Bibelkritik, historisch-kritische Methode, das ist was Neues. Das haben die Propheten und Apostel so nicht geübt, nicht die Kirchenväter, nicht die Heiligen des Mittelalters, nicht die Reformatoren. Es entsteht irgendwann in der Neuzeit. Da sind sich alle einig und das ist schon mal viel wert. Denn sonst ist es eine Frage, bei der die Einigkeit überschaubar ist. Ich stelle euch mal zwei Perspektiven darauf vor, jetzt ein bisschen grob und vereinfacht. Das heißt nicht, dass das keiner so vertritt. Also das wird auch so grob und vereinfacht vertreten, wie ich es jetzt mal vorstelle. Es gibt die einen, die sagen: In der Christenheit galt die Bibel als Gottes Wort.
Punkt. War immer so. Ist schon in der Bibel so. Und alle wahren, gläubigen Christen haben das so gesehen. Und in der Neuzeit kommt es zu einer geistlichen Katastrophe. An die Stelle des Gehorsams tritt die Kritik. Die Bibel wird nicht mehr als Wort Gottes gelesen, sondern als Menschenwort. Die Autorität Gottes reißt sich die menschliche Vernunft an. Und wo man früher demütig bekannte, dass allein der Geist Gottes wahres Verstehen schenken kann, traut man dies nun dem Geist des Menschen zu. Bibelauslegung, die einst der Erbauung des Glaubens diente, sorgt nun für seine Zerstörung.
Die historisch-kritische Methode ist eine geistliche Katastrophe. Es ist ein Abfall vom wahren Glauben, den alle noch irgendwie geteilt haben. Und darum erkennt man wirkliche Christen daran, dass sie sich keinen Millimeter Richtung historisch-kritische Methode bewegen oder verführen lassen. Ganz klar. So, das sagen manche. Jetzt gibt es eine andere Perspektive, die sagt: Wir wissen auch, wer das so sagt, die nennt man Fundamentalisten. Daran erkennt man die. Sobald jemand bei historisch-kritischer Methode zuckt oder auch nur die Augenbrauen runzelt, halte Abstand, junger Mensch. Es ist ein Gefährlicher, es ist ein Fundamentalist. Es ist jemand von gestern. Es ist jemand, der antimodern ist, ein Feind der offenen, liberalen Gesellschaft.
Denn die Entstehung der historisch-kritischen Methode ist eine Befreiungsgeschichte, eine Befreiung von der Diktatur autoritärer, dogmatischer Christentümer. Die historisch-kritische Methode gehört zu den Befreiungsbewegungen der Neuzeit. Sie hat uns befreit von der Bevormundung durch das kirchliche Lehramt, von der Bevormundung durch abergläubische, dogmatische Christentumsverständnisse. Die historisch-kritische Methode hat uns gelehrt, die Bibel zu verstehen, zu verstehen, was die Texte sagen, und sich nicht in irgendwelche dogmatischen Illusionen zurückzuziehen. Die historisch-kritische Methode dient der Bibel, weil sie die eigentliche Bedeutung der biblischen Texte herausarbeitet. Sie steht im Gegensatz zu jeder dogmatischen Bibelauslegung. Darum ist sie
aus rationalen und theologischen Gründen schlechthin notwendig. Ja, das wird auch vertreten, habe ich gehört, dass man das so sagt. So, jetzt könnten wir sagen: Ring auf, lassen wir die beiden doch mal aufeinanderprallen. Mal gucken, ob die sich verstehen. Ich weissage euch: Die verstehen sich nicht. Die sind da beide richtig wütend und das glaubt man gar nicht. Der Witz ist, wenn die unter sich sind, können die ganz nett sein, beide. Ich habe so ein Leben, ich kenne beide Welten, und die können ganz lieb sein, wo sie sich nicht angegriffen fühlen oder so. Da kriegst du auch ganz tolle Freunde, in beiden Welten. Aber wehe, da kriegt irgendwer das Gefühl, jetzt ist er nicht mehr unter sich, jetzt kommt da diese andere Position hinein - dann geht es los.
Und dann kann es auch wild werden. - Warum machen wir so ein Thema heute Morgen? Na ja, mit der ganzen Worthausgeschichte hat das was zu tun. Also es sind ja viele zum ersten Mal hier, herzlich willkommen, super. Und wer schon mal was gegoogelt hat oder schon mal was gehört hat oder vielleicht sogar schon gewarnt worden ist, merkt: Das ganze Thema Worthaus hat immer wieder auch diese Frage, moderne Bibelwissenschaften, heutiges Bibelverstehen, andere Umgangsweise mit der Bibel, fundamentalistische, evangelikale Bibeltreue. Also da gibt es schon so eine Geschichte, wo man sich wütend machen lassen kann, wenn man möchte. Wenn man sagt: Ach, ich habe niedrigen Blutdruck, also mir hilft, ein bisschen wütend zu werden - also ich könnte da Kontakte vermitteln ... Aber wir wollen heute das
Gegenteil. Wir wollen heute einfach mal hinschauen. Es ist ein Thema, das für die vielen bibelwissenschaftlichen Beiträge bei Worthaus so eine Art Grundlagenbedeutung hat. Ich mache ja heute - wie auch sonst in der Regel - keine direkten Bibelauslegungen. Ich bin ja kein Exeget, ich habe ja nur so komische Systematische Theologie gelernt schwerpunktmäßig. Aber es hat sehr viel damit zu tun. Es geht schon um die Grundlage, um die Basis, um die Fundamente, wie heute Bibel ausgelegt wird. Darüber werde ich heute reden. Übrigens: Auch morgen, übermorgen und überübermorgen werde ich darüber reden. Und was ich machen möchte, ist, ich möchte über die historisch-kritische Methode vier historisch-kritische Vorträge halten. Das ist auch sehr normal und so gemeint. Historisch-kritische
Methode meint in der Theologie nicht, wir sind alles ganz normale, kluge Leute, aber wenn es um die Bibel geht, da brauchen wir irgendeine spezielle Folter-Methode oder so. Sonst kommen wir mit dem Buch nicht klar. Also das ist nicht der Anspruch. Im Gegenteil, der Anspruch ist, die Bibel so auszulegen, wie wir historische, ältere, antike Texte auslegen. Wir müssen das ernst nehmen: Die Texte sind nicht aus unserer Zeit, sondern aus einer ganz anderen Zeit und ganz anderen Welt. Und da müssen wir ernst nehmen, wie wir es sonst auch machen: Wir müssen uns mit der damaligen Welt beschäftigen und müssen auch ein bisschen überlegen, wo wir heute stehen, von woher wir das machen. Und das werde ich mit der historisch-kritischen Methode so machen: Ich werde sie
historisch beschreiben, also erst mal zu verstehen versuchen: Wo kommt das her, wie ist das entstanden, wie sind die Zusammenhänge da gewesen, welche Gründe, welche Anlässe, welche Auseinandersetzungen haben dazu geführt? Ich werde das kritisch machen. An der Stelle kann man gleich Verwechslungsfehler im Kopf haben. Kritisch heißt nicht "dagegen sein". Es gibt Menschen, die zucken beim Wort Bibelkritik schon und sagen: Da siehst du doch, dass es falsch ist. Also die Bibel ist nicht dazu da, dass wir sie kritisieren, sondern empfangen. Und das stimmt halt nicht, das Wort Kritik heißt nicht "dagegen sein". Im ursprünglichen Wortsinn heißt Kritik "unterscheiden, differenzieren". Heutzutage in der
Alltagssprache hat sich so ein bisschen eingebürgert, jemand kritisieren heißt "widersprechen", dagegen sein und so weiter. Da muss man jetzt aber unterscheiden. Das ist die Alltagsbedeutung heute. Das Wort Kritik, so wie es in der damaligen Zeit verwendet wurde, meint ganz schlicht differenzierend, unterscheidend historisch-kritische Ausgaben. Die gibt es nicht nur von der Bibel, sondern auch von Goethes Werken, von Shakespeares Werken. Und da wird ja auch nicht sofort geschrieben, Goethe war ein Pannaskopf, der keine Ahnung hat oder so. Nein, die lieben ihn ja alle. Und die, die ihn lieben, machen eine historisch-kritische Ausgabe, weil sie erst mal unterscheiden, welche Ausgabe und Original und Neuauflage und Sonderdruck und Abweichung. Darum geht's.
Das ist übrigens jetzt auch auch gewesen, also unterscheiden; unterscheiden zwischen Alltagsbedeutung - kritisieren heute - und das "kritisch" in historisch-kritisch, wo es darum nicht geht. Aber wir sind schon mittendrin. Es war sogar historisch-kritisch, denn heutige Bedeutung, damalige Bedeutung - um solche Sachen geht es. Und heute werde ich damit beginnen, im 17. Jahrhundert. Das Ganze ist übrigens bereits der siebte Teil einer Serie "Geschichte der Bibelauslegung". Wer auf der Worthaus-Homepage oder YouTube oder auf dem Podcast-Anbieter seines Vertrauens mal guckt, da gibt es schon Vorträge über Irenaeus, über Origines, über Augustinus, den Kanon, Luther und Erasmus. Aus Netflix ist man gewohnt: Es gibt am Anfang so ein schönes "Was bisher geschah". Aber dafür haben wir keine Zeit.
Ich möchte aber schon ganz kurz andeuten, damit wir mal ins 17. Jahrhundert hineinkommen: Die Bibel hat man ausgelegt, na ja, schon lange. Also sobald es so was gibt, fängt man an, damit was zu machen. Und das ist vielschichtig. Ich habe davon gesprochen. Da gibt es ein Spektrum von manchen, die die Bibel sehr geistlich, religiös auslegen. Es gab aber auch in der Antike schon starke Ansätze, genau hinzuschauen, geschichtlich ernst zu nehmen, Quellen, alte Sprachen, also originistische Schule, Antiochener und so. Da gibt es mehr, ich sage mal, Problembewusstsein für geschichtliche Fragen, als man manchmal, wenn man sich für zu aufgeklärt hält, so denkt. Im 16. Jahrhundert passiert ein bedeutsamer Einschnitt, aus zwei Gründen. Zum einen ist der Humanismus
eine geistige Bewegung, die katholisch, evangelisch und auch ein bisschen darüber hinaus einen starken Ansporn hat, zurück zu den Quellen zu gehen, also auf die hebräischen Texte, auf die griechischen Texte. Und da entsteht erstes kritisches Arbeiten, damals aber gegenüber der kirchlichen Tradition. Da beginnt vieles, was im Grunde so zu den Anfangsgründen historisch-kritischer Schriftauslegung des 17., 18., 19. Jahrhunderts gehört. Und die Reformation spielt dafür eine sehr große Rolle, weil Reformation bedeutet: Nicht das kirchliche Lehramt, nicht der Papst, nicht die Konzilien sind die letzte Instanz für die Wahrheiten des Glaubens, sondern die Bibel.
Sola Scriptura, die Bibel ist der letzte Maßstab, an dem sich alles messen lassen muss. So, und das bringt die Bibel in eine neue Rolle. Man muss sagen, sie wird immer gelesen, immer gehört. Natürlich wurde sie nie von Laien gelesen. Die hatten so was natürlich nicht. Auch bei Theologen wurde sie nicht so viel gelesen. Man hatte schon so seine eigene Dogmatik und die Bibel wurde zitiert. Aber sie spielte längst nicht so eine zentrale Schlüsselrolle wie im Reformationsjahrhundert. Dadurch, dass die Reformatoren gesagt haben: Wir entsagen dem Papst und berufen uns auf die Bibel, hat es nicht mehr aufgehört, dass Bibelauslegung ein ganz entscheidendes Medium war. Die Katholiken fingen an, die Bibel gründlich zu studieren, um die Protestanten zu widerlegen.
Und diese neue Bedeutung der Bibel sorgt auch dafür, dass die Bibelwissenschaft langsam ins Rollen kommt. - So, das war jetzt der Mini-Rückblick, was bisher geschah. Und jetzt springen wir rein in unser Jahrhundert für den heutigen Vormittag, das 17. Wir werden da eine Schlüsselfigur besuchen, aber zunächst sortieren wir das auch nochmal so ein bisschen ein. Ich hatte ja vorhin schon die groben Geschichten, die gesagt haben: Historisch-kritisches Denken ist der große Abfall, es ist der Bruch mit dem orthodoxen, traditionellen Christentum; man glaubt nicht mehr an Gott, sondern an die Vernunft. Falsch, sagen die anderen, historisch-kritisch ist, die biblischen Texte wirklich zu verstehen, was sie wirklich sagen; der Gegner ist das dogmatische Christentum, das die Bibel in Anspruch nimmt für eigene Geltungsbehauptungen kirchlicher Tradition. So, jetzt brauchen wir es
genauer. Jetzt verabschieden wir uns so ein bisschen von diesen grobianischen Positionen, jetzt werden wir ein bisschen ranzoomen und ein bisschen genauer gucken. Auch das werden wir jetzt so machen, dass wir uns da mehr als eine Perspektive gönnen. Es ist immer ein bisschen schwierig, wenn Leute denken, eine Perspektive, ein entscheidender Ansatz, eine Grundidee kann alles erklären. Es kann auch mal sein, aber im wirklichen Leben sind die Dinge kompliziert. Ich möchte euch zum Aufwärmen zwei bis drei Perspektiven vorstellen, die jetzt ein bisschen näher hingucken. Wie ist es entstanden? Wie ist historisch-kritisches Bibelauslegen geworden?
Ich möchte euch zunächst mal eine Perspektive vorstellen, die in der deutschen Forschung dazu wichtig wurde. So im 20. Jahrhundert: Ebeling-Schule, wem das was sagt, da hat das eine große Rolle gespielt. Und da gibt es eine Studie, "Ursprünge, Probleme der Bibelkritik im 17. Jahrhundert". Da wird folgende Story erzählt, folgende Geschichte: Die Bibel ist für die Protestanten Grundlage des Glaubens. Am Anfang, also in der Reformation, ist das irgendwie so, in der nachreformatorischen Generation wächst die Bedeutung der Bibel. Bei Luther ist sie Grundlage. Verrückterweise ist in den Bekenntnisschriften noch so gut wie nichts über die Bibel zu lesen. Das unterschätzen viele. Kann ja jeder mal gucken, lutherische Bekenntnisschriften, und suchen, bis er einen Paragrafen über die Bibel findet.
Da muss man lange, lange, lange, lange, lange, lange blättern. Nur so nebenbei. Das ist witziger, als man denkt. So, und im Laufe der nächsten Jahrhunderte wird die Bibel immer zentraler, denn die Katholiken fangen an, diese Grundlage infrage zu stellen, und sagen: Das geht ganz anders. Es gibt die ersten kritischen Anfragen daran. So, und der Prozess, der sich nun vollzieht, ist kurz gefasst folgender: Der Bibel-Glaube der orthodoxen, scholastischen Protestanten gerät zunehmend unter den Druck des modernen wissenschaftlichen Weltbildes. Das wäre die zentrale These, die manche aufstellen. Die sagen: Ja, es war im Altertum, im Mittelalter, auch noch bei den Reformatoren so: Die lasen die Bibel, und die hatten schon das Gefühl, dass die Welt so entstanden ist, wie es in der Bibel steht, dass die Welt so alt ist, wie es in der Bibel steht,
dass die Völker sich so auseinanderentwickelt haben, wie es in der Bibel steht. Und ja, da gibt es halt Sem, Ham und Japhet, und daraus entwickeln sich die drei Kontinente Europa, Afrika und Asien. Und das war vor paar tausend Jahren. Und wir sitzen hier auf dieser kleinen, schönen Erde. Übrigens, dass die kugelförmig ist, das wusste man ehrlich gesagt schon. Es gibt so den Mythos, man hätte die Erde für eine Scheibe gehalten. Das ist nicht der Fall, nicht im christlichen Mittelalter. Das ist in der Spätantike eigentlich klar geworden. Die Gebildeten hatten schon so das Gefühl, die Erde ist eine Kugel, spricht ja was für. Also da hat Kolumbus keinen großen Beitrag zu geleistet. So, aber es war dann schon so, dass sich die Sonne um die Erde dreht. So war es, und Kopernikus war ein erster, nicht so kleiner Schock für viele.
Also diese Schnapsidee, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Da haben ein paar Leute geschluckt. Da dachten sie: Quatsch, Blödsinn und so oder das fanden die ganz komisch. Und das ging dann weiter und Kepler und Galileo haben da geguckt und so. Und irgendwann hatten viele das Gefühl, das ist praktisch wahr. Das sieht nicht so aus, aber man müsste sich daran mal gewöhnen. Und das war für manche dann so, dass sie sagten: Na ja, ich gucke in die Bibel. Also meistens finde ich kein Problem. Aber manche sagten: Im Buch Josua, da ist es irgendwie so merkwürdig. Es sind noch so viele Feinde übrig, als der Tag sich zu Ende neigt, und dann wird da so ein Deal gemacht mit Gott, dass er sagt: Hier, ich lasse die Sonne mal rückwärtslaufen. Oder er sagt: Sonne, steh still. Das ist hier so der Punkt. Bei Jesaja lässt er dann die Sonne rückwärtslaufen als Zeichen.
"Sonne, steh still." Und dann heißt es: "Die Sonne stand still." Man konnte den Krieg bei Tageslicht noch zu Ende führen. Und da hatten viele erste kleine Probleme, na ja, aber das war hinzukriegen. Es gab verschiedene Möglichkeiten. Schon damals im 17. Jahrhundert haben dann die Ersten gesagt: Das ist hier keine naturwissenschaftliche Beschreibung. Das ist eine Alltagsbeschreibung, wo man es einfach so aus der Beobachterperspektive beschreibt. Und da sagten viele, ja, da muss man wohl seine Zuflucht zu nehmen oder so. Andere gingen einen Schritt weiter und sagten: Wir haben den Eindruck, dass die Verfasser das echt noch nicht wussten. Denn wenn der Josua sagt: "Sonne, steh still" - okay, das ist Beobachter-Perspektive. Aber der Text sagt ja dann, er beschreibt es so, als wüsste er Bescheid, dass die Sonne stillstand.
Lasst es uns so drehen: Die wussten es damals nicht besser. Gott wusste aber, dass sie nicht wussten. Und was hat Gott gemacht in seiner Weisheit? Er hat das im Grunde in der Inspiration der Texte von den Menschen damals so beschreiben lassen, wie es ihnen erschien. Vielleicht hat Gott was völlig anderes gemacht. Vielleicht hat er einfach die Erde angehalten. Vielleicht hat er auch irgendwie einen Zauber, der zu hoch ist für uns oder so, kann ja vorkommen. Es versteht ja auch nicht jeder, was der Galilei da am Himmel guckt oder der Kepler und so. Und das nannte man Akkomodationstheorie. Und das war echt nützlich, dass man sagte: Gott passt seine Offenbarung an das Fassungsvermögen der Menschen an. Und da dachten viele: Ja, das ist ein bisschen krasser. Denn dann müsste man im Grunde sagen: Was da steht,
stimmt nicht wirklich. Aber Gott hat sich darauf eingelassen, um sich auf das damalige Weltwissen irgendwie herabzulassen und so. Das waren so zwei Möglichkeiten, also entweder zu sagen, das, was da steht, stimmt, es ist einfach so eine Beobachterperspektive, oder zu sagen, das, was da steht, stimmt eigentlich nicht, aber Gott hat es gebraucht, so dass das, was er wirklich getan hat, für die Menschen damals unanstößlich und begreiflich war. Und da konnte man drüber zanken. Und irgendwie guckten alle am Himmel, lasen nochmal und dachten nach und so und hatten da echt mit zu tun. Und jetzt hätte man sagen können: Das ist so ein Schock, jetzt erholen wir uns erst mal ein Jahrhundert. Aber es kamen ja lauter Sachen. So, also jetzt doch nochmal zu Kolumbus. Ein bisschen geschockt war man ja schon.
Dass es jenseits der Welt noch ein paar Inseln gibt, das ist ja super. Aber dass man da reist und reist und reist und reist und auf einmal Inseln findet, die überhaupt nicht mehr aufhören, und dass da Leute sagen: Da ist einer schon zehn Jahre unterwegs, der findet gar kein Ende. Das sind sehr komische Inseln, die wir da gefunden haben - das war ein bisschen schockierend. So langsam kriegte man die Ausmaße mit, was da für Inseln im Westen waren, und auch die Menschen da, das war sehr verstörend. Die wussten nichts. Das war alles sehr komisch. Die haben da auch irgendwie gebaut oder so. Es waren Menschen irgendwie. Selbst darüber konnte man streiten. Aber irgendwann einigte man sich: Es sind wahrscheinlich Menschen, die wir da haben. Aber das war sehr verstörend. Sind die jetzt von Sem, Ham oder Japhet? Was sind das für Menschen? Richtig schwarz sind sie nicht. Weiß auch nicht.
Asiaten, die konnte man auch nicht so richtig einordnen. Was sind das für Menschen irgendwie? Wilde. Warum gibt's die? Und es ist das Jahr, was weiß ich, 1500 ist bald. Wer hat die missioniert? Es war eigentlich die Idee, dass die Apostel durch waren. Davon ging man ehrlich gesagt aus. Die Apostel haben die Welt missioniert, und Paulus hatte doch schon gesagt: Bis an die Enden der Erde - Klammer auf, Spanien, Klammer zu. Dass da noch irgendeine Insel ist, ja du lieber Himmel, sei ihr gegönnt oder so. Aber ganze Kontinente! Und dann kommt irgendeiner und sagt: Ich glaube, ich habe da wieder was erfunden, nennen wir es Australien oder so, auch Menschen, komische Menschen und so. Und das waren alles so Sachen, wo die Leute irgendwie ein bisschen Probleme hatten und sagten: Es kann doch nicht sein, dass es 1500 Jahre lang Kontinente gab, wo das Evangelium nicht verkündet wurde.
So, jetzt aber schnell, die müssen wir alle ruckzuck irgendwie missionieren! Aber es kam ständig so, und jetzt will ich nicht die moderne Wissenschaftsgeschichte erzählen, man brauchte ständig neue Akkomodationsvorschläge, wo irgendein Nichtwissen wieder sortiert werden muss. Und auch Altertumsgeschichten, das könnte man jetzt ganz lange strecken. Man merkte: Die Ägypter sind ja nicht von gestern, die Inder, die Chinesen. Also man kriegte so langsam Ahnungen, dass es Völker gibt, deren Geschichte weit, weit länger zurückreicht als die Mosezeit. Man konnte sagen: Die Chinesen lügen vielleicht. Aber warum sollen die lügen? Und die haben ja auch altes Zeugs da rumliegen, auch die Inder und so. Also man kriegte immer schwummerantere Gefühle dabei. Man hatte so seine Techniken. Irgendwann fing einer an zu sagen: Adam und Eva -
sagen wir mal so, vielleicht ist das auch der Stammvater nur der Bibelwelt, der Israeliten. Und vielleicht gab es ja auch schon so Prä-Adamiten, also Leute auf anderen Kontinenten, ganz woanders und so. Wenn man in der Bibel guckte, spätestens bei Kain hatte man das Gefühl, wer soll den umbringen? Ja, super Idee. Vielleicht gab es tatsächlich andere. Da haben manche probiert, das so zu sagen: Vielleicht sind Adam und Eva gar nicht die ersten Menschen. Vielleicht dachte man das nur so in diesem Weltwinkel und davor gab es andere. Das fanden die Zeitgenossen aber nicht lustig. Der kam dann ins Gefängnis und war dann weg und musste widerrufen. Das hieß damals noch nicht Cancel Culture. Das hieß damals normal. - Das nur so nebenbei: Es gibt heute so eine gewisse Wehleidigkeit, als hätte in 6000 Jahren Menschheitsgeschichte jeder sagen dürfen, was er will,
und dann hätten irgendwelche bösen Linken Cancel Culture erfunden. Also früher war das normal, sehr normal. Irgendjemand sagt was, weg ist er. Alle sind wieder ruhig oder so. Das war normal, das nannte man nicht Cancel Culture. - Diese Perspektive sagt jetzt: Das wuchs so an. Das wurde immer größer. Und das Interessante ist, die Vertreter des orthodoxen Glaubens, die wurden angesichts dieser heranschwellenden Flut nicht nachgiebiger. Die haben nicht gesagt: Da müssten wir mal ein paar Kompromisse aushandeln. Da müssten wir mal ein bisschen entgegenkommen. Also der Witz ist, je größer die Zweifel, desto unfehlbarer wird die Bibel. Also wenn man ein bisschen die Entwicklung anschaut, so im frühen 17. Jahrhundert gibt es Orthodoxe, die in gewisser Hinsicht damit klarkommen zu sagen: Die Bibel ist theologisch und moralisch
irrtumslos, unfehlbar und für andere Fragen - na ja, andere Fragen sind andere Fragen. Da ist dann auch Beobachtung und Vernunft und sonst wie angebracht. Und es gibt so die Tendenz, dass im Grunde je länger, je mehr die Bibel restlos unfehlbar wird. Sie hat grammatisch keinen Fehler. Sie hat keinen Rechtschreibfehler. Sie ist vollkommen, sie ist in der Überlieferung einzigartig, vollkommen und irrtumsfrei. Und die hebräischen Konsonanten und Vokale sind von Anfang an schon immer eindeutig und so weiter. Und immer steiler wurde im Grunde die Irrtumslosigkeit der Bibel, und der Bruch zwischen Beobachtungen, die man machte, und der total perfekten Bibel wurde immer krasser in gewisser Hinsicht. So und diese Schule sagt nun: Das ist irgendwann implodiert. In der Regel nicht so, dass die Vertreter der totalen Bibelperfektion sich nochmal alles haben zeigen lassen
und dann haben sie durchs Teleskop geguckt und dann durchs Mikroskop, dann einen Eingeborenen gesprochen und dann gesagt: Ja, stimmt, du hast recht. Lerne ich halt dazu. Nein, in der Regel sind die ausgestorben. Also wenn Leute so ihr Ding haben, ist es extrem selten, dass jemand seine Weltanschauung mal ändert. Das passierte in der Regel nicht, aber die starben aus. Irgendwann starben die alle aus. Und die Jungen, die nicht so festgelegt waren, haben irgendwann gemerkt, das wissenschaftliche Weltbild liefert Fakten noch und noch und noch. Und was wir jetzt machen müssen, ist im Grunde das mal klarkriegen, dass die Bibel da einfach in einer anderen Zeit, anderen Welt und so entstanden ist. Wir müssen uns darauf einstellen. So, das wäre eine Geschichte zu sagen, das wissenschaftliche Weltbild setzt sich immer stärker durch. 17., 18., 19. Jahrhundert.
Ein paar wehren sich wie verzweifelt, sterben aus. Und dann müsste man irgendwann sagen: Nee, so ganz ausgestorben waren die nicht. Da kommt immer was nach. So und das ist dann aber moderner Fundamentalismus, andere Geschichte, anderer Vortrag, anderer Podcast. Da könnte man viel zu sagen. An dieser Geschichte ist ein bisschen was dran. Ich habe jetzt hier keine Fakten erfunden. Man kann das so sagen. Das ist nicht die ganze Geschichte. Es ist auch schwierig zu sagen, das ist die zentrale Geschichte. Ich möchte euch einfach eine andere Geschichte danebenhalten. Einfach nochmal eine andere Perspektive. Die funktioniert interessant anders. Und das, was wir jetzt hatten, ist eine Geschichte. Man kann die für Frankreich und Niederlande halbwegs so erzählen. Übrigens, wer die historisch-kritische Methode nicht erfunden hat, sind die Deutschen. Wir ganz spät. Wir hatten da 30-jährigen Krieg.
Danach waren wir wieder Steinzeit. Und bis wir anfangen zu denken, haben englische, niederländische, französische Gelehrte alles Mögliche schon hingestellt. Also Deutschland ist total spät. Wir waren dann eher dabei, so kann man das nochmal radikalisieren. Da kommen wir ins Spiel. Aber mit den Anfängen historisch-kritischer Forschung hatten wir in Deutschland nichts zu tun. Nix. So, das war gerade eine Geschichte, die kann man ganz gut erzählen. Frankreich, Niederlande. Jetzt mal eine englische Geschichte. In England würde man auf einen anderen Weg kommen. Da haben wir im 17. Jahrhundert nämlich andere Herausforderungen. Das könnte man jetzt auch ganz lang erzählen, aber ihr findet da was. Googelt einfach. Englische Geschichte, englischer Bürgerkrieg. Alles super. Kann man viel machen über Cromwell. Auch tolle Sachen mit Königinnen und Königen, Kopf ab, hoppla, und all so Sachen.
Da gibt es schon interessante Geschichten. Und in dieser Zeit ist England ja auch echt bunt. Man hat Altkatholische, die immer noch so das Gefühl haben, das lassen wir denen nicht durchgehen. Man reißt nicht einfach eine Juwele aus der Krone der Mutterkirche. Wir holen uns diese Insel zurück. Dann gab es streng reformierte, sehr streng calvinistische Menschen, die sagten: Schottland haben wir schon, den Rest holen wir uns auch. Das geht gar nicht. Dann gab es Anglikaner, die große Staatskirche, Heinrich der VIII. Der Anfang ist nicht ruhmreich, und man hat sich dann gesagt: Wir hatten jetzt so einen beschissenen Anfang in der Geschichte, jetzt müssen wir uns aus Trotz irgendwie echt mal Mühe gegeben. Dann haben die wirklich spannende Sachen gemacht.
Sie haben so ein bisschen versucht, best of zu machen: "Wir machen via media, wir halten Traditionen, wir halten Liturgie, wir halten die Geschichte, die Verbundenheit mit der Alten Kirche, und wir nehmen dazu reformatorische Theologie. Wir brechen immer so ein bisschen die Spitzen ab. Die sind da ein Kontinent, die wurden auch wild und wütend und so. Wir hören uns den Bucer näher an, wir machen da aber was Eigenes. Wir machen das ein bisschen so reformiert mit Augenmaß und viel katholische Tradition. Wir sind die große integrierte Kirche." Das hat man irgendwie hingekriegt. Und dann hatte man da aber auch Flügel, so High Church, Low Church, frühevangelikal, liberal, alles so heutige Begriffe, damals ein bisschen anders. Ein großes Spektrum. Und jetzt hätte man herrlich in Frieden und Freuden leben können, aber die dachten: Ein paar Kriege könnte man probieren. Vielleicht kriegen wir irgendwas doch durchgesetzt. Es kommt zum Bürgerkrieg und all diese ganzen Sachen, da müssen wir nicht näher einsteigen. Die großen Fragen waren damals immer aber auch Bibelfragen.
Man fragte sich zum Beispiel: Wie soll denn der Staat aussehen? Dann gab es die einen, die gesagt haben: Der Staat braucht einen König. Wenn es gar nicht anders geht, nimmt man eine Königin. Damit haben wir auch ganz gute Erfahrungen mal gemacht. Aber ein König, gekröntes Haupt und ehrenvolle Abstammung. Warum? Weil es so geschrieben steht. Es ist so in der Bibel: der König. Die regieren sich nicht selbst. Gott verheißt einen König, er schenkt einen König, wenn die nichts taugen. Gott macht die rund, aber er gibt einen König. Selbst der Messias ist ein König. Jesus ist König, herrscht als König. So ist es von Anfang an. Wer war der erste König der Welt? Adam. Adam war der erste König der Welt. Er hat regiert über Eva und über die Kinder und so.
Und so zieht es sich durch, dass die Männer über den Frauen stehen und die Eltern über den Kindern und die Hochwohlgeborenen über dem Pöbel und der König über dem Adel. So, so steht es geschrieben. Das ist die Ordnung. Und da hatten aber nicht alle Freude dran. Und manche sagten: Nein, nein, ich lese in der Bibel, dass Jesus sehr klar sagt: "Ihr habt einen Herrn, einen Vater, Gott im Himmel. Ihr seid alles Brüder." So ist es. "Ihr seid ein Leib." Ihr seid alle auf Augenhöhe. Kein Unterschied. Ihr seid alle gleich. Gott allein ist der Herr. Und so wollen wir das leben. So wollen wir Gemeinde leben. Wir wollen diesen ganzen Bischofsquark nicht akzeptieren. "Ihr sollt niemand Vater nennen auf Erden, niemand." Wir sind eine Gemeinschaft der Schwestern und Brüder.
Wir sind eine heilige Gemeinschaft vor Gott. Man kann für Verwaltungsfragen Leute wählen. Das haben die damals auch schon so gemacht: nachberufen, nachgewählt. Aber wir wollen eine egalitäre Gemeinschaft. Und im Alten Testament - ja, lest doch mal die Geschichte, als das Volk sagt: Wir wollen einen König. Der Samuel weint die ganze Nacht. Der weint sich bei Gott aus. Gott muss auch fast weinen und sagt dem Samuel: "Samuel, sie haben nicht dich, sie haben mich verworfen", und es ist eine dramatische Geschichte. Gott will das gar nicht. Er will gar keinen König geben. Er lässt sich darauf ein, weil sie nicht zu retten sind. Sie wollen einen König. Sie wollen sein wie alle anderen. Dafür büßen sie auch so. Und jetzt wird es lustig, denn jeder hatte die Bibel in der Hand. Man ging mit der Bibel aufeinander los. Und das Interessante ist nun: Man kann in diesen Geschichten entdecken, dass die Menschen anfangen, einander auf die Belegtexte zu spucken
und im Grunde zu zeigen: Und dein Text ist gar nicht so wichtig. Da sehe ich doch im Grunde, das ist doch zeitbestimmt. Das ist doch aus dieser bestimmten Prägung da. Das kannst du nicht verabsolutieren. Und es entsteht eine Dynamik im Streit um die politische Ordnung im Land, dass Bibelauslegung ein Kampfplatz wird, wo es um die Legitimität und Autorität staatlicher Ordnung geht. Und aus diesem Kampf entsteht eine kritische, aufgeklärte Bibellektüre. Es entsteht eine deistische Bewegung. Die ist auch philosophisch, die ist auch weltanschaulich geprägt. Aber im Grunde versteht man sie nicht ohne diese Hintergründe. Und ein ganz starkes Anliegen einiger dieser Aufgeklärten ist:
Man darf die Bibel nicht dazu benutzen, aus ihr ewige Ordnungen abzuleiten. Es ist eine Schnapsidee zu sagen, Adam war der erste König. Das gibt der Text nicht her. Das geben die ganzen Texte nicht her. Wir müssen die Texte in ihrer Zeit lassen. Und das, was die sagen über Königtum, was die sagen über Sklaverei, was die beschreiben über gesellschaftliche Ordnung, das ist zeitbedingt, das ist aus der damaligen Welt. Wir müssen heute fragen, was vernünftig ist. Wir brauchen eine vernünftige politische und gesellschaftliche Ordnung. Und gerade nach den Glaubenskriegen ist das eine neue Generation, in der sich das so durchsetzt, dass sie sagen: Wir haben jetzt Leute gehabt, die gesagt haben: Haltet euch an die Bibel, ansonsten kommt ihr auf keinen grünen Zweig. Das Problem ist, die kamen miteinander auch auf keinen grünen Zweig. Die haben sich die Köpfe eingeschlagen.
Die Gegenposition ist: Diese ganzen Bibelverehrer - lasst uns mal auf Abstand gehen. In der Bibel lernt man was über Gott. Wie die Welt funktioniert - dafür hat Gott uns die Vernunft gegeben. Wir brauchen eine vernünftige Ordnung, und wir sehen ja alle: Mathematiker aller Länder, aller Völker verstehen sich. Naturwissenschaftler aller Länder, aller Völker verstehen sich. Protestantische, katholische Naturwissenschaftler, wenn man die zusammenlässt, die kommen miteinander klar, die können sich verständigen. Warum? Weil sie nicht irgendwelchen Überlieferungen und Vorgaben folgen, sondern dem, was sie sehen, was sie berechnen, was ihnen vernünftig einleuchtet, was sich argumentativ durchsetzt. Ja, das könnte der Weg sein. Lasst uns mal so versuchen, Recht zu entwickeln. Lass uns mal so versuchen, Staatsformen zu entwickeln.
Lass uns mal so versuchen, Rechte zu definieren, die alle Bürger haben. Jetzt könnte man was über Thomas Hock sagen und John Locke und Shaftesbury und so weiter. Und gerade in der englischen Geschichte wird deutlich: Bibelkritik ist eine Art Reaktion auf einen autoritären Bibelgebrauch. Zur Legitimation politischer gesellschaftlicher Ordnungen gebrauchte man die Bibel, und wenn einem diese Ordnungen gar nicht einleuchteten, war Bibelkritik eine Art Notwehr gegen diese Übergriffe. Wie ist die Geschichte? Wissenschaftliches Weltbild, Streit um politisch-gesellschaftliche Ordnung. Das sollte man beides mal sehen, das müsste man so nebeneinander betrachten, ganz lange komplizierte Geschichten. Es gibt auch ganz witzige Nebenstränge.
Einen möchte ich euch noch vorstellen, bevor wir zu Spinoza kommen. Richard Simon. Richard Simon, französischer, katholischer Christ, Kleriker, hat eine wechselvolle Geschichte, war bei Oratorianern und Jesuiten, war ein Bibelgelehrter, so ein Nerd, der hat da so die alten Sprachen gemocht, sich damit beschäftigt, hat viele Beobachtungen gemacht, war eigentlich so ein Bibelgelehrter der damaligen Zeit, der sich da reingekniet hat. Und der hat Beobachtungen gemacht. Der merkte irgendwann: Die hebräischen Texte der Bibel und die Septuaginta und die Vulgata, also die lateinischen, griechischen, hebräischen Texte, da gibt's echte Probleme. So echte Probleme, und das quälte ihn erst. Aber dann hatte er eine ganz witzige Idee, da musste er richtig lachen. Da sagte er sich: "Es macht mir Probleme, dass ich grad auch nicht weiß, was denn der Bibeltext ist. Mensch, also ich hab gedacht, das ist alles klar,
aber es ist gar nicht so klar." Und auf einmal musste er ganz wild lachen, weil er merkte: "Wenn mir das schon Probleme macht, was macht das denn mit diesen bekloppten Protestanten erst?" Und da war er ganz glücklich, dass er sagte: "Ja, wir haben auch früher gedacht, wir haben alles klar, aber im Grunde ist das eine Entdeckung - also ich verbrenne mir da die Hand, es tut mir weh, aber den Protestanten sprengt das beide Beine weg. Das muss man eigentlich öffentlich machen, dass die mit ihrem Sola Scriptura auf Sand bauen. Die haben ja nicht mal einen klaren Text, die haben viele Probleme, die sie gar nicht gelöst kriegen." So, und er schrieb da was und machte dann da so lauter Probleme auf, hier ist ein Problem, da ist ein Problem, da ist ein Problem. Das tut uns weh, aber die bringt's um. Und er fand sich da auch ganz cool. Aber seine Oberen fanden das so lustig nicht. Cardinal Busset in Paris, der bekam davon Wind, der guckte sich das an. Und dann war wieder Cancel Culture, die nicht so hieß.
Dann war das Buch weg, wurde verboten, wurde weggeschlossen, der Orden sagte auch: "Und tschüss, bist nicht mehr dabei." Und dann war er halt raus. Er wurde jetzt nicht mehr verbrannt. Das Ganze Zu-Tode-foltern machte man nicht mehr, ist ja auch immer eine Sauerei und so. Ja, man ließ ihn da machen, das Buch aber wurde nicht mehr so richtig offiziell vertrieben. Aber in den Niederlanden - die Niederlande waren ein sehr interessantes Land. Niederlande waren so ein bisschen überall dazwischen, hatten so ihre Kriege, hatten so ihre Auseinandersetzungen. War ja früher alles auch irgendwie eins, dann hat man sich so getrennt, die Katholiken in den Süden, Belgien, die Protestanten im Norden, aber auch nicht alle, und es gab Auseinandersetzungen, Spanisch-Niederländischer Krieg und dies und das. Und irgendwann gab's immer wieder so Phasen, wo die in den Niederlanden sagten: Man müsste einander vielleicht auch ein bisschen mehr Freiheit geben.
Also man könnte es lassen und wir bringen uns weiter alle um, aber besser nicht. Also warum das Ganze Sich-Abschlachten? Die haben immer wieder so Phasen gehabt, wo sie gesagt haben: vielleicht denkt einfach jeder mal für sich selbst nach. Und die fanden das Buch dann auch echt witzig und da wurde es nachgedruckt. Und dann waren da wieder lauter unruhige Gedanken in der Welt. - So, was ist die Moral von der Geschichte? Die Dinge sind komplizierter als die ganz glatten, einfachen Erklärungen. Nehmt das jetzt so nebeneinander, aber man könnte jetzt da noch fettere Bücher lesen oder schreiben. Aber ich möchte euch heilsam verwirren, so heilsam ein Gefühl davon geben: Die, die die einfachsten und schönsten und glattesten Geschichten erzählen, haben vielleicht das beste Gefühl dabei, aber längst nicht immer auch die Wahrheit. Es ist komplexer. - Wir tauchen jetzt nochmal in einen besonderen Fall ein, der sehr lehrreich sein wird, nämlich Niederlande, Baruch de Spinoza.
Biographie - bei Berühmten der Alten Welt ist es ja immer so ein bisschen das Ding, man weiß über die Anfänge fast nichts. Man weiß, die Familie kam aus Portugal. Portugiesische Juden und frühe Neuzeit - Spanien, Portugal, das sind so Länder, die waren früh stolz darauf, judenrein zu sein. Da wurden sehr viele vertrieben, zwangsbekehrt, umgebracht und so. Also es wäre eine Gelegenheit, sich durch einen Exkurs noch mal zu deprimieren, den lassen wir mal aus. Familie flieht, flieht in die Niederlande. Niederlande wird Zuflucht für viele Leute, die irgendwo ganz schnell rausmussten. Eine Synagoge wird gegründet, es gibt eine portugiesisch-niederländische Synagoge. Da ist er dann drin. Und man merkt, der Vater sorgt für seine Erziehung.
Er kriegt eine gute Ausbildung, auch eine talmudische Ausbildung. Er hätte den Weg gehen können zum Rabbiner. Aber es ist so Mitte des 17. Jahrhunderts, der hat da Fragen gekriegt, der Spinoza. Ein bisschen zu viele Fragen vielleicht auch, denn als er 23 ist, sagen die ihm in der Synagoge: Du, wir haben dich doch schon mal verwarnt. Und da sagt er: Stimmt. Und da sagten sie: Ja, und das jetzt schon wieder. Du hast Gedanken in deinem Kopf, die tun uns alle nicht gut. Wir sind Juden, wir sind auf der Flucht. Wir zünden hier keine Menschen an, gar nicht. Aber dich rausschmeißen tun wir schon. Das ist so. Raus bist du. Er war 23. Wir wissen nicht genau, was damals das Ding war. Wir vermuten aber, dass es schon Fragen waren wie aus seinen späteren Büchern; auf die komme ich gleich.
Es wird ein Bannfluch über ihn ausgesprochen. Der heißt so: "Nach dem Beschluss der Engel und dem Urteil der heiligen Bannen verwünschen, verfluchen, verstoßen wir Baruch de Spinoza mit Zustimmung des heiligen Gottes, gepriesen sei er, und dieser ganzen heiligen Gemeinde. Mit dem Bannfluche, womit Josua Jericho fluchte, mit dem Bannfluche, mit dem Elisa den Knaben fluchte, mit all den Verwünschungen, die im Gesetz geschrieben stehen. Verflucht sei er am Tage, verflucht sei er bei der Nacht. Verflucht sei er, wenn er sich niederlegt. Verflucht sei er, wenn er aufsteht. Verflucht sei er bei seinem Ausgang, verflucht sei er bei seinem Eingang. Möge Gott ihm niemals verzeihen, möge der Zorn und Grimm Gottes gegen den Menschen entbrennen und seinen Namen unter dem Himmel austilgen und möge Gott ihn zu seinem Unheil ausscheiden von allen Stämmen Israels. Wir verordnen, dass niemand mit ihm mündlich oder schriftlich verkehre,
niemand ihm irgendeine Gunst erweise, niemand mit ihm unter einem Dache verweile, niemand auf vier Ellen in seine Nähe komme, niemand eine von ihm verfasste oder geschriebene Schrift lese." Lassen wir das mal so stehen. Ja, also verglichen mit christentümlicher Praxis ist das sehr human, muss man sagen. Also man findet da drastische Worte, aber dann geht er auch. Man schickt da keine Todesschwadronen hinterher, auch nicht 40 Jahre Haft im tiefsten Keller oder so. Nein, einfach raus. Ja, und Niederlande - Gott sei Dank. Also Spinoza war ein dankbarer Mensch. Er lebte in den Niederlanden, dem einzigen Land überhaupt damals weltweit, wo man ungefähr zurechtkommen konnte mit queren Ideen. Es gab in Deutschland immer wieder auch so kleine Enklaven, wo manchmal ein bisschen Freigeisterei erlaubt war.
Also Berleburg, Wittgenstein, kennt man sonst oft gar nicht. Aber in der Regel war es in Europa schon auch schwierig. Er hatte Kontakte in unterschiedlichsten Kreisen, Mennoniten - für damals Freikirche zu sagen, ist ein bisschen blöd, aber heute wäre es eine Freikirche. Die sagten: Ja, wir sehen so die Nächstenliebe als unser Ding, die sprachen mit ihm, die gingen mit ihm um. Auch es gab auch so andere früh aufgeklärte Geister. Leibniz hatte mit ihm Kontakt und interessanterweise damals auch die Brüder Witt. Das war eine liberale Phase, war so eine Art Staatsführung. Also er hatte schon eine gewisse Unterstützung von Leuten, die sagten: Das ist ein kluger Kerl. Er ist Jude, aber wir sind aufgeklärt. Wir haben kein Problem damit. Ist auch Niederlande, überhaupt kein Problem. Er konnte also irgendwie leben. Er stirbt mit Mitte 40 an Tuberkulose, Lungenentzündung.
Aber er überlebt unverfolgt, aber halt am Rande, schon am Rande der Gesellschaft, nicht mehr Synagogen-zugehörig. Die konservative christliche Welt fand ihn natürlich auch sehr gefährlich. Spinoza hat damals dann so einen Brotberuf gehabt, er wurde Schleifer für Brillengläser. Er wurde da ganz gut und das war so sein Ding. Er hatte sogar mal eine kurze Berufung nach Heidelberg zu einem Lehramt. Aber er hatte so ein mieses Gefühl gehabt, und er hatte Recht, denn kurz danach gab es wieder irgendeinen Krieg, zack, und da war die Uni auch erledigt. Das wäre auch nichts geworden. Und er hat neben seinem Brotberuf als Privatgelehrter so diese Gedanken, von denen er zu viele im Kopf hatte, dann so nach und nach aufgeschrieben. Davon ist ein Buch unter seinem Namen zu Lebzeiten erschienen.
Das war eine Studie zu René Descartes. Auch wichtig irgendwie. Lassen wir aber aus. Und danach hatte er Bücher, da hatte er selbst das Gefühl: Ich möchte das mit der Verfolgung vielleicht nicht näher austesten. Man kann ja auch Bücher anonym oder unter falschem Namen oder gar nicht oder so veröffentlichen. So, und ein Buch erschien - ich habe es "zufällig" dabei: "Theologisch-politischer Traktat". Und damit werden wir uns jetzt so den restlichen Vortrag ein bisschen beschäftigen können, denn wenn man ein Buch, einen Menschen, ein System haben will für Anfänge historisch-kritischer Methode: Dieses Buch müsste man nennen. Es ist das Wichtigste. Es ist das Bedeutendste, wo man das jetzt mal am Stück sieht. Wir werden beim Referat auch merken, was ich bis jetzt so erzählt habe, war nicht, weil mir langweilig war, sondern irgendwie fließt das hier mit ein. Also schon viele Entdeckungen und Gedanken,
das ist alles im Grunde hier vorausgesetzt. Jetzt hören wir uns das mal ein bisschen an, was er so schreibt. Er fängt in der Vorrede an: "Da ich das seltene Glück genieße, in einem Freistaat zu leben, wo jeder die volle Freiheit des Urteils hat, wo er Gott nach seiner Überzeugung verehren darf und wo die Freiheit als das teuerste und liebste Besitztum gilt, so schien es mir kein undankbares noch unnützes Unternehmen, wenn ich zeigte, dass diese Freiheit nicht bloß ohne Schaden für die Frömmigkeit und den Frieden des Freistaats gewährt werden kann, sondern dass sie auch nicht aufgehoben werden kann, ohne gleichzeitig diesen Frieden und die Frömmigkeit aufzuheben. Das ist das Hauptsächliche, was ich darlegen möchte." Ich finde das nebenbei echt wichtig. Das ist 1670,
und für ihn war Freiheit jetzt nicht: Ich darf sagen, was ich will, ohne dass mich einer kritisiert oder mir widerspricht. Mal so ein kleiner Tritt ans Schienbein gegen heutige Wehleidigkeiten: Es gibt heute Menschen, die glauben, Freiheit ist, alles zu sagen, ohne Widerspruch zu kriegen. Das finde ich ehrlich gesagt gefährlich. Freiheit ist, alles sagen zu können, ohne dafür ins Gefängnis zu müssen. Das ist Freiheit. Und zur Freiheit gehört, dass man Kritik kriegt dafür. Sich zu wünschen, sagen zu können, was man will, ohne kritisiert zu werden, das ist ein Privileg, das du nur ganz oben in unfreien Staaten hast. Das ist sehr gefährlich. Spinoza, der verflucht wird und verlästert und beleidigt, er ist dankbar für die Freiheit, dass morgens nicht die Polizei vor der Tür steht und ihn wegsperrt.
Das ist eine freie Gesellschaft, nicht eine Gesellschaft, wo du keine Kritik und keinen Widerspruch und keine Schmähung bekommst. Man müsste da mal die Maßstäbe justieren. Ich finde, da gibt es heutige Verwöhntheiten. So ein Recht darauf, nie kritisiert zu werden, wie gesagt, das ist eigentlich ein diktatorisches Gelüste. Das, was er hier beschreibt, ist das überzeugendere Freiheits-Konzept. Und das nimmt er sich vor, die Freiheit zu preisen in Fragen des Glaubens und der Politik. Darum heißt das "Theologisch-politischer Traktat". Und in seiner Zeit gibt es schon so Gruppen, mit denen er schlechte Erfahrungen macht. Das ist nicht, ich sag mal, die Obrigkeit, also die damalige Staatsführung in der liberalen niederländischen Phase, in der er überwiegend lebte. Er schreibt es dann so: "Ich habe mich oft gewundert, wie Menschen, die sich rühmen, der christlichen Religion,
also der Liebe, der Freude, dem Frieden, der Mäßigkeit, der Treue gegen jedermann zugetan zu sein, viel mehr in Unbilligkeit miteinander kämpfen und täglich den erbittertsten Hass gegeneinander zeigen können." Wir könnten aus seiner Lebensgeschichte jetzt lauter Beispiele bringen, wie Christen einander massakrieren, foltern, quälen, auslöschen. Also seine ganze Kindheit hindurch herrscht nebenan Dreißigjähriger Krieg. Das sparen wir uns aber auch, wir werden ja alle nur schlecht gelaunt. Aber guckt noch mal nach im Zweifelsfall, wenn ihr da romantische Ideen habt, wie lieb die früher alle waren - man macht da was mit, wenn man da näher hinschaut. Und er sagt: "Wenn sie ein Fünkchen göttlichen Lichts wirklich hätten, diese ganzen selbsternannten Hochgläubigen, könnten sie nicht so frech wahnwitzige Reden führen, sondern würden lernen, Gott klüger zu verehren.
Nicht durch Hass, sondern durch Liebe würden sie sich vor den Übrigen auszeichnen. Nicht mit feindlicher Gesinnung würden sie Andersdenkende verfolgen, sondern sich ihrer vielmehr erbarmen in Sorge um deren Heil und nicht um die eigene Macht." Das ist der Maßstab, den er erhebt: Die Liebe von Gläubigen erkennst du nicht daran, wie sie miteinander umgehen - auch in einer Räuberbande ist es oft sehr kuschelig -, sondern die Liebe erkennst du daran, wie sie über ihre Feinde reden und denken, wie sie mit denen umgehen. Das müsste der Maßstab sein. So, und das ist der Ausgangspunkt. Er sieht nun: Die alle berufen sich auf die Bibel, aber werden sich da nicht einig,
werden immer neu in Hass und Unfriede verstrickt, Aufstände, Auseinandersetzungen. Dann sagt er: "So beschloss ich, ernstlich die Bibel von Neuen mit vollem und freiem Geiste zu prüfen und nur das von ihr zu behaupten und als ihre Lehre zuzulassen, was sich unzweifelhaft aus ihr ergibt." Das klingt jetzt ganz reformatorisch. Er hat aber nicht das Gefühl, jetzt das zu machen, was die ganzen Reformatoren, Lutheraner und wer auch immer, machen. Er hat das Gefühl, das ist was Neues, das ist was ganz Neues. Und dann muss man mal schauen, was sagt die Bibel selbst, und sie nicht schon zu lesen durch die Matrix, durch das Paradigma irgendwelcher klaren, festen, eindeutigen Lehren. Das macht er in seinem Buch und das macht er jetzt 200 Seiten lang.
Im Grunde macht er jetzt so einen Durchgang durch die ganze Bibel. Und dann am Ende, als man den Anfang fast vergessen hat, sagt er: Ich bin wieder bei der Politik, da wollte ich ja hin. Wir fassen das jetzt ein bisschen zusammen. Wir kürzen jetzt. Er sammelt jetzt Beobachtungen und er stellt am Anfang eine These auf. Die These lautet so: "Und ich habe dabei erkannt, dass das Ansehen der Propheten", damit meinte er die biblischen Autoren, "nur in den Dingen Bedeutung hat, welche den Lebenswandel und die Wahrheit betreffen, und dass im Übrigen ihre Ansichten uns nicht berühren." Das ist die These. Er nennt das ganz am Anfang, und dann geht er das durch, um das zu zeigen. Ihr merkt aber, was ich vorhin ausführlich beschrieben habe, hier ist es mal in einem Buch, hier habt ihr mal eine Quelle. Ansonsten wird das so hier und da und überall an politischen Fragen,
an astronomischen Fragen, an historischen Fragen so nach und nach zusammengetragen. Spinoza sagt weiter: "Gott hat den Propheten Gaben gegeben, er hat sich ihnen gezeigt, aber jedem offensichtlich in seiner Zeit." Interessant ist ja, die biblischen Bücher sind sehr unterschiedlich. Die Kirchen tun so, wenn sie sagen, "Die Bibel sagt", als könnte man die aufschlagen, wo man will, und das wird irgendwie überall stehen. Und er sagt, nein, das sind sehr unterschiedliche Bücher. Da gibt es prophetische Bücher, und jetzt vergleich mal Nahum und Jesaja, einfach mal hintereinander lesen, bei Jesaja brauchst du ein bisschen länger. Es könnten dir Dinge auffallen, du könntest bemerken, dass da Unterschiede sind. Andere Zeit, andere Herausforderungen, andere Schwerpunkte. Und er nennt da viele Beispiele und sagt: Es ist an sich schon falsch,
so zu tun, als gäbe es eine biblische Lehre, die zufälligerweise in allen 66 Büchern so zu finden ist. Also er entdeckt, er beschreibt, er belegt Verschiedenheit der biblischen Texte. Und er sagt: Die sind dann in manchen Fragen sehr verschieden, wie sie einzelne Dinge beurteilen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die Handlung von Gott, von Gottes Offenbarung, von Gottes Wesen, von Gottes Werten. Und da, glaubt er, passt das letztlich zusammen: Gott ist unser Ursprung und wir sollen leben nach dem Willen Gottes. Ansonsten aber gibt es große Unterschiede. Er geht weiter vor und sagt: Und es gibt einfach viele Punkte, da sehen wir: Die haben untereinander schon viele verschiedene Auffassungen von der damaligen Geschichte, und wir haben heute manchmal schon auch berechtigt das Gefühl,
da inzwischen zu viele alte Quellen gelesen zu haben. Also er kommt auf Noah zu sprechen. Er bezweifelt gar nicht, dass Noah, Mose und so weiter alle existiert haben. Aber er sagt, der Noah hat ganz offensichtlich geglaubt, dass Gott das ganze menschliche Geschlecht ausgerottet hat. Und da sagt er: Nein, das war was in seiner Umgebung. Warum soll ich das bestreiten? Da wird in seiner Umgebung irgendwas gewesen sein. Aber die ganzen Inseln in der Ferne und so, Amerika, das kriegt keiner zusammen, weil es auch nicht zusammenzukriegen ist. Das schreibt er damals in seinem Weltwissen und das ist auch okay. Es ist aber so, dass wir heute manche Vorstellungen etwas anders haben. Das hat Gott denen nicht offenbart. Das waren ja Standarddiskussionen der Theologie der damaligen Zeit.
Spinoza versucht jetzt aber nicht, das irgendwie zu retten, Akkomodationstheorie, so oder so. Und er sagt: Ja, das ist so. Das ist aber nicht wichtig. Nicht wichtig für uns, das ist nicht die Botschaft. Uund das Problem, was er hat mit der zeitgenössischen Bibelauslegung in Kirche und Synagoge, ist so, dass er sagt: Die können im Grunde solche Gedanken nicht mal ertragen, dass du bei irgendwas sagst, das ist zeitbedingt und so. Nein, sie wollen dich zwingen, sie üben Druck aus, und sie sagen: Wenn du dich hier nicht ganz und gar unserer Bibelauslegung unterwirfst und deine eigene Vernunft ausschaltest und dir alle Fragen verbietest, dann - Ausschluss, Hölle, Verlorenheit, irgendwie was. Und Spinoza sagt: Das ist ein größeres Problem, als die ahnen.
Denn worauf läuft das hinaus? Letztlich ja darauf, dass die in ihren Gemeinden viele haben, die nicht glauben aus Überzeugung. Dass sie nicht glauben, weil sie Dinge geprüft haben, gecheckt haben, durchdacht haben und erkennen, dass es wahr ist. Nein, Kirchen und Synagogen sind voll von Menschen, die Dinge für wahr halten, über die sie sich nicht mal trauen nachzudenken. Das ist aber eine völlige Verdrehung und Verkehrung dessen, was Wahrheitserkenntnis ist. Wahrheitserkenntnis ist nicht, Dinge abzunicken, weil ich sonst Riesenschwierigkeiten kriege. Wahrheitserkenntnis ist, Dinge zu bejahen, weil ich sie einsehe, weil ich sie verstehe, weil es mich überzeugt. Und wenn du Überzeugung ersetzt durch Druck, zerstörst du das Wahrheitsgewissen und die Frömmigkeit.
Du zerstörst die Fähigkeit, die Wahrheitsfrage ernst zu nehmen, weil es am Ende doch nur darum geht, dich anzupassen an das, was dir vorgegeben wird. Das ist aber eine knechtische Existenz, zu der er nicht bereit war, und er weiß, es gibt viele, überall, die eigentlich zu viele Gedanken im Kopf haben. Aber weil sie lieber Ruhe und Frieden wollen und denken, ich will ja mit meiner Verwandtschaft, mit meinem Freundeskreis nicht überquer liegen, sagen sie: Dann bin ich halt ruhig, ist ja egal. Das ist aber für Spinoza unwürdig, für den Geist und für das Herz, für den Glauben und für die Vernunft. Solche Religion, die auf Zwang beruht, ist zutiefst unwahr, weil man hier letztlich reagiert auf Angst vor Strafe, Angst vor Sanktionen, Angst vor Ausschluss und gar nicht so, wie es ja nun wirklich geschrieben steht,
Gott liebt, weil man ihn als einen liebenden Gott erkannt hat. Das wäre eigentlich wahre Frömmigkeit, Liebe zu Gott aufgrund der Erkenntnis der Liebe Gottes. Wenn aber ein Umgang mit der Bibel das unmöglich macht und ein Zwangssystem der verständnislosen Anpassung an Glaubenssätze herbeiführt, dann ist das ein Riesenproblem für die Wahrheit und für den Glauben. Und Spinoza schlägt dafür eine Lösung vor, nämlich die Lösung: Wir trennen Theologie und Philosophie. Mit Philosophie meint er nicht das, was heute an der Uni vorkommt. Heute an der Uni kommt ja im Grunde der heilige Rest vor, also das, was kein anderer machen will. Damals war Philosophie im Grunde alles Mögliche, was heute eingewandert ist in Pädagogik und Soziologie und Psychologie und Anthropologie und alles Mögliche.
Das war ja alles im Grunde die Philosophische Fakultät, das meint er. Also im Grunde das Weltwissen. Es gibt das Weltwissen und das ist eine vernünftige Herausforderung für uns alle. Da zählen Belege, Argumente, Diskussionen. Und er sagt: Theologie ist Gotteserkenntnis und Lebensführung. Das ist Theologie. Dafür ist die Bibel gut. Wer aus der Bibel aber mehr und anderes machen will, der verdirbt im Grunde die Wahrheitserkenntnis. Wie kann man das denn in der Bibel jetzt rauskriegen? Also wie kriegt man in der Bibel raus, was was ist? Und das ist durchaus eine spannende Herausforderung. Er bringt auch so ein lustiges niederländisches Zitat. Er sagt: "Das Problem ist ja nämlich:
Es gibt Kirchtümer, die sind in Europa - zumindest von außen - stabil. Katholiken sind stabil, denn sie kennen den Deal: Richtig ist, was der Papst und das Lehramt sagt. Das ist richtig. Zack. Die haben auch eine Theologie, die dir dazu bestes Gewissen macht, das abzunicken, auch wenn du es nicht verstehst. Du kannst zumindest verstehen, dass das irgendwie okay ist, denn Gott hat es so gewollt. Dann gibt es so diese Bekenntnis-orientierten Grundkirchen, die haben da ihre Katechismen, du hältst dich dran und alles ist super. Und dann, sagt er, gibt es so Protestanten, die sagen: Ich folge allein der Bibel. Das gab es in den Niederlanden auch viel. Das macht die Niederlande so wahnsinnig interessant, weil es die Freigeistigsten und Bibeltreusten gleichzeitig hatte. Da brauchte man halt gute Nerven in dem Land. Bei den Bibeltreusten machte er aber Beobachtungen,
und die ganze Bevölkerung auch. Jetzt hätte man ja denken können, die, die sich nur an die Bibel halten, bei denen muss das ja ganz fantastisch laufen, denn die haben ja eine gemeinsame Grundlage, nicht so menschliche Traditionen, ständig neuen Papst und verschiedene Katechismen. Die halten sich an die Bibel, darum werden sie alle zu gemeinsamen Erkenntnissen kommen, wie es ist, und auch herrlich und in Freuden Gemeinschaft leben. Aber Spinoza zitiert ein niederländisches Sprichwort, das hieß: "Keenk etta sonder letter", auf Deutsch: "Kein Ketzer ohne Buchstabe." Das war ein Sprichwort in den Niederlanden. Jeder Ketzer, das heißt jede Sondergemeinschaft, jede Sondergruppe, beruft sich auf den Buchstaben. Aber alle. Also das ist das pluralistischste, vielfältigste, chaotischste Gebilde in der Christenheit. Die, die sich allein auf die Bibel berufen, die kommen am wenigsten miteinander klar,
weil sie in allen großen Fragen, ob das die Taufe ist oder die Prädestination Gottes oder wie die Endzeit wird oder wie man eine Kirchengemeinde leitet, ob eine Kirchengemeinde überhaupt Hauptamtliche hat oder nicht, ob die mit anderen zusammen einen Verbund bildet - die werden sich in nichts einig irgendwie. Nur darin, dass die Bibel das alles klärt. Man weiß nicht, was rauskommt, aber die Bibel klärt es. Und Spinoza sagt: Ich gehe ja auch auf die Bibel zurück. Also mich nervt das ja auch, dieses ganze Papsttum und Kirchenpräsidium und so. Aber so wie diese Bibelgläubigen es machen, funktioniert es halt nicht. Wenn man die Bibel verständig auslegen will, muss man es vernünftig machen. Was heißt vernünftig? Wir müssen historisch ganz genau schauen, wie die Texte damals gewachsen und geworden sind.
Und dann hat er lange Kapitel über die Entstehungsgeschichte der Bibel. Ich nehme nur ein Beispiel, die fünf Bücher Mose. Er sagt: "Wenn man die selbst liest, merkt man schnell, die sind nicht von Mose." Das hat schon vielen damals gar nicht geschmeckt. Aber Spinoza geht da die Beispiele durch und sagt: Wir können mit dem Ende anfangen. Mose stirbt. Das ist ungewöhnlich. Also eine Autobiographie, wo man am Ende seinen eigenen Tod schildert oder so - das ist ungewöhnlich. Und jetzt könnte man sagen: Das hat Gott ihm aber geweissagt hier: "Mose, du stirbst demnächst dann auch, bist ja auch alt. Schreib einfach mit. Ich sag dir, wie das sein wird mit deinem Tod. Geht schon." So, und manche hatten das Gefühl: Könnte sein. Wir kämen allenfalls damit klar, dann ist er halt weg, der Mose. Ist ja ein bisschen komisch, wie er stirbt und so. Weg ist er.
Und Josua könnte es ja geschrieben haben. Gott sei Dank, es liegt alles noch auf dem Pult. Josua schreibt das Ende. Und Spinoza sagt: Ja, aber lasst uns mal lesen, was da steht. Was steht denn da am Ende? Da steht: "Und es stand hinfort kein Prophet wie Mose auf, der Gott erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht." Dass Gott dem Mose das so diktiert - schwierig, oder? Dann wird der noch hochmütig, kurz vorm Tod und so. Ist nicht gut. Dass Josua das so schreibt, ist aber auch noch komischer, ehrlich gesagt. Der ist gerade weg. Alle leben noch. Und Josua sagt: Ich brauch schnell ein Ende. Was klingt denn gut? Jetzt gebe ich mal richtig Gas. Jetzt schreibe ich: "Und es stand keiner auf, der wie Mose ..." Aber die hätten ja alle gesagt: "Ja, wie? Hältst du uns alle für beschränkt? Wer weiß, was wir noch für tolle Typen werden?" Und Spinoza sagt: Seien wir ehrlich. Der ganze Deal ist ja: Ich gehe von der Bibel selbst aus.
Wie klingt das? Für mich klingt das so, als hätte hunderte Jahre später jemand das so verfasst. Der ganze Satz macht nur Sinn, wenn hunderte Jahre später irgendwann einer sagt: "Es stand hinfort kein Prophet wie Mose auf, der Gott erkannt hätte." Man könnte jetzt noch einen drauflegen und sagen: In der Samuelzeit zum Beispiel steht in den Samuelbüchern "der Seher". Und dann heißt es im Samuelbuch: "Die, die man heute Propheten nennt, nannte man damals Seher, chose." Also selbst beim Wort gibt es schon das Problem. Heute ist das gar kein Thema mehr. Aber Spinoza hat so Beobachtungen gesammelt und gesagt: Es klingt halt so, als wäre es hunderte Jahre später verfasst. Wird so sein. Und er findet ja weitere Belege. Genesis 36, kann jeder mal nachschauen, Genesis 36,31. Da heißt es über Edom -
Esau ist gerade so da, und dann heißt es: "Und dies sind die Könige, die in Edom geherrscht haben, ehe ein König herrschte über die Kinder Israels." Und dann kommt so eine lange Namensliste. Jetzt kann man darüber wegschnarchen und sagen: Hier, ich habe Bock auf Josef, gib Gas und so. Egal. Oder man kann aus Versehen wach sein und Fragen kriegen. "Die Könige, die in Edom geherrscht haben, ehe ein König herrschte über die Kinder Israels." Wann war das noch mal? Ja, David. David ist der erste König. Und dann steht da eine ganze Reihe von Namen. Das ist ein kleines Problem, dass Mose das so schreiben soll. Jetzt könnte man sagen: Ist überhaupt kein Problem, denn Gott kennt ja die Zukunft. Er kann es dem Mose so geweissagt haben: "Das werden die Könige sein zwischen dir und König David, die in Edom herrschen werden." Ob das jetzt eine besonders nützliche Weissagung ist, will ich gar nicht entscheiden müssen.
Aber es liest sich nicht so. Es liest sich überhaupt nicht so. Und warum? Was soll das da? Alle sind gespannt auf die Josefs-Geschichte, und jetzt zu sagen: "Und weil ich es kann, einfach mal die nächsten Könige für 400 Jahre in Edom, einfach weil ich Bock hab, das jetzt zu weissagen ..." Oder man sagt: Also der Text ist ein klarer Beleg, dass der nicht vor Davids Zeit geschrieben worden sein kann. Und Spinoza nimmt so Beispiele und sagt: Ich habe auch noch mehr hier. "Abraham verfolgte Leute bis nach Dan." (Genesis 14,14) Die kriegen ihr Gebiet ja erst nach der Landnahme. Da sind schon alle tot, die Mose überhaupt gekannt haben. Was soll das bei den Erzvätern? Und er bringt diese ganzen Beispiele und sagt: Es ist halt so. Wenn du vom Text ausgehst, können die fünf Bücher Mose gar nicht von Mose geschrieben worden sein.
Du brauchst da ganz kuriose Ideen. Und von wem ist es? Spinoza sagt: Ja, also, das weiß ich jetzt nicht. Wenn ich raten dürfte, ich würde auf Esra tippen. Esra. Der wird uns in der Bibel selbst beschrieben als großer Schriftgelehrter, der große Schriftgelehrte nach dem Exil. Also ich würde es dem Esra zutrauen. Es gibt da übrigens auch eine alte Überlieferung, Viertes Buch Esra. Das ist nicht nur apokryph, sondern apokryph-apokryph, also das zählt überhaupt keiner so richtig zur Heiligen Schrift. Aber da gibt es so eine interessante Kiste, so einen Bericht, wo es heißt: Nach dem Exil - alles war kaputt, die heiligen Schriften waren auch alle weg und die Juden weinten und sie hatten viel Grund -, da tat es Gott so leid, dass er den Esra ansprach und sagte: Ihr hattet einen Tempel, aber was ihr jetzt da baut, das wird nichts, ich sehe das schon. Aber die heiligen Schriften. Also ich weiß sie noch, ich könnte sie dir alle nochmal eingeben. Und Esra sagte: Das ist eine Idee, fangen wir an.
Und dann hätte Gott dem Esra die ganzen Bücher wieder eingegeben, Esra mitgeschrieben und am nächsten Morgen gesagt: "Hier Leute, super Neuigkeiten. Wir haben die Heilige Schrift wieder. Ich hatte eine fantastische Nacht mit Gott. Da ist sie." So steht es wirklich geschrieben, antike Schrift. Wirklich interessant. Aber ich bin kein Exeget, sollen die sich damit beschäftigen. Aber interessanterweise tippt Spinoza auf Esra. Die heutigen Bibelwissenschaften sagen: Also wir sind alle extrem bescheiden und skeptisch. Wir trauen uns kaum noch, irgendwie zu raten. Aber von der Zeit her keine schlechte Idee. - Und so geht Spinoza Dinge durch und er macht lauter Beobachtungen. Seine Ergebnisse haben die meisten Zeitgenossen gehasst. Seine Beobachtungen haben sie gequält. Wobei es nicht ganz einfach ist zu sagen: "Du Blödmann!" Da hätte er gesagt: "Du darfst mich kritisieren. Ist ein freies Land.
Das lieb ich. Kritisier mich, das beweist nur: Freies Land. Fantastisch. Nenn mir jetzt nochmal deine Gründe." Das ist so das Ding. Zur Schriftauslegung sagt Spinoza: "Die Hauptregel der Schriftinterpretation besteht darin, dass man der Schrift keine Lehre zuschreiben soll, die sich nicht mit völliger Deutlichkeit aus ihrer Geschichte ergibt. Entscheidend sind die Texte. Entscheidend sind die Beobachtungen, die man an den Texten gewinnt." Man darf nicht von vornherein vertreten: Alle biblischen Texte vertreten das Gleiche. Du musst Text für Text schauen. Du musst es dir angucken. Was ist dafür nötig? Du musst die Texte natürlich in ihren Sprachen kennenlernen. Geht jetzt nicht anders. Oder du kommst klar damit, dass du in irgendeiner Weise aus zweiter Hand die Dinge
in Übersetzung hast. Das ist auch super. Das ist für die meisten Leute völlig in Ordnung. Dann kannst du ein super Gläubiger sein. Wenn du aber mitfechten willst über die Bedeutung der Texte, bitte über die Texte im Original. Anders geht es gar nicht. Und er sagt dann: "Wir müssen die Natur und Eigentümlichkeit der Sprache erforschen. Wir müssen sehen, wie die Verfasser sie verwendet haben, welchen Sinn das hatte im gewöhnlichen Sprachgebrauch, welche Stilmittel und so weiter. Wir müssen den Sinn nicht unterstellen und schon mitbringen, sondern ihn aus jeder Schrift einzeln erheben. Drittens müssen wir eine Geschichte der Bibel entwickeln. Wir brauchen einen Überblick, wer wann was geschrieben hat, für wen in welcher Situation. Das heißt verstehen. Wir müssen schauen: Wer war das ungefähr? Lebenslauf, Charakter, womit waren die beschäftigt? Was waren ihre Fragen? Bei welcher Gelegenheit? Für welche Zeit?
Für welche Herausforderungen? Wir brauchen das Schicksal eines jeden Buches. Wie wurde es aufgenommen? Wie wurde es überliefert? Welche Lesarten liegen vor? Wir müssen das alles miteinander vergleichen. Wie wurde es kanonisiert? Von Anfang an oder später? Gab es da Diskussionen? All das hat eine Geschichte der Bibel zu enthalten." Klingt so wie ein Auftrag für die nächsten Jahrhunderte. Mehr oder weniger solche Sachen lernt man im Studium. Und Spinoza sagt: Ich weiß, da ist viel zu tun. Ich mache mir jetzt hier ein paar Gedanken. Ich habe eigentlich einen normalen Beruf. Ich bin froh, dass ich lebe; geliebt und gelobt seien die freie Niederlande. Aber in die Richtung muss es gehen. Das ist nötig. Er stellt sich dann auch eine Frage, die vielleicht auch schon umging: Ja, aber Moment mal, Spinoza. Ist dann nicht die Gefahr, dass im Grunde die Päpste ersetzt werden durch die Gelehrten? Wird das nicht zu einer Diktatur der Gelehrten, dass die allein erklären können, was die Bibel sagt?
Und Spinoza sagt: Das ist ein wichtiger Punkt. Das wollen wir nämlich nicht. Wir wollen keine Diktatur der Gelehrten. Und jetzt müssen wir so sagen: Bei dem, was ich vorschlage, ist es so: Jeder kann die Bibel verstehen. Es hängt nicht an einem Amt. Es hängt nicht an einer Berufung. Es hängt nicht an irgendeiner Begnadung von oben, die du durch Wunder beweist. Jeder kann die Bibel verstehen. Aber natürlich nicht an den Verständnisbedingungen vorbei, die die Texte selbst uns aufgeben. Und dazu gehört eben ihre geschichtliche Gestalt, wie sie ist. Die Sprachen lernen, die Geschichte studieren kann jeder, ist halt nur anstrengend. Spinoza ist ja witzigerweise auch Laie. Der hat schon ein bisschen studiert, aber so von Beruf ist der eigentlich Glasschleifer, der macht das in seiner Freizeit.
Und er sagt: Ja, jeder kann mitmachen, aber nicht jammern, wenn das Können Anstrengung erfordert. Und dann kann da jeder mitmachen. Oder man kann auch zufrieden sein und sagen: "Och, aus zweiter Hand ist es auch nicht so schlecht, wie man sagt. Geht ja auch." - So, was kommt denn in der Bibel heraus? Was ist das Ergebnis? Spinoza sagt, und das ist jetzt das Allerwichtigste, das ist das Ergebnis seines Buches, Folgendes: Gott. Gott ist. Gott ist ewig und überall. Das können wir in der Bibel lernen. Gott ist der Ewige, der zugleich voller Liebe und Gerechtigkeit ist. Das ist die Botschaft der Bibel. Gott ist Liebe. Gott fordert Gerechtigkeit. Gott ist für alle Menschen überall da.
Und was ist Glaube? Glaube ist, na ja, man kann schon sagen: Glaube ist Gehorsam. Glaube ist Gottesverehrung, so, dass ich diesem Gott entsprechend lebe. Glaube ist Gehorsam heißt, Glaube ist ein Leben in Liebe und Gerechtigkeit. Glaube ist Leben in der Nächstenliebe. Das ist das Entscheidende. Er beruft sich auf den Jakobusbrief. Er beruft sich auf Jesus. Er findet im Neuen Testament dafür seine entscheidenden Dinge (bei Paulus nicht so). Aber er sagt: Das ist das Ganze. Keiner von uns ist ohne Schuld. Alle Menschen sind Sünder. Aber weil Gott Liebe und Gerechtigkeit ist, klar, missfällt ihm vieles, aber seine Barmherzigkeit ist größer.
Gott verzeiht allen, die Schuld erkennen und bereuen. Und das ist die Religion. Das ist die ganze Religion. So, darum geht's: Lebe in der Liebe, diene deinem Nächsten, strebe nach Gerechtigkeit und verehre Gott in und über allem. Er kann auch sagen: "Und die Gottesverehrung, auf die Gott den größten Wert legt, ist die Nächstenliebe. Das ist Gott am wichtigsten. Darin zeigst du, dass du glaubst. Nicht darin, dass du anderen Druck machst oder sie bedrohst oder dass du mit Zwang Glauben forderst. Das ist alles Aberglauben." Das ist alles Käse. Das kannst du alles vergessen. Das ist die Botschaft der Bibel nach Spinoza. Dazu gehört bei ihm auch: Die Geschichten der Bibel sind hilfreich,
insofern sie Beispiele sind für ein solches Leben in Liebe und Gerechtigkeit. Es ist nicht der Sinn der Religion, Geschichten für wahr zu halten, die man nicht versteht oder die einem komisch vorkommen. Es gibt einen Wunderexkurs, wo er sagt: Viele tun so, als wäre Religion, lauter übernatürliche Dinge für wahr zu halten, die man völlig spooky findet. Man muss dabei wissen: Spinozas Frage ist nicht: Gab es Wunder in biblischer Zeit? Wenn Leute so fragen, ist das schon sehr modern. Also für Spinozas Jahrhundert ist die Frage nicht: Gab es Dämonen in biblischer Zeit? Also ständig brannten irgendwo Leute, weil "Pakt mit dem Teufel" oder so. Für ihn war die Grundfrage: Gibt's diese ganze Geister-, Dämonen-, Wunder- Welt jetzt und damals? Das ist eine Frage für ihn, denn ständig beriefen sich ja Leute auf Wunder und Visionen und Pakt mit dem
Teufel und "Möge sie brennen" und all diese ganzen Sachen. Und da vertritt Spinoza die knallharte These: Gott ist der Ursprung von allem. Er ist in allem und alles in ihm. (Er hat da sehr komplizierte Gedanken. Die lassen wir jetzt weg. Da kann man lange darüber streiten, wie man das tituliert.) Und Spinoza sagt: Die Weisheit Gottes drückt sich aus in den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt. Und Gott hat die Welt so geordnet, dass sie nach seinem Willen sich ereignet. Gott hat es nicht nötig, irgendwelche Ad-hoc-Reparaturen vorzunehmen bei Dingen, die ihm gerade mal missfallen.
Also Spinoza sagt: Wir brauchen keinen Gott, der mit Wundern dazwischenkommt, weil ansonsten das Ganze entgleist. Eine Maschine funktioniert, eine gute Uhr, die läuft. Wenn du sagst: "Ich habe eine Uhr, die funktioniert auch. Ich muss siebenmal am Tag dem Zeiger auf die Sprünge helfen, sonst läuft die super" - da hätte man das Gefühl: Der Uhrmacher, wo du warst, das ist kein Geheimtipp, der ist irgendwie nicht gut. Und sich jetzt vorzustellen, dass Gott eine Welt hat, die funktioniert wie eine Uhr, die ständig per Hand nachgestellt werden muss, weil er sonst unzufrieden ist mit der Zeitansage - da hätte er Fehler gemacht. - Also das ist Spinozas Sicht: Die Welt läuft nach dem Willen Gottes. Wunder gibt es nicht in der Wirklichkeit und dem Handeln Gottes. Wunder sind Ereignisse, die Menschen nicht verstehen und die ihnen wunderbar sind. Damals wie heute. So sieht er das für seine Zeit ganz klar.
Und da ist es auch sein Anliegen. Das Ganze mit Hexen und Zauberern und Visionen, da würde er sagen: "Nein. Wir fangen an, langsam die Augen aufzumachen und die Welt zu verstehen. Darauf sollten wir uns konzentrieren." Er überträgt das auch auf biblische Zeit und sagt: "Gott ist der Eine, Ewige und Selbe. Und wenn heute diese ganzen Zaubergeschichten mir komisch vorkommen, war es wohl immer so. Die Bibel gibt hier nichts auf, um es für wahr zu halten. Es gibt eine Botschaft der Bibel: Lebe in Entsprechung zum gerechten und liebenden Gott." Punkt. Das ist die ganze Geschichte. Das war das Buch, und am Ende rühmt er nochmal den freien Staat und sagt: "Im Grunde gehört es zusammen: der freie Glaube, die freie Frömmigkeit, die freien Bürger und die freie Meinungsäußerung.
Seien wir froh und dankbar. Glaube, der erzwungen wird, ist immer schon vergiftet. So verehren wir Gott und dienen ihm in Freiheit und Nächstenliebe. Alles andere bringt uns nur um." Ja, wie ging es dann weiter? Wurde er eingeladen zu vielen Talkshows, gab es Rezensionen? Haben die Leute gesagt: "Das sind radikale Gedanken, aber interessant, wir können über alles reden"? Nein, alles nicht. Klar. Cancel Culture. Hieß nicht so, aber hieß damals noch normal. Wurde verboten, wurde unterdrückt, wurde kassiert, erschien anonym und so. Schluss, aus, vorbei. Er musste sehr stille sein. Er hatte noch ein Buch in der Mache: Ethik. Alles sehr wichtig. Er hat gar nicht mehr daran gedacht, das groß zu veröffentlichen und so. War ja alles schwierig. Die Bücher wurden verbreitet, Schwarzdruck in anderen Städten und Ländern. Man konnte das nicht mehr so ganz einkassieren. Im Grunde gerät er teilweise in Vergessenheit,
denn in seiner Welt war er echt ein bisschen extrem. Da hatte echt keiner Neigung, als er stirbt. Johann Sebastian Bach ist noch nicht mal geboren und so. Wirklich andere Zeit, andere Welt und so. Im Grunde 100 Jahre später wird er so richtig entdeckt, schlägt er richtig ein. Ende des 18. Jahrhunderts, also über 100 Jahre nach seinem Tod, da wird Spinoza einer der meistgelesenen und gefeiertsten Denker. Er hat dann auch einen sehr erlesenen Fanclub. Zu seinen Fans gehören Leute wie Lessing oder Goethe. Lessing hat es nur mal so in einem Gespräch angedeutet, dass das das Geilste überhaupt sei. Goethe hat dann schon gedacht: Ich bin Goethe, wenn ich mir nichts gönnen kann, wer dann? Der hat sich das dann gegönnt, mal Dinge zu sagen. Als Goethe kommst du auf keinen Scheiterhaufen mehr oder so.
Da ist man in Weimar dankbar. Man lässt ihn halt frei drehen. Das ist Goethe, da kannst du nichts machen. Mit der Zeit, so nach und nach, entdecken ihn Leute wie Nietzsche. Nietzsche hatte ja eine Hochbegabung darin, auf andere herabzublicken. Er hatte meistens auch Grund dazu. Aber Spinoza ist einer der ganz Wenigen, von denen Nietzsche sagte: Das ist jetzt schon groß, das ist echt super. Und auch Einstein. Und das Witzige ist jetzt, wenn man allein jetzt mal die drei nimmt, Einstein, Nietzsche und Goethe: Die liebten alle Spinoza, alle drei aus völlig gegensätzlichen Gründen oder unterschiedlichen Gründen. Denn die paar Sachen, die Spinoza geschrieben hat, waren zum Weltverständnis, zum Menschenbild, zur Anthropologie so ihrer Zeit voraus, dass er in der Folgezeit schon eine große, große Nummer wird. Es kam in meinem Vortrag alles gar nicht raus, warum. Dazu müsste man jetzt andere Vorträge machen, worauf die sich stützen.
Wir haben uns jetzt einfach mal auf dies Buch hier gestützt und damit auf seine Anfänge historisch-kritischer Bibelwissenschaft. Ich möchte an der Stelle jetzt nochmal zusammenfassen. Historisch-kritisch, was meine ich damit? Was bei ihm neu ist, ist dieser methodische Anspruch. Also er sammelt nicht hier eine Beobachtung, da eine Kritik, da einen Punkt und hier. Er sagt: Methodisch, grundsätzlich fange ich das an. Methodenbewusstsein, René Descartes. So muss die Bibel ausgelegt werden. Zweitens: historisches Bewusstsein. Die Texte legen wir aus nach ihrer Situation, nach ihrer Zeit, nach den Umständen, nach den Herausforderungen. So machen wir das. Kritische Haltung, unterscheidend gegenüber der Überlieferung, gegenüber auch Inhalten. Alles steht zur Prüfung. Alles muss gesagt werden können. Kritik auch an den Texten ist nicht tabu. Es gibt noch einen Unterschied zu dem, was später als historisch-kritisch bezeichnet wird. Spinoza denkt am Ende relativ wenig historisch.
Wenn man jetzt hier so sitzt und sich fragt: Möchte ich Spinozist werden? Man kann ja auf die Idee kommen. Das klang jetzt erst mal schlank und griffig. Das liegt daran, dass ich schlimm vereinfacht habe. Es wird schwieriger, wenn man da einsteigt, richtig Spinozist zu werden. Da müsste man sich noch ein bisschen weiter hochschrauben. Aber man wird auch merken: Das, was er am Ende wesentlich findet, ist eine sehr zeitlose, ewige, absolute Wahrheit. Das ist relativ. Es ist ungeschichtlich. Und er hat das auch noch gar nicht so auf dem Schirm. Kommende Jahrhunderte entdecken viel stärker, geschichtliche Wahrheit zu würdigen. Bei ihm bedeutet im Grunde geschichtlich: Das, was wir sehen, ist zeitbedingt, und da bleibt es dann auch. Im Grunde nimmt er schon so einen Kern raus und der ist es dann. Er hat eine zeitlose Wahrheit.
Da, wo es wahr ist, ist keine Zeit mehr. Und die nächsten Jahrhunderte werden sagen: "Das ist auch eine Flucht in eine illusorische, zeitlose Welt. Die Welt ist durch und durch geschichtlich. Auch deine Gedanken, Spinoza." Das ist hier aber noch nicht; das dauert noch, dass man dahin kommt, dass alles geschichtlich ist. - Das war Spinoza. Das war ein Einstieg. Heute keine weitere Auflösung, keine Einordnung, keine Warnung, keine Anpreisung. So war er - ungefähr. So war es - ungefähr, in vereinfachter Version. Morgen geht's weiter im 18. Jahrhundert. Vielen Dank.
Baruch de Spinoza – Bibelkritik in der Neuzeit | 11.12.1
Seit Jahrhunderten wird die Bibel ausgelegt, interpretiert und erklärt. Aber kritisiert? Das wird sie noch nicht lange. Und die Bibelkritik wird ihrerseits kritisiert.
Ihr stellt Menschenwort über Gotteswort! rufen die Kritiker der Bibelkritik.
Ihr seid antimoderne Fundamentalisten! kritisieren die Bibelkritiker.
Thorsten Dietz lässt beide Positionen aufeinanderprallen. In diesem siebten Vortrag der Worthaus-Serie »Geschichte der Bibelauslegung« legt er die Grundlage für das Verständnis der historisch-kritischen Methode. Er erklärt, wie im Humanismus erste kritische Arbeiten entstanden, wie die Reformation die historisch-kritische Methode vorantrieb und nun auch die Katholiken der Heiligen Schrift auf den Grund gehen wollten. Und er erzählt, wie ausgerechnet ein jüdischer Brillenglasschleifer quasi als Hobby die Grundlage für die historisch-kritische Methode legte und die Botschaft der Bibel auf drei Punkte zusammenfasste.