Ich möchte gerne beginnen mit einer Bemerkung eines Theologen, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle gespielt hat, nämlich William Wrede. William Wrede war ein Neutestamentler, der in Göttingen gelehrt hat und dort zu einem Kreis von Gelehrten gehört hat, die sich die Religionsgeschichtliche Schule nannten. Und William Wrede ist bekannt geworden vor allem durch ein Buch über die Evangelien. Aber er hat daneben auch ein kleines, aber sehr bemerkenswertes Buch über Paulus geschrieben. Das heißt einfach Paulus. Und in diesem Buch stellt
er am Ende fest, dass Paulus der zweite Stifter des Christentums gewesen sei. Und mit dieser Bemerkung über Paulus als zweiten Stifter des Christentums möchte ich gerne einsteigen, weil das etwas durchaus Substantielles sagt über Paulus, was uns als Annäherung an die Person und auch an das Wirken von Paulus dienen kann. Was Wrede damit meinte, ist, dass Paulus der zweite Stifter des Christentums nach Jesus gewesen sei. Und das war zu seiner Zeit durchaus eine sehr kontroverse und dann auch viel diskutierte Aussage, weil das gängige Verständnis, dass man im Christentum hatte und wahrscheinlich weitgehend auch immer noch hat, ist ja, dass Jesus das
Christentum begründet hat und dass das Christentum auf das Wirken und die Lehre Jesu zurückzuführen ist. Nun findet sich bei Paulus wenig bis nichts über das Wirken und die Lehre Jesu. Das ist eine vielleicht zunächst erstaunliche und auch erklärungsbedürftige Aussage. Und das ist auch der Grund dafür, weshalb Wrede gesagt hat, man kann Jesus und Paulus nicht einfach in Kontinuität zueinander sehen, sondern man muss hier eine Differenz im Zugang zu dem, was christlicher Glaube ist, feststellen. Bei Jesus ist es ja so, dass er innerhalb des Judentums seiner Zeit gewirkt hat und dass er in Gleichnissen gelehrt hat, dass er Menschen geheilt hat, dass er Jünger berufen hat und so weiter. Und bei Paulus findet sich von all dem nichts. Also die Theologie des Paulus basiert
nicht darauf, dass er dasjenige, was Jesus getan hat, weiterführen würde. Also bei Paulus finden sich keine Aussagen darüber, was Jesus gelehrt hat, etwa in der Bergpredigt oder in Gleichnissen, oder was Jesus getan hat im Heilen von Menschen oder Ähnliches. Darauf basiert die Theologie des Paulus also nicht, sondern Paulus hat einen anderen Zugang zu dem, was der Kern des christlichen Glaubens ist. Und streng genommen kann man von christlichem Glauben bei Jesus auch nicht reden, weil Jesus zunächst in seine Nachfolge einzutreten aufgefordert hat. Also er hat Menschen dazu aufgerufen, in seine Nachfolge, in den Kreis, der von ihm gegründet wurde, einzutreten und auch an seinem Wirken teilzunehmen. Vor allem der engere Kreis der Jünger Jesu war aufgefordert dazu,
an seinem Wirken unmittelbar teilzunehmen. Von christlichem Glauben kann man eigentlich erst in dem Moment reden, wo über Jesus selber etwas gesagt wird. Also nicht von ihm, sondern über ihn, nämlich dass er derjenige sei, der von Gott zur Rettung der Menschen in die Welt gesandt sei. Das ist eine Differenz, die man feststellen kann zunächst innerhalb des Neuen Testamentes, zwischen den Texten, die über Jesus sprechen, also den Evangelien, und zwischen den anderen Texten, die über das Wirken und über die Lehre von Jesus reden, die dieses also interpretieren. Und das ist eben eine entscheidende Differenz zwischen Jesus einerseits und Paulus andererseits. Und wir können deshalb sagen, dass sich mit Paulus etwas verbindet, was für die weitere Entwicklung des
Christentums als einem eigenständigen Glauben, der zunächst innerhalb des Judentums entsteht und sich auch bewegt in seiner Frühzeit, aber dann auch darüber hinausgeht, dass dafür Paulus eine ganz entscheidende und wichtige Figur gewesen ist. Ein weiterer Aspekt, um noch einmal auf Wrede zurückzukommen, ist der, dass er sagte, dass mit Paulus das Christentum auch deshalb auf eine bestimmte Stufe gehoben wird, weil er es universal interpretiert hat. Universal meint, dass der christliche Glaube prinzipiell allen Menschen offensteht. Das ist beim Wirken Jesu noch nicht in der Weise explizit, was einfach daran liegt, dass die Adressatinnen und Adressaten des Wirkens Jesu die Jüdinnen und Juden in dem Kontext waren, in dem Jesus gewirkt hat. Also vor allem in
Galiläa und dann auch in Judäa und Jerusalem. Bei Paulus ist es anders. Bei Paulus steht das Nachdenken darüber im Vordergrund, was eigentlich das Kommen Jesu bedeutet, und zwar für die Menschen insgesamt bedeutet. Also nicht nur für jüdische Menschen, wie Paulus selber einer war und wie Jesus auch einer war und wie die Nachfolger Jesu waren, sondern auch für nichtjüdische Menschen. Und damit, mit diesem Nachdenken darüber, was bedeutet das Kommen Jesu in die Welt oder was bedeutet die Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, so könnte man mit Paulus auch sagen, ist eigentlich etwas geschehen, was nicht nur für das jüdische Volk von Bedeutung ist, das natürlich auch und zuerst, aber auch für alle anderen Menschen. Und damit ist, so Wrede, und darin kann
man ihm zweifellos folgen, etwas für den christlichen Glauben Grundlegendes geschehen. Und vieles, was sich dann später entwickelt hat in der Geschichte des christlichen Glaubens, setzt dieses eigentlich immer voraus, was nicht nur von Paulus kommt, aber in einer wesentlichen Hinsicht von Paulus kommt. Deshalb kann man also sagen, dass die Grundlage dessen, was Paulus als das Evangelium bezeichnet - Evangelium ist für Paulus ein wichtiger Begriff, das ist dasjenige, was die Botschaft über Gott und Jesus Christus in ihrem Kern zusammenfasst - und deswegen kann man sagen, also das Wesentliche für Paulus oder für das Evangelium des Paulus ist, dass Gott durch Jesus Christus gehandelt hat, und zwar zum Heil aller Menschen. Das ist dasjenige, was für ihn am Anfang steht. Man kann sich dieses Verhältnis zwischen Paulus und Jesus daran verdeutlichen,
dass Paulus an zwei Stellen etwas zitiert, was er schon selber als eine Überlieferung bekommen hat, also was er in seinen Briefen, die er schreibt, bereits als eine ihm vorliegende Überlieferung voraussetzt. Diese beiden Stellen finden sich im ersten Korintherbrief. Und anhand dieser beiden Stellen will ich dieses Verhältnis von Paulus zu Jesus einerseits und das, was die Grundlage des Evangeliums des Paulus ist andererseits, Ihnen etwas verdeutlichen. Wie gesagt, beide Stellen finden sich im ersten Korintherbrief, und an beiden Stellen, deswegen kann man sie gut miteinander vergleichen, sagt Paulus, dass er der korinthischen Gemeinde etwas weitergegeben hat, was er selber empfangen hat. Also eine Überlieferung, die er selber schon empfangen hat und jetzt der korinthischen
Gemeinde weitergegeben hat. Also er beruft sich darauf, dass er sie ihr schon weitergegeben hat zu einem früheren Zeitpunkt. Die erste dieser Stellen befindet sich im elften Kapitel des ersten Korintherbriefes, und sie bezieht sich auf das letzte Mahl, also das Abendmahl, Jesu mit seinen Jüngern in Jerusalem. Und dort zitiert Paulus, was der Herr Jesus, wie Paulus immer sagt, wenn er sich auf Jesus bezieht, was er in der Nacht, in der er verraten wurde, gesagt und getan hat. Es heißt dort nämlich: In der Nacht, in der er verraten oder ausgeliefert wurde, könnte man das auch übersetzen, nahm er das Brot und dankte und brach es und gab es seinen Jüngern und so weiter. Sie kennen diese Stelle, also die Überlieferung vom letzten Mahl Jesu, bei dem Jesus selber diese Worte gesprochen hat, mit denen er das gebrochene und verteilte Brot auf seinen Leib gedeutet hat und den unter allen,
die an dem Mahl teilgenommen haben, herumgereichten Kelch auf sein Blut bezogen hat. Diese Worte also, die wir in einer bestimmten Fassung, nicht genau in dieser Fassung, wie sie sich bei Paulus findet, aber in einer bestimmten Fassung ja bis heute als sogenannte Einsetzungsworte zum Abendmahl in unseren Gottesdiensten sprechen. Das ist also eine Bezugnahme, eine der ganz wenigen direkten Bezugnahmen, die sich bei Paulus auf Jesus finden. Also er sagt hier: "In der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, nahm er", nämlich der Herr Jesus, den Paulus vorher genannt hatte, "das Brot" und so weiter. Wichtig daran ist, dass Paulus immer, wenn er solche Bezüge erwähnt, von dem "Herrn Jesus" spricht. Also nicht einfach nur den Namen Jesus nennt, sondern immer von dem Herrn Jesus oder von
dem "Herrn Jesus Christus" spricht. Das ist deshalb wichtig für Paulus, weil mit dem Begriff Herr, das griechische Wort dafür ist Kyrios, für Paulus gemeint ist, dass es sich um denjenigen handelt, den Gott von den Toten auferweckt und zu sich erhöht hat. Also der "Herr Jesus" ist derjenige, der von uns angerufen wird, als derjenige, der von Gott auferweckt und erhöht wurde. Das ist für Paulus ganz wichtig, und das verbindet sich für ihn mit diesem Ausdruck "Herr". Also "Herr" ist in der antiken Welt ein Ausdruck, der für Götter oder entsprechend die weibliche Form auch "Kyria", also "Herrin" könnte man das übersetzen, für Göttinnen verwendet wurde. Und dieser Ausdruck wird auch in der griechischen Sprache für Gott selber verwendet. In jüdischen Texten etwa finden wir diesen
Ausdruck auch für Gott selber. Und Paulus verwendet ihn für den auferweckten und erhöhten Herrn. Das ist das, was die Christen tun, wenn sie zu Jesus rufen, wenn sie zu Jesus beten, dann beten sie oder rufen sie "Herr Jesus" oder "Herr Jesus Christus". Und an dieser Stelle, die ich gerade genannt habe aus 1. Korinther 11, meint das also, dass Jesus, der dieses Mahl eingesetzt hat, für Paulus derjenige ist, der von Gott auferweckt und erhöht wurde. Also man kann sagen, dass der irdische Jesus, also der Jesus, der eben in Galiläa gelebt und gewirkt hat und dann in Jerusalem gekreuzigt wurde, für Paulus deshalb und nur deshalb von Bedeutung ist, weil er mit demjenigen identisch ist, der von Gott auferweckt und erhöht wurde und jetzt zu seiner Rechten sitzt. Das ist für Paulus also ein genuiner Zusammenhang, und nur deshalb spricht er überhaupt von dem "Herrn Jesus",
weil es eben derjenige ist, an dem Gott in dieser Weise gehandelt hat. Auch diese Einsetzung des letzten Mahles, die ich gerade eben erwähnt hatte, ist für Paulus deshalb eben von Bedeutung, weil hier von "dem Herrn Jesus" in dem eben genannten Sinne die Rede ist. Eine zweite Stelle findet sich kurz danach im 1. Korintherbrief im 15. Kapitel, und auch an dieser Stelle leitet Paulus das ein, dass er den Korinthern etwas weitergegeben hat, was er selber schon empfangen hat. Und hier redet er nun nicht von etwas, was der Herr Jesus gesagt oder getan hat, sondern hier redet er davon, was das Evangelium ist. Also das Evangelium, das er der korinthischen Gemeinde verkündigt hat, was er selber empfangen hat und ihnen weitergegeben hat. Und dann zitiert er in einer kurzen Formulierung den Inhalt dieses Evangeliums. Und er heißt, das nämlich, also das Evangelium, was er ihnen weitergegeben hat,
hat nämlich zum Inhalt, dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften, und dass er begraben wurde und auferweckt wurde, gemäß den Schriften, und dass er erschienen ist, dem Kephas und dann auch den Zwölfen, und dann nennt Paulus noch weitere Personen, denen der Auferstandene auch erschienen ist, zuletzt er selber. Also zuletzt nennt Paulus sich selber in dieser Reihe der Auferstehungszeugen. Hier in 1. Korinther 15 redet Paulus also von dem zentralen, von dem maßgeblichen Inhalt des Evangeliums. Also was ist der Kern der Botschaft von Jesus Christus? Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden und dass er begraben wurde und auferweckt wurde am dritten Tag nach den Schriften und erschienen ist. Und dieses, dieses Geschehen, liegt für ihn also auf derselben Ebene wie die Rede davon, dass der
Herr Jesus in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, etwas getan hat, nämlich dieses Mahl eingesetzt hat. Was man daraus sehen kann, aus diesem Beispiel, ist, dass für Paulus eben die Rede davon, was über Jesus als Person zu sagen ist, auf genau derselben Ebene liegt wie dasjenige, was über den Inhalt des Evangeliums zu sagen ist. Unabhängig davon ist es für Paulus nicht von Interesse, irgendetwas über Jesus zu erzählen. Und deswegen entwickelt er seine Theologie auch nicht in Weiterführung dessen, was Jesus gesagt und getan und gelehrt hat. Also Paulus interpretiert keine Gleichnisse von Jesus und erzählt nicht von irgendwelchen anderen Inhalten des Wirkens Jesus, sondern er interpretiert eben diesen Inhalt des Evangeliums. Nun kann man sagen, vielleicht wusste Paulus nichts davon, was Jesus überhaupt gesagt und gelehrt hat. Oder man kann auch sagen, vielleicht wusste er es, aber es erschien ihm für seine Briefe nicht maßgeblich. Wie auch immer,
das kann man nicht genau wissen, darüber kann man nur spekulieren. Entscheidend aber ist, dass in den Briefen, die wir von Paulus haben im Neuen Testament, immer das Nachdenken darüber, was das Handeln Gottes durch Jesus Christus bedeutet, im Mittelpunkt steht. In verschiedenen Hinsichten, zu denen ich jetzt im Folgenden noch etwas sagen will. Das ist zunächst als Grundlegung für das Denken des Paulus wichtig, und das muss man zunächst verstehen, wenn man sich mit Paulus beschäftigt. Man kann sagen, was daraus folgt, und das ist auch eine weit verbreitete Auffassung: Bei Paulus ist es irgendwie immer kompliziert, und es geht immer um Sünde und Gerechtigkeit und Sühne für unsere Sünden und solche schweren theologischen Dinge, die man den Menschen kaum vermitteln kann. Und wir halten uns doch lieber an Jesus und die Bergpredigt, die ist leichter zu verstehen und so.
Aber so sollte man nicht an die Sache herangehen. Denn: Man muss sich gerade darauf, was das Nachdenken des Paulus über das Handeln Gottes durch Jesus Christus, was das bedeutet, das eben wie gesagt bei Paulus im Zentrum steht, darauf muss man sich einlassen, um zu verstehen, warum überhaupt aus dem, was Jesus getan hat, was er als ein irdischer Mensch gelehrt und getan hat und dann auch gelitten hat, warum das überhaupt bedeutungsvoll ist. Das ergibt sich ja nicht einfach von selber, sondern das verlangt ja ein tiefes Nachdenken darüber: Warum ist das eigentlich so wichtig? Und warum ist das bis heute wichtig? Und warum ist das etwas, was für das Heil der Menschen von Bedeutung ist? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich auf theologische Gedanken einlassen. Und dafür ist
Paulus eine sehr gute Adresse, weil er der erste ist, der darüber in einer sehr intensiven Weise nachgedacht hat, und auch deshalb, weil Paulus zu einer sehr einflussreichen und bedeutenden Figur in der Geschichte des Christentums geworden ist. Viele wichtige Theologen, viele wichtige Denker und Denkerinnen im Christentum haben sich natürlich mit Paulus beschäftigt. Also Augustinus ist eine prominente Figur, in der Reformationszeit natürlich, und man könnte viele andere Beispiele nennen, wo Paulus in der Geschichte des Christentums bedeutungsvoll geworden ist. Paulus selber, und damit käme ich zu meinem nächsten Aspekt, Paulus selber ist natürlich wie auch Jesus und alle anderen der frühen Zeit ein Jude, und zwar ist Paulus nicht wie Jesus und Petrus und andere
ein Jude aus Galiläa oder Judäa, also aus dem Bereich des Heiligen Landes, sondern er kommt aus der Diaspora, aus einer römischen Provinz mit Namen Kilikien und aus einer bestimmten Stadt mit dem Namen Tarsus. Das erwähnt er selber zwar nie, aber die Apostelgeschichte des Neuen Testamentes, die sich ja auch mit Paulus zu einem wesentlichen Teil beschäftigt, die spricht davon, die erwähnt dieses. Von daher wissen wir das. Also Paulus war ein Diaspora-Jude, und er war außerdem ein Pharisäer. Also er gehörte zu einer Richtung innerhalb des Judentums, die sich dadurch beschreiben lässt, dass sie in besonders intensiver Weise sich um die Interpretation der Thora gekümmert hat. Dafür ist diese Gruppierung der Pharisäer, eine der sehr wichtigen Gruppierungen im antiken Judentum,
bekannt, die ja auch im Neuen Testament sehr häufig genannt werden. Es ist die mit Abstand am häufigsten genannte jüdische Gruppierung im Neuen Testament, weil sie sich auch mit Jesus oft auseinandergesetzt haben. Und Paulus selber gehörte zu dieser Gruppe der Pharisäer. Und ein wichtiges Merkmal von ihnen ist eben, dass sie immer darüber nachgedacht haben, was die Thora, also Gottes Weisung für sein Volk, eigentlich bedeutet, wie sie auszulegen ist. Also die Thora ist natürlich immer auslegungsbedürftig, bis heute, weil viele Regelungen, die sich in der Thora finden, ja immer auf konkrete Situationen angewendet werden müssen. Also was bedeutet es, eben etwa den Sabbat zu halten? Was ist am Sabbat erlaubt, was ist nicht erlaubt? Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein, man kann an unterschiedlichen Stellen Grenzen ziehen. Das war im antiken Judentum so, das ist auch im heutigen Judentum nicht anders. Und viele andere Fragen eben, die mit der Thora zusammenhängen.
Das ist etwas, was für die Pharisäer charakteristisch war. Und Paulus gehörte zu dieser Gruppe, das sagt er selber explizit von sich an einer Stelle im Philipperbrief, dass er Pharisäer ist. Und auch in der Apostelgeschichte, die ich eben schon mal erwähnt hatte, wird das gesagt. Also da hält Paulus in der Darstellung des Verfassers der Apostelgeschichte an zwei Stellen Reden, in denen er darauf zu sprechen kommt, dass er selber Pharisäer gewesen ist. Also er gehörte zu dieser Richtung, die sich in intensiver Weise um die Auslegung der Thora kümmerte. Deswegen spielt auch die Thora oder das Gesetz, kann man auch sagen im Deutschen, für das Denken des Paulus eine ganz grundlegende Rolle. Das war vor seiner Hinwendung zum Christusglauben so, eben weil er dort dieser Richtung des Judentums angehörte. Und es war auch danach so. Also auch nachdem er sich zum Christusglauben
hingewendet hatte, spielte die Frage des jüdischen Gesetzes für Paulus eine ganz entscheidende Rolle. Er hat immer wieder darüber nachgedacht, was es eigentlich angesichts des Christusglaubens bedeutet, dass Gott seinem Volk die Thora gegeben hat. Was hat sich eigentlich verändert? Was hat sich durch den Christusglauben eigentlich verändert für die Thora? Das war für Paulus eine ganz entscheidende Frage. Ich werde darauf an späterer Stelle nochmal zurückkommen. Aber es ist auf jeden Fall etwas, woran man deutlich sehen kann, dass Paulus diesen Hintergrund im Judentum hat, eben diesen Hintergrund als ein Pharisäer. Als ein solcher Pharisäer hat Paulus Juden, die sich zu Christus bekannt haben, verfolgt. Das erzählt die Apostelgeschichte, das sagt Paulus auch selber an mehreren Stellen in seinen Briefen. Paulus hat nicht als Jude Christen verfolgt, sondern er hat als Jude andere Juden verfolgt, die sich zu Jesus Christus bekannt haben. Also
als christusgläubige Juden könnte man sie bezeichnen. Und zwar deshalb, weil er es als ein Verrat an den jüdischen Traditionen, an den jüdischen Schriften betrachtet hat, dass ein Gekreuzigter als der jüdische Messias verehrt wird. Das war für ihn ein Verrat daran, was der Messias nach jüdischer Vorstellung ist. Das stand für ihn in einem eklatanten Widerspruch, und er betrachtete das als einen Verrat an den jüdischen Traditionen. Das ist der Grund dafür, warum er in der Zeit, bevor er sich selber zum Christusglauben hingewendet hat, andere jüdische Menschen, die sich eben bereits zu Jesus Christus bekannt haben, verfolgt hat. Wie gesagt, diese Verfolgung wird in der Apostelgeschichte erwähnt, und Paulus erwähnt sie auch selber an mehreren Stellen. Dann ist für seine Hinwendung zum Christusglauben ein Ereignis ganz entscheidend,
was häufiger als Damaskuserlebnis bezeichnet wird, weil es sich in der Nähe von Damaskus zugetragen hat. Paulus war auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus, und dort muss sich etwas ereignet haben, was ihn dazu gebracht hat, diese Verfolgung zu beenden und sich fortan selber zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen. Dieser Bezug auf Damaskus und dieses Ereignis selber wird in der Apostelgeschichte in ausführlicher Weise dargestellt. Bei Paulus selber ist das anders. Paulus kommt an einigen wenigen Stellen in eher knappen Bemerkungen darauf zu sprechen, und er sagt dann, dass Gott ihm zum Beispiel seinen Sohn offenbart hat. Eine wichtige Passage im Galaterbrief, wo Paulus sagt, er habe zunächst die Gemeinde Gottes verfolgt, also die Gemeinde Gottes meint,
die Gemeinde in Jerusalem, die christliche Gemeinde in Jerusalem, und dann habe Gott ihm seinen Sohn offenbart. Und damit habe er eine neue Erkenntnis, eine neue Einsicht gewonnen. Und mit dieser Offenbarung des Sohnes Gottes verbunden war, so Paulus im Galaterbrief, ein Auftrag, nämlich der Auftrag, das Evangelium an die Heiden zu verkünden. Also Gott hat ihm aufgetragen, den Sohn Gottes unter den Heiden zu verkünden. Das ist eine Stelle, an der Paulus von dieser Wende in seinem Leben spricht. Es gibt noch ein paar andere Stellen, und was bei Paulus auffällt, ist, dass er es immer in dieser Weise schildert, dass ihm eine neue Einsicht vermittelt wurde. Also Gott hat ihm eine neue Erkenntnis vermittelt, also etwas, was er nicht einfach durch eigene
Überlegung gewonnen hat, sondern es ist etwas, was ihm von außen zugekommen ist, und was seine bisherige Überzeugung, man müsste den Christusglauben unterdrücken, weil er ein Verrat in den jüdischen Traditionen ist, grundlegend geändert hat. Nämlich so geändert hat, dass er diesen Glauben an Jesus Christus nunmehr selber aktiv für den Rest seines Lebens vertreten hat und sich diesem Dienst am Glauben an Jesus Christus verpflichtet hat. Also eine sehr grundlegende Wende in seinem Leben. Sie wird mitunter beschrieben als ein Berufungserlebnis. Das kann man durchaus sagen, das ist auch ein treffender Begriff, weil Paulus selber davon sprechen kann, dass Gott ihm eben etwas vermittelt hat und ihm einen bestimmten Auftrag erteilt hat und ihn damit in eine bestimmte Position berufen hat, nämlich nunmehr als Apostel Jesu Christi tätig zu sein. Und Apostel
war für Paulus ein wichtiger Ausdruck. So hat er sich immer bezeichnet in seinen Briefen. Und Apostel heißt: ein Gesandter. Das ist die Bedeutung dieses griechischen Wortes. Also einer, der gesandt ist, der von Gott gesandt ist, um eben die Botschaft von Jesus Christus zu verbreiten. Deshalb kann man also diesen Begriff Berufung durchaus dafür verwenden, was da passiert ist. Etwas schwieriger ist es mit dem Begriff Bekehrung, der auch gelegentlich verwendet wird dafür. Man kann das insofern rechtfertigen, als man sagen kann, Paulus hat vorher sozusagen das Gegenteil von dem gemacht, was er nach diesem Erlebnis getan hat. Insofern ist dieser Begriff der Bekehrung nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber man muss dann, wenn man diesen Begriff verwendet, beachten, dass man nicht damit die Vorstellung verbindet, Paulus habe sich vom Judentum zum Christentum bekehrt oder habe sich von seinem Judesein weg bekehrt oder so. Denn das ist nicht der
Fall. Paulus war auch nach diesem Erlebnis, nach diesem Geschehen, was da ihm widerfahren ist, weiterhin überzeugt von den jüdischen Traditionen. Und er beruft sich weiterhin auf die jüdischen Schriften und Traditionen, versteht sich auch weiterhin als Jude. Und er sagt nie, dass er mal Jude war und jetzt nicht mehr ist oder so, sondern er versteht sich immer als Jude, aber er versteht sich eben in neuer Weise als ein Jude. Also die jüdischen Schriften und Traditionen müssen in neuer Weise durchdacht werden. Das ist dann ganz wichtig für Paulus. Also wenn man diesen Begriff Bekehrung verwendet, dann muss man auf jeden Fall diesen Aspekt oder diese mögliche Interpretation ausklammern, weil das ein ganz falscher Zungenschlag wäre, wenn man sagen würde, damit hätte Paulus sein Judentum verlassen oder so. Das wäre eine ganz irrige Vorstellung. Auf jeden Fall war es für Paulus ein ganz entscheidendes Ereignis, was für ihn auch eine Wende in seinem
Leben bedeutete. Das war ihm auch selber bewusst, und das machte er gelegentlich in seinen Briefen auch deutlich, dass also diejenigen um ihn herum sich gewundert haben, dass der, der uns erst verfolgt hat, jetzt das Evangelium verkündigt. Also das ist natürlich etwas, was ganz entscheidend ist, auch für die Menschen, die ihn kannten, natürlich eine überraschende Wende in seinem Leben. Was genau sich da ereignet hat, können wir genauer als das, was ich jetzt ausgeführt habe, nicht sagen. Also Paulus macht eben diese Bemerkungen, die ich gerade genannt hatte. Die Apostelgeschichte schildert es etwas dramatischer, eben dass Paulus auf die Erde fällt und ein Licht sieht und eine Stimme hört, die zu ihm sagt, Saul, Saul, was verfolgst du mich? Also diese dramatischere Darstellung, die wir in der Apostelgeschichte haben. Und natürlich ist dieses Geschehen dann in der Rezeptionsgeschichte immer weiter ausgebaut worden. Sie kennen
vielleicht bildliche Darstellungen. Es gibt zahlreiche bildliche Darstellungen davon, wo dann auch noch ein Pferd dabei eine Rolle spielt. Paulus fällt vom Pferd und so. Das wurde im Neuen Testament gar nicht erwähnt. Also dieses Geschehen ist dann weiter ausgeschmückt worden, natürlich. Aber bei Paulus selber finden wir, wie gesagt, nur diese gerade genannten Hinweise darauf. Noch eine Klammerbemerkung dazu. Dieses Erlebnis, von dem ich gerade gesprochen habe, hat nichts mit dem Namen Saulus und Paulus zu tun. Also dieses im Deutschen ja sprichwörtliche "vom Saulus zum Paulus werden" oder so, das hat also mit diesem Geschehen gar nichts zu tun, sondern Shaul oder Saulus oder Saul ist einfach der hebräische Name von Paulus, der eben daher kommt, dass er dem Stamm Benjamin angehörte und der König, der israelitische König Saul ein Benjaminit, also aus dem
Stamm Benjamin war. Deswegen hatte Paulus wahrscheinlich auch diesen hebräischen Namen, Shaul oder Saul. Und dann hat er bei seinem Wirken im griechischen und römischen Bereich, also da nicht mehr im jüdischen Bereich, diesen griechischen beziehungsweise lateinischen Namen Paulus, wie er sich selber immer nennt. Also dieser Name Saul oder Saulus kommt nur in der Apostelgeschichte vor. Und Paulus nennt ihn nie. Paulus nennt sich immer Paulus. Also das ist die durchgängige Bezeichnung, die sich in seinen Briefen findet. Und das ist einfach ein anderer Name, sozusagen ein zweiter Name, mit dem sich Paulus eben im griechisch-römischen Kontext selber genannt hat. Auch die Apostelgeschichte verbindet diesen Wechsel des Namens nicht mit seiner Bekehrung übrigens oder mit diesem Berufungserlebnis, sondern in der Apostelgeschichte wird dieser Namenswechsel an
einer bestimmten Stelle eingeführt. Da heißt es einfach Saulus, der auch Paulus ist, in Kapitel 13 der Apostelgeschichte. Und von da an nennt die Apostelgeschichte ihn auch immer Paulus. Also dieses Erlebnis, über das ich gerade gesprochen habe, hat nichts mit diesem Namen zu tun. Aber es war eben ein ganz entscheidendes Erlebnis für Paulus, was ihn dazu gebracht hat, von nun an den Glauben an Jesus Christus selber sehr aktiv zu verkünden. Das passiert zunächst im Kontext einer bestimmten Gemeinde. Und das ist die Gemeinde an dem Ort, in der Stadt Antiochia, im damals syrischen Raum. Heute ist es im Gebiet der Türkei. Damals gehört es zu der römischen Provinz Syrien. Und in diesem Ort, in dieser größeren Stadt, war eine große Stadt im römischen Reich, Antiochia, in dieser Stadt war ein entscheidendes Ereignis dieses, dass sich eine christliche Gemeinde
gründete, die aus Juden und Nichtjuden bestand. Und das war etwas Neues. Die erste wichtige Gemeinde war in Jerusalem, aber die war rein jüdisch, die war vollständig im jüdischen Kontext. Hier in Antiochia passiert jetzt etwas Wichtiges, weil eine Gemeinde entsteht, zu der in gleicher Weise wie jüdische Menschen auch nichtjüdische gehören. Das war für den antiken Kontext insofern ungewöhnlich, weil es so etwas eigentlich nicht gab. Jüdische Gemeinden bestanden und bestehen aus jüdischen Menschen, aber nicht aus jüdischen und nichtjüdischen Menschen, und andere nichtjüdische Menschen gehören eben nicht irgendwie zu einer jüdischen Gemeinde. Und jetzt war eine Gemeinde entstanden, zu der beide Gruppen in gleicher Weise gehörten. Das war für den antiken
Kontext ungewöhnlich. Was dazu geführt hat, ist gar nicht so einfach zu sagen. Es wird wiederum in der Apostelgeschichte berichtet, dass Leute aus Jerusalem dorthin kamen und das Evangelium an Juden verkündeten, dann aber auch an Nichtjuden. Und die Apostelgeschichte verbindet es dann damit, dass dort in Antiochia die Jünger, also eine Bezeichnung ist das für die christusgläubigen Menschen, dass die dort in Antiochia zum ersten Mal Christianer oder Christen, könnten wir sagen, genannt wurden, also diese Bezeichnung, dass die dort zum ersten Mal aufgetaucht sei. Damit soll deutlich werden in dieser Darstellung der Apostelgeschichte, dass diese Gruppe hier zum ersten Mal als eine eigene identifiziert wurde. Also nicht als eine jüdische Gruppe, sondern als eine, die einen eigenen Charakter hat. Und das ist für Paulus und für dasjenige,
was sich mit dem Wirken von Paulus verbindet, deshalb wichtig, weil hier in Antiochia offenbar zum ersten Mal die Überzeugung entstanden ist, dass die Zugehörigkeit zu Jesus Christus, dass der Glaube an Jesus Christus frühere Unterschiede - eben in diesem Fall, ob man zum Judentum gehörte oder nicht zum Judentum - überwindet, dass das in Christus keine Rolle mehr spielt. Und auch andere Unterschiede, etwa sozialer Art zwischen Sklaven und Freien, was für die antike Gesellschaftsordnung ein ganz grundlegender Unterschied war, ob man zu den Sklaven oder zu den Freien gehörte. Oder sogar zwischen Männern und Frauen in der Gemeinde. Auch das war für antikes Verstehen zunächst ungewöhnlich. Also offenbar ist hier in Antiochia so eine wichtige Überzeugung entstanden, was Christusglaube eigentlich bedeutet im Blick
auf die Überwindung von Unterschieden, die bisher eigentlich grundlegend waren für die Strukturierung der Gesellschaft. Man kann in den Paulusbriefen mitunter Spuren davon finden. Ein bekannter Satz ist derjenige im Galaterbrief, im dritten Kapitel des Galaterbriefes. "Da ist weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, weder männlich noch weiblich. Ihr seid alle einer in Christus Jesus." Also das ist so ein Satz, den Paulus dort im Galaterbrief verwendet. Möglicherweise stammt der aus seiner antiochänischen Tradition, also aus dieser Tradition, die er aus der Gemeinde in Antiochia mitgebracht hat. Das ist deshalb von Interesse, weil Paulus hier in der Anfangszeit auf jeden Fall zu dieser Gemeinde von Antiochia gehört hat. Also nach seinem Erlebnis, was
ich eben genannt hatte, Berufung, Bekehrung, wie auch immer man es nennen will, hat er zunächst zu dieser Gemeinde von Antiochia gehört. Und die war eben in der Ausprägung früher Überzeugungen des christlichen Glaubens eine ganz entscheidende Gemeinde. Paulus hat sicher selber aktiv dazu beigetragen, dass sich hier bestimmte Überzeugungen ausgebildet haben. Und er ist auch selber geprägt davon, dass eben diese Überwindung von Unterschieden, also religiöser Art, sozialer Art und sogar geschlechtlicher Art, im Christusglauben etwas ist, was für die Verkündigung des Evangeliums von grundlegender Bedeutung ist. Dass dieses hier in der Gemeinde von Antiochia so wichtig geworden ist, hat dazu geführt, dass zwischen der Gemeinde von Antiochia und der Gemeinde von Jerusalem Unterschiede entstanden in der Frage, inwieweit denn nicht-jüdische Menschen zum Christusglauben
kommen können und in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden können. Das ist daher verständlich, dass natürlich zunächst für jüdische Menschen es entscheidend war, dass man, wenn man an den Gott Israels glaubt, sich auch an die Weisungen der Thora hält. Und tun das nun Nichtjuden, die zur Christusgemeinschaft gehören, genau so? Müssen die das genauso tun oder nicht? Diese Frage war also zunächst offen, und darüber gab es ein wichtiges Treffen zwischen Vertretern der Gemeinden aus Jerusalem und aus Antiochia. Das fand in Jerusalem statt. Leute aus Antiochia sind dort hingegangen und haben genau über diese Frage verhandelt. Wichtige Vertreter aus Antiochia waren eben Paulus selber und Barnabas, und wichtige Vertreter in Jerusalem waren Petrus,
Kephas, und Jakobus, der Bruder von Jesus, der eine führende Rolle spielte in der Gemeinde von Jerusalem, und auch noch andere, also etwa Johannes aus dem Zwölferkreis. Also es gab Leute, die eben hier bei diesem Treffen in Jerusalem eine wichtige Rolle spielten. Und bei diesem Treffen wurde die Vereinbarung geschlossen, dass Heiden sich nicht beschneiden lassen müssen. Also dass sie, das betrifft natürlich dann immer männliche Personen natürlich, dass sie also zum Christusglauben kommen können, dass sie in die christliche Gemeinde aufgenommen werden können, ohne dass sie sich beschneiden lassen müssen. Also in gewisser Weise war damit auch die Beschneidung als dasjenige Kriterium, was erfüllt sein muss, um eben zum Christusglauben zu kommen, sistiert, und darauf haben sich alle geeinigt. Also das muss nicht sein. Heiden können auch so zum Christusglauben kommen,
ohne dass sie sich dazu in das Judentum integrieren müssen. Das war ein äußeres Zeichen dafür, dass eben diese Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden in Christus aufgehoben sind. Also es gab ein neues Kriterium, was jetzt als integrierendes Kriterium wirkte anstelle der Beschneidung oder auch anderer - also es ging da vor allem um die Beschneidung - aber auch anderer jüdischer Regeln wie etwa der Einhaltung des Sabbats und anderes. Das neue Kriterium, was an dessen Stelle tritt, ist der Christusglaube, der besiegelt wird durch die Taufe, also Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde durch die Taufe. Und das galt für alle, Juden wie Nichtjuden. Und damit war ein neues integrierendes Moment geschaffen, was an die Stelle der bisherigen Zugehörigkeit zum jüdischen
Glauben, der eben durch die Beachtung der Thora dokumentiert wurde, galt. Diese Frage war deshalb wichtig, weil zur Übernahme des Glaubens an Jesus Christus, also wenn man als nichtjüdischer Mensch zum Christusglauben kam, immer auch verbunden war, dass man an den Gott Israels glaubt. Diese Verbindung war immer da, die wurde auch nie in Frage gestellt. Also man kann nicht an Jesus Christus glauben, ohne an den Gott Israels zu glauben. Und deswegen stellte sich die Frage auch immer: Was bedeutet nun eigentlich Gottes Weisung für sein Volk? Was bedeutet die unter diesen neuen Bedingungen? Und deshalb wurde eben diese Frage diskutiert. Und damit, dass die Beschneidung oder man könnte auch weitergehend sagen, die Beachtung der Thora insgesamt nicht mehr das integrierende Moment war, war eine neue Grundlage geschaffen dafür, dass nun Gemeinden
von Christusgläubigen entstehen können, ohne dass sich die nichtjüdischen Menschen vollständig in das Judentum integrieren müssen. Auf dieser Basis hat Paulus dann seine Theologie entwickelt. Und diese Theologie des Paulus, die muss aus seinen Briefen rekonstruiert werden, also etwas anderes haben wir nicht. Denn das ist für sich genommen schon interessant, Paulus entwickelt seine Theologie nicht dadurch, dass er sich einmal hinsetzt und von vorne bis hinten durchdenkt, was der Glaube an Jesus Christus bedeutet, sondern er entwickelt sie immer im Dialog mit Gemeinden, die er gegründet hat und an die er nun schreibt. Das heißt, seine Theologie, die Entwicklung seiner Theologie ist weitgehend situationsbezogen, kann man sagen, nämlich dadurch bedingt, dass Paulus auf bestimmte
Konstellationen reagiert, zu bestimmten Fragen Stellung nimmt, die sich ihm aus den Gemeinden aufdrängen. Oft reagiert Paulus auf irgendetwas, was er aus den Gemeinden gehört hat. Das ist bei den meisten seiner Briefe der Fall. Wir haben im Neuen Testament 13 Briefe, die im Namen des Paulus überliefert sind, also die den Namen des Paulus tragen. Von diesen 13 Briefen sind nach dem weitgehenden Konsens der kritischen Forschung sieben auf jeden Fall von Paulus selber und sechs sind sehr wahrscheinlich nicht von Paulus, sondern sind dann von Schülern von Paulus geschrieben worden, die seine Theologie weiter interpretieren, die sie weiter fortschreiben und die sie für andere Situationen dann adaptieren. Also diese sechs Briefe, die sehr wahrscheinlich nicht von Paulus sind, sind der Epheserbrief, der Kolosserbrief, der zweite Thessalonicherbrief,
der erste und zweite Timotheusbrief und der Titusbrief. Diese sechs sind nach weitgehendem Konsens der kritischen Forschung nicht von Paulus, wogegen der Römerbrief, der Galaterbrief, der erste und der zweite Korintherbrief, der erste Thessalonicherbrief, der Philipperbrief und der Philemonbrief diejenigen sind, bei denen sich alle einig sind, dass sie auf jeden Fall genuine, also auf jeden Fall echte Paulusbriefe sind. Bei dem einen oder anderen Brief kann man streiten und hat man sich in der Forschung auch immer gestritten, darauf gehe ich jetzt mal nicht näher ein. Es gibt auf jeden Fall diese Unterscheidung zwischen Briefen, die in jedem Fall von Paulus stammen und solchen, bei denen es sehr wahrscheinlich ist, dass sie in der Tradition von Paulus geschrieben wurden, was übrigens zeigt, dass seine Person und seine Theologie von sehr früher Zeit an als bedeutend angesehen wurden und deshalb auch fortgeschrieben wurden und man auch
unter seinem Namen weitergeschrieben hat. Was für die Antike übrigens nicht so ungewöhnlich ist, das gibt es von sehr sehr vielen bedeutenden Personen der Antike, dass wir pseudepigraphe Schriften von denen haben. Also das haben Sie von vielen Philosophen und Dichtern und allen möglichen Leuten, dass da auch Pseudo-Aristoteles oder Pseudo-Platon oder Pseudo-Hippocrates und so weiter, also wir haben von sehr vielen Autoren der Antike solche Schriften, die dann aus ihrer Schule stammen. Das ist also für die Antike nicht so ungewöhnlich, und bei Paulus zeigt es eben auch die Bedeutung, die sein Wirken sehr bald gewonnen hat. Noch eine Bemerkung in diesem Zusammenhang: Wenn man im Neuen Testament über Paulus spricht oder über das Bild, was wir aus dem Neuen Testament von Paulus gewinnen, sind eben diese 13 Briefe zu nennen, zum Teil von Paulus selber, zum Teil eben
aus der an ihn anknüpfenden Tradition, und auch die Apostelgeschichte ist auf jeden Fall zu nennen. Die Apostelgeschichte, die hatte ich schon erwähnt, die beschäftigt sich zu einem wesentlichen Teil mit der Person und dem Wirken des Paulus, und der ganze zweite Teil der Apostelgeschichte beschäftigt sich nur noch mit Paulus. Nach dem Bericht über das vorhin erwähnte Apostelkonzil geht es in der Apostelgeschichte nur noch um den Weg des Paulus bis hin nach Rom. Also Paulus wird am Ende der Apostelgeschichte dann als Gefangener nach Rom gebracht. Wir haben hier in der Apostelgeschichte eine etwas andere Anknüpfung an Paulus als in den Briefen, nämlich eine biografische Anknüpfung. Also die Apostelgeschichte ist sehr daran interessiert, vom Wirken des Paulus zu berichten, weil es für das Bild, was die Apostelgeschichte von der Ausbreitung des frühen Christentums erzählt, ganz entscheidend ist, was sich mit Paulus verbindet. Mit Paulus verbindet sich nämlich,
dass er den christlichen Glauben in die Gebiete westlich gesehen, also westlich von Judäa und Jerusalem und Syrien ausgesehen, gebracht hat, also in das Gebiet Kleinasiens, das ist der Bereich der im Wesentlichen die heutige Türkei, umfasst, dann nach Griechenland, also um die Ägäis herum, und schließlich ist Paulus eben sogar bis nach Rom gekommen. Das sind so die geografischen Kontexte, die in der Apostelgeschichte in den Blick treten. Paulus gründet also Gemeinden, an die er dann seine Briefe schreibt. Diese Gemeinden befinden sich im Wesentlichen in dem ägäischen Raum. Die wichtigen Orte, an denen Paulus Gemeinden gründet, sind Philippi, das ist die erste Gemeinde, die Paulus gründet, dann Thessaloniki, beide in der römischen Provinz Makedonia. Thessaloniki war die Hauptstadt von Makedonien und Philippi war eine andere Stadt,
etwas weiter östlich gelegen in Makedonien, dann in Korinth. Korinth ist ein wichtiger Ort, also in der Gemeinde in Korinth hat Paulus dann auch einen lebendigen Austausch gepflegt. Und schließlich kommt Paulus noch nach Ephesus. Dort in Ephesus ist die Situation etwas komplizierter, da hat nicht nur Paulus gewirkt, da haben auch andere gewirkt. Ob Paulus diese Gemeinde selber gegründet hat oder ob es schon andere Leute gab, die dort gewirkt haben in Ephesus vor Paulus oder neben Paulus, das ist nicht so ganz deutlich. Auf jeden Fall hat er hier auch einen Schwerpunkt seines Wirkens gehabt. Von diesen vier genannten Orten, also Philippi, Thessaloniki, Korinth und Ephesus, hat Paulus sich an zwei Orten länger aufgehalten. An zwei nur kurz, in Philippi und in Thessaloniki. Und in Korinth hat er sich länger aufgehalten, 18 Monate, sagt die Apostelgeschichte,
und in Ephesus sogar noch etwas länger, nämlich zwei Jahre oder vielleicht sogar etwas über zwei Jahre. An diese Gemeinden, nach Philippi und Thessaloniki und Korinth, hat Paulus auch Briefe geschrieben. Gewisse Sonderfälle sind die Briefe nach Rom und der Philemonbrief. Nach Rom deshalb, weil Paulus diese Christusgläubigen dort in Rom vorher nicht besucht hatte. Also er war nicht in Rom, bevor er den Brief nach Rom geschrieben hat. Deshalb hat dieser Brief einen anderen Charakter als alle anderen Briefe. Und der Philemonbrief ist an eine bestimmte Hausgemeinde gerichtet. Also auch nicht an eine Gesamtgemeinde in einem Ort, sondern an eine Person, eben diesen Philemon und seine Hausgemeinde. Und er behandelt einen ganz speziellen Fall, nämlich den Fall,
dass ein Sklave des Philemon zu Paulus geflohen war. Und Paulus schickt ihn jetzt zurück. Und dieser Fall wird im Philemonbrief verhandelt. Also der Philemonbrief und der Römerbrief sind gewisse Sonderfälle. Die anderen, wie gesagt, sind also der erste Thessalonicherbrief, der Philipperbrief und die Korintherbriefe, an von Paulus gegründete Gemeinden. Und auch der Galaterbrief ist an von Paulus gegründete Gemeinden in dem Bereich Galatien, das ist im Inneren Kleinasiens, also ungefähr in der Mitte der Türkei, ganz grob gesagt. Da hat Paulus auch Gemeinden gegründet, mehrere. Er schreibt dort auch Gemeinden Galatiens an. Hier handelt es sich auch um Gemeindebriefe. Also so kann man diese Briefe zunächst charakterisieren. Nach Ephesus selber, also an die Stadt, in der sich Paulus selber länger aufgehalten hat, gibt es keinen
Brief. Der Epheserbrief des Neuen Testament ist sehr wahrscheinlich nicht von Paulus selber verfasst, sondern von einem Schüler von Paulus. Alle Briefe, die Paulus schreibt, sind an Heidenchristen, also an nichtjüdische Christen gerichtet. Das kommt in seinen Briefen ganz deutlich zum Ausdruck. Mitunter redet er sie explizit so an. Er sagt also: "euch Heiden sage ich", zum Beispiel im Römerbrief kommt das häufiger vor. Und es wird auch aus den Themen, die Paulus in seinen Briefen verhandelt, deutlich. Also er schreibt mehrheitlich, wenn nicht ausschließlich, an nichtjüdische Leute. Zum Beispiel lobt er sie dafür, dass sie sich von den Götzen zu dem lebendigen Gott bekehrt haben. Oder er belehrt sie darüber, was sie nicht tun sollen. Sie sollen sich zum Beispiel nicht der Unzucht befleißigen, also kein unzüchtiges Sexualverhalten haben, oder kein Götzenopferfleisch
essen. Das sind alles Dinge, die man Juden niemals schreiben könnte. Und aus diesen verschiedenen Aspekten wird deutlich, dass diese Gemeinden, an die Paulus schreibt, offenbar vor allem aus nichtjüdischen Leuten bestanden haben, dass also die Leute, die Paulus sich vorstellt, als er diese Briefe schreibt, vor allem nichtjüdische Leute sind. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Paulus eben diesen Auftrag, den Gott ihm gegeben hat, also er soll das Evangelium unter den Heiden verkünden, eben sehr ernst genommen hat und das Evangelium tatsächlich dorthin gebracht hat, wo eben nichtjüdische Leute lebten. Also in diesen Orten, die ich genannt hatte, lebten natürlich auch jüdische Menschen. Aber Paulus hat sich eben dezidiert auch an nichtjüdische Leute in diesen römischen oder griechischen Städten gewendet. Und es ist ihm offenbar gelungen, dort nichtjüdische
Menschen vom Christusglauben zu überzeugen. Und daraufhin haben sich eben solche Gemeinden gegründet. Nun ist es so, dass Paulus auf dasjenige, was sich in diesen Gemeinden ereignet, nachdem er wieder weg ist, in seinen Briefen reagiert. Also die Briefe ersetzen gewissermaßen das andauernde Gespräch des Paulus mit diesen Gemeinden. Er ist selber nicht mehr da und hört dann etwas über diese Gemeinden. Und dann schreibt er ihnen als Reaktion darauf. Und auf diese Weise entsteht seine Theologie, sodass er eben in bestimmten Situationen an die Gemeinden schreibt und dabei bestimmte Aspekte, die ihm in der jeweiligen Situation als wesentlich erscheinen, thematisiert. Man kann sich daraus auch klarmachen oder daraus den Schluss ziehen, dass die Theologie des Paulus also in so einer Art Prozess entsteht. Mit Prozess meine ich, dass immer diejenigen
Aspekte dazukommen, die gerade in einer bestimmten Situation von Bedeutung sind. Eben nicht ein auf einmal konzipierter Entwurf, sondern es treten immer wieder Aspekte dazu, die in einer bestimmten Situation, in der sich Paulus im Gegenüber zu den Gemeinden sieht, von Bedeutung sind. Das kann man sich sehr schön klarmachen, wenn man den ersten und den letzten Brief des Paulus miteinander vergleicht. Die hat Paulus beide an demselben Ort, nämlich in Korinth, geschrieben in einem Abstand von ungefähr sechs Jahren, nämlich ungefähr im Abstand zwischen dem Jahr 50 und dem Jahr 56, so in etwa. Und der erste Brief, den Paulus geschrieben hat, ist der erste Thessalonicherbrief etwa im Jahr 50 aus Korinth. Und der letzte Brief, den Paulus geschrieben hat, ist der Römerbrief, wiederum aus Korinth, ungefähr im Jahr 56. Beide Briefe unterscheiden sich
deutlich voneinander. Und daran kann man sehen, dass eben für Paulus bestimmte Dinge sich entwickelt haben, dass bestimmte Einsichten dazugetreten sind und dass er immer weiter darüber nachgedacht hat, was das Evangelium eigentlich bedeutet. Der erste Thessalonicherbrief ist wie gesagt der älteste Paulusbrief, und in diesem Brief geht Paulus auf sein Verhältnis zu der Gemeinde ein. Die Situation ist die, dass er also in Thessaloniki war und dann weitergezogen ist mit seinen beiden Mitarbeitern mit den Namen Silvanus und Timotheus. Und dann hat er, in Korinth angekommen, den Timotheus nach Thessaloniki zurückgeschickt, um Informationen darüber zu erlangen, wie es der Gemeinde geht. Und dann ist der Timotheus zurückgekommen zu ihm nach Korinth und hat ihm Nachrichten aus der Gemeinde überbracht, und daraufhin schreibt Paulus den Brief. Und ein wesentlicher Inhalt dieses
Briefes ist, dass Paulus dafür dankt, dass die Gemeinde in diesem Stand des Glaubens ist, in den sie durch sein Wirken oder durch das Wirken von ihm und seinen Mitarbeitern gelangt ist. Er lobt sie ausdrücklich dafür, dass sie sich von den toten Götzen abgewendet haben, um dem wahren und lebendigen Gott zu dienen und seinen Sohn zu erwarten aus den Himmeln, der uns vor dem kommenden Zorn Gottes retten wird. Das steht im ersten Kapitel des ersten Thessalonicherbriefes, zeigt auch, dass sich das nur an nicht-jüdische Menschen richten kann. Nur die können sich bekehren zu dem wahren und lebendigen Gott. Jüdische Menschen glauben schon immer an den wahren und lebendigen Gott. Und dann lobt Paulus die Thessalonicher dafür, dass sie dieses getan haben, dass sie sich also zu Gott hingewendet haben und zum Glauben an Jesus Christus und dass sie ihn aufgenommen haben und seine Verkündigung aufgenommen haben, dass sie also seine Verkündigung des Evangeliums angenommen
haben und dadurch ein besonderes Verhältnis zwischen ihm und der Gemeinde entstanden ist. Paulus beschreibt das im Bild von der Amme. Also er ist wie eine Amme, die für die Gemeinde sorgt. Also er sagt dort im zweiten Kapitel "wie eine Amme, die ihre eigenen Kinder säugt". Also was eine Amme eigentlich nicht tut, sie versorgt eigentlich die Kinder von anderen. Aber Paulus verbindet sozusagen diese beiden Bilder. Die Amme, die eben Kinder ernährt, und es sind sogar die eigenen Kinder und nicht die Kinder von jemand Fremdem. Also daran wird deutlich, dass für Paulus dieses Verhältnis zwischen ihm selber als demjenigen, der die Gemeinden gegründet hat, und den Gemeinden ein ganz Entscheidendes ist. Das ist nicht irgendwie zufällig: Er verkündet das Evangelium und geht dann woanders hin. Sondern für ihn ist das, was dadurch entsteht, eine ganz wichtige Beziehung, weil es die Gemeinden mit Gott verbindet. Und er ist derjenige, der diese Beziehung herstellt und
der sich deshalb auch verantwortlich fühlt für diese Gemeinden. Deshalb ist der erste Thessalonicherbrief also zu einem großen Teil, mehr als die Hälfte, davon bestimmt, dass Paulus diese Beziehung zwischen ihm und der Gemeinde betont und beschreibt, wie positiv es ist, wie die Thessalonicher auf seine Verkündigung reagiert haben. Dann kommt er in diesem Brief auch noch auf ein paar andere Aspekte zu sprechen, nämlich er ermahnt die Gemeinde dazu, auch ein Leben zu führen, was dem Glauben an Gott und Jesus Christus entspricht. Und das ist ein Leben, was zur Heiligung führt, wie Paulus sagt. Also das ist das, was Gott will, eure Heiligung, also ein Leben in Heiligkeit zu führen. Das heißt, sich also von dem alten Leben abzukehren und nicht mehr das alte Leben, wo man anderen Göttern gedient hat, zu führen, sondern sich jetzt in ethischer Hinsicht anders
zu verhalten. Also für Paulus ist das, was die Menschen dann tun, wenn sie an Jesus Christus glauben, wie sie leben, ganz wichtig. Und dazu gehört für ihn zum Beispiel, dass man nicht mehr Unzucht, also was Paulus mit dem Begriff Unzucht meint, bezeichnet, treibt. Also das heißt für ihn eben illegitimer Sexualverkehr. Oder eben, dass man Götzen nicht verehrt und sich auch anderer ethisch zweifelhafter oder negativ zu beurteilender Verhaltensweisen enthält. Also Christsein ist für Paulus etwas ganz Konkretes. Und das macht er dort auch klar am Anfang des vierten Kapitels des ersten Thessalonicherbriefs. Und dann gibt es noch einen speziellen Punkt, der auch dort behandelt wird im ersten Thessalonicherbrief. Das ist die Frage der Auferstehung. Und da gab es offenbar die Situation, dass in Thessaloniki bereits Leute gestorben waren, die zur christlichen Gemeinde
gehörten, und jetzt die Frage entstand, was wird jetzt mit denen? Was soll aus denen werden? Sind die jetzt nun doch verloren, weil der Herr nicht wiedergekommen ist? Und Paulus sagt dann dort, dass die Toten, es geht hier nur um die gläubigen Toten, also nur um die, die zur christlichen Gemeinde gehören, über andere spricht Paulus nicht, aber dass die Toten in Christus, sagt er dort, dass die auferweckt werden. Zuerst, also am Ende der Zeit, wenn der Herr wiederkommt, dann werden die Toten, also die Toten in Christus, also die Toten aus der Gemeinde, werden auferweckt werden. Und wir werden, wir, die Lebenden, werden gemeinsam mit ihnen zum Herrn entrückt werden. Also er zeichnet hier so ein Bild davon, wie es am Ende der Zeit sein wird. Und entscheidend für Paulus ist dabei, dass die Auferstehung Jesu Christi auch bedeutet, dass die, die zu ihm gehören, auferweckt werden. Also die Auferweckung Jesu Christi ist für Paulus ein
grundlegender Bestandteil des Evangeliums. Und er bedeutet für Paulus auch, dass man, wenn man zu Christus gehört, auch auferweckt werden wird am Ende der Zeit, wenn der Herr wiederkommt. Das ist also etwas, worüber offenbar in Thessaloniki noch Unklarheit bestanden hat. Und deshalb behandelt Paulus diesen Aspekt im ersten Thessalonicherbrief noch einmal ausdrücklich und verweist dann auch darauf, dass man auf diesen Tag, auf diesen Gerichtstag Gottes hinleben soll und sich dessen bewusst sein soll, dass dieser Tag kommen wird. Das ist also ein Brief, der erste Brief, den Paulus schreibt, also der erste Thessalonicherbrief. Und dann schreibt er eine ganze Reihe von Briefen aus seinem Aufenthaltsort in Ephesus. Dazu gehört in maßgeblicher Weise der erste Korintherbrief.
Das ist wahrscheinlich der zweite Brief, den Paulus geschrieben hat. Und der zweite Korintherbrief ist insofern besonders, als er in eine sehr lebendige Beziehung zwischen Paulus und der Gemeinde von Korinth gehört. Wir haben ja im Neuen Testament zwei Briefe von Paulus an die Gemeinde in Korinth, den ersten und den zweiten Korintherbrief. Und es hat mindestens noch einen weiteren gegeben, Paulus verweist nämlich im ersten Korintherbrief auf einen Brief, den er vorher schon geschrieben hat. Also mindestens diesen dritten muss es auch noch gegeben haben. Und vielleicht gab es sogar noch mehr. Das könnte deshalb sein, weil bei dem zweiten Korintherbrief mitunter angenommen wird, dass der ursprünglich aus mehreren Briefen bestanden hat und dass er aus mehreren Briefen nachträglich zusammengesetzt wurde. Das ist nicht ganz eindeutig, das kann man auch nicht beweisen, aber es gibt einige Indizien, die das nahelegen könnten, dass der zweite Korintherbrief nicht
so ein einheitlicher Brief war, wie er jetzt im Neuen Testament ist. Also auf jeden Fall gibt es mehrere Briefe von Paulus an die Gemeinde in Korinth. Und der erste Korintherbrief ist auch nicht der erste, sondern wahrscheinlich der zweite. Und dieser Brief ist viel, viel länger als der erste Thessalonicherbrief. Und er behandelt eine ganze Reihe von ethischen Fragen. Und deshalb ist der erste Korintherbrief so interessant für die Rekonstruktion des paulinischen Denkens, weil es der zentrale Brief über die paulinische Ethik ist. Das kommt daher - nicht, weil Paulus gesagt hat, ich müsste auch noch mal eine Ethik schreiben, sondern weil ihm aus der Gemeinde von Korinth bestimmte Informationen zugekommen sind, in Ephesus, wo er ist, als er den Brief schreibt, auf die er jetzt reagiert. Und diese Informationen sind zum Teil mündlicher Natur. Also es gab eine
Gruppe aus Korinth, die sind zu Paulus gekommen und haben ihm einen Brief überbracht. Und ganz offensichtlich haben die ihm auch über Verschiedenes berichtet, was sich in der Gemeinde von Korinth zugetragen hat. Denn Paulus reagiert auf verschiedene Dinge, die ihm zu Ohren gekommen sind, wo er sagt, man hört ja, dass bei euch dieses und jenes der Fall ist. Und er geht auch auf einen Brief ein. Das ist in Kapitel 7 des ersten Korintherbriefes. Da sagt Paulus: "Bezüglich dessen, was ihr geschrieben habt", und dann geht er auf ein spezifisches Thema ein. Und das war offenbar der Inhalt des Briefes. Da komme ich gleich nochmal drauf. Und ich nenne Ihnen ein paar Aspekte, die für den ersten Korintherbrief wichtig sind. Ein Aspekt ist die Einheit der Gemeinde. Das ist der Teil, der zuerst im ersten Korintherbrief steht, der für Paulus also offenbar eine ganz drängende Frage war. Es ist dort in der Gemeinde von Korinth offenbar zu verschiedenen
Gruppierungen gekommen, die sich auf verschiedene Apostel berufen haben. Also in Korinth hat nicht nur Paulus gewirkt, sondern auch auf jeden Fall ein Missionar mit dem Namen Apollos, der auch in der Apostelgeschichte erwähnt wird und auch im ersten Korintherbrief erwähnt wird. Und es gab auch eine Gruppe in Korinth, die sich auf Kephas, also auf Petrus, berufen hat. Ob der Kephas selber in Korinth war, das weiß man nicht. Das ist eher unsicher. Aber es hat hier offenbar in der Gemeinde von Korinth Gruppen gegeben, die sich auf verschiedene Autoritäten berufen haben. Und das ist für Paulus ein ganz gravierender Fall, weil er sagt, damit steht die Einheit der Gemeinde in Gefahr. Und darauf geht er zunächst ein im ersten Teil des ersten Korintherbriefes und sagt, dass er selber nicht dazu gekommen ist, zu taufen. Also offenbar kam diese Beziehung zu bestimmten
Aposteln dadurch zustande, dass man sich auf den Namen oder auch von einem bestimmten Apostel hat taufen lassen. Und Paulus sagt, das ist gar nicht wichtig. Ich weiß gar nicht so genau, wen ich getauft habe, als ich in Korinth war, sondern entscheidend ist die Verkündigung des Evangeliums, und zwar nicht in weisheitlicher Rede. Das könnte sich darauf beziehen, dass ein anderer, nicht Paulus, sondern irgendein anderer, in weisheitlicher Rede in Korinth verkündigt hat. Wahrscheinlich ist damit der Apollos gemeint. Und dann sagt Paulus, nicht in Weisheitsworten, damit das Kreuz Christi nicht entleert werde. Und dann sagt er etwas über das Wort vom Kreuz. Das Wort vom Kreuz nämlich ist - und dann kommt diese berühmte Passage, die Sie vielleicht kennen in 1. Korinther 1,18-25, über das Wort vom Kreuz - und mit dem Wort vom Kreuz meint Paulus, dass ein zentraler Inhalt des
Evangeliums derjenige ist, dass Gott mit der Auferweckung des Gekreuzigten die weltlichen Maßstäbe von Weisheit und Torheit und von Stärke und Schwäche in ihr Gegenteil verkehrt hat. Und deshalb soll man also, wenn man im Namen Jesu Christi auftritt, sich nicht auf eigene weltliche Vorzüge, auf Stärke oder Weisheit oder Ansehen oder so, berufen, sondern man soll dessen eingedenkt sein, dass Gott gerade das erwählt hat, was vor der Welt schwach ist und töricht erscheint. Das ist also für Paulus ganz wichtig. Und diese Charakterisierung des Evangeliums als Wort vom Kreuz ist also ein ethischer Maßstab, den Paulus da installiert, ein ethischer Maßstab. Der ist für ihn deshalb wichtig, weil er damit sagen will, wenn man sich an das Evangelium hält, dann setzt man nicht auf weltliches Ansehen, auf Ruhm und Macht und Einfluss, sondern dann gelten andere Maßstäbe. Das kann man
an dem Gekreuzigten sehen. Gott hat sich gerade zu einem bekannt, der vor der Welt gesehen, aus weltlicher Sicht betrachtet, schwach und gescheitert ist. Der ist an einem schändlichen Kreuzestod gestorben. Aber gerade zu dem hat Gott sich bekannt, gerade den hat Gott auferweckt. Und das zeigt, dass sich Gott an anderen Maßstäben orientiert als diejenigen, die in der Welt etwas gelten. Das ist also ein erster Teil des ersten Korinther Briefes. Und dann im weiteren Verlauf spricht Paulus noch andere Fragen an. Zum Beispiel diejenige von Sexualität. Es hat in der Gemeinde von Korinth Fälle von Pornäa, wie Paulus das sagt, gegeben, also "von Unzucht" kann man das ins Deutsche übersetzen. Einer dieser Fälle ist, dass Leute einfach weiterhin, also Mitglieder aus der korinthischen Gemeinde, männliche Mitglieder in diesem Fall, zu Prostituierten gehen. Das ist also
ein Fall in 1. Korinther 6, den Paulus dort bespricht. Und das ist für ihn ausgeschlossen. Und zwar deshalb, weil man mit dem Herrn eine lebendige Verbindung, also wenn man an Jesus Christus glaubt, mit ihm eine lebendige Verbindung eingeht und selber zu einem Glied am Leibe Christi wird. Und die Sexualität, also in diesem Fall ein sexuelles Verhältnis mit Prostituierten, widerstreitet dem nach Paulus. Also es gibt für Paulus legitime und illegitime Formen von Sexualität, die den eigenen Körper betreffen. Und deshalb muss man verantwortlich mit diesem Bereich umgehen. Und der Verkehr, der sexuelle Verkehr mit einer Prostituierten, der in Korinth offenbar nicht als problematisch angesehen wurde, ist für Paulus ausgeschlossen, wenn man zu Jesus
Christus gehört. Das ist natürlich kulturell und zeitlich bedingt. Und das muss man natürlich in einem bestimmten Kontext sehen. Und man kann diese Aussagen von Paulus nicht einfach eins zu eins in jede Zeit übersetzen. Da muss man natürlich dann überlegen, mit welchen kulturellen und ethischen Maßstäben man das jeweils beurteilt. Aber für Paulus ist es jedenfalls so, dass für ihn durch den Glauben an Gott und Jesus Christus auch das Leben in bestimmter Weise bestimmt ist, in spezifischer Weise bestimmt ist. Und dazu gehört eben auch eine bestimmte Form sexuellen Lebens und auch Formen, die ausgeschlossen sind. Und dieses eben genannte Beispiel gehört eben zu den nach Paulus verbotenen oder untersagten nicht legitimen Formen. Anders ist es dann in dem Fall von Ehe. Das ist das Thema, was Paulus dann in Kapitel 7 des ersten Korintherbriefes behandelt. Das ist
das, wonach ihn offenbar die korinthische Gemeinde gefragt hat. Nämlich: Ist es gut, wenn ein Mann eine Frau nicht berührt? Also die Frage war offensichtlich aus der korinthischen Gemeinde: Ist es eigentlich besser, wenn man ehelos lebt? Und Paulus sagt dann in diesem siebenten Kapitel des ersten Korintherbriefes, dass die Ehelosigkeit ein bestimmtes Charisma ist, also eine bestimmte Gabe, die er selber hat, also Paulus hat selber offenbar ehelos gelebt, die aber nicht alle haben, und dass also die Ehe zwischen Mann und Frau eine durchaus legitime Form des Zusammenlebens ist, also eine von Gott auch gewollte, und dass man Ehen nicht auflösen soll. Aber eben, dass es, wenn man ehelos ist, dass es dann besser ist, so zu bleiben, ehelos zu bleiben. Das ist also eine bestimmte Bewertung dieser Frage, Ehe und Ehelosigkeit in 1. Korinther 7. Und dann im weiteren
Fortgang des ersten Korintherbriefes behandelt Paulus noch die Frage nach dem Götzenopferfleisch, also: Ist es legitim, Götzenopferfleisch zu essen? Die Frage, die da dahintersteht, ist: Wenn Tiere geschlachtet wurden für Götter, also für römische oder griechische Götter, wie eben in einer römischen Kolonie wie Korinth, dann wurde ein Teil des Fleisches oder der Innereien verbrannt auf dem Altar, wo man geopfert hat, und der Rest wurde verkauft auf dem Fleischmarkt. Das heißt, wenn man da Fleisch kaufte, wusste man nicht genau, ist das welches, was aus solchen kultischen Kontexten stammt. Und Paulus sagt dann, das ist an sich unbedenklich, weil wir ja wissen, dass es sowieso nur den einen Gott gibt, und diese anderen Götter existieren sowieso nicht, und deswegen ist es auch egal, ob irgendjemand solchen Göttern opfert. Für uns existieren die sowieso nicht. Aber wenn Leute daran
Anstoß nehmen, also wenn Leute in der Gemeinde sagen: "Das darfst du doch nicht machen, das ist doch Fleisch, was anderen Göttern geopfert wurde", dann soll man davon Abstand nehmen, um desjenigen willen, der daran Anstoß nimmt. Also in der Sache ist es unproblematisch, aber es kann Gründe geben, und die sind dann zu gewichten, dass es Anstoß erregt in der Gemeinde. Und dann soll man es lassen. Das wäre ein weiteres Thema. Und in diesem Zusammenhang des Essens kommt Paulus noch auf eine weitere Frage zu sprechen, die auch mit eben diesem Thema, Essen von kultisch Geschlachtetem, zusammenhängt, nämlich: Kann man, wenn man zur christlichen Gemeinde gehört, auch weiterhin an anderen kultischen Mählern teilnehmen? Das ist offenbar auch in der korinthischen Gemeinde passiert. Es gab kultische Mähler für alle möglichen Götter und Göttinnen, und da sagt Paulus: Das geht nicht, weil man in dem Mahl, also eben in dem Herrenmahl, in dem Mahl für den Herrn Jesus
Christus eine Gemeinschaft mit ihm eingeht. Also wir gehen eine Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus Christus ein, und das schließt es aus, dass wir zu anderen kultischen Mählern gehen. Also hier zieht Paulus eine ganz klare Trennlinie und sagt, also diese Teilnahme an solchen anderen Mählern ist nicht legitim. "Ihr könnt nicht am Tisch des Herrn und am Tisch der Dämonen sitzen", sagt Paulus dort in 1. Korinther 10. Im weiteren Verlauf kommt Paulus dann auch auf die Frage des Gottesdienstes in der korinthischen Gemeinde zu sprechen. Und dabei behandelt er die Frage, ob Frauen auch prophetisch reden dürfen im Gottesdienst, in 1. Korinther 11, und dabei bringt Paulus eine etwas schwierige Argumentation, mit der er darzustellen versucht, dass die Frau nicht in derselben Weise wie der Mann im Gottesdienst auftreten soll, nämlich: Sie soll ihr Haupt verhüllen. Und da bringt er eine
schöpfungstheologische Begründung, die von Gott über Jesus Christus zum Mann und dann zur Frau geht. Also die Frau ist sozusagen eine Stufe niedriger als der Mann, und deshalb gelten für sie andere Regeln als für den Mann. Das ist etwas schwierig, und man könnte auch sagen, ja aber Paulus hat doch in Galater 3, 28 gesagt, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufgehoben sind. Und da kann man auch sehen, dass Paulus selber mit solchen praktischen Fragen der Umsetzung eines Grundsatzes wie der Aufhebung der Unterschiede selber in Schwierigkeiten kommt. Dann geht es im weiteren Verlauf des 1. Korintherbriefes noch um die Frage der Feier des Herrenmahles in der Gemeinde, 1. Korinther 11. Wenn die Gemeinde zusammenkommt, dann sollen sie alle gemeinsam beginnen mit dem Mahl und nicht zu unterschiedlichen Zeiten. Das war offenbar eine Praxis in der korinthischen Gemeinde. Und Paulus sagt, ihr müsst euch daran orientieren, wie der
Herr selber das Mahl eingesetzt hat, denn wenn er das Brot bricht und den Kelch herumreicht, dann müssen alle da sein. Also müsst ihr das Mahl gemeinsam feiern. Und er behandelt noch die Frage der Geistesgaben in der Gemeinde, und zum Schluss die Frage der Auferstehung im 1. Korintherbrief. Da ist die Thematik in 1. Korinther 15, dass Leute in der korinthischen Gemeinde gesagt haben, es gibt keine Auferstehung der Toten. Das haben sie einfach vor ihrem nicht-jüdischen Hintergrund gesagt. Und Paulus legt jetzt dar, warum aus der Auferweckung Jesu Christi auch die Auferweckung derjenigen folgt, die zu ihm gehören, und dass das so passieren wird, dass man eine neue verwandelte Leiblichkeit bekommt. Also Paulus hält hier fest daran, dass die Zugehörigkeit zu Jesus Christus auch bedeutet, dass man auferweckt werden wird. Soweit dieser 1. Korintherbrief. Im 2. Korintherbrief
geht Paulus vor allem auf die Frage des Verhältnisses zwischen sich selber und der korinthischen Gemeinde ein, und da spiegeln sich vor allem Autoritätskonflikte, die in Korinth aufgetreten sind, aufgrund dessen, weil dort andere Missionare gewirkt haben, die offenbar stärker darauf gedrungen haben, dass sich die Gemeinde auch an jüdische Regeln hält und Paulus eben dieser Meinung ist, dass das seine eigene Autorität in der korinthischen Gemeinde beschädigt. Also der 2. Korintherbrief ist vor allem diesem Thema der Autorität des Paulus gegenüber der korinthischen Gemeinde gewidmet, die eben durch andere Missionare, die auch in Korinth gewirkt haben, infrage gestellt wurde. Dann komme ich zum Abschluss noch auf die letzten beiden Briefe, auf den Galater- und den Römerbrief, die ja auch morgen noch einmal eine Rolle spielen werden,
weil wir da auf diese Themen wie Rechtfertigung noch eingehen werden. Deshalb hier einen Blick darauf. Die beiden Briefe, der Galaterbrief und der Römerbrief, sind eng miteinander verwandt. Sie behandeln zum Teil dieselben Themen. In unterschiedlicher Weise sind sie dadurch charakterisiert, dass der Galaterbrief auf eine ganz konkrete Situation bezogen ist, nämlich auf die Situation, dass dort andere Missionare in den galatischen Gemeinden gewirkt haben, also andere Missionare außer Paulus. Und die haben gefordert, dass sich die galatischen Gemeinden ins Judentum integrieren durch die Beschneidung. Und darauf reagiert Paulus dadurch, dass er nunmehr ausführt, warum die Einhaltung der Thora, warum die Einhaltung des jüdischen Gesetzes nicht vor Gott gerecht
machen kann. Also er argumentiert dort in der Weise, dass er sagt, sein Evangelium, wozu Gott ihn beauftragt hat, ist die Verkündigung an die Heiden. Das geht also aus seiner Berufung hervor, die er im Galaterbrief erwähnt. Und er erwähnt auch, dass man sich ja in Jerusalem darauf verständigt hat, dass sich nichtjüdische Menschen - Männer - nicht beschneiden lassen müssen. Beides erwähnt er im Galaterbrief ausdrücklich. Und daraus folgt für ihn, dass diese Integration in das Judentum durch die Beschneidung durch den Christusglauben nicht mehr notwendig ist. Weil, und so setzt Paulus es dann fort in Galater 2, weil durch die Werke des Gesetzes, das ist der Ausdruck, der kommt hier zum ersten Mal vor im Galaterbrief, in den Briefen davor kommt er nicht vor, er kommt nur hier vor und dann noch im Römerbrief, weil durch die Werke des Gesetzes kein
Mensch vor Gott gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus. Und mit Werke des Gesetzes meint Paulus hier eben die Orientierung an denjenigen Merkmalen, die für den jüdischen Glauben von zentraler Bedeutung sind. Und das sagt Paulus, das ist nicht mehr dasjenige, was in der Gemeinde der Christusgläubigen das entscheidende Merkmal ist. Also Werke des Gesetzes machen nicht gerecht vor Gott, sondern der Glaube an Jesus Christus. Und das ist, ich werde morgen darauf nochmal kommen, wenn ich was über die Rechtfertigung sage, aber ich sage es an dieser Stelle schon mal, die Rechtfertigungslehre des Paulus ist keine ethische Theorie. Die sagt nicht, ihr sollt nichts tun, ihr sollt keine Werke tun, sondern die Rechtfertigungslehre des Paulus sagt, dass die Integration in das Judentum nicht mehr das entscheidende Merkmal ist, um vor Gott gerecht zu
werden, sondern dass es jetzt einen anderen Maßstab gibt. Also es ist eine Lehre, die in die Darlegung dessen, was zum Heil führt, gehört. Also es ist keine ethische Lehre, sondern, wenn Sie so wollen, eine soteriologische, also eine Lehre, die von den Grundlagen des Heils handelt und nicht aus dem, was daraus folgt. Das führt Paulus hier im Galaterbrief zum ersten Mal aus, eben in dieser polemischen Konstellation, dass Leute das von den galatischen Gemeinden verlangt haben. Als Beispiel aus der Schrift, also aus den Schriften Israels führt er an, dass man das an Abraham ja sehen kann. Denn Abraham, und da ist ein Vers aus der Genesis, aus dem ersten Buch der Bibel für Paulus wichtig, Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet. Dieser Vers, der wird auch noch mal im Römerbrief zitiert, der ist für Paulus ganz wichtig, weil der dokumentiert, dass man aus Glauben gerecht wird und nicht dadurch, dass man sich beschneiden lässt. Deshalb führt er
dieses hier im dritten Kapitel des Galaterbriefes an und legt damit eben in Auseinandersetzung mit diesen Konkurrenten dar, dass die Galater hinter etwas zurückfallen würden, was sie schon erreicht haben, wenn sie sich jetzt auf Betreiben seiner Konkurrenten dort in den galatischen Gemeinden beschneiden lassen würden. Diese Thematik wird, und damit komme ich zum letzten Brief des Paulus, sie wird im Römerbrief nochmal aufgegriffen in systematischer Weise. Ich komme auf den Römerbrief morgen nochmal zu sprechen und nenne ihn jetzt hier nochmal in diesem Zusammenhang als letzten Brief, den Paulus wie gesagt wiederum von Korinth aus schreibt. In einer anderen Situation als die früheren Briefe, nämlich in einer Situation, in der er vorhat, noch einmal nach Jerusalem zu reisen, um die Kollekte zu überbringen und dann über Rom nach Spanien reisen will. Und er war in Rom vorher nicht. Von daher ist der Brief anders als alle anderen, über die ich jetzt
gesprochen habe. Paulus schreibt jetzt an Leute, bei denen er vorher noch nicht gewesen ist. Und er schreibt es an einem bestimmten Wendepunkt, an einem bestimmten biografischen Wendepunkt. Er sieht nämlich seine Wirksamkeit in der Osthälfte des Imperium Romanum jetzt als abgeschlossen an und will sich künftig nach Westen wenden. Das ist dann zwar de facto nicht dazu gekommen, weil er in Jerusalem verhaftet wurde und dann nach Rom als Gefangener überstellt wurde, aber das ist das, was er vorhat, als er diesen Brief schreibt. Und deshalb legt er in diesem Brief, also aus einer vergleichsweise situationsunabhängigen Lage heraus, also nicht auf konkrete Antworten bezogen, die er der römischen Gemeinde gibt, dar, was für ihn das Evangelium bedeutet. Und er legt das so dar, dass das Evangelium die Kraft Gottes zum Heil ist für alle, die glauben, für Juden und Nichtjuden. Alle, die glauben, werden durch das Evangelium gerettet.
Und die Konsequenz daraus ist, dass Paulus sagt, ohne das Evangelium wird niemand gerettet, weil alle Menschen Sünder sind. Kein Mensch ist vor Gott gerecht. Kein Mensch ist für sich genommen vor Gott gerecht. Alle müssen von Gott gerecht gemacht werden. Und das betrifft sowohl Heiden als auch Juden. Und das ist eine entscheidende Weiterführung seiner Gedanken hier im Römerbrief. Das klingt wie gesagt im Galaterbrief schon an und wird hier im Römerbrief weitergeführt, dass also Heiden und Juden in dieser Hinsicht gleich sind. Alle sind im Angesicht Gottes Sünder und müssen von Gott gerecht gemacht werden. Dieses geschieht durch den Glauben an Jesus Christus. Und Jesus Christus ist von Gott als jemand eingesetzt worden, durch dessen Tod Sünden beseitigt sind, man von seinen Sünden gereinigt wird. Und durch den Glauben daran, dass Gott
Jesus Christus als dasjenige oder als denjenigen eingesetzt hat, durch dessen Tod man von Sünden gereinigt wird. Weil das so ist, wird man durch den Glauben an Jesus Christus und eben nicht durch die Werke des Gesetzes gerecht. Das kann man wiederum an der Person des Abraham sehen. Und man kann es auch daran sehen, dass die Sünde mit Adam bereits in die Welt gekommen ist und Jesus Christus nunmehr als das Gegenmodell zu Adam steht, weil mit Jesus Christus nunmehr die Gerechtigkeit in die Welt gekommen ist. Das führt Paulus im fünften Kapitel des Römerbriefes aus, dass es also dieses Gegenüber von Adam und Christus gibt. Daraus folgt dann für Paulus, dass durch den Glauben an Christus ein neues Leben beginnt, durch die Taufe. Die Taufe ist der Ort, wo man den Schritt von dem alten Menschen zu dem neuen Menschen macht und nunmehr in neuer Weise
im Geist lebt. Ein wichtiger Punkt im Römerbrief, den ich noch erwähnen will, der im Galaterbrief nicht vorkommt, ist, dass Paulus diese Darlegung des Evangeliums dazu führt, darüber nachzudenken, was das eigentlich für Israel bedeutet. Das ist in Römer 9 bis 11. Und Römer 9 bis 11 ist deshalb für Paulus ganz entscheidend, weil er zwei Überzeugungen hat, die für ihn in gleicher Weise verbindlich sind, die aber sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Die eine Überzeugung ist, dass Gott Israel erwählt hat und diese Erwählung auch bestehen bleibt. Und die zweite Überzeugung ist, dass Gott durch den Glauben an das Evangelium rettet. Das Problem, was dadurch entsteht, ist das, dass ein größerer Teil Israels nicht an das Evangelium glaubt, aber trotzdem zum erwählten Volk gehört. Und dieses Problem ist für Paulus sehr gravierend.
Das ist eigentlich das gravierendste theologische Problem, mit dem sich Paulus konfrontiert sieht. Und darüber denkt er in Römer 9 bis 11 in mehreren Schritten nach und versucht zu erklären, wie das eigentlich sein kann. Wie konnte das eigentlich passieren? Und er hat selber auch keine richtige Antwort darauf, aber er kommt am Ende zu dem Schluss, er kommt in Römer 11 zu dem Schluss, dass, also er entwickelt dort diese Theorie, dass ein Teil von Israel, nämlich dieser zurzeit nicht an Christus glaubende Teil, von Gott verstockt wurde, also, dass ihm diese Einsicht in die Bedeutung Jesu Christi verwehrt wurde, und dass Gott aber selber diese Verstockung aufheben wird. Und dann als der Retter vom Zion kommen wird und die Sünden von Israel wegnehmen wird und seinen Bund
mit Israel bestätigen wird, indem er alle ihre Ungerechtigkeiten wegnimmt. Also Gott selber wird am Ende handeln und auf diese Art und Weise wird ganz Israel, sagt Paulus, so wird ganz Israel gerettet werden. Und ganz Israel meint in diesem Zusammenhang das Israel, was gegenwärtig, also aus der Perspektive des Paulus gesprochen, in zwei Teile gespalten ist, nämlich in den christusgläubigen Teil und in den nicht christusgläubigen Teil. Und diese Spaltung Israels wird Gott selber beseitigen, indem er diese Verstockung aufheben wird, und dann wird ganz Israel gerettet werden. Paulus spricht in diesem Kontext in Römer 11 nicht von dem Messias und nicht von Jesus Christus. Und deswegen ist die Frage: Meint Paulus, dass Israel dann auch an Christus glauben wird, oder wird Gott einfach so an Israel handeln und ganz Israel retten,
ohne dass dazu auch der nicht christusgläubige Teil an Christus glauben muss? Diese Frage ist umstritten. Meines Erachtens sollte man zumindest darauf achten, dass Paulus in diesem ganzen Zusammenhang von Kapitel 11 nicht von dem Messias oder von Jesus Christus spricht, wird dort gar nicht erwähnt, sondern es wird nur das Handeln Gottes an Israel erwähnt in diesem Zusammenhang. Von daher könnte man zu der Meinung kommen, das würde mir mehr einleuchten, dass Paulus es selber natürlich nicht so genau weiß, was Gott dann tun wird, aber dass er überzeugt ist, dass Gott an Israel in einer Weise handeln wird, dass das gesamte erwählte Volk am Ende gerettet werden wird. Das ist eigentlich die entscheidende Aussage, die Paulus hier formulieren will. Ich fasse das kurz in ganz wenigen Punkten zusammen, was ich jetzt ausgeführt habe. Paulus geht aus von der Überzeugung, dass
Gott durch Jesus Christus zum Heil für alle Menschen gehandelt hat. Er konkretisiert das in den Briefen, die er an die Gemeinden schreibt. Und dabei kommen jeweils bestimmte Aspekte zum Ausdruck, die sich den jeweiligen Konstellationen, in denen diese Briefe geschrieben sind, verdanken und die dabei jeweils von Bedeutung sind für die Kommunikation des Paulus mit diesen Gemeinden. Wichtig dabei ist für Paulus, dass der Glaube an Jesus Christus immer den Glauben an den Gott Israels beinhaltet und deshalb auch Gott in Treue zu seinen eigenen Verheißungen und zu den Schriften steht. Deswegen kann Paulus auch immer wieder aus den Schriften, aus den Heiligen Schriften, wie er auch sagen kann, also aus den verbindlichen Schriften Israels zitieren. Für Paulus ist wichtig, dass die Glaubenden, die an Jesus Christus Glaubenden in bestimmter Weise leben, also sowohl
als Individuen als auch in der Gemeinde, also dass Christusglaube auch eine bestimmte Lebenspraxis bedeutet. Das macht er den Gemeinden immer wieder deutlich. Und er führt ihnen auch vor Augen, dass sie in der Hoffnung auf die endgültige Erlösung leben. Also sie leben jetzt in dem, was sie bereits haben durch den Glauben an Jesus Christus und in Hoffnung darauf, dass sie endgültig auferweckt und von Gott gerettet werden. Das ist so der größere Zusammenhang, in dem Paulus dieses entwickelt, was er den einzelnen Gemeinden in der jeweiligen Konkretisierung vorführt.
Einführung in das paulinische Denken: Die Grundzüge der Theologie von Paulus von Tarsus | 15.4.1
Was hat Worthaus nur immer mit Paulus? Dutzende Vorträge gibt es inzwischen über den Apostel. Ein kurzes Gedankenspiel erklärt es: Ohne Jesus gäbe es natürlich kein Christentum. Und ohne Paulus? Jesus zog durch Galiläa, wurde gekreuzigt, ist auferstanden, und die meisten Augenzeugen dieser Auferstehung blieben im Heiligen Land. Das Christentum blieb ein jüdisches Phänomen.
Und dann kam Paulus. Ehemaliger Christenverfolger, Schriftgelehrter, erster Missionar. Er dachte darüber nach, was das Kommen Jesu für die gesamte Menschen bedeutet. Er hat das Christentum, diese jüdische Glaubensströmung, für die Nicht-Juden der Antike zugänglich gemacht. Und hat damit auch entscheidenden Anteil am Glauben von Milliarden Christen der Gegenwart.
Ein guter Grund also, sich immer wieder mit Paulus und seiner Theologie auseinanderzusetzen. Der Theologe Jens Schröter gibt in diesem Vortrag einen Überblick über Paulus’ Denken und darüber, wie sich seine Lehre im Laufe seines Wirkens verändert hat.