Heute möchte ich euch eine Geschichte erzählen, eine Geschichte für Kinder. Es handelt sich um eine biblische Heilungsgeschichte. Ich empfehle, dass die Kinder nicht zu klein sind, also vielleicht am besten ab neun oder zehn Jahre alt, weil die Geschichte am Anfang ein paar Elemente enthält, die auf sensible Kinder unheimlich wirken können. Und deswegen ist es gut, wenn sie erst mal als Eltern diese Geschichte hören und dann sich selber, sie kennen ja ihre Kinder am besten. Man kann den Kindern sagen, die Geschichte ist zwar am Anfang ein bisschen unheimlich, aber sie geht gut
aus und dann sind die Kinder schon mal beruhigt. Oder man kann auch sagen, am Anfang in dieser Geschichte kommt eine schlimme Krankheit vor, aber diese Krankheit gibt es bei uns in Deutschland nicht. Ihr braucht also keine Angst haben, dass ihr oder eure Eltern diese Krankheit einmal bekommen können. Und auch sonst können sie ruhig diese etwas bedrohlichen Elemente eben kürzen oder abmildern. Das dürfen sie ruhig machen. Entscheidend ist, es sind die Kinder, dass sie da dem Allem gut gewachsen sind. Ich freue mich, dass ich wieder mal eine Geschichte erzähle, weil das auch zu meinen schönsten Hobbys gehört, das Erzählen von Geschichten. Die Erzählung, die ich gleich
bieten werde, hat drei Teile. Im ersten Teil dieser Erzählung halte ich mich an eine Vorlage, an eine Quelle. Und ich gebe jetzt die Angabe für diese Quelle. Es ist die Erzählung mit dem Titel Ein Kügelchen Hoffnung, eine Erzählung von Hans-Georg Noack. Und sie ist abgedruckt im Vorlesebuch Religion Band 1, herausgegeben von D. Steinwede und S. Rupprecht, Lahr 1971. Teil 2 und Teil 3 der Erzählung, die stammen von mir. Der Tag, an dem alles begann, war ein sehr heißer Tag. Joas saß auf dem Brunnenrand hinter dem Haus
und vor ihm auf dem Boden saß Barak, sein bester Freund. Weißt du, was wir machen? sagte Joas. Na was denn? fragte Barak und schaute zu ihm hoch. Wir gehen hinunter zum See schwimmen, mal sehen, wer heute schneller ist. Gute Idee, sagte Barak, von mir aus können wir gleich gehen. Sie liefen hinunter zum See, im Nu hatten sie ihre Kleider ausgezogen und sprangen ins Wasser. Sie waren zwar erst elf Jahre alt, die beiden, aber schwimmen konnten sie schon geschmeidig wie die Ottern. Und was sie sich dabei zuriefen, konnte man weit hören in der stillen Landschaft. Als sie genug
hatten, schwammen sie zum Ufer zurück. Sie legten sich ins Gras, damit die Sonne ihre Haut trocknen konnten. Plötzlich war alle Fröhlichkeit aus dem Gesicht von Barak verschwunden. Joas, schrie er, und seine Augen waren groß vor Schreck. Er beugte sich noch einmal über den Rücken von Joas und er zuckte wieder zurück. Joas, du hast das weiße Zeichen. Und dann stand Barak schnell auf, er zog sich an und rannte davon. Er drehte sich nicht mehr um und schon war er hinter den Büschen
verschwunden. Zuerst dachte Joas, der Barak hat wieder mal einen seiner Scherze gemacht. Bald wird er seinen Kopf hinter einem Busch hervorstrecken und wird schallend lachen. Aber der Schreck in seinen Augen, der war echt. So etwas kann man nicht machen, nicht mal Barak. Und wie er gerannt ist, als ob ein wildes Tier hinter ihm her wäre. Da spürte Joas, wie er Angst bekam. Zuerst nur ein wenig, aber dann immer mehr. Nein, das war kein Spaß gewesen. Joas schlüpfte schnell in seine Kleider und dann rannte er nach Hause, zurück ins Dorf. Er kam außer Atem am Dorf an. Seine Mutter
war zu Hause und sie musste ihm sagen, dass Barak sich getäuscht hatte. Die Mutter musste helfen. Mama, sagte er, der Barak hat gesagt, ich hätte das weiße Zeichen. Barak soll sich schämen, sagte die Mutter. Mit so was macht man doch keine Witze. Und dann lachte sie ausgerechnet, du sollst das weiße Zeichen haben. Es gibt doch im ganzen Dorf keinen gesünderen Jungen als du. Joas war fast beruhigt, aber dann sagte er, Mama, schau dir doch mal meinen Rücken an. Und schon hatte er sein Gewand heruntergezogen und drehte sich um. Aber die Mutter antwortete nicht.
Da fuhr Joas herum und er sah ihr Gesicht ganz blass. Vor Schreck hatte sie ihre Hand auf den Mund gelegt und sie flüsterte vor sich hin. Aber Joas konnte es genau verstehen. Sie flüsterte, lieber Gott, das kann doch nicht wahr sein. Das darf doch nicht wahr sein. Und da wusste Joas, Barak hatte sich nicht getäuscht und er hatte keinen Spaß gemacht. Auf einmal hielt er es im Haus nicht mehr aus. Er rannte hinaus. Immer wieder die gleichen Wörter dröhnten in seinem Kopf. Du hast die schlimmste Krankheit, die es gibt. Du hast die schlimmste Krankheit, die es gibt. Nichts
anderes konnte er mehr denken. Er lief, als könnte er der Krankheit davonlaufen. Aber er trug sie ja mit sich. Sie saß ihm im Genick wie eine Raubkatze, die sich nicht mehr abschütteln lässt. Joas rannte bis die letzten Häuser des Dorfes hinter ihm lagen. Dann setzte er sich auf einen Baumstamm. Wie still es war. Keine Spielkameraden waren da wie sonst immer. Und Joas wusste, von heute an werden sie alle von ihm davonlaufen, so wie Barak wohin. Im Dorf hatten ihn alle gut leiden können und er konnte in jedes Haus gehen. Er kannte jeden. Aber jetzt bestimmt erzählen sie sich überall die
Neuigkeit. Hast du schon gehört? Der Joas hat den Aussatz. Und die Eltern werden es ihren Kindern verbieten, noch einmal mit ihm zu spielen. Kommt ihm ja nicht zu nahe, dann steckt er euch an und dann kann niemand euch helfen. Dann werden sie alle Kinder im Dorf noch untersuchen, ob sonst noch ein Kind das weiße Zeichen hat, diese kleinen weißen Flecken auf der Haut, mit denen der Aussatz beginnt. Und Joas wusste genau, was mit einem Aussätzigen geschieht. Die Leute werden den Priester holen und wenn der Priester die weißen Flecken gesehen hat, dann sagt er, du bist aussetzig, du kannst
nicht mehr bei uns im Dorf wohnen, sonst werden wir alle krank. Und dann muss der Aussätzige hinauf in die Berge, dort wo die anderen Aussätzigen in den Höhlen wohnen. Und dort leben sie meistens, bis sie sterben. Ganz selten wird ein Aussätziger mal gesund. Joas saß noch immer auf dem Baumstamm und plötzlich fühlte er sich alt. Er war zwar erst elf Jahre alt, aber sein Leben war eigentlich vorbei. Denn das, was jetzt noch ihm bevorstand, das war kein Leben mehr, das war nur noch ein langsames Sterben. Joas konnte das alles nicht begreifen. Vor lauter Angst begann er zu schwitzen.
Lieber Gott, mach, dass es ein Traum ist, sag, dass es nicht wahr ist. Aber Joas spürte, das ist kein Traum. Er wird fortmüssen von Mama und Papa und Barak und den anderen. Da kamen die Tränen. Joas bekam solche Sehnsucht nach Mama und Papa. Er stand auf und lief ins Dorf zurück. Viele Jahre waren seit diesem schrecklichen Tag vergangen. Es war kein Traum gewesen. Joas musste wegen Aussatz das Dorf verlassen. Er musste sich ein weißes Kleid anziehen, so wie alle anderen Aussätzigen auch,
damit man sie schon von Weitem erkennen kann. Seine Mutter hat ununterbrochen geweint, als sie ihm dieses weiße Kleid überstreifte. Und dann musste Joas hinauf in die Berge zu den anderen Aussätzigen. Er lebte jetzt schon viele Jahre in den Bergen. Eine Höhle war seine neue Wohnung. Dort lebte er mit neun anderen Aussätzigen zusammen. So waren sie wenigstens nicht allein. Jeden Morgen nahm Joas seinen Teller und seinen Krug und ging dann mit den Aussätzigen den Hang hinunter zur Weggabelung. Wenn sie unterwegs jemand trafen, mussten sie laut rufen,
Unrein, Unrein, und sie mussten mit ihren Hölzern klappern. Das mussten sie tun, damit jeder sich schon von Weitem hört und sich in Sicherheit bringen kann. Unten an der Weggabelung stellten sie ihre Gefäße ab und dann warteten sie am Hang hinter den Büschen, bis Verwandte von ihnen kamen und ihnen etwas zu essen und trinken brachten. Manche der Aussätzigen lebten schon viel länger in der Höhle wie Joas. Bei ihnen kam nicht mehr jeden Tag ein Verwandter und brachte etwas zu essen. Und da teilten die Aussätzigen das Essen untereinander. Die Krankheit hatte sie zu Freunden gemacht. Die weißen Flecken auf der Haut waren
nur der Anfang. Bald bekam auch Joas Eiterbeulen und Löcher in der Haut. Vor allem im Gesicht bekam er sie und an den Händen und Füßen. Wie hässlich das aussah. Bald konnte Joas auch nicht mehr richtig laufen. Er musste sich einen Stock suchen, auf dem er sich abstützen konnte. Und wenn er trinken wollte, brauchte er immer beide Hände, um die Tasse zu heben, denn seine Finger hatten überhaupt keine Kraft mehr. Drei von ihnen waren auch blind. Der Aussatz hatte ihre Augen zerstört. Wenn sie hinunter gingen zur Weggabelung, nahmen sie die Blinden
in die Mitte. So lebten sie Tag für Tag. Irgendwie gingen die Wochen und Monate vorüber. Aber eines Tages geschah etwas, das war unbeschreiblich. Niemand von ihnen wird es jemals vergessen können. Sie gingen wie immer morgens hinunter zur Weggabelung. Aber da standen schon Leute. Es waren einige Verwandte von ihnen und einige aus dem nahegelegenen Bergdorf. Sie waren aufgeregt und als sie näher kamen, riefen sie zu ihnen herüber. Ihr müsst unbedingt hier bleiben, lauft ja nicht wieder weg. Es kommt hier bald ein Mann vorbei, Jesus aus Nazareth. Im
Nachbardorf hat er viele Kranke gesund gemacht, sogar einen aussätzigen. Wir haben es selber gesehen. Die Kraft Gottes ist in ihm. Vielleicht kann er euch auch gesund machen. Vielleicht wird noch alles gut. Sie sahen sich an. Keiner konnte ein Wort sagen vor Aufregung. Die Kraft Gottes soll in ihm sein. Ja, hat Gott vielleicht an sie gedacht und ihnen jetzt jemand geschickt, um sie aus ihrem Elend herauszuholen? Dann rief noch einer herüber. Er hat immer ein paar Frauen bei sich, seine Freunde und Freundinnen. Daran könnt ihr ihn erkennen. Niemand dachte mehr ans Essen. Immer wieder ging einer den Hang hoch und schaute den Weg entlang. Und Eser schrie auf
einmal, er kommt, er kommt. Und tatsächlich, da kam eine Gruppe von Männern und Frauen. Da musste er dabei sein. Sie kamen immer näher und da schrie auf einmal einer von ihnen, Jesus, guter Meister, erbarme dich. Schau doch unsere Krankheit, gehe nicht vorbei. Und dann schrien sie alle durcheinander, guter Meister, schau doch unsere Krankheit, gehe nicht vorbei, erbarme dich. Und er ging nicht vorbei. Er blieb stehen, schaute zu ihnen herüber. Er kam sogar ein paar Schritte auf sie zu und dann sagte er laut, geht, zeigt euch den Priestern. Ihr sollt nicht mehr in den Höhlen wohnen. Vertraut
nur mir. Was? Wir sollen uns den Priestern zeigen? Wir mit unseren Eiterbeulen und unserem verquollenen Gesicht. Die jagen uns doch sofort wieder davon. Aber die Stimme dieses Mannes war fest und klar, wie bei jemandem, der genau weiß, was er will. Und da sagte Joas, auf, wir probieren es. Und Eser sagte, wir haben doch nichts zu verlieren. Und die anderen sagten, wir kommen mit. Und da gingen alle zehn zum nahegelegenen Bergdorf zum Priester. Und unterwegs ist es dann geschehen. Joas fühlte
auf einmal wieder Steine unter seinen Füßen. Er sah hinunter, er musste schlucken. Er sah noch mal hinunter, keine Löcher mehr in der Haut, keine Eiterbeulen. Und da merken es die anderen auch, der eine saß sich auf die Hände, der andere fuhr sich übers Gesicht. Kein Aussatz mehr. Sie waren gesund. Da konnten sie sich nicht mehr beherrschen. Sie umarmten sich, sie küsten sich. Sie lachten, sie weinten, sie tanzten, sie warfen die Holzklappern in die Büsche. Einige wurden nervig wie kleine Kinder. Und dann nichts wie ab zum Priester. So schnell waren sie ihr Leben lang noch nie gelaufen. Und die Leute vom Bergdorf wollten zuerst alle wegrennen, als sie die weißen Kleider sahen. Aber sie schrien, wir sind gesund, gesund. Da sahen sie es tatsächlich. Das waren keine
Aussatzungen mehr. Und als die Zehen vor dem Haus des Priesters Halt machten, kam das ganze Dorf hinter ihnen her. Sie wollten alle hören, was der Priester sagte. Der Priester kam heraus, er untersuchte sie gründlich und erstaunte über alle Maßen. Und dann sagte er, ich kann keinen Aussatz mehr finden. Ihr seid gesund, ihr könnt nach Hause zurück. Nach Hause, dachte Joas, zurück zu Mama und Papa, zu den Geschwistern, zu Barak und den anderen. Die werden Augen wachen. Und den anderen ging es genauso. Sie verabschiedeten sich sehr rasch und dann rannten sie in alle Himmelsrichtungen
auseinander. Jeder wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Joas war noch nicht weit gelaufen. Da kam ihm plötzlich ein Gedanke. Er kam ihm so deutlich, dass er stehen blieb. Und er sagte zu sich, jetzt weiß ich auf einmal, warum dieser Mann uns zu den Priestern weggeschickt hat. Er hat uns weggeschickt, damit wir zu ihm zurückkommen können. Wahrscheinlich steht er immer noch an der Weggabelung und wartet auf uns. Ich muss ja zuerst mal zu ihm. Nach Hause kann ich immer noch. Ich verdanke ja es ihm, dass ich nach Hause kann. Und dann drehte sich Joas um und lief zur
Weggabelung zurück. Und je näher er der Weggabelung kam, desto mehr freute er sich auf diesen Mann, der über ihrem Leben aufgegangen ist, wie die Sonne in ihrer Pracht. Und er freute sich auf diesen Mann. Wer ist er? Ist wirklich die Kraft Gottes in ihm? Und dann war er nahe an der Weggabelung und er hat es geahnt. Der Mann saß immer noch da und seine Freunde und Freundinnen saßen um ihn herum. Er saß da und wartete. Er hatte es geahnt. Er rannte zu ihm hin, fiel vor ihm auf den Boden und sagte, guter Meister, du siehst es ja selbst, wir sind gesund. Keinen Tag mehr in dieser verdammten Höhle. Wie kann ich dir und Gott nur danken? Dann sagte dieser
Mann, wo sind denn die anderen? Hängen nicht zehn Holzklappen in den Büsch? Ich habe mich so auf euch gefreut und ich war so neugierig, ob ihr wohl alle wieder hierher kommen werdet. Aber weißt du, die anderen kommen vielleicht auch noch später zu einer Stunde, wo es keiner denkt. Und dann gab dieser Mann ihm die Hand und zog ihn hoch und sagte, steh auf und sei fröhlich, dein Glaube hat dich gerettet. Und diesen Satz vergaß Joas nie wieder. Er fasste dann allen Mut zusammen und
sagte zu dem Mann, Rabbi, darf ich bei dir bleiben? Ich würde am liebsten bei dir bleiben und das neue Leben mit dir zusammenleben. Na, sagte dieser Mann, weißt du, wenn du bei mir bleiben willst, kannst du das gerne machen. Wer zu mir kommt, den stoße ich nicht weg. Aber jetzt geh erst mal zuerst nach Hause, damit dein Papa und deine Mama und deine Geschwister auch jubeln können. Ja, das sah Joas ein und er rannte nach Hause. Und dann sagte er seinem Papa und seiner Mama diesen Satz weiter, dein Glaube hat dich gerettet. Als sie abends beim Feuer saßen und die ganze Nacht
durchfeierten und was sie sich dabei zuriefen, das konnte man auch weit hören in der stillen Landschaft und noch ziemlich lange. Copyright WDR 2020
Eine biblische Heilungsgeschichte erzählt für Kinder und Erwachsene | 15.1.1
Bevor es Netflix gab, Fernsehen oder Radio, in einer Zeit also gar nicht so lange vor unserer Zeit, da war es eine große Kunst, Geschichten erzählen zu können. Siegfried Zimmer beherrscht diese Kunst und erzählt. Dieses Mal wendet sich der Theologe an Kinder ab etwa neun Jahren. Allerdings mit einer kleinen Warnung für die Eltern, denn die Geschichte könnte für manche Kinder zwischendurch unheimlich sein. Es geht um eine Krankheit und um eine Erzählung, die die meisten Christen längst kennen. Für viele Kinder mag es das erste Mal sein, dass sie diese Geschichte hören. Für Erwachsene ist es eine seltene Gelegenheit, einfach nur zuzuhören, so wie es die Kinder einst taten, vor Radio, Fernsehen und Netflix.