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Ja, machen wir uns die Ausgangsposition gerade noch einmal kurz bewusst, führen wir sie uns vor Augen. Jesus ist verhaftet worden, wie wir heute Morgen schon gehört haben, ist in diese Geschichte der Verhaftung Jesu, des Verhörs Jesu eingeflochten, wie der Paradejünger schlechthin, sozusagen der Sprecher der zwölf, nämlich Simon, genannt Petrus, einer auf den man sich hundertprozentig verlassen kann. Ja, der Fels, wie der doch in dieser Situation ein relativ schwaches Bild abgibt, also er sagt, er kennt diesen Jesus noch nicht einmal.

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Ich glaube nicht, dass es jetzt hier darum geht, ein Urteil über Petrus zu fällen, sondern wir können uns diese Situation durchaus gut vorstellen. Also derjenige, mit dem ich die ganze Zeit hier zusammen war, sagen wir jetzt auch mal in nicht religiösen Worten ein guter Freund, ist verhaftet worden. Ich habe natürlich schon Angst, dass es mich auch erwischt. Also ich kann mich da sehr gut hineinversetzen und würde jetzt nicht unbedingt so hier frei weg im schönen Hörsaal in Weimar sagen, ja, ich wäre natürlich viel mutiger gewesen, ich hätte bis zuletzt natürlich zu Jesus gestanden und das wäre mit mir ganz anders gelaufen.

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Also Petrus ist hier natürlich auch ein Spiegelbild für uns und er ist als der Sprecher der Jünger natürlich auch der Prototyp der Jünger. Und er ist ja schließlich nicht der einzige, der Jesus nicht bis zum Schluss beisteht. Denn das Markusevangelium erzählt uns ja auch, dass alle Jünger ihn verließen und flohen. Alle fliehen. Ja, sie haben alle Angst. Sie sind in gewisser Weise feige, aber so feige wie Menschen eben sind, wie du und ich auch sind. Sie haben, wir wissen nicht, wie lange Zeit mit Jesus verbracht. Sie sind mit ihm durch Galiläa gezogen, sind mit ihm nach Jerusalem gekommen. Sie haben sicherlich viele Hoffnungen mit seinem Auftreten verknüpft.

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Wir wissen nicht, ob sie jetzt gerade spezielle Hoffnungen damit verknüpft haben, jetzt hier nach Jerusalem zu kommen, ob sie hier auf einen Durchbruch jetzt gehofft haben. Das wissen wir nicht. Aber grundsätzlich haben sie natürlich viele Hoffnungen mit diesem Menschen Jesus verbunden und seiner Botschaft, dass eben diese Königsherrschaft, das Reich Gottes nun im Durchbruch sei und nun diese Verhaftungen. Nicht nur das, sondern der Tod, die Kreuzigung. Da kann es nicht einfach sofort weitergehen. Das ist schlechterdings nicht möglich. Das ist für die Jünger, wie wir sie nennen, ist ja auch ein Wort, Jünger benutzen wir sonst gar nicht, außer heutzutage ironisch. Man kann das Wort auch als Schüler übersetzen, das griechische Wort.

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Jedenfalls die, die jetzt in so enger Gemeinschaft mit ihm gelebt haben, für die ist das doch eine traumatisierende Erfahrung gewesen, dass Jesus jetzt am Kreuz gestorben ist. Und das heißt, das stürzt sie auch in eine Krise. Man kann das vielleicht historische Vergleiche hinken ja immer, aber man kann das vielleicht vergleichen mit der Erfahrung, die das ganze Volk Israel gemacht hat im sechsten Jahrhundert vor Christus, als sie Babylonier, Jerusalem und den Tempel zerstört haben. Das ist eigentlich in der Bibelwissenschaft ganz klar, dass diese Erfahrung für das Volk Israel auch eine traumatisierende Erfahrung gewesen ist. Eine tiefe Krise des Glaubens. Das ist so tief gewesen, dass man in der Theologie spricht von vorexilisch, exilisch, nachexilisch.

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Das ist sozusagen die Epochen-Einteilung schlechthin. Und so sprechen wir hier auch von dem historischen Jesus vor dem Tod und dann dem österlichen bzw. nachösterlichen Jesus. Man kann das schon vergleichen. Das ist hier wirklich ein Wendepunkt in der Jesus-Geschichte und natürlich ein Wendepunkt für die Jünger, für seine Anhänger. Sie fliehen also nur von den Frauen, wird erzählt bei den Synoptikern. Wir lassen hier mal Johannes außen vor. Da können wir vielleicht später im Gespräch noch drauf kommen. Aber es ist eigentlich weitgehendster Konsens, kann man sagen, unter den Theologen, dass diese Szene des Johannesevangeliums, wie der Jünger, den Jesus liebte und Maria von Magdala, wie sie da am Kreuz sind, dass das keine historische Szene ist. Also wir sind ja jetzt hier in gewisser Weise auch nochmal auf der historischen Ebene und fragen, wie entstand der Glaube an die Auferstehung Jesu, wie entstand der Osterglaube.

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Und da können wir uns nur beziehen auf das Markusevangelium als das älteste Evangelium. Und das erzählt uns, dass eben nur einige Frauen von Ferne zugeschaut haben. Die Jünger sind praktisch über alle Berge. Wohin, wissen wir nicht genau. Wenig später sehen wir die gleichen Männer und Frauen, kann man mal sagen, es wird immer mehr von den Männern erzählt. Also sehen wir die gleichen Jünger, wie sie auf einmal mutig in Jerusalem stehen und den auferstandenen Christus verkünden. Und sie sagen, Gott hat es nicht zugelassen, dass dieser Jesus in diesem schändlichen Verbrechertod geblieben ist.

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Er hat ihn auferweckt zum Leben. Wie kommen die dazu? Muss man doch fragen. Wie kommt es zu einer solchen Entwicklung? Naja, jetzt könnte man so ein bisschen unbedarft sagen, klar, wir kennen doch die Geschichte. Es ist so der Ostermorgen in aller Frühe und die Frauen, die kommen, die wollen zum Grab, die gehen ans Grab, finden das Grab leer. Und bekommen dann eben die Nachricht, er ist auferstanden. Und dann zeigt er sich den Frauen, den Jüngern, ja, und dann ist doch klar. Okay, wenn es so klar wäre, könnte ich den Vortrag natürlich jetzt abbrechen an der Stelle. Aber so klar ist es eben nicht. Bevor ich versuche, die Dinge, soweit sie zu klären sind, zu klären, also ich kann Ihnen jetzt schon sagen, so 100%ig sind sie nicht zu klären.

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Bevor wir auf diese Tage im April 30 zum Sprechen kommen, muss ich ein bisschen den Hintergrund beleuchten. Wie war überhaupt das Verständnis von Tod? Wie war überhaupt die Auferstehungshoffnung in der damaligen Zeit und vor dem Hintergrund des Alten Testaments, der Heiligen Schrift Jesu und der Juden, der Jünger in dieser Zeit? Wir haben schon gehört, Jesus teilte grundsätzlich den Glauben an die Auferweckung mit den Pharisäern. Das heißt aber umgedreht, nicht alle Juden hatten diesen Glauben, zum Beispiel die Sadduzeer glaubten nicht an die Auferstehung.

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Warum nicht? Ich meine, man könnte ja sagen, das ist ja doch ziemlich zentral. Die Sadduzeer haben sich ganz stark in ihrer religiösen Perspektive auf die Thora im engeren Sinne bezogen, also auf die fünf Bücher Mose. Und in den fünf Büchern Mose gibt es nun keine Botschaft der Auferweckung, der Auferstehung. Es gibt keinen Auferstehungsglauben in der Thora. Und religionsgeschichtlich gesehen ist der Auferstehungsglaube auch eine relativ junge Entwicklung. Das heißt, im sogenannten alten Israel war dieser Glaube nicht verbreitet.

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Man hat sicherlich geglaubt, dass Gott diese Welt ins Leben gerufen hat, diese Welt erschaffen hat. Das ist auch nicht der Ursprung des israelitischen Glaubens. Das ist das, was wir die Exodus-Erfahrung nennen, eine Befreiungserfahrung. Aber dann ist man doch dazu gekommen, hat gesagt, der, der uns befreit hat, das ist auch der, der die Welt erschaffen hat. Da war man schon der Überzeugung, dieser Gott, der hat schöpferische Kraft. Aber man ging auch davon aus, Gott hat jedem Menschen eine gewisse Lebensspanne, eine gewisse Lebenszeit gegeben, die er natürlich so verbringen kann, dass er sie ausfüllt, dass er ein gutes Leben führt, dass er ein gerechtes Leben führt, dass er ein Leben führt nach Gottes Willen. Und dann kann man am Ende auch sagen, wie es zum Beispiel von Abraham heißt,

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er starb alt und lebenssatt. Lebenssatt ist hier positiv gemeint, nicht, dass er das Leben satt hatte, sondern er hatte ein erfülltes Leben gehabt. Und dann kann man sich auch zum Sterben legen. Das ist halt etwas, was ganz normal ist. Jeder Mensch hat eine bestimmte Zeitspanne für sein Leben. Und was passiert danach? Ja, das bleibt so ein bisschen im Nebulösen. Also der Körper des Menschen verfällt natürlich. Also das sagen uns schon die ersten Seiten der Bibel, der Mensch ist aus Erde gemacht und zur Erde kehrt er zurück. Ashes to ashes, dust to dust. Ganz klar. Gibt es sonst noch was?

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Ja, das Leben einer oder der Glaube einer unsterblichen Seele war in dieser Weise in Israel nicht vorhanden. Also man hatte, wenn Sie so wollen, mit einem modernen Wort ausgedrückt, ein ganzheitliches Menschenbild. Aber trotzdem gab es irgendwie so eine Vorstellung, die Toten würden eine Art Schatten-Existenz fristen in der Sheol. Also so was ähnliches wie die griechische Hades, eine Art Unterwelt. Ja, was kann ich mir unter einer Schatten-Existenz vorstellen, habe ich mich gefragt. Weil eigentlich sind sie ja tot, aber dann so eine Schatten-Existenz, ich habe mir gedacht, wahrscheinlich so ähnlich wie wenn bei mir um sechs Uhr morgens der Wecker klingelt. Man ist dann doch nicht ganz lebendig. Also jetzt ernsthaft, die Israeliten denken da nicht weiter darüber nach.

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Es gab so im Volksglauben die Anschauung, man könnte irgendwie mit diesen Toten Geistern Kontakt aufnehmen. Ja, da gab es so mantrische, so zauberartige Praktiken. Das wird aber eigentlich verdammt im Alten Testament. Ja, und vom König Saul heißt es mal, dass er eine Totenbeschwörerin besucht hat. Aber eigentlich ist das tabu und man geht auch davon aus, nur die Lebenden loben Gott, die Toten nicht. Ja, also die Toten haben auch keine Beziehungen mehr zu Gott. Dass Gott ein Gott der Lebenden ist, heißt ursprünglich auch, er ist nicht der Gott der Toten. Das war sicherlich die längste Zeit in Israel, die Überzeugung.

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Und jetzt kann man fragen, warum entwickelte sich dann doch der Glaube an die Auferstehung? Zunächst einmal, wenn wir auf die Texte des Alten Testaments schauen, werden wir nicht in vielen Texten hier fündig, muss man von vornherein sagen. Aber das erste, was wir haben, sind so ein paar Texte, die metaphorisch von Auferstehung sprechen. Naja, jetzt kann man sagen, die Rede von Auferstehung ist ja sowieso metaphorisch. Ja, also das Wort Auferstehung ist ja eine Metapher, die einen Vergleich nimmt zum Schlafen. Also ich habe eben geschlafen und danach stehe ich wieder auf. Und dass der Tod sowas ist wie der Schlaf, wir sagen heute noch ewige Ruhe oder ähnliches, das ist auch recht geläufig.

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Also es ist nicht mehr als eine Metapher, dass man sagt Auferstehung. Genauso umgedreht bei Auferweckung. Also der schläft halt und jetzt wird er geweckt. Also ist ja auch eine Metapher. Aber zunächst einmal wird diese Metapher benutzt, nicht um den Glauben an die Auferstehung des Einzelnen zu artikulieren, sondern die Auferstehung des Volkes. Kollektiv. Das meint nicht eine kollektive Auferstehung der Toten, sondern eines Volkes, das wie Tod ist. Beispielsweise im Buch Ezechiel, im 37. Kapitel. Da heißt es, so spricht Gott der Herr. Seht, ich öffne eure Gräber und ich lasse euch, mein Volk, aus euren Gräbern steigen und bringe euch auf Israels Boden.

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Und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern steigen lasse. Und ich werde meinen Geist in euch legen und ihr werdet leben und ich werde euch auf euren Boden bringen und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich werde es tun, sprucht des Herrn. Ich werde euch aus euren Gräbern holen und auf euren Boden bringen. Das ist die Botschaft eben an das Volk, das im Exil ist. Die Auferstehung ist sozusagen die Rückführung nach Israel ins geheiligte Land. Das ist sozusagen der Ursprung der Auferstehungsmetaphorik, die wir hier haben, ähnlich im Buch Hosea, schon vor dem Exil, nicht ganz so deutlich.

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Aber da ist es auch so, dass es um das Volk Israel geht und da heißt es, und das ist eine relativ berühmte Stelle, nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf. Und wir hatten ja heute Morgen hier in unserer Diskussion schon den Bezug auf den dritten Tag. Also der dritte Tag ist sowas wie eine, auch wiederum eine Metapher für das Eingreifen Gottes, ein Retten aus der Not. Wir dürfen diese Metaphorik jetzt nicht im Sinne einer strengen Chronologie verstehen. Also am dritten Tage bedeutet nicht unbedingt, jetzt warten wir mal zwei Tage und am dritten Tag wird Gott was tun, sondern meint einfach, Gott wird dann tatsächlich eine Wende herbeiführen. Das muss nicht unbedingt jetzt kalendarisch gesehen am dritten Tag sein.

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Das wirkt natürlich noch nach bis hin zu den Auferstehungstexten im Neuen Testament, darauf kommen wir später nochmal zurück. Ja, also anfangs auf das Volk bezogen. Wir haben dann die Entwicklung esiatologischer Erwartungen und das ist zunächst einmal durchaus auch noch kollektiv. Beispielsweise in der sogenannten Jesaja-Apokalypse. So nennt man einen bestimmten Textbestand im Buch Jesaja. Dieses Buch ist sehr umfangreich, dieses Prophetenbuch und keineswegs aus einem Guss, sondern hier ist über ganz viele Jahre und Zeiten hinweg daran gearbeitet worden. Und diese Jesaja-Apokalypse ist sicherlich einer der spätesten Texte aus dem Buch Jesaja.

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Und hier gibt es diese Vision der Wallfahrt zum Zion und zum heiligen Berg in Jerusalem. Und da heißt es, der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten erlesenen Weinen. Also das wird zweimal gesagt, das muss richtig gut sein. Allerdings dürfte auch eng werden. Gut, er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt und die Decke, die alle Völker bedeckt. Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht. Das ist natürlich eine wirklich schöne Botschaft. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht.

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Und hier können wir auch schon erkennen, was so der Ursprung ist der Entwicklung des Auferstehungsglaubens. Er ist nämlich eng verzahnt mit dem Glauben daran, dass eben Gott Gerechtigkeit herstellen wird. Wir haben im Alten Testament sehr weit verbreitet, übrigens auch noch teilweise im Neuen Testament, eine Anschauung, die nennen wir den tun-ergehen-Zusammenhang. Also wer Gutes tut, dem wird es am Ende auch gut ergehen. Und wer Böses tut, auf den wird das Böse auch zurückfallen. Es ist ein Tat-Folge-Denken. Und im Buch Hierob wird das ja zum Beispiel sehr stark in Frage gestellt.

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Und ja, diese Frage ist ja auch eine, die einen umtreiben kann. Denn nach der allgemeinen Beobachtung der Welt ist es eben keineswegs so, dass immer und überall es den Guten gut ergeht und den Schlechten schlecht ergeht. Sollte das wirklich das letzte Wort sein, dass die, wie es im Alten Testament oft heißt, die Frevler, die Gottlosen, wir müssten das eigentlich übersetzen mit die Ungerechten, darum geht es nämlich, dass die, die ihre Macht missbrauchen, die auf Kosten anderer leben, dass die am Ende triumphieren werden und sagen, ja, wir haben es richtig gemacht, uns ging es gut. Das kann doch nicht sein. Und es ist ganz offensichtlich, dass Gott ja nicht immer hier für ein gutes Ende sorgt. Und daraus entstanden ist die Erwartung, dass Gott wenigstens den Gerechten ein gutes Ende verschafft.

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Also der Gerechten wird sich Gott annehmen. So die Überzeugung, die langsam hier wächst und die wir besonders stark haben in Texten der zwischentestamentlichen Zeit, also zwischen der Zeit, wo die letzten Texte des Alten Testaments entstanden sind und den Texten des Neuen Testaments. Jetzt müssen wir aber genau sagen, ja, das Alte Testament ist ja von seinem Umfang her nicht hundertprozentig genau definiert. Also wir haben zum Beispiel Unterschiede zwischen dem evangelischen und dem katholischen Alten Testament, was den Umfang angeht. Das wissen gar nicht alle Christen, dass zwar im Neuen Testament das genau identisch ist, aber im Alten Testament ist das nicht genau identisch.

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Also das katholische Alte Testament ist etwas umfangreicher. Und das hat damit zu tun, dass das katholische Alte Testament sich bezieht auf die Bibel der ersten Christen, auf die Septuaginta, so nennen wir sie, auf die griechische Bibelübersetzung der alten Schriften. Und in diese Septuaginta sind dann auch Schriften aufgenommen worden, die wir überhaupt nicht auf hebräisch haben, also die von vornherein auf griechisch verfasst sind. Spätschriften aus einer Zeit, in der der Hellenismus sich so stark verbreitet hatte, dass auch Juden eben angefangen haben, auf griechisch zu schreiben. Sie lebten ja auch vielfach gar nicht mehr in Palästina, sondern beispielsweise in Ägypten, in Alexandrien oder wo auch immer. Und sie sprachen griechisch. Sonst wäre ja auch gar nicht diese griechische Bibelübersetzung nötig gewesen. Also hat man angefangen, auch griechische Texte zu schreiben. Und später hat allerdings das Judentum entschieden, als es dann endgültig festgelegt hat, was ist unsere heilige Schrift?

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Wir nehmen nur die hebräischen Schriften. Also nur die hebräischen Schriften bilden unsere Bibel, eben die hebräische Bibel. Und Martin Luther hat sich in seiner Übersetzung dann eben diesem Urteil angeschlossen und eben auch nur die hebräischen Schriften sozusagen ins Alte Testament aufgenommen. Hat aber über die sogenannten Apokryphen ein leicht missverständliches Wort, weil verborgen sind diese Schriften keineswegs gewesen. Die Übersetzung von Apokryp hat aber über die Apokryp durchaus gesagt, dass sie ganz nützlich zu lesen seien. Na ja, gut. Mir geht es jetzt gar nicht darum zu sagen, ja, wir müssen sie ins Alte Testament aufnehmen, ja oder nein, sondern diese Schriften sind zum Teil sehr wertvoll für das Verständnis der frühjüdischen Kultur und Religionsgeschichte

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und damit auch für Entwicklungen im Neuen Testament. Und ich möchte hier mal Bezug nehmen heute und auch morgen, also jetzt nur unter einem bestimmten Aspekt, ich komme morgen nochmal darauf zurück, wenn wir über die Bedeutung des Todes Jesu sprechen, auf das Buch Weisheit. Das Buch Weisheit ist ein Buch, das wirklich spät entstanden ist, also höchstwahrscheinlich sogar erst im ersten Jahrhundert vor Christus. Und wir rücken damit natürlich ganz nahe an die Zeit Jesu und die Zeit der Entstehung des christlichen Glaubens heran. Also eine Vorstellungswelt, von der wir annehmen müssen, dass auch wenigstens doch durchaus viele Menschen zurzeit Jesu davon geprägt gewesen sind.

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Und im Buch der Weisheit haben wir nun ganz zentral ein Motiv, was wir auch sonst in Texten der hebräischen Bibel schon haben, auch im Buch Jesaja, aber auch ganz zentral in Epsalmen, nämlich das Motiv des Leidenden Gerechten. Da komme ich wie gesagt morgen nochmal drauf zu sprechen. Wenn wir aber jetzt fragen, wie ist der Glaube an ein nachtotliches Leben bei Gott entstanden, spielt das durchaus hier eine gewisse Rolle. Denn die Gottlosen, die Ungerechten springen hier ziemlich wild mit dem Gerechten um. Er hat viel zu leiden. Er soll zu einem ehrlosen Tod verurteilt werden, heißt es.

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Und dann geht es weiter in Kapitel drei des Buches Weisheit. Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, ist eigentlich auch ein sehr schönes Bild, wie ich finde, und keine Qual kann sie berühren. In den Augen der Toren sind sie gestorben. Ihr Heimgang gilt als Unglück. Ihr Scheiden von uns als Vernichtung. Sie aber sind in Frieden. Das ist die Auferstehungs-Hoffnung. Sie wird hier nicht mit dem Wort Auferstehung bezeichnet, aber es ist eigentlich sachlich durchaus ähnlich. Man kann jetzt natürlich sagen, hier ist von den Seelen die Rede, nicht von leiblicher Auferstehung. Da müssen wir natürlich nochmal besonders drauf zu sprechen kommen. Aber es geht hier jetzt zunächst einmal überhaupt darum, dass gesagt wird, ja, die haben ihn zwar zu Tode gebracht und die sagen,

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wir haben unser Werk vollendet, dieser Mensch ist vernichtet, aber letztendlich, er ist in Gottes Hand und er ist im Frieden mit Gott. Und so heißt es zum Beispiel dann auch in Kapitel vier. Der Gerechte aber kommt auf sein Ende früh, geht in Gottes Ruhe ein. Oder dann nochmal im fünften Kapitel. Moment. So, im fünften Kapitel, das haben sie jetzt nicht mehr auf ihrem Textauszug, heißt es, die Gerechten aber leben in Ewigkeit. Der Herr belohnt sie, der Höchste sorgt für sie. Und darum werden sie aus der Hand des Herrn das Reich der Herrlichkeit empfangen und die Krone der Schönheit. Ja, das ist natürlich eine Hoffnungsbotschaft, die hier verbreitet wird. Und wie wir sehen werden, morgen ist auch das Schicksal Jesu sehr stark identifiziert worden mit dem Schicksal eines solchen leidenden Gerechten.

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Das ist glaube ich hier ein Wecker. Er ist aber nicht meiner, nicht das Sie denken. Aber an der rechten Seite. Ja, aber an der rechten Seite. Aber leider kriege ich es nicht hin. Ich bin irgendwie so ein Technik-Embryo. Wo ist die Wand? Hier. Sorry, können wir nachher rauschen eigentlich? Ja. Naja, so eine Mittagsveranstaltung zum Wecker ist ja manchmal nicht schlecht. Es fängt auch direkt wieder an. Warten wir mal, bis die Musik abgestellt ist.

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Sorry, das war mein Wecker. Also der Auferstehungsglaube, der Glaube daran, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird, entwickelt sich also an der Frage des Schicksals der Gerechten. Kann Gott es wirklich zulassen, dass gerade die, die nach seinem Willen gelebt haben, am Ende einfach von den Gottlosen zu Tode gebracht werden und dann ist aus die Maus? Ein Buch, das im zweiten Jahrhundert vor Christus wahrscheinlich entstanden ist, ist das zweite Maccabea-Buch. Gehört auch zu diesen sogenannten Apokryphen. Und hier geht es um die Widerstandsbewegung, kann man sagen, der Juden gegen die Seeläukiden im zweiten Jahrhundert.

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Die Seeläukiden, das war eine hellenistische Macht, also ein Diadochenreich von Alexander dem Großen. Und unter dem König Antiochos wurde eine ganz schlimme, aus jüdischer Perspektive ganz schlimme Hellenisierungspolitik betrieben. Und der König Antiochos, der hat versucht, jüdischen Glauben, jüdische Sitten, jüdische Gebräuche so weit wie möglich auszurotten, kann man sagen. So wurde es wenigstens von den Juden aufgefasst. Und da gibt es im Sittenkapitel eine Märtyrergeschichte. Da kommt der König auf die Idee, eine Mutter, die sieben Söhne hat, also diese sieben Brüder und ihre Mutter zu zwingen,

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entgegen dem göttlichen Gesetz, also dem jüdischen Gesetz, Schweinefleisch zu essen. Und die weigern sich. Also das ist so ein bisschen so wie später in römischer Zeit, als so im dritten Jahrhundert Christen gezwungen werden sollen, dem römischen Kaiser und den Göttern Opfer zu bringen und sie weigern sich. So, jetzt könnte man ja sagen, ja, das ist ja nochmal was anders. Aber es geht hier natürlich nicht im Erstsehens ums Schweinefleisch, sondern es geht ja um symbolischen Akt. Also das heißt, die Thora ist uns heilig und wir verstoßen nicht, nur weil ein König, ein ausländischer, ein fremder König, der hier unser Land besetzt hat, uns dazu zwingen will, verstoßen wir nicht gegen die Thora. Also sie weigern sich. Und ich werde das jetzt nicht im Einzelnen hier schildern, weil es ist sehr unappetitlich.

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Wie nämlich der König nacheinander die Brüder foltern lässt. Einen nach dem anderen und dann schließlich zu Tode bringt. Jeder bekommt die Chance, will es nicht doch Schweinefleisch essen? Und wenn nein, dann wird er erst gefoltert und kommt dann zu Tode. Und so geschieht es eben auch der Reihe nach. Und dann heißt es hier über einen der Brüder, er spricht dann zum König, du Unmensch, du nimmst uns dieses Leben, aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind. Und so heißt es an anderen Stellen nochmal ähnlich, als andere Brüder wiederholen dieses Zeugnis.

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Und es wird dann auch entsprechend negativ gesagt, für dich aber, König Antiochos, für dich aber gibt es keine Auferstehung zum Leben. Hier sehen wir die Erwartung, dass eben zunächst einmal Gott die Gerechten zum Leben erwecken wird. Der Ungerechte, der wird höchstens zum Strafgericht nochmal geführt, aber nicht zum Leben. Schließlich haben wir als ein echtes Zeugnis für den Glauben, eine Auferstehung im Alten Testament, einen Text aus dem Buch Daniel, der kommt aus der gleichen Zeit im Prinzip wie das Maccabea-Buch und reflektiert auch die Erfahrungen der Juden unter diesen König Antiochos.

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Und da heißt es in Daniel 12, Vers 2, und viele von denen, die im Erdenstaub schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigen Leben und die anderen zu Schmach, zu ewigem Abscheu. Also hier haben wir dann die Erwartung, es gibt für alle eine Art Auferstehung, aber nur für die einen zum Guten, für die anderen eben zum Schlechten. Ja, das ist die Situation, in der wir uns jetzt hier befinden. Die Ausbildung dieses Auferstehungsglaubens seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus, kann man sagen, wird hier tragfähig im Judentum. Und das heißt, die frühen Jünger Jesu konnten also durchaus an diese Erwartung anknüpfen, dass es eine Auferstehung vom Tode geben wird für die Gerechten.

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Andererseits aber muss man sagen, in Jesu Verkündigung spielte der Auferstehungsglaube eigentlich keine Rolle. Also nicht, dass er ihn bestritten hätte. Es gibt das Streitgespräch mit den Saluzäern über den Auferstehungsglauben, aber zentraler Gegenstand seiner Botschaft war es nicht. Ja, das war ja das ankommende, reinbrechende Reich Gottes, nicht irgendwie ein Schicksal, was uns nach dem Tod erwartet. Also von daher können wir nicht einfach sagen, Jesus hat es ja gewusst. Jesus glaubte an die Auferstehung und zumal hat er ja das Bewusstsein gehabt, er sei der Sohn Gottes und deswegen könnte ihm eh nichts passieren. Und deswegen war er natürlich gewiss, dass er auferweckt werden wird.

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Und dann war ja alles halb so schlimm. Nein, es war nicht alles halb so schlimm. Es war alles ganz schlimm. Also Jesus ist einen echten Tod gestorben und er hat auch echt Todesangst gehabt. Und das wird ja literarisch auch noch reflektiert. Ja, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Und die Jünger haben auch alle Angst gehabt und sie sind auch echt verzweifelt gewesen. Die haben nicht gesagt, naja, jetzt ist er gestorben, aber jetzt warten wir mal zwei Tage, dann ist es ja schon wieder okay. Also dann ist ja die Auferweckung, es ist Karfreitag, jetzt haben wir mal gerade schwarzen Anzug an und übermorgen, da feiern wir wieder. Nein, dass Jesus tatsächlich dann vom Tode auferweckt worden sei, das war für die Jünger auch eine echte Überraschung. Also das war jetzt nicht so, dass das praktisch schon vorprogrammiert gewesen wäre.

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So, wie kommt es jetzt also im April des Jahres 30 dazu, dass die Jünger an diese Auferweckung Jesu glauben? In meiner Kindheit wurde in der Osterzeit gerne ein Lied angestimmt in der Kirche. Das hieß, das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden, da sieht man seiner Gottheitmacht, sie macht den Tod zu Schande. Ein Lied, was heute noch gerne von traditionellen Katholiken gesungen wird. Ein relativ problematisches Bild, wie ich finde. Der Held ist erwacht, da kommt eigentlich ein bisschen griechische Mythologie herein.

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Es ist seine Macht, die sozusagen das Grab sprengt. Da kommen mir auch gewisse Bilder aus der Geschichte der christlichen Kunst vor Augen. Da hat man das auch sehr gerne, da wurde dann gemalt, wie Jesus hier aus dem Grab auffährt. Meistens dargestellt, wie die Wächter des Grabes dann so dahin porzeln. Die Wächter des Grabes kommen zum Beispiel überhaupt nur in einem Evangelium vor, das ist ein Matthäus-Evangelium. Alle anderen Evangelien wissen gar nichts von Wächtern des Grabes. Aber es macht sich natürlich dramatisch viel besser, wenn da noch so ein paar Wächter rumporzeln. Also da wird das hinweggesprengt und Jesus fährt so raus aus dem Grab oder steigt über diese Wächter hinweg, klettert über die, gibt da die verschiedensten Bilder in der christlichen Kunst.

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Bei Matthäus ist es übrigens nicht so. Der uns ja von den Wächtern erzählt, dass die Wächter dahin porzeln, als Jesus aufersteht. Sondern sie porzeln dahin, als der Engel des Herrn vom Himmel herabkommt, um die Botschaft der Auferstehung zu verkündigen. Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen dem, was später die christliche Tradition daraus gemacht hat und was der Bibeltext uns sagt. Denn es gibt keinen einzigen Bibeltext, der uns die Auferstehung Jesu beschreibt. Den gibt es nicht. Da ist die Bibel ganz zurückhaltend und hat damit, finde ich, eine höhere Qualität als eben spätere christliche Kunst,

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die aber auch keine Rückhaltung kannte, zum Beispiel beim Malen der Trinität oder ähnliches. Da gibt es ja auch die, je nach Wahrheit, schönsten oder abstrusesten Bilder. Gut. Ostern, das leere Graf. Das ist eine sehr umstrittene Geschichte. Vor einigen Jahren hat ein Theologe, Neutestamentler aus Göttingen, dafür einiges aufsehen gesorgt, Gerd Lüdemann. Er sagt, das Markusevangelium selber zeigt uns ja eigentlich, dass diese Botschaft des leeren Grabes eigentlich die meiste Zeit unbekannt gewesen ist. Man muss nur mal darauf gucken, wie das Markusevangelium endet.

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Dann wird man es nämlich sehen, nämlich die Frauen gehen weg vom Grab und es heißt, sie aber erzählten niemand davon. Das heißt also, bis Markus es eben erzählt hat, wusste es niemand, so argumentiert Gerd Lüdemann. Und er bleibt allerdings nicht dabei stehen, dass eben der historische Wert dieses Textes vom leeren Grab gleich Null wäre, sondern er zieht auch noch weitergehende Schlussfolgerungen. Ich zitiere, dem gegenüber war Jesu Grab voll und sein Leichnam verweste, soweit er nicht überhaupt von Geiern und Schakalen direkt vom Kreuzesbalken weggefressen wurde. Historische Forschung zeigt demnach mit großer Wahrscheinlichkeit, Jesus wurde gar nicht von den Toten auferweckt, obwohl der frühchristliche Glaube dies bekennt und die Kirche darauf gebaut ist.

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2000 Jahre lang übte der Glaube an die Auferstehung Jesu eine ungeheure Wirkung aus. Wegen seiner völligen Grundlosigkeit entlarvt er sich jetzt als welthistorischer Humbug. Nehmen wir historisches Wissen und uns selbst ernst, so folgt daraus, wir können keine Christen mehr sein, selbst wenn wir es wollten, denn Jesus ist nicht von den Toten auferstanden. Wir sind keine Christen mehr. Wer es trotzdem von sich behauptet, täuscht sich selbst. Das ist gut, dass Herr Lüdemann uns alle so gut erkennt. Und Sie sehen hier auch wieder eine gewisse Unbescheidenheit. Also Herr Lüdemann erklärt uns die Welt und er spricht nicht nur von sich. Das muss man akzeptieren, wenn jemand von sich selber sagt, ich kann daran nicht mehr glauben und ich kann auch nicht mehr Christ sein, so ist das völlig zu akzeptieren.

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Aber wenn man das sozusagen amtlich, wie so Ex-Cathedra, fast mit unfehlbarer Autorität jetzt hier verkündet, ja wir können alle keine Christen mehr sein, es ist alles Humbug und wer es selber noch glaubt, der belügt sich halt selber, dann finde ich das schon ein relativ starkes Stück, muss ich sagen. Gut, jetzt könnte man fragen, hat er aber nicht wenigstens in Teilen recht? Könnte man fragen und es ist ja auch nicht von vornherein ausgeschlossen. Wir müssen uns nämlich hüten zu sagen, nur weil einer dann zu weitreichende Schlussfolgerungen zieht, ist alles was er sagt verkehrt. Das ist nicht unbedingt gesagt. Also schauen wir uns mal den Text des Markusevangeliums über das Auffinden des leeren Grabes an.

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Das ist in 16. Kapitel des Markusevangeliums, das sind die Verse 1 bis 8 und das ist gleichzeitig höchstwahrscheinlich auch der Schluss des Markusevangeliums. Denn ganz sicher ist, also sagen wir zu 99,9%, also man müsste eigentlich noch mehr drauf geben, also das ist eigentlich sicher, dass der Schluss, den wir jetzt hier heute in unseren Bibelausgaben stehen haben, die Verse 9 bis 20, nicht zum ursprünglichen Markusevangelium gehörten. Die finden sich nicht in den ältesten und wichtigsten Handschriften, sondern sind später hinzugefügt worden aus Irritationen über das tatsächliche Ende des Markusevangeliums. Also das fand man nicht so toll und hat gesagt, wir basten mal was zusammen aus dem Matthäus- und dem Lukas-Evangelium und machen mal ein schöneres Ende. Ja, das kann man ziemlich deutlich erkennen.

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Was natürlich theoretisch möglich ist, was wir nicht völlig ausschließen können, ist, dass das Markusevangelium nach Vers 8 noch ein anderes Ende ursprünglich hatte, das verloren gegangen ist. Das ist aber reine Spekulation. Also von daher geht man heute meistens davon aus, das Markusevangelium endete mit Vers 8 des 16. Kapitels. Also mit unserer Geschichte vom Auffinden des leeren Grabes. Jetzt schauen wir uns den Text mal an. Als der Schabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sehr früh, am ersten Tag der Woche, kommen sie zum Grab, eben als die Sonne aufging. Und sie sagten zueinander, wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch wie sie hinschauen, sehen sie, dass der Stein weggewälzt ist.

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Er war sehr groß. Und sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem langen weißen Gewand bekleidet war. Da erschraken sie sehr. Er aber sagt zu ihnen, erschreckt nicht. Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden. Er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben. Doch geht, sagt seinen Jüngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich. Wenn man das hört, kann man gut verstehen, dass da noch ein bisschen was angehängt wurde.

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Aber das will ich jetzt gar nicht weiter diskutieren, sondern inwiefern können wir denn jetzt hier etwas Historisches draus ziehen? Ist das etwas Historisches? Ja oder nein? Was spricht dafür, was spricht dagegen? Zunächst einmal, der Text hat so ein paar Auffälligkeiten, die ihn ein bisschen konstruiert erscheinen lassen. Denn erstens, es war völlig unüblich, nachdem ein Leichnam schon zwei Tage im Grab lag, hinzugehen und ihn noch einmal zu salben. Das ist kein jüdischer Ritus. Also warum sollten sie? Zweitens, sie machen sich ganz früh am Morgen auf. Die Sonne geht gerade auf, da sind sie schon auf dem Weg zum Grab.

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Und dann haben sie vorher, bevor die Sonne aufging, schon Salben gekauft. Ja, wo denn? Dann machen sie sich auf den Weg zum Grab, um den Leichnam Jesu zu salben, und erst auf dem Weg überlegen sie, wer heute den Stein wegbringt. Sie meinen, das war realistisch, oder? Das haben sie aber jetzt gesagt. Also, das sind so ein paar Merkwürdigkeiten, die uns doch einen leichten Zweifel machen können, ob das hier so tatsächlich abgelaufen ist. Der Text selber zielt ja, wenn man ihn genau liest, gar nicht aufs leere Grab. Durch das leere Grab passiert auch erstmal nichts, außer dass die Frauen leicht irritiert sind.

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Was passiert? Es kommt darauf an, dass sie eine Botschaft bekommen. Das ist das Zentrum dieses Textes. Sie erhalten eine Botschaft, und die heißt, erschreckt nicht, Jesus sucht ja den Nazarener, den Gekreuzigten, er ist auferweckt worden, er ist nicht hier, er ist auferweckt worden. Das ist der zentrale Satz. Das leere Grab selber sagt ihnen das nicht. Sie müssen es gesagt bekommen. Sie müssen eine Art Aufentbarung erhalten. Das leere Grab kann nämlich alles und nichts bedeuten. Ich meine, wie würde es Ihnen gehen, wenn Sie einen Angehörigen oder einen nahen Freund,

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einen engen Freund, der verstorben ist, da gehen Sie ans Grab und Sie kommen an, und das Grab ist leer. Da denken Sie auch nicht, der ist auferstanden. Das ist nicht die erste Assoziation, die man bekommt, wenn man ein leeres Grab sieht. Ein leeres Grab kann aus den unterschiedlichsten Gründen leer sein. Ein klassischer Vorwurf ist ja, die Jünger selber hätten dafür gesorgt, dass der Leichnam weg ist. Das erzählt uns ja noch das Matthäus-Evangelium. Das haben Sie auch hier in Ihrer Synapse. Im Matthäus-Evangelium heißt es im 28. Kapitel, Abvers 11, während sie weggingen, da trafen einige von der Wache in der Stadt ein und berichteten den hohen Priestern alles, was geschehen war. Und diese versammelten sich mit den Ältesten und fassten einen Beschluss. Sie gaben den Soldaten reichlich Geld und wiesen sie an, zu sagen, seine Jünger seien in der Nacht gekommen

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und hätten ihn gestohlen, während sie schliefen. Das ist die sogenannte Betrugshypothese. Also eine Hypothese, die auch im 19. Jahrhundert von kritischen Geistern, die die Auferstehungsbotschaft infrage gestellt haben, wieder aufgebracht worden ist. Also die Jünger hätten selbst dafür gesorgt, dass das Grab leer ist, den Leichnam einfach umgebettet, irgendwo anders hin. Und dadurch hätten sie eben die Auferstehungsbotschaft verbreiten können. Naja, sagen wir mal so, diese Betrugshypothese finde ich persönlich nicht besonders überzeugend. Denn für einen Betrug, den ich selber angestellt habe, bin ich nicht bereit zu sterben. Also ich setze nicht mein ganzes Leben darauf, dass ich hier irgendwie so einen Trick angewendet habe.

53:08
Also historisch ist natürlich hier wie immer gar nichts auszuschließen, das ist ja klar. Aber ich persönlich finde rein historisch, ich glaube sowieso nicht daran, dass es ein Betrug war, aber auch rein historisch finde ich das nicht besonders glaubwürdig zu sagen, weil die Jünger haben jetzt hier, um sich selber Mut zuzuschaufeln, einen Betrug in Gang gesetzt. Ja, das heißt aber nun nicht, dass wir daraus zwingend ableiten können, dass das Grab nun tatsächlich nicht leer gewesen sei oder doch leer gewesen sei. Also das alles ist ja vom leeren Grab her sehr offen. Also wenn wir nur das leere Grab nehmen, gibt es ja die unterschiedlichsten Hypothesen.

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Neben der Scheintod-Hypothese gibt es zum Beispiel die Scheintod-Hypothese. Also Jesus sei gar nicht wirklich tot gewesen und dann sei er eben mit Hilfe von Joseph von Arimathea oder wem auch immer wieder aufgepäppelt worden, sei er dann noch ein paar Mal erschienen. Und dann zum Beispiel nach Indien gibt es immer wieder so diese Theorie, Jesus in Kashmir oder was weiß ich, um einen Pulli zu kaufen oder so. Also Jesus sei schlicht und ergreifend gar nicht wirklich tot gewesen, deswegen sei das Grab leer. Oder die Verwechslung-Hypothese, also die Frauen seien schlicht und ergreifend zum falschen Grab gegangen, hätten ernsthaft gemeint, das sei das Grab Jesu und des Wahres, aber nicht wirklich.

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Aber es gibt natürlich auch die Möglichkeit des Grabraubes, der Grabschändung, was weiß ich. Also das Grab ist leer, ist zwar möglich, aber es alleine sagt natürlich nichts. Auffällig ist jetzt natürlich, dass die ältesten neustestamentlichen Texte vom leeren Grab ohnehin überhaupt nichts sagen. Die ältesten Texte sind ja bekanntlich die Paulus-Texte. Die Paulusbriefe sind älter als die Evangelien. Man kann jetzt nun wirklich nicht behaupten, die Auferstehung Jesu würde in den Paulusbriefen keine Rolle spielen. Das kann man nicht behaupten. Also es gibt ja kaum etwas, von dem Paulus so häufig spricht, wie von der Bedeutung des auferstandenen Christus.

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Aber kein einziges Mal, kein einziges Mal in den ganzen Paulusbriefen wird das leere Grab erwähnt. Man fragt sich warum. Die nächstliegende Hypothese wäre, da wusste er nichts von. Und wenn er davon wusste, dann hat es keine Bedeutung für ihn gehabt. Er hat es für den Glauben als nicht relevant erachtet, wenn er überhaupt davon wusste. Es spielt in den Paulusbriefen keine Rolle. Und jetzt müssen wir dann schon mal darüber nachdenken, ob es denn für uns wichtig ist, für den Glauben an die Auferstehung, ob das leere Grab zwingend notwendig ist. Herr Lüdemann meint es ja. Und trifft sich dort mit den sehr konservativen Christen.

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Die sagen auch, das Grab muss leer gewesen sein, der muss ja leiblich auferstanden sein, also kann das Grab ja nicht voll gewesen sein. So, und jetzt sagt der Lüdemann, ja ganz genau, bloß es war voll. Es ist im Prinzip, es ist genau die gleiche Anschauung. Die einen leiten daraus ab, ja er ist wirklich auferstanden und Lüdemann sagt, ne der ist verwesend, also gibt es keine Auferweckung. Ja, aber nach Paulus ist es ja nun so, er redet von der Auferweckung ohne vom leeren Grab zu reden. Das könnte uns schon mal ein bisschen ins Wanken bringen. Und das ist so ähnlich wie mit der Jungfraungeburt. Manche denken, man könnte nur zum Bekenntnis kommen, Jesus war der Sohn Gottes, wenn man an die Jungfraungeburt glaubt. Aber auch Paulus wiederum redet auf Schritt und Tritt davon, dass Jesus der Sohn Gottes ist.

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Jungfraungeburt bei Paulus, Fehlanzeige. Markus redet davon, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der älteste Evangelist, Jungfraungeburt, Fehlanzeige. Gibt es nicht. Auch nicht im Johannesevangelium. Nur in zwei Evangelien. Sollte uns auch zu denken geben. Wir müssen nicht irgendwie bei der Jungfraungeburt anfangen, um über Jesus als Sohn Gottes zu reden. Die meisten reden über Jesus als Sohn Gottes ohne über Jungfraungeburt zu reden. Und deswegen müssen wir auch eigentlich nicht über das leere Grab reden, um über Auferweckung Jesus zu reden. Das liegt auf der gleichen Ebene. Und ich frage mich, warum muss es zwingend notwendig sein? Denn eins muss uns ja klar sein. Jesus' Leichnam ist nicht einfach wiederbelebt worden. Es ist ja nicht einfach so, dass der Leichnam aus dem Grab rauskommt, so ein bisschen eine Auffrischungskur erhält.

59:05
Und dann zeigt sich Jesus wieder. Das wäre eigentlich keine Auferweckung, das wäre irgendwie so ein Zombie-Glaube. Eine wiederbelebte Leiche. Ich meine, das ist eigentlich schrecklich. Oder sollen wir sagen, Jesus liegt im Grab. Ich schwitze das jetzt mal zu. Liegt im Grab und irgendwie ist er doch noch nicht ganz tot oder wie auch immer. Auf jeden Fall sagt er dann, betet er und sagt, beam me up, Gotti. Ein bisschen für die Star-Trek-Fans war das jetzt. Man fragt sich, wenn die Auferweckung an der Materie hängt, an dem wirklichen Körper Jesu, der gestorben ist, wo soll denn der Körper hin sein?

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Wo soll denn hingebracht worden sein? Ja gut, dann sagt man ja, Lukas erzählt uns ja in seinem Evangelium und in der Apostelgeschichte von der Himmelfahrt. Ja, in den Himmel. Ja wo ist denn der Himmel? Wo ist er denn? Das erinnert mich so ein bisschen an diesen russischen Raumfahrer, der dann in den 50er Jahren durchs All gedüst ist und hat gesagt, er hat irgendwo Gott erdeckt. Also wohin ist er denn hinweg gerafft worden? Auf den Saturn oder auf die Venus oder in eine ganz andere Galaxie? Also das Göttliche ist ja kein Teil dieser Welt. Es hat ja keinen Ort in dieser Welt oder jeden Ort, aber nicht irgendwie einen besonderen Ort. Und deswegen kann man auch nicht sagen, ja, für die Auferweckung brauche ich sozusagen die Materie dieses Leichnabs, um den irgendwo hin zu schaffen. Wo sollte er denn sein? Deswegen bin ich überzeugt, wenn man damals schon eine solche Videokamera gehabt hätte und hätte die am Grab Jesu installiert.

61:07
Es wäre nichts zu sehen gewesen. Nichts. Erster Akt. Das leere Grab führt nicht zum Glauben an die Auferweckung. Aber, und das möchte ich gerne mit bedacht haben, ich wiederhole ja nicht einfach die Thesen Lüdemanns, die Schlussfolgerung, die Lüdemann daraus zieht, ist gleichermaßen falsch aus meiner Sicht. Nur weil ich nicht sagen kann, ja, wir können sagen, das Grab war leer, kann ich auch nicht sagen, der Glaube an die Auferstehung ist Humbug. Auch wenn wir auf die Texte des Neuen Testaments gucken, wird der Glaube an die Auferstehung nicht vom leeren Grab ausgelöst.

62:03
Wodurch dann? Jetzt kommen wir sozusagen zum zweiten Akt. Wenn wir auf die ältesten Texte schauen, dann sind das sogenannte Bekenntnisformeln. Diese Bekenntnisformeln sind ganz kurze Sätze. Ja, teilweise auch nicht mal Sätze. Sie lauten dann, Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Oder noch kürzer, er ist auferweckt worden. Oder aber im Sinne eines Relativsatzes im Deutschen, im Griechischen ist es eine Partizipalkonstruktion, das lässt sich aber so im Deutschen nicht übersetzen. Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat.

63:05
Das ist eine Formulierung, die uns aufmerken lassen sollte, weil sie parallel formuliert ist zu dem klassischen Glaubensbekenntnis Israels, nämlich Gott, der Israel aus Ägypten herausgeführt hat. Gott, der Jesus aus den Toten auferweckt hat. Das heißt, wenn wir diese ältesten Formen ansehen, und die finden wir in der Briefliteratur, wir finden sie aber beispielsweise auch in der Apostelgeschichte, dann müssen wir sagen, das erste Bekenntnis zu Jesu Auferstehung ist ein theozentrisches Bekenntnis, eine Aussage über Gott. Gott hat Jesus nicht im Tod gelassen, er ist ein Gott des Lebens. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.

64:08
Unser Problem ist aber für die Frage, wie entstand der Osterglauben, sind diese ältesten Texte, also die Grabestexte sind die jüngsten, kann man sagen, das hier sind die ältesten Texte, aber für die Frage, wie entstand der Osterglauben, geben diese Formen auch nichts her. Sie sind ein Bekenntnis, aber wie kommt man zu dem Bekenntnis? Was hat es ausgelöst, dass die Jünger zu einem solchen Bekenntnis gekommen sind? Und jetzt müssen wir die dritte Art von Texten angucken, beziehungsweise das dritte Motiv, und das sind die sogenannten Erscheinungen. Nach dem Neuen Testament kamen die Jünger zum Osterglauben aufgrund von Erscheinungen, nicht aufgrund des leeren Grabes, sondern aufgrund von Erscheinungen.

65:09
Diese Erscheinungen sind für die Jünger eine Art Widerfahrendnis gewesen, das heißt, es ist etwas, womit sie nicht gerechnet haben, es widerfährt ihnen, es ist nicht von ihnen programmiert. Eines der ältesten Glaubensbekenntnisse überhaupt im ersten Korintherbrief, im 15. Kapitel, das ist das Kapitel, in dem sich Paulus ganz breit, es ist ein sehr langes Kapitel des Korintherbriefs, sehr breit auslässt über das Thema Auferstehung, und da hat er ganz am Anfang, zitiert er ein altes Glaubensbekenntnis. Wie alt, wissen wir zwar nicht genau, manche meinen, es sei schon in Jerusalem entstanden, andere sagen, vielleicht doch erst in Antiochia, aber das können wir mal auf sich beruhigen lassen. Jedenfalls ist es kein Text, der von Paulus selber geschaffen wurde, sondern er sagt explizit, es ist ein Bekenntnis, das ich erhalten habe und das ich auch weitergebe.

66:10
Und da wird bekannt, dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften, dass er begraben wurde, dass er am dritten Tage auferweckt worden ist gemäß den Schriften, da haben wir wieder den dritten Tag, und dass er Keffas erschien, anderer Name für Simon Petrus, und dann den Zwölfen. Das ist der älteste Kern dieser Bekenntnisformel. Also am dritten Tage auferweckt, das muss hier in dieser Bekenntnisformel noch gar nicht im Sinne des Kalendarischen verstanden werden, sondern wie wir es eben auch aus dem Alten Testament kennen, als eine metaphorische Formel, die überhaupt für Gottes Eingreifen in der Not, für Gottes Wende hier steht.

67:03
Vielleicht darf ich das schon mal vorwegnehmen, ich werde ja am Sonntag noch über die Bedeutung des Auferstehungsglaubens sprechen für uns, aber theologisch gesehen müssen wir sagen, der Tod am Kreuz und die Auferstehung, sie gehören unmittelbar zusammen, sie sind nicht temporäre Ereignisse, nicht das eine am Freitag und das andere am Sonntag. Das ist sinnvoll für die Liturgie, weil Trauer braucht ihren Platz und Freude braucht ihren Platz, wir können nicht sagen, heute trauern wir und freuen uns. So ist der Mensch nicht. Deswegen braucht es sozusagen liturgisch gesehen tatsächlich diese verschiedenen Tage. Aber theologisch muss man sagen, Auferstehung findet im Tod statt und nicht irgendwie nach dem Tod ein paar Tage.

68:01
Und die Himmelfahrt ist auch nur ein anderer Ausdruck dafür, dass eben Jesus vom Tod wirklich erweckt wurde, bei Gott ist, so wie Auferstehung auch. Also das heißt, dass letzten Endes natürlich Tod, Karfreitag, Ostern, Auferstehung, Himmelfahrt und eigentlich auch Pfingsten, die Sendung des Geistes, eigentlich alle theologisch zusammengehören. Das ist eins. Das ist nur erzieltechnisch und liturgisch auseinander. Aber theologisch gesehen sind das verschiedene Seiten ein und dasselbe. Wobei historisch gesehen natürlich zunächst einmal nur der Tod zu fassen ist. Der Tod ist ein historisches Ereignis. Der Historiker kann feststellen, der ist gestorben dann und dann. Der Historiker kann ich feststellen, der ist auferstanden. Also ein Historiker, ein profaner Historiker, der schreiben würde, ja Jesus, der ein historisches Buch schreibt über diese Zeiten, der würde schreiben, ja Jesus ist im Jahre 30 nach Christus gestorben und dann ist er auferstanden.

69:09
Der würde von den anderen Historikern nicht mehr ernst genommen. Denn Auferstehung ist Gegenstand des Glaubens. Und es ist ja nicht so, dass jetzt im Jahre 30 nach Christus irgendwie die Jerusalem Post aufmacht mit Jesus auferstanden und sagt, ach ja gut, dass ich es in der Zeitung gelesen habe, jetzt weiß ich es auch. Also das ist ja keine Nachricht für die Zeitung. Das ist das Gegenstand des Glaubens und ich kann daran nur glauben, wenn ich bestimmte Erfahrungen gemacht habe. Also hier wird gesagt, er ist am dritten Tage auferweckt worden, gemäß den Schriften und dass er Keffers erschien und dann den Zwölfen. Nun, wir müssen daraus nicht unbedingt Schluss folgern, dass historisch gesehen tatsächlich Petrus und dann die Zwölf die ersten Auferstehungszäune gewesen sind.

70:03
Das ist möglich. Es muss aber nicht so sein, weil es könnte auch eine Legitimation sein für diejenigen, die dann am wichtigsten waren in der Urgemeinde, dass die natürlich zuerst genannt werden. Es gibt in den Evangelien ja eine Konkurrenzüberlieferung, dass es zuerst Frauen waren, denen der Herr erschien, sowohl im Johannesevangelium mit der schönen Geschichte über die Begegnung Maria von Magdalas mit dem Auferstandenen und auch im Matthäus-Evangelium, da nur als kurze Notiz, aber auch da sind es zuerst die Frauen, denen der Auferstandene erscheint. Und man könnte natürlich sagen, ja, das ist historisch wahrscheinlicher, denn warum sollte man Frauen erfinden, dass die es waren, wenn es doch in Wirklichkeit diese großen Heroin der frühen christlichen Geschichte waren? Umgekehrt ist das leichter zu erklären.

71:01
Aber andererseits könnte es auch wiederum andere Gründe haben, warum die Frauen hier erscheinen, weil ja erzählt wurde, die Männer waren weg oder ähnliches. Also wir können das nicht hundertprozentig sagen, aber auch darauf kommt es ja letztendlich nicht an, wer jetzt sozusagen als Erster berichtet hat, ich habe den Herrn gesehen. Ich habe den Herrn gesehen. Das ist eine Formulierung, die jetzt hier eben kommt. Ich habe den Herrn gesehen. Insofern kann man natürlich sagen, die Erscheinungen waren Visionen. Sie waren Visionen, denn alle sagen, sie haben etwas gesehen. Ja, wie ist eine Vision jetzt nun zu interpretieren? Seit dem 19. Jahrhundert ist versucht worden, das psychologisch zu interpretieren. Und diese psychologische Erklärung, die sich letztendlich konzentriert vor allen Dingen auf die These des Sein-Halluzinationen gewesen,

72:09
wird heute immer noch vertreten von bestimmten Forschern, auch von Psychologen. Wobei man das heute nicht mehr pathologisch sieht. Im 19. Jahrhundert hat man auch gesagt, wer Halluzinationen hat, der ist ja ein bisschen gaga. Also das kann man nicht so ganz ernst nehmen. Heutzutage weiß man, dass es gar nicht so selten ist, dass Menschen, die sehr stark trauern, dass die solche Visionen und Halluzinationen sind, eigentlich zwei Ausdrücke für die gleiche Sache. Das eine ist religionswissenschaftlicher Ausdruck Vision, das andere ist der psychologische Ausdruck Halluzination. Also, dass etwas gesehen wird. Solche Visionen nehme ich mal, einfach weil der Begriff Halluzination vielleicht für den einen oder anderen provozierend wirken.

73:11
Das will ich ja gar nicht. Also, solche Visionen sind nach solchen traumatischen Trauererlebnissen gar nicht so selten. Also, das weiß man inzwischen. Und man weiß auch, dass es auch noch kulturabhängig ist. Also in Kulturen, die nicht so stark geprägt sind von der Ratio, wie unsere moderne westliche Kultur, kommt sowas noch viel häufiger vor. Von daher ist es also durchaus psychologisch gesehen als Hypothese denkbar, dass es hier um eine Art Ereignis ging innerhalb dieses Trauerprozesses der Jünger. Denkbar. Psychologisch.

74:02
Allerdings muss man sagen, für den einzigen Zeugen einer Erscheinung, der selbst davon spricht, alles andere sind Fremdzeugnisse. Simon Petrus hat uns nichts hinterlassen. Maria aus Magdala hat uns nichts hinterlassen. Nichts aufgeschrieben. Jakobus hat nichts aufgeschrieben. Alle diese anderen, die haben nichts aufgeschrieben. Also die ganzen Auferstehungszeugen, die hier gelistet werden, die haben selber gar nichts darüber erzählt. Es sind alles Fremdzeugnisse. Es gibt nur einen, einen einzigen, der eine solche Vision hatte und der auch selber davon erzählt hat. Das ist Paulus. Und Paulus war noch nicht gerade ein Trauerender. Also bei ihm verfängt diese These nicht. Bei ihm müsste man dann also irgendwie nach anderen Gründen suchen.

75:04
Wurde auch gesucht. Er versucht da irgendwie andere psychische Probleme von sich da irgendwie. Aber sagen wir mal, das macht es natürlich schon ein bisschen schwieriger, wenn wir sehen, hier trägt diese grundlegende These, gerade bei dem einzigen Zeugen, der tatsächlich selber davon berichtet, trägt sie eigentlich nichts aus. Wenn wir jetzt auf Paulus schauen, dann müssen wir sagen, Paulus redet auch nur sehr vorsichtig davon. Wir alle kennen wahrscheinlich diese Geschichte, Paulus auf dem Weg nach Damaskus und so weiter. Ja, aber wer erzählt sie? Wer erzählt sie? Nicht Paulus. Lukas in der Apostelgeschichte erzählt sie. Paulus macht immer ganz stark, dass er ein Auferstehungszeuger ist,

76:10
aber diese Geschichte erzählt er auffälligerweise nicht. Also müssen wir mal wieder davon ausgehen, diese Geschichte, wie die Apostelgeschichte sie uns hier unterbreitet, ist eine legendarische Ausschmückung. Also sie ist kein Bericht darüber, wie tatsächlich der Auferstandene, dem Paulus, erschienen ist. Paulus ist wie gesagt da auch sehr zurückhaltend. Also er sagt zum Beispiel im ersten Korintherbrief, habe ich nicht Jesus unseren Herrn gesehen? Ja, gesehen. Oder er schildert in dem Galaterbrief, dass Gott ihm seinen Sohn offenbart hat. Apokalypsis sozusagen, Offenbarung. Oder im gleichen Galaterbrief, um das noch ein bisschen zu bekräftigen, als aber Gott, der mich schon im Mutterleib erwählt und durch seine Gnade berufen hat,

77:17
mir in seiner Güte, in mir seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkünde, da zog ich keinen Menschen zu Rate und so weiter. Das ist eine sehr auffällige Formulierung, die leider nicht in allen deutschen Übersetzungen auch so wiedergegeben wird. Er offenbarte ihn mir in mir. Es steht extra im bayerischen Text drin. In mir. Das ist im Galaterbrief, erstes Kapitel, die Verse 15 und 16. Er offenbarte ihn in mir. Das heißt, es kommt hier nicht darauf an zu sagen, es hat tatsächlich äußerlich sichtbar eine Erscheinung gegeben.

78:09
Also manche stellen sich ja die Erscheinung auch noch so vor wie so eine Art Gespenst. Er sieht es irgendwie so aus, er kann aber vielleicht nicht mehr richtig gefasst werden. Aber Paulus selber ist da wie gesagt sehr viel vorsichtiger und er hat auch noch andere Formulierungen, die will ich jetzt nur kurz andeuten. Er spricht in diesen Tagen schon mal zitierten Philippa-Hymnos von Erhöhung oder er spricht von einem Erkenntnisvorgang, von einer Erleuchtung. Ja, das sind alles solche Bilder. Und letzten Endes können wir nur sagen, wenn wir das alles mal zusammen uns ansehen, wir können nicht sagen, wie genau diese Erscheinung ausgesehen hat.

79:11
Und das ist auch wieder gerade eine Qualität, finde ich, dieser biblischen Texte. Denn wenn Jesus vom Tode auferweckt worden ist, dann ist er eben ja nicht in dieses irdische Leben zurückgekehrt. Das heißt, er ist nicht mehr ein Mensch aus Fleisch und Blut. Dann müsste er nämlich nochmal sterben. Folglich ist der auferweckte Jesus, der Christus, der jetzt hier von Gott den Menschen gezeigt wird, eine eher göttliche Erscheinung. Und das göttliche ist nämlich nicht physikalisch so wahrzunehmen. Es ist inwendig wahrzunehmen, aber eben nicht mit äußeren Sinnen. Und dieses Sehen ist deswegen auch kein äußeres Sehen. Und deswegen nehme ich nochmal die Videokamera. Sie hätte nicht nur am leeren Grab nichts gefilmt.

80:02
Sie hätte auch bei den Erscheinungen nichts gefilmt. Da hätte nichts auf dem Film drauf gehabt. Davon bin ich überzeugt. Aber auch das ist kein Gegenargument gegen den Glauben an die Auferweckung, sondern es zeigt nur, der Glaube an die Auferweckung Jesu ist in diesen Menschen erzeugt worden und nicht äußerlich erzeugt worden. Es ist kein objektives Datum in unserer Geschichte. Ich versuche ein kurzes Fazit zu ziehen. Wie kam es zum Osterglauben? April im Jahre 30. Jesus ist tot. Er ist am Kreuz, um es drastisch auszudrücken, verreckt. Ohne jede Frage. Aber er wird jetzt von den Jüngern als lebendig erfahren. Sie bekennen, er ist nicht ins Nichts gefallen. Er ist in Gott und er ist im Geist unter ihnen.

81:10
Zu diesem Glauben konnten die Jünger nur kommen, weil dieser Glaube im letzten übereinstimmte mit all dem, was sie schon vorher über diesen Gott verkündigt bekamen und was über diesen Gott bezeugt wurde. Erstens, dieser Gott ist der Schöpfer Gott. Er ist derjenige, der Todes zum Leben erwecken kann. Nur Gott kann Leben schaffen. Zweitens, Gott ist der Gott des Exodus. Er ist Yahweh, der das Schreien der Unterdruckten hört und dieser Yahweh, Gott, der hört auch das Schreien Jesu am Kreuz. Gott ist auch, so bekennen die Jünger, bei seinem geliebten Sohn am Kreuz gewesen. Er hat ihm die Treue gehalten über den Tod hinaus und ihm ein neues Leben in Gemeinschaft mit ihm zugeführt.

82:17
Drittens, Jesus selbst hat Gott als den verkündet, der so nah ist, dass seine Herrschaft der Liebe jetzt schon erfahrbar ist. Ein Gott, der Wege öffnet, wo andere anscheinend nur Sackgassen sehen, da wo das Leben anscheinend eben zu Ende ist. Gott überwindet Sackgassen. So besteht die Ostererfahrung letztendlich in der inneren, existenziellen, umstürzenden, lebensverändernden Erkenntnis, dass Jesus nicht ein gescheiterter Wanderprediger gewesen ist, sondern dass in seiner Person die Liebe Gottes aufleuchtet. Eine Liebe, die stärker ist als der Tod.

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Worauf gründet sich der Glaube an die Auferweckung Jesu von den Toten? | 2.3.2

Worthaus 2 – Weimar: 8. Juni 2012 von Dr. Thomas Breuer

Da wird ein jüdischer Wanderprediger in einer Provinz des römischen Reiches gekreuzigt. Das hätte eigentlich das todsichere Ende seiner Karriere bedeuten müssen. Seine Hinrichtung befördert ihn eigentlich unweigerlich in den Abgrund des Vergessens, verurteilt ihn zum Versinken in die historische Bedeutungslosigkeit. Die Chancen, dass seine treusten Anhänger traumatisiert in ihr altes Leben zurückkehren, stehen bestens. Wie sollte es auch weitergehen? Ihr Messias ist tod. Es gibt niemanden, der auf seine Position nachrücken könnte. Und seine Anhänger sind auch gesellschaftlich nicht in der Lage sein Andenken öffentlichkeitswirksam und nachhaltig zu zelebrieren. Doch es kommt ganz anders. Die Geschichte nimmt einen völlig unerwarteten Verlauf.

Sehen die Anhänger des Nazareners wirklich, wie ihr Idol vom Tode zurück ins Leben kommt? Oder lauert im April 30 die Mutter aller Verschwörungstheorien? Aus Sicht der historisch-kritischen Bibelwissenschaft nähert sich Thomas Breuer behutsam und nüchtern dem Ostergeschehen. Er zeigt die Entwicklung des Aufweckungsglaubens im Judentum auf und setzt sich sowohl kritisch mit der christlich, österlichen “Verklärungs”-Tradition, als auch mit den Auferweckungstexten und ihren Interpretationen auseinander.