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Die Erinnerungen der Alten Testamenten Im Jahr 1971 starb Gerhard von Rath. Er war wahrscheinlich einer der wichtigsten Alttestamentler und Theologen des 20. Jahrhunderts. Er ist vor allem bekannt geworden durch seine zweibändige Theologie des Alten Testaments. Und in dieser Theologie des Alten Testaments nannte er die Verkündigung Jesajas das gewaltigste theologische Phänomen des Alten Testaments. Wie kommt Gerhard von Rath zu diesem Urteil? Er erklärt das nicht vollkommen explizit, aber ich denke, was ihn dazu geführt hat, ist die Zusammenschau von Geschichte, Gegenwart und Zukunft im theologischen Denken des Jesajabuchs.

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Dann diese Art und Weise, Religion politikförmig zu denken, dürfte auch eine Rolle gespielt haben, also wie äußert sich Gottes Handeln über das Agieren der Weltmächte, aber auch der lokalen Mächte in Israel und Juda. Dann spielt im Jesajabuch auch das Thema des Vertrauens auf Gott, des Glaubens an Gott eine wichtige Rolle. Weiter kann man nennen, dass das Jesajabuch das Gottesverhältnis der Menschen nicht unabhängig von den sozialen Verhältnissen unter den Menschen denken will, also kein intaktes Gottesverhältnis, keine intakte Gottesbeziehung, ohne das Pochen auf Gerechtigkeit zwischen den Menschen.

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Schließlich auch die Zukunftserwartungen des Jesajabuchs haben sicher eine Rolle gespielt. Das Jesajabuch enthält eine Reihe von messianischen Texten, die die Hoffnung auf eine heilvolle Zukunft nähren. Und schließlich natürlich auch sehr umfassende Perspektiven. Sie kennen vielleicht dieses Bild der Schwerter zu Pflugscharen, die ja auch als Skulptur vor dem UNO-Hauptgebäude in New York stehen, interessanterweise ein Geschenk der damaligen Sowjetunion an die Vereinten Nationen. Und ganz am Schluss des Buches Jesaja dieser Ausblick auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Nicht alles, was ich jetzt genannt habe, ist Teil der Verkündigung des historischen Propheten Jesaja.

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Manche dieser Texte gehen auch auf spätere Autoren zurück, aber dazu später mehr. Zunächst einmal, wenn man sich dem Jesajabuch und Jesaja als Prophet nähert, ist es hilfreich, sich klar zu machen: Was ist eigentlich Prophetie? Was ist biblische Prophetie? Ich nehme an, wenn Sie jemanden auf der Straße fragen würden: Was ist ein Prophet? Wer ist ein Prophet? Dann bekämen Sie vermutlich die Antwort, das ist jemand, der die Zukunft voraussagt. Nun, das ist nicht falsch. Es ist aber auch nicht ganz richtig im Blick auf die biblische Prophetie. Der deutsche Begriff Prophetie setzt sich zusammen aus "pro" und "phet". Das geht auf das griechische Verb prophemi zurück, das so etwas wie vorsagen heißt:

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pro - vor, phemi - sagen. Und "vor" kann aber im Prinzip zeitlich oder räumlich verstanden werden. Die übliche Auffassung ist die zeitliche. Also jemand sagt etwas voraus, aber Prophet, prophemi, kann eigentlich auch heißen, jemand sagt etwas hervor, sagt etwas, was zuvor nicht sichtbar war. Was zuvor verborgen war, wird sichtbar gemacht durch dasjenige, was eben dieser Prophet sagt. Und ich glaube, man kann für die biblische Prophetie sagen, dass wahrscheinlich die historischen Propheten sich natürlich auch mit der näheren Zukunft beschäftigt haben. Aber ihre Hauptaktivität war eigentlich eher eine des Hervorsagens als des Voraussagens. Sie haben soziale Missstände angeprangert.

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Sie haben versucht, gegenwärtige politische Situationen zu verstehen und das explizit zu machen. Und sie sind dann im Verlauf ihrer Überlieferungsgeschichte - ihre Aussagen, ihre Sprüche sind tradiert worden -, sind sie immer mehr zu Voraussagern geworden. Und das muss man sich klar vor Augen halten, wenn man die biblische Prophetie und eben auch das Jesajabuch und den dahinter stehenden Propheten Jesaja bespricht. Prophetie ist nicht etwas, was es nur in der Bibel oder in der biblischen Welt gibt. Wir wissen seit einiger Zeit, dass es auch im Alten Orient bereits 1000 Jahre vor Jesaja Prophetien gab, auch schriftliche Prophetien. Zu nennen sind einerseits die Prophetensprüche aus Mari. Das ist eine Ortschaft am oberen Euphrat, im heutigen äußersten östlichen Syrien gelegen,

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also etwa zehn Kilometer von der irakischen Grenze weg. Dort gibt es Prophetien aus dem 18. Jahrhundert vor Christus. Zum anderen sind die neu-assyrischen Prophetien zu nennen. Die sind besonders interessant für die Bibelwissenschaft, weil sie etwa zeitgleich sind mit dem Propheten Jesaja. Jetzt, was ist gleich, was ist verschieden zwischen diesen außerbiblischen und den biblischen Prophetien? Das ist eine Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist. Die Themen sind vergleichbar. In der außerbiblischen Prophetie hat man etwas mehr Heilsprophetie als Unheilsprophetie. Das hängt damit zusammen, dass diese Propheten an den damaligen altorientalischen Königshöfen angestellt gewesen sind, und auch, dass schon damals galt: Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'.

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Man hat entsprechend die Politik der Könige gestützt. Aber es gibt auch Unheilsaussagen. In der biblischen Prophetie, die in den Prophetenbüchern überliefert ist, herrscht sicher die Unheilsprophetie vor. Aber wir haben natürlich auch gerade im Jesajabuch breite Passagen mit Heilsprophetie. Also hier liegt kein qualitativer Unterschied. Der wichtigste Unterschied betrifft eben wahrscheinlich nicht die Inhalte, sondern die Überlieferung. Die altorientalische Prophetie, von ihr wissen wir durch Zufall. Sie ist über Jahrtausende hinweg vergessen gegangen und erst durch archäologische Ausgrabungen im 19. Jahrhundert, wenn Sie so wollen, per Zufall, wieder entdeckt worden, während das Jesajabuch von Generation zu Generation immer gelesen worden ist mit der Erwartung: Dieser Text hat uns etwas zu sagen.

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Das Jesajabuch ist so immer wieder kopiert, immer wieder abgeschrieben worden und ist in einem lebendigen Traditionsprozess immer wieder weitergegeben worden. Und hier kann man sehen, dass offenbar eine völlig unterschiedliche Erwartung sich an diese Prophetien gerichtet hat. Die altorientalische Prophetie hat sich gewissermaßen mit dem Tagesgeschäft, mit der Tagespolitik erledigt, während die Prophetie des Jesaja so verstanden worden ist, dass sie als immer wieder sprechend zu den jeweiligen Generationen empfunden worden ist. Es gibt im Alten Testament unterschiedliche Formen von Prophetie. Es gibt Berichte über ekstatische Gruppenpropheten. Etwa in 1. Samuel 10 findet sich ein Bericht, wie Saul unter eine Gruppe gerät von, so werden sie genannt, Propheten, die sich mittels Musik, Tanz, Trommeln in eine Ekstase bringt.

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Da endet diese Passage dann mit der Frage: "Ist denn Saul auch unter den Propheten?" Das ist ein interessanter Text, weil er zeigt, dass Prophetie auch etwas sein kann, was nicht worthaft ist. Sich selber in einen ekstatischen Zustand bringen, das kann für die Bibel auch Prophetie sein. Dann wissen wir von Kult-Propheten, also Propheten, die am Jerusalemer Tempel beschäftigt waren. Die mussten jeweils Bescheid geben, wenn jemand einen Opfer darbrachte. Diese Personen mussten Auskunft geben: Nimmt Gott dieses Opfer an? Es gab Hof-Propheten, wie diese Propheten, die wir eben aus dem altorientalischen Bereich kennen. Auch hier kennt die Bibel dieses Problem, dass die gelegentlich den Königen nach dem Mund sprechen.

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Eine schöne Geschichte findet sich in 1. Könige 22. Und als letzte Gruppe gibt es die sogenannten Schrift-Propheten. Das sind die Propheten, an die wir zunächst denken, also Jesaja, Jeremia, Ezechiel und dann die ganze Gruppe der zwölf kleinen Propheten von Hosea bis Maleachi. Man muss sich vollkommen klar sein, dass in biblischer Zeit, zur Zeit Jesajas etwa, dass diese Einzelpropheten, die wir eben Schrift-Propheten nennen, weil auf sie dann entsprechende Bücher zurückgehen, dass die eine absolute Subkultur gewesen sind. Das waren Personen, die sich gegen das Establishment gewandt haben. Und die Kritik, die sie vorgetragen haben, die hat man in der Regel nicht besonders gerne gehört.

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Und sie sind eigentlich erst durch ihre, wenn man so will, historische Generalbewahrheitung im Untergang Judas und Jerusalems 587 v. Chr. in einen Status aufgerückt, dass man sagte, nein, das sind Texte, das sind Äußerungen, die etwas zu sagen haben. Das sind Texte, die so etwas wie Wahrheit zur Sprache bringen. Also die Schrift-Prophetie war zunächst eine Subkultur und hat sich eigentlich erst nach und nach durchgesetzt gegenüber diesen anderen, eher institutionellen Formen, etwa der Hof-Prophetie oder der Kult-Prophetie. Nun zum Jesajabuch selber. Das Jesajabuch hat 66 Kapitel. Das ist die größte Anzahl Kapitel in einem prophetischen Buch.

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Gleichwohl ist das Jesajabuch nicht das längste Buch unter den Prophetenbüchern. Das Jeremiabuch ist länger, gemessen an der Anzahl Wörter. Das Jesajabuch hat mehr Kapitel. Die Kapitel sind allerdings erst ab dem 12. Jahrhundert n. Chr. eingetragen worden in den Bibeltext. Also das ist eigentlich nicht etwas, was den Bibeltext von Anfang an prägt. Das Jesajabuch mit seinen 66 Kapiteln eröffnet das sogenannte Corpus Propheticum, also das Corpus der Prophetenbücher. Das besteht aus den drei großen und den zwölf kleinen Büchern. Man hat schon relativ bald innerhalb der Überlieferung gedacht, hier entsprechen sich die drei Erzväter Abraham, Isaac und Jakob plus die zwölf Stammväter Israels, also die Söhne Jakobs.

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Wir haben hier eine gewisse Entsprechung in den drei großen Propheten und den zwölf kleinen Propheten. Man muss aber sich klarmachen, dass in der Antike die zwölf kleinen Propheten nicht zwölf Bücher waren, sondern ein Buch. Wir wissen das aus den Textfunden von Qumran. Dort gibt es Zwölfprophetenbuch-Rollen, aber nicht Einzelrollen der kleinen Propheten. Die drei großen Propheten sind angeordnet in der Abfolge Jesaja, Jeremia, Ezechiel. Und dann kommt eben dieses Zwölfprophetenbuch. Man kann sehen, dass, wenn man antik gesprochen, von vier Büchern spricht, dass sich das Jesajabuch und das Zwölfprophetenbuch insofern entspricht, als sie verschiedene Epochen abdecken, also von der Zeit, in der sie spielen und von der sie erzählen.

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Also die assyrische, die babylonische und die persische Zeit werden im Jesajabuch wie auch im Zwölfprophetenbuch abgedeckt. Die dazwischen stehenden Bücher, das Jeremiabuch und das Ezechielbuch, die betreffen nur die babylonische Zeit, die babylonische Zeit, also das sechste Jahrhundert vor Christus mit der Zerstörung Jerusalems und dann dem Babylonischen Exil. Man sieht hier bereits eine planvolle Anlage, die zeigt, das Zentralereignis der Geschichte Israels ist dieser staatliche Zusammenbruch mit Verlust von Tempel, Königtum und Staat, wo sich eben eigentlich dasjenige entwickelt, was wir als Judentum kennen, nämlich eine Religion, die nicht selbstverständlich auf die Institutionen des Königtums und auch des Tempels aufbaut, sondern die gekennzeichnet ist durch ein bestimmtes Set von gedanklichen Überzeugungen, denen man anhängen muss, um Teil dieser Religion zu sein.

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Und das Jesajabuch und das Zwölfprophetenbuch rahmen gewissermaßen hier diese beiden Bücher, Jeremia und Ezechiel, und geben, wenn man so will, Auskunft über die gesamte Weltgeschichte, also wenn wir jetzt aufs Jesajabuch schauen, von der historischen Position Jesajas bis hin zur Neugründung von Himmel und Erde in Jesaja 66. Bezüglich der Stellung im Kanon muss man noch einen Punkt hinzufügen. Die hebräische Bibel, die Heilige Schrift des Judentums, ist etwa gleich wie das Alte Testament in christlichen Bibeln, namentlich in protestantischen Bibeln. Der Bücherbestand ist derselbe, aber die Anordnung ist eine andere. Die jüdische Hebräische Bibel bietet die Propheten in der Mitte des Kanons, während christliche Alte Testamente die Propheten an den Schluss des Alten Testaments stellen.

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Für die hebräische Bibel ist die Logik, dass nach der großen Darstellung von Genesis bis zweiter Könige, die die Geschichte Israels gewissermaßen von der Weltschöpfung bis zum Untergang Jerusalems in der babylonischen Zeit erzählt, dass daran eigentlich die Hoffnungsperspektive der Propheten anschließt. Und dann kommen noch die weiteren Schriften, vor allem um das Buch der Psalmen gruppiert, das so etwas wie die Alltagsfrömmigkeit erklärt. Die christlichen Bibeln haben diese Mittelstellung der Prophetie aufgelöst und die Prophetenbücher ganz an das Ende des Alten Testaments gestellt. Wieso? Das ist eine, wenn man so will, christologische Entscheidung gewesen.

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Man hat die Prophetenbücher des Alten Testaments vor allem als Weissagung auf den Christus hin gelesen, und man sah dort eigentlich die angemessene textliche Brücke vom Alten zum Neuen Testament. Deswegen erscheinen die Prophetenbücher in christlichen Bibeln am Ende des Alten Testaments. Wenn man von Buch spricht in der Antike, namentlich in der jüdischen Antike, muss man sich klar sein, dass das gebundene Buch mit einem Buchrücken erst in christlicher Zeit aufkam. Die Buchform zuvor war die Rolle, wie man sie für Thora-Rollen noch in heutigen jüdischen Gemeinden kennt. Also das Jesajabuch ist ursprünglich als eine Rolle entstanden, und erst in christlicher Zeit hat man dann angefangen, die Bücher der Bibel und dann letztlich auch die Bibel in Buchform mit Buchdeckeln entsprechend zu gestalten.

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Woher wissen wir überhaupt, was das Jesajabuch ist? Ich habe bereits angedeutet, wir kennen das Jesajabuch nur als Kopie von Kopie von Kopien von Kopien von Kopien. Das älteste hebräische Jesajabuch, das wir vollständig haben, war bis 1947 das Jesajabuch, das im sogenannten Codex Leningradensis, einer mittelalterlichen Handschrift aus dem Jahr 1008 nach Christus, bezeugt ist. Also eigentlich eine sehr unkomfortable Situation. Wir haben dieses biblische Buch bezeugt nur in einer mittelalterlichen Handschrift komplett. Allerdings wusste man schon damals, dass die griechischen Übersetzungen des Jesajabuchs handschriftlich weiter zurückreichen, ins vierte Jahrhundert vor Christus. Und 1947 fand dieser archäologische Jahrhundertfund von den Schriftrollen vom toten Meer statt,

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wo man als eine der besterhaltenen Rollen auch eine große Jesaja-Rolle fand. In Qumran sind Überreste von etwa 900 Schriftrollen zum Vorschein gekommen. Etwa 200, 250 betreffen biblische Texte. Die meisten dieser Rollen haben sich nicht erhalten und sind meistens in etwa handtellergroßen, bestenfalls handtellergroßen, Fragmenten überliefert. Aber die Jesajarolle, dadurch, dass sie sorgfältig verpackt war, luftdicht, konnte über Jahrtausende hinweg überleben. Und wir wissen heute, dass dieser Jesajatext, der wirklich praktisch alles von Jesaja 1 bis 66 enthält, dass das ein Text ist, der etwa aus der Zeit 125 vor Christus stammt.

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Das ist zwar etwas später als der, wenn man so will, textgenetische Abschluss des Jesajabuchs, aber immer noch ist es ein Text, der wirklich aus der Antike selber stammt. Und natürlich hat man sofort geschaut, ja, wie verhält sich jetzt eigentlich dieser antike Text zu dem mittelalterlichen Text? Es ist doch erstaunlich: Man hat gesehen, es gibt zwar etwa 4500 Differenzen zwischen diesen beiden Textdokumenten. Das mag nach viel klingen. Auf 20.000 Wörter ist das allerdings einerseits numerisch jetzt nicht dramatisch. Und zum anderen muss man darauf hinweisen, dass die meisten dieser Differenzen etwas zu tun haben mit der Orthographie des Hebräischen. Hebräisch wird ja als Konsonantenschrift geschrieben, mit den Vokalen als Punkten. Die Punkte sind erst vom fünften bis achten Jahrhundert zur Sicherung der Aussprache eingetragen worden.

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In Qumran hat man nur den Konsonantentext. Und dort gab es bestimmte Schreiberkonventionen, um trotzdem Vokale anzeigen zu können. Und die meisten dieser Differenzen betreffen also die Orthographie. Der Schluss ist derjenige, dass man sagen kann, in Qumran, also 125 vor Christus, hat man eigentlich den Nachweis dafür gefunden, dass die spätantike und frühmittelalterliche Textüberlieferung doch erstaunlich getreu gewesen ist. Das hat damit zu tun, dass ab dem ersten Jahrhundert nach Christus die Inspirationslehre aufgekommen ist. Und sobald man natürlich einen Bibeltext als inspiriert interpretiert, dann traut man sich nicht mehr, ihn zu verändern. Wir wissen aber heute, dass die Bücher der Bibel, auch das Jesajabuch, nicht als Bücher der Bibel entstanden sind, sondern sie sind dazu erst geworden.

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Gewissermaßen die Kanonisierung eines Buches ist nicht ein Produktions-, sondern ein Rezeptionsphänomen. Bestimmte Gemeinschaften haben diese Texte als maßgeblich angeschaut, und von einer Bibel kann man dann eigentlich erst vom zweiten, dritten, vierten nach Christlichen Jahrhundert an überhaupt sprechen. Nun zur Entstehung des Buches, das Jesajabuch. Das Jesajabuch hat eine Überschrift, und diese Überschrift ist einfach der erste Vers. Also gewissermaßen, wenn Sie in heutigen Bibeln lesen, das Buch Jesaja oder Jesaja, die Überschrift, wie auch die Perikopen-Überschriften, die sind immer hinzugefügt durch die Editoren. In biblischer Perspektive ist die Überschrift eines Buches jeweils der erste Vers, man spricht auch von einem sogenannten Incipit. Die Überschrift des Jesajabuchs lautet: "Die Schauung", man kann auch übersetzen, "die Vision des Jesaja, des Sohnes von Amoz",

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nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Propheten, der hat damit nichts zu tun, "die er geschaut hat über Juda und Jerusalem in den Tagen des Ussijahu, des Jotam, des Ahas und des Hiskija, der Könige von Juda." Also hier wird alles, was nachher folgt, als Prophetie des Jesaja aus dem späten achten Jahrhundert vor Christus dargestellt. Nun wissen wir aber heute, dass dies die Sicht des Jesajabuchs ist. Das ist die biblische Sicht, aber nicht die historische Sicht. Und ich möchte Ihnen hier eine grundsätzliche Unterscheidung vorstellen, die absolut zentral ist für jeden historischen Zugriff auf die Bibel und die Bücher der Bibel. Und das ist die Unterscheidung zwischen der Welt der Erzähler und der erzählten Welt.

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Was ich damit meine, möchte ich Ihnen kurz an einem Beispiel erläutern, das nicht aus der Bibel stammt. Friedrich Schiller hat im Jahr 1804 das Drama "Wilhelm Tell" geschrieben. Die Welt der Erzählung oder die erzählte Welt ist die Schweiz des 13. Jahrhunderts. Es geht um die Gründung der schweizerischen Eidgenossenschaft. Die Welt des Erzählers ist natürlich die Welt Friedrich Schillers, also des Anfang 19. Jahrhunderts in Deutschland. Das wird Sie nicht überraschen, wenn Sie Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" lesen, dass Sie historisch eigentlich mehr erfahren über das Deutschland des 19. Jahrhunderts als die Schweiz des 13. Jahrhunderts. Und ganz ähnlich ist das auch beim Jesajabuch. Die erzählte Welt des Jesajabuchs, das ist die Zeit Jesajas.

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Die biblische Sicht auf das Jesajabuch ist diejenige, dass die Bibel sagen will, alles was nun kommt in diesen 66 Kapiteln, das ist Prophetie des Propheten Jesaja aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. Der hat das alles bereits gesehen. Wenn man aber historisch fragt, dann sieht man schnell und das weiß man auch seit über 250 Jahren, dass das Jesajabuch grob zweigeteilt ist. In 1 bis 39 fällt der Name Jesaja mehrfach. Die vorgestellte Welt ist tatsächlich das 8. Jahrhundert, und wir haben vor allem Unheils-Prophetien. Wenn man ab Jesaja 40 weiter liest, dann merkt man: Von Jesaja 40 bis 66 fällt der Name Jesaja gar nie mehr. Kein einziges Mal.

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Wir haben vor allem Heilsprophetie, und es wird vollkommen klar, dass eigentlich vorausgesetzt ist als Szenerie nicht mehr das 8. Jahrhundert, sondern das 6. Jahrhundert vor Christus. Israel wird im Exil vorgestellt, es heißt auch "zieht aus aus Babel!", und es wird sogar der Perserkönig Kyros genannt, der Mitte, Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus gelebt hat. Also das ist eine Einsicht, die so fundamental ist, dass sie schon 1775 durch den Theologen Johann Christoph Döderlein gemacht worden ist. Und die Bibelwissenschaft kennt viele kontroverse Hypothesen. Die Unterscheidung von erstem Jesaja 1 bis 39 und 40 bis 66 als zweitem Jesaja ist unstrittig.

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Also überall dort, wo man überhaupt einen historischen Zugriff auf die Bibel erlaubt, ist das eigentlich klar. 1892 kam dann noch eine neue Unterscheidung hinzu. Bernhard Duhm, Alttestamentler in Basel, erkannte, dass es in Jesaja 40 bis 66 es noch mal eine deutliche Zäsur gibt zwischen 55 und 56. Ab Jesaja 56 hat man nicht mehr unbedingte Heilsprophetien, sondern bedingte Heilsprophetien. Das Gottesvolk wird aufgefordert, umzukehren, sich zu bessern, bestimmte Anstöße aus dem Weg zu räumen. Und hier sagte Bernhard Duhm, also hier setzt sich innerhalb des zweiten Jesaja noch einmal ein bestimmtes Segment ab, das er den dritten Jesaja nannte, latinisiert Tritojesaja.

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Und es gab dann gewissermaßen diese Überzeugung, dass diese drei Buchteile eben im Kern auf drei unterschiedliche Prophetengestalten zurückgehen. Jesaja 1 bis 39, erster Jesaja oder Protojesaja, auf den, im Kern jedenfalls, auf den historischen Propheten des achten Jahrhunderts. Jesaja 40 bis 55, Deuterojesaja, geht zurück auf einen Propheten, der im babylonischen Exil wirkte. Und dann Jesaja 56 bis 66, vielleicht ein Schüler Deuterojesajas - Deuterojesaja ist ein Kunstname natürlich, die Prophetie dort ist anonym - ein Schüler, also Tritojesaja, ein Schüler des Deuterojesaja, der noch etwas später gewirkt hat. Nun, wieso ist eigentlich ein solcher historischer Zugriff sinnvoll auf biblische Bücher?

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Man kann ja auch sagen, wir lesen das als literarische Texte, wir nehmen die biblische Perspektive ernst. Nun, ich glaube, es gibt verschiedene Punkte, die man hier nennen kann. Zunächst einmal ist gerade das Jesajabuch häufig in historische Situationen hinein formuliert mit ihren Problemlagen, die wir heute so nicht mehr kennen, sondern die wir rekonstruieren müssen, um sie verstehen zu können. Deswegen ist gewissermaßen die historische Rekonstruktion wichtig, um zu wissen, was diese Texte überhaupt damals sagen wollten. Weiter aber, und das ist ein Punkt, der vor allem durch Rudolf Bultmann und auch Gerhard Ebeling, die systematischen Theologen, namhaft gemacht worden ist, kann man heute in einer Zeit, die durch elektrisches Licht, Rasierapparate gekennzeichnet ist,

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dann kann man nicht einfach an das alttestamentliche, biblische, altorientalische Weltbild mit Oberwelt, Unterwelt, Götterwelt, mit Geistern, die sich da aufhalten, glauben oder das voraussetzen, sondern man muss zurückfragen: Was hat eigentlich diese Person in ihrer Zeit wirklich bewegt? Und um herauszufinden, was eigentlich diese Person inhaltlich, theologisch, bewegt hat, muss man rekonstruieren können, wie sie sich in ihrer Zeit selber verstanden haben. Gerhard Ebeling hat in einem schönen Aufsatz aus dem Jahr 1950, "Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode für die [protestantische] Theologie [und Kirche]", einmal prägnant gesagt: "Die historisch-kritische Methode ist nicht der Feind der Theologie oder des Glaubens, sondern es ist eigentlich die Voraussetzung, heute, ohne Abstriche an der Rationalität vornehmen zu müssen,

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noch sich von den biblischen Texten etwas sagen zu lassen." Schauen wir nun in das Jesajabuch hinein. Dort gibt es wirklich eine Reihe von Texten, die eine wichtige Rolle spielen, die auch eine ungemeine Wirkung entfaltet hat. Es ist vielleicht zunächst wichtig zu sagen: Wenn Sie das Jesajabuch lesen, haben Sie vielleicht den Eindruck, hier reiht sich eine Perikope, ein Textzusammenhang an den anderen, und es gibt nicht wirklich übergreifende Linien. Das wiederum stimmt und stimmt nicht ganz. Natürlich hat man diesen Eindruck, dass sogenannte kleine Einheiten, also Sprucheinheiten, hinter vielen Texten stehen. Aber es ist gleichzeitig auch klar, dass das Jesajabuch so etwas wie eine übergreifende Geschichtsschau entwickelt,

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wobei allerdings interessant ist, dass das Babylonische Exil eigentlich übergangen wird. Von Jesaja 1 bis 35 haben Sie vor allem Texte, Gerichtstexte, die im 8. Jahrhundert vor Christus spielen, also dort verortet sind. Dann folgt dieser Abschnitt der Jesaja-Hiskija-Erzählungen von Jesaja 36 bis 39, die in der Krise um 701 vor Christus angesiedelt sind. Und dann folgt dieser Teil des zweiten Jesajas, wo das Babylonische Exil im Prinzip bereits zu Ende geht: Kyros erlaubt den Judäern wieder zurückzukommen, den Tempel aufzubauen. Die Restauration wird in den Blick genommen. Dieses Schweigen über das Babylonische Exil ist wahrscheinlich programmatisch gemeint.

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Für das Groß-Jesajabuch ist hier vermutlich wirklich die Zusage im Blick, dass Gott sein Volk nicht auf diese Katastrophe beharrt, sondern dass die Restauration im Vordergrund steht, die aber mit der Vergangenheit vermittelt werden muss. Wenn Sie nach der Überschrift in Jesaja 1 anfangen zu lesen, dann begegnen Sie folgendem Text: "Himmel höre und Erde horch auf, denn der Herr hat gesprochen. Kinder habe ich aufgezogen und groß werden lassen, sie haben aber mit mir gebrochen. Noch immer hat ein Ochse seinen Besitzer gekannt und ein Esel den Futtertrog seines Herrn. Israel hat nichts erkannt. Uneinsichtig ist mein Volk." Lassen Sie sich dies mal auf der Zunge zergehen. Das Jesajabuch, das eine Prophetie ist für Israel und Juda, fängt an mit dem Aufruf "Himmel höre und Erde horch auf".

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Das Volk wird überhaupt nicht angesprochen, sondern Himmel und Erde werden angesprochen. Weshalb? Weil Israel sowieso nicht hört. Da ist dieses Bild von Ochs und Esel, die ihren Futtertrog kennen, aber Israel kennt seinen Herrn nicht. Sie wissen vielleicht, dass Ochs und Esel an der Krippe in Bethlehem, das sie aus vielen Darstellungen kennen, dass die von hier her eingetragen worden sind. Interessanterweise ein fast etwas antisemitisches Element in der christlichen Traditionsbildung, dass man sagt, Ochs und Esel, die eben verständiger sind als Israel, die sind da bei der Krippe dabei. Aber Israel versteht eben nicht, worum es da eigentlich geht. Also hier sieht man bereits vom Einsatz des Jesajabuchs diesen Sprechakt, dass hier eigentlich gesagt wird, nicht Israel hier und jetzt ist adressiert, sondern es ist eigentlich bereits zu spät.

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Also das Jesajabuch richtet sich eigentlich nicht an Leser des achten Jahrhunderts, also ihr müsst umkehren, ihr müsst euch bessern, sondern das Jesajabuch richtet sich eigentlich an eine Leserschaft nach der Katastrophe, um zu verstehen, wieso es eigentlich so weit kommen konnte. Es geht dann weiter nach ein paar Versen in Jesaja 1, wo man das eigentlich nochmal zeigen kann. Es heißt dort: "Verwüstet ist euer Land, im Feuer sind eure Städte verbrannt. Übrig geblieben ist die Tochter Zion wie eine Hütte im Weinberg, wie eine Nachthütte im Gurkenfeld." Also hier sieht man, die vorgestellte Situation ist nicht ein prosperierendes, ein funktionierendes Jerusalem, wie es noch besteht,

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sondern es ist eine Situation gezeigt, die ein Jerusalem nach der Katastrophe zeigt. Das ist die Einleitung des Jesajabuchs, die hier gemacht wird. Und in Jesaja 1,10, da wird nun zum ersten Mal Israel direkt angesprochen. "Hört das Wort des Herrn, ihr Oberhäupter von Sodom, hört auf die Weisung unseres Gottes, Volk von Gomorra." Sodom und Gomorra, also dieser Inbegriff von Städten, die abtrünnig sind von Gott, also gemäß der Geschichte von Genesis 19, das ist hier der Name, der gebraucht wird für die Jerusalemer und die Judäer. Und daran schließt sich nun einer dieser Texte an, die wirklich auch unglaublich revolutionär sind: "Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern?, spricht der Herr. Die Brandopfer von Widdern und das Fett der Mastkälber habe ich satt,

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und am Blut der Stiere, der Lämmer und der Böcke habe ich kein Gefallen. Wenn ihr kommt, um mein Angesicht zu schauen, wer hat denn von euch verlangt, dass ihr meine Vorhöfe zertretet? Bringt nicht länger nutzlose Gaben - mir ein abscheulicher Gestank." Aus neuzeitlicher, christlicher Sicht kann man sagen, wunderbar, also soziales Verhalten, Gerechtigkeit ist wichtiger, als diese Opfer darzubringen. In der damaligen Zeit muss man aber sagen, Opfer waren der absolut zentrale Bestandteil des Gottesdienstes. Und wenn hier Jesaja mit einer solchen Aussage kommt, dann stellt er sich natürlich gegen das gesamte priesterliche Establishment am Jerusalemer Tempel. Und man sieht hier die Radikalität der Schriftprophetie in ihrem damaligen Kontext.

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Also eigentlich absolut heterodox, was hier formuliert wird, was hier zur Sprache gebracht wird. Und man muss sich hier wirklich klarmachen, dass wahrscheinlich ein solcher Text wirklich erst nach der Zerstörung des Tempels 587 v. Chr. wirklich rezipiert werden konnte, als man sagte, Gott selber muss ja irgendwie hier auch eingewilligt haben, dass es nicht mehr so etwas gibt wie einen Opferkult. Also hier beklagt Jesaja diese - vielleicht - Kultfixiertheit seiner Zeit. Und er hat das auch in einem anderen Text hier zur Aussage gebracht, Jesaja 1,21-26: "Wie ist zur Hure geworden die treue Stadt, die erfüllt war von Recht. Gerechtigkeit übernachtete dort und nun Mörder.

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Deine Anführer sind störrisch und Kumpane von Dieben. Jeder liebt Bestechung und jagt Geschenken nach. Der Waise verschaffen sie nicht Recht, und der Rechtsstreit der Witwe gelangt nicht vor sie." Also das ist etwas, was absolut zentral ist für das Jesajabuch, dass man hier also sagt: Gerechtigkeit, das ist eigentlich dasjenige, was zählt, und nicht irgendwelche vordergründigen kultischen Begängnisse. Der Kult macht eigentlich erst Sinn, wenn es so etwas wie soziale Gerechtigkeit gibt. Im 19. Jahrhundert hat man das gerne ausgespielt gegeneinander. Also die Propheten wollen Ethos statt Kultus. Aber wahrscheinlich, alttestamentlich gedacht, ist das nicht ausschließend zu einer neuen Beziehung gesetzt, sondern es braucht so etwas wie ein funktionierendes Sozialgefüge, um überhaupt mit Gott über den Kult in Berührung zu kommen.

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Am Anfang des zweiten Kapitels kommt dann diese berühmte Vision der Schwerter zu Pflugscharen, Jesaja 2, die auch in Micha 4 noch einmal überliefert ist. Also hier sieht man wiederum, wie Jesajabuch und Zwölfprophetenbuch offenbar theologisch aufeinander abgestimmt worden sind. Es heißt da in Jesaja 2: "Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem" - eine etwas seltsame Formulierung: Ein Wort kann man alttestamentlich nicht nur hören, sondern eben auch schauen. Jesaja scheint eben traditionell mit Visionen in Verbindung gebracht worden zu sein. "In fernen Tagen wird der Berg des Hauses des Herrn fest gegründet sein, der höchste der Gipfel der Berge, erhoben über die Hügel. Und alle Nationen werden zu ihm strömen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn, zum Haus des Gottes Jakobs,

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damit er uns in seinen Wegen unterweise und wir auf seinen Pfaden gehen. Denn vom Zion wird Torah ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem. Und er wird für Recht sorgen zwischen den Nationen und vielen Völkern Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Keine Nation wird gegen eine andere das Schwert erheben, und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen." Was an dieser Vision bezeichnend ist, ist, dass hier eigentlich zum ersten Mal gesagt wird, Konfliktbewältigung findet über Recht statt. Also Torah geht aus als Weisung an alle Völker, die dann zumal zum Zion hinströmen. Der Zion nimmt hier eine Funktion ein, die traditionell eigentlich der Sinai hat,

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also dieser mythische Berg auf der Sinai-Halbinsel, Zion, der Berg in Jerusalem. Und hier empfangen nun nicht nur Israel und Juda, sondern alle Völker empfangen Recht. Und das führt dazu, dass das Kriegsgerät dann entsprechend umgeschmiedet wird. In Jesaja 6 findet sich eine der kraftvollsten Visionen des Jesajabuchs, die wahrscheinlich auch dazu geführt hat, dass man gesagt hat, das ganze Buch heißt die Schauung Jesajas oder die Vision Jesajas, in Jesaja 1,1. Und in Jesaja 6 haben wir so etwas wie die Berufungsvision des Propheten Jesaja. Das setzt ein mit folgender Aussage: "Im Todesjahr des Königs Usija", das ist etwa 740 vor Christus,

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"sah ich den Herrn auf einem Thron sitzen, hoch und erhaben, und der Saum seines Gewandes füllte den Tempel." Hier wird also eine Bildbeschreibung gegeben, und diese Bildbeschreibung ist eigentlich bereits ein Hinweis auf das hohe Alter dieses Textes. Denn Jesaja sieht Gott im Tempel. Dass Gott im Tempel ist, das ist eine Vorstellung, die in die vorexilische Zeit gehört, in die Königszeit. In dem Moment, wo der Jerusalemer Tempel zerstört ist, können wir sehen, dass in biblischen Texten sich mehr und mehr die Vorstellung Raum greift, dass Gott im Himmel residiert, wie - "unser Vater im Himmel" - sich das dann auch im Neuen Testament wiederspiegelt. Also in dem Moment, wo man nicht mehr den Tempel hat als den unbestrittenen Ort der Präsenz Gottes,

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verschwindet Gott gewissermaßen in den Himmel und hat dort seinen Thron, wie es in vielen Psalmen, 1. Könige 8 oder anderen Texten des Alten Testaments steht. Hier aber sieht Jesaja Gott im Tempel, und - sie erinnern sich - der Saum seines Gewandes füllte den Tempel. Die Idee ist eigentlich, Gott ist unsichtbar, aber er sitzt auf seinem Thron, und seine untersten Teile, seine untersten Elemente, der Saum des Gewandes, das füllt den Tempel. Also die Idee ist, dass Gott gewissermaßen himmelhoch in den Himmel aufragt, aber der Thron selber steht im Tempel. Es geht weiter: "Über ihm standen Seraphim, sechs Flügel hatte ein jeder, mit zweien hielt ein jeder sein Angesicht bedeckt, mit zweien hielt ein jeder seine Füße bedeckt, und mit zweien hielt ein jeder sich in der Luft. Seraphim, das wissen wir aus anderen Texten des Jesajabuchs, das sind geflügelte Schlangen.

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Und diese geflügelten Schlangen kennt man auch aus der Ikonographie, aus bildlichen Darstellungen aus Juda. Diese Seraphim, diese geflügelten Schlangen, die haben die Funktion, Gott zu beschützen. Sie haben, üblicherweise, auch in den bildlichen Darstellungen aber nicht sechs Flügel, sondern vier Flügel. Und hier sehen Sie die Aufteilung dieser Flügel. Also mit zweien halten sie ihr Angesicht bedeckt, mit zweien halten sie ihre Füße bedeckt. Die Füße sind hier wahrscheinlich ein Euphemismus für die Genitalien. Das kennen wir auch sonst aus dem Alten Testament. Also wenn von einem König gesagt wird, er sei krank an den Füßen, dann wird da in der Regel auf eine Geschlechtskrankheit angespielt. Und mit zweien halten sie sich in der Luft. Und hier kann man bereits ein Element sehen, in dieser Bildbeschreibung, das für das Verständnis dieses Textes wichtig ist.

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Denn offenkundig haben hier in dieser Vision diese Seraphim nicht die Funktion, Gott von irgendetwas zu beschützen, was von außen gegen Gott an ihn herankommt, sondern die Seraphim müssen sich selber vor diesem gewaltigen, vor diesem offenbar zum Gericht bereiten, Gott schützen. "Und einer rief dem anderen zu, heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen." Das ist das sogenannte Trisagion. In der späteren christlichen Auslegungsschichte hat man dieses "heilig, heilig, heilig" auf die Trinität, also Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, ausgelegt. Aber hier das Jesajabuch in vorchristlicher Zeit kennt natürlich die Trinität nicht. Hier ist es einfach ein wiederholter Ruf, den diese Engel von sich geben.

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Dann: "Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit." Und dann geht es weiter: "Von der Stimme dessen, der rief", also dieser Seraphim, "erzitterten die Türzapfen in der Schwelle. Das Haus füllte sich mit Rauch." Auch das sind eigentlich Bilder, die zeigen: Jesaja sieht hier einen Gott, der bereit ist zum Gericht. Und Jesaja sagt nun: "Wehe, ich bin verloren, denn ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen, und ich wohne in einem Volk mit unreinen Lippen. Und meine Augen haben den Herrn der Heerscharen gesehen." Das ist ein Theorem oder eine Theorie, die man auch sonst aus der Bibel kennt: Wer Gott sieht bei lebendigem Leibe, der muss sterben. Das geht eigentlich gar nicht. Dann kommt ein Entsühnungsritus. "Da flog einer der Seraphim zu mir, eine glühende Kohle in seiner Hand, die er mit der Dochtschere vom Altar genommen hatte.

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Und die ließ er meinen Mund berühren und er sprach, siehe, das hat deine Lippen berührt. So verschwindet deine Schuld und deine Sünde wird gesühnt. Ich hörte die Stimme des Herrn sagen, wen werde ich senden und wer wird von uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sende mich." Also wir haben hier diese Idee eigentlich eines himmlischen Thronrats, und Gott fragte herum: Wer will meine Botschaft verkündigen? Und Jesaja meldet sich freiwillig. Und der Text versucht, glaube ich, hier darzustellen, dass Jesaja eigentlich selber bislang gar nicht gemerkt hat, mit diesen Seraphim, die sich selber schützen müssen, mit dem Rauch im Tempel, mit dem Beben der Schwellen, dass dieser Gott eigentlich nichts Gutes vorhat, sondern dass er zum Gericht bereit ist. Und entsprechend kommt jetzt die große Zäsur, und Gott spricht zu Jesaja: "Geh, sprich zu diesem Volk. Hören sollt ihr, immerzu hören, begreifen sollt ihr aber nicht, und sehen sollt ihr, immerzu sehen, verstehen sollt ihr aber nicht."

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Hier wird Jesaja streng genommen eigentlich nicht zum Propheten, sondern zum Anti-Propheten berufen. Also er soll etwas sagen, aber niemand soll verstehen. Wie ist das eigentlich zu interpretieren? Nun, man muss hier dazu sagen, dass vermutlich hier dieser Text seinen Inhalt bereits mit der erfolglosen Wirkung zusammenzieht. Das ist kein Augenzeugenbericht dieser Berufung, wie sie stattgefunden haben mag, sondern das ist wahrscheinlich ein Bericht, der im Nachhinein aufgeschrieben worden ist. Jesaja gibt hier im Prinzip seiner Frustration Ausdruck, dass dasjenige, was er Israel und Juda gesagt hat, Juda und Jerusalem gesagt hat, dass das nicht gehört worden ist.

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Und hier wird eigentlich gesagt, ja, das ist nicht irgendwie eine Fehlleistung des Jesajas, sondern eigentlich war das von allem Anfang so gedacht. Also hier wird gewissermaßen resultativ die erfolglose oder die Erfolglosigkeit der Verkündigung Jesaja mit dieser Verkündigung selber zusammen gedacht: "Mach das Herz dieses Volkes träge, mach seine Ohren schwer, verklebe seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht, damit es mit seinen Ohren nicht hört und damit sein Herz nicht begreift, damit es nicht umkehrt und sich Heilung verschafft." Und der Jesaja fragt: "Bis wann? Und Gott sprach: Bis die Städte verödet sind und niemand mehr in ihnen wohnt und die Häuser menschenleer sind und der Boden völlig verwüstet ist." Also ich glaube, man kann hier sehen, wie das Jesajabuch selber gedanklich versucht, damit umzugehen, dass dasjenige, was Jesaja an kritischer Botschaft,

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also seine Sozialkritik, das Einfordern von Gerechtigkeit, von sozialer Gerechtigkeit, dass es versucht, damit umzugehen, dass diese Botschaft in seiner Zeit damals nicht gehört worden ist und eigentlich erst nach der Zerstörung Judas und Jerusalems dann wieder als aktuell empfunden worden ist, und dass man so verstanden hat, ja, also das mag einer der Gründe gewesen sein, wieso sich Gott eigentlich gegen sein eigenes Volk gestellt hat. Ein ganz wichtiger Text folgt dann in Jesaja 7. In Jesaja 7 wird berichtet, wie Jesaja sich politisch positioniert.

52:03
Das 8. Jahrhundert war eine Zeit der Vorherrschaft der neuassyrischen Großmacht. Das war das erste Imperium der Weltgeschichte, das versuchte, die damals bekannte alte Welt zu erobern. Und Damaskus und Nordisrael versuchten in dieser Bedrohungslage, Juda in eine antiassyrische Koalition hinein zu zwingen. Und in dieser Situation hat sich auch der Prophet Jesaja geäußert. Und das ist wahrscheinlich einer der Grundgründe, wieso das Jesajabuch so erfolgreich wurde und auch für das Christentum sehr interessant wurde, weil die politische Botschaft von Jesaja in dieser Situation war: Haltet euch ruhig, vertraut auf Gott. Gott ist mit euch. Gott wird Jerusalem trotz allem bewahren. Und das ist etwas, was sich dann in diesem Vers, in Jesaja 7,9 niedergeschlagen hat, wo es heißt: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht."

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Für das Christentum ist dann nachfolgend ein Vers von besonderer Bedeutung geworden, nämlich die Verheißung des Immanuel. Es heißt dann weiter, "Gott sagt zum König: fordere dir ein Zeichen." Der König sagt: "Ich will kein Zeichen fordern." Aber Jesaja sagt dann: "Gott selber wird euch ein solches Zeichen geben. Und das besteht darin, siehe, die junge Frau ist schwanger, und sie gebärt ein Sohn. Sie wird ihm den Namen Immanuel geben." Im Christentum hat man das natürlich auf die Geburt des Jesus ausgelegt. Im Zusammenhang des Jesajabuchs bezieht sich das wahrscheinlich ursprünglich auf den Sohn des Ahas, also des Königs von Juda.

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Der Sohn des Ahas ist Hiskija. Der war wahrscheinlich ursprünglich gemeint mit dem Immanuel. Der Begriff "junge Frau", also in älteren Bibelübersetzungen stand hier "Jungfrau", heißt im Hebräischen einfach "eine heiratsfähige Frau". Also die Jungfrauengeburt ist hier überhaupt nicht im Blick. Das hat erst das Matthäus-Evangelium eingetragen in seiner Rezeption, indem es nun eben den Heiligen Geist als gewissermaßen die Einheit oder das Element interpretiert, das den Messias gezeugt hat in Maria. Hier wird also eine aktive Interpretation entsprechend vorgenommen. Die messianischen Texte spielen eine wichtige Rolle im Jesajabuch.

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In Jesaja 9 kommt das noch einmal vor, in Jesaja 11 auch. Man muss hier jeweils unterscheiden zwischen dem historischen Ursprungssinn und dem, was das Christentum in seiner Rezeption daraus gemacht hat. Also in Jesaja 9 hat man diesen berühmten Adventstext: "Das Volk, das in der Dunkelheit wandert, hat ein großes Licht gesehen. Ein Knabe ist uns geboren." Hier kann man nur schon von der Zeitstruktur des Textes erkennen, dass es sich hier nicht um eine Zukunftsweissagung handelt, sondern dass hier in die Vergangenheit zurückgeblickt wird. Wahrscheinlich bezieht sich dieser Text ursprünglich auf die Geburt des Königs Josia, der als achtjähriges Kind gemäß 2. Könige 22 auf den Thron gelangt ist.

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Der erste Teil des Jesajabuchs endet dann mit Jesaja 36 bis 39. Das ist ein erzählender Block, der sich so auch findet in 2. Könige 18 bis 20. Gleichlautend, es gibt hier also eine Verhängung zwischen der erzählenden und der prophetischen Überlieferung im Alten Testament. Dieser Block in Jesaja 36 bis 39 handelt von der Belagerung Jerusalems durch die Assyrer im Jahr 701 v. Chr. Gegenüber der Parallele in 2. Könige 18 bis 20 unterscheidet sich der Bericht in Jesaja 36 bis 39 vor allem dadurch, dass das Freikaufen, das Leisten einer Zahlung des Königs Hiskija gegenüber dem assyrischen König, verschwiegen wird in Jesaja 36 bis 39.

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In 2. Könige 18 Vers 14 bis 16 wird das explizit gesagt. Und das hat natürlich den Effekt, dass man hier sehen kann, im Jesajabuch, in Jesaja 36 bis 39, wird die Bewahrung Jerusalems vor der Belagerung durch die Assyrer als ein Wunder, als ein von Gott selber getragenes und durchgeführtes Wunder dargestellt werden, 2. Könige 18 das sehr viel realistischer sieht. Da hat halt eine Zahlung stattgefunden. Im Kontext des Jesajabuchs ist wahrscheinlich diese Erzählung wirklich gedacht als ein Heilsparadigma. 701 v. Chr. stand Jerusalem bereits einmal vor dem Untergang. Die Städte Judas wurden im Wesentlichen erobert. Aber dort hat sich gezeigt, dass Gott eigentlich doch letztlich zu Jerusalem steht.

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Und das steht gewissermaßen über der nachfolgenden Geschichte und auch der Eroberung Judas und Jerusalems 587 v. Chr. Nach Jesaja 39 setzt dann der zweite Teil des Jesajabuchs ein mit Jesaja 40. Und in Jesaja 40, wie gesagt, kann man damit rechnen, dass diese Texte nichts mehr historisch mit dem historischen Propheten Jesaja aus dem 8. Jahrhundert zu tun haben, sondern dass sie wahrscheinlich auf Propheten, vielleicht sogar eine Prophetengruppe, wie man neuerdings eher annimmt, zurückgeht, die hier das Kommende, die neue Zukunft verheißen. Es geht um das Thema der Erlösung Israels und die Vergebung der Schuld Jerusalems. Gott selber kehrt heim. Auch für Israel wird ein neuer Exodus angekündigt.

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Und man sieht jetzt in der persischen Fremdherrschaft, dem Perserkönig Kyros, den neuen Messias. In Jesaja 40 setzt der Text ein: "Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott, redet zum Herzen Jerusalems, ruft ihr zu, dass ihr Fronienst vollendet ist und dass ihre Schuld abgetragen ist." Also hier wird ein Kollektiv aufgerufen, vermutlich eben vielleicht eine Gruppe exilierter Tempelsänger oder Tempelpropheten, die sich eben hinter diesem zweiten Teil des Jesajabuchs verbergen. Es geht dann weiter: "Horch, ein Rufer: Bahnt den Weg des Herrn in der Wüste, in der Steppe macht die Straße gerade für unseren Gott. Jedes Tal wird sich heben und senken werden sich alle Berge und Hügel." Was hier in den Blick genommen wird, ist der, wenn man so will, der Exodus, der Auszug Gottes, also nur Gottes selbst aus Babylon zurück nach Israel.

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Dahinter steht die Vorstellung, dass mit der Exilierung der Judäer, der Jerusalemer aus Jerusalem 587 v. Chr., dass mit ihnen eigentlich auch Gott selber ins Exil gezogen ist. Das können wir etwa sehen in Ezechiel 1 bis 3. Ezechiel 1 bis 3 spielt im Exil, im Babylonischen Exil, und dort sieht Ezechiel die Herrlichkeit Gottes, wie sie sich zeigt in Babylon. Die Vorstellung dahinter ist, wäre Gott selber noch in Jerusalem präsent, dann hätten die Babylonier die Stadt gar nicht einnehmen können. Aber Gott hat gewissermaßen das Gericht selber über sein Volk gebracht, und deswegen ist er mit denjenigen, die exiliert wurden, auch ins Babylonische Exil gekommen. Und wenn nun wieder Heil entstehen soll im eigenen Land, in der eigenen Stadt, dann muss Gott selber zunächst zurückkehren.

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Und was hier eigentlich entworfen wird, dieses Bild, ist eine Adaption der Prozessionen, die die Exilierten wahrscheinlich in Babylon selber gesehen hatten. In Babylon hat man das sogenannte Akitufest gefeiert, das babylonische Neujahrsfest. Und für dieses Neujahrsfest hat man auf der Hauptstraße in Babylon alle Götter prozessieren lassen. Und diese Rückkehr des eigenen Gottes nach Jerusalem hat man sich nun nach Maßgabe dieser babylonischen Götterprozessionen dargestellt, sogar mit geotektonischen Veränderungen: "Die Berge werden sich senken und die Hügel werden sich heben", also so, dass da Gott wirklich sich nach Hause begeben kann. Das wäre der erste Schritt gewissermaßen in diesem Heilsdrama, wo Gott selber als Voraussetzung allen zukünftigen Heilshandelns zunächst einmal zurückkehren kann.

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Das bedingt aber dann in einem zweiten Schritt auch, dass natürlich das Volk auch zurückkehren kann. Und das wird in Jesaja 43 [16ff] gesagt. Dort heißt es: "So spricht der Herr, der einen Weg bahnt im Meer und einen Pfad in mächtigen Wassern, der Wagen und Pferde ausziehen lässt, Heer und Starke, gemeinsam liegen sie da, nicht mehr stehen sie auf, sind ausgelöscht, verloschen wie ein Docht. Denkt nicht an das, was früher war und was vormals war - kümmert euch nicht darum. Siehe, ich schaffe Neues, schon sprießt es, erkennt ihr es nicht? Ja, durch die Wüste lege ich einen Weg und Flüsse durch die Einöde. Die Tiere des Feldes werden mich ehren, die Schakale und die Strauße. Denn in die Wüste bringe ich Wasser und in die Einöde Flüsse, um mein Volk, meine Erwählten, trinken zu lassen."

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Sie sehen hier: Hier wird altes und neues, ein alter Exodus und ein neuer Exodus, gegenübergestellt. Und vom alten Exodus heißt es: Da hat ein Wasserwunder stattgefunden. Da wurden die Feinde ertränkt beim Durchzug durch das Meer. Und hier sagt nun dieser Prophet, den wir eben unter diesem Kunstnamen Deuterojesaja kennen, oder diese Prophetengruppe: "Denkt nicht daran. Erinnert euch daran nicht." Und hier sieht man wiederum gewissermaßen dieses absolut Innovative und Revolutionäre der prophetischen Botschaft: Der alte Exodus ist vergangen. Der hat keine Heilsrelevanz mehr, weil wir das Land verloren haben, das der Zielpunkt dieses Exodusgeschehens war. Aber es kommt ein neuer Exodus. Es kommt ein neuer Exodus: "Ich werde einen Weg durch die Wüste legen, und ich bringe Wasser in die Wüste, um euch und um die Tiere dort zu tränken."

64:08
Also sehr interessant. Der neue Exodus, nun eben der aus dem Babylonischen Exil, der wird den alten Exodus, die Befreiung aus Ägypten, das traditionelle Zentraldatum der Geschichte Israels, ablösen. Und dieser neue Exodus wird auch durch ein Wasserwunder charakterisiert sein. Dieses Wasserwunder wird aber nicht destruktiv sein, sondern konstruktiv. Es wird die Wüste bewässern. Also: Auszug Gottes selbst, dann Auszug des Volkes selbst. Wie steht es dann aber mit der politischen Verwaltung dieses neuen Gemeinwesens? Und hier ist nun die Deuterojesaja-Überlieferung wirklich auch sehr radikal. In Jesaja 45 formuliert sie: "So spricht der Herr zu seinem Messias, zu Kyros, den ich bei seiner Rechten ergriffen habe, um Nationen vor ihm zu unterwerfen", und so weiter.

65:13
Hier wird Kyros als Messias bezeichnet. Messias ist im Alten Testament nicht der Begriff für einen zukünftigen Heilskönig, sondern der "Gesalbte", was das Wort "Messias" wörtlich übersetzt heißt. Der Gesalbte, das bezieht sich auf einen gegenwärtigen König und wird auch regelmäßig auf David und die Davidsdynastie angewendet. Und was hier Jesaja 45 sagt, ist: Das gottgegebene Königtum wird von den Davididen genommen und nun den Persern gegeben, dem persischen Großkönig, der die Babylonier besiegt hat, die Jerusalem zerstört haben. Also eine unglaublich steile politische Aussage. Der Gott Israels, der Gott Judas, der Gott Jerusalems kann sich zu ausländischen Fremdherrschern bekennen als seine Werkzeuge, die ihn vielleicht nicht kennen, die ihn aber vielleicht kennenlernen sollen.

66:18
Sie können legitime Werkzeuge sein des biblischen Gottes. Man muss sich hier vielleicht auch klar machen, wie man die Perser in der damaligen Zeit gesehen hat. Aus dem humanistischen Gymnasium ist jeweils der Blick auf die Perser vermittelt worden, dass die Perser gewissermaßen einfach nur als die Gegner der guten Griechen in den Blick kommen. Aus orientalischer Perspektive war es eigentlich umgekehrt. Die Perser waren sehr gut gelitten, deswegen, weil sie eine dezentrale politische Organisation ihres Reichs implementiert hatten und viel Lokalautonomie gewährten.

67:02
Nicht aus einem vielleicht vormodernen Humanismus heraus, sondern aus der praktischen Überlegung, dass man ein so großes Reich wahrscheinlich anders gar nicht entsprechend beherrschen kann. Und deswegen sind eigentlich die Perser im Alten Testament immer sehr positiv konnotiert. Es gibt auch in der gesamten prophetischen Überlieferung neben all diesen Orakeln gegen fast alle Völker, die man kannte, gibt es kein Orakel, das sich gegen die Perser wendet. Also hier: Dieser Kyros wird eingesetzt an die Stelle der davidischen Dynastie. Und hier heißt es: "Um meines Dieners Jakobs willen, um Israels, meines Erwählten willen, deswegen habe ich dich beim Namen gerufen. Ich gebe dir einen Ehrennamen, auch wenn du mich nicht kanntest." Und nun kommt eine der wichtigsten Aussagen des Alten Testaments zum Monotheismus.

68:04
"Ich bin der Herr und keiner sonst, außer mir gibt es keinen. Ich bin der Herr und keiner sonst. Ich bin es, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Heil vollbringt und Unheil schafft. Ich bin der Herr, der all dies vollbringt." Hier sieht man, wie sich im Prinzip die Religion des antiken Israels und Judas wirklich auf eine neue, komplexe Stufe stellt. Nämlich hier wird nun das erste Mal in der Geschichte, in der Religionsgeschichte des antiken Israels, datierbar das Programm des Monotheismus vorgestellt. Hier wird gesagt: Es gibt letztlich nur einen Gott. Das ist unser Gott, und dieser Gott, wenn es nur einen gibt, der schafft Gutes und Böses. Der schafft Licht und Finsternis. Das ist eine ungemein steile theologische Aussage, die auch viele große Schwierigkeiten bereitet hat.

69:08
Wie kann Gott denn auch das Böse, die Dunkelheit schaffen? Das ist ein schwieriger Gedanke. Aber noch viel schwieriger ist der Gedanke, dass Gott mit dem Bösen und dem Dunkeln nichts zu tun hat. Denn dann muss man ja irgendwie entweder annehmen, dass da eine andere Macht dahintersteht oder dass Gott das gewissermaßen einfach nur geschehen lässt. Und hier hat man wirklich im Grunde genommen durchgedacht, wenn es nur einen Gott gibt, dann ist er wirklich für alles zuständig, gewissermaßen mit Hiob gesprochen: "Das Gute sollen wir aus der Hand Gottes empfangen, aber das Schlechte sollten wir nicht empfangen?" Also hier ist wirklich eigentlich dieser Schritt gemacht und vollzogen zu sagen, alles, was geschieht, muss man irgendwie mit Gott zusammen denken, auch wenn es schwierig ist.

70:05
Der Monotheismus, der hier ausgedrückt wird, ist ein sogenannt "exklusiver" Monotheismus. Exklusive Monotheismen zeichnen sich dadurch aus, dass man sagt, unser Gott ist der einzige, und alle anderen Götter sind Nichtse. Exklusive Monotheismen sind eine Spielart des Monotheismus. Es gibt aber auch andere Monotheismen. Es gibt inklusive Monotheismen. Inklusive Monotheismen sagen: Es gibt einen Gott, und die unterschiedlichen Religionen können ihn über unterschiedliche Namen ansprechen. Auch das gibt es in der Bibel, namentlich im ersten Kapitel der Genesis. Dort heißt es nämlich, dass Gott die Welt schuf. Und hier wird der Klassenbegriff "Gott" gebraucht, obwohl eigentlich die Verfasser des ersten Schöpfungsberichts wissen, dass dieser biblische Gott einen Namen hat, Jahwe. Aber man hat hier wirklich einfach den Kategorienbegriff "Gott" genommen, um zu zeigen, andere Völker mögen diesen Gott Zeus oder Re oder Amun oder Ahura Mazda oder was auch immer nennen, Marduk vielleicht in Babylonien.

71:15
Aber letztlich steht immer die eine Schöpfergottheit dahinter. Das ist eine sehr wichtige Unterscheidung zwischen exklusivem und inklusivem Monotheismus, namentlich im Blick auf die Diskussion der 90er, 2000er Jahre, wo der Vorwurf an den Monotheismus aufkam, Monotheismus sei für religiöse Gewalt zuständig, weil man eben im monotheistischen System zwischen wahren und falschen Glaubenssätzen unterscheidet. Und ich denke gewissermaßen, das Konflikt-, das Gewaltpotenzial ist tatsächlich bei exklusiven Monotheismen gegeben, aber nicht bei Monotheismen schlechthin.

72:04
Inklusive Monotheismen können sehr wohl unterschiedliche Wahrheitsansprüche zusammen denken. Innerhalb von Tritojesaja dann, ab Jesaja 56, ändert sich die Tonlage noch einmal dieser Heilsweissagung, die wir im zweiten Teil des Jesajabuchs haben, in 40 bis 55. Nun werden plötzlich Anklagen wieder laut, oder Ermahnungen: Tut dieses, beseitigt jenes Unrecht. Dann kann das Heil Gottes zum Durchbruch kommen. Ich glaube, wir haben hier etwas ganz Ähnliches wie in der urchristlichen Gemeinde des ersten, zweiten Jahrhunderts nach Christus. Im Bereich der neutestamentlichen Wissenschaft nennt man das die Parusieverzögerung. Die ersten Christen waren ja der Auffassung, das Heil muss jetzt durchdringen.

73:05
Es muss sich verwirklichen. Christus wird noch einmal erscheinen, und zwar noch dieselbe Generation wird das erleben. Der 1. Thessalonicher Brief kämpft ja mit dem Problem: Was ist denn mit denen der ersten Generation, die schon verstorben sind? Und hier in Deuterojesaja, Tritojesaja haben wir genau dasselbe analoge Problem. Deuterojesaja hat gesagt: Jetzt bricht dieses Heil durch. Gott kehrt zurück, ihr kehrt zurück. Die Gemeinde wird wieder in ihrem Land, in ihrer Stadt sein und dort ein prosperierendes Leben führen. Und dann hat man gemerkt nach ein, zwei, drei, vier Generationen: Das hat sich nicht so verwirklicht. Es sind nur wenige zurückgekommen. Aus dem Nehemiahbuch wissen wir, dass noch in der Perserzeit Jerusalem eigentlich ein Trümmerhaufen war. Und die Texte ab Jesaja 56 versuchen nun eine Erklärung dafür zu formulieren.

74:06
Sie sagen, es muss mit dem Vorhandensein von Heilshindernissen zu tun haben im Gottesvolk, eben kultische Vergehen, ethische Vergehen, soziale Missstände. Die müssen zuerst aus dem Weg geräumt werden. Und wenn das der Fall ist, dann kann sich das Heil einen Durchbruch verschaffen. Aber auch das hat gewissermaßen nach wie vor zu weiteren Parusieverzögerungen geführt. Und die jüngsten Texte im Jesajabuch, in Jesaja 65 bis 66, die kommen dann darauf auf einen Gedanken, der für die Folgezeit wirklich sehr wichtig wird, dass sie sagen, das Volk Israel als Ganzes wird nicht in die Heilszeit eingehen, sondern es wird eine grundlegende Unterscheidung geben zwischen Gerechten, zwischen Frommen und Frevlern, zwischen Gerechten und Sündern.

75:08
Und die Gerechten, die werden in eine neue Schöpfung eingehen, in einen neuen Himmel und in eine neue Erde, während die Frevler der Verdammnis anheimfallen. Man kann hier die Wurzeln der Apokalyptik erkennen. Die Apokalyptik ist eine Geistesbewegung, die so ab dem dritten Jahrhundert vor Christus entsteht und die alte Welt bis ins dritte nachchristliche Jahrhundert prägt. Und die Apokalyptik war eigentlich der Auffassung, die Rechnungen in dieser Welt gehen nicht alle auf. Die Gerechten müssen warten, bis sie in eine neue Schöpfung eingehen, und die anderen werden der Verdammnis anheimfallen. Interessant ist, dass das Jesajabuch am Schluss, in Jesaja 66, dann sich auch öffnet für Fromme aus den Völkern.

76:06
Also es sind nicht einfach nur die Gerechten, die aus Israel kommen, sondern sie können sich auch aus anderen Nationen finden. Nun, gerade mit dieser Unterscheidung von Frommen und Frevlern ist das Jesajabuch sehr wichtig geworden, auch für bestimmte Bewegungen im antiken Judentum. Das Jesajabuch ist außerordentlich viel gelesen und auch zitiert worden, einerseits in Qumran - Qumran, eine Gemeinschaft am Toten Meer, die sich als das endzeitliche, korrekte, wahre Israel verstand. Man hat sich hier stark an dieser Unterscheidung in diesen späten Jesajatexten orientiert. Aber auch im Neuen Testament ist das Jesajabuch sehr wichtig geworden, auch dort vermutlich mit seinen Abgrenzungstendenzen,

77:05
aber auch natürlich aufgrund der messianischen Texte, die man nun neu auf Jesus hin gelesen hat, dass man gesagt hat, Jesaja spricht hier eigentlich von Jesus. Wieso soll man das Jesajabuch heute noch lesen? Ich finde das eine schwierige Frage. Ich würde sie eigentlich eher anders versuchen darzustellen. Ich würde zunächst einmal von der Feststellung ausgeben, wenn Sie auf den Globus schauen heute, dann werden Sie Sonntag für Sonntag Kirchen sehen, wo das Jesajabuch heute noch gelesen wird als ein Text, und die jeweiligen Gemeinden lassen sich von diesem Text ansprechen. Sie sind der Auffassung, das ist ein Text, der uns heute noch etwas zu sagen hat. Und das ist eigentlich schon eine erstaunliche Gegebenheit.

78:05
Also wenn man auf die Verteilung der Religionen heute auf der Welt schaut, wir sind zwischen acht und neun Milliarden Menschen derzeit, jeder dritte Mensch auf dieser Welt ist heute ein Christ. Das Christentum ist nach wie vor eine stark wachsende Religion, nicht in Europa, aber in Asien, in Afrika und in Südamerika. Und dieses Jesajabuch hat nicht nur gewissermaßen die letzten zweieinhalbtausend Jahre der Menschheitsgeschichte geprägt, sondern es prägt auch heute noch das Denken, das Fühlen, das Empfinden, auch das theologische Urteil von Menschen überall. Also deswegen würde ich nicht fragen, wieso wird es noch heute gelesen, sondern ich würde einfach feststellen, es wird gelesen. Es ist ein Fakt, dass es gelesen wird. Und das finde ich schon absolut erstaunlich. Wenn man jetzt eher auf Europa schaut und dort die sich säkularisierende Gesellschaft in den Blick nimmt:

79:07
Auch dort würde ich zunächst einmal sagen, auch diejenigen, die keinen Kontakt mehr haben zur Kirche, sind im Prinzip ungefragt durch die biblische Überlieferung beeinflusst, weil eben die biblische Überlieferung gewissermaßen unsere Kultur in die Form gebracht hat, mit der wir heute leben, durch die wir heute geprägt sind. Aber natürlich auch die Themen, dass Gotteserkenntnis nicht losgelöst von der menschlichen Frage nach Gerechtigkeit thematisiert werden kann, dass man gewissermaßen die ordnende Hand hinter den weltgeschichtlichen Ereignissen, so dunkel sie sind, versucht zu erahnen und hier Prozesse der Sinngebung initiiert. Auch das sind wirklich Neuerungen, die durch das Jesajabuch in die Menschheitsgeschichte oder in die Geistesgeschichte der Menschheit eingebracht worden sind.

80:09
Und dann aber auch, das ist jetzt vielleicht eher eine binnenreligiöse Aussage, diese unglaubliche Innovationskraft, die bis hin zu religiösen Revolutionen geht, die im Jesajabuch dokumentiert sind. Ich erinnere nur aus dem zweiten Jesaja, Jesaja 43, dass hier dieses Buch sagt, der alte Exodus, auf den ihr euch immer verlassen habt, den könnt ihr vergessen. Der Neue, der wird euch tragen. Das ist eine absolut fundamentale Neuorientierung, auf die man erst mal kommen muss. Es braucht einen unglaublichen intellektuellen Mut, um so etwas zu formulieren. Oder dann eben zu sagen, es gibt nur einen Gott, und dieser Gott, der ist für alles verantwortlich, für das Gute wie das Böse. Alles müsst ihr mit Gott zusammen denken. Auch das war für die Menschen in der Antike, für die deportierten Judäer,

81:03
das war vollkommen neu: Gott ist doch dazu da, uns zu helfen. Es ist unser Prosperitätsgarant. Und hier sagt das Jesajabuch in Jesaja 45: Nein, nein, das ist nicht die Aufgabe von Gott. Gott steht hinter allem, und ihr müsst euch überlegen, wie ihr damit eigentlich zu Rande kommt, was ihr euch darauf für einen Reim machen könnt. Wie kann man das Jesajabuch heute lesen? Nun, wie gesagt, das Jesajabuch macht den Eindruck der Aneinanderreihung von vormals selbstständigen Perikopen. Das stimmt wahrscheinlich auch über weite Strecken hinweg. Aber ich denke, es ist vielleicht hilfreich, sich ein solches Jesajabuch auch mittels eines Kommentars - da gibt es verschiedene Buchpublikationen, die helfen gewissermaßen, zum Teil Texte, die wirklich schwer aufzuschlüsseln sind,

82:03
weil sie ihre ursprüngliche Entstehungssituation gewissermaßen als Kenntnis bei den Hörerinnen und Hörern voraussetzen -, dass man das rekonstruiert. Also das kann ein guter Hinweis sein. Aber ich denke, man sollte auch, das ist etwas, was die neue Forschung gezeigt hat, durchaus auch dem Jesajabuch zutrauen, dass es in großen Linien eigentlich entworfen ist. Die Einzeltexte sind nach einer übergreifenden Logik zusammengestellt. Man kann das etwa sehen, dass Kapitel 1 und 66 einander thematisch entsprechen, dass es da Erzählbögen gibt, die über das ganze Buch hinweggehen. Das Jesajabuch ist eine ansprechende Lektüre, ist eine komplexe Lektüre, aber ich empfehle Ihnen sehr, es zu lesen. Es ist ein Buch, das uns geprägt hat, auch dort, wo wir es vielleicht nicht erwarten. Es ist ein kompliziertes, ein schwieriges Buch, aber es bringt einen großen Gewinn, wenn man sich damit auseinandersetzt.

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Das Jesajabuch | 13.17.1

Worthaus Pop-Up – Tübingen: 9. November 2023 von Prof. Dr. Konrad Schmid

Meistens trennen wir in unserer Gesellschaft Staat und Religion. Außer wenn es um Kruzifixe in bayrischen Behörden geht. Die Bibel hält sich nicht daran, sie ist hochpolitisch, allen voran das Jesajabuch. Es zeigt, dass das Verhältnis der Menschen zu Gott abhängig ist von den sozialen Verhältnissen der Menschen untereinander. Dass Menschen, die auf Gott schauen, auch Ungerechtigkeiten ansprechen müssen. Wie waren die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Zeit der Entstehung dieses Buches? Was hat Gott damit zu tun? Welche Stellung hat das Buch in der Bibel, für wen wurde es geschrieben und was sagt es uns heute? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Konrad Schmid, Professor für Alttestamentliche Wissenschaft und Frühjüdische Religionsgeschichte, in diesem Vortrag.