehlen dadurch die fremde Gerechtigkeit Gottes, die geschenkte Gerechtigkeit Gottes, die uns zuteilwird durch Gottes Heilswerk in Jesus Christus und die uns nicht anders zuteilwerden kann als durch das Vertrauen, durch den Glauben, mit dem wir die Heilsbotschaft, das Evangelium, aufnehmen.

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Dieser Glaube ist selbst Wirkung des Evangeliums, denn das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Evangelium ist nicht Information. Evangelium ist Energie. Evangelium ist wirksames Wort. Wirksames Wort von Jesus Christus. Im Evangelium ist Jesus Christus selbst gegenwärtig, ist Gott selbst gegenwärtig und wirkt in uns Vertrauen und die Erkenntnis, dass alle Versuche, uns irgendwie vor Gott zu behaupten, von Anfang an verkehrt sind. So und Bultmann zieht die Linie immer weiter und sagt, Paulus hatte eine Schau, dass alle Menschheitsflügel an dieser Stelle scheitern. Paulus macht es im ersten Korintherbrief so, dass er sagt: "Die Griechen fragen nach Weisheit und die Juden fragen nach Zeichen, und sie alle versuchen, durch ihre eigene Weisheit, durch ihre eigene Kraft, durch ihre eigene Frömmigkeit erlöst zu werden.

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Aber Gott macht selig durch das Wort vom Kreuz, durch die Gabe der Gerechtigkeit Gottes, die in Jesus Christus sich zeigt als die Liebe Gottes zum Sünder, ohne des Gesetzes Werke, ohne alle Voraussetzungen. Und gerecht sind alle, die von diesem Evangelium her Glauben und Vertrauen gewinnen, ohne Werke." Die Sündenerkenntnis muss so tief sickern, dass ich erkenne: Jeder Versuch, mich vor Gott selbst zu behaupten, etwas aus mir zu machen, aus meiner Weisheit, aus meiner Frömmigkeit, aus meiner Moralität - ich bin doch auch ein guter Mensch und ich gebe mir doch Mühe und ich tue doch meine Pflicht und ich weiß doch Bescheid und ich habe doch so viel getan -, all das ist falsch. Nicht aus dem Eigenen heraus, sondern von Gott allein. So, und die Reformation hat diese Botschaft wiederentdeckt und sie mit Recht stark gemacht gegen eine römisch-katholische Werkgerechtigkeit.

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Denn innerhalb der katholischen Kirche wurde das immer weiter verdreht und verschoben und so. Und am Ende war es schon wieder Vorbereitung, Würdigkeit, du musst tun, was du kannst und was an dir ist; nicht der Glaube allein, sondern der Glaube, der durch die Liebe vollkommen wird. Am Ende kommt Gott dir entgegen. Er schenkt dir Starthilfe. Er setzt dich aufs Pferd, aber reiten musst du selbst - mit Hilfe der Gnade. Sie hilft dir, aber es hängt an dir. Es hängt an dir. Es ist nicht nur der Glaube, du musst mitwirken. Die Reformation hat sich hier zurückbesonnen auf Paulus und hat mit Paulus begriffen, dass das Selbst-vor-Gott-gerecht-sein-Wollen der zentrale Fehler ist. Da fängt alles an. Und da muss ich hinkommen, sodass ich mit Paulus sagen kann: "Was habe ich denn, was ich nicht empfangen habe?"

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So, das hat Bultmann sehr wuchtig verkünden können und das war ja lange auch bei frommen Menschen sehr beliebt. Viele fromme Menschen sagten: Der Bultmann, der predigt so toll, das ist richtig schön. Als sie dann mitkriegten, dass alle Wunder, Auferstehung, dass alles gestrichen ist, hat sie das kurz ein bisschen erschüttert. Aber Bultmann war strammer Lutheraner minus Heilstatsachen. Alle. Die wollte er irgendwie nicht. Da war er dann aufgeklärt. Führen wir auch das noch dazu: Für Bultmann war klar, Paulus wendet sich hier gegen alle in seiner Zeit, gegen das Judentum, gegen das Heidentum. Und das kannst du gegen katholisch und gegen Aufklärung und gegen Humanismus. Und das kannst du auch gegen die Selbstgerechtigkeit der wilhelminischen Gesellschaft, deren Selbstgerechtigkeit im Ersten Weltkrieg ja ganz offensichtlich gescheitert ist, wenden

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hin zu einer Gnadenpredigt: Allein auf Gottes Liebezu vertrauen, das ist das Entscheidende. Und Glaube ist eben dieses Bewusstsein der Demut: Ich brauche wirklich diese Hilfe von außen. Und natürlich ist aus dieser Perspektive das Judentum eine gescheiterte Religion, wie alle anderen heidnischen Religionen auch gescheiterte Religionen sind. Sie sind falsch. Sie sind ein Irrweg. Und Paulus hat sich im Grunde in seiner Bekehrung vor Damaskus vom Judentum abgewandt. Vollständig. Natürlich wurde das frühe Christentum lange noch so gelesen, als wäre es da drin. Aber es ist von Anfang an natürlich eine komplett andere Logik. Eben nicht mehr das Gesetz, sondern die Gnade. Nicht mehr die Werke, sondern der Glaube an Jesus Christus. Das ist so ein Systemwechsel. - So, ich habe es jetzt so dargestellt, als wäre das alles richtig.

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Wer zwischendurch mal ein mulmiges Gefühl gekriegt hat, der hat was gespürt. Aber ich mache das so weiter: Jeder, der gerade vorgestellt wird, hat erst mal Recht. Und dann werde ich irgendwann so ein paar Fragezeichen auf einmal aus der Tasche ziehen und gucken, ob das alles so stimmt. Bultmann hat auf jeden Fall ein System entwickelt, was lange prägend war. Es war exegetisch, philologisch kundig und historisch gegründet, mit der Reformation in enger Verbindung und im engen Gespräch mit seiner Zeit, mit den Philosophien des frühen 20. Jahrhunderts. Das war schon enorm. Es gab zu Bultmann-Zeiten schon ein paar, die gesagt haben: "Ja, er ist so ein guter, kluger Mann, aber so ..." Also hier in Tübingen nennen wir mal Adolf Schlatter. Adolf Schlatter ist zum Beispiel jemand, der immer gesagt hat: Also dieser ganze Bultmann, das ist ein Christentum, völlig frei von allem Jüdischen, allem, was Jesus wichtig war.

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Das Alte Testament, der hat sich da komplett losgeeist. Ja, in der Tat, Bultmann hielt das Alte Testament für das Dokument einer gescheiterten Religion, und er sagte: Daraus kommt mehr oder weniger nichts. Also im Neuen Testament sind viele alte Zitate, die beruhen alle darauf, dass die christlichen Autoren ihren christlichen Glauben zurückprojizieren ins Alte Testament. Die finden da nur Ostereier, die sie vorher selbst darin versteckt haben. Aber eigentlich kannst du ja nichts damit anfangen. Das ist ein komplett anderer Gottesbegriff und alles ist daran anders. Und Schlatter war einer derjenigen, die gesagt haben: Hier wird getrennt, was zusammengehört. Und Schlatter kannte sich da gut aus. Ihr merkt schon, ich glaube, Schlatter hatte Recht, ganz schlicht. Und das fiel lange nicht auf

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in der Mehrheit. Ich könnte jetzt andere nennen, Ernst Lohmeyer, kennt auch nicht jeder. Man könnte weitere Leute nennen. Ernst Käsemann, auch Tübingen wieder - der hat auch einen eigenen Vortrag verdient -, der hat auch was gemerkt. Der war von Schlatter stark beeindruckt, Bultmann-Schüler, hat was gemerkt. - Ich werde jetzt die nächste Etappe aufmachen, und zwar: Die neue Phase der Bultmann-Auslegung im epochalen Sinne wird markiert durch die sogenannte New Perspective on Paul, die Neue Paulus-Perspektive. Also davor - ganz vergröbert - kann man sagen, herrschte eine Paulus-Exegese, die in Deutschland stark geprägt war von der Reformation. Und jetzt kommt etwas Neues. Das fängt in den 60er Jahren so ein bisschen an, nimmt in den 70er Jahren Schwung auf, explodiert in den 80er Jahren und bestimmt unsere heutige Paulus-Exegese sehr, sehr stark.

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Neue Perspektive auf Paulus, New Perspective on Paul. Und das ist so wuchtig inzwischen, ich finde, das sollte jeder kennen. Also was heißt jeder? Also jedes Kind? Nein, nicht jedes Kind. Aber alle, die sich interessieren, alle, die so ein bisschen sagen: Ich habe jetzt 100 Worthaus-Vorträge gehört, was würde man da von mir erwarten? Nun, dass man die New Perspective on Paul kennt. So würde ich es schon sagen. Also für alle Interessierten, die über den Konfirmandenunterricht hinaus schon mal investiert haben, ist das echt wichtig. Ich erzähle uns das jetzt so ein bisschen und wir müssen uns jetzt auch klarmachen: Bis jetzt war ja nur so hauptsächlich eine Nase mit vielen Schülern in Deutschland, jetzt weltweit, jetzt global. Jetzt gibt es also sehr viel Papier, sehr viel Stoff.

41:04
Ich erzähle das Kürzestmögliche. In den 60er Jahren gibt es bereits jemand, Krister Stendahl, skandinavischer Paulus-Forscher, der hat einen wichtigen Text geschrieben. Der Titel wurde berühmt: "Paulus und das introspektive Gewissen des Westens". Das ist die Überschrift. Und die entscheidende These von Stendahl ist: Paulus war kein Luther vor Luther. Das war damals Häresie, so was auch nur zu denken, weil der ganze Stolz aller evangelischen Kirchen war: Ja, wir sind zwar nicht in der Lage, auch nur mal ein halbes Jahr zu überstehen, wo sich nicht irgendeine evangelische Kirche spaltet. Wir sind schon 20.000, aber wir haben Recht, denn wir haben Paulus auf unserer Seite - und die römisch-katholische Kirche

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kannst du vergessen. Und dass da jemand aus dem Kernland der Reformation, Skandinavien, sagt: "Paulus war kein Luther vor Luther. Paulus war ganz anders." Das war ein bisschen shocking. Und ein bisschen entfaltet lautet die These so: Luther hat gerungen mit der Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Er hatte eine Heilsfrage, spätmittelalterlich injiziert. Er rang mit der Frage: Werde ich das jüngste Gericht überstehen? Lande ich auf der richtigen Seite? Glaube ich richtig? Bin ich fromm genug? Bin ich genug in der Gnade? Das war seine große Frage: Wie werde ich gerettet? Und er hat viele Gewissenskämpfe gehabt, Zusammenbrüche und Angstattacken und hat sich mit dieser Frage in die Bibel hineingegraben, hatte dieses Heilsinteresse.

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Und diese radikalisierte Sündenerkenntnis von Luther, schon dass ich versuche, aus eigener Kraft so fromm zu werden, dass es reicht, das ist schon der Fehler. Da kann man ja sagen: Das ist eine gute Spur, bleibt da mal dran. Aber Stendahl sagt: Das war gar nicht Paulus' Problem. Gar nicht, gar nicht. Paulus hatte ein robustes Gewissen. Und er nimmt da ein Zitat aus dem Philipperbrief und sagt: Wir tun immer so, als hätte Paulus auch gerungen und am Gesetz gelitten und so weiter. Hat er nicht. Paulus sagt: "Ich bin auch Jude. Ich bin auch Pharisäer. Ich bin auch alles, was meine Gegner sind. Ich war, was die Gerechtigkeit des Gesetzes anlangt, untadelig." (Philipper 3) Paulus sagt ganz schlicht: "Ich war voll auf Kurs.

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Ich kam gut klar. Ich war ein Gerechter. Ich habe das Gesetz gehalten. Ich habe Tag und Nacht nichts anderes versucht. Und ich habe es auch geschafft. Ich habe das Gesetz gehalten. Ich war ein Gerechter." Bei Luther kommt die Verschärfung. Luther sagt im Grunde: "Es reicht nicht, dass du das Gesetz hältst im Sinne, dass deine Taten den Geboten entsprechen. Das Entscheidende ist, dass du es aus reiner Liebe und mit Freude tust." Ah, da kann man skrupulöser werden. Vor allem, wenn man sich anfängt zu fragen: Ich tue was Gutes. Habe ich es aus reiner Liebe und Freude getan oder hatte ich kleine selbstsüchtige Anflüge und hatte Gefallen daran? Wie viel Gutes ich tue - wenn man sich so was erst mal fragt, dann ist man reif für verhaltenstherapeutische Intervention, Gedankenstopp und so weiter.

45:03
Das nimmt kein gutes Ende. Und Stendahl sagt: Jeder Jude zur Zeit des Paulus hätte sich komplett gewundert und gesagt: Dafür hast du Zeit? Was hast du für ein Leben, dass du Zeit dafür hast? Ja, ich sitze im Kloster, ich habe viel Zeit. Das hätten die als Problem empfunden. Das ist nicht des Paulus' Problem. Auch sonst hatten die nicht das Problem, diese ganze Frage: Wie werde ich gerettet? Das ist nicht des Paulus' Problem. Überhaupt die individuelle Seligkeit ist ihm gar nicht so das Entscheidende. Ihn macht ja verrückt, dass das Judentum irgendwo dadurch tangiert werden könnte, dass da Leute anders ticken. Paulus sagt in Römer 9: "Meine Anverwandten, die Israeliten - ich wünschte verflucht und von Christus getrennt zu sein, auf dass meine Mitgenossen gerettet sind." Paulus hängt gar nicht so an seiner Privatseligkeit.

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Er denkt kollektiv. Er denkt in Gemeinde, in Gruppen und nicht: Wie werde ich gerettet? Wie wird meine unsterbliche Seele nicht ewig leiden? Das war so ein erster Push, dass viele das das Gefühl haben: Ja, das ist ja ein Ding. Das haben wir jetzt nicht kommen sehen. Wir dachten immer, dass Paulus der Luther vor Luther ist. Der noch stärkere Einschlag war dann ein Buch "Paul and Palestinian Judaism" von Ed Parrish Sanders, E. P. Sanders 1977. Das ist jetzt der Dammbruch, der Umbruch, kann man auch tatsächlich sagen. Ein Buch, was wirklich Geschichte geschrieben hat, einer der bedeutendsten Einschnitte in der Paulus-Exegese der jüngeren Geschichte. Die These ist: Paulus war nicht nur kein Luther vor Luther, sondern das, was Luther und Bultmann und diese ganze Exegese als Judentum zur Zeit des Paulus beschreiben,

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war kein Judentum. Das gab's gar nicht. Luther und Bultmann und diese ganze Tradition tun ständig so, als könnten sie irgendwie beschreiben, wie Paulus gegenüber dem Judentum sich verhalten hat. Aber was sie als Judentum im Kopf haben, hat nichts zu tun mit dem Judentum zur Zeit des Paulus. Wir haben ein Riesenproblem, dass der Protestantismus, der gesamte Protestantismus und auch bis zur neueren Exegese im Grunde mit einer Karikatur des Judentums arbeitet. Sanders hat sich in seiner Zeit sehr kundig gemacht in den jüdischen Quellen, hat intensiv gearbeitet an den rabbinischen Quellen. Jetzt muss man sehen, ich deute die Probleme nur an: Also wir haben jüdische Texte aus der Zeit des Neuen Testaments.

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Wir hätten aber zum Beispiel auch mal gern Texte von Pharisäern. Also wir würden sagen: Kann ich mal so die wichtigsten drei Bücher lesen von Pharisäern zur Zeit des Neuen Testaments? Kann jeder suchen. Da kommt nichts. Da kommt nichts. Wir haben nichts von Gamaliel und Hillel und Shammai. Wir sind froh, die Namen zu kennen. Wir haben das gar nicht. Wir haben dann viel rabbinisches Judentum, rabbinisches Judentum nach dem Tempel und alles. Und dann reden wir über zweites, drittes, viertes, fünftes, sechstes Jahrhundert nach Christus. Und da haben wir tausende von Seiten, und wir gehen auch ein bisschen davon aus, dass da reingeflossen ist ein Erbe wirklich vom Pharisäischen und zur Zeit des Neuen Testaments und so. Aber Riesenproblem. Wir haben Qumran - Riesenproblem. Wir haben überall so Sachen und wir sehen nicht das ganze Bild. Also es ist irgendwie so ein Puzzle mit zehntausend Teilchen und wir haben davon so 150.

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Vielleicht auch keine. Wir wissen nicht mal, wie viel, aber wir ahnen, dass wir einen Bruchteil haben. Das ahnen wir. Wenn man da aber viele Jahre tief reingeht, dann sieht man viel. Und man sieht vor allem, dass Bultmann diese Arbeit nicht gemacht hat. Der hatte da keine Ahnung. Luther schon mal sowieso nicht. Und dazwischen die meisten, ehrlich gesagt, auch nicht. Das sind jetzt doch komplizierte Sachen. Und jetzt wieder radikaler Vereinfachungsmodus, das hat Sanders aber auch. Darum kann man das ganz gut zusammenfassen. Sanders These sieht so aus: Das Judentum ist ganz anders, als Luther dachte, anders, als die moderne Exegese gedacht hat. Das Judentum der neustestamentlichen Zeit war überhaupt keine gesetzliche Religion, wo man in irgendeiner Weise davon ausging, dass man durch Einhalten des Gesetzes gerettet wird. Das Judentum war keine Gesetzesreligion, sondern eine Bundesreligion.

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Der entscheidende Glaube des Judentums war die Erwählung Gottes. Wir sind das erwählte Volk. Gott hat uns erwählt. Er hat uns aus Ägypten herausgeführt. Er hat uns durch alle Brüche und durch alles Scheitern durch die Treue gehalten. Wir haben es hier verbockt und wir haben es da verbockt. Und er hat uns im Exil nicht losgelassen. Gottes Bundestreue gilt und sie steht über allem, auch über allem Versagen des Volkes. Gott ist wie eine Mutter, die ihr Kind nicht vergessen kann. Und sollte eine Mutter ihr Kind vergessen, so wird Gott uns doch nicht loslassen. Er hält uns die Treue immer und ewiglich. Und der Bund, das Gesetz, ist eine Gabe innerhalb dieser Bundeslogik. Das Gesetz ist eine Freude, eine Gabe. Das Gesetz soll uns das Leben nicht schwer machen, sondern leicht. Das Gesetz gibt Orientierung.

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Das Gesetz bricht die unendliche Forderung, nach dem Willen Gottes zu leben, auf befolgbare Regeln. Das Gesetz ist Geländer, es ist Hilfe, es ist Stütze, es ist Gnade, es ist Freude. Und es geht beim Gesetz überhaupt nicht darum, in den Himmel zu kommen dadurch, dass man es hält. Wir sind ja schon erlöst. Wir sind die Erwählten. Wir sind das Volk des Bundes. Durch die Beschneidung ist man Glied des Bundes. Und das ist tausendfach bewiesen, auch durch Schuld und Versagen wird man da nicht einfach rausgekickt. Im Gesetz geht es nicht um getting in, sondern um staying in, also drinbleiben. Es ist der Weg und darin ist es Hilfe und Stütze. So hat Sanders es dargestellt und dann gezeigt: Eigentlich ist das, was Paulus dann entwickelt, sein Christentum, ja auch so,

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das funktioniert ja auch so. Das Christentum ist eben nicht "Judentum: gesetzlich - Christentum: Gnade". Das ist ja Unsinn. Paulus hat im Grunde seinen christlichen Glauben analog konzipiert, parallel konzipiert. Und für ihn war Kreuz und Auferstehung Christi das neue Heilshandeln Gottes. Das war die Gnade und der Glaube daran. Das ist jetzt das Entscheidende. Und Paulus hatte damit verbunden die Idee, auch die aus den Völkern, auch die Nationen, auch die können jetzt durch den Glauben an Christus gerettet sein. Natürlich folgt daraus ein Wandel in der Liebe und in den Geboten und in der Barmherzigkeit, ist ja ganz klar. Aber auch das ist quasi eine Bundesreligion. Und mit dieser Idee hat Sanders dann die Paulus-Briefe ausgelegt. Dann kommen aber die Stellen, wo Paulus mit dem Gesetz ringt, vor allem im Römer- und Galaterbrief.

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Und da sagt Sanders: Paulus hat dann irgendwie versucht, sich das alles noch mal zu erklären, aber schafft es eigentlich nicht. Also was im Grunde passiert, ist, dass bei Paulus an die Stelle der Erwählung Israels quasi das Heil in Christus tritt. Und jetzt wird das Gesetz, das früher für ihn wichtig war und an das man sich natürlich schon noch hält, von Christus verdrängt. Und darum sagt Paulus manchmal was gegen das Gesetz und baut da manchmal so Gegensätze auf. Und dann sagt er aber auch zugleich wieder: Nein, das Gesetz ist heilig, gerecht und gut. Und das ist schon richtig und ist zum Leben gegeben - aber nein, eigentlich ist Christus das Leben. Und Sanders sagt: Paulus ist da manchmal ein bisschen verwirrt. Der ist da manchmal ein bisschen meschugge irgendwie. Auch Römer 7, was das soll, sagt Sanders auch, also dieses Ringen mit dem Gesetz, das Gesetz in meinen Gliedern und das Gesetz in meiner Vernunft,

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und ich versuche und ich elender Mensch, wer will mich erlösen? Und Sanders sagt also: Er ist ein bisschen krank, ein bisschen. Also Paulus hat dann einfach mal so Abstürze, wo er merkt, er hat gar nicht alles verarbeitet. Und also manches, was in seinen Briefen steht, ist so ein bisschen Quark. Aber im Großen und Ganzen kommen wir klar. Es gibt ein ganzes Buch, "Paul and the Law", von Räisänen, einem finnischen Theologen. Er macht das auch und da kommt im Grunde auch raus: Es gibt diesen großen Schritt zu Christus und so, und mit dem Gesetz, da ist Chaos, da ist er nicht klargekommen. Dann wurde es aber den Ersten etwas mulmig. Es ist doch eine evangelische Kirche. Wir sollen doch hier Pfarrerinnen und Pfarrer ausbilden und so. Und jetzt zu sagen: Paulus ist die Grundlage, aber seine Briefe, da ist manchmal auch Holland in Not - das ist alles ein bisschen Honig im Kopf und so? Und die Diskussion ging weiter. Was machte man? Alle merkten mit der Zeit: Das mit dem Judentum hatten wir nicht so auf dem Schirm.

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Da haben wir Dinge unterschätzt. In den 80er Jahren kann man sich zwei neue Namen merken: James Dunn und N. T. Wright, Nicholas Thomas Wright. Vor allem James Dunn ist derjenige, der die Wende, sag ich mal, jetzt wirklich auch vollendet. James Dunn ist derjenige, der auch diesen Begriff prägt, New Perspective on Paul. James Dunn, englischer Gelehrter, presbyterianische Kirche, hat in England gelehrt. Er hat ein Riesenwerk hinterlassen, Dutzende von Büchern und tausendseitige Bücher und noch und noch und noch. Weltweit einflussreich und auch in Deutschland dann. Also jemand, wo alle gemerkt haben: Da kommen wir jetzt nicht dran vorbei. Das müssen wir jetzt alle lesen. Und seine These war: Es gibt eine neue Perspektive auf Paulus. Er kreiert diesen Ausdruck. N. T. Wright übrigens auch irgendwie, das ist so ein bisschen kompliziert. Ich muss das nicht entscheiden.

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Also die meisten sagen: Dann war es vielleicht auch Wright. Das ist jetzt egal. Und Dunn sagt also: Wir sehen doch alle inzwischen, dass weder die Reformation noch die ältere Paulus-Exegese dem Judentum gerecht geworden ist. Das hat Sanders ja echt gezeigt. Also dieses Klischee von der gesetzlichen Religion des Judentums mit so einem Vergeltungsglauben, das ist jetzt echt falsch gewesen. Es war eine Karikatur, und das ist ehrlich gesagt auch Teil eines antijudaistischen Komplexes innerhalb des Christentums, was katastrophale Folgen hatte, 2000 Jahre lang. Da haben wir alle Riesenaufgaben. Aber das, was Sanders dann aus Paulus macht, das ist vielleicht auch ein bisschen komisch. Also ein Mensch, der irgendwie so eine Lebenswende hatte und dann so ein bisschen verwirrt durch die Gegend schießt und so. Also dass das eine Weltreligion geworden ist, ist im Nachhinein geradezu lustig.

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Kann das denn sein? Also ist das echt? Hat der echt seine Gedanken da nicht zusammengekriegt? Dunn sagt: Nein. Also jetzt müssen wir mal weitergehen. Wir haben jetzt echt ein anderes Verständnis vom Judentum. Das ist auch echt wichtig. Jetzt müssen wir Paulus nochmal richtig durcharbeiten. Und ich habe ja die Ausmaße genannt von Dunn. Ich gebe jetzt auch nur eine Kernidee davon. Dunn macht eine Auslegung von Paulus. Die großen Briefe, Theologie, Entwicklung. Er erklärt das Ganze mal quer durch und schafft eine sehr eindrückliche Synthese. Seine Grundthese mal so runtergebrochen: Das Gesetz war im Judentum ein Identity Marker, etwas, wo man sagte: Wir sind das von Gott erwählte Volk. Die Thora ist für uns die Lebensordnung. Die Beschneidung ist der Anfang des Glaubens, und all das, das macht uns aus. Das gehört zu unserer Identität. Und Dunn sagt: Jetzt müssen wir unterscheiden. Es gibt das Gesetz als Identity Marker, als etwas, was zu unserer

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religiösen geistlichen Identität gehört. Und er sagt: Im Judentum gerade auch zu dieser Zeit war es üblich, die Einhaltung des Gesetzes, die Befolgung als Boundary Marker zu verwenden. Also in der Befolgung des Gesetzes sind wir Juden quasi auch von allen anderen unterschieden. Gesetz ist nicht nur im Herzen so das Wahre, Schöne, Gute, sondern es geht ja tatsächlich um Beschneidung. Es ist am Körper sichtbar. Es geht um Essen und Trinken. Es geht um Feiertage. Es geht um Arbeiten und Nichtarbeiten. Ich bring mal ein jüdisches Zitat aus der Zeit, aus dem Aristeas-Brief. Da heißt es: "Als Gott erkannte, dass er uns abgrenzen will und muss von allen Heiden, da umgab er uns mit undurchdringlichen Palisaden und eisernen Mauern, damit wir uns mit keinem anderen Volk irgendwie vermischen,

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sondern rein an Leib und Seele bleiben. Damit wir nun nicht besudelt und durch schlechten Umgang verdorben werden, umgab er uns von allen Seiten mit Reinheitsgeboten in Bezug auf Speisen und Getränke und Berühren, Hören und Sehen." Im Detail ist es kompliziert, aber auch in der Thora, 5 Bücher Mose, sieht man ja schon: Bestimmte Tiere sind unrein. Also der Speiseplan wird so ein bisschen aufgeräumt. Du kaufst dein Rind auch nicht einfach überall und irgendwie so, sondern das muss schon geschlachtet werden in einer Weise, dass du auch das Blut auslaufen lässt. Das ist ganz wichtig. Du isst nicht einfach English Steak oder so und sagst: Was soll schon schiefgehen? Das steht doch sehr genau da. Nein, das isst du einfach nicht. Das kommt gar nicht in Frage. Du musst schon gucken, wo es herkommt. Du kannst und musst auch potenziell aufpassen:

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War das irgendwie Essen, was früher in heidnischen, fremdreligiösen Zusammenhängen drin war? Da ist immer etwas zu beachten. So, das war die Ausgangssituation. Und dann sagt Dunn: Das ist im Grunde für Paulus die Herausforderung gewesen. Für ihn ist klar: Der Gott, an den er immer schon geglaubt hat und dem er ja treu bleiben will, den hat er verkannt, falsch verstanden. Er hat verkannt, dass dieser Gott jetzt mit Jesus Christus eine neue Epoche eröffnet. Gott schlägt eine neue Seite seines Buches mit dem Volk auf. Und für diese neue Geschichte, für dieses neue Kapitel sei es jetzt wichtig: Diese Gnade Gottes gilt allen Menschen, auch wenn sie nicht aus dem Judentum kommen. Und so sah sich Paulus ja gesandt als Apostel für die Heiden. Die spannende, schwierige Frage war aber:

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Was ist mit den rituellen Bestimmungen des Gesetzes, also mit den Teilen des Gesetzes, von der Beschneidung über Reinheits- bis hin zu Speisevorschriften, die im Grunde so diese scheidende Funktion haben? Da gab es jetzt unterschiedliche Positionen. Es gab einen Teil der jüdischen Jesus-Gläubigen, die mehr oder weniger vertraten: Die Menschen außerhalb des Judentums, denen wir von Jesus als dem Auferstandenen erzählen, die müssen werden wie wir, ist doch klar. Also die müssen leben wie wir und essen wie wir und so. Dass sie das dürfen, ist doch ungeheure Gnade - die Gewissheit des ewigen Lebens und Kindschaft Gottes und all diese Verheißungen -, dass sie unsere Heilige Schrift mit uns beten, das ist ja wunderbar. Da wird man doch schon verlangen können, dass die Männer beschnitten werden. Natürlich sind die Speisevorschriften und all das einzuhalten.

62:10
Und Paulus war offensichtlich auf einem Weg, und das waren andere auch, die gesagt haben: Nein. Nein, diese Boundary Markers, also diese rituellen Bestandteile des Gesetzes, die gelten nicht für die aus den Völkern. Das ist doch auch in der Thora irgendwo klar. Die gelten doch für die Kinder Israels. Wir können doch jetzt nicht alle anderen auch beschneiden und mit diesen Essensvorschriften und so anfangen. Und so wurden Menschen getauft und wurden Teil der Gemeinde. Jetzt hatte man aber in der Gemeinde natürlich das Ding: Es gab Leute aus dem Judentum und Leute aus den Völkern. Und wie kommen die miteinander klar? Und da berichtet die Bibel auch von richtigen Zusammenstößen. Antiochia - es gibt so einen berühmten antiochenischen Konflikt. Der sah so aus:

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Petrus und andere waren in Antiochia. Das war eine große Weltstadt, 500.000 Einwohner, und es war viel los. Und auch die in Jerusalem haben anerkannt: Ja, da gibt es Gläubige aus den Völkern. Alles super. Toll. Gepriesen sei der Herr. Und Petrus war da und hat sich offenbar auch auf Tischgemeinschaft und so eingelassen. Und dann kam noch mal so eine Jerusalemer Delegation. Die waren irgendwie von Jakobus instruiert, und da hieß es: "Wie, ihr sitzt hier einfach alle zusammen? Wo kommt das Essen her? Und wie soll das gehen?" Und dann haben auch Petrus und andere gesagt: Wir sind vielleicht zu lax, zu liberal geworden. Ist gut, wenn man in Liebe ermahnt wird. Ah, wir waren ein bisschen zu liberal. Jetzt sind wir in Liebe ermahnt worden und so. Lass uns jetzt hier noch mal ein bisschen strenger werden, ein bisschen trennen. Paulus macht sich ja da tatsächlich so ein bisschen zum Luther vor Luther. Also Luther hat das geliebt und so.

64:04
Und er sah sich wirklich als Paulus und Petrus als Papst. Und Paulus beschreibt das im Galaterbrief so: "In dem Moment widerstand ich Petrus ins Angesicht und sagte" - und er hat ihm das dann um die Ohren gehauen: "Es ist Heuchelei. Es ist Heuchelei. Du hast dich doch hier mit denen, die wie du an Christus glauben, an einen Tisch gesetzt und wir haben das Brot geteilt und zusammen gegessen. Und jetzt lässt du dich von den Hardlinern da aus Jerusalem kirre machen und wirst feige und heuchelst. Wenn wir in Christus zusammengehören, dann sind wir ein Leib. Dann ist da kein Unterschied. Und dann gehören wir auch zusammen." Das war der große Konflikt. Und James Dunn sagt nun: Wenn es im Galaterbrief heißt: "Wir, die wir an Christus glauben, werden nicht gerecht durch des Gesetzes Werke, sondern wir werden gerecht durch den Glauben an Jesus Christus ohne die Werke des Gesetzes",

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dann meint Paulus damit etwas sehr Konkretes. Er meint nicht das, was Luther gedacht hat und Calvin und Zwingli und Bultmann und ganz viele dazwischen. Also nicht Werkgerechtigkeit, sondern Glaubensgerechtigkeit, Gerechtigkeit durch Vertrauen auf Gott und nicht durch Befolgen der Gebote Gottes. Das meint Paulus gar nicht. Mit Werken des Gesetzes meint Paulus Beschneidung, Reinheits- und Speisevorschriften. Er meint nicht die ganze Thora, Nächstenliebe und so weiter. Er meint diesen rituellen, sichtbaren Teil, diese Halacha, diese Vorschriften, die hier eine Grenze machen. Das ist gemeint. So, das ist der entscheidende Punkt. Es ist für Paulus doch völlig klar, dass du jetzt nicht sagen kannst: "Ich glaube an Jesus Christus, also bin ich frei vom Gesetz.

66:05
Das ist super, weil mein Vater arbeitet als Waffenschieber. Ich übernehme demnächst sein Imperium. Dazu gehört auch ein Bordell. Finde ich richtig super, dass ich einfach so weitermache. Ich bin ja frei vom Gesetz." Da wäre Paulus ja explodiert vor Wut. Da ist es doch völlig klar, sagt James Dunn. Man ist nicht frei vom Gesetz. Man ist nicht frei von der Nächstenliebe. Man ist nicht frei vom Streben nach Gerechtigkeit. Man ist nicht frei von Barmherzigkeit. Das ist ja alles ein Unsinn. Also wenn du durch den Glauben an Christus zur Gemeinde gehörst, sind da natürlich die Gebote Gottes. Da müssen wir doch gar nicht darüber reden. Natürlich halten wir uns an die Gebote Gottes, an Liebe, Gerechtigkeit und diese konkreten Dinge und wir stehlen und lügen nicht. Das ist völlig klar, aber für uns gilt eben nicht mehr dieser rituelle Teil. Und James Dunn legt sämtliche Paulus-Schriften aus

67:04
und sagt: Wir haben im Grunde eine lange Reformationsgeschichte hinter uns, wo wir so eng geführt waren auf persönliche Gerechtigkeit und Gnade des Einzelnen vor Gott und dies und das. Das ist eine Engführung. Das Evangelium des Paulus ist viel sozialer. Es geht um Fragen wirklich von Gruppen und von Gemeinschaft und wer wie zusammengehört. Die entscheidende Botschaft der Gnade ist nicht Rettung der Einzelseele, sondern Teil des Volkes Gottes zu werden. Es geht nicht darum, dass du gerettet wirst, sondern dass du zur Gemeinschaft des Heils gehörst. Wir haben einen individualistischen Knick in der Pupille. Wir haben das viel zu stark immer auf Einzelne gesehen. Das interessiert Paulus gar nicht. Für Paulus bedeutet gerettet sein zu einer Gemeinschaft gehören. Du bist nicht allein vor Gott unterwegs, du bist mit anderen zusammen. Und wir haben hier Reformationen und Neuzeit und Moderne in ganz unguter Weise verinnerlicht, dass wir im Grunde gar nicht mehr

68:07
die Bibel verstehen. Es geht in der Bibel wesentlich um Integration, um Inklusion. Und wenn man das dann durcharbeitet, also auch das Heilsereignis, da geht es ja auch nicht darum, dass jetzt allein die fremde Gerechtigkeit Christi dir zu eigen wird durch deinen persönlichen Glauben, dass du Gewissheit des Heils hast. Nein, es geht darum, in Christus zu sein. Das ist der Punkt. Es steht tausendmal da. Warum sieht das keiner? Also das ist es doch: Gerettet sein heißt: Du bist nicht mehr in dir. Du bist nicht mehr in wer weiß was, du bist in Christus. Du gehörst dazu. Du gehörst zu Gott. Du gehörst zur Familie Gottes. Du gehörst zum Volk Gottes. Und Kreuz und Auferstehung ist eine versöhnende, inkludierende, integrierende Bewegung. Es ist ein Statuswechsel der Vereinzelung hin zur Vergemeinschaftung. Dunn hat dann ein komplett neues Bild entwickelt

69:07
von der Theologie des Paulus. N. T. Wright formuliert das anders, es ist aber vieles parallel. Ich ziehe die Linie nicht weiter aus. Aber ihr merkt, das war jetzt ein ganz neues Paradigma und echt anders auch als das alte. Es gab viele Diskussionen. Ich war in den 90er Jahren ja Student. Eigentlich studiere ich ja seit 35 Jahren, aber so im engeren Sinn habe ich von 90 bis 97 studiert, habe da nur nie den Absprung geschafft. In den 90er Jahren war es aber schon immer das Thema. Aber in Deutschland waren sich damals die meisten einig: Nee, das ist ja Mist. Nein. Ich war also in Münster, Günther Klein, alter Bultmann-Assistent, der mochte das gar nicht. Der fand das alles Wahnsinn und so. Er meinte: "Also dann können wir ja die Reformation vergessen. Können wir nicht mehr Reformationstag feiern. Das ist ja alles nur noch Soziologie und nur noch Gemeinschaft. Und es geht doch jetzt nicht nur um die rituellen Gebote und Beschneidungen,

70:03
das ist doch viel tiefer. Und was hat Luther das tief ausgelegt und so hat es auch Bultmann gemacht. Das ist oberflächlich. Das ist da dieses Angelsächsische ..." Und so war er drauf. So, und der war mir zu bultmannjanisch, aber manchmal mochte ich ihn auch, weil er Feuer hatte und so. Dann war ich in Tübingen. Die waren irgendwie Anti-Bultmann hier, also Stuhlmacher, Hofius: leibliche Auferstehung Jesu, Sühnetod und so. Die waren ganz anders. Aber New Perspective, das fanden die auch irgendwie nicht gut. Und dann wurden die alle lutheranisch, Hofius war calvinistisch und so. Und mich hat das beruhigt, denn ich habe auch so gern Luther gelesen und habe das auch geliebt und habe gedacht: Also wenn jetzt rauskommt, dass Luther keine Ahnung hat und dass alles anders ist, dann kann ich nicht mehr. Dann weiß ich auch nicht, dann hör ich auf. Die waren alle doof irgendwie. Also es ist dann tatsächlich auch im Gefühl und es ist auch eine Frage von Identität. Da ist man ja in diesen ganzen Themen drin.

71:02
Wie will man dann Reformationsjubiläum feiern, wenn man sagt: Ja, Reformation war alles ein Quatsch, ist alles egal. Wenn man es ernst nimmt, müsste man fast sagen, also so viel schlechter steht Thomas von Aquin dann auch nicht da. Wenn man ihn da so dranhält und so, dann müsste man sagen: Oh Gott, oh Gott, da ist die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung am Ende. Doch dann beruhigen sich endlich mal alle. Also so habe ich es miterlebt. Die Diskussion ging immer weiter. Jetzt nur kurze Einblicke. Es gab einen Gegeneinwand, dass man sagt: Man kann jetzt nicht sagen: Werke des Gesetzes heißt nur rituelle Bestimmungen. Wie kommt man darauf? James Dunn hat in seinem 82er Aufsatz, der ist da sehr bedeutsam, dann versucht, Evidenz aus allen möglichen Quellen beizubringen. Man konnte sagen: Es ist ein Indizienprozess. Aber den rauchenden Colt hat er nicht geliefert. In den 90er Jahren fand man tatsächlich einen jüdischen Text, wo der Ausdruck "Werke des Gesetzes" genauso verwendet war, in diesem Sinne, dass man merkt, es sind Regeln, die man in diesem Sinne rituell, zeremoniell verstehen muss.

72:12
Das war natürlich ein Dammbruch. Da kriegten viele Lutheraner Angst, sie merkten: Jetzt, jetzt wird es eng. Jetzt müssen wir kämpfen. Gleichzeitig aber wird es dann auch in Deutschland richtig ernst genommen. Friedrich Avemarie - ich habe bei ihm dann später studiert in Marburg -, leider früh verstorben, ist in Tübingen bei Martin Hengel Schüler gewesen, hat Mitte der 90er seine Habilitation veröffentlicht, "Thora und Leben - Untersuchung zur Heilsbedeutung der Thora in der frühen jüdischen Literatur". Also ein Riesenwerk, ein so wunderbar deutsches Werk, gelehrt und gründlich und ausgewogen und dies und das. Jetzt mal sehr kurz das Ergebnis. Avemarie arbeitet sich durch all das, was Sanders und Dunn und so weiter gemacht haben. Er sagt: In der Forschung hat man das so gegeneinander gestellt: Die alte Paulus-Perspektive sagte: Die Juden haben ein Vergeltungsprinzip,

73:07
Werkgerechtigkeit: Hältst du das Gesetz - Gnade, brichst du das Gesetz - Tod. Und Sanders sagt: Erwählungsprinzip. Gott hat dich erwählt. Du bist immer schon im Heil. Das Gesetz ist Gnade, ist eine Hilfe und es ist - ja, du machst Fehler - Vergebung möglich. Das ist in der Thora so. Das regelt die Thora. Das steht doch schon im Alten Testament: Alle sündigen und Vergebung ist möglich. Und das ist ja jetzt auch dann bei Jesus nicht anders. Es ist ja Unsinn zu sagen: Wenn du nicht 100 Prozent rein bist, wird Gott dich ewig hassen und so. Also nein, sondern es gilt das Erwählungsprinzip. Und jetzt mach dich doch nicht bekloppt. Das ist doch eine Krankheit, das Gott zuzutrauen. Menschen sündigen und es gibt Vergebung. Dann bereue es doch, und Gott ist ein barmherziger Vater. Und Avemarie zeichnet nach: Ja, wäre alles ganz schön, aber es ist komplizierter. Es ist komplizierter, wenn man sich das Judentum anschaut.

74:03
Also nein, nein, das ist keine werkgerechte gesetzliche Religion, Vergeltungsprinzip - das ist echt eine antijudaistische Karikatur. Das ist auch bösartig. Das ist wirklich falsch. Aber umgekehrt zu sagen: Die waren alle Gnade, Liebe, Freude und sonst wie - das ist es irgendwie auch nicht. Es ist ein großes Spektrum. Es gibt Stränge der jüdischen Diskussion, der rabbinischen - boah, da möchte man auch nicht Gemeindemitglied sein. Also da ist es wirklich so: Du machst einen Fehler und der Blitz kommt vom Himmel irgendwie. Das gibt's, aber ist marginal. Es gibt sehr gnadenfrohe Varianten. Die meisten, ehrlich gesagt, sagen: Du kriegst es nicht ganz an die Wand genagelt. Die können beides stark machen. Die können das Gesetz stark machen. Und da ist auch manchmal so ein bisschen Druck dabei. Und sie können die Gnade auch stark machen. Es ist gar nicht so durchsystematisiert.

75:06
Und Avemaries Ergebnis ist: Das Judentum gibt's gar nicht. Und das, was Sanders uns vor Augen gemalt hat, dieses Common Judaism - also eigentlich ist völlig klar, was Judentum ist und so - stimmt so nicht. Es ist furchtbar bunt. Palästinensisches Judentum, später rabbinisches Judentum, Diaspora-Judentum, hellenistisches Judentum. Es ist schon zum Verrücktwerden. Kein Papst. Das ist das Schlimmste. Keiner kann sagen: Jetzt habt ihr alle eure Zeit gehabt. Jetzt kommt das Ergebnis irgendwie. Kein Papst. Die machen einfach. Und insofern muss man sagen, also Paulus bewegt sich in diesem breiten Spektrum. Aber es ist nicht so einfach. Paulus' kritische Passagen kann man tatsächlich lesen gegen bestimmte Erscheinungen, die es innerhalb des Judentums gab und die es vielleicht auch in der Jerusalemer christlichen Bewegung gab. Das ist jetzt nicht alles Fake oder Blödsinn oder so.

76:08
Und auf der anderen Seite ist natürlich vieles, was Paulus sagt und denkt, Verlängerung von Linien, die es längst im Judentum gibt. Sehr viel macht im Grunde auch in innerjüdischen Diskussionen Sinn. Ich erzähle die Geschichte noch ein bisschen weiter. So ist es ja in der Forschung: Wenn man erst mal so ein Momentum hat, dann geht das erst mal immer weiter in die Richtung. New Perspective on Paul, wenn wir da mal ein Zwischenfazit ziehen, man kann es, glaube ich, so formulieren: Weltweit ist völlig klar, dass sich das als neues Paradigma mehrheitlich durchgesetzt hat. Also weltweit würden viele sagen: Die alte Paulus-Perspektive hat versucht, Luther als im Grunde das Urbild für Paulus zu sehen, und das ist falsch, das ist wirklich falsch. New Perspective ist endlich Gerechtigkeit gegenüber dem Judentum. Und wir können das ganz anders einzeichnen.

77:07
In Deutschland ist das eigentlich nicht so. Also überall gibt es das, klar, aber es gibt schon auch viele, die sagen: "Die Gesamt-Tendenz gefällt mir nicht. Jetzt müssen wir da alle mitmachen, wir müssen auf Englisch veröffentlichen. Aber die haben eigentlich gar keine Ahnung von Luther und die haben das alles nicht richtig verstanden und so." Also es ist noch bunt und gemischt. Es gibt bestimmte Dinge, wo man sagen kann, da zeichnet sich schon auch ab: Also es ist völlig klar, dass ohne Berücksichtigung der jüdischen Debatten kein Mensch mehr irgendwas über Paulus sagen darf. Und das sind Dinge, so Bultmann und die ganze Generation, da muss man echt sagen: Das geht gar nicht mehr. Das ist nicht mehr möglich. Natürlich müssen wir wirklich ernst nehmen: Heidennmission war das zentrale Thema, und fast alle Paulusbriefe haben ja damit zu tun. Römer- und Galaterbrief von morgens bis abends. Aber auch der halbe Philipperbrief ist voll davon. Im Korintherbrief: Warum gibt es da zwei Kapitel über Spenden der Heiden nach Jerusalem?

78:05
Warum will er dahin? Es ist das zentrale Thema, damit klarzukommen. Und das hat man, das hat kein Reformator auf dem Schirm gehabt. Aber man kann das gar nicht mehr übersehen, dass die Abarbeitung an diesen Themen, auch Speisefragen (1. Korinther 8 bis 10, Römer 14) total zentral ist. Muss man einfach akzeptieren, dass im Neuen Testament Fragen zentral sind, die wir nicht mal mehr verstehen oder nicht so richtig verstehen. Es macht den Religionsunterricht nicht leichter, ich weiß, es macht den Konfirmandenunterricht nicht leichter, aber die Wahrheit ist die Wahrheit. Also da muss man schon irgendwie ein bisschen mit klarkommen. Glaube ist Gemeinschaft, also ein paar Dinge sind einfach klar. - Aktuell diskutieren wir in der Paulus-Forschung über eine Weiterentwicklung der New Perspective. Schlagwort dafür ist "Paul within Judaism". Die Grundthese ist: Die New Perspective on Paul war echter Fortschritt. Wir haben echt viel klarer, was Judentum ist.

79:08
Wir verstehen auf einmal diese ganzen Auseinandersetzungen, die da wirklich geführt werden in den Briefen, als brisant. Sie knüpfen an wichtige Fragen an. Aber unser Paulus-Verständnis ist immer noch sehr defizitär. Man kann das dann festmachen an James Dunn oder N. T. Wright, dass man sagt: Die sagen: Die alte Paulus-Deutung war falsch, weil man hier im Gefolge Luthers und Bultmann so tut, als ob Judentum gesetzlich war und Christentum ist Freiheit und Liebe und Heiteitei. Und die fühlen sich super, weil sie sagen: Wir haben nicht mehr dieses Klischee- Bild des gesetzlichen Judentums. Wir sind jetzt endlich einen Schritt weiter. Diese neue Gruppe des Paul within Judaism oder auch Radical New Perspective sagt: Die sind nicht weiter. Die haben das einfach nur verdreht.

80:05
Jetzt sagen sie nicht mehr: Das Judentum ist gesetzlich. Jetzt sagen sie: Das Judentum ist national ethnozentrisch. Man muss immer vereinfachen, sonst werde ich nie fertig heute Nachmittag. Grob könnte man sagen, New Perspective würde sagen: Für Paulus war klar, dass jetzt eine neue Zeit ist und jetzt ist der Bund offen für alle. Und durch Christus können die aus den Völkern gläubig werden. Und das Judentum verstockt sich aber in diesem Nationalstolz des allein erwählten Bundesvolkes. Ja, und dann irgendwann werden sie rabbinisch und kippen völlig ab in irgendwie bisschen sektiererische Gedanken und so und haben leider den Sprung verpasst zu einer universalistischen Weltreligion für alle. Sie sind im Grunde eine Ethnoreligion geblieben, in die man bestenfalls reingeboren wird.

81:08
Und wenn du da reinwillst: Du kommst da rein, aber das ist ein bisschen Mühe und Arbeit. Im Grunde musst du dich eigentlich komplett darauf umstellen. Insofern ist die Sünde des Judentums nicht mehr Gesetzlichkeit, sondern Ethnozentrismus, eine nationale Erwählungsideologie. Und die Paul-within-Judaism-Leute sagen: Merkt ihr es denn nicht? Das ist doch immer noch anti-judaistisch. Das ist ja immer noch eine Karikatur des Judentums. Wie lange wollt ihr das machen? 2000 Jahre sind wir dabei, das Judentum als Feindbild zu stilisieren, von dem wir uns glanzvoll abheben, als Religion der Freiheit gegen Religion der Gesetzlichkeit, als Religion des inklusivistischen Universalismus gegen eine Religion des exklusivistischen Nationalismus. Das ist doch dasselbe.

82:05
Das ist ja schon wieder "das schlechte Judentum und die gute christliche Botschaft". Und wir müssen da doch endlich mal rauskommen. Wir müssen doch ganz schlicht mal wahrnehmen, dass Paulus im Neuen Testament sagt: "Ich bin Jude." Er sagt es. Natürlich ist er Jude. Und er beruft sich doch auf die Verheißung der Väter und er hat selbstverständlich ein jüdisches Selbstverständnis. Er sieht sich doch gesamt als Jude, der an den jüdischen Messias Jesus glaubt, gesandt zu denen aus den Völkern. - So, jetzt nur ein paar Strichchen, wie sie weiterziehen. Sie sagen: Und Paulus blieb sein Leben lang Jude. Natürlich hat Paulus das Gesetz befolgt. Und es steht doch sogar in der Apostelgeschichte. Und jetzt muss man zur Apostelgeschichte sagen: Also man traut ihr ein bisschen, aber nie ganz,

83:03
weil es ist einfach noch mal eine Generationen weiter und Lukas ist jetzt nicht so judentumsnah. Wenn man die Apostelgeschichte liest, hat man ein bisschen das Gefühl, das ist fast grenzwertig, wie der sich an die Römer ranschmeißt und die Juden schlecht aussehen lässt. Das ist eine Tendenz. Also einfach mal Apostelgeschichte an einem Nachmittag lesen mit der Frage: Wer kommt besser weg, Römer oder Juden? Und da kriegt man ein bisschen mulmiges Gefühl, wenn man sich vor allem klarmacht: Die Juden liegen ja sowieso schon am Boden. So 70 nach Christus ist ja alles passiert. Tempel zerstört. Also sie sind echt unten. Und man hätte ja auch sagen können: Das tut uns doch leid. Solidarität, "I stand with Israel" oder so - Lukas kommt ja gar nicht auf die Idee. Nein, er ist pro Rom. Und die waren grausam und die waren bösartig und die waren Kolonialmacht. Und das war Genozid und so. Trotzdem ist Lukas pro Rom und irgendwie sind die Juden immer die Bösen und mit den Römern läuft es wenigstens. Aber selbst Lukas, also jemand, von dem man man sagen müsste: "Problembär",

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also selbst Lukas schreibt ja: Paulus kommt nach Jerusalem und hält da die Reden und ist in Caesarea. Und er macht ja Reinigungsriten und all diese ganzen Sachen. Also selbst Lukas bezeugt ja, wie stark Paulus im Grunde noch jüdisch gelebt hat. Und diese Gruppe - Mark Nannos, Paula Frediksen, Karin Satterhorn, Matthew Thiessen, dass man mal ein bisschen was gehört hat, man kann ja auch googeln und das alles schön klar kriegen -, die sagen nun: Für Paulus war völlig klar, dass er Jude ist und bleibt, inklusive Thora-Observanz. So, und dann gibt es Unterschiede, wie die aus den Völkern klarkommen. Und da ist für die auch klar, dass die einen anderen Weg gehen und nicht diese Observanz leben. Aber die Gemeinde war immer konstruiert als etwas, wo die aus den Völkern und die aus den Juden zusammen sind

85:02
und unterschiedliche Regeln befolgen. Die einen befolgen Observanz - natürlich. Natürlich Beschneidung, natürlich Speisegesetze. Natürlich einige Dinge so und andere nicht. Aber die aus den Völkern orientieren sich so weit wie möglich an der Thora. Zum Beispiel ist Paulus bei sämtlichen Fragen zur Sexualethik extrem nah dran an jüdischem Konsens: Konservativ, jüdisch, palästinensisches Judentum, auch bereits in starker Spannung zur griechisch-römischen Mehrheitskultur. Und da sagen die: Ja, was auch sonst? Es ist die Thora. Natürlich ist er da ganz nah dran, und er erwartet, dass alle da nah dran sind. Bis auf die Punkte eben, die in der Thora ausdrücklich für die Kinder Israels genannt sind. - Dieser Ansatz ist bunt.

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Das ist alles nicht so einfach. Und ich spare mir jetzt die nähere Diskussion. Ich verweise einfach auf ein Werk dazu von Ruben Bühner, ganz aktuell im Internet, komplett umsonst. Manchmal ist das Internet so nett - man kann alles lesen über Paulus und das Diaspora-Judentum. Sehr spannend, sehr schöner Überblick. Ergebnis: Alles ist immer sehr kompliziert. Es kommt im Grunde raus: Diaspora-Judentum war auch schon furchtbar bunt, und man kann es nicht so einfach sagen. Also es ist wirklich schwer. Wenn man da die ganzen Fälle nachzeichnet, sieht man: Die haben von Alexandria bis Rom über Ephesus und Antiochia alle möglichen Dinge, wo sie manchmal sehr offen waren und viele Möglichkeiten für sich hatten, schon Tischgemeinschaft und so weiter - und andere nicht. Manche waren sehr abgegrenzt. Manche waren sehr offen. Und es gab vor allem auch eine gewisse Flexibilität dabei, auch für Paulus.

87:05
Und ein spannender Punkt ist einfach: Paulus bewegt sich mit seinen konkreten Anweisungen (1. Korinther 8 bis 10, Römer 14) in all diesen Dingen eigentlich in Spuren, die im Diaspora-Judentum alle schon gelegt waren. Das Besondere, was Paulus macht, ist die theologische Begründung. Für Paulus ist die entscheidende Begründung immer das Sein in Christus. Bühner beschreibt das so: Identität ist ein mehrschichtiges Phänomen. Zur Identität gehört für Gläubige: Ja, ich gehöre zu Christus. Aber jetzt kann man ja nicht sagen: Meine Identität ist, dass ich ein Gotteskind bin. Zu meiner Identität gehört natürlich auch: Ich bin männlich oder weiblich. Ich bin weiß. Ich komme aus den Völkern. Ich komme aus dem Judentum. Ich bin Zeltmacher oder Theologe. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin Rentner. Ich bin gesund. Also es gibt viele Aspekte. Es gibt Aspekte der Identität -

88:08
ich bin Sklave oder ich bin Freier - und die werden ja nicht gelöscht durch die Glaubensidentität. Aber für Paulus ist entscheidend: Im Kollisionsfall ist die Identität in Christus entscheidend. Sie entscheidet, und das kann dazu führen, dass, wenn man auf einmal merkt - manche aus den Völkern, manche aus den Juden -: "Jetzt haben wir alle Hunger, jetzt wollen wir essen", dass man nachdenklich wird und fragt: Ja, was geht jetzt? Und der Erste holt schon sein Schinkenstück raus und all diese ganzen Dinge. Und bei Paulus ist es im Grunde möglich - also er fordert schon einen gewissen Schutz und Rücksicht auf die Schwachen und kein Zwingen und so -, um der Gemeinschaft in Christus willen auch mal andere Teilidentitäten zurückzustellen, also auch mal Dinge zu machen, wo man sagt: Also für mich allein würde ich das jetzt nicht machen. Das würde ich nicht machen, aber in dieser Gemeinschaft ist es

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jetzt so, hat auch gerade kein anderes Geschäft auf, irgendwie kommen wir klar. Alle Details aufzuführen, ist schwierig, brauchen wir alle nicht, lassen wir alle weg. Aber wir nehmen das einfach mal an der Stelle so zur Kenntnis. Wir sind jetzt in der Gegenwart. Wir sind in der gegenwärtigsten Gegenwart, das ist ja auch ganz gut. Also der Vortrag muss zu Ende kommen. Was kann man lernen aus der Entwicklung der Paulus-Auslegung? Sie entwickelt sich tatsächlich. Es ist Bewegung drin und manchmal lernt man lauter Kleinigkeiten dazu. Und das ist auch schön und das ist auch gut. Was wir aber in den letzten 50 Jahren erlebt haben, ist tatsächlich ein Paradigmenwechsel, ein Paradigmenwechsel, der auch einschneidet, der einen auch ein bisschen in Turbulenzen stürzt. Ich habe es ja selbst erlebt in der Zeit, als ich über Luther promoviert habe. Ich habe Luthers Kommentar zum Römerbrief durchgearbeitet, mehrfach

90:07
auf Latein und in allen Sprachen, zum Galaterbrief und so weiter. Und ich war so glücklich und überzeugt: Das ist die Wahrheit. Und vor so knapp 20 Jahren hat mir das noch Angst gemacht, weil ich auch gemerkt habe: Also wenn sich das durchsetzt, dann bin ich am Ende. Dann habe ich irgendwie über einen Fehlschlag der Geschichte promoviert und sogar gedacht: Da könnte ich gläubig mit sein oder so. Also durch den Kontext, in dem man sich befindet, ist man ja geprägt und man ist affektiv geprägt und man hat Anziehung oder Widerstand. Und ich habe natürlich gerne alle gelesen, die mir erklärt haben, die New Perspective, das ist alles ein Holzweg und die drehen da alle durch und die sind neidisch auf deutsche Theologie, weil sie das nicht so richtig hinkriegen und so. Das sind so Subtexte. Das war dann immer "ungründlich",

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so wurde es hingestellt: "Es ist ungründlich, was die anderen da so machen." Aber die Diskussion ging weiter. Ich habe ja irgendwann auch gelernt, mal zu sagen: Man kann Gedanken verändern. Der Kopf ist rund, darum können Gedanken auch mal die Richtung verändern. Man muss auch nicht die Angst haben, dass das Gottesverhältnis im Grunde festgetackert ist an ganz bestimmte Satzkonstrukte im Gehirn, und wenn du die änderst, dann ist Gott so wütend auf dich, dass er dich ewig hassen wird. Das ist auch keine gute Idee, ehrlich gesagt. Es ist keine gute Idee, seine eigenen theologischen Gedanken zu dem zu machen, woran man mit Herz und Seele und Gottesbeziehung und allem hängt. Also man sollte schon auch einfach damit klarkommen können: Gedanken dürfen sich ändern. Irgendwann ist man vielleicht über 90 und die Gedanken rieseln wie der Kalk so langsam aus dem Ohr. Da will man ja auch nicht verzweifeln und sagen: "Lass fahren dahin,

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sie haben keinen Gewinn. Wird schon gut gehen." Man muss ja auch ein bisschen mal gucken, man hat ja vieles auch nicht geahnt als Kind und mit Glück überlebt. Also ich habe inzwischen da Seelenruhe. Exegese ist Exegese. Und was da rauskommt, da muss ich nicht irgendwie, was weiß ich, in Fan-Verhalten gehen und fanatisch da irgendwie kämpfen. Ich habe natürlich Überlegungen. Ich habe das jetzt alles so dargestellt. Ja, irgendwo stehe ich da auch in dem Spektrum. Es ist aber, glaube ich, egal. Was soll ich jetzt meine Meinung sagen? Die ist ja komplett egal. Ich bin systematischer Theologe, bin ja da Laie. Ich habe alles gern durchgelesen und habe schon so mein Gefühl, wo ich bin auf diesem Spektrum. Ich bin nicht in den extremen Positionen, in beiden nicht so. Ich bin nicht Team Bultmann, auch nicht Team Within Judaism, sondern der Regler ist irgendwo dazwischen. Aber ich lerne gerne weiter dazu. -

93:06
Ich möchte für uns jetzt einfach mal noch den Ertrag ziehen. Paulus-Forschung ist in Bewegung. Unser Verständnis erneuert sich. Woran liegt das? Na ja, unsere Zeit ist in Bewegung. Wir lernen andere Quellen kennen. Wir haben extrem viel über das Judentum gelernt in den letzten 70 Jahren. Warum haben wir das? Weltgeschichte ist da echt ein Punkt. Das Entsetzen über die Tiefe christlichen Judenhasses, das Entsetzen über den Holocaust, die Schoa, das Erschrecken über 1900 Jahre Judentumsverachtung, antijudaistische Gedankengebilde sind uns immer tiefer in die Glieder gerutscht. Man hat das immer ernster genommen und irgendwann die tiefe intrinsische Motivation gekriegt: Ich will nie mehr klischeehaft, stereotyp vom Judentum reden.

94:07
Ich will wirklich verstehen. Ich möchte zuhören. Ich bin sogar bereit, meine eigene konfessionelle Identität herausfordern zu lassen, um den Jüdinnen und Juden und der Vielfalt ihres Glaubens gerecht zu werden. Ich halte das für einen ganz, ganz großen Fortschritt. Der hat einen großen Teil der neueren Exegese auch erfüllt. Auch die, die noch nicht bei allem mitgehen, auch die spüren das sehr tief. Und das halte ich zum Beispiel für einen der größten Fortschritte der neuen Theologie, diese innere Abkehr vom Antijudaismus und die Bereitschaft, da immer weiter zu lernen. Und da ist man auch noch nicht fertig und da fallen einem immer neue Dinge auf. Das ist auch wichtig und das ist auch dran. Und egal, wo man dann am Ende sein Häkchen macht - das ist, glaube ich, auf jeden Fall ganz entscheidend: kein Neutestamentsverständnis ohne Kenntnis des Judentums

95:04
und auch keine Kirche ohne Judentum heute. Und auch ein paar andere Sachen kann man mitnehmen: Auch Paulus war ein Denker mit Geschichte. Das möchte ich jetzt gar nicht erst ausführlich aufmachen. Warum ist man sich immer noch nicht so ganz einig? Also warum gibt es immer so ein Spektrum? Ein Punkt ist: Paulus ist in Bewegung. Das, was er in Römer 9 bis 11 schreibt, steht in den anderen Paulusbriefen so einfach noch nicht drin. Was er im Römerbrief schreibt, ist echt was anderes als das, was im Galaterbrief steht. Sein Verständnis vom Gesetz ist anders als im Galaterbrief. Sein Verständnis von Israel ist anders als im Galaterbrief und anders als im Thessalonicherbrief sowieso. Paulus ist in Bewegung. Er korrigiert sich, er verändert sich. An vielen Stellen findet das statt. Das heißt aber natürlich: Man kann da unterschiedlich abbiegen. Man kann dieses ausblenden, man kann jenes ausblenden. Man kann versuchen, das für sich irgendwo klarzukriegen. Christlicher Glaube steht immer in einer notwendigen Spannung

96:08
von Dekonstruktion und Rekonstruktion. Er hat immer die Aufgabe, immer, sich zu hinterfragen, bisherige Gedanken noch mal zu prüfen. Oft sind es neue Herausforderungen in der Geschichte, wo man es muss, wo einem das klar wird, wo man sich selbstkritisch noch mal hinterfragt. Eine neue Perspektive, eine neue Frage, wo man merkt: Ich komme mit meinem bisherigen Denken jetzt hier nicht weiter. Neue Entdeckungen, neue Herausforderungen - jetzt müssen wir echt noch mal gucken: Was ist los? Und das ist 2000 Jahre lang immer produktiv gewesen. Das ist natürlich auch eine Herausforderung, denn so etwas loszulassen - also ich kenne es, ich fühle es -, es tut weh. Es tut weh, einstige Gewissheiten loszulassen, auf einmal echt so das Gefühl zu haben: Mein geistiger Gleichgewichtssinn ist gestört. Also nicht schön, nicht schön. Also schöner ist festes Fundament,

97:05
klare Palisaden, eindeutige Ritterrüstung des Glaubens und des Bekenntnisses. Darum wurde das ja so geil. Aber damit kommt keiner durch. Das funktioniert auf Dauer nicht. Aber natürlich kommt man auch nicht durch im ständigen Auseinandernehmen und so, dass man sagt: "Ich glaube jetzt gar nichts mehr, da kann mir nichts mehr passieren." Auch das ist ein Glaube! Etwas neu aufbauen, neu zusammensuchen, das alles ist schon eine große Herausforderung. Paulus nimmt uns dabei das Denken nicht ab. Wir können ihm beim Denken zuschauen, beim Entfalten, Entwickeln, beim Ringen, beim Formulieren. Er probiert es so und dann macht er es ein bisschen anders. Da kann man viele spannende Entdeckungen machen. Er setzt Denken frei. Er inspiriert uns. Er legt Spuren aus, denen man bis heute folgen kann. Und er ist darin fasziniert von dieser Begegnung mit Jesus von Nazareth. Er ist fasziniert von dieser Begegnung mit dem Auferstandenen,

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mit diesem Einbruch einer radikalen Gnade, einer Liebe, die alle bisherigen Gedanken, alle bisherigen Dinge, die er sich so klargemacht hat, über den Haufen wirft. Und von daher sortiert er sich neu und schießt hier vielleicht mal über das Ziel hinaus und korrigiert sich da. Aber er bleibt auf dieser Spur. Und darin ist Paulus für uns jetzt nicht der Papst oder das unfehlbare Lehrbuch oder wer weiß was. Aber er ist ein Apostel Jesu Christi, ein Zeuge des Glaubens, ein Verkündiger des Evangeliums, was immer größer ist als alles, was Menschen sagen können, auch was Paulus gesagt hat, ein Evangelium, das auch uns heute noch inspiriert und herausfordert und in dessen Spur zu denken auch bis heute noch viel Freude macht.

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Die Entwicklung der Paulusforschung | 14.4.3

Worthaus 12 – Tübingen: 18. Mai 2024 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

Er galt als Stänkerer und Eiferer, als früher Luther, er war geachtet und verpöhnt – jede Epoche warf ein anderes Licht auf Paulus. Wer sich mit ihm beschäftigte, verstand ihn vor allem vor dem Hintergrund seines eigenen Lebens. Wie Menschen Paulus einst verstanden und was sie in ihm sahen, kann uns noch heute bereichern, davon ist Thorsten Dietz überzeugt. Er blickt in die vergangenen 100 Jahre der Paulusforschung, vom deutschen Theologen Rudolph Bultmann, über den schwedischen Theologen Krister Stendahl und andere bis ins Heute. Spannende Entdeckungen, die zeigen, wie Paulus Jahrtausende nach seinem Tod die Menschen bewegt, gegen sich aufbringt, fasziniert. Und dass wir, egal wie wir zu Paulus stehen, eine entscheidende Sache von ihm lernen können.