Der heutige Vortrag geht zu Amos, zum biblischen Buch des Propheten Amos. Dieses Buch steht im Teil der hebräischen Bibel, im Prophetenteil des hebräischen Kanons. Die hebräische Bibel ist in drei Teile unterteilt, die Thora, die fünf Mosebücher als die Grundlage, dann kommt die Prophetie oder die Propheten und dann als dritter Teil die Schriften, die uns heute nicht interessieren. Dass Amos bei den Propheten steht, verwundert uns nicht. Aber wenn wir den hebräischen Bibelteil Propheten anschauen, dann staunen wir,
denn er hat nicht nur das, was wir als Propheten kennen, die sogenannten Schriftpropheten Jesaja, Jeremia und Ezechiel, sondern beginnt schon mit dem Buch Josua. Der erste Teil der Propheten, die sogenannten vorderen Propheten, erzählen die Geschichte Israels. Von der Landnahme angefangen unter Josua, über die erste Zeit im Land, die sogenannte Richterzeit, dann die Entstehung des Königtums in den zwei Samuelbüchern, die ersten Könige Saul und David und dann die Geschichte des Königtums von König Salomo angefangen in den Königbüchern, bis zum Ende des Königtums im Nordreich Israel im Jahr 722 v. Chr. und im Südreich die Zerstörung Jerusalems, die Zerstörung des Tempels und das Ende des judäischen Königtums im Jahr 586 v. Chr.
und dann das babylonische Exil, das dann aber nicht mehr erzählt wird. In unseren Bibeln steht das unter Geschichtsbüchern. Direkt an diese Bücher von Josua bis zweite Könige schließt dann die Prophetie an, die Prophetie im engeren Sinn, die sogenannten hinteren Propheten oder auch Schriftpropheten genannt. Das sind die Bücher der drei großen Propheten Jesaja, Jeremia und Ezechiel oder Hesekiel und dann das Buch der zwölf kleinen Propheten. Diese Verbindung von Geschichtsbüchern und Prophetenschriften ist für das theologische Verständnis der Prophetenbücher von grundlegender Bedeutung. In der Geschichte Israels wird erzählt, wie Gott immer wieder Propheten zu seinem Volk schickt und diese Propheten quasi von Anfang an, von den Zeiten Josuas und der Richter angefangen,
bis zum Ende die Geschichte Israels mit dem Wort Gottes begleiten. Das sind oft nur ganz kurze Notizen, in denen die Namen von Propheten genannt werden oder ein oder zwei Worte, die sie gesagt haben. Es sind aber auch sehr umfängliche Geschichten, etwa die Erzählungen von Elia und seinem Nachfolger Elischa. Oder am Ende der Königbücher einige Erzählungen aus dem Jesaja-Buch. Die Geschichte Israels wird also von Propheten begleitet und dann kommen die vier Bücher Jesaja, Jeremia, Ezechiel und die zwölf, die dann vor allem durch die Überschriften in diese Geschichte Israels, die zuvor erzählt wurde, eingegliedert werden.
Und damit bin ich schon bei Amos, beim ersten Vers des Amos-Buches. In diesem Vers wird der Prophet vorgestellt und es wird mitgeteilt, zu welcher Zeit dieser Prophet gesprochen hat. Ich werde den Vers gleich vorlesen. Diese Verankerung in der Geschichte ist grundlegend für das Verständnis von Prophetie. Prophetie ist keine zeitlose Verkündigung, die immer und überall erklingen könnte, sondern die biblische Prophetie hat einen ganz bestimmten Zeitpunkt, zu dem sie gesprochen wird. Sie hat immer ganz bestimmte Adressaten, auch die werden in der Überschrift genannt. Und sie hat oft auch noch bestimmte Begleitumstände, die dann in den Überschriften unter Umständen auch noch genannt werden. Ich lese den ersten Vers des Amos-Buches.
Ich lese, ich sage das gleich vorneweg, aus einer eigenen Übersetzung, die ich selbst angefertigt habe. Wenn Sie selber das Amos-Buch lesen oder in einer Gruppe das Amos-Buch studieren wollen, können Sie natürlich jede beliebige Übersetzung nehmen. Wenn Sie es gemeinsam machen, ist es oft gut, man hat zwei oder drei Übersetzungen, dann kann man auch oft die Nuancen und Varianten im Wortlaut besser versuchen zu verstehen. Ich lese heute also, wie gesagt, aus meiner eigenen Übersetzung. Der erste Vers des Amos-Buches heißt Die Worte des Amos, der unter den Schafzüchtern von Tekoa war, die er über Israel schaute, in den Tagen Usias, des Königs von Judah, und in den Tagen Jerobams, des Sohnes Joachs, des Königs von Israel, zwei Jahre vor dem Erdbeben.
Hier erfahren wir eine ganze Menge über die Zeitumstände und über die Person des Propheten. Wir erfahren, dass dieser Prophet aus einer Stadt namens Tekoa kam, das sagt uns heute nicht mehr viel. Damalige Leserinnen und Leser wussten, das ist eine Stadt im Südreich, in Judah. Und dann geht es weiter, die Worte des Amos, der unter den Schafzüchtern von Tekoa war, die er über Israel schaute, das heißt über das Nordreich. Amos ist ein Prophet, der aus dem Süden kommt, aus Judah, und dann den Auftrag hat, im Nordreich, in Israel, zu prophezeien. Das wird für das Verständnis des Amos-Buches ganz wichtig, diese Spannung, dass er aus dem Süden kommt und im Norden prophezeit. Es werden dann zwei Könige genannt, der König, der damals im Südreich Judah herrschte, namens Usir, und der König, der im Nordreich herrschte, Jeroberam, der Sohn Nebatz, oder Jeroberam II.
Beide Daten führen uns in das zweite Viertel des achten Jahrhunderts v. Chr., also die Zeit so von 770 bis 750 v. Chr. In diese Zeit wird Amos hineingestellt. Es gibt allerdings noch eine zweite Angabe über die Zeit seines Auftretens, nämlich zwei Jahre vor dem Erdbeben. Ich gucke mich um. Ich bin in dem Alter, wo man immer noch gesagt hat, das war vor dem Krieg oder nach dem Krieg. Der Krieg, das war völlig klar, das war halt der Zweite Weltkrieg. Wenn man hier sagt, vor dem Erdbeben, zwei Jahre vor dem Erdbeben,
dann muss das ein ganz gewaltiges Ereignis gewesen sein, wo die Leute datiert haben, das war vor dem Erdbeben oder das war nach dem Erdbeben, oder das war so lange vor dem Erdbeben oder das war so lange nach dem Erdbeben. Eine solche Erinnerung kann auch eine ganze Weile bleiben. Allerdings, wenn dann die Menschen aussterben und neue Generationen hinzukommen, wird irgendwann mal die Aussage, zwei Jahre vor dem Erdbeben niemandem mehr etwas sagen. Diese Notiz führt uns darauf hin, dass es schon sehr früh eine Sammlung von Amos-Worten gegeben haben muss. Denn nur dann macht diese Überschrift zwei Jahre vor dem Erdbeben einen Sinn. Wir wissen gar nicht, in welchem Jahr dieses Erdbeben stattfand. Wir können damit nichts mehr anfangen, aber wir verstehen, hier hat man sehr früh Amos-Worte aufgeschrieben und gesagt, das war zwei Jahre vor dem Erdbeben. Es geht dann weiter mit den Worten, er sagte.
Und dann beginnt im Grunde eine einzige Rede des Amos, die bis in das siebte Kapitel dieses Buches geht. Das Buch hat insgesamt neun Kapitel, besteht im Wesentlichen aus Worten des Amos, wie die Überschrift sagt. Und nur hier wird einmal gesagt, er sagte. Und dann kommen lauter Worte des Amos. Oft redet Amos aber im Namen Gottes. Gleich der nächste, übernächste Vers beginnt mit den Worten, so spricht der Herr. Diese Einleitung, so spricht der Herr, hat man lange Zeit als Botenformel bezeichnet. Man hat gesagt, ja, der im profanen Bereich der König schickt einen Boten und der Bote hat einen bestimmten Auftrag.
Und jetzt sagt er, so spricht mein Herr, der König, und übermittelt diesen Auftrag. Das hat man dann auf die Propheten übertragen. Sie haben von Gott einen bestimmten Wortlaut offenbart bekommen und geben das jetzt weiter. So spricht der Herr. Dieses Verständnis ist etwas problematisch, denn die Propheten sind zwar durchaus Boten Gottes. Sie sprechen in seinem Namen, aber sie sind nicht personifizierte Tonbandaufzeichnungen. Kein Podcast, was man anstellen kann und was dann abläuft, sondern sie formulieren natürlich ihre eigenen Worte. Sie stellen sich mit dieser Formel, so spricht der Herr, unter die Autorität Gottes. In seinem Namen sprechen sie, aber sie plappern nicht einfach gehörte Worte nach, sondern sie sprechen selbstständig. Stellen Sie sich vor, der Botschafter der Bundesrepublik in den USA wird dort im Außenministerium vorstellig und sagt,
meine Regierung vertritt die und die Haltung. Dann liest er nicht ab, was ihm aus dem Außenministerium gefaxt wurde, sondern er formuliert natürlich in eigenen Worten. Wäre das anders, dann hätten wir in den Prophetenbüchern immer dasselbe, immer denselben Tonfall. Wir haben aber sehr unterschiedliche, lebendige Rede und stellen fest, das sind natürlich gestandene Individuen, die da sprechen. Aber sie sprechen im Namen Gottes. Also Amos redet fast die ganze Zeit, aber sehr häufig redet er explizit im Namen Gottes mit den Worten, so spricht der Herr. Der zweite Vers, der anfängt mit den Worten, er sagte, geht weiter. Der Herr von Zion brüllt er und von Jerusalem erhebt er seine Stimme, da verdorren die Weideplätze der Hirten und es vertrocknet der Gipfel des Karmel. Gott redet von Jerusalem aus und alles verdorrt.
Wir erfahren hier mit diesem Mottovers, dass Amos ein Gerichtsprophet ist. Er hat im Wesentlichen Israel das Gericht zu verkündigen. Und deshalb werden hier schon die Folgen in Form einer Naturkatastrophe angedeutet. Noch ein Wort zum Gottesnamen. Ich habe jetzt immer der Herr gesagt. Sie wissen aus der Lutherbibel, dass in der Lutherbibel dieser Name in Kapitelchen gedruckt wird, also in Großbuchstaben, um anzuzeigen, dass es nicht einfach der Herrsohn so heißt, sondern dass hier eigentlich der Name Gottes gemeint ist. Der Name Gottes wird in der hebräischen Bibel mit den vier Buchstaben J, H, W, H geschrieben, die seit biblischen Zeiten nicht mehr ausgesprochen wurden. Im Judentum gibt es dafür Ersatzlesungen und auch ich werde die gebräuchlichste dieser Ersatzlesungen benutzen.
Adonai. Adonai heißt mein Herr. Aber ist im Hebräischen eine eigene Form, die nur für Gott verwendet werden kann. Also nicht, wenn ich sie anrede und sage mein Herr, dann kann ich diese Form nicht verwenden. Das ist immer nur die Form, die für Gott verwendet wird. Ich benutze das als Fremdwort. Wir haben ja in der kirchlichen Sprache etliche hebräische Fremdworte, wie zum Beispiel Amen oder Halleluja. Und jetzt kommt noch der Adonai dazu, der Herr. Mit Vers 1 und 2 haben wir die Überschrift und die Vorstellung des Propheten. Wir wissen, wann er gewirkt hat. Wir wissen, dass er aus dem Südreich kam und im Nordreich gewirkt hat. Wir wissen jetzt auch schon, dass er im Wesentlichen Unheil verkündigen wird. Dann beginnen die Worte des Amos.
Und zwar kann man sie unterteilen in vier große Blöcke. Und ich will Ihnen jetzt der Reihe nach diese Blöcke vorstellen und damit Sie auch schon ein ganzes Stück weit in den Inhalt des Amos Buches einführen. Ich will dann in einem zweiten Teil über die Entstehungsgeschichte des Amos Buches sprechen. Die Teile werden dann immer kürzer zum Ende hin. Also erschrecken Sie nicht, wenn der erste Teil sehr lang wird. Der dritte Teil geht dann um Amos im Alten Testament. Der vierte Teil Amos im christlichen Kanon, also auch im Neuen Testament. Und der fünfte Teil, warum sollen wir eigentlich heute noch Amos lesen? 2700 Jahre nach ihm. Warum lohnt sich das? Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich lohnt. Aber jetzt müssen Sie erst mal wissen, was im Amos Buch drinsteht. Und dazu Block 1.
Der umfasst die Kapitel 1 und 2 und ist ein durchgehendes Gedicht, das sogenannte Völkergedicht. Dieses Gedicht hat acht Strophen und die ersten sieben Strophen haben einen völlig gleichmäßigen Aufbau, der sich in jeder Strophe wiederholt. Nur die einzelnen Elemente variieren dann. Ich lese Ihnen einfach die erste Strophe mal vor und erläutere kurz, wie die aufgebaut sind. Und jede Strophe fängt mit den Worten an, so spricht Adonai. Und jede Strophe fängt mit den Worten an, wegen der drei Verbrechen von, und dann kommt eine geografische Größe bei der ersten Strophe, wegen der drei Verbrechen von Damaskus und wegen der vier mache ich es nicht rückgängig. Und dann wird genannt, worin dieses Verbrechen besteht. Im Fall von Damaskus, weil sie Gilead mit eisernen Dreschschlitten gedroschen haben.
Das ist ein für damalige Zeiten völlig verständliches Bild. Es geht nicht um einen landwirtschaftlichen Vorgang, sondern es geht um Kriegsgräuel. Die orientalischen Herrscher haben das oft als Bild benutzt, dass das Land des Feindes mit eisernen Dreschschlitten gedroschen wird. Gedroschen hat man auf den Tennen, dann hat man solche Dreschschlitten drüber geführt, von einem Zugtier gezogen und dann hat man unten so eiserne Stachel dran gemacht, damit das Getreide gut ausgedroschen wurde. Und das wird als Bild genommen für einen gewalttätigen Kriegszug, in diesem Fall gegen Gilead. Also hier wird das Verbrechen genannt. Das Wort Verbrechen ist interessant, weil es bezeichnet im wörtlichen Sinn und im häufigen Gebrauch eine Rebellion gegen den Oberherren.
Also etwa im politischen Kontext, wenn ein kleines Volk gegen die Obermacht der Assyrer oder später der Babylonier einen Aufstand unternimmt, dann wird das mit diesem Wort Verbrechen, Pescha auf Hebräisch, bezeichnet. Hier wird also, indem Amos die Taten der Leute von Damaskus als Verbrechen bezeichnet, gesagt, sie rebellieren gegen ihren Oberherrn und dieser Oberherr ist Gott, der Gott Israels, Adonai. Es sind insgesamt acht Völker, die in den acht Strophen genannt werden. Es fängt an mit den Aramäern von Damaskus, die Stadt kennen wir ja bis heute. Die zweite Strophe geht gegen Gaza, auch die Stadt kennen wir bis heute, und gegen die Philister, die in dieser Stadt lebten. Die dritte Strophe geht gegen Tyrus, eine Stadt an der libanesischen Küste, dann kommt Edom,
dann kommen die Ammoniter, dann kommen die Moabiter und dann wechselt es, dann kommt Judea und Israel. Die fremden Völker, die genannt werden, sind alles Nachbarn von Israel und Judea, es ist wie so ein Netz, was sich um Israel und Judea spannt. Die Verbrechen, die genannt werden, sind allesamt Kriegsverbrechen. Hier haben wir dieses Bild vom Dreschen mit eisernen Schlitten. In der nächsten Strophe heißt es, dass Bevölkerungen verschleppt und versklavt werden, als Kriegsverbrechen, man erobert ein Gebiet und versklavt die Bevölkerung. Dann kommt dasselbe nochmal bei Tyrus, bei Edom heißt es, dass sie bundesbrüchig geworden sind.
Sehr interessant, die Ammoniter, da heißt es, sie hätten die Schwangeren von Gilead aufgeschlitzt. Ein ganz übles Kriegsverbrechen, das uns aber durchaus aus Texten aus dem Altertum als geläufig bekannt ist. Und in der Strophe von Moab heißt es, dass sie die Gebeine des Königs von Moab geschändet hätten, indem sie sie zu kalt verbrannt haben. Das Interessante an diesen Verbrechen ist, dass sie sich zwar anfangs gegen Israel richten, Gilead wird genannt, war ja ein Teil Israels, dass aber im Beispiel der Moab-Strophe das Verbrechen sich gegen den Edomiter-König richtet, also überhaupt nichts mehr mit Israel zu tun hat. Das heißt, wir könnten modern gesprochen auch von Versprechen gegen die Menschlichkeit reden oder gegen ein Kriegsvölkerrecht oder so etwas.
Das gab es natürlich im strengen Sinn, im modernen Sinn noch nicht. Aber es wird zu etwas vorausgesetzt. Interessant ist auch, dass diese Taten, die hier genannt sind, also das Threschen eines Landes mit eisernen Schlitten, sogar das Aufschlitzen von Schwangeren in Aussagen orientalischer Könige und sogar in manchen biblischen Texten zum Selbstruhm des Herrschers gebraucht wird. Ein Tiglath-Pileser aus Assur rühmt sich, dass er die Schwangeren der Feinde aufgeschlitzt habe. Andere rühmen sich, dass sie fremde Länder mit eisernen Schlitten gedroschen hätten. Amos dagegen bezeichnet das als Verbrechen. Er nimmt die Perspektive der Opfer ein. Das ist für das ganze Amos-Buch wichtig. Amos spricht aus der Perspektive der Opfer, nicht aus der Perspektive der Täter,
die sich solcher Taten eventuell sogar rühmen, sondern er nimmt die Perspektive der kleinen Leute, er nimmt die Perspektive der Opfer ein. So, dann kommt ein nächstes Element, was in allen Strophen gleich ist, nämlich, dass Gott spricht. So schicke ich Feuer gegen das Haus Hazarels in diesem Fall, damit es die Paläste Ben Haddads frisst. Hier werden zwei Könige der Arameer genannt. Also, Gott kündigt an, er schickt Haus gegen den Palast oder die Paläste dieser Könige. Und dann weiter, ich zerbreche den Torriegel von Damaskus, also das Stadttor von Damaskus, soll zerbrochen werden. Ich vernichte den Herrscher aus Big-Ad-Aven, das ist eine andere aramäische Stadt neben Damaskus, und den Zepterträger aus Bet Eden. Und in die Verbannung zieht das Volk von Aram nach Kir.
In all diesen Völkerstrophen wird immer Feuer gegen die Paläste geschickt, das zieht sich als Leitmotiv durch, und dann gibt es Varianten, dann wird mal die Stadtmauer zerstört und dann werden die Torriegel zerbrochen. Immer aber sind Objekte des göttlichen Angriffs die jeweiligen Herrscher. Der Zepterträger, der Herrscher, der auf dem Thron sitzt und ähnliche Ausdrücke. Die Frage, was mit den Bevölkerungen ist, ob die nun auch von Gott vernichtet werden, bleibt offen. Wir müssen das Amos-Buch bis ganz zum Schluss durchlesen, um zu erfahren, was mit den Völkern passieren wird. Das bleibt hier eigentlich offen. Die Herrschenden werden angegriffen und sollen vernichtet werden, das wird klar gesagt.
Ob es die ganzen Bevölkerungen trifft, bleibt offen. Die Grundaussage all dieser Strophen ist die Adonai, J-H-W-H, Jahwe, der Gott Israels ist ein Gott, der universal wirkt. Er ist nicht nur der Gott Israels und Judas, sondern er ist ein Gott, der weltweit wirkt. Auch die fremden Völker, die ja alle ihre eigenen Götter haben, das waren ja keine Jahwe-Verehrer, die hatten ja andere Götter. Aber auch diese Völker stehen unter dem Regiment des Gottes Israels. Das ist die theologische Aussage, die hier in Amos 1 und 2 gemacht wird. Und dann kommt die erste Überraschung. In der siebten Strophe wendet sich der Prophet nicht mehr gegen ein fremdes Volk,
sondern gegen Judas, also das Volk Jahwes. So spricht Adonai. Wegen der drei Verbrechen von Judas und wegen der vier mache ich es nicht rückgängig. Aber diese Verbrechen sind jetzt keine Kriegsverbrechen mehr, keine Verstöße gegen die Menschenrechte oder die Menschenwürde, sondern das sind jetzt Verbrechen, die nur Jahwe-Anhänger auch begehen können, weil sie die Weisung Adonais verworfen und seine Gebote nicht gehalten haben. Also die Judäer, die werden gemessen an der Thora, der Weisung und an den Geboten ihres Gottes. Nicht an einem allgemeinen Völkerrecht, das gilt für die Völker.
Menschenrechte, Gesetze der Menschlichkeit, die gelten für alle Völker. Judas und Israel wird an seinen inneren Verhältnissen gemessen. Und dann geht diese Judas-Strophe ganz schematisch weiter. So schicke ich Feuer gegen Judas, damit es die Paläste von Jerusalem frisst. Und dann kommt das eigentliche Ziel, nämlich die Israel-Strophe. Diese Israel-Strophe ist viermal so lang wie alle anderen Strophen. Sie ist also eindeutig der Zielpunkt, während bei den einzelnen Völkern immer nur eines, ein Verbrechen genannt wird, obwohl es heißt, wegen der drei Verbrechen von Damaskus und wegen der vier mache ich es nicht rückgängig, wird immer nur eins genannt. In der Israel-Strophe wird eine ganze Serie von Vergehen benannt. Und das Überraschende ist, es sind keine Kriegsverbrechen, sondern soziale Ungerechtigkeiten, die in Israel passieren. So spricht Adonai, wegen der drei Verbrechen von Israel und wegen der vier mache ich es nicht rückgängig,
weil sie den Gerechten um Geld verkauft haben und den Armen gegen ein paar Sandalen. Sie treten auf dem Staub der Erde nach dem Kopf der Geringen, den Weg der Elenden weisen sie ab. Ein Mann und sein Vater, sie gehen zum selben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entweihen. Auf gepfändeten Kleidern strecken sie sich aus vor jedem Altar und Wein aus Abgaben trinken sie im Haus ihres Gottes. Das sind lauter soziale Vergehen. Gerechte, arme Elende werden verkauft, werden gepfändet. Die gepfändeten Gegenstände werden nicht zurückgegeben, sondern man legt sich im Tempel damit hin und lagert sich im Tempel. Ein Mann und sein Vater gehen zum selben Mädchen,
wahrscheinlich ein Mädchen, was in Schulzklaverei in diesem Haushalt ist und von den Männern des Hauses sexuell missbraucht wird. Aus Abgaben entnommener Wein wird im Tempel verzehrt. Also lauter Dinge, die innerhalb von Israel stehen und die mit sozialem Unrecht zu tun haben. Die Aussage des Propheten ist, eure Verhaltensweisen, eure Vergehen stehen auf einer Stufe mit den Verbrechen, die diese Völker begehen, wenn sie Schwangere aufschlitzen und Bevölkerungen in die Sklaverei verschleppen. Hier haben wir zum ersten Mal Amos als den Sozialkritiker vor uns. Und das ist das Merkmal dieses ganzen Buches. Amos ist der Sozialkritiker schlechthin in der hebräischen Bibel. Die Täter werden gar nicht benannt, sondern es heißt immer sie tun das und das und das und das. Die Opfer werden benannt, der Arme, der Elende, der Gerechte.
Das sind soziale Typen. Also es sind keine einzelnen Personen, sondern soziale Typen, der Arme, der Elende, der Geringe. Das ist eine Vokabel, die auch bis ins Körperliche geht. Also in der Josefs Erzählung, kennen Sie, da steigen die sieben fetten Kühe und dann die sieben mageren Kühe auf. Das ist dasselbe Wort. Die Mageren, die Abgemagerten, die Ausgehungerten, die werden allesamt unterdrückt. Und wir haben auch schon gesehen, dass das Religiöse mit hineinspielt. Die gepfändeten Kleider und die aus den Abgaben entnommene Wein wird im Gottesdienst verzählt. Dann folgt ein geschichtlicher Rückblick und es wird noch ein zweites Verbrechen genannt. Etwas ganz Spezielles, nämlich es wird gesagt, ich habe euch aus dem Land herausgeführt, ich habe euch in das Land hineingeführt,
ich habe euch Propheten geschickt und ihr habt den Propheten verboten zu prophezeien. Das ist ein Leitmotiv, was sich durch das ganze Amos-Buch durchzieht. Wir werden sehen, im Kapitel 7 hören wir, wie mit denselben Worten dem Amos auch verboten wird, in Israel zu prophezeien. Also nicht nur, dass man Verbrechen begeht, sozialer Art, sondern auch, dass man das Wort Gottes verbietet. Führt dazu, dass dieses Volk dem Gericht ausgesetzt ist. Damit ist die Botschaft des Buches, des ganzen Buches bereits angedeutet, das soziale Unrecht bedroht die Existenz Israels. Gott wird Feuer schicken. Aber das Ende könnte vielleicht abgewendet werden, wenn man auf den Prophet hören würde.
Aber indem auch die Prophetie verboten wird, ist das Ende Israels besiegelt. Das ist hier schon deutlich angedeutet, was dann als Botschaft des gesamten Amos-Buches entfaltet wird. Am Ende der Israel-Strophe wird dann die Katastrophe in Gestalt von Erdbeben und Krieg nochmal ausgemalt. Damit kommen wir zum zweiten Block im Amos-Buch. Das sind die Kapitel 3 bis 6. Dort haben wir fast nur Worte des Amos über Israel. Die sind nochmal eingeteilt. Durch zwei Aufrufe in 3.1 hört dieses Wort, das Adonai über euch geredet hat. Und in 5.1 hört dieses Wort, das ich über euch anhebe. Der Block 2a, der also mit 3.1 beginnt, thematisiert wieder die Frage der Prophetie.
Zunächst wird die Erwählung Israels hervorgehoben. Das ist ganz wichtig, weil in der Israel-Strophe Israel als eines der Völker behandelt wurde, in dem Völkergedicht. Aber eben als das, auf das alles hinaus lief. Und das wird jetzt hier nochmal theologisch ganz dicht formuliert. Hört dieses Wort, das Adonai über euch geredet hat, ihr Israels Kinder, über den ganzen Volksstamm, den ich aus dem Land Ägypten heraufgeführt habe. Nur euch habe ich erkannt von allen Volksstämme des Erdbodens, also der Gedanke der Erwählung durch die Herausführung aus Ägypten. Und jetzt die Konsequenz, deshalb ahnde ich an euch alle eure Verfehlungen.
Erwählung heißt besondere Verantwortung vor Gott. Ihr seid das erwählte Volk, herausgeführt aus Ägypten. Deshalb habt ihr eine besondere Verantwortung. Und deshalb geht die Kritik an euch auch weit über das hinaus, was den Völkern gegenüber gesagt wurde. Da ging es um Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bei euch geht es auch um die inneren politischen, sozialen und religiösen Umstände. Das wird dann in den folgenden Worten entfaltet. In dem wiederum Gedicht, was auf diese Einleitung mit der Erwählung und der besonderen Verantwortung folgt, wird eine ganze Reihe von Fällen genannt, wo man immer aus einer bestimmten Folge auf eine bestimmte Ursache zurückschließt. Brüllt ein Löwe im Wald und hätte keine Beute? Fällt ein Vogel auf die Falle am Boden, wenn kein Köder für ihn da ist?
Und dann kommt am Schluss die Umkehr von Ursache zur Wirkung. Der Löwe hat gebrüllt. Wer fürchtet sich nicht? Adonai hat geredet, wer prophezeit nicht. Also das Prophezeien, wenn Gott geredet hat, ist so eng mit der Ursache, dem Reden Gottes verbunden, dass es wie ein Zwang ist. Wenn der Löwe brüllt, fürchten sich alle. Wenn Gott spricht, dann muss der Prophet auftreten und prophezeien. Und das heißt natürlich für die Leute, die den Propheten hören, sie müssen unbedingt auf ihn hören. Hier haben wir wieder dieses Thema der Prophetie, die Notwendigkeit der Prophetie, die das Volk zur Umkehr ruft. Darauf folgen einige Verse, die ich jetzt nicht im Einzelnen vorlese, die dadurch gekennzeichnet sind,
dass die Oberschicht von Samaria, der Hauptstadt des Nordreiches Israel, scharf kritisiert wird. Sie wird kritisiert wegen des Unrechts, das in der Stadt passiert. Sie wird kritisiert wegen ihres Luxusgehabes. Es ist zum Beispiel die Rede von Elfenbeinhäusern, das sind jetzt keine Häuser aus Elfenbein, aber mit reichen Elfenbeinverzierungen in ihrem Inneren. Wir erfahren von Elfenbeinmöbeln, das sind Betten, die man auch archäologisch gefunden hat, die aus Holz gefertigt waren und wo dann Elfenbeinplättchen angebracht wurden. Wir erfahren von Gelagen der Oberschicht und auch die Heiligtümer von Bethel und Gilgal, zwei wichtige Heiligtümer im Norden, werden mit in die Kritik des Propheten einbezogen.
Es folgt ein weiteres Gedicht mit dem Kehrvers, und dennoch seid ihr nicht zu mir umgekehrt. Also Gott schickt alle möglichen Plagen, Regen, Hungersnot, Heuschrecken, Pest. Und immer heißt es, und dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir. Das heißt, Israel hätte immer die Möglichkeit der Umkehr gehabt, aber es verweigert die Umkehr. In Kapitel 4, Vers 13, am Ende dieses ersten Unterteils, Kapitel 3 und 4, kommt nun ein Element, das dann noch weitere zweimal im Amos-Buch in ähnlicher Form erscheint, das sich sehr deutlich von diesen sozialkritischen und unheil ankündenden Worten des Amos unterscheidet.
Das sind hymnisch formulierte Stücke. Ja, siehe, der die Berge bildet und den Wind schafft, der den Menschen kundtut, was sein Plan ist, der Morgenröte zur Dunkelheit macht und tritt auf die Höhen der Erde, Adonai, Gott der Heere, ist sein Name. Hier wird Gott hymnisch gepriesen als der, der eben nicht nur der Gott des Volkes Israel ist, auch nicht nur der Gott der anderen Völker, sondern der die Welt geschaffen hat und der Herr des Kosmos insgesamt ist. Für die Gesamtauslegung des Amos-Buches sind das sehr wichtige Stücke und ich komme ganz am Schluss auch noch mal kurz darauf zurück. Dieser mittlere Teil, der zweite Block, hat jetzt einen zweiten Teil, der mit 5, 1 beginnt, Kapitel 5 und 6 umfasst, und wieder mit diesem Höraufruf beginnt, hört dieses Wort, das ich über euch rede.
Er besteht aus vier Einheiten. Die erste ist eine Totenklage über Israel, eine sogenannte Ringkomposition, bei der immer am Anfang und am Ende der Komposition ähnliche Worte gebraucht werden. Hört dieses Wort, das ich über euch anhebe, eine Totenklage aus Israel, gefallen ist, nichts steht mehr auf, die Jungfrau Israel. Der Prophet sieht in der Vision ein totes Israel, wie ein Mädchen, eine Jungfrau, die auf dem Schlachtfeld liegt und tot ist. Und am Schluss dieser ganzen Komposition, in den Versen 16 und 17 heißt es, auf allen Plätzen herrscht Klage und in allen Gassen sagt man Wehe, Wehe. Man ruft den Landmann zur Trauer und zur Klage alle, die der Wehklage kundig sind.
Und in allen Weinbergen herrscht Klage, denn ich werde mittendurch dich hindurchziehen, spricht Adonai. Also wir sehen das Bild eines schon Toten Israel vor uns für die Zukunft. Aber dann geht die Komposition weiter. Es folgt ein nächstes Element, wieder am Anfang und am Ende, in dem nun plötzlich die Möglichkeit einer Alternative aufscheint, sogar so etwas wie eine schwache Hoffnung. Am Anfang heißt es, sucht nicht, so werdet ihr leben. Sucht nicht die Heiligtümer von Betel und Gilgal, denn Gilgal muss gewiss in die Verbannung, Betel wird zum Unheil. Sucht Adonai, so werdet ihr leben. Und am Schluss der Ringkomposition heißt es, sucht das Gute und nicht das Böse, damit ihr lebt.
So wird Adonai, Gott der Heere, mit euch sein, wie ihr sagt. Hast das Böse und liebt das Gute und richtet im Tor das Recht auf. Vielleicht ist Adonai, der Gott der Heere, dem Rest Josefs gnädig. Vielleicht ist Adonai gnädig. Eine ganz schwache Hoffnung, die hier aufscheint. Aber in der Ringkomposition steht die Trauer, die Totenklage ganz am Ende. Wir ahnen schon, dass diese Hoffnung zunichte wird. In der Mitte wird dann genau begründet, warum es so kommt. Wieder Sozialkritik. Sie hassen im Tor dem, der für das Recht eintritt, weil ihr vom geringen Tribut erhebt und Getreideabgaben von ihm nehmt. Ich weiß, dass eure Verbrechen zahlreich und eure Sünden kräftig sind,
die ihr den Gerechten bedrängt, Bestechung annehmt und die Armen im Tor zurückstößt. Das ist der Grund, weshalb diese schwache Hoffnung, es könnte doch noch anders werden, letztlich nicht zum Ziel kommt. Weil dieses soziale Unrecht immer weitergeht. Diese Tendenz dahin, dass das Unheil immer unabwendbarer wird, setzt sich dann in den folgenden Worten fort. Wir haben zweimal Wehe-Rufe. Wehe, die den Tag Yahwes herbeisehnen. Was soll euch denn der Tag Adonais? Er ist Finsternis und nicht Licht. Der Wehe-Ruf stammt aus der Totenklage. Bei den Bestattungen hat man gerufen, Wehe, mein Bruder. Also eigentlich ist ein Klageruf hebräisch, heu.
Wahrscheinlich wie Klagefrauen einen lauten Schrei ausstoßen. Das ist keine Bedrohung, Wehe dir, sondern Wehe, da ist jemand gestorben. Dasselbe wird jetzt über Israel gesagt. Es wird noch einmal eindringlich der Gottesdienst auch kritisiert. Und zwar nicht, weil Gottesdienst als solcher schlecht wäre, sondern weil die Menschen über dem Gottesdienst die soziale Gerechtigkeit vergessen. Es wird zum Beispiel davon gesprochen, dass Mastkälber geopfert werden. Das konnten nur ganz reiche Leute. Die armen Leute haben ein Täubchen oder vielleicht ein Schaf geopfert. Und dann heißt es, doch es ströme wie Wasser das Recht und Gerechtigkeit wie ein immer fließender Bach. Das wäre es, was sein müsste. Mit Gottesdienst, ja. Aber nur Gottesdienst ohne das, das ist für Amos verwerflich. Und was angekündigt wird, ist die Verbanung.
Ich schicke euch in die Verbanung über Damaskus hinaus, spricht Adonai. In diesem Stil geht es weiter mit Luxuskritik und am Ende steht die Ankündigung von Verbanung und Fremdherrschaft. Wenn wir den Amos bis dahin gelesen haben, von Kapitel 1 bis 6, dann bleibt ein großes theologisches Problem offen. Gott steht, das liest man eindeutig, auf Seiten der Schwachen, auf Seiten der Opfer. Ob das die Opfer der Kriegsverbrechen sind oder die Opfer der sozialen Ungerechtigkeit. Das ist eindeutig. Die theologische Frage, die sich stellt, wenn Gott jetzt Israel straft, wenn Gott Israel vernichtet, wenn er Krieg und Erdbeben schickt, werden dann nicht durch Verbanung und Fremdherrschaft erneut diese Menschen zu opfern. Jetzt nicht mehr der Reichen ihres eigenen Volkes, sondern der fremden Herrscher.
Weil wenn die Assyrer oder die Babylonier in das Land fallen, dann sortieren die nicht und sagen, ach, das sind jetzt die kleinen Leute, die verschonen wir und das waren die Reichen, die führen wir in die Verbanung, sondern sie wüten. Die theologische Frage stellt sich, werden die Opfer nicht zum zweiten Mal zu opfern? Und weil das eine ganz fürchterliche und dringende Frage ist, wie gerecht ist eigentlich Gott, wenn er sein Volk straft und damit die Opfer erneut zu Opfern macht, endet das Amos-Buch hier nicht, sondern geht weiter. Es folgt der dritte Hauptblock, die Visionen, in Kapitel 7, 1 bis 9, 6. Amos redet weiter. Jetzt aber erzählt er in der Ich-Form. So ließ mich der Herr Adonai sehen. Siehe, er formte einen Häufchreckenschwarm zu Beginn des Aufgehens der Spätsaat.
Und dann werden zwei Visionen zunächst berichtet, die zu einem Dialog führen. Amos sieht, wie Gott einen Unheil vorbereitet und er interveniert. Er greift ein. Da sagte ich, Herr Adonai, vergib doch. Vergib doch. Wie könnte Jakob bestehen? Er ist ja so klein. Da geräute es Adonai deswegen. Es soll nicht sein, sagte Adonai. Gott empfindet Reue über das, was er zu tun vorhat, und bläst es ab. Aufgrund der Fürbitte des Propheten. Und der Prophet weist ausdrücklich darauf hin, dass Jakob ja so klein ist. Das heißt, er nimmt die Perspektive der kleinen Leute, der Opfer, wieder ein. Und sagt, denk doch an diese Leute. Du kannst doch das nicht tun. Und dann lässt sich Gott überzeugen und tut es.
Doch dann kommt eine dritte Vision. Amos sieht wieder etwas. Jetzt kann er aber nicht eingreifen, sondern Gott fragt ihn, was siehst du da? Und er sieht in der ersten Vision, dass Gott mit einem Bleilot dasteht. Und Gott deutet, interpretiert dieses Bleilot und sagt, ich werde dieses Blei in mein Volk Israel legen. Das heißt, wie auch immer, es ist sehr schwer zu verstehen, aber gemeint ist eindeutig, es wird irgendwie das Gericht über das Volk Israel kommen. Und Amos hat überhaupt keine Chance einzugreifen und Fürbitte für sein Volk zu leisten. Sondern Gott spricht. Da sagte der Herr zu mir, siehe, ich gebe Blei inmitten meines Volkes Israel. Ich kann nicht länger an ihm vorüberziehen. Da werden verwüstet die Höhen Isaks und die Heiligtümer Israels werden in Trümmern liegen.
Und ich stehe auf gegen das Haus Jehova mit dem Schwert. Und wir fragen uns und die damaligen Leserinnen und Leser haben das genau getan, warum denn das? Zweimal hat sich Gott erweichen lassen. Amos hat Fürbitte eingelegt und jetzt nichts mehr. Und um das zu erklären, wird jetzt eine Erzählung eingefügt. Die einzige Erzählung, die wir im Amos Buch haben, die formal diese Visionen unterbricht, aber gut anschließt. Es heißt einfach, nachdem Amos die dritte Vision berichtet hat, da schickte Amaziah, der Priester von Bethel, zu Jehova dem König von Israel und ließ sagen, verschworen hat sich gegen dich, Amos. Als er das hörte oder nachdem Amos dies gesagt hatte, schickte Amaziah, der Oberpriester wahrscheinlich des Staatsheiligtums von Bethel, zum König. Denunziert Amos und jetzt kommt das Entscheidende, verweist Amos des Landes.
Er sagt zu Amos, Seher, geh, mache dich fort ins Land, Judah, iss dort dein Brot und dort sollst du prophezeien. Aber was Bethel betrifft, da darfst du nicht länger prophezeien, denn ein Königsheiligtum ist es, ein Reichstempel. Hier haben wir nun das, was ganz am Anfang im Völkergedicht schon angedeutet wurde. Man hat früher den Propheten das Wort verboten. Und jetzt kommt der zuständige Priester des Heiligtums von Bethel und verbietet dem Propheten Amos das Wort. Du darfst dir nicht prophezeien. Und damit, das ist die Erklärung, wird das Ende des Nordreichs Israel besiegelt, in dem der Prophet des Landes verwiesen wird.
Allerdings sagt der Priester noch etwas. Geh nach Judah, dort kannst du oder dort sollst du prophezeien. Damit schickt er Amos sozusagen nicht nur dahin zurück, wo er herkam, das hatten wir ja anfangs schon gehört, dass er aus Judah kam, sondern er sagt auch, wenn das Wort Gottes weitergeht, dann soll es in Judah weitergehen. Damit wird aber auch angedeutet, dass wenn es überhaupt noch eine Hoffnung gibt, dann alle Hoffnungen jetzt darauf liegt, dass die Worte des Amos wenigstens in Judah gehört werden. Dann ist vielleicht wenigstens für Judah das Gericht noch abzuwenden. Das wird hier schon angedeutet und wird dann gleich am Schluss des Amos Buches nochmal entfaltet. Es folgt noch die vierte Vision, die dann wirklich vom Ende für mein Volk Israel spricht.
Amos sieht einen Korb mit Sommerobst und Gott fragt, was siehst du? Und er sagt, einen Korb mit Sommerobst und dann sagt Gott zu ihm, gekommen ist das Ende zu meinem Volk Israel. Im Hebräischen ein schönes Wortspiel. Das Obst, der Korb mit Sommerobst heißt Kayetz und Ende heißt Keetz. Also gekommen ist das Ende, die Ernte, Israel ist reif, gekommen ist das Ende zu meinem Volk Israel. Die Frage ist, wie total dieses Gericht ist. Betroffen sind der Palast und der Tempel, das wird ausdrücklich gesagt. Hört Israel auf oder bleiben Bund und Erwählung trotzdem bestehen? Auffällig ist, dass Amos sagt mein Volk Israel, also Gottes Volk Israel.
Offensichtlich ist der Bund damit nicht beendet. Ich komme relativ schnell zum Ende dieses Teils. Es folgen noch einige sozialkritische Worte, die Früheres aufnehmen. Es folgt noch eine fünfte Vision in Kapitel 9. Diese Vision weitet alles ins Kosmische aus und sagt, wenn das Ende für Israel kommt und wenn die Prophetie verboten wird und alles zugrunde geht, dann ist die ganze Welt in ihrem Bestand gefährdet. Das wird mit der letzten Vision gesagt. Es geht um mehr als nur um Israel, nur um eine Gemeinschaft auf der Erde, sondern die Katastrophe ist umfassend. Die Frage ist, kann es danach überhaupt noch weitergehen? Und jetzt kommen ganz wenige Verse, der vierte Block des Amos-Buches, der Schluss des Amos-Buches, der sagt, ja, es kann weitergehen. Es geht weiter. Das sind die Verse Amos 9, Vers 7 bis 15.
Wenn Sie wirklich mal das Amos-Buch lesen, hören Sie nicht vorher auf. Die meisten machen das. Man sagt, ja, die Sozialkritik ist ja ganz toll und dann diese Visionen. Da kann man endlos drüber diskutieren. Was hat er denn da wirklich gesehen? Was bedeutet das? Und dann kommt man nicht mehr bis zum Schluss. Der Schluss ist aber das Allerbeste, finde ich, weil er beantwortet alle Fragen, die sich vorher gestellt haben und die bisher noch offen geblieben waren. Die erste Frage ist, was ist eigentlich mit den Völkern? Das war ja immer noch offen, von den Völkersprüchen her. Ja, die Regierenden, die Stadtmauer, die Paläste, das wird alles vernichtet, aber die Völker? Und dann kommt Amos 9, Vers 7. Gehört ihr nicht genauso zu mir wie die Kushiten, ihr Israels Kinder? Spruch Adonais. Habe ich nicht Israel aus dem Land Ägypten heraufgeführt und die Philister aus Kavtor und Aram aus Kiel?
Wo hat man das schon mal gelesen? Gott hat nicht nur Israel aus Ägypten geführt, sondern auch die Philister und die Aramäer aus ihren früheren Wohnorten an ihre jetzigen Wohngebiete. Gott hat eine eigene Geschichte, eine ganz selbstständige Geschichte mit den anderen Völkern, die sozusagen unerkannt neben der Geschichte Israels herläuft, von der auch in der Bibel kaum etwas steht. Aber hier wird gesagt, er hat seine eigene Geschichte mit diesen Völkern. Die Geschichte der Völker ist nicht zu Ende. Und dann heißt es weiter, noch einige Verse später, dass Gott seinen Namen über den Rest Edoms und aller Völker ausrufen will. Wenn Gott seinen Namen ausruft über Israel, über Judah, über Jerusalem, dann heißt das immer zweierlei. Erstens, er erhebt Anspruch auf Israel, auf Judah, auf Jerusalem
und er stellt Israel, Judah, Jerusalem unter seinen Schutz. Und jetzt heißt es hier plötzlich, Adonai ruft seinen Namen aus über den Rest Edoms und aller Völker. Die, die der kommenden Katastrophe entkommen, stehen unter dem besonderen Schutz Gottes. Also die Geschichte der Völker ist keineswegs zu Ende, sondern Gott hat eine eigene Geschichte und diese Geschichte hat eine Zukunft. Und dann war die Frage, was heißt eigentlich, das Ende ist gekommen zu meinem Volk Israel? Ist das ein vorweggenommener Holocaust? Ausrottung aller Jüdinnen und Juden? Nein, das ist nicht gemeint. Es ist schon ein Strafgericht gemeint, aber ein Strafgericht in Gestalt einer Ausscheidung der Bösen.
Sehr harte Worte, die hier fallen. Siehe, die Augen des Herrn Adonai sind auf das sündige Königtum gerichtet. Ich lösche es aus vom Erdboden, das Königtum. Jedoch lösche ich bestimmt nicht das Haus Jakob aus, spruch Adonais. Das Königtum soll verschwinden, aber nicht das Haus Jakobs, der kleine Jakob. Die Menschen, die Menschen sollen eben nicht darunter leiden. Und dann 9 Vers 10, durchs Schwert werden sterben alle Sünder meines Volkes, die sagen, nicht lässt du eintreffen, nicht führst du heran an uns das Unheil. Also diese Leute sollen verschwinden, die auf die Prophetie nicht hören, die sagen, das kommt doch eh alles nicht. Wie sagt man heute, das ist Alarmismus. Da wird Stimmung gemacht, trifft doch eh alles nicht ein.
Diese Leute sollen verschwinden. Und wenn die weg sind, dann bleibt aber das Haus Jakobs. Das bleibt übrig. Das soll eben nicht ausgerottet werden. Und noch eine Frage war. Der Oberpriester hatte Amos ja nach Judah zurückgeschickt. Was wird jetzt mit Judah sein? Werden die auf Amos hören? Werden die seine Worte aufnehmen und weiter tragen? Oder werden die genauso wie der Priester im Norden sagen, sei still. Das ist zu viel, was du hier sagst. Das wollen wir nicht hören. Im Schluss des Amos Buches heißt es, an diesem Tag richte ich die zerfallene Hütte Davids wieder auf. Ich maure ihre Breschen zu und seine Trümmer richte ich auf und baue sie wie in den Tagen der Uhrzeit. Die Hütte Davids, das ist nicht das Haus Davids, das ist nicht das Großreich Davids, aber das ist eine Hütte, die Schutz gibt.
Israel soll wieder Schutz haben, wie in den Zeiten Davids. Judah, David war ja König von Judah und aus Judah. Judah hat eine Zukunft. Das Haus Jakobs hat eine Zukunft. Der Rest der Völker wird in die Herrschaft Adonais miteinbezogen. Die sündigen Strukturen werden beseitigt. Israel kann in Sicherheit leben. Und dann kommt ein wunderbarer Schlussabschnitt, das Bild einer Agrargesellschaft, die fleißig ist, wo alle fleißig arbeiten und deren Arbeit von Segen und Fülle gekrönt ist. Siehe, es kommen Tage, da holt der Pflüger den Schnitter ein.
Also kaum hat der geschnitten, kommt schon der Pflüger wieder daher. Und der Trauben kälterer den Sämern. Da triefen die Berge von Most und alle Hügel zerfließen. Da wende ich das Geschick meines Volkes Israel. Die Städte werden gebaut, die Weinberge werden gepflanzt und das Volk wird in Sicherheit leben. Ich fasse das zusammen, bevor ich dann noch eine halbe Stunde etwa auf die übrigen Teile meines Vortrags eingehe. Dieser Abschnitt zu Inhalt und Aufbau des Amos-Buches, den ich bewusst ausführlich gestaltet habe. Das Amos-Buch entfaltet seine Theologie in vier großen Schritten. Im Völkergedicht wird Adonai als der vorgestellt, der über Israel hinaus in der Völkerwelt handelt, dessen Hauptziel aber sein Volk Israel ist.
Die Amos-Worte in Kapitel 3 bis 6, der zweite große Block, begründen, warum es zur Katastrophe kommen muss. Die Frage, ob damit die Schwachen der Gesellschaft nicht erneut zum Opfer werden, wird dann im dritten und vierten Block beantwortet. Der dritte Block, der Visionsbericht, besagt, dass Gott bereit wäre, dem kleinen Jakob zu vergeben, dass aber das Verhängnis nicht aufzuhalten ist, weil die Mächtigen in der Gesellschaft sich so verhalten, dass das der Vergebung entgegensteht. Ausschlaggebend dabei ist das Verbot, prophetisch zu reden. Alles Unrecht könnte irgendwie noch korrigiert werden, wenn man bereit wäre, auf den Propheten zu hören. Aber indem man dem Propheten das Wort verbietet, ist das Unrecht unabwendbar geworden.
Und der Schluss des Amos-Buches fügt hinzu, dass eine Scheidung zwischen den Sündern und den kleinen Leuten stattfinden wird und dass zugleich der Rest der Völker mit hineingenommen wird in die hoffnungsvolle Zukunftsperspektive für das Volk Israel. Ich komme zum zweiten Teil des Vortrags. Hier angekündigt werden die folgenden Teile deutlich kürzer. Entstehungsgeschichte und historischer Kontext. Nirgends im Amos-Buch wird behauptet, dass Amos das Buch geschrieben habe. Die Überschrift sagt, dies sind die Worte des Amos. Wer sie aufgeschrieben hat, wird nicht gesagt. Prophetie ist ihrem Wesen nach mündlich. Die Propheten Israels sind aufgetreten an öffentlichen Plätzen, haben sich den Königen entgegengestellt, haben im Tempelvorhof oder in den Stadttoren gepredigt oder gesprochen.
Sie haben aber primär nicht Bücher geschrieben. Sie haben mündlich verkündigt. Für die Verschriftlichung Ihrer Worte gibt es verschiedene Möglichkeiten. Etwa das Fremde, das aufgeschrieben haben. Wir kennen Prophetie aus dem Zweistromland, dem nordsyrischen Mari, die kennen wir dadurch, dass Beamte dem König Briefe geschrieben haben. An unserem Tempel ist ein Prophet aufgetreten, der hat das und das gesagt. Und dann werden diese Worte überliefert. Da kennen wir diese Prophetenworte. Aber der Prophet selber hat sie nicht aufgeschrieben. Eine Möglichkeit wäre auch, dass der Prophet selber die Worte aufschreibt. Von Jeremiah etwa wird erzählt, dass er das diktiert, einem Schreiber, Baruch. Aber Jeremiah diktiert, also er schreibt das selber auf. Die wahrscheinlichste Möglichkeit ist, dass die Propheten eine Anhängerschaft hatten, dass das nicht einzelne einsame Wölfe waren, die durchs Land zogen,
sondern eine Gruppe von Menschen um sich hatten. Und dass es darunter Menschen gab, die ihre Worte aufgeschrieben haben, sei es zu ihren Lebzeiten oder nach ihrem Tod. Es wird also nirgendwo behauptet, dass Amos das alles aufgeschrieben habe. Es wird aber sehr wohl gesagt, dass diese Worte auf Amos zurückgehen. Das ist klar, die Worte des Amos heißt es in der Überschrift. Damit kämen wir zeitlich in das zweite Viertel des achten Jahrhunderts. Das habe ich eingangs schon gesagt. Das sind die Daten der Könige. Es ist eine Zeit, die sehr gut mit den Worten des Amos zusammenpasst. Unter dem Nordreichskönig Jehova im Zweiten fand eine große Machtentfaltung statt. Die Wirtschaft des Landes wuchs. Es entstand ein großer Wohlstand im Land, der uns auch archäologisch durch Ausgrabungen bekannt ist. Allerdings war es ein Wohlstand, der sehr ungleich verteilt war.
Die Reichen lebten im großen Luxus. Sehr berühmt sind in der antiken Kulturgeschichte die Samaria-Elfenbeine, diese Elfenbeinplättchen, die an den Betten und in den Häusern angebracht waren und sehr kostbar geschnitzt waren. Die hat man archäologisch gefunden. Auffällig ist auch, dass im ganzen Amos-Buch die Assyrer nirgendwo genannt werden. Ab 750, 745 genau gesagt, traten die Assyrer sehr aggressiv in dem Gebiet von Israel, Palästina, Libanon, Syrien auf. Davor noch nicht. Auffällig ist, dass im Amos-Buch von Assyrern nirgendwo die Rede ist. Also wahrscheinlich gibt es doch einen großen Bestand von Amos-Worten, die auch auf Amos und seine Zeit zurückgehen, als man von den Assyrern noch nichts wusste.
Das Völkergedicht beschränkt sich auf die Völker der Nachbarschaft. Assur wird nirgendwo erwähnt. Wo von der Verbannung die Rede ist, heißt es nie eine Verbannung nach Assur oder nach Babylonien, sondern über Damaskus hinaus sehr vage Ankündigungen. Ein Teil der Worte, vor allem in Kapitel 1 bis 6, dürfte nach meinem Verständnis diese Zeit des Amos und seiner unmittelbaren Mitstreiter, und zwar vor dem Untergang des Nordreichs Israel voraussetzen und inwiefern darunter wörtlich Amos-Worte sind oder so wie sie dann überliefert wurden, entzieht sich unsere Kenntnis. Aber ein großer Bestand von Worten, die deutlich auf Amos selber zurückgehen. Dann traf in gewisser Weise die Prophetie des Amos ein. 722 wurde Samaria, die Hauptstadt des Nordreichs, zerstört
und dieses Nordreich aufgelöst in assyrische Provinzen. Die Prophezeiung des Amos hatte sich also bewahrheitet. Sicher einer der Gründe, weshalb man seine Worte dann weiter überliefert hat. Man sagt, das stimmt ja, was da gesagt wurde. Aber nun stellten sich natürlich die Fragen. Wie geht es weiter? Wie geht es mit Juden weiter? Wie geht es mit den anderen Völkern weiter, die ebenfalls unterworfen werden? Wie geht es auch mit den Menschen aus Israel weiter? Ist das Ende ihres Staates auch ihr Ende? Darauf geben dann die Visionen die Antwort. Und sagen, ja, Juda bleibt bestehen, Israel ist zerstört, aber es ist immer noch mein Volk Israel. Und diese Menschen haben auch dann noch eine Zukunft, auch nach der Zerstörung. Jakob soll eben nicht zerstört werden, nur das Königtum.
Und dann, 586 wird auch Juda zerstört. Jerusalem und Juda. Und die Fragen werden noch drängender. Welche Zukunft gibt es jetzt eigentlich noch? Und dann kommt eben diese Verheißung, dass die zerfallene Hütte Davids wieder aufgerichtet werden soll. Nicht das alte Großreich Davids, das Haus Davids, aber diese Schutzfunktion soll es wieder geben. Juda und mit ihm die Menschen aus Israel, aber auch die Nachbarvölker, die von den Assyrern überfallen worden waren, haben eine Zukunft. 539 v. Chr., ich will das gerade noch weiterführen, kamen dann die Perser im Orient an die Macht, sie haben die Rückkehr ermöglicht. Es gab wieder eine Provinz Juda und eine Provinz Samaria.
Der Tempel wurde wieder aufgebaut, alles unter persischer Herrschaft. Das Amos-Buch zeigt in dieser Zeit, warum alles so weit kommen musste. Warum es zu dieser doppelten Katastrophe des Nordreichs und des Südreichs kam. Es werden keine Großreichsträume auf Wiederherstellung der alten großen davidischen Herrschaft geträumt, aber es wird die Hoffnung auf eine friedliche und sichere Zukunft formuliert. Zwischen dem Auftreten des Propheten Amos und dem Abschluss des Buches liegen vielleicht ungefähr 300 Jahre. Das ist aber, man könnte ja jetzt erschrecken und sagen, da steht Amos drüber und dann sagt er 300 Jahre Entstehungszeit, ist das denn nicht doch alles von Amos? Nein. Das ist ganz typisch für antike Traditionsliteratur.
Wir sind es gewohnt, wenn wir in der Bahnhofbuchhandlung einen Roman kaufen, dann steht ein Autor drauf oder eine Autorin und dann wissen wir, aha, dieser Mensch hat dieses Buch geschrieben, von vorne bis hinten, hoffentlich. Antike Literatur ist ganz anders gestaltet, ist Traditionsliteratur. Diese Bücher, die damals geschrieben wurden, wurden immer weiter geschrieben. Auch Homer ist nicht einfach das, was der Sänger Homer irgendwann mal geschrieben hat. Auch da gibt es eine Überlieferung, da kamen andere Überlieferungen dazu. Das babylonische Gilgamesch-Epos wurde über 1000 Jahre, 2000 Jahre immer wieder abgeschrieben und keine zwei Varianten sind identisch. Man hat hier immer wieder weiter geschrieben und auch die biblische Literatur ist zu allergrößten Teilen Traditionsliteratur. Ohne dass wir ihre Autoren wirklich kennen würden. Das ändert sich erst in heute's der mittleren Zeit.
Paulus schreibt Briefe unter seinem Namen. Aber in den biblischen Büchern haben wir Traditionsliteratur, die anders als die moderne Autorenliteratur immer weiter denkt. Tradieren heißt für die Antike zwar auch bewahren, aber eben auch fortschreiben, weiterschreiben, weiterdenken, neue Fragestellungen mit hineinnehmen in die Worte des Amos. Amos weiterdenken, es heißt auch zu unserem großen Bedauern weglassen. Und was weggelassen wurde, wissen wir leider nicht. Das müssen wir auch damit rechnen, dass Dinge weggelassen wurden. Die entziehen sich notwendigerweise dann unserer Kenntnis. Deshalb können wir im Wortlaut und im Einzelnen nie mit Sicherheit sagen, dieses Wort stammt von Amos und das nicht mehr.
Der Streit darüber ist für mich auch müßig. Gegenstand unserer Auslegung ist ohnehin nicht die historische Gestalt des Propheten Amos, von der wir ja kaum etwas wissen, Schafzüchter aus Tekoa und Propheten Israel, sondern Gegenstand unserer Auslegung und Wort Gottes ist das biblische Amos-Buch. Und dieses Buch haben wir in seinem Wortlaut und das ist Gegenstand unserer Bemühungen. Ein dritter Teil, das Amos-Buch im Alten Testament. Amos ist das erste und älteste Buch, das auf einen einzelnen Propheten zurückgeführt wird. Ich hatte vorhin erwähnt, dass wir in den Erzählungen der Geschichtsbücher durchaus prophetische Gestalten haben. Und von diesen Propheten werden auch Worte überliefert, Elia etwa.
Elia, vielleicht kennen Sie die Geschichte von Naboth Weinberg, da tritt er dem König Ahab entgegen und spricht auch prophetische Worte, kündigt ihm das Gericht an. Also es gibt schon prophetische Worte, aber die sind alle eingebettet in Erzählungen. Amos ist der erste Prophet, von dem es ein Buch gibt. Dieser Vorgang ist ein epochaler Vorgang in der antiken Religionsgeschichte. Prophetie gibt es in sehr vielen Religionen. Prophetie gibt es auch im Alten Orient. Prophetie gibt es bei den Arameeren, in Ägypten, in Assyrien, bei den Syrerinnen und in vielen anderen Religionen, nicht christlichen Religionen. Prophetie ist ein allgemeines Phänomen. Aber dass Propheten Worte zu einem eigenen Prophetenbuch zusammengefasst werden, ist nur in Israel geschehen. Das ist ein einmaliger Vorgang in der Religionsgeschichte der Antike und ein Alleinstellungsmerkmal, sagt man heute.
Eine Singularität, die Buchwerdung der Prophetie. Diese Buchwerdung der Prophetie ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass dieses kleine Volk Judar, das Exil und die Zerstörung seiner Hauptstadt und seines Tempels überlebt hat. Die anderen Völker, die Moabiter, die Edomiter, die Ammoniter, die sind von der Landkarte verschwunden. Israel hatte, nachdem es keinen Tempel und keinen König und kein Land mehr hatte, seine Bücher. Die Thora und die Prophetenbücher. Und es hat in den Prophetenbüchern oder aus den Prophetenbüchern verstanden, dass dieses Geschick, das Land und Königtum verloren gingen, kein blindes Schicksal war,
sondern dass es ein Geschick war, das man selber mit heraufbeschworen hat und hinter dem letztlich Gott stand. Und dass es trotzdem nicht das letzte Wort war, mit dem alles zu Ende war, sondern dass Gott über dieses Geschick hinaus noch eine Perspektive mit seinem Volk hatte. Und weil man diese Bücher hatte, konnte man sich daran festhalten und selbst in einer übermächtig erscheinenden Umwelt an seinem Glauben festhalten. Man konnte das Schicksal, das man erlitten hat, als Strafe Gottes verstehen und wusste zugleich, dass dieser Gott einen nicht fallen lässt, dass er zu einem hält. Und ich glaube, ohne die Prophetenbücher hätten wir auch so etwas wie die Evangelien nicht, die ja auch Worte Jesu sammeln, Worte und Taten. Aber auch die Prophetenbücher haben ja, also vor allem die der großen Propheten, immer auch Taten dieser Propheten mit aufgezeichnet.
Und ganz bestimmt hätten wir keinen Koran, ohne dass es die biblischen Prophetenbücher gibt. Dass man von einem Propheten die Worte sammelt. Also religionsgeschichtlich gesehen ist das ein ungeheurer Vorgang. Und Amos ist der erste. Amos ist der Älteste der Schriftpropheten. Nun steht Amos, und darüber habe ich jetzt noch gar nichts gesagt, ja nicht isoliert da, sondern ist Teil des Zwölf-Propheten-Buches. Ich habe vorhin eingangs gesagt, wir haben also die drei großen Schriftpropheten Jesaja, Jeremiah, Ezechiel oder Hesekiel. Und dann haben wir die zwölf kleinen. Die sind deshalb klein, weil sie so kurz sind. Nicht, weil sie weniger bedeutend wären, sondern weil ihre Bücher so kurz sind. Diese zwölf kleinen Schriften hat man auf einer Rolle zusammen geschrieben. Und diese Rolle, die zwölf-Rolle, ist dann ungefähr genauso lang wie die Rolle der großen Propheten.
Also vier große Bücher, und in der jüdischen Zählung der alttestamentlichen Bücher werden die zwölf auch immer als ein Buch gezählt. Und nicht als zwölf Bücher. Also die konfirmanten Frage, wie viele Bücher hat das alte Testament, fällt mir immer schwer zu beantworten. Es ist immer die Frage, zählt man die zwölf als zwölf oder nur als eins? Zählt man die Samuel-Bücher als eins oder als zwei? Zählt man die Königbücher als eins oder zwei? Die Chronik als eins oder zwei? Es gibt auch schon im antiken Judentum sehr unterschiedliche Zählungen für die alttestamentlichen Bücher. Die zwölf sind im Groben geschichtlich aufgebaut. Deshalb stehen am Anfang Hosea, dazwischen Joel und dann Amos. Das sind die beiden Propheten aus dem Nordreich. Oder im Nordreich. Hosea stammt auch aus dem Nordreich und hat da gewirkt. Amos ist derjenige, der im Nordreich gewirkt hat. Die stehen am Anfang des zwölf-Propheten-Buches. Sie zeigen damit, dass Gottes Geschichte mit dem Nordreich zwar sehr intensiv war,
Hosea und Amos, dass sie aber dann auch einmal zu ihrem Ende kommen. Und danach kommen dann nur noch Propheten aus Judas aus dem Südreich. Obwohl der historische Prophet Amos im Nordreich wirkte, ist das Buch Amos ein durch und durch judäisches Buch. Das muss man sehen. Es ist auf jeden Fall in Judäa überliefert und zu seiner Endfassung gebracht worden. Das Mottowort, das ich am Anfang vorgelesen habe, spricht von Adonai, der von Zion aus sein Wort ergehen lässt. Also Zion ist auch im Amos-Buch der Mittelpunkt. Und am Ende, wir haben es gerade gehört, wird die Hütte Davids wieder aufgerichtet. Und eben nicht das Königtum des Nordreichs. Also insofern ist das Amos-Buch in seiner Endgestalt und im Rahmen des Alten Testamentes ein judäisches Buch.
Das Amos-Buch Teil 4 meines Vortrags im christlichen Kanon. Das Amos-Buch wird zweimal bei Lukas in der Apostelgeschichte ausführlich zitiert. Das erste Mal in der Rede des Märtyrers Stephanus, der sich auf die Kritik des Amos am Gottesdienst Israels in Kapitel 5 bezieht. Und sagt, er macht sozusagen eine Geschichte Israels und sagt, euer Gottesdienst war schon immer irgendwie verworfen und verderblich. Und jetzt kommt der Höhepunkt, jetzt bringt er mich auch noch um. Als den ersten Märtyrer der Christenheit. In dieser Rede des Stephanus wird aufgezeigt, dass Israel immer wieder von Gott abgefallen ist und einer der Belege dafür ist Amos.
Viel spannender finde ich das zweite Amos-Zitat. Da wird diese Rede, die ich eben auch interpretiert habe von der Wiederaufrichtung der Hütte Davids und davon, dass Jahwe seinen Namen über dem Rest Edoms und der Völker ausruft aufgegriffen. Das ist eine Rede, die der Apostel Jakobus, der Herrenbruder hält. Das steht in Apostelgeschichte 15, Vers 16 und 17. Da wird diskutiert im Zusammenhang mit der Mission des Paulus und des Petrus, ob denn die Christusbotschaft auch zu den heidnischen Menschen getragen werden soll. Darin ist man sich einig. Aber was das dann bedeutet, ob diese Menschen, um Christen zu werden, um an Christus glauben zu können, vorher Juden werden müssen. Oder ob das auch geht, ohne dass sie vorher Juden werden. Jude werden hieß für die männlichen Betroffenen Beschneidung.
Das ist der Streit um die Beschneidung. Paulus hat vertreten, man kann an Christus und an den Gott Israels glauben, ohne Jude dem Fleisch danach werden zu müssen. Er selber war Jude, er war stolz darauf, er betont das auch, dass er beschnitten ist und dass er geboren ist als Jude und aufgewachsen und aufgezogen als Jude. Das ist ihm ganz wichtig und essentiell. Aber er sagt, diese Griechen, Römer, Lükjer, Kapadotsia, wer auch immer, die müssen nicht erst Juden werden, um an Christus zu glauben. Die müssen nicht beschnitten werden. Und darüber gab es dann ein Treffen in Jerusalem und es wurde ausgehandelt, dass die Menschen aus den Völkern, aus den nicht-jüdischen Völkern, Christen werden können, bestimmte Dinge auch beachten müssen, aber eben nicht die ganze Thora übernehmen müssen, etwa nicht die Beschneidung brauchen.
Und in diesem Zusammenhang argumentiert Jakobus genau mit diesem Amos-Schluss, dass er sagt, da steht ja auch, dass Gott sich den Völkern zuwendet, dass er seinen Namen über ihnen ausruft und nicht, dass diese Völker Juden werden. Die Edomiter und die anderen Völker sollen ja nicht Juden werden. Und trotzdem ruft Gott seinen Namen über ihnen aus. Er wendet sich ihnen zu, er hat ein Verhältnis zu ihnen, was anders ist als das Verhältnis zu seinem Volk Israel, aber trotzdem ein positives Verhältnis. Am wichtigsten aber finde ich die inhaltliche Linie. Amos ist der große Sozialkritiker, ich hoffe, das ist Ihnen jetzt klar geworden. Und Jesus steht voll in dieser Tradition. Er geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes.
Wehe euch, ihr Reichen, ihr habt euren Trost schon empfangen. Ihr könnt nicht Gott dienen und den Mammon, alles Jesus-Worte, die eigentlich noch radikaler sind als die Amos-Worte, die aber auf dieser Tradition des Amos beruhen. Aber auch im ersten Timotheusbrief heißt es, die Wurzel aller Übel ist die Liebe zum Geld. Auch das steht in dieser Tradition oder im Jakobusbrief wohl an ihr Reichen, weint nur und jammert über das Elend, das über euch kommen wird. Seit Amos ist die Frage nach Armut und Reichtum, und zwar Reichtum auf Kosten der Armut anderer, ist diese Frage und die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit keine, ich sage das in Anführungszeichen, bloß ethische Frage. Es ist eine zutiefst theologische Frage. Wie gerecht ist unsere Gesellschaft? Das ist bei Amos eine theologische Frage.
Und daran hängt der Bestand einer Gesellschaft und daran hängt auch die Beziehung der Menschen zu ihrem Gott. Damit komme ich zum letzten Teil, Amos heute lesen. Warum meine ich, dass man Amos heute lesen sollte? Ich sage gleich, das ist nicht immer einfach. Prophetenbücher zu lesen ist nicht immer einfach. Es ist gut, wenn man etwas Anleitung dazu hat. Es gibt ja gute Hilfen, die Stuttgarter Erklärungsbibel wird gerade überarbeitet nach dem neuen Text. Aber viele andere Hilfen gibt es auch, Podcast oder Worthausaufzeichnungen kann man auch benutzen. Es ist besonders gut, wenn man in Gemeinschaft liest, weil dann sieht jeder etwas anderes und jeder hat noch eine andere Idee. Warum lohnt sich das? Ich nenne mal drei Gründe, es gibt sicher noch mehr. Der erste ist wieder die Sozialkritik des Amos.
Amos ist unter allen Propheten der größte und schärfste Sozialkritiker. Er stellt, das haben wir gesehen im Völkergedicht, am Eingang des Buches, die sozialen Vergehen Israels auf eine Stufe mit den Kriegsverbrechen der Völker. Amos erkennt den Zusammenhang von Reichtum und Armut. Kein biblischer Autor ist so asketisch, dass er Armut als Ideal sehen würde. Armut ist kein Ideal, Armut ist eine Not. Und Reichtum ist erstrebenswert und wird oft als Segen Gottes bezeichnet. Aber Reichtum auf Kosten der Armut anderer, darauf liegt kein Segen, sondern der Fluch.
Und das ist das, was Amos kritisiert. Er sagt in der Kritik an den Palästen Samarias, ihr habt sie mit Unterdrückung und Unrecht gefüllt. Das heißt, mit den Gütern, die ihr mit Unterdrückung und Unrecht erworben habt, die füllen eure Paläste. Das heißt, es besteht ein Zusammenhang. Bei den Gelagen der Reichen heißt es, schafft her, dass wir trinken. Und genannt werden die Armen und Elenden, die unterdrückt werden. Im Tempel liegt man auf den gepfändeten Gewändern und trinkt den Wein aus den Abgaben. Hier wird der Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum sehr scharf erkannt und hergestellt. Amos erkennt in seiner Sozialkritik auch sehr scharfsinnig die möglicherweise verschleiernde Funktion von Religion im Blick auf diese Verhältnisse.
Er ist kein Religionskritiker, überhaupt nicht. Er kritisiert den Kult nicht, weil er etwas gegen Gottesdienste oder Kultfeiern hätte, überhaupt nicht. Aber weil er sieht, dass hier die Religion benutzt wird, um die ungerechten Verhältnisse mit dem Schleier der Frömmigkeit zuzudecken. Und diesen Schleier der Frömmigkeit will er wegreißen. Und Amos benennt sehr klar die Folgen für die Gesellschaft. Er spricht einmal davon, dass die Reichen in ihrem Luxus sich nicht um das Zerbrechen Josefs kümmern, den Schaden Josefs. Man ist so mit seinem Luxusgenuss beschäftigt, dass einem egal ist, ob die Gesellschaft auseinanderbricht. Und er sagt, das kann zu keinem guten Ende führen, das muss zur Katastrophe führen.
Das Amos-Buch reflektiert auch die theologischen Folgefragen. Wir wissen das. Bei allem sozialen Unrecht, bei allen Unrechtigkeiten in der Welt ist es immer die Frage, wer zahlt eigentlich am Schluss die Zeche? Und das sind in der Regel die kleinen Leute. Auch dieses Problem wird ja reflektiert. Diese Katastrophe kommt und warum müssen die kleinen Leute jetzt dafür bezahlen? Und die Antwort ist, Gott will das ändern. Natürlich müssen wir sehen, ich will das auch gar nicht verschweigen, dass wir das Amos-Buch aus einem Abstand von zweieinhalb Jahrtausenden lesen. Die Verhältnisse sind heute in vielem andere. Damals war Landwirtschaft 95 Prozent der Wirtschaftsleistung, das ist heute ein Sektor von zwei bis vier Prozent in unserem Land. Industrialisierung gab es damals noch nicht. Es gab damals selbstverständlich Einrichtungen wie die Schuldsklaverei, dass Menschen, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten, zumindest befristet für einige Jahre in die Schuldsklaverei kamen.
Amos setzt das auch voraus, dass es so etwas gab. Das hat sich heute geändert. Schuldsklaverei bei uns gibt es in dieser Form nicht mehr. Es gab damals keine Industrialisierung, geschweige denn Globalisierung. Dennoch stellt man fest, und eigentlich ist das erschütternd, stellt man fest, dass bestimmte Grundstrukturen durchaus ähnlich geblieben sind. Und um diese Grundstrukturen geht es. Und da kann man gerade auch mit dem fremden Blick eines Propheten aus dem achten Jahrhundert vor Christus auch nochmal den kritischen Blick auf unsere Verhältnisse werfen. Also ein Vorteil zum Beispiel dieser alten Verhältnisse war, dass man immer sehr genau wusste, wer die Leute sind, die profitieren und ihren Reichtum scheffeln. Wir kriegen das ja heute gar nicht mehr so richtig mit.
Das ist ja tausendfach vermittelt. Also unsere Schuldverstrickungen, wenn wir einkaufen gehen, wenn wir da Obst und Gemüse kaufen, wenn wir Plastiktüten verwenden und wer alles die Profite macht mit dem Ganzen, das kriegen wir oft gar nicht mit. Es ist viel mehr verschleiert. In der Antike waren die Verhältnisse viel deutlicher und klarer und das wird bei Amos auch deutlich. Und da muss man einfach anfangen, darüber nachzudenken, wie ist das bei uns. Also ich denke, allein wegen der Sozialkritik lohnt sich der Amos zu lesen. Ein zweiter Punkt, der eher am Rand steht und eher eine moderne Fragestellung in das Amos Buch hinein trägt, ist mir trotzdem wichtig, die Frage von Sozialkritik und Ökologie. Die Ökologie ist ja eine moderne Frage mit der Industriegesellschaft aufgekommen. Das heißt nicht, dass es früher nicht schon Umweltsünden gab, die Abholzung der Wälder um das Mittelmeer, die Verkarstung des Balkan, das geht alles auf die Antike zurück.
Aber sie hatten nicht dieses Ausmaß, wie wir das heute kennen. Seit dem 19. Jahrhundert stellt sich diese Frage, wie weit zerstört die Menschheit die Welt, von der sie lebt. In diesem Fall sind die hymnischen Stücke, diese kurzen Elemente, diese kurzen Verse, die ins Amos Buch eingefügt sind, für mich doch neu interessant und wichtig geworden. Ich lese das zweite dieser hymnischen Stücke. Da heißt es über Gott. Also zunächst der Schöpfer. Das ist Amos 5, Vers 8 und 9. Der sieben Gestirn und Orion macht, der Dunkelheit zum Morgen umstürzt und den Tag zur Nacht verfinstert. Der die Wasser des Meeres ruft und sie ausgießt über die Erde. Adonai ist sein Name. Der Bedrückung bringt über Starke, sodass Bedrückung über Festungen kommt.
Also Gott ist der Schöpfer. Den ganzen Kosmos ist seins, aber er realisiert das soziale Unrecht und greift ein. Der Bedrückung bringt über Starke, sodass Bedrückung über Festungen kommt. Die Festungen wurden vorher genannt, das sind die Festungen Samarias oder allgemein Festungen. Gott greift also ein. Und dann steht da dieser Satz, bei dem ich wirklich erschrocken bin, weil ich an die schmelzenden Polkappen denken musste. Der die Wasser des Meeres ruft und sie ausgießt über die Erde. Im Kontext des Amos Buches heißt das, soziales Unrecht zerstört eine Gesellschaft, aber soziales Unrecht kann im Endeffekt die ganze Welt zerstören. Und wir erleben heute, dass das Realität wird.
Dass das Realität wird. Wenn der Meeresspiegel um drei Meter steigen sollte, dann ist in Holland Land unter. Und nicht nur in der Südsee, und das ist schon schlimm genug, wenn es in der Südsee Land unter ist. Und norddeutsche Tiefebene können auch die Füße hochlegen. Also wir erleben das heute. Und im Amos Buch wird immerhin in diesen hymnischen Stücken auch der Zusammenhang hergestellt. Dass soziale Ungerechtigkeit nicht nur soziale Folgen hat, gesellschaftliche Folgen, sondern dass sie den ganzen Kosmos mit in Mitleidenschaft zieht. Und vielleicht sollte man darüber nachdenken. Und schließlich der dritte Grund, weshalb ich finde, man müsste Amos lesen. Ich nenne das Gott ist größer. Gott ist größer. Im Amos Buch ist völlig klar, dass Jahwe der Gott Israels ist.
Er redet vom Zion aus. Er hat Israel erwählt, das wird zweimal ausdrücklich bestätigt und gesagt. Aber er ist eben auch der Gott der Völker. Das kommt in dem Völkergedicht zum Ausdruck. Er zieht die Völker zur Rechenschaft. Zwar nicht an denselben Maßstäben, wie er sein Volk Israel misst, aber an allgemeinen Rechtsmaßstäben. Kriegsrecht, Völkerrecht. Erwählung, das sagt Kapitel 3 Vers 1 und 2 ganz eindeutig. Erwählung heißt in erster Linie besondere Verantwortung vor Gott. Wer erwählt ist, hat eine besondere Verantwortung vor Gott. Kann nie sagen, die anderen machen es doch auch. Sondern der hat eine besondere Verantwortung vor Gott. Vom Neuen Testament her verstehen wir Christen uns als Miterben der Verheißungen Gottes.
Oder wie es der Epheserbrief sagt, als Hausgenossen in Gottes Haus, zusammen mit seinem Volk Israel, dem Judentum. Jakobus, ich habe das erwähnt in der Apostelgeschichte, beruft sich dabei auf Amos. Und sagt, wir gehören in dieses eine Haus. Schon bei Amos hat Gott sich den Völkern zugewendet. Wir sind erwählt, nicht an Stadt, aber mit Israel zusammen. Wir gehören dazu. Amos 9 Vers 7 hebt die Erwählung nicht auf. Er sagt, ich habe die Koshitten erwählt, aber euch eben auch. Und ich habe meine Geschichte mit den Philistern und den Aramäern, aber das hebt eure Geschichte ja nicht auf. Ihr seid erwählt, wir sind erwählt. Wir verstehen uns als erwählt. Aber Gott ist größer. Gott ist größer als unsere Erwählung.
Gott hat eine eigene Geschichte mit diesen Völkern. Eine Geschichte, von der wir eigentlich nichts wissen. Und deshalb stehen wir heute vor der theologischen Herausforderung, zu klären, wie sich die Offenbarung Gottes in Israel und in Jesus Christus zur Realität und Existenz anderer Religionen verhält. Sind die einfach falsch und wir sind richtig? Oder hat Gott eine Geschichte auch mit den Muslimen oder den Hindus oder den Buddhisten, sowie er eine Geschichte mit den Philistern und den Aramäern und den Koshiten hat? Ohne, dass irgendwo im Alten Testament gesagt wird, die müssten jetzt sich zum Judentum bekehren. Das sind Fragen. Das sind offene Fragen. Ich habe auch keine Antwort. Ich glaube nur, wir stehen vor diesen Fragen.
Und ich bin der Überzeugung, dass wir keine guten Antworten finden werden, wenn wir uns nicht auf die Traditionen der Heiligen Schrift stützen. Eine davon, ein schmaler Ausschnitt, ist das Buch Amos. Aber ein, wie ich finde, sehr wichtiger und vor allem sehr lohnenswerter Ausschnitt.
Das Amos Buch | 9.7.2
Das Buch Amos lässt sich als spannendes Geschichtsbuch lesen. Es erwähnt Kriege und Grausamkeiten, Unrecht und Ausbeutung in einer Zeit, als Israel bereits in ein Nord- und ein Südreich zerfallen war, als aufstrebende Völker die Israeliten bedrohten und eine reiche Oberschicht die Armen und Schwachen ausnahmen. Es erklärt, was der Gott Israels mit anderen Völkern dieser Zeit zu tun hatte und warum Israel so gar nicht um seinen Status als auserwähltes Volk zu beneiden ist.
Das Buch Amos lässt sich aber auch als zeitlose Kritik am Zustand unserer heutigen Gesellschaft lesen. Es erwähnt Ausbeutung und Missbrauch durch die Oberschicht, Betrug an der Unterschicht und zeigt, dass damals wie heute Sozialkritiker mundtot gemacht werden. Es erklärt, was der Gott Israels auch mit jedem von uns im Hier und Jetzt zu tun hat und wie wir auch heute wieder sehenden Auges Richtung Abgrund rennen.