Das Thema "Der freie Wille des Menschen" gehört zu den wichtigsten und grundlegenden Themen. Je nachdem, wie wir uns bei dieser Frage positionieren, wird das enorme Auswirkungen haben auf das Verständnis des Menschen, auf das Verständnis des Glaubens und auch auf das Verständnis Gottes und seines Wirkens. Man kann sagen, diese Frage berührt das tiefste Geheimnis unseres Lebens. Und weil diese Frage nach dem freien Willen des Menschen so enorm wichtig ist,
verwundert es, dass darüber selten Vorträge gehalten werden. Ich selber habe auch gestaunt, wir haben auch in Worthaus bei 180 Vorträgen diese Frage nie speziell berührt. Meistens ist es so, dass man in irgendwelchen Gesprächen oder Diskussionen diese Frage mal kurz streift, sozusagen antippt und dann einfach von irgendwelchen Voraussetzungen ausgeht. Aber das wird dieser Frage gar nicht gerecht. Und deswegen möchte ich jetzt einmal bewusst zu dieser Frage und allen wichtigen Aspekten, die mit dieser Frage zusammenhängen, einen speziellen Vortrag halten. Das erste Kapitel, mit dem ich beginnen will, ist ein
Loblied auf den freien Willen des Menschen. Es gehört zur Würde und zum Wesen des Menschen, dass er einen freien Willen hat. Das unterscheidet ihn zum Beispiel vom Tier. Tiere sind weitgehend durch Instinkte gesteuert. Das ist beim Menschen nicht so. Der Mensch hat einen freien Willen. Und das ist auch enorm wichtig, weil die gesamte Ethik, die gesamte Verantwortlichkeit des Menschen eng mit dem freien Willen verbunden ist. Hätte der Mensch keinen freien Willen, wäre er auch nicht verantwortlich. Denn der Mensch kann ja nur zur Verantwortung gezogen werden für Dinge,
die in seiner Verfügung liegen, wo er sich so oder auch anders verhalten könnte. So gesehen kann man ohne Weiteres sagen, jede Gerichtsverhandlung, die stattfindet, setzt den freien Willen des Menschen voraus. Es gibt mildernde Umstände, also man muss die ganzen Umstände versuchen angemessen zu berücksichtigen. Aber das ändert alles nichts daran, dass der Mensch ein verantwortliches Wesen ist. Auch christlich gesehen können wir zum Beispiel darauf hinweisen, dass Gottes Weltgericht nach dem Tun des Menschen ausgerichtet wird, nach seinen Taten. Und dieses Tun und diese Taten haben natürlich sehr viel zu tun mit seinem freien Willen, sonst könnte man den Menschen auch nicht
zur Verantwortung ziehen. Auch sonst ist in der Bibel das Tun des Menschen enorm wichtig. Und das Tun des Menschen hängt sehr eng mit seinem freien Willen zusammen. Natürlich auch mit seiner Gewissensprägung, das auch, aber eben auch mit seinem freien Willen. Jesus sagt zum Beispiel am Ende der Bergpredigt: "Wer diese meine Rede hört und tut ..." Oder am Anfang der Bergpredigt sagt er: "Ihr sollt eure guten Werke leuchten lassen vor den Menschen, damit die Menschen eure guten Werke sehen und den Vater im Himmel loben." Also das gilt eigentlich für die ganze Bibel. Es gibt in der Bibel auch immer wieder Stellen, so wie zum Beispiel am Ende der Thora, und da heißt es,
dass Gott dem Menschen zwei Wege vorlegt. "Ich lege vor dich den Weg des Segens und den Weg des Fluchs." Und jetzt ist es in der Verantwortung des Menschen und seines freien Willens, damit verantwortlich umzugehen. Zu dieser Verantwortlichkeit des Menschen aufgrund seines freien Willens gehört auch das Phänomen Entscheidung. Der Mensch ist ein Wesen, das sich entscheiden kann und sich auch immer wieder entscheiden muss. Also ich denke jetzt mal an die Pädagogische Hochschule, wo ich tätig war. Da müssen sich die Studierenden am Anfang überlegen: Welche drei Fächer soll ich wählen? Denn in der Studienordnung, in der ich tätig war, studierte man an der PH in der
Lehrerausbildung drei Fächer. Dann muss man sich in jedem Semester seinen Stundenplan machen. Man muss sich entscheiden: Zu wem, in welches Seminar gehe ich? Dann eine sehr tiefe Entscheidung: Über welches Thema schreibe ich meine Examensarbeit? Ja, ich kenne zum Beispiel jemand, die hat sich sehr schwergetan: In welchem Fach schreibe ich die Arbeit und - aha, im Fach Geschichte - was ist da das Thema, mit dem ich mich sechs Monate beschäftigen will? Und dann hat sich diese Studentin entschieden: Mein Thema lautet "Alltag und Religion der Wikinger". Das war ein langer Entscheidungsprozess. Und dann auch: Wann will ich Examen machen? Oder wir haben vor kurzem eine Bundestagswahl gehabt. Da muss man sich erst mal entscheiden: Gehe ich zur Wahl? Ich hoffe, dass
Sie alle zur Wahl gegangen sind. Und dann: Wen wähle ich? Oder jetzt die Pandemie, es gibt die Impfbefürworter, aber es gibt auch die Impfgegner. Und so muss sich halt jeder nach seiner Sicht der Verantwortung entscheiden. Also der Mensch ist ein Wesen, das sich entscheiden kann und immer wieder auch entscheiden muss. Wir kommen da nicht drum herum. In der griechischen Philosophie gibt es dafür ein klassisches Bild, das der Mensch sich entscheiden kann und muss. Das ist das Bild "der Mensch am Scheideweg". Es kommt ein Wanderer - der Mensch ist ja auch ein Wanderer - an eine Weggabelung. Und jetzt, ja, er kann machen, was er will, er muss sich entscheiden: Gehe ich
links oder gehe ich rechts? Sagen wir mal, der Mann will nach Athen, aber das ist noch weit, das sieht man noch lange nicht. Ja, was spricht dafür, dass ich jetzt links gehe? Und was spricht dafür, dass ich rechts gehe? Das heißt, der Mann wägt ab, er wägt sorgfältig ab, pro und kontra. Und dann muss er eine Entscheidung fällen und dann geht er eben links oder rechts. Bei diesem Loblied auf den freien Willen des Menschen und auf seine Tatkraft und seine Entscheidungskraft will ich ein bisschen und vorsichtig darauf hinweisen, dass wir einen ethischen Rigorismus vermeiden sollten. Was ist ein ethischer Rigorismus? Das ist, wenn wir auf die unterschiedlichen Startbedingungen oder Biografien
oder Familienverhältnisse der einzelnen Menschen keine Rücksicht nehmen, sondern eiskalt ein Prinzip reiten. Dann spricht man von einem ethischen Rigorismus. Wenn wir aber die unterschiedlichen Menschen und die unterschiedlichen Biografien ins Blickfeld nehmen, dann müssen wir sagen: Es gibt sehr willensstarke Menschen, die sind sehr entscheidungsfreudig, entschlussfreudig. Und es gibt aber auch zauderhafte Menschen, die sich sehr schwertun, die sehr skrupulös sind, voller Selbstzweifel. Und die tun sich mit einer Entscheidung viel schwerer. Also da gibt es eben sehr unterschiedliche Variationen. Ich habe mal einen Werbespruch gehört von einer amerikanischen Weltfirma - ich will da keine Werbung machen - und dieser Werbespruch heißt: Don't be a maybe.
Also sei kein Vielleicht, sei kein Zauderer. Ja, wenn man den Spruch so hört, dann muss ich sagen, der ist ein bisschen ethisch-rigoristisch, weil Don't be a maybe, das ist für bestimmte Menschen sowieso klar, das fällt denen leicht, die fühlen sich dadurch auch gestärkt. Aber es gibt eben auch wirklich die Zauderer, die auch oft durch ihre Familienverhältnisse, ihre Erziehung nicht viel dafür können. Und die sind dann vielleicht eben ein Maybe. Also mit solchen Mottos muss man vorsichtig sein - auch wenn ich sagen will: Es ist eigentlich sehr positiv, wenn ein Mensch entschlussfreudig ist, einen starken Willen hat, unternehmungslustig ist, tatfreudig ist, das ist schon was Positives.
Die Menschen kommen auch in der Regel leichter durchs Leben. Aber wir müssen rücksichtsvoll sein bei solchen Dingen. Kein ethischer Rigorismus! - Jetzt, im zweiten Kapitel, nachdem ich ein Loblied, ein rücksichtsvolles Loblied über den freien Willen gesungen habe, will ich jetzt einen wichtigen Schritt weitergehen. Ich frage jetzt nach dem Verhältnis des freien Willens zu unserem Glauben, zu unserem christlichen Glauben. Wie sieht dieses Verhältnis aus? Und da möchte ich euch jetzt bewusst eine Frage stellen. Also alle, die diesen Vortrag hören, die haben nachher drei Minuten Zeit. Ich habe also an euch folgende Frage: Was meint ihr,
was ist für euren, für deinen christlichen Glauben am wichtigsten? Das Gefühl oder der Wille oder der Verstand? Man ist sich ja allgemein einig, ich stimme dem auch zu, das menschliche Dasein, die menschliche Person hat vor allem drei Dimensionen. Wir können fühlen, wollen und denken. Das sind die drei Grunddimensionen, Verstand, Wille, Gefühl. Und von vornherein klar ist, dass der christliche Glaube den ganzen Menschen erfasst, er wirkt ganzheitlich. Also der christliche Glaube wird sich auf unser Gefühl auswirken, auf unseren Willen und auf unseren Verstand. Das ist sowieso sonnenklar, also davon gehen wir aus. Aber jetzt
frage ich mal genauer. Und das macht man selten, aber es lohnt sich, an der Stelle mal genauer zu fragen: Welche dieser drei Dimensionen ist am wichtigsten, Verstand, Wille oder Gefühl? Oder sind sie alle gleich wichtig? Das könnte ja auch sein. Dass sie alle wichtig sind, ist sonnenklar, aber wir fragen jetzt mal genauer: Sind sie gleich wichtig oder ist eines von den dreien, Verstand, Wille, Gefühl, am wichtigsten, also wichtiger als die beiden anderen? Zu dieser Frage gebe ich euch jetzt mal drei Minuten Zeit. Es geht ja nur um eine spontane, kurze Stellungnahme. Ihr könnt euch ja dann den Rest eures Lebens da weiter Gedanken machen. Aber jetzt: Was meint ihr? Was ist für deinen Glauben am wichtigsten, Gefühl, Wille, Verstand, oder sind sie alle drei gleich wichtig?
So, jetzt denkt mal nach. - Ich kann jetzt ja weitermachen, ihr könnt ja dann die Sendung anhalten an der Stelle. Also ich mache jetzt mal weiter. Diese Frage, was ist für euren Glauben am wichtigsten, Gefühl, Wille, Verstand - ich nenne einmal die Reihenfolge, dann eine andere -, habe ich über 20 Jahre lang an der PH Ludwigsburg, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, in fast
jedem Semester den Studierenden gestellt. Ich hatte eigentlich in den meisten Semestern immer ein Seminar "Einführung in die christliche Dogmatik", man kann auch sagen "Einführung in die christliche Glaubenslehre", und da bin ich immer auf diese Stelle irgendwann gekommen und habe diese Frage den Studierenden, da waren meistens so 50 bis 80 Leute da, gestellt. Und die Studierenden haben in all den 20 Jahren eigentlich immer ziemlich ähnlich reagiert, und zwar 70 bis 80 Prozent aller Studierenden haben gesagt: Der Wille ist das Wichtigste. Und sie meinen natürlich damit: Der freie Wille des Menschen ist am wichtigsten. Sie haben das so ungefähr so begründet: Na ja, die Gefühle, die sind instabil, die sind launisch, mal sind sie da, mal sind sie nicht da, das kann es
eigentlich nicht sein. Und der Verstand eigentlich auch nicht, denn wir wollen ja kein verkopftes Christentum. Wenn der Verstand entscheidend wäre, dann wären ja vielleicht manche Menschen sehr benachteiligt, andere bevorzugt, das kann es eigentlich auch nicht sein. Und dann in den Gesprächen darüber - das weiß ich genau, weil ich es so oft gemacht habe mit hunderten von Studierenden - lief die weitere Begründung ungefähr so: Gott zwingt ja niemand, und wir sind ja auch nicht willenlose Marionetten in der Hand Gottes, die er fernsteuern kann. Ja, in der Tat, so denke ich da auch, Gott zwingt niemand und wir sind tatsächlich keine willenlosen Marionetten in der Hand Gottes.
Und dann kommen weitere Begründungen. Meistens kommt relativ schnell der Satz: Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben. Der kommt wie geölt, also eigentlich in all den Gesprächen war der relativ schnell da, und ich habe auch gemerkt, welche Funktion dieser Satz hat. Das war im Laufe der Jahre wirklich immer wieder gleich und auffällig. Also der Satz kommt ziemlich schnell, fast wie ein Pistolenschuss, peng. Und weiter wollten sich die Studierenden da in den Diskussionen gar nicht groß dazu äußern. Mit dem Hinweis, mit dem Slogan "Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben" ist die Sache ja eigentlich geklärt. Viel mehr muss man dazu nicht sagen, damit ist
eigentlich die entscheidende Antwort gegeben. Also Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben. Dann wird auch immer wieder gesagt: Der Mensch kann sich entscheiden. Das habe ich ja bestätigt in meinem Loblied, ja, in der Tat, der Mensch kann sich entscheiden. Also der Mensch kann sich für Gott oder gegen Gott entscheiden. Es gibt ja auch innerhalb der Christenheit ganze Bewegungen, die nennen sich "entschiedenes Christentum". Und das gehört natürlich dazu: Der Wille ist entscheidend. Dann kann man auch sagen: Entschiedenes Christentum, ich habe mich für Gott entschieden, das ist der erste Schritt, der grundlegende Schritt, alles andere baut dann darauf auf. Und wenn die Argumente so von den Studierenden kommen oder auch "Ich habe mich bekehrt in meinem freien Willen
und das steht ja jedem offen", sagen sie dann auch so: Gott macht eigentlich allen Menschen ein Angebot. Gott bietet uns ein Geschenk an, aber dieses Angebot muss man auch annehmen. Also die Hand, die Gott ausstreckt, in die muss man auch einschlagen. Also deswegen ist dann im ganzen christlichen Leben entscheidend: Ich habe mich entschieden, ich habe mich bekehrt. Das ist der erste Schritt, und dann gilt es, darauf aufzupassen, dass diese Entscheidung oder Bekehrung im Leben nicht verwässert wird, dass mich keiner davon abbringen kann. Da muss man aufpassen, denn es gibt ja viele Gefahren im Leben. Also das war ungefähr die Antwort von 70 bis 80 Prozent der
Studierenden. Und ich habe auch gemerkt, sie sind sich da ziemlich sicher, sie empfinden ihre Begründung als eine satte, plausible Begründung, sehr realistisch und sie verträgt sich auch gut mit dem gesunden Menschenverstand. Also meine Studierenden waren da ziemlich sattelfest in dieser Meinung. Sie waren dann geschockt, als ich dann so ein bisschen nach der Schocktherapie ihnen einfach mal knallhart gesagt habe - ich habe es ja dann im Einzelnen begründet, aber ich will das mal hier auch so machen. Ich habe dann den Studierenden gesagt: Ihr irrt euch. Eure Meinung, dass der Wille, der freie Wille das Wichtigste dieser drei Dimensionen ist, ist ein Irrtum. Ihr
irrt euch. Und es ist jetzt meine Aufgabe, euch möglichst bald im Theologiestudium von diesem Irrtum herunterzukriegen und euch auf die richtigen Gleise zu setzen. Da waren die also wirklich mehr oder weniger geschockt, jedes Mal. Ja, und vielleicht sind Sie ja jetzt auch geschockt, wenn ich sage: Nein, das ist ein Irrtum. Wenn ihr euch so entscheidet, dann kommt ihr in ganz dunkle Gewässer. Das hat viele, viele tragische Folgen, wenn ihr dieser Meinung seid. Und das will ich jetzt begründen. Erstens einmal will ich auf die große Bedeutung der Gefühle hinweisen. Natürlich stimmt es, die Gefühle sind launisch oder sie können zumindest launisch sein. Sie können
schwanken, sie sind mal da und sie sind mal nicht da. Das ist alles richtig. Aber dennoch, dennoch sind die Gefühle für unseren Glauben entscheidend. Sie sind wichtiger als der Wille und der Verstand. Jetzt der erste Gesichtspunkt: Im Gefühlsbereich gibt es gar nicht ohne Weiteres einen freien Willen. Es ist zwar nicht so, dass unsere Gefühle uns komplett steuern, also dass wir eine Marionette unserer Gefühle sind. Nein, das sind wir nicht. Aber es gibt im Gefühlsbereich nur einen sehr begrenzt freien Willen. Ich will das mal an ein paar Beispielen deutlich machen. Stellt euch mal vor, ihr habt einen stinkunsympathischen Kollegen oder Nachbarn oder in eurem Nahbereich und
ihr müsst immer wieder mit diesem Menschen zusammenarbeiten und so weiter. Und das ist so ein richtiger Stinkstiefel. Auch ich habe in meiner beruflichen Laufbahn immer wieder mal Kollegen gehabt, also die waren mir wirklich stinkunsympathisch. Jetzt könnte ich doch sagen: Ja, ich habe doch einen freien Willen. Ich kann doch jetzt in meinem freien Willen sagen: Ich finde den jetzt einfach sympathisch. Mach es mal. Das wird dir nicht gelingen. Natürlich habe ich dann gesagt: Ja, also mein erster und mein zahlreicher Eindruck ist, dass das ein Stinkstiefel ist. Aber ich will mich jetzt trotzdem mal bemühen, dass ich im Laufe der Monate mit dem Mann oder der Frau doch irgendwie klarkomme. Das kann man schon. Also wir haben schon auch im Gefühlsbereich einen - begrenzten -
Willen. Aber wenn ich das mir vorgenommen habe, dann ist das jetzt ein ziemlich anstrengender, komplizierter, monatelanger Vorgang. Aber ich kann nicht einfach kraft meines Willens Gefühle verändern. Sagen wir mal, wir haben tiefe Angst. Jetzt sag doch mal zu der Angst: Du, ich habe einen freien Willen, ich will jetzt keine Angst haben. Probier es mal. Oder kannst du in deinem freien Willen sagen: "Ich habe mich entschieden, fasziniert zu sein"? "Ich habe mich entschieden, neugierig zu sein"? Sag es mal. Nein, es muss etwas kommen, was in mir die Neugierde weckt. Wir sind gefühlsmäßig oft so ergriffen -
ich denke jetzt gerade mal an einen sehr erfolgreichen jungen Unternehmer, wirklich entscheidungsstark, tatkräftig, erfolgreich, also wirklich alle Achtung. Aber sein dreijähriges Kind, seine dreijährige Tochter kam auf eine fürchterliche Weise ums Leben. Das hat diesen Mann fix und fertig gemacht. Nix mehr mit freiem Willen, nix mehr mit Tatkraft. Der Mann war kaputt. Oder ich will ein anderes Beispiel sagen. Ich habe ja in Worthaus einen Vortrag gehalten, "Die Bibel und die schwule Frage". Ich habe auf diesen Vortrag hunderte von Rückmeldungen erhalten. Aber ich will eine einzige
mal kurz nennen, die ich einige Monate später erhalten habe. Es war ein evangelischer Pfarrer in einem osteuropäischen Staat. Es gibt ja in Osteuropa auch eine evangelisch-lutherische Kirche in jedem dieser Staaten, aber die sind sehr klein. Die meisten Christen in Osteuropa sind orthodoxe Christen, dann zweitens auch katholische Christen, Polen, Litauen und so weiter. Aber in all diesen Ländern, im ganzen Balkan und in Russland, gibt es auch überall eine kleine evangelisch-lutherische Kirche. Und ein Pfarrer aus Osteuropa irgendwo schrieb mir eine Mail. Ich habe gemerkt, seine Muttersprache ist nicht Deutsch, aber ich konnte das sehr gut verstehen. Es waren also ein paar Fehler drin, aber es war alles sehr klar verständlich. Und dieser Mann schreibt mir: "Ich bin evangelischer Pfarrer in einer osteuropäischen Kirche und ich bin schwul und ich habe diese Verschwiegenheit satt gehabt.
Ich habe meiner Kirchenleitung vor zwei Wochen, also vor kurzem irgendwie, geoutet, dass ich schwul bin. Ich war auch in der Jugendarbeit natürlich auch mit tätig. Und als ich das meiner Kirchenleitung geoutet habe, haben sie mich sofort fristlos entlassen. Und es war ein Schlag. Ich habe diesen Schlag nicht verwunden und ich habe dann in den nächsten Tagen mich entschlossen, meinem Leben ein Ende zu setzen. Und ich habe auch für den Nachmittag alles schon vorbereitet. Und am Vormittag dieses Tages stöberte ich etwas im Internet und, Herr Zimmer, ich stieß auf Ihren Vortrag. Und dieser Vortrag lässt mich leben. Ich kann jetzt wieder leben und glücklich sein und Gott dankbar sein. Ich kann jetzt wieder leben." Als meine Frau mir diesen
Brief, diese Mail vorlas, musste sie weinen und ich auch. Und wir haben beide gesagt: Und wenn nur diese eine Rückmeldung käme, hat sich der ganze Vortrag bei Weitem gelohnt. Aber ich habe hunderte auch ähnliche Rückmeldungen bekommen. Also wir waren jetzt gefühlsmäßig ergriffen. Das ist ja nicht gezwungen. Wir sind ja nicht gezwungen. Wir sind auch keine willenlose Marionette dieser Mail. Aber wir mussten, wir waren ergriffen. Jetzt sag du mal in deinem freien Willen: Da habe ich mich ergriffen. Nein, das kannst du nicht. Es muss etwas kommen, was dich ergreift, und das erschüttert dich. Du kannst ja auch nicht sagen: Da habe ich
mich entschieden, erschüttert zu sein. Geht nicht. Es muss etwas kommen, was dich erschüttert. Also ich fasse zusammen: Im Gefühlsbereich haben wir nur sehr bedingt, in einem relativ kleinen Maße einen freien Willen. Denken wir auch mal einfach an unseren Lebensanfang. Der Mensch in den ersten Wochen, Monaten, in den ersten ein, zwei, drei Jahren, der hat schon ganz tiefe Gefühle. Wir fühlen erst, bevor wir denken. René Descartes hat ja den berühmten Satz gesagt "Cogito ergo sum". Der ist nicht falsch, aber viel wichtiger ist "Senso ergo sum". Ich fühle, also bin ich. Die europäische Philosophiegeschichte hat den Rang, den Stellenwert der Gefühle jahrhundertelang
bei Weitem unterschätzt, so auf der Ebene von Zahnschmerzen. Aber das hat sich Gott sei Dank geändert. Die heutige Philosophie, die heutige Pädagogik und die heutige Psychologie sind sich darin zu Recht völlig einig: Die tiefsten Dimensionen des Menschen, das ist sein Gefühlsleben. Der Mensch hat auch ein Lebensgrundgefühl, und das entscheidet darüber, ob du mehr positiv denkst, mehr Optimist bist oder mehr Pessimist, ob du eher ängstlich bist oder eher tatkräftig. Das hängt sehr stark entscheidend mit deinem Lebensgrundgefühl zusammen, und das kannst du durch einen Willensakt nicht einfach verändern. Du kannst mal versuchen, daran jahrelang zu arbeiten. Okay, das geht,
aber es ist eine harte Arbeit, und du darfst dir nicht zu viel davon versprechen, dann wird es irreal. Gut, jetzt will ich noch eine andere Frage stellen. Wenn dann immer gesagt wird, Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben - ich habe gemerkt, mit dieser Antwort wollen die Studierenden sagen: Das genügt. Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben, das ist wichtig, das ist entscheidend, mehr muss man darüber eigentlich jetzt nicht groß diskutieren. Sie haben mit dieser Antwort geschossen, wie wenn man mit einem Revolver schießt. Schnell, auf die Schnelle, und dann, peng, Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben, peng. Warum glauben so viele Menschen nicht an Gott? Antwort: Peng. Warum gibt es so viel Leid auf der Welt? Antwort: Peng. Ist es wirklich so,
dass ein großer Teil der Menschheit in der ewigen Verdammnis sein wird? Antwort: Peng. Dem Menschen hat Gott einen freien Willen gegeben. Also dieser Satz führt zu einer Lernblockade. Er hat die Funktion, abzublocken. Mehr muss man darüber nicht nachdenken, mehr muss man darüber nicht sagen, das reicht. Dieser Slogan öffnet keine Tür, er schlägt die Tür zu. Dieser Slogan, ihr lieben Schwestern und Brüder, klärt überhaupt nichts. Sondern er verleitet diejenigen, die mit diesem Peng arbeiten, dazu, in einem ganz oberflächlichen Bereich zu verharren. Dieser Slogan blockt tieferes,
differenzierteres Nachdenken ab. Wenden wir uns auch mal der Antwort zu, der Mensch kann sich entscheiden, er kann zu Gott ja sagen oder nein sagen. Prüfen wir diesen Satz mal ein bisschen. Der sagt sich so schnell und so leicht. Aber was heißt denn, dass ein Mensch zu Gott nein sagt? Prüfen wir mal das. Die meisten Menschen in der Bundesrepublik sind Agnostiker, das heißt, sie neigen zu der Auffassung: In religiösen Dingen weiß man nichts Genaues, da kann keiner was Genaues sagen. Das sind Agnostiker. Nichts Genaues weiß man nicht, sagt der Schwabe. Ja, wenn ein Agnostiker zu Gott nein sagt, was soll denn das jetzt heißen? Der ist doch ehrlich, aufrichtig
der Auffassung, man kann da sowieso nichts sagen. Manche Agnostiker sagen: Ja, irgendeine höhere Macht vielleicht, ja, ich glaube schon, dass es da so was Höheres gibt, aber nichts Genaues weiß man nicht. Ja, der kann doch gar nicht zum biblischen Gott nein sagen, er kennt ihn ja gar nicht. Man kann doch nur zu dem nein sagen, was man kennt. Oder nehmen wir Atheisten, es gibt ja den weichen Atheismus, da sind die Menschen überzeugt, es gibt keinen Gott. Und dann gibt es den harten Atheismus, der ist missionarisch, der will möglichst viele Menschen zu der Überzeugung bringen, es gibt keinen Gott. Ja, also sagt ein Atheist zum biblischen Gott nein? Wie stellst du dir das vor? Jetzt muss man diesen Satz mal ein bisschen abklopfen, gell? Das ist eine Nebelrakete, dieser Slogan.
Nein, ein Atheist kann doch gar nicht zu Gott nein sagen, gell? Du kannst doch auch gar nicht zu einem Unbekannten nein sagen, den du nicht kennst. Du müsstest doch Gott erst mal ziemlich kennenlernen, damit du nein sagen kannst. Also nehmen wir mal unseren Bundespräsidenten Steinmeier, da ist jetzt demnächst eine Entscheidung, ob er wiedergewählt wird. Ja, da kann man jetzt ja sagen oder nein sagen, denn die ganzen Leute in der Bundesversammlung, Bundestagsabgeordnete, Bundesratsabgeordnete und so weiter, die haben alle jetzt diese Jahre mit Steinmeier erlebt, und jetzt kann man zu Steinmeiers Wiederwahl ja sagen oder nein sagen. Das geht. Aber wer sagt denn zu Gott nein? Wen meinst du denn da wirklich? Ich habe auch folgende Frage. Stell dir mal vor, dass ein
Mensch die Liebe Gottes wirklich erkennt, die Länge und Breite und Tiefe der Liebe Gottes, die wird ihm wirklich klar. Wer wird da nein sagen? Meinst du, dass es einen Menschen gibt? Es ist nur mal eine Frage. Ich will nur diese geölten Peng-Antworten mal ein bisschen verabschieden. Sie blocken dich ab vor jedem tieferen Nachdenken. Ich kann mir den Fall nur äußerst schwer vorstellen, dass ein Mensch die Liebe Gottes erkennt und dann sagt: Nein, danke. Also dieser Mensch kann zu Gott ja sagen und nein sagen, es gibt die Ja-Sager und es gibt die Nein- Sager, und ich gehöre zu den Ja-Sagern. Denn wenn du so denkst, ich habe mich in meinem freien Willen
für Gott entschieden, für Jesus entschieden und ich habe mich bekehrt, das hat eine sofortige Folge für dich. Du verstehst dich jetzt als ein Mensch, der sich entschieden hat. So siehst du dich jetzt selber. Ich bin ein Mensch, der hat sich bekehrt. Ich bin ein Mensch, der hat sich entschieden. Und die anderen, ja, die haben sich nicht bekehrt. Die haben sich nicht entschieden. Anders kannst du ja eigentlich gar nicht weiterkommen. Das heißt, es entsteht sofort ein bitterer, tiefer Graben zu den nicht Bekehrten, zu den nicht Entschiedenen. Und es ist eine satte Beobachtung von mir, 50 Jahre lang, in vielen hundert Fällen: Dieses Christentum, dieses Peng-Christentum oder
ich nenne es auch das Ich-habe-mich-Christentum - es wird sofort deutlich, wie sie über Nicht-Christen reden: Das sind die Ungläubigen, das sind die Gottlosen, das sind die Unbekehrten. Diese Redeweise kommt automatisch mit diesem Modell, millionenfach. Also ich will da nicht pauschal urteilen, in dem Ich-habe-mich-Christentum gibt es tausend Varianten. Letztlich müsste man jeden Menschen einzeln für sich würdigen. Aber in so einem Vortrag kann ich ja nicht mit jedem denkbaren Sonderfall kommen, das geht ja nicht. Aber natürlich gibt es in diesem Ich-habe-mich-Christentum verschiedene Flügel. Ich sage jetzt mal so, es gibt einen rechten Flügel, einen mittleren Flügel, einen linken Flügel. Es gibt moderate Leute und es gibt knallharte Scharfmacher. Das gibt es alles.
Aber mir geht es um die großen Tendenzen. Die bitte nicht verharmlosen, diese Tendenzen gibt es wirklich. Bitte nicht schönreden. Da ist es so: Ja, ich bin ein Mensch, der sich für Gott entschieden hat. Und in diesen Gruppierungen wird sofort geredet: Ja, meine Tochter hat leider einen ungläubigen Freund. Völlig normale Redewendung. Niemand merkt hier, dass das doch eine Diskriminierung ist, dass das auch eine gewisse Arroganz ist. Natürlich sind diese Christen nicht subjektiv arrogant. Das sind ganz bescheidene Christen, wie ich hoffentlich auch. Das sind auch meine Schwestern und Brüder. Ich bin auch nicht ihr Feind, aber ich würde sie gern gewinnen für eine
tiefere Sicht. Ich will ihnen ja gar nichts nehmen. Ich will sie beschenken. - Dann auch dieses Modell: Gott macht uns ein Angebot und das müssen wir auch annehmen. Man muss das Geschenk auch annehmen. Stellt euch das mal ein bisschen ernsthaft vor. Ich mache einer Nichte von mir ein Geschenk. Also ich habe mir das gut überlegt, was freut sie, was hat sie so für Sehnsüchte, Interessen, und dann komme ich mit einem gut ausgewählten Geschenk zu meiner Nichte und dann sage ich zu ihr: Ulrike - sie heißt nicht Ulrike -, guck mal, ich bring dir hier ein Geschenk, aber weißt du, du musst es auch annehmen. Du musst es annehmen. Das Annehmen ist das Wichtigste von dem Geschenk. Da wird die irgendwie sagen: Onkel, pack dein blödes Geschenk und hau ab. Nein,
ein Geschenk, das wirklich ein Geschenk ist, ist doch nicht nur ein Angebot. Dieses Modell, Gott bietet uns etwas an und wir müssen dieses Angebot annehmen oder wir lehnen es halt ab, das verführt uns auch zu einem ganz oberflächlichen Denken. Also nehmen wir mal das Gleichnis vom Schatz im Acker. Da pflügt so ein Kleinpächter auf einem fremden Acker und auf einmal - sein Ochse oder der Pflug stößt da an irgendwas. Der ärgert sich erst mal, und dann guckt er nach, was ist denn da? Er denkt, da ist vielleicht so ein großer Stein, und jetzt sieht er eine Schatztruhe. Er guckt noch mal hin, und jetzt dämmert ihm: Ab jetzt ist mein Leben ein ganz anderes. Dann versteckt er das wieder und macht wieder Erde drauf. Hat es jemand gesehen? Nein. Und dann geht er erst mal heim, und zwar mit Tempo. Der schlendert doch nicht langsam heim nach dieser Entdeckung,
die mit seinem freien Willen nun wirklich nichts zu tun hat. Er hat damit nicht gerechnet, er hat es nicht geplant, er hat es nicht gesucht. Aber der Schatz verändert seinen Willen total. Er geht heim, er verkauft alles, was er hat. Die Nachbarn wundern sich, was ist denn mit dem los? Er kauft diesen Acker, das muss er korrekterweise so machen, und jetzt gehört ihm dieser Schatz. Das Gleichnis heißt nicht "Das Gleichnis von der Entscheidung des Menschen", das wäre ja auch falsch, sondern "Das Gleichnis vom Schatz". Denn in der Kraft dieses Schatzes geht der Kerl heim und fällt die radikalste Entscheidung, die möglich ist. Die hätte er aber am Tag vorher, kraft seines Willens, überhaupt nicht fällen können, sondern der Schatz bringt ihn dazu. Der Schatz zwingt ihn doch nicht. Der Schatz macht ihn doch auch nicht zu einer willenlosen Marionette. Das ist dieser tiefe,
grundsätzliche Fehler. Entweder ich sage in meiner freien Entscheidung ja oder ich sage nein. Und wenn ich nein sage, dann kann auch Gott selber eigentlich nichts mehr machen. Das habe ich hundertfach gehört, weil "Gott zwingt ja niemand". Zwischen nein sagen und zwingen gibt es in dieser Ich-habe-mich-Christenheit eigentlich nichts. Aber die entscheidenden Dinge der Ergriffenheit, der Begeisterung zwingen mich doch nicht, sondern sie verändern meinen Willen. Also auch die Meinung, wenn ein Mensch zu Gott in seinem freien Willen nein sagt, dann kann auch Gott nichts machen - das habe ich hundertfach gehört - was für ein Blödsinn! Hier wird nun wirklich der
freie Wille auf eine Weise geehrt, dass selbst der liebe Gott nichts machen kann. Ich sage euch mal ein kleines Gegenbeispiel. Als ich meine jetzige Frau kennenlernte, war ich ziemlich schnell in sie verliebt und habe ihr dann auch, nachdem wir uns ein paar Mal getroffen haben - wir kannten uns auch vorher schon -, einen Antrag gemacht. Und ich sage euch, meine Frau, die ist heute noch stolz drauf. Meine Frau gibt mir einen Korb, die sagt: Nee, du bist mir zu alt. Also die hat glatt in ihrem freien Willen nein gesagt zu mir. Meint ihr, dass ich dann aufgehört hätte? Dann ging es erst richtig los. Ich habe dann ein Jahr lang gebaggert. Ich habe die richtig angebaggert. Und ich sage euch, ich habe sie nie gezwungen. Sie war nie eine Marionette, sondern
ich habe ihr Herz gewonnen. Und damit rechnet man nicht in diesem vereinfachten Modell "Der Mensch hat einen freien Willen. Er kann zu Gott Ja sagen oder Nein sagen. Ich bin ein Ja-Sager und damit werden die anderen zu Nein-Sagern". Und da ist eine strukturelle Überheblichkeit und Arroganz gar nicht mehr zu vermeiden. Ich will noch ein letztes Beispiel sagen, bevor ich dann biblisch werde, weil die biblische Botschaft klärt das so klar und tief. Ja, also meine Studierenden haben dann vielfach gesagt - die PH Ludwigsburg ist ja im Gebiet Schwarzwald und mittlerer Neckarraum, da gibt es ja viele, viele Christen, die auch schon so sagen: Ich bin entschieden und ich habe mich bekehrt.
Und ihre Augen strahlen - und ich kann das ja auch verstehen - und die haben da richtig ein Bekenntnis abgelegt. Und jetzt habe ich ihnen folgende Frage gestellt: Ich finde es schön, dass ihr das so klar bekennt. Ich kann das genauso klar bekennen wie ihr, wir sind uns da ganz einig. Wir sind ja auch eine christliche Gemeinde. Aber ich möchte euch doch mal fragen: Wer von euch kommt aus einem christlichen Elternhaus? Und da melden sich von diesen 80 Prozent auch wieder ungefähr 80 Prozent. Also es gibt schon so Quereinsteiger in den christlichen Glauben, das ist auch wichtig. Darüber können wir ein anderes Mal reden, ich kann ja in einem Vortrag nicht alles behandeln. Aber also die große Mehrheit derer, die sich in ihrem freien Willen zu Jesus Christus bekannt haben, kommt aus einem christlichen Elternhaus.
Jetzt stellen wir uns das mal praktisch vor. Christliche Eltern, jeden Monat, jedes Jahr, jeden Tag christliche Beeinflussung. Dann zwei Kinderbibeln, später vier Teenager-Freizeiten. Und dann hat es mal geschnackelt. Da wird der liebe Gott beeindruckt sein. Jahrelange christliche Beeinflussung. Zwei, drei Kinderbibeln, weitere christliche Literatur und dann so und so viele Teenager-Freizeiten. Und dann habe ich gesagt: Jetzt versucht euch mal ehrlich, wenn ihr es könnt, versucht mal ehrlich, euch vorzustellen, ihr wäret in der Mongolei geboren und eure Eltern wären muslimische Gemüsehändler. Meint ihr, dass ihr dann mit eurem freien Willen euch auch zu Jesus Christus bekannt hättet? Und ich darf euch sagen, dann gucken sie mich mit ihren großen
Äuglein an und sind irgendwie leicht verwirrt. Sie ahnen, sie spüren, dass ihr vereinfachtes Ja-Nein-Modell und die anderen sind selber schuld - in die Richtung geht es ja dann, entweder moderater oder krasser. Aber die Tendenz ist schon die: Die Unbekehrten sind selber schuld. Ja, ihr Lieben, also dieses Modell ist oberflächlich, es ist leichtsinnig, es ist strukturell arrogant und es reißt einen tiefen Graben auf und es entfremdet euch von den anderen Menschen. Ich will euch mal ein Gegenbeispiel sagen. Mein sehr verehrter theologischer Lehrer Eberhard Jüngel, der jetzt
erst vor ein, zwei Wochen im Alter von 86 Jahren gestorben ist - so viele Kerzenfabriken hat der Mann mir aufgesteckt! Er hat meinen Horizont so erweitert. Das hat auch oft wehgetan, wenn der eigene Horizont gesprengt wird. Aber ich sage euch, billiger geht es nicht. Und dieser Eberhard Jüngel, der war 1997 auf einer EKD-Synode zum Thema Mission. Und da hat die EKD Gott sei Dank klar dann bekannt: Eine Kirche, die nicht missionarisch ist, ist überhaupt keine Kirche. Denn Mission, das Wort ist vielleicht nicht ganz ideal, aber lassen wir das mal, aber der Sache nach ist Mission ein Wesensmerkmal der Kirche. Und dass die EKD das so klar bekannt hat,
das lag zu einem großen Teil an Eberhard Jüngel, weil er in dem entscheidenden Vortrag sich glasklar für die missionarische Kraft der Kirche positioniert hat. Aber was versteht Eberhard Jüngel unter Mission? Ich sage euch mal einen Satz aus diesem Vortrag. Und dieser Satz heißt: "Das ungeheure Geschehen, das uns zu Christenmenschen gemacht hat, will mit uns über uns selbst hinaus." Das versteht Eberhard Jüngel unter Mission. Das ungeheure Geschehen, das wird geehrt, denn das ist doch ungeheuer und nicht bloß so moderat. Dass es Gott gibt, dass Gott alle Dinge, alle Milchstraßen, alle Galaxien, alle Ameisen, alle Grashalme, alle Steine, alle Menschen,
alle Tiere gemacht hat, ist doch ungeheuer. Und dass er Propheten nach Israel geschickt hat, dass er Israel als seinen Augapfel erwählt hat, dass er Jesus von Nazareth auf die Erde geschickt hat, der gekreuzigt wurde, ausgepeitscht. Und diese ausgepeitschte, gefolterte Leiche - die war sicher nicht ästhetisch -, dieses Elend hat Gott der Herr vom Tode auferweckt. Ja, ihr Lieben, das ist ein ungeheures Geschehen. Und wenn dir dieses ungeheure Geschehen auch nur teilweise bewusst wird, dann wirst du ein Christenmensch. Eberhard Jüngel sagt auch nicht: "Das ungeheure Geschehen hat uns zu Christen gemacht." Da kann man sich schon wieder ein bisschen besser vorkommen.
Nein, er sagt bewusst "zu Christenmenschen". Und da bleibt die Verbindung zu allen anderen. Wurzeltiefe Bescheidenheit ist nur auf diesem Weg möglich. Alle Ehre Gott und kein Rühmen auf Menschenseite. "Ich habe mich bekehrt" - da steckt so gut wie immer auch ein Selbstlob drin. Nein, das ungeheure Geschehen, das uns zu Christenmenschen gemacht hat - kein Grund, sich darauf was einzubilden und sich von anderen dann abzugrenzen - will mit uns über uns selbst hinaus. - So weit jetzt mal. Jetzt will ich biblisch werden und wir werden zügig durch eine ganze Anzahl biblischer Texte gehen, denn ich möchte meinen Hörerinnen und Hörern auch biblisch jetzt zeigen: Diese Sicht ist viel schöner, ist viel tiefer. Sie ehrt Gott besser. Also niemandem
soll was genommen werden. Lasst euch doch jetzt beschenken. Also wir beginnen mit dem Johannes- Evangelium. Vier Stellen habe ich mal rausgesucht. Es gibt insgesamt noch viel mehr, aber ich will mal die wichtigsten Stellen, die auch mich in meiner Auffassung leiten, jetzt einfach mal veröffentlichen. "Alles, was mir mein Vater gegeben hat, wird zu mir kommen." Johannes 6, 37. Also entscheidend ist das, was der Vater dem Sohn gegeben hat. "Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, der Vater zieht ihn." Johannes 6, 44. "Deshalb habe ich euch gesagt, dass
niemand zu mir kommen kann, es sei denn vom Vater gegeben." Also ich will es einfach betonen, diese gesunde biblische Luft. "Niemand kann zu mir kommen, niemand, es sei denn, der Vater zieht ihn." Also wo ist hier der freie Wille? Noch eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." Johannes 15, 16. Niemand, der mir jetzt zuhört, hat Jesus gewählt, sondern Jesus hat dich gewählt. Das ist schon ein Unterschied. Damit zwingt ja Jesus niemand. Er macht dich ja nicht zu einer Marionette, sondern dieses Wählen meint natürlich, ohne deine
Zustimmung in deinem freien Willen wird es nicht gehen. Ohne freien Willen geht es nicht. Ich entscheide mich jeden Tag in meinem freien Willen für Jesus Christus, freudig jeden Tag. Aber dass ich mich freudig entscheiden kann, das hat der Vater und der Sohn in mir bewirkt. Also dieser Schematismus, entweder in Freiheit ja sagen oder Gott zwingt mich, der ist grundlegend falsch. Jetzt gehen wir mal zu Paulus. "Weißt du nicht, dass die Güte Gottes dich zur Umkehr bewegt?" Römer 2, Vers 4. Zwingt, bewegt. Das ist genau dieses Zwischenstadium, das entscheidend ist. Er bewegt meinen Willen dazu, dass ich freudig
ja sage. Das ist kein Zwang und keine Marionette, ist aber auch kein freier Wille. Denn ohne dass Gottes Güte mich bewegen würde, könnte ich gar nicht umkehren. Denn ich kann mich selber nicht bewegen, sondern ich bin darauf angewiesen, dass Gott mich in seiner Güte bewegt. Übrigens heißt es nicht: "Weißt du nicht, dass Gottes Zorn und Gottes Weltgericht dich zur Umkehr bewegt?" Nein, Gottes Güte bewegt mich zur Umkehr. Römer 9, 15 und 16: "Denn Gott sprach zu Mose: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig. Und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Somit kommt es nicht auf den an, der will, noch auf den, der läuft, sondern auf Gott, der sich erbarmt." Ja,
also Paulus zitiert hier die Thora, Exodus-Buch. Also die Stelle heißt: "Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig. Und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich." Im Hebräischen ist nicht die Erzählabsicht, auszudrücken, dass Gott willkürlich wäre. Also den einen bin ich halt gnädig und dem anderen nicht. Nein, darum geht es in diesem Satz nicht. Wenn man so in diesem Ich-habe-mich- Christentum ist, dann versteht man diesen Satz gleich so: Das klingt so willkürlich. Nein, darum geht es gar nicht. Sondern in diesem Satz will der Schreiber ausdrücken: Wenn Gott gnädig ist, dann ist es ein tiefer Vorgang in Gott. Dem bin ich gnädig. Da ist in Gott ein ganz tiefer Willensentschluss. Das macht der nicht so nebenbei. Und wessen ich mich erbarme, ich sag dir, dem
erbarme ich mich auch wirklich. Das gilt ja eigentlich für alle Menschen. Aber man merkt hier: Paulus sagt: "Also kommt es nicht auf den an, der will, sondern auf Gottes Erbarmen." Bei Römer 2 war es Gottes Güte, die mich bewegt. Und jetzt kommt es auf Gottes Erbarmen an. Das ist sehr nahe beieinander. In Römer 10, Vers 17 steht: "Der Glaube kommt aus dem Gehörten, das Gehörte aus den Worten Christi." Ja, in den paulinischen Briefen kommt sehr oft das Wort aus, vor oder durch. Darauf liegt der Ton. Woher kommt der Glaube? Der Glaube kommt - woher? Aus dem Gehörten. Das heißt: nicht aus dir. Der Glaube kommt nicht aus dir. Er kommt zu dir aus dem
Gehörten. Also der Satz könnte niemals heißen: Der Glaube kommt oder basiert auf dem freien Willen des Menschen. Niemals. Weiter. In Römer 10, Vers 20 steht: "Jesaja erkühnt sich aber und sagt: Ich habe mich von denen finden lassen, die mich nicht suchten. Ich habe mich denen offenbart, die nicht nach mir gefragt haben." Also hier zitiert Paulus Jesaja 65,1: "Ich habe mich denen offenbart, die mich nicht gesucht haben, und mich von denen finden lassen, die nicht nach mir gefragt haben." In Römer 11, Vers 35 und 36 steht: "Denn wer hat Gott etwas gegeben, das Gott anerkennen muss? Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Sein ist
die Ehre in Ewigkeit. Amen." Man merkt hier, hier geht es um die Ehre Gottes. Und das ist ein wichtiges Thema, das Wichtigste überhaupt. Denn aus ihm - der Glaube kommt aus dem Gehörten - und durch ihn - Paulus sagt an anderen Stellen, wir sind durch das Evangelium berufen - kommt alles zu ihm. Also hier sagt Paulus: Kein Mensch gibt Gott etwas, wo er dann sagen müsste, danke für deinen Beitrag. Viele Christen stellen, das weiß ich aus vielen Gesprächen, viele Christen stellen sich das so vor: Ja, der Glaube, den muss schon Gott machen, aber davor bekehre ich mich. Also der erste Schritt ist die Bekehrung, und das ist mein freier Wille. Und die Bekehrung, die belohnt Gott oder beantwortet
Gott mit dem Glauben. Aber diese Unterscheidung, erst kommt die Bekehrung und daraus folgt der Glaube, ist vollkommen falsch. Denn die Bekehrung selber ist schon ein Glaubensschritt. Also ihr könnt euch auch nicht irgendwie einbilden, erst gebe ich Gott meine Entscheidung, meine Bekehrung. Ich habe immer wieder mal gehört, an einen Fall kann ich mich sehr klar erinnern, ein international bekannter Erweckungsprediger, Evangelist, den ich selber gehört habe in einer großen Halle, viele, viele tausend Zuhörer, der hat wirklich wörtlich gesagt: "98 Prozent macht Gott, aber 2 Prozent, das müsst ihr machen. Das ist euer Beitrag, nämlich zu Gott ja sagen und sein Geschenk annehmen." Nein, keiner von uns gibt Gott etwas, sondern auch deine Bekehrung ist
schon ein Ausdruck des Glaubens, den Gott in dir bewirkt. 1. Korinther 2, Vers 5: "Damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruht, sondern auf Gottes Kraft." Ich sage es mal ein bisschen allgemeiner: Dass euer Glaube nicht auf einem menschlichen Beitrag beruht, auf einer menschlichen Qualität, sondern allein auf Gottes Kraft. 2. Korinther 4, Vers 6: "Denn Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll das Licht aufstrahlen, er ist es, der es in unseren Herzen hat aufstrahlen lassen, sodass wir erleuchtet wurden durch die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Christi." Hier an dieser Stelle und an vielen anderen merkt man, welchen Zugang Gott zu unserem Herzen hat.
Von wegen, wenn ein Mensch mit seinem freien Willen nein sagt, dann kann Gott sein Herz nicht mehr erreichen. Nein, Gott hat einen tieferen Zugang zu unserem Herzen, als du es selber hast. Gott ist dir näher, als du dir selber nah bist. Und er hat in unserem Herzen ein Licht aufstrahlen lassen. Wir könnten das nicht. Galater 1, Vers 6: "Der euch durch die Gnade Christi berufen hat." Nicht: "Der euch durch eure Bekehrung berufen hat." Epheser 1, 11: "In Christus sind wir auch zu Erben gemacht worden, vorherbestimmt nach der zuvor getroffenen Entscheidung dessen, der alles nach dem Ratschluss seines Willens
wirkt." Hier wird eine Entscheidung ganz wichtig genommen, die Entscheidung Gottes für uns. Die ist wirklich entscheidend. Gott hat tatsächlich einen freien Willen. Epheser 1, Vers 19: "Welches die überschwängliche Größe seiner Macht an uns ist, die wir glauben nach der Wirksamkeit der Kraft seiner Stärke." Wir glauben nach der Wirksamkeit seiner Stärke. Gott ermöglicht den Glauben nicht nur, er bewirkt ihn. Epheser 2, Vers 8 und 9: "Denn aus Gnade seid ihr errettet worden durch den Glauben, und das nicht aus euch. Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich niemand rühme." Also ihr seid errettet worden, und das nicht aus euch, nicht aus eurem freien Willen.
Philipper 1, Vers 6: "Der in euch ein gutes Werk angefangen hat, der wird es auch vollenden." Der in euch ein gutes Werk angefangen hat. Wann ist dieser Anfang? Kommt erst deine Bekehrung und dann belohnt Gott deine Bekehrung mit dem Glauben? Oder ist mit Anfang schon deine Bekehrung gemeint? Vielleicht sogar die Vorgeschichte deiner Bekehrung? Also Jesus hat in euch angefangen, nicht du selbst. Philipper 1, Vers 29: "Denn euch wurde verliehen, an Christus zu glauben." Klarer geht es eigentlich nicht mehr. Philipper 2, Vers 13: "Denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen
wirkt, um seines Wohlgefallens willen." Also Gott ist es, der in euch beides wirkt, also nicht ermöglicht. Das ist nicht ein Angebot, sondern er wirkt es. Wenn Jesus sagt: "Komm und folge mir nach", dann ist es kein Angebot. Also Gott bewirkt beides. 2. Thessalonicher 13 und 14: "Wir müssen Gott alle Zeit euretwegen danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang an erwählt hat zum Heil, wozu er euch durch das Evangelium berufen hat." Jetzt kommt wieder das Wort durch: wozu er euch durch das Evangelium von Jesus Christus berufen hat. Ich muss an dieser Stelle mal ein Beispiel sagen. Ich war mal in einer gewissen Fortbildungsinstitution im Kuratorium. Wir haben also Dozenten für die Lehrerfortbildung,
die Religionslehrerfortbildung, berufen oder eben nicht berufen. Und da hat sich mal eine Frau, ich vermute so Mitte 40, beworben mit vielen anderen. Jeder Bewerber hat sich dann vorgestellt. Und diese Frau war Rektorin einer christlichen Privatschule. Und sie wollte also Dozentin für Grundschuldidaktik werden. Und wir bekamen die ganzen Bewerbungsunterlagen vorher zugeschickt. Ich habe sie natürlich alle vorher gründlich gelesen. Und dann habe ich ihre Schulgesetzgebung gesehen, die sie sich selber gegeben haben als christliche Privatschule. Und da war Paragraf 1: "Diese Schule basiert auf der Bibel." Und dann kam Paragraf 2, 3, 4. Aber der grundlegendste Satz hieß: "Diese Schule
basiert auf der Bibel." Und jetzt habe ich dieser Bewerberin folgende Frage gestellt: "Also ich habe gelesen, dass in Ihrem Schulgesetz Paragraf 1 steht: 'Diese Schule basiert auf der Bibel.' Jetzt stellen Sie sich mal folgenden Fall vor, dass Paragraf 1 Ihrer Schule folgendermaßen lauten würde: 'Diese Schule basiert auf dem Evangelium von Jesus Christus.' Was meinen Sie? Ist es beides gleichwertig oder ist eines von beiden klarer als das andere? Also nicht 'basiert auf der Bibel', sondern 'basiert auf dem Evangelium von Jesus Christus'." Diese Frau war sehr ehrlich, ist ja auch schön, die sagt: "Herr Zimmer, damit habe ich mich noch nie beschäftigt. Und wenn ich das so sehe - also Ihre Frage kann ich nicht beantworten."
Wir haben diese Frau auch nicht eingestellt. Denn wenn man an einer evangelischen Ausbildungsstätte, in der Lehrerfortbildung in einer reformatorischen Ausbildungsstätte sagt: Ob das auf der Bibel basiert oder auf dem Evangelium von Jesus Christus, ja, da sehe ich keinen Unterschied und da habe ich mich noch nie damit beschäftigt - da möchte ich mal nur sagen angesichts dieser Stelle - es gibt aber 20, 30 solcher Stellen: Wir sind durch das Evangelium berufen. Nach Martin Luther ist der Schlüssel, mit dem wir allein die Bibel angemessen lesen und interpretieren können, das Evangelium von Jesus Christus. Also der Ausdruck "das Evangelium von Jesus Christus" ist wesentlich präziser, denn das ist der Schlüssel. Aber diese langjährige Direktorin einer christlichen Privatschule hat sich mit dieser Frage noch nie im Leben
beschäftigt, denn in diesen Gruppen beschäftigt man sich mit so was nicht. Gut, so weit, also das war jetzt Neues Testament. Ich will bei dieser Gelegenheit auch Folgendes sagen: Viele berufen sich auf Martin Luther, weil er "Sola scriptura" gelehrt hat. Das ist fast das Einzige, was sie dann wissen. Aber eines der wichtigsten Bücher von Luther heißt "Vom unfreien Willen". In der christlichen Praxis wird der freie Wille immer wieder sehr wichtig sein, aber in der Frage "Wie finden wir zu Gott?", "Wie entsteht der Glaube?" lehrt Luther glasklar den unfreien Willen. Da merkt man, dass diese Kreise eigentlich Luther ganz fremd gegenüberstehen,
auch wenn sie des Sola scriptura betonen, das ich natürlich auch vertrete. Luther unterscheidet auch zwischen Gesetz und Evangelium auf eine ganz tiefe Weise, die ich bei diesem Ich-habe-mich-Christentum eigentlich nirgendwo gefunden habe. Luther sagt auch viel mehr: Ich bin gerechtfertigt. Und das hört man in diesem Ich-habe-mich-Christentum ganz selten. Man kann ja auch schlecht sagen: Wann bist du gerechtfertigt worden? Ach so, mit 17, ich mit 19. Sobald man sagt, ich bin gerechtfertigt worden, dann ist die Ehre bei Gott. Aber neben dem Wort "ich entscheide mich, ich bekehre mich" ist das Wort von der Rechtfertigung in diesen Gruppen ganz fremd, weil sie in Wahrheit der reformatorischen Theologie Martin Luthers fremd gegenüberstehen. - Gut, jetzt wenden wir uns noch zur Apostelgeschichte.
Apostelgeschichte 2, Vers 37. "Als sie die Pfingstpredigt des Petrus hörten, ging ihnen ein Stich durch das Herz." Als sie die Pfingstpredigt des Petrus hören, das ist ja die klassische erste große Predigt der Apostelgeschichte, wo die tiefen Fragen klar geklärt werden. Also der Glaube kommt ja aus dem Hören. "Als sie die Pfingstpredigt des Petrus hörten, ging es ihnen wie ein Stich durch das Herz." Und dann heißt es weiter: "Und sie fragten: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?" Die Stelle könnte niemals heißen: "Als sie die Pfingstpredigt des Petrus hörten, gaben sie sich selber einen Stich durch ihr Herz." Das könnte so nicht heißen.
Apostelgeschichte 2, Vers 39: "Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden, so viele der Herr, unser Gott, herbeirufen wird." Ja, die erste Hälfte könnte für viele christlichen Gruppen supergut klingen: Sie haben den Namen des Herrn angerufen. Aber der Nachsatz ist entscheidend: "So viele der Herr herbeigerufen hat." Wenn also Gott 387 herbeiruft, dann werden diese 387 den Namen des Herrn anrufen, und wenn Gott 914 herbeiruft, dann 914. Entscheidend ist der Ruf Gottes. Apostelgeschichte 2, Vers 47: "Und der Herr tat täglich die hinzu, die gerettet wurden." Wir sind immer noch bei der Pfingstpredigt
des Petrus, also klarer geht's nicht. "Und der Herr tat täglich hinzu, die gerettet wurden." Es könnte niemals heißen: "Und der Herr tat täglich hinzu, die sich bekehrt haben." So könnte es nicht heißen. Das wäre sachlich völlig unangemessen. Gut. Apostelgeschichte 16, Vers 14: "Der Herr öffnete Lydia das Herz, sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam zuhörte." Also diese Stelle ist ja auch wieder sonnenklar. "Und Gott öffnete Lydia das Herz." Das könnte sie selber nicht. Und jetzt, wo Gott an ihr etwas getan hat, was sie selber nicht kann, jetzt ist sie auch in der Lage, aufmerksam zuzuhören. Wie aufmerksam du zuhören kannst, liegt häufig gar nicht in deinem Willen begründet. Da spielen sich
ganz andere Faktoren ab. Hebräer 12, Vers 2: "Jesus ist der Anfänger und Vollender unseres Glaubens." Wir begrenzen uns jetzt mal. Wir nehmen noch eine Stelle aus dem Alten Testament, Klagelieder. Wir haben noch mehr Stellen, aber ich glaube, es müsste eigentlich reichen. Klagelieder 5, Vers 21: "Bekehre uns zu dir, o Herr, damit wir uns bekehren." Eigentlich klarer geht es nicht. Also, ich will jetzt zu einem Schlussteil kommen. Das war jetzt also eine Auswahl, wie gesagt, gar nicht vollständig, wo ein Satz eigentlich so klar ist wie ein anderer. Das ist die gesunde biblische Luft,
die man aber auch ganz an sich herankommen lassen muss. Ich will nochmal zu diesem Gleichnis gehen. Ein Kleinpächter findet unverhofft in dem Acker einen Schatz. Er ist völlig von der Rolle, ergriffen vor Freude. Und er geht ja dann heim und verkauft alles, was er hat. Stellen wir uns mal vor, dieser Pächter entdeckt diesen Schatz. Er sieht, wow, da ist ein Schatz drin. Und jetzt kommt ein Engel und er sagt zu diesem Kleinpächter: "Guck, Gott macht dir ein Angebot. Er macht dir ein Geschenk. Aber du musst das Geschenk auch annehmen. Du musst es annehmen. Eigentlich ist das Annehmen das Wichtigste. Du musst es in deinem freien Willen annehmen, so wie das die Bekehrten auch gemacht haben." Das
wäre ja absurd, gell? Überhaupt die ganzen Berufungserzählungen. Abraham. Eines Tages, völlig unerwartet, ungeplant, spricht Gott zu ihm: "Ziehe aus aus Vaterhaus und Vaterstadt in ein Land, das ich dir zeigen werde. Ich will deinen Namen groß machen. Du sollst zu einem großen Volk werden, und alle, die dich segnen, die werden gesegnet sein." Das ist ja eine wahnsinnige Verheißung, gell? Da sagen manche: Abraham war gehorsam. Nein, das Wort passt gar nicht. Sondern Abraham wird gewonnen durch diese neuen Horizonte. Ich habe mir schon ein Land für dich ausgedacht und werde deinen Namen groß machen. Abraham ist bezirzt, gell? Er wird gewonnen. Aus Gehorsam könnte niemand seine Vaterstadt
und sein Vaterland verlassen. Das ist ja die ganze Sicherheit, die er hat. Nein, aber er wurde gewonnen. Oder nehmen wir die Berufung des Mose. Ein brennender Dornbusch. Auf einmal hat er einen brennenden Dornbusch mitten in seinem Berufsalltag. Er zog da gerade mit den Schafen seines Schwiegervaters Jethro, und jetzt sieht er einen brennenden Dornbusch, der nicht verbrennt. Und das kitzelt die Neugier des Mose hervor. Und er sagt: Ich will da mal hingehen und mir diese merkwürdige Sache näher angucken, warum der Dornbusch nicht verbrennt. Ja, das hätte doch jeder von uns gemacht. Da wäre ich auch hingegangen. Und sicher, ich sage mal, jeder andere auch. Das heißt, der Motor, der das Ganze in Bewegung gebracht hat, ist der brennende Dornbusch. Und der hängt mit dem freien Willen überhaupt nicht zusammen. Oder nehmen wir die Berufung des Paulus. Er war ein Gegner der Christen,
und plötzlich, unvermutet, ungeplant begegnet ihm der Auferstandene. Große Lichterscheinungen, er fällt um, ist teilweise besinnungslos. Also starke Gefühle. Wo ist denn hier der freie Wille? Nein, da ist Christus, der Anfänger und Vollender. Ja, ihr Lieben, ich will ein paar Schlussgedanken sagen. Natürlich, wenn wir so die Ehre Gottes leuchten lassen, aller Ruhm Gott und dass sich niemand von uns rühme, dass sich niemand von uns auf seine gute Bekehrung was einbildet, dann stellt sich tatsächlich eine neue schwere Frage: Warum macht Gott nicht allen Menschen dieses unverdiente Geschenk? Warum nur einer bestimmten Zahl von Menschen? Ja, diese Frage stellt sich tatsächlich, die muss kommen, die steht jetzt auf
dem Plan. Und viele Christen sagen: Ja, das kann man ja dann gar nicht mehr erklären, warum Gott nur einem Teil der Menschheit so ein Geschenk macht und den anderen nicht. Deswegen muss es doch an mir liegen und nicht an Gott. Also liegt es an mir, dass ich mich bekehrt habe, und es liegt entsprechend an den anderen, die sich nicht bekehrt haben. Also das heißt, man flüchtet sich dann wieder in dieses tragisch vereinfachte Modell, das uns in eine strukturelle Arroganz zwingt. Ja, was machen wir mit der Frage? Das müssen wir uns jetzt gut überlegen. Diese Frage kommt tatsächlich. Und wir dürfen ja nicht so handeln, dass wir sagen: Weil wir auf diese Frage keine Antwort haben, kann auch die Bekehrung nicht nur ein unverdientes Geschenk sein, sondern das muss schon auch mit meinem
freien Willen zusammenhängen. Also weil man auf diese Frage keine Antwort weiß, beantwortet man auch jetzt die erste Frage grundlegend falsch. Nein, das dürfen wir nicht tun, sondern das müssen wir in aller Freude und Gelassenheit Gott überlassen. Gott liebt alle Menschen gleich. Er liebt seine Feinde, das wissen wir. Niemand muss sich da Sorgen machen. Ich will mal sagen, was ich dazu denke. Ich denke, die meisten Menschen, die nicht als Christen sterben, haben sich ja nicht bewusst gegen den biblischen Gott entschieden, sondern sie wussten gar nicht, gibt es einen Gott oder nicht oder gibt es einen Unbekannten, gibt es eine höhere Macht oder so. Also die meisten derer, die nicht als gläubige Christen sterben, haben sich nicht bewusst gegen Gott entschieden. Und deswegen können wir guter
Hoffnung sein, dass auch nach dem Tod Gottes Liebe gilt, eine große, gewinnende, nicht zwingende - gewinnen ist nicht zwingen, sondern dass Gottes Güte dich bewegt. Wir sind Bewegte, nicht Gezwungene. Ja, also ich gehe davon aus, dass meine muslimischen Freunde und Freundinnen, deren tiefen Glauben ich seit Jahren kenne, und auch alle anderen Atheisten, Agnostiker, dass alle Menschen nach dem Tod erst mal Gott begegnen werden. Es geht nicht gleich zum Weltgericht, du links, du rechts, sondern erst wird man überhaupt Gott mal begegnen. Das muss ja ein Wahnsinnsereignis sein. Also dieser Satz von Jesus: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich", diesen Satz halte
ich für hundertprozentig wahr, es wird auch niemand an Jesus vorbei zum Vater kommen. Aber der Auferstandene wird sie gewinnen. Es heißt ja im Glaubensbekenntnis: "Hinabgestiegen in das Reich der Toten." Das ist ja nicht ein kleiner touristischer Ausflug, sondern eine heilsentscheidende Begegnung. Jesus wird allen Toten begegnen. Und die Liebe Gottes, der traue ich eine große, gewinnende Kraft zu. Und deswegen, ihr Lieben, macht euch darüber keine Sorgen. Es gibt andere Dinge. Tragt lieber Sorge dafür, dass ihr aus diesem Ich-bin-Christentum herausfindet. Man kann ja auch sagen: "Gott ist in mein Leben getreten" oder "Gott hat mich gewonnen" oder "Gott hat mir zum Glauben verholfen" oder "Gott hat mich gerufen".
Aber wenn man mit ganz säkularen Menschen spricht, da könnte das auch sehr arrogant klingen, oh, dem ist gleich Gott ins Leben getreten, warum tritt er denn mir nicht ins Leben? Also diese Vorschläge, Gott ist in mein Leben getreten, Gott hat mich gewonnen, Gott hat mir zum Glauben verholfen, das sage ich nur dem Ich-habe-mich-Christentum, das ist besser als "Ich habe mich bekehrt". Aber bei säkularen Menschen, da muss man auch nochmal ganz anders reden. Ich würde vielleicht sagen: "Weißt du, so als ich ungefähr 19 war, da habe ich ein paar Dinge erlebt, die haben mich stark verändert. Ich habe damit gar nicht gerechnet, ich hatte das gar nicht auf meinem Schirm, aber das hat mich nachhaltig verändert." Man kann das ja auf tausenderlei Weise sagen. Ich will noch einen anderen Gesichtspunkt erwähnen. Wovon hängt es eigentlich ab, dass ich Christ werde? In Deutschland
gibt es ja auch Leute, die Buddhisten werden, die sich dem buddhistischen Glauben zuwenden. Dass ich Agnostiker werde oder dass ich Atheist werde oder dass ich gläubiger Christ werde - wovon hängt das eigentlich ab? Nicht von dir, es hängt nicht von dir ab, sondern wovon hängt es ab? Es hängt davon ab, welche tiefsten Erlebnisse und Erfahrungen du machst, was dir im Leben begegnet, was dich am tiefsten anspricht. Dem neigst du zu. Es begegnet dir ein Mensch, es begegnet dir eine Menschengruppe, es begegnet dir ein Schicksalsschlag, es begegnet dir ein Buch und hat so eine tiefe Wirkung - und dementsprechend
wirst du dich dieser Weltanschauung zuwenden. Also wir haben das gar nicht in unserer Hand, es steht nicht zu unserer Verfügung. Dass ich jetzt hier stehen kann und zu euch reden kann, das liegt nicht an mir, sondern an Gott. Aber er hat mich nicht gezwungen, sondern ich habe freudig zu ihm ja gesagt. Aber ich weiß, dass auch diese Freude ich selber nicht machen kann. Ich würde überhaupt den Machern sagen: Es ist schon gut, wenn wir einen starken Willen haben, starke Entschlusskraft, aber ich will mal Folgendes mit ins Blickfeld rücken: Vieles im Leben ist festgelegt, ohne dass wir den geringsten Einfluss haben. Zum Beispiel: In welchem Jahr und Jahrhundert bist du geboren worden? Da hast du ja gar keinen Einfluss drauf. In welcher Kultur, in welcher Religion? Wer sind deine Eltern? Kannst du auch nicht raussuchen. Wer sind deine
Geschwister? Bist du als Mann geboren worden oder als Frau? Diese Punkte legen wahnsinnig viel fest, mehr, als du in deiner Entschlusskraft beeinflussen kannst. Die wünsche ich dir, ich hoffe, dass ich sie auch habe. Wir können viel tun und bewegen, aber viel mehr, als wir aktiv steuern können, sind wir passiv bereits festgelegt. Stell dir mal vor, du wärst im 17. Jahrhundert in Saudi-Arabien geboren, deine Eltern sind engagierte Muslime und du bist nicht als Frau geboren, sondern als Mann oder umgekehrt. Dann wäre dein Leben ja vollkommen anders. Alle diese Gesichtspunkte, warum sind die mir so wichtig? Mir ist einmal ganz wichtig, dass wir Christenmenschen
wurzeltief bescheiden sind, solidarisch mit allen Menschen dieser Welt, mit einem starken Verbundenheitsgefühl. Dass wir nicht sagen "die Gottlosen", die "Ungläubigen". Wir könnten doch auch sagen: Auch sie sind Gottes geliebte Geschöpfe, auch sie sind Gottes Ebenbilder. Also es geht mir darum, dass die Christen in ihrer Bescheidenheit sehr lernfähig werden und sich anderen Menschen aus ihrer Bescheidenheit anders zuwenden können. Und es geht um die Ehre Gottes. Denn in allen diesen Stellen heißt es immer, "dass sich keiner rühme", sondern es geht um Gottes Ehre. Also ihr
lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, ich möchte euch nicht ärgern oder etwas nehmen, sondern meine Hoffnung und mein Gebet ist, dass das ein neuer Horizont ist, eine neue Weite und Freiheit, die aber nicht ausgenutzt wird, sondern die im Heiligen Geist aktiv wird. Lasst euch doch beschenken! Denn all die Christen, die ich kenne, die aus dem Ich-habe-mich ausgestiegen sind und jetzt sagen: "Gott hat mich gewonnen", bereuen das nicht. Niemand von denen will wieder zurück in die alte Enge und in die strukturelle Arroganz, sondern es ist viel schöner. Der Glaube wird schöner, der Glaube wird tiefer und das Verbundenheitsgefühl mit den Geschöpfen Gottes wird viel tiefer. Gott segne
euch.
Der Glaube und der freie Wille des Menschen | 11.17.1
Wovon hängt es ab, ob jemand Christ wird? Ist der Glaube an Gott, Jesus und das Evangelium eine freie Entscheidung?
Unter Freiheit versteht jeder etwas anderes. Ob es nun die Freiheit ist, im Supermarkt keine Maske zu tragen, oder die Freiheit, auf dem Roten Platz gegen den Krieg in der Ukraine zu protestieren – die meisten Menschen sind sich darin einig, dass sie zumindest frei darin sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Mit allen Konsequenzen. Die meisten Menschen sind also überzeugt davon, einen freien Willen zu haben. Von diesem Willen hängt für sie auch ab, ob sie an Gott glauben oder nicht. Und gerade gläubige Christen schmücken sich gern damit, sich völlig frei und bewusst für ihren Glauben entschieden zu haben.
Siegfried Zimmer bezweifelt nicht, dass der Mensch einen freien Willen hat. Wenn es aber darum geht, ob in einem Menschen Glauben entsteht oder nicht, dann hält er – mit Martin Luther – die schnelle Rede vom freien Willen für sehr oberflächlich und auch für irreführend. Er belegt das an zahlreichen biblischen Aussagen. Es geht ihm in diesem Vortrag darum, dass die Rede von »meinem Glauben« bescheidener wird und biblisch tiefer gegründet ist.