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Jetzt will ich das Thema behandeln "Erlösungsspiritualität und Schöpfungsspiritualität". Ich wähle einen ganz bestimmten Einstieg in dieses Thema. Man nennt es in der Wissenschaftstheorie den "phänomenologischen Zugang". Der ist für die Religionspädagogik sehr wichtig. Ich liebe ihn auch sehr, er ist einer meiner bevorzugten Zugänge. Aber wichtig ist, dass man verschiedene Zugänge hat. Also der phänomenologische Zugang meint Folgendes: Wir gehen erstmal von der Beobachtung aus. Erstmal aufmerksam werden. Erstmal wahrnehmen.

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Erstmal hinschauen. Nicht gleich werten. Erstmal beobachten. Das so ungefähr meint der phänomenologische Zugang. Er ist ein Zugang aus der Beobachtung. Und Beobachtung meint schon: Diese Beobachtung sollte allen Menschen gleicherweise möglich sein. Also wir bewegen uns im phänomenologischen Zugang ganz lang auf einer gemeinsamen Ebene. Ob du Atheist bist oder Buddhist oder Christ - sei es drum, wir können doch alle drei was beobachten. Diese Bedeutung der Wahrnehmung hat sich in den letzten 20 Jahren in der Religionspädagogik enorm verstärkt. Sagen wir mal ganz grob, bis ungefähr zum Jahr 2000 verstand sich die Religionspädagogik als praktische Theologie. Sie gehört ja auch in den Disziplinen der Theologie in die praktische Theologie.

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Und deswegen hat sich die Religionspädagogik als Handlungswissenschaft verstanden. Ähnlich wie die Medizin, die versteht sich - ich weiß nicht, wie es heute ist - auch als Handlungswissenschaft. Es gibt ja einige so Handlungswissenschaften, Jurisprudenz auch zu einem erheblichen Teil und so weiter. Aber in den 2000er Jahren hat sich das tiefgreifend verändert. Ich glaube nicht, dass es heute noch einen wissenschaftlichen Religionspädagogen gibt, der sagt: Religionspädagogik ist eine Handlungswissenschaft. Es ist ganz still um diesen Begriff geworden, sondern man sagt immer mehr -und heute dürfte das schon eine Latte von Jahren Konsens sein: Die Religionspädagogik ist eine Wahrnehmungswissenschaft. Erst kommt die Wahrnehmung und dann das Handeln.

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Du kannst nicht sofort handeln. Du musst erstmal wahrnehmen. Also deswegen jetzt der phänomenologische Zugang. Ich gehe aus von bestimmten Beobachtungen, die jeder Mensch kennt und von denen ich annehme, dass jeder Mensch mir jetzt zustimmen wird. Ich beobachte am Leben, dass es im Leben der Menschen zwei Pole oder Phänomene gibt, nämlich: Es gibt im Leben allmählich ablaufende Vorgänge, vielleicht Millimeter für Millimeter. Du kannst gar nichts genau beobachten. Ich sage mal, eine Pflanze wächst, aber erst drei Monate später merkt man den Unterschied. Allmählich ablaufende, kontinuierliche Prozesse, das gibt es im Leben, das lehrt die Beobachtung.

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Es gibt im Leben aber auch plötzliche Ereignisse. Die kommen von heute auf morgen, irgendwelche Grenzerfahrungen, irgendwelche Begegnungen, und das ganze Leben sieht anders aus. Das gibt es auch. Also ich stelle fest: Es gibt im Leben kontinuierliche, allmähliche Abläufe, Entwicklungen, und es gibt im Leben plötzliche Begegnungen, Ereignisse von jetzt auf nachher. Es gibt Dinge im Leben, die musst du üben. Es ist also etwas Allmähliches. Wenn du ein guter Klavierspieler oder ein guter Gitarrenspieler werden willst, da kannst du dich nicht einfach entscheiden. Natürlich, irgendwo sind da auch Entscheidungen, aber du musst üben. Du kannst jetzt nicht sagen: Ich entscheide mich, ein erstklassiger Klavierspieler zu werden.

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So geht es nicht. Erstmal fünf Jahre lang Fingerübungen und so weiter. Also üben oder sich gewöhnen oder lernen oder reifen. Aber dann gibt es eben auch Vorgänge, da kannst du nicht üben, da kannst du nicht jahrelang dran arbeiten, sondern du musst dich entscheiden: Wohin fahre ich diesen Sommer in Urlaub? Da kannst du nicht jahrelang üben. Da musst du dich entscheiden. Oder: Welchen Beruf ergreife ich? Mit welchem Partner oder welcher Partnerin verbinde ich mich? Da kannst du eigentlich nicht jahrelang üben. Da musst du dich entscheiden. Also es gibt diese zwei Pole: üben und entscheiden. Beides gehört zum Leben.

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Keines kann fehlen. Jetzt habe ich mal eine Frage an euch. Die könnt ihr beantworten, wie ihr wollt. Ihr habt drei Minuten Zeit. Alleine oder zu zweit - macht, was ihr wollt. Folgende Frage: Was meint ihr? Was ist wichtiger für das Leben der Menschen oder für dein Leben: Die langsam ablaufenden, kontinuierlichen Prozesse oder die einschneidenden Begegnungen und Erlebnisse, die alles verändern können? Wenn man sich das mal für das ganze Leben überlegt - was meint ihr? Was ist wichtiger oder sind beide gleich wichtig? Die kontinuierlichen Entwicklungsprozesse oder die plötzlichen, tiefen Zäsuren, die wir erleben? Was meint ihr? Was ist wichtiger oder ist es gleich wichtig? Ja, also diese Frage, die ich euch gestellt habe, ist unbeantwortbar.

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Trotzdem lohnt es sich enorm, sich damit zu beschäftigen, sein Leben lang. Ja, das kann so sein oder kann so sein. Das kann man nicht pauschal sagen. Aber eines kann man sagen: Die plötzlichen, unstetigen Erlebnisse und Vorgänge können die stetigen Abläufe nicht ersetzen und nicht an ihre Stelle treten. Viele besondere Augenblicke machen noch keine Lebensgeschichte. Also das kann man mit Sicherheit sagen: Die plötzlichen, entscheidenden, unverhofften, tief einschneidenden Begegnungen und Erlebnisse, so wichtig sie sind - "Ich muss Ihnen leider sagen, dass der Tumor in Ihrem Gehirn bösartig ist",

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ja, da ist alles anders nach diesem Satz. Trotzdem, selbst bei diesem Satz muss man sich unbedingt darüber im Klaren sein: Die unstetigen, plötzlichen Dinge können niemals an die Stelle der langfristigen Dinge treten, können sie nicht ersetzen. Viele besondere Erlebnisse machen noch keine Lebensgeschichte. Der Punkt ist allerdings enorm wichtig. Gut, so weit mal. Wir haben eine erste Klärung erreicht. Jetzt kommt der zweite Schritt. Wie ist es in der Bibel? Die Bibel ist ein Buch voller Leben und deswegen spielt die Unterscheidung zwischen langfristigen, kontinuierlichen Abläufen und kurzfristigen, einschneidenden Begegnungen und Erlebnissen, Erfahrungen auch in der Bibel eine enorme Rolle.

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Und es ist gut, wenn wir uns diesem Punkt einmal bewusst stellen. Ich nehme an, ich weiß es nicht, ich kann mich täuschen - ich habe mich schon oft getäuscht -, aber ich nehme an, dass es viele Christen gibt, die über diesen Punkt noch gar nie mal bewusst nachgedacht haben. Und das hat allerdings gravierende Folgen, dass man sich nie fragt: Wie hängen eigentlich die langfristigen Entwicklungen und Abläufe und die einschneidenden Begegnungen zusammen, wie wird es in der Bibel gewichtet? Also der erste große Sinn des heutigen Nachmittags ist folgender:

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Ihr sollt einmal bewusst über diese Frage nachdenken und spüren lernen, dass es eine der grundlegenden Fragen des Lebens ist, auch des Christseins und der christlichen Spiritualität. Wie verhalten sich langfristige Abläufe und einschneidende Zäsuren in der Bibel zueinander? Die Frage lohnt sich zu klären und die kann man auch klären. Und wenn man sie geklärt hat, versteht man die Bibel deutlich besser. Gut, also machen wir uns mal auf diese Reise. Fangen wir mal an, diese Dinge zu klären. Ich wünsche mir, dass sie dann am Ende geklärt sind und dass ihr euch innerlich sagt: Heieiei, es war eine echte Klärung!

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Gut, also ich will zunächst, bevor ich in die Bibel reinschaue, noch in die christliche Tradition reinschauen. Die Tradition, hat Eberhard Jüngel, einer meiner großen Lehrer, gesagt, die Tradition verdient kritischen Respekt und respektvolle Kritik. So soll man mit der Tradition umgehen. Ich versuche es mal. In der Tradition der christlichen Theologie, der lutherischen Theologie, der reformierten Theologie, der evangelikalen Theologie, der pietistischen Theologie, der missionarisch-erwecklichen Theologie

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war deutlich zu erkennen: So über die Jahrhunderte hinweg lag ein deutlicher Schwerpunkt auf den unstetigen Dingen der Bibel, auf Gottes großen Taten. Es sind ja Erfahrungen, Erlebnisse, Gottes Taten. Und es war eine eigentümliche Fremdheit gegenüber den, ich sag's mal so, unscheinbaren, kontinuierlichen Abläufen. Die erschienen irgendwie als unwichtiger, als nicht so geistlich. Ja, und nicht nur bei diesen theologischen Strömungen, sondern auch in der politischen Theologie und in der Befreiungstheologie, die ja in vielen Dingen mit der evangelikalen Theologie und der pietistischen Theologie wirklich kontrovers in einem Kampf sich befinden,

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auch bei der politischen Theologie und bei der Befreiungstheologie war eine klare Neigung und Bevorzugung zu den ereignishaften Dingen der Bibel. Also obwohl diese theologischen Strömungen in anderen Dingen sehr kontrovers sind, an diesem Punkt waren sie alle gemeinsam. Interessant. Es interessierten sie vor allem die Ereignisse, die Befreiungen, das sind ja Ereignisse, Gottes große Taten, die sind überraschend, die kommen plötzlich und unverhofft. Und das stand im Mittelpunkt. Dass die christliche Tradition, alle diese Strömungen miteinander diese Neigung hatten, ist auch berechtigt. Das kann man gut verstehen, denn alle diese Strömungen, so unterschiedlich sie in anderen Dingen waren, konnten auf eine sehr breite biblische Grundlage Bezug nehmen.

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Denn die großen Taten Gottes sind die Grundlage des christlichen Glaubens. Ja, da kann man nichts dagegen sagen, gell? Also, ich will mal aufzeigen, dass diese Tradition, der ich mit respektvoller Kritik und kritischem Respekt gegenüberstehe, hier zu einem ganz großen Teil völlig im Recht war. Ich werde sie aber dann doch fundamental kritisieren. Ich bitte euch sehr, das dann nicht durcheinanderzubringen. Ich sage jetzt mal auf der einen Seite: Die gesamte christliche theologische Tradition, die eine stärkere Neigung und Aufmerksamkeit zu den biblischen Ereignissen und Taten Gottes hatte, hatte das zu Recht.

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Ich stimme dieser Tradition zu, habe aber dann an einer bestimmten Stelle eine nicht kleine, sondern fundamentale Kritik. Obwohl ich ihr von Herzen zustimme! Da müsst ihr jetzt ein bisschen differenzieren. Also gehen wir mal zu den ereignishaften Dingen, zu Gottes rettendem Handeln. Das steht in der Bibel völlig klar im Vordergrund. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Im Alten Testament beginnt es mit der Befreiung der hebräischen Fronarbeiter aus der Knechtschaft in Ägypten. Eines Tages waren sie nicht mehr da. Das ist also keine jahrelange Entwicklung, sondern das war eine Flucht in der Nacht und dann waren sie weg.

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Also ein sehr unstetiges Ereignis, völlig klar. Und das ist grundlegend für das Alte Testament. Gott ist ein Exodus-Gott, Gott ist Gott von Ägypten her, sagt Hosea mal. Das ist die grundlegende Tat, allein die Herausführungsformel, "Er führte uns heraus mit hochgerecktem Arm und ausgestreckter Hand", die allein kommt 130 Mal im Alten Testament vor. Also das ist nicht so ein Pipifax-Ereignis. Das ist grundlegend für die Gotteserfahrung. Gott ist ein befreiender Gott. Er führte sie heraus. Er führte sie dann durchs Schilfmeer - auch durch ein Wunder, die ägyptische Reiterei ist hinter ihnen her, aber dann geschah etwas Unstetiges. Sie fanden durch das Schilfmeer hindurch, und dann kommt der Einzug ins gelobte Land.

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Alles unstetige Ereignisse. Und im Land selber hat Gott ihnen geholfen gegen die Feinde, die Philister, die Ammoniter, Amoriter, was es alles gab. Es sind viele Kriege. Kriege sind unstetige Ereignisse. Also dann kamen die Propheten, die Propheten kündigten auch Ereignisse an, nämlich den Untergang Jerusalems zum Beispiel. Sie haben aber genau dargelegt, warum, dass es kein Naturschicksal ist, aber auch, dass ein Messias kommen wird. Vor dem allen steht die Berufung Abrahams, die Erzvätergeschichte. "Eines Tages", heißt es, also keine wochen-, monatelange Entwicklung, "eines Tages hörte Abraham die Stimme: 'Zieh aus aus deinem Vaterhaus und deiner Vaterstadt.'" Eines Tages.

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Und dann ging es los. Gehen wir zum Neuen Testament. Im Neuen Testament steht im Zentrum das Ereignis Jesu Christi. Das war nun wirklich ein Ereignis. Die Evangelien erzählen von seiner Geburt. Dann allerdings springen sie ziemlich weit. 30 Jahre übergehen sie. Da haben sie gar kein Interesse dran. Also wie Jesus sich kontinuierlich entwickelt hat, psychisch, kreativ, beruflich, das interessiert die Evangelien null. Aber dann kommt die Taufe bei Johannes dem Täufer, da wird Jesus an die Öffentlichkeit geschleudert, sehr unstetig. Und dann fängt er an zu verkündigen. Und in der Verkündigung ist ein Ereignis der Mittelpunkt: "Das Reich Gottes ist jetzt nahe herbeigekommen." Es wird nicht 300 Jahre kontinuierlich herbeikommen.

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Es ist jetzt nahe herbeigekommen. Und dann beruft er seine Jünger. Er reißt sie damit raus - völlig unstetig - aus ihrer gewohnten Umgebung. Und dann natürlich die Ereignisse Tod und Auferstehung Jesu. Sehr unstetig. Am dritten Tage auferstanden. Gestorben wahrscheinlich gegen 15 Uhr nachmittags. Also sehr unstetig. Dann kommt die Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag, ein Brausen zur Aussendung der Gemeinde. Und dann kommen noch die Ereignisse, auf die wir alle zugehen - wir leben in einer gewissen Zwischenzeit -, nämlich die Wiederkunft Jesu Christi und das Weltgericht und die Auferstehung der Toten. - Also ich fasse zusammen: Die ereignishafte Seite geht wie ein roter Faden durch die Bibel.

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Die Aufmerksamkeit der Bibel ist wahnsinnig auf diese Dinge konzentriert. Keine Frage. Stimmt so. Ist völlig klar. Ich stimme dem völlig zu. Und ich sage auch jetzt mal ganz klar: So soll es auch immer bleiben. Nachher habe ich aber eine fundamentale Kritik. Ich sage aber jetzt: So soll es immer bleiben. Erzählt nachher bloß nicht nur die Hälfte weiter! Ja, und jetzt kann man noch eine Beobachtung machen. Zu dieser Rettungsgeschichte der entscheidenden Taten Gottes gehört eine Sprache. Es passt zu ihr eine Sprache. Und das ist eine Sprache der Kontraste und der Scheidungen. Denn die Rettungsgeschichte Gottes hat eine scheidende Kraft. Also die Sprache ist vor allem eine Sprache der Substantive, und zwar der Kontraste.

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Ich sage mal so die wichtigsten Beispiele: Sünder und Gerechter. Glaube und Unglaube. Licht und Finsternis. Fleisch und Geist. Von oben, von unten. Gefangenschaft oder Freiheit. Alt und neu. Einst wart ihr das, jetzt aber seid ihr das. Also eine Sprache der Substantive, der Kontraste mit scheidender Kraft. Die tiefste Scheidung ist die Scheidung zwischen Gott und den Göttern. Da muss man nun wirklich unterscheiden. Da ist ein Kontrast. Also wir brauchen diese Kontraste. Wir brauchen diese scheidende Kraft.

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Und doch muss man feststellen, wenn man die Bibel ernst nimmt - ich sage mal so ein bisschen humorig: Wenn man bibeltreu sein will. Ich glaube nicht, dass es viele sind, aber nehmen wir mal an, einige wollen bibeltreu sein. Also wenn wir bibeltreu sein wollen - und das will ich unbedingt -, dann müssen wir aber jetzt feststellen: Es gibt noch eine andere Wirkungsweise Gottes an der Welt, und zwar die rettende Wirkungsweise. - Ach so, halt, das wollte ich noch sagen: Also es ist die Sprache der Substantive mit Kontrasten. Und das will ich noch weiter verstärken. Die allermeisten grundlegenden theologischen Begriffe beziehen sich auf Gottes Rettungswirken.

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Also der Begriff Glaube, der Begriff Versöhnung, der Begriff Berufung, der Begriff Reich Gottes, Kreuz und Auferstehung, Pfingsten und viele andere. Evangelium. Das ist das Evangelium vom rettenden Wirken Gottes in Jesus Christus. Das ist das Evangelium. Also alle diese grundlegenden Begriffe beziehen sich alle auf Gottes rettendes Wirken. Also ich will damit sagen, dass Gottes rettendes Wirken im Mittelpunkt des Interesses der Bibel steht. Da kann es keinen Zweifel geben. Das ist völlig klar und es soll auch immer klar bleiben.

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Und doch, ihr Lieben, jetzt kommt etwas, das vielleicht für manche irgendwie hier und da ein bisschen neu wird. Das rettende Wirken Gottes an der Welt ist nicht Gottes einziges Wirken an der Welt. Es gibt viele Christen und christliche Strömungen, die sind völlig einseitig fixiert und hypnotisiert auf Gottes rettendes Wirken an der Welt. Und das führt zu tiefgreifenden Schädigungen, die sie selber gar nicht in den Blick bekommen, weil sie gar nicht merken, wo da der Fehler liegt. Sie haben noch nie darüber nachgedacht: Ist Gottes rettendes Wirken, ist das Evangelium von Gottes rettendem Wirken in Jesus Christus das einzige Wirken Gottes an der Welt?

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Nein, stimmt nicht. Es ist unbiblisch. Es gibt nach der Bibel zwei Wirkungsweisen Gottes an der Welt. Zwei, nicht eine. Und dass ihr das jetzt lernt, und zwar mit dem ganzen Gewicht dieser Frage und mit der Klarheit im Gehirn, nicht Smog im Gehirn, sondern bitte Klarheit im Gehirn: Es gibt zwei Wirkungsweisen Gottes an der Welt. Die zweite Wirkungsweise geht ganz anders als die erste. Sie ist gar nicht ereignishaft. Da passiert gar nichts. Du kannst nichts bezeugen, du kannst nichts berichten, du kannst gar nichts datieren.

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Denn diese zweite Wirkungsweise Gottes an der Welt geschieht immer, fortwährend, kontinuierlich, ohne Unterlass. Wenn sie eine Sekunde unterbrochen wäre, wäre die Welt weg. Denn Gott erhält die Welt jede Sekunde. Und diese Wirkungsweise Gottes, die ist tiefgreifend anders als das rettende Wirken Gottes und wird auch ganz anders erfahren, denn es handelt sich hier gar nicht um Ereignisse. Diese Wirkungsweise Gottes nehmen manche gar nicht richtig wahr, da ist Nebel über Nebel - du hast doch Jesus, was brauchst du denn sonst noch? Zu dieser Wirkungsweise gehört auch eine Sprache, eine ganz andere Sprache.

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Zu dieser Wirkungsweise gehören Verben. Es gibt im Hebräischen des Alten Testaments über 60 Verben dieser Art, die gelten dieser anderen Wirkungsweise Gottes. Und diese Verben heißen zum Beispiel: wachsen, gedeihen, sich ausbreiten, groß werden, viel werden, stark werden, klug werden, lernen, erziehen und viele andere. Die hängen mit Gottes rettendem Wirken zunächst mal gar nicht zusammen. Es gibt über 60 solcher Verben. Es gibt im Hebräischen 16 Verben für "wachsen", 16 verschiedene Verben. Es gibt elf hebräische Verben für "sich ausbreiten".

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Da gibt es elf Verben! Es gibt vier Verben für "viel werden". Da gibt es im Hebräischen vier Verben. Drei Verben für erziehen" und so weiter. Also das ist ein sprachlicher Reichtum! Und es gibt Millionen Christen, denen hat das noch nie jemand gesagt und dass das irgendwie vielleicht wichtig wäre für ihre eigene Spiritualität. Ich glaube, sagen zu können: Das haben Millionen Christen noch nicht ein einziges Mal gehört. Dieses Wirken Gottes nennt man das segnende Wirken Gottes. Also ich stelle jetzt mal fest, ich betrete jetzt völlig neue Landschaften:

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Gott wirkt an dieser Welt auf zweierlei Weise. Er wirkt rettend und segnend. Und diese beiden Wirkungsweisen Gottes sind sehr unterschiedlich. Sie sind nicht verwandt. Sie werden auch niemals unter einen Oberbegriff gestellt, niemals. Das könnte man auch gar nicht, weil die so unterschiedlich sind. Vom Anfang bis zum Ende der Bibel werden diese beiden Wirkungsweisen nebeneinander genannt. Sie werden nie ineinander aufgelöst. Und es wird nie die eine Wirkungsweise auf die andere zurückgeführt. Auch nicht. Beide Wirkungsweisen sind gleich ursprünglich. Sie sind tief unterschiedlich. Sie werden völlig anders erfahren. Ja, jetzt stehen wir vor der spannenden Frage: Wie verhalten sich diese beiden Wirkungsweisen?

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Eine erste Erkenntnis, ich versuche sie so klar wie möglich zu sagen, denn jetzt kommt auf Klarheit alles an. So nebulöses Wischiwaschi, das habe ich schon in 300 Predigen gehört, aber nur nebulös, kein wirklicher Durchblick, irgendwelche nebelhaften Andeutungen. Nein, es bedarf hier wirklicher Klarheit, auf die man sich dann auch stellen kann. Und man merkt es diesen Leuten sofort an, die diese Klarheit gar nicht haben. Da können sie ja nichts dafür, das meine ich nicht herablassend, aber man merkt das sofort. Also, Gottes rettendes Handeln steht eindeutig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Bibel und soll auch immer so stehen bleiben.

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Und jetzt kommt meine Kritik, und die ist fundamental: Aber Gottes rettendes Handeln in der Bibel steht nicht so im Mittelpunkt, dass sein segnendes Handeln weniger wichtig wäre. So nicht. Also die Mittelpunktstellung des rettenden Handelns geht nicht auf Kosten der Bedeutung des Segens. Aber so war es hunderttausendfach. Denn hunderttausendfach hat man das die Kinder, die Jugendlichen gelehrt, es war eine Gehirnwäsche. Die wird man ziemlich schwer los, da müsst ihr ein bisschen kämpfen.

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Hunderttausendfach: "Gottes rettendes Handeln ist zentral." Das ist es ja auch, aber jetzt kommt der Fehler: "Und die zweite Seite, Gottes Schöpfungshandeln, ist zweitrangig." Das ist der fürchterliche, fundamentale, krank machende Fehler. Der hat Millionen Menschen an ihren Begabungen, Talenten, an ihrer Lebensfreude gehindert. Was da kaputtgegangen ist, ist unsäglich. Also Gottes rettendes Handeln ist zentral. Halleluja. Das macht aber Gottes Schöpfungshandeln nicht zweitrangig, sondern Gottes Schöpfungshandeln ist fundamental.

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Das ist die gesunde Verhältnisbestimmung, und ich sage euch, die ändert alles. Bis hin zur Sexualität und zum Hohen Lied. Das ändert alles. Gottes rettendes Handeln ist zentral, steht im Mittelpunkt wie ein roter Faden. Dazu gehören alle wichtigen theologischen Grundbegriffe, und wir brauchen die Sprache der Kontrasteunterscheidung. Amen, halleluja! Aber das alles steht nicht auf eine solche Weise im Mittelpunkt, dass man sagen könnte, also Gottes Schöpfungshandeln oder Segenshandeln ist zweitrangig. Nehmen wir mal das Apostolische Glaubensbekenntnis. Das hat ja 12 Sätze, das hat man extra so gemacht. Zählen wir mal die Sätze über die Schöpfung: "Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen." Das ist ja noch nicht ganz Schöpfung. Dann: "den Schöpfer des Himmels und der Erde".

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Ach du jemine, das war's dann. Das Wort "Segen" kommt gar nicht vor! Wenn ihr mal die Theologie des Alten Testaments von Klaus Westermann lest, der zeigt wirklich meisterhaft auf: Das Alte Testament unterscheidet überall zwischen dem rettenden Handeln Gottes und dem segnenden Handeln. Das sind die beiden grundlegenden Handlungsweisen, Wirkungsweisen Gottes. Das sind zwei Wirkungsweisen, nicht eine. Und die darf man nicht ineinander auflösen. Sie sind sehr unterschiedlich. Also man merkt am Apostolischen Glaubensbekenntnis: Die ganze Schöpfung -ja, am Anfang halt ein Satz. Aber jetzt bei Jesus Christus: "Empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus ... am dritten Tage auferstanden ..." Und dann: Heiliger Geist, Auferstehung der Toten, Vergebung der Sünden.

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Das ist ja zu 90 Prozent wirklich im Mittelpunkt des Interesses. Irgendwo ja auch berechtigt. Das Apostolische Glaubensbekenntnis hat seine gesegnete Geschichte. Aber ich will doch eines sagen: Nimm diesen kurzen ersten Glaubensartikel weg, und du kannst den zweiten und den dritten den Hasen geben. Kannst du tatsächlich. Die leben total vom ersten Artikel. Du kannst nicht sagen: Der Christusartikel und der Heilige-Geist-Artikel sind zentral und der Schöpfungsartikel ist zweitrangig. Nein, der Christusartikel und der Heilige-Geist-Artikel ist zentral - und der Schöpfungsartikel ist fundamental. Die fundamentale Aufgabe der Religionspädagogik ist es, die kreativen Entfaltungsmöglichkeiten der Kinder optimal zu fördern.

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Dazu gehört Fantasie, eine gute Didaktik, Ermutigung, dass die Kinder spüren: Hier wird meine Persönlichkeit vorangebracht. Das sollen die Kinder spüren, sie sollen die Bewunderung des Schöpfers lernen. Erstmal im Wassertropfen unter dem Mikroskop und was man so alles machen kann, seine eigenen Finger usw. Der Religionsunterricht kann niemals in Konkurrenz treten zum Fernsehen. Der hat nicht ein Prozent des Geldes zur Verfügung wie das Fernsehen. Aber der Religionsunterricht kann jeden Fernseher in die Flucht schlagen mit Übungen, die gar kein Geld kosten. Seine eigenen Finger einmal betrachten lernen, einen Wassertropfen, eine Schnecke, dazu brauchst du kein Geld.

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Aber ich sag dir: Die Kinder spüren das, das ist Vollkornbrot. Und das ist die fundamentale Aufgabe, dass die Kinder das spüren, dass ihre Entwicklungsmöglichkeiten, ihre Fantasie, ihre Begabungen, ihre Talente optimal gefördert werden. Und wenn du das nicht tust, dann komm bitte nicht mit dem Jesus. Das ist irgendwie ein bisschen geschmacklos. Aber Jesus ist ja nicht dazu da, jahrelange Versäumnisse im kreatürlichen Bereich zuzudecken. "Ich hab zwar da nicht an meiner Persönlichkeit gearbeitet und da nicht, aber ich bin gläubig." Da ist der Glaube kompensatorisch. Du hast zwar jahrelang versäumt, an deiner Persönlichkeit zu arbeiten und mit Kindern und Jugendlichen unterwegs zu sein -

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aber dann kommst du mit Jesus. Jesus ist keine Konkurrenz zur Schöpfung. Ist er nicht. Und Jesus ist nicht dazu da, Defizite in deiner Entwicklung zu vertuschen. Dazu ist Jesus nicht gekommen. Aber ich darf euch aus vielen Jahren Erfahrung und von hunderten von Religionspädagogen sagen: Wenn die Kinder spüren: "Der Reliunterricht bringt mich voran. Ich entwickle meine Persönlichkeit. Ich lerne die Schöpfung bewundern", dann darf ich euch sagen: Die Bewunderung des Schöpfers ist der beste Rahmen, um das Evangelium von Jesus Christus zu hören.

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Wenn sie den Schöpfer bewundern gelernt haben, darf ich euch sagen, hören sie zu. Wenn sie aber merken, der Reliunterricht, der Typ ist irgendwie zu schräg fürs normale Leben und didaktisch ist er auch langweilig und kritische Schüler kann er auch nicht verkraften - und dann erzählt er von Jesus. Ihr Lieben, nein, das geht nicht. Also wir müssen unterscheiden zwischen der fundamentalen Aufgabe der Spiritualität und der zentralen Aufgabe. Die zentrale Aufgabe der Religionspädagogik ist es, Kindern und Jugendlichen das Evangelium von Jesus Christus nahezubringen. Das ist die zentrale Aufgabe der Religionspädagogik. Aber unter Defiziten bei der fundamentalen Aufgabe wird das krank.

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Denn wenn das Evangelium kompensatorisch wird, ist es krank. Also ihr Lieben, es gibt zwei Wirkungsweisen Gottes an der Welt. Es gibt das segnende Wirken und das rettende Wirken. Das segnende Wirken beeindruckt viele Christen nicht so. Das ist nicht so sensationell, man kann es nicht so aufrühren. Da kann man keine großen Tagungen und Ereignisse mit machen. Das segnende Wirken ist unscheinbar, bescheiden, unaufdringlich, understatement. Aber wenn ihr in der christlichen Erziehung, in der christlichen Jugendarbeit oder auch in der Erwachsenenbildung diesen Leuten Jahr für Jahr Anregungen für ihre Persönlichkeitsentwicklung gebt, dann, das darf ich euch sagen, hören sie auch ganz anders zu. -

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Ich versuche, den Sack zuzumachen. Das Entscheidende, worum es mir geht, sind eigentlich zwei Dinge. Die erste Erkenntnis, ohne die tausend andere nicht möglich werden, ist: Gott wirkt an dieser Welt nicht nur auf die eine Weise, sondern auf zwei Weisen. Die eine ist zentral und die andere ist fundamental. Die eine steht also nicht so im Mittelpunkt, dass sie auf Kosten des anderen Wirkens geht. Der Erlöser arbeitet da nicht gegen den Schöpfer. Und die zweite Erkenntnis, die jetzt entscheidend ist: Es ist von größter Bedeutung, dass wir nicht nur erkennen, Gott wirkt an der Welt auf zweierlei Weise,

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sondern dass wir die Eigenständigkeit der zweiten Weise erkennen. Die zweite Weise steht nicht im Schlepptau der ersten. Jesus sagt: "Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gerechte." Das segnende Wirken Gottes hängt nicht vom Glauben ab. Ich darf euch versichern: Wenn es regnet, werden die Ungläubigen genauso nass wie die Gläubigen. Es gibt gar keinen Unterschied im Schöpfungshandeln Gottes. Das Schöpfungshandeln Gottes hängt überhaupt nicht vom Glauben ab, denn das segnende Handeln gilt ja auch allen Lebewesen, den Fischen, den Tieren, den Pflanzen. Bei denen ist ja nichts mit Glauben.

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Also erstmal muss man wissen: Alle die Gemeinden, die Strömungen, die Christen, die immer nur von einem Wirken Gottes an der Welt reden, sind einseitig, die merken vieles gar nicht. Sie werden der Fülle des Lebens nicht gerecht. Das rettende Handeln Gottes ist zentral, halleluja, aber es ist nicht allein. Und wer nur davon spricht, kann der Fülle des Lebens nicht gerecht werden, der Erziehung, der Bildung, der Arbeitswelt, der Wissenschaft. Sondern Gott segnet die ganze Schöpfung, alle Geschöpfe gleicherweise, die segnende Zuwendung Gottes zur Welt ist eine eigene Art der Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung.

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Wir müssen sie in den Blick bekommen in ihrer Bedeutung. Sie war immer im Blick zweitrangig, und dann heißt es gleich immer: "Du hast doch Jesus, was brauchst du da sportliche Begabung oder künstlerische oder Wissenschaft? Du hast doch Jesus!" Nein, Jesus ist kein Konkurrent für die menschliche Entwicklung. Viele Leute, viele Leute sind auf das nächste tiefe geistliche Erlebnis aus. Und das kann Ausdruck einer Flucht sein, weil man es jahrelang versäumt hat, an der eigenen Persönlichkeit geduldig, Schritt für Schritt, zu arbeiten. Ja, wenn die Erweckung kommt, dann geht alles von allein, dann macht das Gott schon, da kommt es dann gar nicht mehr drauf an. Das sind alles solche Fluchtversuche.

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Nein, dein kreatürlicher Bereich, deine Entwicklungschancen, deine Begabungen, die Arbeit an deiner eigenen Person sind bedeutend. Ich sage gleich noch drei wichtige Grundstichworte, die ich nicht mehr entfalten kann. Wir müssen unterscheiden zwischen Person und Persönlichkeit. Das ist ganz wichtig. Person ist jeder Mensch vom ersten Augenblick an nach der Geburt bis zum Tod. Der Säugling ist nicht weniger Person wie ein Sterbender. Die Person kann sich nicht entwickeln. Die Person ist ein reines Geschenk unseres Schöpfers. Er hat uns als Person erschaffen, das heißt, wir sind seine Geschöpfe, berufen zur Gemeinschaft mit ihm. Das heißt Person sein. Aber das ist sozusagen in unserem Gottesverhältnis, Coram Deo, sagt Luther. Vor Gott sind wir Person.

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Aber Coram Mundo, im Blick auf die Welt, sind wir Persönlichkeit. Und an der Persönlichkeit können und sollen wir arbeiten, Jahr für Jahr, durch Interessen, durch Bildung, durch Reisen, durch Gespräche. Gebt euch doch mal so selber das Versprechen: "Ich verspreche mir, dass ich meine Wahrnehmung Jahr für Jahr ausbaue. Meine Wahrnehmung soll Jahr für Jahr zunehmen, differenzierter werden." Und dann gibt es auch zwei Dinge, die ich kurz noch nennen will. Zum christlichen Glauben gehört die Selbstverleugnung. Unbedingt, unbedingt. Jesus sagt: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich." Also Christsein ist Kreuzesnachfolge.

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Unbedingt. Und zur Kreuzesnachfolge gehört die Selbstverleugnung. Was ist wohl mit Selbstverleugnung gemeint? Das kann man ungefähr so sagen: Seine eigenen Interessen und Bedürfnisse mal ganz hinten anstellen, mal andere nach vorne lassen. Dass Jesus Christus meine Pläne durchkreuzen darf. Ja, Jesus Christus darf meine Pläne durchkreuzen. Das Recht hat er. Sein Wille ist wichtiger als mein Wille. Also das ermöglicht uns dann die Selbstverleugnung. Und zwar nicht zähneknirschend, "verdammt nochmal, jetzt muss ich mich schon wieder selber verleugnen, so ein Mist". Nein, sondern von Herzen, mit einer gewissen Freude. Aber da müsst ihr jetzt Folgendes wissen, wenn ihr schöpfungsgemäß gesund sein wollt: Erst kommt die Selbstentfaltung und dann kommt die Selbstverleugnung.

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Niemand kann mit der Selbstverleugnung beginnen. Selbstverleugnung ist etwas für Erwachsene, aber nichts für Kinder und Jugendliche. Also je besser ihr euch entfaltet habt in der Schöpfungsspiritualität, desto größer werden eure Chancen, euch in entscheidenden Augenblicken auch zurückzunehmen und zu sagen: "Ja, jetzt darf der andere mal vor. Ich habe ja so viel Schönes erlebt, ich bin zufrieden und Christus darf jetzt mal meine Pläne durchkreuzen." Erst kommt die Selbstentfaltung und dann die Selbstverleugnung. Wenn du dich jahrelang nicht selber entfalten konntest, ja, was willst du denn dann überhaupt verleugnen?

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Du hast doch gar nichts, gell? Wer dir deine Flügel stutzt, hat die eigenen nicht benutzt. Warum hat er die eigenen nicht benutzt? Ja, weil seine Eltern ihm die Flügel auch schon gestutzt haben. Und so trägt sich das durch die Generationen weiter. Also Selbstverleugnung von Herzen her wird erst wirklich möglich durch eine glückliche Kindheit und Jugend und durch vorherige Selbstentfaltung. Eltern, die die Selbstentfaltung ihrer Kinder und Jugendlichen nicht fördern können, sollen bitte nicht von Selbstverleugnung quatschen. Und das andere, auch sehr wichtig: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Wie dich selbst.

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Die Selbstliebe ist die Voraussetzung der Nächstenliebe. Die Nächstenliebe wird zurückgebunden an die Selbstliebe. Die Selbstliebe hat die gleiche Qualität wie die Nächstenliebe. Man darf die nie in Konkurrenz bringen, gegeneinander ausspielen. Die christliche Tradition hat lange Zeit gelehrt: Die Liebe ist selbstlos. Das stimmt überhaupt nicht, denn zur Liebe gehört auf jeden Fall die Selbstbejahung. Die Liebe ist nicht selbstlos, sondern im entscheidenden Augenblick, wenn es wirklich drauf ankommt, dann kann sie selbstlos sein. Bis in den Tod. Aber das kann man nicht zum Dauerzustand erklären. Das ist der kranke Fehler. Also ein Christ liebt sich selbst. Zur Selbstliebe gehört ein liebevoller Umgang mit dem eigenen Körper, eine Bejahung der eigenen Sexualität, eine Bejahung der körperlichen Lust, siehe Hohes Lied.

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Dazu gehört auch, dass man die Aufgaben seines Lebens immer deutlicher wahrnimmt. Und zur Selbstliebe gehört auch, dass man seine Schwächen und Stärken sehen lernt. Schwächen und Stärken. Zur Selbstliebe gehört auch, dass man seine eigenen Fehler und seine eigene Schuld eingesteht. Das ist gar kein Widerspruch zur Selbstliebe. Das gehört zusammen. Denn die Selbstliebe darf nicht zur Selbsttäuschung führen, zu so einem idealisierten Bild. Es gibt ja so Leute, ich kenne auch einige aus dem Internet, die sind führende Gestalten des Christentums. Das ist also so was von angeberisch, wie die sich im Internet selber vorstellen. Das ist so was von lächerlich eigentlich und peinlich.

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Ja, das ist keine Selbstliebe. Das ist Selbstsucht. Selbstsucht. Man darf Selbstliebe nicht verwechseln mit Selbstsucht. Der Selbstsüchtige liebt sich nicht zu viel, er liebt sich zu wenig. Er muss kompensieren. Aber die Selbstliebe erträgt durchaus eine kritische Analyse meiner selbst. In der Selbstliebe sage ich mir: "Siggi, du bist ein Mängelwesen. Du hast Mängel und du bist ein kritikwürdiges Wesen." Das gehört zur Selbstliebe. Jahrhundertelang hat man gelehrt: Der christliche Glaube besteht darin, die Selbstliebe zu überwinden - die Selbstliebe galt als die größte Sünde - und dann selbstlos zu werden. Kein Mensch kann selbstlos werden. Ist der Selbstlose etwa sein Selbst los?

53:14
Der Selbstlose ist auf versteckte Weise sehr stark ich-orientiert. Und der Selbstlose wird es kaum vermeiden können, auf seine Selbstlosigkeit stolz zu sein. Und trotzdem ist er nicht wirklich zufrieden, denn er ignoriert seine eigenen schöpfungsgemäßen Bedürfnisse. Wenn er schon seine eigenen Bedürfnisse ignoriert, wie will er sie denn beim anderen erkennen? Beim Selbstlosen ist der andere, das Gegenüber, eigentlich nur eine Gelegenheit, wieder selbstlos zu sein. Also ich darf euch sagen: Ich will von niemand selbstlos geliebt werden. Das will ich nicht. Ich will demjenigen etwas bedeuten, der mich liebt. Also auch das ist ein grundlegender Fehler. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst":

54:12
Die Selbstliebe ist die Voraussetzung der Nächstenliebe. Und Selbstverleugnung setzt Selbstentfaltung voraus. Alle diese Akzente erwachsen auf folgender Erkenntnis: Gott handelt nicht nur auf eine Weise an der Welt, sondern auf zwei tief verschiedene Weisen. Nämlich rettend und segnend. Und sein segnendes Wirken hat eine ganz eigenständige Bedeutung, unabhängig von seinem rettenden Wirken. Die Leute in meiner Klasse, die sehe ich eben als Gottes Geschöpfe an. Wenn sie zum Glauben finden, umso besser. Aber erstmal sind sie genauso Gottes Geschöpfe wie ich. Gut, ihr Lieben, ich habe das Gefühl, ich habe das meiste gesagt von dem, was mir gerade so eingefallen ist.

55:12
Ihr habt ja ein Leben lang Zeit, darüber nachzudenken. Also ich möchte euch Folgendes wünschen: Entwickelt euch gut!

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Erlösungsspiritualität und Schöpfungsspiritualität | 13.10.2

Worthaus Sommercamp 2023 – Volkenroda: 6. August 2023 von Prof. Dr. Siegfried Zimmer

Woran erinnern wir uns, wenn wir an unsere Kindheit denken? An die Einschulung mit der großen Schultüte vielleicht, an die Geburt eines Geschwisterchens, an das erste Verliebtsein – die großen Momente. Woran wir seltener denken, ist das tägliche Essen auf dem Tisch, die gewaschenen Kleider im Schrank, Hand in Hand mit dem Vater zum Kindergarten gehen. So funktioniert auch die Bibel. Sie erzählt von den großen Momenten, vom rettenden Eingreifen Gottes. Weniger von den allmählichen Vorgängen, vom stetigen Lenken des Schöpfers.
Siegfried Zimmer stellt hier die entscheidende Frage: Was ist wichtiger für unser Leben – die plötzlichen oder die allmählichen Vorgänge? In diesem Vortrag erklärt er, wie das Plötzliche und das Allmähliche in der Bibel gewichtet werden, warum das Staunen über die kontinuierlichen Vorgänge nicht nur für Kinder entscheidend ist und woran wir festhalten müssen, um unser ganzes Potential zu entfalten.