Die Frage kommt aus dem Nichts wie ein Autounfall: »Papa, stirbst du auch?« Was antwortet man darauf? »Ja klar, du ja auch.«? Wir reden nicht gern über den Tod. Er existiert in der modernen Welt nicht. Heute geht es um Karriere, Schönheit, Jungsein. Nicht um den Tod. Gestorben wird im Krankenhaus oder Altenheim, über den Tod spricht man höchstens bei Beerdigungen. Was danach kommt, dazu hat jeder eine andere Meinung. Und einen Toten hat sowieso kaum jemand gesehen, der nicht alt genug ist, um alte Eltern zu haben. Wir haben also so gut wie nichts mit dem Tod zu tun. Außer wenn er wie ein Autounfall, ein Attentat oder eine schwere Krankheit über uns hereinbricht. Wie spricht man in solch einer scheinbar unsterblichen Welt mit einem Kind über den Tod, wenn es wissen will: Müssen Papa und Mama auch sterben? Wer kümmert sich dann um mich? Und was kommt nach dem Tod? Siegfried Zimmer erklärt, wie Eltern mit Kindern über Tod und Sterben sprechen können, was die Forschung über das Todesbewusstsein von Kindern weiß und was passiert, wenn man mit Kindern nicht über den Tod redet.

Die allermeisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Es soll glücklich sein, spielen, toben, lachen – und lernen natürlich, Mathe, Englisch, Kunst, Koreanisch, Astronomie. Aber bloß nicht: Diese Sache mit Gott. Da halten sich moderne Eltern lieber zurück. Religiöse Erziehung ist in den meisten westlichen Ländern umstritten. Weil immer weniger Menschen einer Religionsgemeinschaft angehören. Weil immer weniger Menschen es selbstverständlich finden, dass Kinder religiös erzogen werden. Weil sich immer weniger Menschen einig darüber sind, in welcher Religion ihr Kind überhaupt erzogen werden soll. Und überhaupt: Sind Kinder nicht eigentlich glücklicher ohne religiöse Erziehung? Ist der Glaube nicht längst durch die Naturwissenschaften widerlegt worden? Und ist die religiöse Erziehung nicht schuld daran, dass Menschen sich des Glaubens wegen hassen?
Friedrich Schweitzer widerspricht. Er findet sogar: Kinder haben ein Recht auf Gott. Religiöse Erziehung, das Wissen also, dass es da einen Gott geben könnte, gibt ihnen einen Sinn jenseits von Karriere und Konsum, vermittelt ihnen bestimmte Werte, verleiht Selbstbewusstsein. Und beantwortet existentielle Fragen von Kindern, an denen Eltern ohne Gott oft scheitern.

In manchen Kindergärten und Schulklassen glaubt heute über die Hälfte der Kinder an Allah und Mohammed statt an Gott und Jesus. Viele andere Kinder wissen gar nicht, wer dieser Jesus war. Und dann sind da noch die Götter, die den meisten Menschen in westlichen Ländern wichtiger sind als irgendein übernatürlicher Gott: Konsum, Karriere und Selbstverwirklichung. Es ist eine schwierige Zeit für Eltern, die ihre Kinder christlich erziehen wollen. Zumal der Ruf der »christlichen Erziehung« nicht makellos ist. Dabei waren es evangelische Pädagogen, die Bildung für alle Kinder forderten, auch für die Armen. Die Reformation des christlichen Glaubens war nicht zuletzt auch eine Bildungsreform.
Friedrich Schweitzer, Professor für Religionspädagogik und Praktische Theologie in Tübingen, erklärt, was verantwortungsvolle christliche Erziehung überhaupt ist, was christliche Erziehung mit Demokratie zu tun hat und warum religiöse Bildung eine Pflicht aller Eltern ist, auch jener, die an keinen Gott glauben. Und er stellt sich auch der gängigen Kritik gegen christliche Erziehung: Widerspricht sie modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen? Und stört sie in einer multikulturellen Gesellschaft nicht sogar das friedliche Zusammenleben?

Im Mittelalter waren die Sakramente die Grundlage des kirchlichen Lebens. Man war der Meinung, die Sakramentshandlung bewirke mehr als bloße Worte. Die Sakramente vermitteln »das Heil«. An die Stelle dieses »solo sacramento« der mittelalterlichen Kirche setzte Luther ein »solo verbo« (allein das Wort). Darin besteht bis heute eine konfessionelle Grunddifferenz zwischen der evangelischen und der katholischen Theologie. Mit »solo verbo« meint Luther nicht etwa die Bibel sondern das mündliche Wort der Zusage beziheungsweise des Evangeliums. Auch die Sakramente sind für Luther eine Gestalt des Wortes. Das Wort gibt den Sakramenten ihre Kraft. Luther denkt dabei an die Zusage »Ich taufe Dich zur Vergebung der Sünden« und »Dies ist mein Leib, für euch gegeben und mein Blut, für euch geflossen.“
Ausgehend von dieser neuen Wesensbestimmung der Sakramente in der Theologie Martin Luthers erläutert Siegfried Zimmer weitere charakteristische Merkmale des reformatorischen Sakramentsverständnisses. Es geht dabei vor allem um das Wesen, den Nutzen, die Bedeutung und den Empfang der Sakramente. Dabei meint Luther mit dem Begriff Sakramente, den er durchaus als problematisch empfand, stets die Taufe und das Abendmahl. Der Vortrag über Luthers Sakramentsverständnis regt dazu an über die eigene Sicht der Sakramente nachzudenken: Wie wichtig sind Taufe und Abendmahl für mein christliches Leben?

In manchen christlichen Kreisen werden zwei Aspekte immer wieder betont: »Gott beschenkt zwar den Menschen, aber der Mensch muss dieses Geschenk auch annehmen«. Und: »Der Gehorsam ist das Wichtigste. Es kommt darauf an, dass wir Gott gehorchen.« Beide Akzentsetzungen sind problematisch und führen schneller und häufiger als viele denken in gesetzliche Engstirnigkeiten. Das Annehmen eines Geschenks wird in den Vordergrund gestellt, nicht die Überraschung und Freude, die das Geschenk bewirkt. Und die Vorrangstellung des Gehorsams führt bei vielen Christen zu einem dauerhaft schlechten Gewissen und dem deprimierenden Ein-druck: »Ich bin Gott nicht gut genug. Ich könnte noch viel mehr tun, als ich tue.« Martin Luther vermeidet aus viel Erfahrung in seinem reformatorischen Verständnis des Glaubens diese beiden schiefen Akzentsetzungen: Siegfried Zimmer erläutert, dass das Geschenk Gottes selbst bei Martin Luther im Vordergrund steht und bewirkt, wenn es in seiner Größe und Schönheit zum Leuchten kommt die Annahme im Menschen. Der Mensch wird dann freudig und spontan zugreifen. Dieses Zugreifen ist aber keinerlei Verdienst, auf den der Mensch sich etwas einbilden kann. Denn nicht der Gehorsam steht bei Luther im Vordergrund, sondern der Glaube, der in erster Linie ein Vertrauen ist. Je tiefer das Vertrauen zu Gott ist, desto leichter kommt der Gehorsam von ganz allein. Er ist eine Frucht des Vertrauens.
Diese reformatorische Freiheit gewinnt Luther durch die Vorrangstellung des Wortes vor dem Glauben. Das Wort der Zusage hat für ihn eine schöpferische Kraft und diese schöpferische Kraft verhilft dem Menschen zum Glauben. So wird Gott geehrt und nicht der bekehrte Mensch.

Wir alle sind Menschen, also weiß auch jeder, was ein Mensch ist. Richtig? Wenn es mal so einfach wäre. Was man im Mittelalter unter einem Menschen verstanden hat, unterscheidet sich nämlich sehr stark von dem, was Martin Luther über den Menschen lehrte. Inwiefern Martin Luthers Verständnis des Menschen gegenüber dem theologischen Denken seiner Zeit neu war, beschreibt Siegfried Zimmer. Was er zu Beginn seines Vortrags referiert, ist nicht ganz einfach, denn Zimmer erläutert zunächst einige grundlegende Begriffe der mittelalterlichen (scholastischen) Theologie. Doch es lohnt sich, genau zuzuhören und hier nicht die Geduld zu verlieren. Im Grunde geht es bei diesen differenzierten Äußerungen Zimmers um die wichtige Frage: Hat der Mensch einen freien Willen? Die Antwort schockiert. Während die mittelalterliche Theologie diese Frage bejaht, verneint sie Luther im Blick auf die heilsentscheidenden Aspekte der Beziehung des Menschen zu Gott. Luther zufolge kann der Mensch die tiefsten Regungen seines Herzens nicht selbst verändern. Nur Gott kann den Menschen dazu bewegen, ihn zu lieben und ihm zu vertrauen. Ob der Mensch sich für oder gegen Gott entscheidet, liegt nicht einfach in der Hand bzw. in der Verfügung des Menschen. Dennoch ist der Mensch nach Luther keine Marionette Gottes, sondern eine verantwortliche Person.
Gemäß Luther wird unser Leben viel stärker bereichert, wenn wir von Gott bewegt werden, als wenn wir nur um unseren eigenen Willen kreisen. Und schließlich ist Luthers Menschenverständnis vielleicht auch für uns moderne Menschen nicht nur ein (heilsamer!) Schock, sondern auch eine große Erleichterung und der Beginn der reformatorischen Freiheit.

In diesem Vortrag geht es um das Gesamtverständnis der Bergpredigt. Siegfried Zimmer stellt fünf verschiedene Verstehensmodelle der Bergpredigt vor, die in den letzten Jahrhunderten eine bedeutende Rolle gespielt haben. Dabei erstaunt, wie unterschiedlich die Bergpredigt verstanden worden ist. Doch dennoch ist keines dieser Verstehensmodelle ganz falsch, alle enthalten wichtige Wahrheitsmomente und fordern heraus: Wo steht man selbst in Blick auf diese fünf sehr unterschiedlichen Auslegungen?
Im zweiten Teil des Vortrags macht Siegfried Zimmer deutlich, dass auch keines dieser fünf Verstehensmodelle ganz dem entspricht, wie der Autor des Matthäus-Evangeliums die Bergpredigt versteht. Die Worte der Bergpredigt stammen zwar von Jesus, aber Matthäus hat diese Worte zu einer großen Komposition geformt (Mt 5-7), sie mit Rahmenverse eingefasst. Durch diese Rahmenverse drückt Matthäus seine eigene Sicht der Dinge aus und ermöglicht dem Leser eine verblüffende Erkenntnis: Der Gesamtsinn der Bergpredigt wird erkennbar, wenn man die Rahmenverse der Bergpredigt als Schlüssel zu ihrem Verständnis entdeckt.

Die Vorstellung, dass die Frau dem Mann zu gehorchen und der Mann das Sagen hat, die kennen wir eher aus einer anderen Zeit oder aus anderen Kulturen. Wir in der aufgeklärten westlichen Gesellschaft sind natürlich alle völlig gleichberechtigt. Wenn man dann doch versehentlich mal die Bibel aufschlägt, die Heilige Schrift des Christentums, auf dem unsere moderne westliche Gesellschaft unter anderem gründet, dann wird es schwierig. Dann steht da im Epheserbrief: „Die Frau sei dem Mann untertan.“ Da lässt sich schnell sagen: Die Bibel passt eben nicht mehr in unsere Zeit. Tatsächlich sind viele Weisungen in der Bibel für die Menschen der Antike geschrieben, erläutert Thorsten Dietz. Dass die Frau dem Mann, der Sklave seinem Herrn und Kinder ihren Eltern gehorchen sollen, hätte damals niemand infrage gestellt. Doch nach diesen ersten Worten formuliert Paulus Ideen , die in der Antike eigentlich unvorstellbar waren. Geradezu revolutionär. Ideen, die uns heute zum Teil selbstverständlich scheinen. Aber bei diesen Anweisungen, die sich nur an Männer richten, sollte mancher Ehegatte auch heutzutage nochmal ganz genau hinhören. Aber Achtung: Das könnte nämlich ungemütlicher werden, als Paulus Worte vom Mann als Haupt der Frau im ersten Moment klingen!

Darf die Frau in der Gemeinde sprechen? Gar lehren? Mitbestimmen? Über den Mann? Kaum einer würde das noch infrage stellen. Doch dann kommt Lettland und schließt Frauen auf einmal vom Pfarramt aus. Logisch, denken sich wahrscheinlich konservative Christen, in der Bibel steht es doch, dass Frauen in der Gemeinde den Mund halten sollen. Thorsten Dietz wagt es und nimmt tatsächlich erst einmal diese Haltung ein. Er verteidigt die konservative Auslegung der Paulusbriefe: Dass Frauen in der Gemeinde keine Leitungsämter übernehmen dürfen, sei eben eine natürlich Ordnung. Dass Frauen heutzutage als Pfarrerinnen arbeiten dürfen, sei nur auf Druck der nicht-christlichen Gesellschaft hin möglich geworden. Doch dann nimmt Thorsten Dietz die Position ein, die er wirklich vertritt. Er erklärt, was Paulus‘ Gebote in der damaligen Zeit bedeuteten. Er erzählt von frühen Feministinnen. Und erläutert, was die vermeintlich frauenfeindlichen Briefe des Paulus wirklich zu sagen haben.

Das Salz der Erde sollen wir sein? Also weiß, käuflich und in großen Mengen ungenießbar? Nein, das hat Jesus nicht gemeint, als er sagte: »Ihr seid das Salz der Erde.« Was Salz in der Antike bedeutete und welches​ Verständnis Jesus von Jüngerschaft hatte, erklärt Siegfried Zimmer. Salz war nicht einfach nur ein Gewürz neben Pfeffer, Paprika und Curry. Salz war heiß begehrt wie Gold. Salz konserviert und stoppt den Verwesungsprozess. Salz reinigt. Salz funktioniert nur in einer gewissen Menge, ein einzelnes Salzkorn ist wirkungslos. Und Salz ist das einzige Gewürz, das für unseren Körper überlebensnotwendig ist. So hoch denkt Jesus von Jüngerschaft. Damit verleiht er dem Leben und Wirken seiner Nachfolger eine universale Bedeutung. Deshalb schließt Siegfried Zimmer seinen Vortrag mit einem gewichtigen Satz: »Unterschätzt nicht das, was Gott aus euch noch machen kann.«

Schon der Umstand, dass Siegfried Zimmer den acht Sätzen der Seligpreisungen noch einen zweiten Vortrag widmet zeigt, welche Bedeutung und Brisanz diese Sätze haben. Während es Siegfried Zimmer bei seinem ersten Vortrag zu den Seligpreisungen um eine allgemeine Einführung geht und um die Interpretation der ersten Seligpreisung, beleuchtet der zweite Vortrag die Seligpreisungen zwei bis acht.
Diese acht Sätze gewinnen an Profil, wenn man wie Siegfried Zimmer zwei »Strophen« unterscheidet (Sätze 1-4 und 5-8). Die erste Strophe will unsere Aufmerksamkeit und Sensibilität vertiefen. Erst bei der zweiten Strophe handelt es sich um Ethik. Diese Strophe bringt die Ethik Jesu auf konzentrierte Weise zum Ausdruck: Barmherzigkeit als Grundlage. Ein Defizit in diesem Bereich kann durch nichts anderes ausgleichen werden. Und die beiden entscheidenden Werte in der Ethik Jesu sind Frieden und Gerechtigkeit. So betrachtet kann wohl niemand die Seligpreisungen Jesu hören, ohne in seinen bisherigen Seh- und Denkweisen hinterfragt zu werden.

Wie zynisch das klingt: »Glückwunsch, dass Du pleite bist.« »Glückwunsch, dass Du krank bist.« So zynisch muss auch der Beginn der Bergpredigt Jesu für seine Zeitgenossen geklungen haben. Die beginnt mit »Selig sind, die geistlich arm sind. Selig sind …«. Dieses fromme Wort »selig« bedeutet korrekt übersetzt: »zu beglückwünschen sind …«. Und dann geht es weiter damit, warum all diese Armen, Verfolgten, Hungernden angeblich so gut dran sind. Die Seligpreisungen sind einer der provokativsten Texte der Bibel, und Siegfried Zimmer seziert sie hier Satz für Satz. Die Seligpreisungen richten sich nicht allein an Christen oder Juden. Sondern an alle. In allen Ländern und Religionen sind Menschen arm, hungrig, verfolgt. Jeder, egal ob Christ, Jude, Buddhist, Muslim oder Atheist kann sich angesprochen fühlen. Mit diesen ersten Worten seiner programmatischen Rede holt Jesus die aus dem Dreck, die von niemandem beachtet werden. Und gibt denen ihre Würde zurück, die sich wertlos fühlen. Sie enthalten keine Gebote, keine Drohungen, kein »wenn, dann«, sondern bedingungslose Versprechen. Sie prägen sich direkt ein, und wenn es Musik dazu gäbe, wären sie ein Ohrwurm. Wer sie versteht, versteht die Botschaft Jesu. Deswegen lohnt es sich, genau hinzuhören.