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Die Bibelkritik in der Aufklärung, herumgebaut um Gotthold Ephraim Lessing, das erwartet uns heute. Das klingt speziell. Ja, ich habe schon vor, eine zentrale Weichenstellung zu beschreiben. Das ist in der Tat der Plan heute. Ich möchte uns führen zum zentralen Kreisverkehr der theologischen Entwicklung in der Neuzeit, in der Aufklärungszeit, und möchte die Weichenstellungen skizzieren, die uns bis heute betreffen. Insofern ist das der Schlüsselvortrag in diesen Tagen hier heute. Ich kann nichts garantieren, wann ich fertig bin. Ich versuche es zum Mittagessen ... Es wird uns schon ein wenig beanspruchen. Es wird uns schon ein wenig fordern.

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Ich habe drei Sachen vor. Ich möchte zunächst mal ein paar Einordnungen machen zum Thema Geschichtsverständnis: Geschichte als Großbegriff im 18. Jahrhundert - was ist das eigentlich? Ich möchte mich zweitens dann beschäftigen mit dem sogenannten Fragmentenstreit. Wir werden sehen, dass Lessing da die Hauptrolle spielt dadurch, dass er ein bisschen unschuldig vor sich hin zündelt und die ganze große Geistigkeit und Geistlichkeit seines Jahrhunderts sich verzofft in den 1770er Jahren. Dann werde ich von da aus Linien ziehen für die nächste Generation, wie sie von Lessing aus weiter gedacht hat, aber andeuten, dass man das bis heute ausziehen kann. Dabei ist auch immer klar, dass jede Darstellung von Geschichte vereinfacht, reduziert, schematisiert. Sie ist natürlich nie identisch

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mit der Wirklichkeit, sondern immer eine drastische Vereinfachung. Das zu wissen, gehört schon zum geschichtlichen Bewusstsein dieses Jahrhunderts. Aber natürlich habe ich den Anspruch dabei, dass ich ein bisschen weiß, was ich tue. Ich behaupte, dass meine vereinfachte Version schon auch einfach mal eine komplexere Perspektive auf die Entwicklung zur Verfügung stellt, als man sie so um die Ecke oder auf der Straße in der Regel kriegt. Das ist der Anspruch heute. Daran könnt ihr mich dann messen. So, erstes Ziel: Geschichtsverständnis in der Aufklärung. Der Begriff Geschichte entwickelt sich im 18. Jahrhundert.

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Das ist eine Erkenntnis des 20. Jahrhunderts, dass es wirklich ein Großbegriff ist, der damals neu ist, dass man von Geschichte spricht, von Universalgeschichte, dass man anfängt, Geschichte ernsthaft als Wissenschaft zu betreiben mit einem neuen, gesteigerten wissenschaftlichen Anspruch und dass diese Verwissenschaftlichung der Geschichtsforschung auch sehr prägend wird, prägend wird für das 18. Jahrhundert und seither für die Menschheit. Man kann immer erst sagen: Erst im Westen, erst in Europa. Aber gut, der Westen reicht auch von Kanada bis Australien. Und das sickert jetzt schon durch. Das sickert schon ein in alle Kontinente. Da gibt es eine gewisse Pluralität und Vielfalt. Aber letztlich, diese Historisierung der Weltbetrachtung, dieses Bewusstsein, Welt hat Geschichte,

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Menschheit ist ein geschichtliches Phänomen - all das kommt im 18. Jahrhundert zu einer ersten Blüte und Entfaltung. Dabei ist es jetzt so, dass man im 18. Jahrhundert also ganz klar sagen kann: Hier und da und dort und so findet das statt. Vieles kommt dann so richtig erst im 19. Jahrhundert zur Ausprägung. Und dass man da frei und flüssig darüber redet, ist dann 20. Jahrhundert. Aber das ist oft so. Auch das machen wir jetzt ein bisschen einfacher. Wir reden jetzt mal vom modernen, aufgeklärten Geschichtsverständnis seit dem 18. Jahrhundert. Und dafür möchte ich nun als grobes Schema Folgendes einführen. Es ist nicht so, dass im 18. Jahrhundert überhaupt erstmals Geschichtsbewusstsein im engeren und näheren Sinne entsteht.

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Das wäre eine grobe Vereinfachung. Das hat man sich hier und da so vereinfacht vorgestellt, dass man sagte: Im 18. Jahrhundert ist geschichtliches Bewusstsein entstanden. Davor die Menschen waren wie Kinder. Die wussten nichts. Die hatten kein Gefühl für Faktum und Fiktion. Die lebten in den Tag hinein. Die wussten überhaupt nicht, sich Rechenschaft zu geben von früheren Kulturen und Entwicklungen. So ist es nicht. Das wäre jetzt vereinfacht. Es gibt bereits in der Antike so etwas wie ein Geschichtsverständnis. Und hier schlage ich jetzt mal folgendes vereinfachtes Schema vor. Man kann sprechen von einem ersten geschichtlichen Bewusstsein in der Antike. Man kann ein bisschen näher sagen: ein geschichtliches Bewusstsein ab der Achsenzeit, also ungefähr ab dem fünften Jahrhundert vor Christus.

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Da entsteht ein erstes geschichtliches Bewusstsein, was sich in historischen Werken niederschlägt bei griechischen Autoren wie Herodot und Thukydides. Und diese Kultur der Geschichtsschreibung hat nicht mehr aufgehört seither. Und man kann auch etwa in der Zeit des Neuen Testament sagen, dass es das im Judentum gibt. Flavius Josephus schreibt eine Geschichte des Jüdischen Kriegs - mega eindrücklich. Und Lukas zum Beispiel, der hat da Sachen mitgekriegt, der hat da ein klares Bewusstsein von Geschichte und er gibt sich Mühe und er sammelt und er hört. Das gibt es in der Antike. Und das nenne ich jetzt einfach mal geschichtliches Bewusstsein. Und damit ist auch klar: Davor haben ja auch Menschen gelebt, egal, nach welcher Weltanschauung - davor gab es auch schon Menschen. Und das nennen wir jetzt mal vorgeschichtliches Bewusstsein. Und das möchte ich dann unterscheiden vom Ding des 18. Jahrhunderts.

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Das nenne ich jetzt kritisches Geschichtsbewusstsein. Das ist total vergröbernd, aber schon komplizierter, als man vielleicht vorher dachte. Also vorgeschichtliches Bewusstsein, geschichtliches Bewusstsein, kritisches Geschichtsbewusstsein. Ich möchte ansatzweise mit ein paar Strichen deutlich machen, wo da die Unterschiede sind. Das Interessante ist: Die Unterscheidung vorgeschichtliches Bewusstsein und geschichtliches Bewusstsein kann man in der Bibel nachvollziehen. Wir finden in der Bibel beides. Einfach mal ein paar Unterschiede: Im vorgeschichtlichen Bewusstsein gibt es in der Regel keine Autoren. Da gibt es keine Autoren-Literatur, wo jemand sagt: Ich bin der Soundso, ich lebe zu der und der Zeit. Ich schreibe das jetzt. Ihr könnt euch auch bei mir beschweren, wenn was ist oder so.

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Das ist davor nicht so das Ding, einfach kein Thema. Sondern es wird erzählt. Es wird beschrieben. Es wird berichtet. Es wird gedichtet. Wir sehen das ab Herodot, Thukyidides. Nehmen wir die beiden, Herodot als Anfang und Thukyidides als erste Blüte Anfang, Ende des fünften Jahrhunderts vor Christus. Da ist das völlig klar. Da haben die Leute Namen, und die sagen, wo sie herkommen und wo sie stehen, und beziehen sich dann so auf Geschichten und fangen da an, was zu erzählen. Und was bei denen auch ist, das ist ein Riesenthema: Die Unterscheidung - bei dem, was sie erzählen - zwischen "Stimmt es?", "Ist es Faktum" oder "Ist es Fiktion?" Das ist für die völlig klar, die unterscheiden. Die unterscheiden auch zwischen "ist sicher" und "vielleicht, mutmaßlich".

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Und das sind Sachen, die in diesen Texten klar und deutlich benannt werden. Da sagen die: "Das und das habe ich erfahren und das sagen alle, und ich habe mich auch umgehört und das ist sicher." Und dann sagen die: "Das und das habe ich gehört, aber ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Vielleicht stimmt das gar nicht. Ich habe andere gefragt, die wussten es nicht so. Lassen wir mal so stehen." Solche Sachen sind typisch für das geschichtliche Bewusstsein in der Antike. Im vorgeschichtlichen Bewusstsein finden solche Fragen nicht statt. Da wird einfach so erzählt. Also davor waren es Menschen, völlig klar. Also vor 500 vor Christus haben echte Menschen gelebt. Die erzählen auch, was andere Menschen machen, und da hat man manchmal schon das Gefühl: Das wird so gewesen sein. Und dann geht es weiter. Man blättert um. Und auf einmal spricht da ein Esel oder so. Das finden die aber auch jetzt nicht schlimm oder so.

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Dann geht es anders weiter, und es ist kein Thema, darüber nachzudenken. Die hätten ja sagen können: "Und dann sprach der Esel - lieber Leser, das wird dich jetzt wundern, denn ich weiß es, du weißt es: Esel sprechen nicht. Aber in dieser besonderen Situation hat er gesprochen. Also es gibt dafür Zeugen, und Gott der Herr hat hier persönlich ein Wunder getan, und das habe ich jetzt nicht erfunden, auch wenn es so klingt, als hätte ich es erfunden. Sondern das wird glasklar von mehreren so erzählt." Das wäre dann schon geschichtliches Bewusstsein. Da wird man nicht einfach so erzählen und so tun, als wäre nix oder so, und das ist ein Unterschied. Den kann man sehen. Ist das überhaupt ein Thema, Faktizität oder Fiktionalität? Ist es sicher und breit bezeugt? Oder ist es so eine Einzelstimme oder mutmaßlich oder vielleicht? Zum geschichtlichen Bewusstsein gehört: Das wird thematisiert. Und dann gehört zum geschichtlichen Bewusstsein:

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Man benennt Quellen oder Zeugen. Und das ist ja etwas, was auch im Alten Testament bereits zu finden ist, also die großen Geschichtswerke nach dem Exil machen ja so Sachen. Die erzählen was, und dann heißt es: So steht es übrigens geschrieben in der Chronik der Könige von Juda. Oder: So steht es auch ausführlich in der Chronik der Könige von Salomo oder von Israel oder sonst wie. Also das wird benannt. Es werden Quellen benannt. Nehmt Lukas, der ganz am Anfang sagt: "Ich habe mich da umgehört und habe befragt und ich wollte euch den sicheren Grund der Lehre geben, damit ihr wisst, worin ihr unterrichtet seid. Und ich habe die gefragt, die von Anfang an dabei sind und die Zeugen des Wortes sind von Anfang an - also Augenzeugen. Sie waren faktisch dabei. Sie sind aber auch innerlich dabei,

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sie sind im Glauben dabei, von denen habe ich mehrere gefragt und habe geguckt, was es bisher so gibt." Das ist im Lukasevangelium so ein Zeichen. Der weiß: Das machen andere so, das ist das Vorgehen. So macht man das auch. Das macht Flavius Josephus ähnlich, der sagt auch: "Das habe ich selbst gesehen. Da war ich dabei. Oder: Das und das habe ich gehört von mehreren. Da habe ich mich erkundigt. So ist es gewesen. Dazu könnt ihr alle fragen." Im vorgeschichtlichen Bewusstsein macht Spannung und Widersprüche nichts. Man erzählt einfach weiter. Erst hüh, dann hott, und man denkt: Ja, wie denn nun? Versucht mal rauszukriegen, wie Saul wirklich gestorben ist. Es ist nicht so einfach ehrlich gesagt, und ab einem bestimmten Punkt würden Leute das Gefühl haben: Hier steht es so, da steht es so - wie war es denn jetzt? Es gibt eine Literatur, die erzählt einfach hintereinander weg, was so irgendwie da ist.

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Man weiß nicht, woher das kommt, und wenn das nicht zusammenpasst - nichts merken lassen, einfach weitererzählen. Es ist für uns sehr schwer zu entscheiden, ob die das selbst nicht merken oder ob die einfach sagen: Ich habe hier heilige Überlieferungen, die stelle ich jetzt da einfach hintereinander hin. Egal, den Rest klärt der Heilige Geist irgendwie. Selbst das ist für uns nicht so ganz einfach zu sagen. Aber man stellt einfach Dinge hintereinander. Man kann auch in der Bibel ganz am Anfang anfangen und die ersten zwei Seiten gründlich lesen und dann mal drüber nachdenken. Das kann man auch probieren. Ds ist auch so ein Ding. Da kommt auch nicht irgendwie der Moderator und sagt: Lieber Leser, wahrscheinlich bist du über Probleme gestolpert. Das ist mir sehr bewusst und ich ... Nein, das macht da keiner. Nein, das wird einfach erzählt, sieh doch zu und der Heilige Geist möge dir helfen.

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Das ist dann kein Thema. - Perspektivenvielfalt. Im geschichtlichen Bewusstsein wird schon ansatzweise gefragt: Wie sieht das aus dieser Richtung aus oder aus der? Also Herodot erzählt aus griechischer Sicht. Und er fragt sich dann, wie das die Perser vielleicht gesehen haben. Er versucht auch, was rauszukriegen. Er hat da schon ein Bewusstsein für verschiedene Zeugnisse. Aber das ist kein Thema für die Alten. Es wird einfach erzählt. Es wird beschrieben. Es wird eingeordnet. Ob es da eine andere Perspektive gibt - egal. Vorgeschichtliches Bewusstsein bei Erzählern: Im Roman des 19. Jahrhunderts kennt man das besonders schön: der allwissende Erzähler. Der kann alles, der kann erzählen, wie das alles so ist. Nehmt Tolstoi, Krieg und Frieden. Bei Bedarf wird rangezoomt an Napoleon, wie er Schnütchen zieht, als Moskau brennt oder was weiß ich, und er weiß alles.

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Er kann in jeden Herzenswinkel schauen. Er sieht die Universalgeschichte. Er weiß, was kommt und wird. Man fühlt sich in guten Händen. Das ist super. Alte Erzählkultur ist so ein bisschen: Dem Erzähler brennt nichts an. Der Erzähler weiß sogar, was Gott immer so gemacht hat. Das ist einfach klar. Das wird erzählt und es wird nicht irgendwie gesagt: Und die Menschen fragten sich lange, was Gott damit zu tun hat, bis irgendjemand die glorreiche Idee hatte oder auch eine Vision oder einen Traum, dass Gott das alles so gefügt hat mit Josefs Brüdern und so und dass alles so rauskam, dass ein großes Volk gerettet wurde. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber es wurde mir so gesagt ... Nein, es wird einfach so erzählt: So hat es Gott gemacht. Alles passt. So, und diesen Unterschied kann man in der Bibel schlicht feststellen. Es gibt Geschichten, die sind allwissend, da gibt es keinen Autor, da gibt es keine Differenz von Faktizität und Fiktionalität,

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kein Bewusstsein für Spannungen, keine Perspektive. Und es gibt bereits Texte, die nennen Quellen, die sortieren, die ordnen, die geben da auch Rechenschaft. Die haben sich da bemüht. - Man muss an der Stelle aufpassen. Das ist jetzt natürlich sehr schematisch. Es ist jetzt nicht so, dass man sagen kann: Bis 500 vor Christus - die Menschen lebten herrlich und in Freuden und haben auch immer alles geglaubt. Und dann kam irgendwie Klimawandel. Man weiß es nicht, auf einmal hatten die Leute so eine Wucherung in der Großhirnrinde, da wuchs ihnen historisches Bewusstsein. Alle hatten das. Super. Das ist nicht so. Es ist nicht so, dass jeder Bengel auf den Straßen von Athen ein kleiner Thukydides war. Ist nicht so. Es sind noch lange, lange, lange in der Antike Geschichtenerzähler unterwegs, die schon auch mit Seemannsgarn ganz gut ein intimes Verhältnis haben,

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auch frühchristliche Literatur oder jüdische Erzählungen dieser Zeit. Man könnte jetzt bis auf Apokryphen zu sprechen kommen. Also nehmt Bücher wie Judith oder Tobit. Einfach mal genau angucken - das passt nicht so ganz. Also da kannst du nicht sagen: Ist das hier morgenländische Fantasie oder ist es Thukydides' Geschichtsbewusstsein? Das ist so ein Mischgewebe. Das ist sehr interessant. Und das ist weit verbreitet, also diese Formen zwischen "von antikem geschichtlichem Bewusstsein halbwegs methodisch geschult" und "davon noch gar keinen Plan". Das mischt sich. Und ich würde jetzt schon für Lukas behaupten, dass er eine Prägung hat von griechischer Intellektualität und Kultur und dass er ein entwickeltes geschichtliches Bewusstsein vorhält und das auch in Anspruch nimmt für sich.

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Man sollte jetzt aber nicht so tun, als wäre jede neutestamentliche Schrift genauso verfasst. Das wäre nicht angemessen. Es gilt auch nicht für jeden jüdischen Text. Man kann auch nicht sagen bei Flavius Josephus: Das ist so ein Spitzenhistoriker, also das sind die alle eigentlich. Das ist nicht so, es ist wirklich kompliziert. Es gibt viel zu tun für Leute, die sich damit näher beschäftigen. Und jetzt möchte ich einfach mal deutlich machen: Was unterscheidet das, was in der Antike möglich war, von dem, was im 18. Jahrhundert durchbricht? Also im 18. Jahrhundert kommen jetzt nicht Dinge zustande wie, dass die Menschen überhaupt merken: Zwischen Faktizität und Fiktionalität gibt es Unterschiede. Das jetzt nicht. Also nehmen wir einen Petrusbrief.

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Es heißt: "Wir sind nicht Fabeln, wir sind nicht Mythen gefolgt, sondern berichten, was wir gehört und gesehen haben." Es gibt im Neuen Testament die Unterscheidung von μυθοι (mythoi), Erzählungen, Märchen irgendwie, und geschehen, gesehen, bezeugt. Das ist da, das kann man in der Zeit schon finden. Was ist im 18. Jahrhundert neu? Das eine ist: Das quellenkritische Bewusstsein wird immer stärker. Hier kann man reden von einer quantitativen Steigerung, die aber schon auch den gesamten Umgang damit übersteigt. Also nehmen wir Lukas hier nochmal als Beispiel. Lukas sagt: Ich habe mir alle Quellen angeguckt oder verschiedene. Ich habe Zeugen gehört und gesehen und so, und dann erzählt er los.

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So und dann fängt er nicht an, genau zu sagen: Ich habe da zum Beispiel ein Evangelium gehabt, das war von einem Markus. Und das ist schon super, aber ich habe da auch andere Sachen zugesteckt bekommen. Und ich habe dann je nachdem ... Und ich zitier dann immer glasklar und so. Das macht er gar nicht, macht er nicht. Und die moderne Evangelien-Wissenschaft ist sich schon ziemlich sicher, dass der Lukas da auch Sachen in der Hand hatte. Aber der Lukas lässt uns das nicht wissen. Er sagt nur pauschal, grundsätzlich: Ja, ich habe Quellen gehabt. Das geht heute nicht mehr. Also ich mache es ja hier teilweise auch - es ist ein allgemein verständlicher Vortrag, da macht man das noch so. Aber normalerweise macht man das in einem komatisierenden Stil, indem man Quellen zitiert. Das wird heute verlangt. Das wird sogar von Politikern verlangt heutzutage. Schlimm, echt schlimm ...

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Aber es wird verlangt. Es wird verlangt, dass, wenn du dir irgendwo eine Idee nimmst, du dann sagst: Das habe ich da und da her. Angabe. Und ich zitiere von hier bis da. Und ich mache da nicht so ein Geschlängel, dass ich so ein Zitat nehme und die nächsten drei Sätze sind aber auch quasi geklaut, nur dass ich die Wortreihenfolge im Satz verändere oder so. Das wird ja in der Proseminar-Arbeit böse angestrichen. Also es wird sehr klar erwartet, dass du mit Quellen einen absolut durchsichtigen Umgang hast: Da habe ich die Gedanken her, das und das zitiere ich wörtlich. Das paraphrasiere ich. Wenn ich ganz vornehm bin, mache ich das noch durch den Konjunktiv deutlich. Und ich mache auch ganz klar, wo ich einer Sicht, einer Quelle, einer Perspektive folge und wo ich mich dazu ins Verhältnis setze und wo ich was anderes dann darauf beziehe. Und ich mache auch glasklar, wo ich Quellen habe, die Augenzeugen sind, die beteiligt sind, die Teil des Feldes sind, und wo ich mich auf jemand beziehe, der wie ich nicht Zeuge ersten Ranges ist,

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sondern irgendwie zweiten, dritten Ranges, der sich dazu verhält, der das diskutiert. So, das ist etwas, was ab dem 18. Jahrhundert und dem 19. Jahrhundert so richtig wichtig wird. Quellenkritisches Bewusstsein: Wir unterscheiden zwischen Zeugen, zwischen Beteiligten, zwischen erstrangigen Daten und eben Reflexionen, Sekundärquellen - und jeweils machen wir einen Riesenkult: Was ist eigener Gedankenstrom, was ist fremder Gedankenstrom, wie verhält sich das zueinander? Das macht keiner in der Antike so. Die zitieren auch mal, das wird mehr, aber immer auch so ein bisschen nach Gutsherren-Art. Da kann man lustige Beobachtungen machen. Aber das ist auch nicht deren Ding. Was sollen die denn irgendwas zitieren, was sie haben, wo sowieso keiner sagt: Jetzt gehe ich sofort mal auf Google Books und check das oder so?

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Das ist ja klar, dass das nicht die Situation ist. - Zweite Differenz: Es entsteht allmählich so etwas wie eine interdisziplinarische Forschung. Antikes Geschichtsbewusstsein basiert letztlich auf Berichten und Zeugnissen von anderen. Es geht sehr, sehr stark um mündlich-schriftliche Berichte und Zeugnisse über Vergangenes. Das ist heute auch noch sehr wichtig. Aber wir fangen an, in der Erde rumzubuddeln. Wir graben Dinge aus. Wir gucken da richtig rein und versuchen, da so ein Gefühl zu kriegen: Was sagen denn die Realien? Wir machen wilde Dinge. Wir machen so Teildisziplinen wie Numismatik. Wir untersuchen Münzen.

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Wir gucken, wie weit die verbreitet sind. Wir machen Keramikforschung. Wir schauen uns das an, wie das alles so aussieht in welcher Zeit. Wir versuchen, da Entwicklungslinien zu finden. Wir versuchen, Ausgrabungen in irgendeiner Weise damit zu datieren. Wir versuchen, anhand der Sachüberlieferung einen geschichtlichen Ablauf zu erstellen. Dafür machen wir Geo-Historie. Wir schauen uns das klimatisch an. Wir gucken uns die Bodenbeschaffenheit an. Wir versuchen, ungefähr zu gucken: Wie tief ist das in der Erde? Wo liegt das? Was ist da gewesen? Was haben wir für Veränderungen auch des Küstenverlaufs oder was für Überschwemmungen oder was sonst noch müssen wir da einpreisen? Und aus dieser Betrachtung - nicht der Textüberlieferung, sondern der realgeschichtlichen Hinterlassenschaften auf den Müllbergen - versuchen wir zu gucken, wie ist das, und machen daraus eine zeitliche Einteilung von Epochen und Schichten.

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Das sind zum Beispiel Dinge, die die alttestamentliche Geschichtswissenschaft radikal revolutioniert haben. Das haben die im 18. Jahrhundert noch längst nicht fertig. Das ist 19. und 20. Jahrhundert und so weiter, dass das immer fixer wird. Aber so grundsätzlich die Idee zu sagen: Wir gucken auf die Kunstgeschichte, wir gucken auf die Baugeschichte, wir versuchen, die Epochen klarzukriegen - das ist 18. Jahrhundert. Und das eröffnet natürlich nochmal ganz neue Möglichkeiten. - Dritter Punkt: Multiperspektivität. Früher dachte man: Geschichte ist Geschichte. Man zieht das irgendwie durch. Wir machen heute wilde Dinge. Wir machen nicht nur Ereignisgeschichte. Wir fragen zum Beispiel auch sozialgeschichtlich. Uns fiel zum Beispiel auf irgendwann: Geschichte war die Geschichte großer Männer. Und man hatte so die dunkle Erinnerung: Wahrscheinlich waren damals Männer und Frauen auch 50:50.

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Schade, dass wir von denen nichts hören. Ja, aber da kannst du nichts machen - das sind die Quellen ... Es ist alles eine Männergeschichte. Frauen - ja, die werden da Applaus, Applaus gemacht haben, wenn große Männer tolle Kriege gewonnen haben. Irgendwann fand man das so asozial, wie es klingt. Man hat sich geweigert, das normal zu finden, und hat dann tatsächlich geguckt und gesagt: Wir müssen einfach mal Sozialgeschichte schauen. Wir haben die gelebt? Wie haben die Armen gelebt, die nie eine Stimme kriegen? Wie haben fremde Sklaven, Unterdrückte gelebt? Wie haben Frauen Geschichte betrieben? Wir betreiben sie. Wir versuchen rauszukriegen: Was war deren Lebenswelt? Wer hat sie davon abgehalten, zu sprechen und zu schreiben und mal irgendwo aufzutreten? Und wir gucken in die Quellen und schauen in Überlieferungen und finden da immer neue Dinge. Und diese Sachen - Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Kulturgeschichte, Kunstgeschichte - all diese Dinge machen wir heute multiperspektivisch. Wir machen dann auch weitere Dinge wie Rezeptionsgeschichte, wie Ideengeschichte.

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Also wir stellen immer neue Filter ein, konzentrieren uns, fokussieren uns auf immer neue Sachverhalte. In der Antike - ja, irgendwas wird man immer finden, wenn man möchte, im Großen und Ganzen ist es aber kein Thema. Diese Multiperspektivität ist modern. Was auch wächst, ist das Bewusstsein für die Konstruktivität von Geschichtsbildern. Also diese schlichte Einsicht: Geschichtswissenschaft ist nicht sehen und zeigen, wie es war, sondern Geschichtswissenschaft ist Rekonstruktionsleistung, ist der Versuch, mit den Zeugnissen der Vergangenheit ein Bild zu erstellen im Bewusstsein, dass es ein Bild ist, das wir erstellen. Auch das dauert lange. Auch im 19. Jahrhundert gibt es noch Leute, die sagen: Geschichte ist sagen, wie es wirklich war.

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Und dann kann man darüber diskutieren: Ist es der Anspruch eines kritischen Realismus, also nicht auf Vorurteile oder Täuschung oder sonst wie reinzufallen, sondern wirklich sich zurückzunehmen, sein Eigeninteresse auszuschalten und nach der Wahrheit zu fragen? Aber immer stärker wird auch das Bewusstsein: Es ist sicher gut, eigene Vorurteile und Interessen zu durchschauen und nicht zum Zuge kommen zu lassen. Aber auch die beste Darstellung am Ende wird eine Darstellung sein, die wir erstellen, und sie ist immer vorläufig und sie ist immer befragbar, überholbar, korrigierbar. Es wird nie identisch mit Realität oder so. Also es ist nie eine ganz glasklare Fensterscheibe, durch die wir hindurchschauen auf die Welt, wie sie ist.

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Es ist immer perspektivisch. Es ist immer auch abhängig von dem, was an Überlieferung da ist. - Ein weiterer Punkt: Diskursivität. Wir heute sind nicht mehr so drauf, dass man so "den Historiker" hochhält. Es ist noch so ein bisschen 19. Jahrhundert, wo man so Ranke, Mommsen, so große Männer hochhält. Na ja, in der Geschichte wird es langsam schwierig. Man entdeckt überall so Probleme bei den Leuten - aber große Historiker, große Historiker, Alleserklärer, fantastisch ... Ein bisschen Kult ist immer noch da, ist ja auch nicht schlecht. Aber im Grunde weiß man heutzutage: Es ist ein Prozess und alle mittendrin sind Rädchen im Getriebe, und die meisten wissen es auch. Manche halten sich schon noch so für das Allergeilste und so und haben dann wirklich Bock, gegen die Zunft und gegen alles zu sein, "Ich sage euch" und so. Aber ist ein bisschen kindisch. Und die große Mehrheit weiß, dass sie an allen Ecken und Enden abhängig ist von Vorarbeiten vieler, von Großforschung, von Verbundforschung, von Quellen, die überhaupt erst mal ediert werden müssen und poliert und zur Verfügung gestellt.

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Und man weiß, dass man in einer Riesencommunity ist und tausendfach abhängig ist von dem, was hier und da geforscht wird. Es ist ein Diskurs, es ist eine Forschungslandschaft, und da kannst du immer hier und da in Lehrbüchern und so oder auch deinen eigenen Entwurf und eigenes System ... oder so. Aber die Geschichtsforschung ist real, sie produziert, sie wirft aus, und dass das ständig miteinander im Streit ist, weiß man auch und muss sich drauf einlassen. So, das war jetzt mal ein kleiner Versuch zum Bewusstsein: Habe ich nicht erfunden, alles nur geklaut. Irgendwo steht das alles. Es ist noch viel komplizierter leider, aber so ein bisschen ist es so, ganz grob, würde ich jetzt schon mal sagen.

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Ich habe das jetzt nicht einfach völlig frei erfunden oder so. Man kann in der Geschichte diese Einschnitte manchmal sehr klar sehen, von Vorgeschichtsbewusstseins erzählen. Das heißt nicht, was die davor erzählen, ist Märchen oder so. Nur es heißt eben, es ist extrem schwer, sich da sicher zu werden mit den alten Überlieferungen, wie viel Faktizität, wie viel Fiktionalität da drin ist. Und eben das, was wir in der Antike haben, kann und sollte man wirklich ernst nehmen - heute ist nochmal was anderes. Ich habe noch ein lustiges Zitat dafür. Das ist lustig. Stefan Schreiber - Worthaus-Vortrag - sagt das im Grunde mal sehr schön in einem Satz. Er nennt ein paar Probleme im Neuen Testament, so Probleme, wo manche nervös werden, andere gleich ärgerlich oder so.

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Und dann sagt er aber, ich zitiere mal: "Trotz allem muss man nicht davon ausgehen, dass alles, was Lukas da schreibt, unglaubwürdig ist. Es ist nur perspektivisch, wie jede Geschichtsschreibung in der Antike. Das macht Tacitus auch nicht anders. Ganz klar, völlig legitim. Das machen heutige Historiker ein bisschen anders, aber auch nicht völlig anders." Im Grunde habe ich das jetzt in 15 Minuten mal zu erklären versucht, also einfach mal klarzukriegen: Lukas hat eine Perspektive, es ist eine Glaubensperspektive. Er erzählt von Ostern her, von der Auferstehung her. Das heißt aber jetzt nicht, dass alles fake ist oder so, sondern es ist schon so aus einer Glaubensperspektive heraus. Der Versuch, Erinnerungen an Geschehnisse, an Ereignisse darzustellen, so und so ist es. Wir heute machen es schon nochmal anders, aber nicht völlig anders. Es wäre jetzt übertrieben zu sagen, das waren Kinder und wir lachen darüber. So ist es einfach.

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Und im 18. Jahrhundert fängt es an, es setzt sich durch, es ist hier und da und es nimmt Leute auch mit, weil es eine große geistige Veränderung bedeutet, eine große geistige Veränderung, wo man wirklich anfängt, nicht mehr im selben geistigen Horizont zu leben wie zum Beispiel die Reformatoren oder die Kirchenväter oder so. Und viele merkten das, es ist irgendwie "die damals - wir heute". Und das steckt bei uns so tief drin, also diese Einteilung "Mittelalter", Mittelalter als schlecht und Wiederanknüpfung an die Antike. Neuzeit heißt ja im Grunde erst mal in der Renaissance, im Humanismus: Wir knüpfen wieder an der Antike an. Wir gehen zurück auf die großen Denker, auf die großen Klassiker, nicht nur auf die verarbeiteten Formen von Platon und Aristoteles in der Theologie der Kirchenväter und des Mittelalters,

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sondern wir gucken uns das ganze Spektrum des antiken Wissens an. Wir nehmen die Historiker ernst, wir respektieren Epikur langsam. Wir gucken uns die damalige Naturforschung an und entwickeln neue Dinge. Und diese Wiederanknüpfung an die Antike entwickelt mehr und mehr das Bewusstsein, auf einmal nicht nur anzuschließen an das antike Bewusstsein, sondern es zu übertreffen. In den Naturwissenschaften merken auf einmal viele: Wir machen Entdeckungen. Wir kriegen Erkenntnisse, davon ist die Antike weit, weit entfernt. Also es ist dieses Sich-Umstellen auf experimentelle, empirische Befragung der Natur, diese Mischung aus Empirismus und Rationalismus und die dadurch freigesetzte Natur- und Welterkenntnis. Es wird ab dem 17. Jahrhundert vielen klar: Wir haben nicht nur angeschlossen an die antike Hochkultur über das finstere Mittelalter hinweg

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(was so finster nicht wahr), sondern mehr: Es ist was Neues, und es ist besser und es ist klüger und es ist aufgeklärter. Und das ist aber natürlich ein Riesenkonflikt, weil für manche damit verbunden ist: Es ist klüger als das ganze Christentum, als die gesamte Überlieferung bisher. Es ist wirklich Neuzeit, das Neue ist besser als das Alte. Die moderne Vernunft ist das Morgengrauen der erwachsenen Menschheit. Hinter uns liegt ein tiefer Schlaf und eine traurige Kindheit und jetzt werden wir wach. Jetzt werden wir erwachsen. Und das ist für andere natürlich dann eine antichristliche Bewegung. Es ist die große Zerstörung. Es ist der totale Abfall. Und spätestens Französische Revolution und diese ganzen Sachen - das wird für manche etwas Apokalyptisches. Und das ist im 18. Jahrhundert ein Riesendauerkonflikt auf allen Ebenen.

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Man kann auch dazu sagen: in den Städten. Also es gibt dörfliche Landschaften von Südfrankreich über Mitteldeutschland bis in wer weiß was für Gefilde Osteuropas, da ist bis weit ins 20. Jahrhundert davon nichts zu merken. Es gibt Menschen, die leben Anfang des 20. Jahrhunderts noch, ja, man könnte sagen, vor Aristoteles oder so. Die kriegen das nicht mit. Aber in den Städten wird geschrieben, in den Städten wird gemacht. Und da ist das 18. Jahrhundert wirklich so eine Umbruch-Epoche, wo wahnsinnig stark verschiedene Mächte und Geister und Epochen aufeinanderstoßen und sich so aneinander reiben. Ich möchte uns jetzt einen exemplarischen Konflikt vor Augen führen, den Fragmentenstreit.

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Ihr ahnt hoffentlich alle: Man könnte jetzt hier 10, 20, 30 Stunden weitermachen auf allen Feldern, auf allen Gebieten des 18. Jahrhunderts. Es geht uns hier um die Geschichte des Bibelverständnisses, und da konzentrieren wir uns jetzt mal auf einen exemplarischen Konflikt, von dem wir sehen, der ist ein bisschen interessant, ein bisschen witzig, vor allem lehrreich. Wir fangen jetzt mal mit Lessing an. Lessing werden viele kennen. Hoffe ich jetzt mal. Irgendwas ist da hängen geblieben aus der Schule und so. Man wird ja da immer gequält oder belohnt mit Literatur, wo manchmal die Lehrer sich noch quälen müssen, sie zu lieben, und die Schüler - man weiß es nicht und so. Ich gehörte zu den etwas perversen Schülern, die die Literatur damals schon geliebt haben. Ich wurde dafür milde auch gemobbt - aber ich konnte Karate, also war es nicht so schlimm.

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Und je nachdem - also wir haben Minna von Barnhelm gelesen in der Schule, und man fand das natürlich völlig bekloppt, so doofe Geschichten und so. Ich hatte heimlich das Gefühl, so bekloppt ist das gar nicht, und habe mich schon als Jüngling dann da weiter reinvertieft in Lessing. Lessing ist uns in der Regel bekannt als Theater-Autor, der Dramen geschrieben hat. Bis heute kann es einem in der Schule ja passieren, dass man Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti zu lesen bekommt, vielleicht auch Miss Sarah Sampson. Ich würde allen empfehlen, die ihre Schule in traumatischer Erinnerung haben, dem vielleicht nochmal eine Chance zu geben. Also ich finde echt, das ist geiles Zeug, finde ich ganz ehrlich. Also haltet mich verrückt, haltet mich für übergeschnappt oder so, aber es ist schon besser, als man so in jugendlicher Abwehr glaubte sagen zu müssen. So, und der Lessing war aber jetzt nicht nur so ein "Ich hab Langeweile, also schreibe ich ein Drama".

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Der hat sich schon viele Gedanken gemacht. Er stammt aus dem Pfarrhaus, hat das immer von Anfang an so vor Augen gehabt, hat sich mit allen Fragen beschäftigt. Er war universal interessiert, hat viel auch historisch gearbeitet, hat sehr viele Untersuchungen zu verschiedenen Zeiten, hat mit Quellen gearbeitet. Er hatte eine etwas stressige Berufslaufbahn, muss man sagen. Er war unter anderem in der Bibliothek von Wolfenbüttel lange Zeit angestellt als Oberbibliothekar. Am liebsten hätte er, glaube ich, als freier Schriftsteller gelebt, jedes zweite Jahr einen schönen Preis gekriegt und von Bucheinnahmen gelebt - war damals nicht die Zeit. Er musste da schon noch knechten und Bücklinge machen. Schreiben konnte er immer nur so im Privaten. Witzigerweise: Seit man davon richtig gut leben kann, lässt das ein bisschen nach, finde ich, mit dem ... Aber ist egal, müssen wir jetzt nicht verhandeln ... Er hat irgendwie so nebenbei seine Sachen und musste irgendwie knechten.

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Aber er hatte Gott sei Dank auch Spaß an diesen ganzen vielfältigen Entdeckungen. Er hat Theaterwissenschaft betrieben, Hamburgische Dramaturgie, hat da sehr stark auch geschichtlich gearbeitet, sehr stark sich beschäftigt mit der aristotelischen Dramaturgie, sehr stark das englische Theater, sehr stark für Deutschland überlegt. Also Lessing ist einfach mal ernst zu nehmen als ein Mann mit einem sehr tiefen historischen Bewusstsein, als jemand, der an führender Stelle mit dabei ist, dass dieses Bewusstsein entsteht von Epochen, von Entwicklung, von Unterschieden. Und wie gesagt, das ist jetzt nicht so in allen Jahrhunderten davor gewesen. Das ist so die Zeit, wo das wie so eine Lawine mehr wird und mehr und mehr und in allen möglichen Bereichen - Literatur-Geschichte, Theater-Geschichte, Geschichte der Öffentlichkeit, auch politische Geschichte. Das hat die alles beschäftigt.

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Lessing hat viele religiöse Streitigkeiten natürlich erlebt, und was an Lessing entweder witzig oder nervig oder verstörend ist, ist einfach dies: Er selbst wusste: Du kannst dich nicht einfach irgendwo hinstellen und sagen, was du denkst. Das überlebst du oft nicht gut. Du musst irgendwie einen cleveren Weg finden, ein öffentlicher Kommunikator zu sein und gleichzeitig dich immer so ein bisschen clever, ein bisschen schlau, dich nicht zu leicht stellen zu lassen, was die Leute so denken, was du denkst. Und es ist ein bisschen die Befürchtung: Lessing war so clever dabei, dass nicht ganz klar ist, ob er am Ende selbst noch wusste, was er wirklich denkt und glaubt, oder ob er einfach mit den Dingen so raffiniert gearbeitet hat. Wir müssen das gar nicht klären. Es ist jetzt nur für unser Thema super hilfreich, dass Lessing im Grunde verschiedene Seiten dieses Themas Glaube und Vernunft, Bibel und heutige Zeit so betrachtet hat.

42:09
Er hat - wir sparen uns jetzt ganz viel aus seinem Leben - irgendwann so als Bibliothekar in Wolfenbüttel ein Skript in die Hand bekommen, ein Skript über die Bibel. Und er las das und dachte: Oha, oho, da ist jemand mutig. Na ja, so mutig nicht: Es war irgendwie anonym, war nicht veröffentlicht. Es war bibelkritisch und Lessing merkte: Das ist ein bisschen Dynamit. Und er hat 1774 in Wolfenbüttel dann so eine Zeitschrift genommen und gesagt: Ich habe da was ganz Tolles gefunden. Das war auch Hauptbeschäftigung von Nerds im 18. Jahrhundert zu sagen: Ich habe da was ganz Tolles gefunden. Das war so üblich. Also jedes Jahr wurden 17 Dinge gefunden, die ganz toll waren und erstmals ediert, veröffentlicht, übersetzt, diskutiert wurden.

43:01
Also diese Entstehung einer literarischen, intellektuellen Öffentlichkeit, das ist so typisch 18. Jahrhundert, und an manchen Orten war das möglich. In Deutschland gab es durch Preußen, Friedrich der Zweite, Berlin, eine geistige Kultur, wo der König - der hatte eine schwere Kindheit - gesagt hat: Räsoniert, was ihr wollt - Hauptsache, ihr gehorcht. Solange ihr gute Preußen seid, könnt ihr auch meinetwegen die Pfaffen verspotten oder so. Ich habe unter denen gelitten, das ist mir egal. Haut ruhig drauf. Gute Bürger müsst ihr sein - sonst Kopf ab. So, und das war eine geistige Kultur, die war nicht überall, aber das strahlte aus, Salon-Kultur, Intellektualität. Und Lessing hat da was gefunden und gesagt: Ich stelle das mal zur Verfügung, "Gedankenfragmente eines Ungenannten", guckt halt mal. Er hat 1774 noch was veröffentlicht, das war ein bisschen harmlos. Da passierte gar nicht viel. Und dann hatte Lessing irgendwann Lust auf mehr Randale und hat gefährlichere Texte veröffentlicht.

44:06
Er fing dann an 1777 bis 1778 und sagte: Ich habe schon wieder was gefunden, oh, jetzt habe ich aber was Gefährliches gefunden. Und das wurde veröffentlicht. Und jetzt müssen wir mal dahin, was er da gefunden hat. Das waren Texte von Hermann Samuel Reimarus. Das war ein gelehrter Mann, jemand, der in Hamburg lebte, er war Gelehrter, Lehrer, war Schriftsteller, war Autor. Der war 1768 schon gestorben. Und der hat auch in der Öffentlichkeit gewirkt und er hat in der Öffentlichkeit so ein Auftreten gehabt - er sagte: Glaube und Vernunft gehören zusammen. Das ist kein Gegensatz. Es ist falsch, aus religiösen Gründen Vernunft und Wissenschaft zu bekämpfen. Das ist schade, denn Gott hat uns auch die Vernunft gegeben.

45:04
Es ist aber auch falsch, aus vernünftigen Gründen mit der Religion oder der Bibel nichts mehr anfangen zu können. Das gehört zusammen. Und so hat er Bücher veröffentlicht und hat auch Kritik geübt an radikaler Aufklärung. Es gab in England, in Frankreich die Ersten, die haben fast nichts mehr geglaubt. Und Reimarus hatte da eine gewisse Strategie, die war damals berühmt. Es gibt so eine kleine epochale Abfolge. Man kann um 1700 sagen: Es gibt Leute, die sagen: Wir sind gläubig. Ich bin gläubig. Du bist gläubig. Und wir streiten manchmal darüber: Ist die Vernunft hilfreich, ist sie wichtig? Und ich schlage jetzt mal vor: Du bist gläubig, ich bin gläubig - aber die Vernunft kann helfen. Wir können vernünftig den Glauben verstehen und durchdringen. Und dann gab es eine zweite Stufe, da sagte man: Du bist vernünftig, ich bin vernünftig. Gläubig sind wir halt auch, und Vernunft und Glaube kommt auf so etwas Ähnliches raus.

46:06
Das war so eine Übergangsstufe von einem Christentum mit rationalem Anspruch zu einer rationalen Haltung auf christlicher Basis. Und im Laufe des 18. Jahrhunderts gab es dann Leute mit rationalem Anspruch, und Christentum - ja, weiß man jetzt nicht. Und Reimarus veröffentlichte: Das muss man sich wie so einen Zwei-Etappen-Lauf vor Augen führen. Es ist auf der einen Seite so: Wenn man nicht vernünftig denkt, denkt man gar nicht. Einfach irgendwas behaupten, einfach Thesen aufstellen, das ist gar nichts. Also vernünftig denken ist Denken, und man kann vernünftig zeigen, dass diese Welt nicht von nichts kommt oder so, sondern dass sie einen intellektuellen Ursprung hat, dass es Gott gibt und dass wir bestimmt sind, Gott zu erkennen und dass Gott die Menschen, die ihn ernst nehmen, lieben und respektieren, mit der Gabe des ewigen Lebens beschenken wird.

47:11
Das ist natürliche Religion. Das ist natürliche Theologie, das zu zeigen. Da können wir vernünftig zeigen, vernünftig begründen, dass die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele vernünftige Einsichten sind. Und er hat das so dargestellt. Und es gibt so ein paar Floskeln, da könnte man die Idee haben: Er sieht das so als Basis, um zu sagen: Zweiter Schritt wäre dann zu zeigen, dass die Bibel das in totaler Vollkommenheit offenbart und für alle Menschen die Bibel jetzt ja auch echt das Wichtige ist, auch für die Menschen, die gar nicht so schlau sind, dass sie jetzt hier alles lesen und kapieren können. So las sich das. Und dann war Reimarus tot, 1768, und alle sagten: Der Reimarus - ja, schade, kluger Mann, auch so gebildet, vornehm. Der Reimarus hatte aber ein Doppelleben.

48:02
Der dachte schon, was er geschrieben hat, aber er war inzwischen sicher, dass das Christentum, das Judentum auch, völlig irrational sind. Er hatte einen tiefen Hass inzwischen entwickelt auf Bibel, auf Christentum, auf Kirche, auf Pfarrer. Er hat das alles verachtet. Er fand das ganz furchtbar. Er hat so heimlich Texte geschrieben, wo er ablästert wie ein Berserker über das Ganze. Er schreibt aber auch darin: Wenn das, was ich hier schreibe, öffentlich würde - ich hätte kein schönes Leben mehr. Also es ist nicht mehr die Zeit, wo man gleich verbrannt wird oder so. Aber ich bin danach kein Lehrer mehr. Ich veröffentliche nichts mehr. Ich werde auf der Straße nicht mehr gegrüßt. Ich komme ins hinterste Ghetto. Es geht mir wie dem Spinoza früher oder so. Das wusste er und er hat dann alles so zu Ende gedacht und gesagt: Es ist schön, dass ich vernünftig bin. Und ich weiß, das, was ich vernünftig denke, das wird mein Leben zerstören.

49:03
Also schreibe ich halt das, was ich wirklich denke, für gute Freunde, und nachts beim Wein spotten wir über die Pfaffen und diese ganzen blöden religiösen Fanatiker - und nach außen halte ich mich irgendwie so im Spektrum. Und dann sterbe ich in Ruhe und habe ein schönes Leben gehabt. Der wurde 75 und der ist also ehrenvoll gestorben, vielleicht mit einem bosartigen Grinsen auf dem Gesicht, wir wissen es nicht, und keiner hat was gemerkt. Dieses Buch wurde erstmals veröffentlicht 1972. Ich habe mich jetzt nicht versprochen. 1972. 1972 wurde das veröffentlicht, der ist 1768 gestorben. Das wurde über 200 Jahre später erstmals veröffentlicht. Es gab vorher keinen Verlag, der sich das in Deutschland getraut hätte. Einfach nur mal so als Faktencheck.

50:01
Im 19. Jahrhundert hätte sich kein seriöser Verlag getraut, eine so antichristliche Schrift zu veröffentlichen. Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich noch keiner getraut. 1972 erstmals. Und der Lessing hat so ein bisschen - denn er merkte schon: das ist Dynamit - auf kleiner Flamme angefangen und dann hat er irgendwann richtige Granaten in die Öffentlichkeit gelegt. Der Lessing hat es dann so gemacht, dass er sagt: Ich habe das hier gefunden, ich weiß gar nicht, woher das ist. Es wurde auch gar nicht geoutet damals. Es wird irgendwann klar, wird irgendwann bewusst und so, aber nicht sofort, nicht am Anfang, weil die Familie gesagt hat: Komm, halt still, unser Name und so. Und so das ging noch ein bisschen hin und Lessing hat sich davon distanziert und gesagt: Das ist schon starker Tobak hier. Also kann ich mir das auch nicht vorstellen, ehrlich gesagt, aber es ist vielleicht zum drüber Nachdenken echt mal interessant. Das denken kluge Leute, das ist ja ein kluger Mann hier. Jetzt gucke ich mal, was passiert.

51:03
Ja, was stand da drin, in diesen Büchern des Reimarus? Machen wir es kurz und knapp: Er stellt erst mal so große Themen im 18. Jahrhundert vor. Die Leute merken: Im 18. Jahrhundert gibt es keine Unsterblichkeit der Seele. Und weitgehend gibt es kein ewiges Leben. Es sind ja ganz, ganz wenige Stellen im Alten Testament, wo überhaupt so etwas wie ein Leben nach dem Tod in den Blick kommt. Da kann man Daniel 12 nehmen, da kann man Jesaja 25, 26 nehmen und so. Aber es sind ganz wenige Stellen, die oft auch unklar sind. Also am klarsten im Grunde noch Daniel 12. Und eine Unsterblichkeit der Seele findet man gar nicht. Das war für niemand im 18. Jahrhundert ein Anlass, das in Frage zu stellen. Alle sagten: Es war ganz schön primitiv, dass die das nicht wussten. Im Grunde wurde die These hochgejazzt: Das Alte Testament ist völlig überbewertet.

52:03
Warum lassen wir unsere Kinder in der Schule alttestamentliche Geschichten lesen von Leuten, die nicht mal die Erkenntnis hatten, dass sie eine unsterbliche Seele haben? Das hat ja Platon schon. So war die Logik. So und da haben viele dann schon das Alte Testament immer so ein bisschen gedisst und gesagt: Das Alte Testament ist eine total epikureische Religion. Also denen geht es echt darum, dass es ihnen auf Erden gut geht. Das ist das Ding. Die wollen Gott gehorchen, auf dass sie ein schönes Leben haben. Und die haben null, null Idee, dass dieses Leben hier eine Vorbereitung ist für ein ewiges Leben. Da kommen die gar nicht drauf. Ja, mal, aber dann wirklich am Rand, also in den fünf Büchern Mose überhaupt gar nicht. Und auch sonst, in den großen Büchern spielt ewiges Leben, Unsterblichkeit der Seele keine Rolle. Wie primitiv!

53:04
Dies "wie primitiv" haben jetzt nicht alle gesagt, aber Reimarus. Und er hat nicht nur "wie primitiv gesagt", sondern er hat das so dargestellt und gesagt: Das sind im Grunde minderwertige Charaktere. Also warum wird die Jugend verdorben, Gebete von König David zu lesen? Das ist ein Mann ohne Plan. Der hat null Gotteserkenntnis. Der ist überhaupt gar nicht ewiges Leben und Sterblichkeit der Seele. Das ist ein Typ, der ist in lauter Machtkämpfe verstrickt. Der hat viele Frauen, die nimmt er sich einfach, eine nach der anderen - und unsere Kinder lesen das! Aber was ist das denn für ein Typ? Dann hat er schon viele Frauen, und dann fängt er an zu spannen. Dann guckt er da einer anderen Frau zu, wie die sich wäscht oder so. Das ist ja alles unsagbar. Dann macht er Dinge, die kannst du heute noch kaum vor der Kamera sagen.

54:05
Und anstatt sich zu schämen, holt er seinen Oberkommandierenden des Heeres und sagt: Du hast da so einen in deiner Armee, der müsste mal sterben. Frag nicht nach. Also müssen wir mal gucken. Er versucht ihn erst zu kaufen. Er versucht den erst rumzukriegen. Aber dann macht er im Grunde so ein Arrangement - wenn der stirbt, wäre das, glaube ich, praktisch für mich und für alle das Beste. Dann ist der tot und dann nimmt er sich die Frau noch und so. Also da hat selbst Gott genug und schickt ihm extra einen Propheten und sagt: Das war nicht richtig. Jetzt kann ich nicht mal mehr und so. Aber danach geht es einfach weiter. Und Reimarus macht das also in bösartigstem Tonfall und sagt: Die sind alle nicht besser. Der Jakob lügt. Er betrügt seinen Bruder um den Erstgeburtsegen. Er führt seinen Vater hinters Licht.

55:01
Die Mutter steckt da mit unter der Decke. Die ziehen das durch. Da kommt auch keiner auf die Idee, irgendwann zu sagen: Ich habe Unrecht getan. Vater vergib mir, ich habe den Segen gestohlen, auch dem Bruder. Der zieht das durch. So und dann ist er bei Laban und hat auch gleich zwei Frauen. Wir sind schon alles gewöhnt. Wir sagen schon nichts mehr. Aber dass er dann seinen Schwiegervater auch betrügt, dass er da auch wieder trickst, und dann klauen sie alle - das sind ja Lügner, Betrüger, Diebe, Schlitzohren. Das ist keine seriöse Religion. Und so schreibt er das, und er schreibt es bösartig und er schreibt es giftig. Und er kommt da richtig in Rage und sagt: Es ist eine Schande der Menschheitsgeschichte, dass so ein Buch als heilige Schrift in Ehren stand. Es ist wertlos. Es ist moralisch wertlos. Es ist religiös wertlos. Es ist völlig unvernünftig. Die haben nichts Seriöses erkannt über die Welt. Nichts.

56:02
Die halten mit keinem griechischen Philosophen einen Vergleich aus. Kein Abraham, kein Jakob, kein David. Auch Davids Gebete. Er sagt: Das ist doch eine Heuchelei. Das ist doch ein Ehebrecher, Mörder und Betrüger. Wie er dann da vor Gott betet ... Und dann sagt er: Und es ist heute ehrlich gesagt auch nicht anders. Der Beter ist immer der Mörder ... Also die frömmsten Beter sind Heuchler, Betrüger, Hasserfüllte. So zieht er da vom Leder. Lessing hat die schlimmsten Passagen nicht mal veröffentlicht, denn er dachte sich: Ein bisschen ein schönes Restleben will ich vielleicht auch noch. Aber er veröffentlicht genug in diese Richtung. Und dann die eigentliche Bombe war das Finale Neues Testament. Jetzt könnte man sagen: Der Reimarus - jetzt hol mal tief Luft. Das liegt Leuten vielleicht noch am Herzen. Es geht aber leider so weiter. Um die Gemüter zu schonen, will ich das jetzt gar nicht groß nacherzählen.

57:01
Von Jesus hält er ein bisschen was, aber auch nicht zu viel. Also er sieht bei Jesus schon Dinge, die er echt respektieren kann. Dass Jesus vom ewigen Leben was wusste, das ist alles gut und schön. Aber ein bisschen hat er auch das Gefühl, Jesus hatte da politische Ambitionen. Und ein bisschen zwielichtig bleibt es. Also Jesus wird am ehesten noch geschont. Die volle Keule der Verachtung trifft die Jünger. Die trifft es mit aller Wucht. Nur ganz kurz: Die Jünger haben sich an diesen Jesus gehängt, weil sie alle das Gefühl hatten, wir sind kleine Leute aus Hintertupfingen, Galiläa. Wir sind hier im Grunde der letzte Abschaum schon für den normalen Judäer, für den Römer sind wir noch weniger. Das ist unsere Chance, groß rauszukommen. Der hat Charisma. Der funktioniert. Der funktioniert auf der Straße. Der kann reden und wir machen jetzt lauter Bücklinge und heften uns an sein Gewand. Und Reimarus nimmt das dann alles und so und zeigt die Jünger: "Herr, erlaube uns, dass wir zu deiner Rechten

58:05
und zu deiner Linken sitzen, wenn du in dein Reich kommst" und so. Und Reimarus sagt sinngemäß: Was für Schleimer! Die wollen Karriere machen. Die sind machtgeil. Die sind geldgeil. Die wittern die große Chance. Die sehen im Grunde eine große Karriere vor sich. Ja, und dann Pech gehabt, es geht alles schief. Zack, tot ist er. Zu hoch gepokert. Und anstatt in aller Bescheidenheit zu sagen: "Wir waren halt arme Würmer. Wir sind halt arme Würmer. Wir hatten einen hoffärtigen, narzisstischen Traum von großer Karriere, und jetzt kriechen wir zurück in unsere Löcher und sind wieder still", haben diese Kreaturen den finalen Megabetrug an der Menschheit gestartet. Die konnten nicht akzeptieren, dass ihre religiöse Weltkarriere gescheitert ist. Die haben sich schlicht und einfach gesagt: Jungs, das war nicht das Ende. Dafür lief es zu gut.

59:04
Jetzt müssen wir zusammenhalten, wir zwölf, das darf keiner mitkriegen. Wo ist der Leichnam? Den schaffen wir jetzt mal an die Seite., lassen nichts merken, und jetzt bereiten wir uns vor, und in 40, 50 Tagen haben wir das Comeback der Weltgeschichte, weil - wir müssen uns jetzt gut absprechen - der ist gar nicht tot. Der lebt. Der ist von Gott auferweckt. Und jetzt geht es richtig los. Und wir fangen genauso an, wie es bisher war. Nur jetzt im Namen des größten Wunders aller Zeiten, dass der getötete, gekreuzigte Jesus von Nazareth erhöht ist zum Herrn des Himmels und dass er bald kommt. Und alle, die sich ihm nicht unterwerfen, brennen ewig. Angst funktioniert. Und wer sich an seine Seite stellt, ewiger Lohn, ewige Freuden, ewige Kronen. Und wir waren dabei und wir halten zusammen. Und das ist unsere Geschichte.

60:02
Ja, wir probieren es. Wir probieren es. Wir ziehen es durch. Seid ihr dabei? Und alle guckten sich an und sagten: Ja, jetzt haben wir da jahrelang investiert, das wäre auch zu doof, jetzt wieder da als Fischer zu Hause zu sitzen. Alle lachen uns aus. Wir ziehen das durch. Wir gucken mal, wie doof die Menschheit ist, ob die sich so betrügen lässt. Wir ziehen das durch. - Ja, das ist Reimarus' Deutung. Er sagt, das ist die Betrügergang des Jahrhunderts gewesen. Die haben das eiskalt eingefädelt, den Leichnam verschwinden lassen, so ein bisschen abgewartet, bisschen Pause und so und dann woanders angefangen. Und wenn du erst mal einen festen Stamm von Fanatisierten hast, dann ist alles egal. Dann lass doch Leute da lästern, Feinde gibt es immer. Das kannst du alles sortieren. Da kannst du immer sagen: Ja, die Kinder des Teufels verstehen das nicht. Die Kinder des Lichts kennen die Wahrheit. So hat Reimarus das gemacht. Ja, das sorgte nicht für Beifallsstürme im 18. Jahrhundert. Das ist klar.

61:01
Das gab ein Echo. Das wurde dann auch lauter und deutlicher, als Lessing sich das so vorgestellt hat. Er hat ja von vornherein gesagt: Also mir ist das auch zu krass. Ganz ehrlich. Aber man muss es diskutieren können. Aufgeklärte Zeit. Was denkt ihr denn so? Ich habe es gefunden. Ich bin der Bibliothekar. Ich bin auch kein Theologe und so. Ja, das fanden aber nicht alle gut. Also es haben sich viele beteiligt, über 50 Gelehrte der damaligen Zeit. Es ist ein riesen Geflecht von Stimmen, Gegenstimmen, Kämpfe, Verteidigung. Alle waren dabei. Besonders berühmt wurde Hauptpastor Goeze aus Hamburg. Der hat von Anfang an und im Grunde auch öffentlichkeitswirksam am geschicktesten die Rohre auf Lessing gerichtet. Sein erstes Buch hieß "Lessings Schwächen". Der Reimarus oder der Ungenannte war ja nicht greifbar, war tot und so. Und er hat sich auf Lessing eingeschossen und das angefochten und den Lessing dafür voll verantwortlich gemacht.

62:03
Und dann gab es da ein Hin und Her. Lessing hat eine Schriftenreihe angefangen, die hieß "Anti-Goeze". Also Lessing war auch ein polemischer Geist und so und hatte auch Wut, er hatte ein tragisches Schicksal, Frau gerade gestorben, Kind gestorben. Alles sehr, sehr, sehr komplex in dieser Zeit. Und die haben so weit gefochten, bis dem Landesherrn von Lessing das Ganze genug war. Und er sagte: Schluss, aus. Stopp. Zensur, Zensur. Ich mache es ernst. Ich ziehe es durch. Keiner mehr. Kein Ton, kein Wort, nichts mehr. Veröffentlichungsverbot. Ihr seid alle ruhig. Und du, Lessing, du als Erstes, du sagst gar nichts mehr zu religiösen Fragen. Und Lessing sagte: Ja, ist okay. Ich habe da auch nur so ein kleines Theaterstückchen. Ist historisch, spielt zur Zeit der Kreuzzüge. Was soll da schiefgehen? Nathan der Weise. Das war so Lessings Stil. Im Grunde ist Nathan der Weise der finale Tritt an Goezes Schienbein.

63:01
Also wer das mal liest oder sieht, das ist schon noch so genau Teil des Ganzen. Ist nur Kunst, ist ein Theaterstück. Alte Geschichte. Also wenigstens auf dem Theater - so frei und aufgeklärt sind wir schon. Der alte Fritz in Berlin wird das auch so finden und so. So ging das zu. So, ganz kurz jetzt mal das Gegenüber. Jetzt machen wir es ein bisschen schematisierend. Im Grunde dieses Gegenüber - wie gesagt, 50 Leute haben da mitgefochten. Aber Lessing, Goeze und Reimarus, das ist schon, möchte ich fast sagen, archetypisch. Das ist jetzt übertrieben, aber es ist ein klassisches Geflecht von Positionen. Und das sieht so aus: Reimarus verkörpert im Grunde eine Geschichtsbetrachtung in religionskritischer Absicht. Und das ist ein Genre, das bis heute nicht ausgestorben ist. Der Versuch, durch geschichtliche Dekonstruktion zu zeigen,

64:06
dass der christliche Glaube grundlos ist - damit kann man bis heute Bestseller erzielen. Das ist echt auch interessant. Also bis heute funktioniert das immer wieder, dass irgendjemand was hat, es war alles völlig anders, und es gab gar keinen Exodus, oder Jesu Auferstehung - alles eine große Täuschung. Er war scheintot. Da gab es neulich erst Bücher. Und das ist bei Reimarus im Grunde ein Genre: Historische Kritik zur Destruktion des Glaubens. Das Interessante bei Reimarus ist, dass er im Grunde offiziell eine Vernunftreligion vertritt, eine Vernunftreligion, die Gottes Existenz und eine universelle Moral behauptet. Das ist aus heutiger Sicht so witzig, dass der überhaupt gottgläubig oder so war. Und hier kann man geschichtlich von der Entwicklung sagen: Spätestens ab Feuerbach ist das eigentlich ein Genre des modernen Atheismus.

65:10
Aber interessanterweise war um 1750 Atheismus noch zu undenkbar. Es ist wirklich interessant, dass Reimarus das noch so aus seiner gottgläubigen Position heraus gemacht hat, aber schon wirklich antijüdisch, antichristlich in allen zentralen Glaubensfragen. So, und Goeze ist jetzt das kongeniale Gegenüber dazu, weil Goeze im Grunde sieht: Angriffe auf die historischen Fundamente des Christentums zerstören das Christentum. Also muss man mit aller Macht diesem Angriff widerstehen. Und wie? Na ja, mit der ganzen Klaviatur, die man so zur Verfügung gestellt bekommt: Historische Apologetik, systematische Apologetik, aber im Zweifelsfall auch durch Zensur, Schreibverbot, Veröffentlichungsverbot, massiven Druck.

66:14
Und Goeze arbeitet auf der ganzen Klaviatur. Man muss übrigens aufpassen, den jetzt nicht zum allerdüstersten Finsterling zu machen. Der ist besser als sein Ruf, sage ich mal so. Es fehlt leider immer die Zeit, das zu zeigen. Er macht auch im Streit jetzt nicht die allerbeste Figur, weil er so wütend ist. Das merkt man ihm so an, wie er sich ärgert über den Lessing und so. Und er hat im Grunde eine teilaufgeklärte, schon auch rationale Christlichkeit, durchaus einen Bildungsanspruch. Also er ist jetzt, was weiß ich, kein Boko Haram, Bildung ist Sünde oder so. Gar nicht. Also er ist schon jemand, der auf Bildung Wert legt und eben mit historischen und theologischen Argumenten radikal dagegenhält. Und er wirft es Lessing vor, diese Giftspritze da zu Wort kommen zu lassen,

67:07
ohne seiner Verantwortung als Herausgeber gerecht zu werden und zu zeigen, dass diese Vorwürfe unberechtigt sind. Das ist so sein Punkt. Und er arbeitet das teilweise ab und hält dies dagegen und das dagegen und so. Und da könnte man jetzt auch wieder in die Tiefen gehen, aber wir nehmen es jetzt schematisch. Eine apologetische Schriftbetrachtung. Auch bis heute, das ist auch so interessant, kann man damit Geld verdienen, warum die Bibel doch Recht hatte. Argumente für die Zuverlässigkeit der Bibel. Und ja, auch das ist bis heute ein Bestseller-Genre. Das geht ganz gut. So Kriminalfall Jesus. Was ist der Fall? Was sind die Indizien? Kritisch fragen. Bis heute funktioniert das. Das Interessante bei Lessing ist: Er lässt das so ein bisschen eskalieren, dass er selbst so angeschossen ist.

68:04
Er ärgert ihn natürlich schon, es geht ja auch um Job und Geld und so weiter. Da wehrt er sich so ein bisschen. Aber im Grunde ist seine Position, mal sehr kurz gefasst: Die haben beide Unrecht. Die führen beide den falschen Krieg an der falschen Front. Die beiden sind sich ähnlicher, als sie wahrhaben wollen. Und der Lessing schreibt es auch dem Goeze und sagt: Goeze, du glaubst, das Christentum zu verteidigen, aber du merkst nicht, dass deine Form der Apologetik im Grunde genauso funktioniert wie das Denken von Reimarus, nur, dass ihr gegensätzliche Ergebnisse habt. Aber ihr beide versucht im Grunde, den Glauben zu stabilisieren oder zu destabilisieren mit rational-historischer Argumentation. Und im Grunde ist das Lessings, ich würde schon sagen, Masterplan. Also dieser Streit,

69:03
er ist von ihm geschürt, er ist von ihm gewollt. Er provoziert auch. Also er ist kein Unschuldslamm, der Lessing. Der hat es schon faustdick hinter den Ohren. Und er will im Grunde, dass das deutlich wird, dass das destruktiver, nicht förderlicher Umgang mit dem Problem ist. Was will Lessing? Das ist jetzt echt eine kleine detektivische Aufgabe. Ich mache es auch wieder schematisch. Lessing schreibt unterschiedliche Texte, philosophische Texte, kleine Anti-Goeze-Sachen, Ablenkungsmanöver, er sagt: Da kann ich gar nichts dafür und so. Aber im Grunde kann man drei Stränge bei ihm unterscheiden, drei Antworten auf das Grundproblem. Und das Grundproblem aus Lessings Sicht ist: Wie abhängig ist der christliche Glaube von historischen Tatsachen oder besser von der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Tatsächlichkeit historischer Fakten zu beweisen oder zu erweisen?

70:10
Das ist für ihn das Grundproblem. Und so formuliert ist das jetzt auch wirklich neu. Also das ist ein Problem auf Grundlage des historischen Bewusstseins des 18. Jahrhunderts. Das haben die davor nicht so. Es gab davor auch Streit. Also man kann bis in die Antike zurückgehen zu Kelsos, Christentumskritiker. Der hat auch schon gesagt, das und das, das stimmt doch gar nicht, ist doch eine Erfindung. Und dann hat Origines sich erbarmt und da was gegengehalten und so. Also ansatzweise gab es die Diskussion. Aber bei Lessing ist das auf neuem, anderem Niveau. Und es geht ihm um die Grundsatzfrage: Was kann historische Argumentation leisten? Welche Bedeutung, welchen Stellenwert hat sie für die Wahrheit des christlichen Glaubens? So, aus unterschiedlichen Texten herausgesammelt,

71:03
drei Stränge, drei Gedankenstränge, die Lessing entwickelt. Der erste Strang, den nenne ich jetzt mal Erfahrungsreligion. In der Schrift "Beweis des Geistes und der Kraft" kann man das finden. Auch vielfach könnt ihr das finden bei ihm. Lessing sagt: Beide, Reimarus und Goeze, folgen im Grunde einer Logik, dass das Christentum abhängig ist von der Beweiskraft rationaler Apologetik oder eben in diesem Geflecht zugrunde geht. Und Lessing sagt ganz schlicht: Wenn das so wäre, also wenn die beiden darin, wo sie sich einig sind, Recht hätten, das wäre im Grunde das Ende der Religionsgeschichte. Denn der normale Mensch könnte ja gar nicht mehr Christ sein. Der normale Mensch würde ja gar nicht mehr vor der Frage stehen: Glaube ich an Gott?

72:05
Er wird immer vor der Frage stehen: Welche Apologetik ist die stärkste? Wer gewinnt - Religionskritik oder Apologetik? Und Lessings These ist: So funktioniert Glauben nicht. So funktioniert auch Religion nicht. Es gibt schlicht einen Unterschied zwischen rationaler Kritik und rationaler Verteidigung von Glaubenssätzen und dem Gottesverhältnis. Und Lessings These in diesem Strang seiner Argumentation ist: Gottesglaube ist eine persönliche Sache, ist eine persönliche Erfahrung, eine persönliche Herzenserfahrung, dass Gott real ist. Das kann einem Kind einleuchten und es kann dem Weisesten einleuchten, und das kann ein Kind verdrängen

73:01
und der Allerklügste kann es sich vom Leib halten. Aber das funktioniert nicht auf dieser Ebene, welche rationale Beweiskette den Glauben stützt oder widerlegt. Es ist eine Erfahrung. Es ist etwas, was mehr mit dem Herzen zu tun hat als mit der rationalen Argumentationskette, die ich mir erstelle. Und es wäre im Grunde das Ende der Religion, wenn sie abhängig würde von den Schlachten der Gelehrten. Und er sagt: Jeder Theologe, der nicht nur Theologe ist, sondern auch Gläubiger, weiß das im Grunde, dass er sich seinen eigenen Glauben nicht anbeweisen kann. Glaube ist eine Ergriffenheit, ist eine Erfahrung, ist, dass es mir einleuchtet, dass es mich im Herzen trifft, dass es mir in einer Weise einleuchtet, die meinem, wie sollen wir sagen, vielschichtigen Charakter als fühlendem, Gewissen habendem, denkendem Wesen gerecht wird, und nicht eben in dieser rationalistischen Logik.

74:16
Wir kommen nicht durch die Beweise zum Glauben. Wir sollten nicht so tun, als könnten wir durch Beweise den Glauben dann retten oder zerstören. Es ist eine Sache des Gefühls, des Herzens, des persönlichen Einleuchtens. Religion ist so. So, wir werden gleich sehen, welche Karriere das Ganze hat. Das ist ein Strang, den Lessing entwickelt. Das habe ich jetzt mal Erfahrungsreligion genannt. Und dann aber hat er einen anderen Strang. Denn Lessing entwickelt auch einen Entwurf von Vernunftreligion. Wer näher einsteigen möchte: "Erziehung des Menschengeschlechts" ist die Hauptquelle dafür. Erziehung des Menschengeschlechts. Sehr kleiner Text, 10, 15 Seiten oder so.

75:01
Aber ein genialer Entwurf. Lessing sagt so: Mensch und Gott, wie stehen wir zueinander? Na ja, so: Gott ist der Erzieher. Und wir sind seine Kinder und es ist wie im wirklichen Leben auch. Also Mensch sein heißt werdendes Leben sein. Wir sind im Werden. Es ist so. Wir alle, wir entwickeln uns. Und das, was jeder aus eigener Erfahrung kennt, ist auch so bei der Menschheit. Die Menschheit ist einen Entwicklungsgang gegangen. Und Gott ist der Erzieher der ganzen Menschheit, so wie unsere Lehrer und Eltern unsere Erzieher sind. Und Lessing macht dann ein kleines Schema, das klaut er bei Joachim von Fiore. Er sagt: Man kann drei große Epochen unterscheiden. Epoche des Vaters, Epoche des Sohnes, Epoche des Geistes.

76:04
Und Lessing macht es sehr schematisch so: Gott nimmt sich mit Israel ein Volk heraus aus den Anfangsgründen der Menschheit. Und da ist vieles, vieles nicht klar. Da gibt es kein ewiges Leben und Sterblichkeit der Seele. Da gibt es keine universelle Religion. Da ist noch Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und Gott geht mit denen einen Weg. Und Gott stellt sich ihnen vor. Gott offenbart sich. Gott offenbart sich aber nicht so, dass die mit blindem Vertrauen ihm anhängen, sondern Gott nimmt sie mit auf einen Weg der Erkenntnis. Sie sollen ihn kennenlernen. Sie sollen verstehen. Sie sollen Erfahrungen sammeln aus ihrer Geschichte. Sie sollen lernen. Sie sollen lernen, aus ihrer Erfahrung Gott zu erkennen. Und Gott bringt sie dahin, dass ihnen mehr und mehr deutlich wird: Unser Gott ist nicht der Stammesgott aus der Wüste, sondern er ist der Gott der ganzen Welt. Und unser Gott hat nicht eine Privatmoral für unseren Stamm, sondern eine Moral für die ganze Menschheit.

77:06
Alle Menschen sind Ebenbild Gottes. Und unser Gott ist nicht ein Gott für diese Zeit und unser Wohlergehen, sondern ein Gott für Zeit und Ewigkeit. Und Gott bringt dieses sein Volk dahin, dass es lernt und versteht. Und dann beginnt Gott eine neue Epoche. Jesus ist ein historischer, heilsgeschichtlicher Einschnitt. Bei Jesus ist völlig klar: Es geht nicht um Erfolg und Glück und Hopsassa in diesem Leben, sondern es geht um das Reich Gottes. Es geht um ewiges Leben. Es geht um universelle Moral. Liebe nicht nur zum Nächsten, zum Volksgenossen, nicht nur zum Fremden, sondern zum Feind, zu allen. Universale Liebe, ein Gott, eine Gotteserkenntnis, eine Liebesmoral für die ganze Menschheit.

78:01
Das ist das Christentum. Und das Christentum ist in der Lage, sich dann den Reichtum anderer Kulturen einzuverleiben. Das Alte Testament, ja, das war eine Art Primarschule. Das ist dann auch zu Ende gelernt und das Christentum nimmt das Wesentliche davon auf. Das Christentum ist aber auch in der Lage, das Wesentliche aus dem Griechentum, aus dem Römertum aufzunehmen, und wird eine universelle Menschheitsreligion für die Menschheit. Und Lessing beschreibt es so, dass er sagt: Gut und schön, aber das Ganze ist schon auch noch so in partikularen Verfasstheiten mit Kirche und Kirchengesetzen und Kirchenfürsten und Kirchenspaltung und so weiter. Also eigentlich, was man hat, diese Universalität Gottes und der Moral und des Ewigkeitshorizonts ist in der christlichen Epoche noch gebrochen durch lauter Halbheiten und Stückwerk.

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Und Lessing sagt: Es wird in dieser Welt noch beginnen ein Zeitalter des Geistes. Er beruft sich auf Joachim von Fiore, Franziskaner, der hat da so visionär geschaut. Und Lessing sieht das auch so, dass Menschen einander als Brüder und Schwestern erkennen und sie das Gute tun um des guten Willens und nicht mehr um eigenen Vorteils willen und nicht mehr in Konkurrenz miteinander. Das Zeitalter des Geistes wird auf Erden eine Epoche universaler Gotteserkenntnis sein, die nochmal hinausführt über die Partikularität der Religion. So, kleiner Text, kleine Zusammenfassung von mir. Das Ganze hat eine Riesengeschichte vor sich. Es gibt andere, die daran arbeiten. Herder ist schon dabei und der deutsche Idealismus. Der deutsche Idealismus wird daraus die Riesendinge stricken. Man könnte jetzt auf Kant zu sprechen kommen. Man müsste auf Schelling, vor allem auf Hegel kommen. Hegel wird das dann ins Unermessliche ausdehnen.

80:06
Und wir leben schon in einer Epoche, die mit diesem Denken zutiefst vertraut ist. Der eine Strang ist dann eben linkshegelianisch: Marx Engels, so dieser Geist der Utopie, diese Idee einer Welt der Gerechtigkeit, einer klassenlosen Gesellschaft, einer Beendigung der Gegensätze von Klassenkämpfen. Also Lessing ist da weder schuld noch hat er das alles erfunden, aber diese Idee, Menschheitsgeschichte so zielgerichtet zu denken, das hört nicht mehr auf. Das gibt es im liberalen Gewande - die freie, offene Gesellschaft als Endziel, die wir nur noch verteidigen gegen Idioten aus allen Ecken - oder die soziale, gleiche Gesellschaft, das Reich der Freiheit und so weiter. Also das ist schon ein großer Wurf von Lessing so als Idee, wie immer man das bewertet. Und was er damit ja auch hat: Im Grunde, wenn man das so sieht, merkt man, wie primitiv der Reimarus ist.

81:09
Denn der Reimarus hat so seine Moral. Und jetzt guckt er in die Bibel, liest Geschichten von David, schon wird ihm schlecht, er muss brechen. Aber das ist Arroganz. Das ist Dummheit. Es ist Unfähigkeit, geschichtlich zu denken. Das ist Lessings Meinung. So, also er hält wirklich nicht zu viel von Reimarus, weil das im Grunde so ein Vernunftsstolz ist, der auf alles, was nicht genauso denkt, mit Herablassung und Verachtung blickt. Und Lessing sagt: Komm, das ist doch - also das ist wie Leute in der 12. Klasse, die über Menschen in der 5. Klasse lachen. Das ist halt nicht das höchste der Gefühle irgendwie. Also das ist nicht so schlau. Wenn ein Neuntklässler noch über einen Fünftklässler lacht - der ist halt neunte Klasse.

82:01
Aber irgendwann sollte man verstehen, dass Leute im zehnten Semester vielleicht auch über die gymnasiale Oberstufe schon schallend lachen. Und dann sollte man über die wieder lachen, dass sie es immer noch nicht kapiert haben. Es sind ja Lerngeschichten, es sind Entwicklungsgeschichten, und jede Entwicklungsstufe hat doch ihre Würde und ihre Tiefe und ihre Kraft, die muss man doch ernst nehmen können. Dieses geschichtliche Denken ist damit angekommen in der Philosophie und in der Vernunft. Und da ist Lessing wirklich epochal. Er ist kein Philosoph, aber die Idee der Erziehung des Menschengeschlechts ist epochal, die Vernunft geschichtlich werden zu lassen. Der deutsche Idealismus wird das auf ein unsagbares Niveau puschen. - Und Lessing hat noch eine andere Idee. Nathan der Weise, ganz schlicht zu sagen: Also alles gut und schön. Aber jetzt mal ganz ehrlich - wenn mich einer kurz vor dem Tod fragt: Was ist das Wichtigste?

83:04
Lessing hat noch so eine kleine Schrift herausgegeben von Hieronymus, dem Kirchenvater - die hat er extra noch kurz vor seinem Tod herausgegeben -, wo der einfach berichtet, er habe gehört - Überlieferung -, Johannes der Evangelist habe am Ende seines Lebens immer nur noch einen Satz gesagt: Kinder, liebt einander. Das war so eine altkirchliche Überlieferung. Lessing stand auf so was, überlieferung, Latein, Übersetzung, Text und so. Man weiß nicht, ob das stimmt, keine Ahnung. So, aber egal, ob es stimmt, es ist so schön und es ist so wahr: Kinder, liebt einander. Und das war für Lessing das Ding. Also hätte man ihn gefragt: Du bist gleich tot, die Zeit reicht nicht mehr für Erziehung des Menschengeschlechts, hast du noch eine letzte Weisheit? Dann hätte Lessing gesagt: Ja, dann doch: Kinder, liebt einander. Das Ringgleichnis Nathan der Weise, die ganzen Philosophien, die ganze Dogmatik, das ist alles schön,

84:03
aber am Ende zeigt sich die Kraft des Glaubens und die Kraft der Vernunft darin, dass Menschen einander als Brüder und Schwester wahrnehmen, einander lieben, einander helfen und dienen, empathisch, voller Mitgefühl einander zugewandt sind. Für Lessing war das ganz entscheidend. Alle seine Dramen handeln ja immer von diesem Gegensatz der kalten, vernunft- oder traditionsgesteuerten Menschen und der empathischen Menschen, die offen werden für das Mitgefühl und im Mitgefühl auch andere verstehen können, auch komische Leute, auch Gegner, und im Mitgefühl die Kraft zu verzeihen oder zu ertragen finden. So, das ist für Lessing die Essenz, die Essenz des Glaubens, also das Kriterium. Das haut Lessing in verschiedenen Schriften raus, dann ist er krank, stirbt und ist tot.

85:03
So, jetzt ist ein bisschen die Frage: Was ist denn die Lösung? Also ich glaube, das einfach mal so stehen zu lassen, ist schon ein sehr großartiges Plateau. Es gibt dann später Geschichten, die sagen, er war eigentlich Spinozist. Jacobi hat mit ihm gesprochen. Vielleicht wollte er den Jacobi auch nur ärgern, vielleicht war es wirklich so. Alles wirklich sehr witzig mit Lessing. Ich möchte von diesen drei Punkten jetzt noch mal ganz knapp Linien bis heute andeuten. Ich würde ernsthaft behaupten: Von Lessing aus kann man die Entwicklung rückwärts verstehen, das Entstehen des geschichtlichen Bewusstseins. Und von Lessing aus kann man Linien sehen, die im Grunde bis in unsere Gegenwart reichen. Denn die drei Punkte, die ich so schematisch zusammengestellt habe, die haben Geschichte, die haben ihre Nachfolger. So, die Theologie, was macht die denn? Witzigerweise haben wir ja bis jetzt Spinoza, jüdischer Uhrenglaser, Philosoph, Genie; Reimarus, Lehrer, Freigeist; Lessing, Schriftsteller und so.

86:14
Was machen die Theologen eigentlich die ganze Zeit? Haben die Ideen irgendwie? Na ja, sehr, sehr unterschiedlich. Manche kochen vor Wut, andere werden depressiv, manche fangen an zu saufen oder so. Wirklich sehr, sehr, sehr, sehr unterschiedlich, kann man schon sagen. So, und im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts kann man schon grob sagen: In Deutschland setzt sich eine aufgeklärte Theologie durch. Es gibt dafür einen Fachbegriff: Neologie, Neologen. Teilweise ist es eine Schulgemeinschaft, teilweise aber auch ein wirklich buntes Geflecht, also Leute wie Johann Salomo Semmler, Jerusalem, Tölner, dazu gehört auch Spalding; Johann Joachim Spalding ist zu Lebzeiten vielleicht der anerkannteste.

87:03
Die Wenigsten von euch haben jetzt genickt und gesagt: Ah, der Spalding. Also zum Teil sind die wenig bekannt und da gibt es eine zeitliche Verzögerung. In der gegenwärtigen Theologie der letzten 20 Jahre gibt es eine Riesenblüte der Aufklärungsforschung. Also in der heutigen Theologie sind die sehr bekannt. Große Werkausgaben von Spalding und Semmler und dies und das, und das läuft. Das ist aber so von der Durchsickerung noch im Promillebereich, das ist noch nicht angekommen. Es ist ganz witzig, es gibt oft so eine Verzögerung von 10, 20, 30 Jahren zwischen theologischer Forschung und so. Stellt euch drauf ein, wenn ihr so als Hobby-Theologen weiter Spaß habt daran. Die Namen von Aufklärungstheologen sollte man auf dem Schirm haben. Die hat man früher immer als flach verachtet und so. Heute merkt man, so doof waren die nicht, und die hatten da schon ihre Ideen. So, also das setzte sich durch. Ich stelle jetzt mal einen vor, Johann Salomo Semmler. Das ist in gewisser Hinsicht der Wirkmächtigste.

88:06
Theologieprofessor, bleibt auch zeitlebens in Amt und Würden, wird auch nie mit Schimpf und Schande irgendwie hinterm Friedhof begraben oder so. Nee, also er hält sich im Amt und schreibt in den 70er Jahren ein großes Buch, "Freie Untersuchung des Kanons". Und er ist ein Theologe, der sagt: Hier, komm, ich hab's kapiert, meine Kollegen haben's kapiert. Das mit dem geschichtlichen Bewusstsein ist real. Wir können nicht mehr ständig explodieren üben wie der Goeze da in Hamburg. Man muss jetzt einfach mal auch akzeptieren: Wir werden überschwemmt von Quellen, von Überlieferungen, von Debatten, und wir können das Ganze nicht mehr verbieten und zurückdrehen. Nein, wir lernen ja ständig dazu. Wir machen ja ständig Entdeckungen. Unser eigenes Gehirn wächst ja wirklich. Es ist ja wirklich alles real. Und die Herausforderung ist im Grunde, dieses historische Denken in die Theologie zu integrieren.

89:09
Und so muss man jetzt schon sagen: Das historische Bewusstsein, historisch-kritisches Forschen ist etwas, was auf breiter Fläche entsteht. International, kreuz und quer, auf breiter Fläche, in Philosophie, in Geschichtswissenschaft, aber auch Literaturwissenschaft in allen Bereichen. Und da sind Theologen von Anfang an so mit dabei, aber im Grunde haben sie irgendwann die Herausforderung vor sich: Können wir das integrieren oder nicht? Kriegen wir eine Theologie zustande auf dem Niveau des historischen Denkens heute? Und Semmler ist einer der Ersten, die sagen: Genau das ist unsere Aufgabe und wir müssen. Wir müssen. Die Theologie kann nicht die Wirklichkeit bekämpfen. Die Wirklichkeit heute ist durch das geschichtliche Denken geprägt.

90:03
Semmler hat jetzt verschiedene Dinge dafür, die ihm auch ein bisschen helfen. Er sagt: Wir müssen dabei natürlich Theologie und Religion unterscheiden. Wenn man so will, ist das etwas, was ihn mit Lessing durchaus verbindet. Es gibt die Religion der Menschen, der Kinder, der Kreise, alle irgendwie, und die sind religiös auch okay. Und Theologie ist eine Fachwissenschaft, und Religion ist nicht, Sätze von Theologen für wahr zu halten. Das ist ein Missverständnis. Religion ist schon was Praktisches, was Lebendiges und ist nicht irgendwie ideologisch da immer kämpfen oder so. Also Religion ist Religion, und die hat man oder manche vielleicht auch nicht, schade und so, aber eigentlich hat man es. Und Theologie ist eine Fachwissenschaft und die betreiben wir an der Universität. Und dann führt er eine zweite Unterscheidung ein zwischen privater und öffentlicher Religion, und er sagt: Und ich verstehe, die Kirchen geben schon vor: So und so und so.

91:06
Und das ist auch nötig und der Staat macht es ja letztlich. Kirchen sind ja protestantischerseits immer Teil des Staatsgefüges. Das muss man sich vor Augen führen. Selbstständige Kirche - das war die evangelische ab 1918. Bis dahin: Kultusminister, das heißt ja heute noch so. So, das war eine Staatseinrichtung, die letztlich das Bischofsamt in irgendeiner Form ausgeübt hat. Es war kompliziert. Es gab immer dann, was weiß ich, Generalsuperintendenten und Geistliche und die Staatlichen, und die Staatlichen wollten sich auch nicht zu tief da reinhängen. Es war sehr kompliziert, aber im Großen und Ganzen gab es keine Trennung von Staat und Kirche. Man muss wissen: Am Ende des 18. Jahrhunderts neigt sich das liberale Zeitalter zu Ende, vor allem je stärker in Frankreich die Sachen ein bisschen überkochen. So Ende des 18. Jahrhunderts herrscht in Preußen

92:01
inzwischen Friedrich Wilhelm II. Nicht mehr Friedrich II., sondern Friedrich Wilhelm II. Also superfromm wie seine Nachfolger war der noch gar nicht. Aber der merkte schon: Die Stimmung wird antiliberal. Ich brauche mal so neue Regelungen. Es gibt so einen Staatsminister Woellner, der führt Gesetze ein, klare Zensurgesetze, die sagen: Kirchenbeamte, Gelehrte und so weiter respektieren bitte schön die kirchlichen Bekenntnisse. Religionsspott ist nicht mehr erwünscht. Brauchen wir nicht. Das war ja auch mein Vorgänger, Friedrich der Zweite. Ist ja ein super Hecht gewesen, aber jeder hat ja Grenzen. Wir sind da jetzt wieder strenger. Gibt's nicht. Und Semmler zum Beispiel war jemand, der gesagt hat: Ja, das ist richtig. Ist richtig. Gut, er musste auch eine Familie ernähren, musste irgendwie seinen Job behalten oder so. Aber er hat das ausdrücklich unterstützt und zugleich gesagt: Das gilt für die öffentliche Religion. Privat kann ja keiner ins Herz gucken.

93:02
Die Gedanken sind frei. Er unterscheidet also zwischen Theologie und Religion. Er unterscheidet zwischen privater und öffentlicher Religion. Beides macht sehr stark Karriere. Heute kommt es uns so selbstverständlich vor, hoffe ich. Aber damals war es wirklich neu, das so zu machen, so zu unterscheiden, also auch Freiräume zu definieren. Die bedeutendste Unterscheidung - darum ist er für die Geschichte der Bibelauslegung wichtig - ist: Er unterscheidet zwischen Bibel und Wort Gottes. Und er macht das programmatisch so. Und das ist für ihn eine Konsequenz, die er aus diesen ganzen Dingen zieht, die wir jetzt sehr ausschnitthaft wahrgenommen haben, also Spinoza bis Reimarus. Semmler ist jetzt schon jemand, der sagt: Ich glaube an Gott. Ich glaube an Jesus Christus, Auferstehung, Offenbarung Gottes. Also ich bin dabei. Ich unterschreibe alles. Möge keiner in mein Herz gucken - aber ich bin dabei. Ich vertrete das alles und bin gegen Reimarus.

94:03
Natürlich bin ich dagegen. Ich verteidige das. Christentum kann man schon sinnvoll verteidigen. Und er sieht aber auch Dinge, die Spinoza, Reimarus und tausend andere dazwischen deutlich machen. Und er hilft sich so, dass er sagt: Wir müssen im Grunde deutlicher unterscheiden als die Vorgängergeneration: Die Bibel ist nicht identisch mit dem Wort Gottes. Und bei Semmler kann man im Grunde sagen, bei ihm funktioniert die Formel: Die Bibel enthält das Wort Gottes, aber ist nicht das Wort Gottes. Und er macht das auch ganz klar. Er sagt: "Es gibt Schriften wie zum Beispiel das Buch Esther. Das ist eine jüdische Schrift. Gott kommt da nicht mal vor. Ist nicht unser Thema, ist nicht unser Kampf. Das ist doch nicht Wort Gottes. Das ist eine jüdische Historie. Müssen wir jetzt gar nicht näher diskutieren. Aber das ist doch keine Offenbarung, die uns hilft, an Gott zu glauben oder so. Und andere Schriften auch. Vieles im Alten Testament berührt uns gar nicht so sonderlich.

95:06
Die ganzen Geschlechtsregister - das ist doch keine Offenbarung. Was ist Offenbarung Gottes? Das Moralische." Das ist jetzt eine kleine Falle. Man kann bei, ich sage mal, so halbklugen Leuten bis heute finden, dass sie sagen: Der Semmler hat das Christentum auf Moral reduziert. Den Fehler sollten wir nicht machen. Das ist falsch. Denn was Semmler mit Moral meint, ist nicht das, was wir heute mit Moral meinen. Wir leben in einer Zeit, wo wir zwischen Moral und Religion deutlich unterscheiden. Diese deutliche Unterscheidung - also Schleiermacher, der kämpft dafür. Ist nicht ganz der Erste so. Aber ab Schleiermacher gibt es eine deutliche Unterscheidung zwischen Religion und Moral. Die Semmlerzeit unterscheidet nicht zwischen Moral und Religion. Das Moralische bei Semmler, ich schlage mal vor, ist das Sittlich-Religiöse.

96:05
Er kann nämlich häufig moralisch und geistlich gleichsetzen. Zum Sittlich-Religiösen gehören Gotteserkenntnis, Nächstenliebe, Nachfolge, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, aber auch Jesu Auferstehung, Dankbarkeit gegenüber Gott. Das ist für ihn das Moralische. Das ist ein anderer Begriff. Das ist übrigens auch wieder "historisch- kritisch" in Anwendung. Die Wörter haben Geschichte und man darf bei einem Wort wie moralisch Semmlers "moralisch" nicht verwechseln mit dem heutigen Begriff. Und das ist zum Beispiel etwas, da kann man auch nicht diskutieren. Da kann man nicht sagen: Das sagst du, ich finde es anders oder so. Nee, das ist wirklich so. Das kann man wirklich an den Quellen zeigen. Es ist bei Semmler das Sittlich-Religiöse. Das meint er. Er unterscheidet es nicht streng, es ist so ineinander. Es gehört für ihn ganz eng zusammen. Man kann, wenn man will, dann sagen: Es hat ein moralisches Gefälle.

97:01
Es geht ihm schon um das praktische Leben in Liebe und Gerechtigkeit, aber im Verbund mit Gotteserkenntnis und Glauben an den Auferstandenen und so. Und das ist für ihn Wort Gottes. Und das ist sein Bibelumgang, dass er sagt: Wir müssen die Bibel historisch-kritisch auslegen, und wir müssen unterscheiden: Was ist die sittlich-religiöse Substanz und was ist der historische Ballast, der da einfach so ist? Und das ist schon ähnlich wie Spinoza. Nur dass Spinoza im Grunde gar keine christliche Religion machen will und es bei Semmler schon noch so ein bisschen Christentum-zentriert ist, aber es ist so ähnlich: Das Sittlich-Religiöse ist die Substanz, ist der Kern, und das historisch Zufällige, das ist die Schale, also die ganzen Episoden, die ganzen Königsbücher und auch irgendwelche Sachen, Evangelien und der Mantel des Paulus zu Troas

98:03
und diese ganzen Sachen - das sind alles nicht Offenbarungen Gottes. Gott offenbart sich in der sittlich-religiösen Substanz der Bibel. Und man könnte jetzt von da Linien ziehen bis in das 20. Jahrhundert hinein bis zur sogenannten liberalen Theologie. Da war das immer so eine Logik: Schale und Kern. Der Kern ist entscheidend, die historische Schale fällt weg. Das Wort liberal ist ein bisschen gekippt. Heutzutage würde man liberal eher nennen: gar keine Offenbarungsreligion, sondern sehr stark ausgehend von Religion als menschlicher Dimension der Weltbetrachtung. Insofern kann man jetzt nicht so einfach sagen, Semmler ist der Kirchenvater der liberalen Theologie bis heute, aber man kann es mit so einer Zweidrittel-Wahrheit sagen. Vielleicht ist euch das ja hier und da begegnet. Ich glaube schon, so mancher Religionsunterricht lebt noch irgendwie ganz gut damit:

99:03
In der Bibel ist vieles für die Füße, aber es gibt so einen Kern, es gibt so ein bisschen Substanz, und damit kann man was machen. Ein Stück weit kann man das von Lessing her denken, also von dieser praktischen moralischen Religion her, von der Ringparabel her. Historisch-kritisch heißt einfach: Was ist die Substanz und was gehört nicht dazu? Ich will ja überwiegend zeigen, fast nur - aber doch ganz kurze eine kleine Bewertung jetzt von mir. Nur dass ihr es wahrnehmt: Die Aufgabe der historisch-kritischen Methode ist schon, das Historische da "wegzumachen" vom Christentum. Also alles, was richtig historisch ist im engeren Sinne, kommt weg. Ist auch nicht wichtig, es ist so ein Substraktionsverfahren. Also wenn jetzt jemand kritische Gedanken dazu hat, würde ich heimlich flüstern: Gebt dem ruhig mal ein bisschen nach. Ich stelle dar, mach das irgendwann ausführlicher,

100:04
wo ich sage, wie ich das so sehe und finde. Hier nur kleine Kommentare aus meiner Perspektive. Ich möchte zwei weitere Stränge noch andeuten und die kann man beide anfangen lassen bei einem Zeitgenossen, Johann Georg Hamann. Johann Georg Hamann war Zeitgenosse, und der ist ein witziger Typ, weil der ist im Grunde alles gleichzeitig. Den muss man aufgeklärt nennen, weil der echt viel weiß. Der ist auch bekehrt. Der hat eine Bekehrungsgeschichte mit Jesus. Der hat eine Liebe zur Bibel und eine Liebe zu Jesus. Und er ist auch Lutheraner und philosophisch auf der Höhe. Also Johann Hamann ist einer der wichtigsten Unbekannten, die es gibt. Ich schätze, viele hören den Namen zum ersten Mal. Das ist schade, Johann Georg Hamann könnte man ruhig kennen. Das ist so einer der bedeutendsten Unbekannten, die ich so wüsste. So, und in der Zeit damals macht er sich so seine Gedanken

101:02
und im Grunde kann er auch bei Lessing anknüpfen. Zitat von ihm: "Der Glaube ist kein Werk der Vernunft. Daher kann er auch keinem Angriff derselben unterliegen, weil Glauben so wenig durch Gründe geschieht als Schmecken und Sehen." Ihr merkt die Lessing-Spur. Der Hamann ist da von allein drauf gekommen, von Luther, von der Bibel und so weiter her. Aber es berührt sich mit dem, was Lessing sagt. Und er ist Offenbarungs-Frommer, er sieht die Bibel als Offenbarung, die zu unserem Herzen spricht und die nicht abhängig ist von Verstandesbegründungen. Das vertritt er schon sehr stark: Was wir mit dem Verstand begründen können, haben wir im Griff. Die Bibel spricht uns tiefer an. Sie zielt auf unsere Selbsterkenntnis als Sünder, die in sich verstrickt sind und mit sich und dem Leben im Letzten nicht klarkommen, es nicht in den Griff kriegen,

102:08
reinfallen auf Illusionen, auf Täuschungen, sich über sich selbst immer wieder im Unklaren sind. Und Bibelerkenntnis und Gotteserkenntnis ist immer Selbsterkenntnis, die Liebe Gottes zu brauchen, angewiesen zu sein auf ein großes Ja, das ich mir selbst nicht geben kann. Und zwar ein solches Ja, das mich liebt durch meine Brüche und Abgründe hindurch. Und das ist die Botschaft des Kreuzes. Und das ist eine existenzielle Erkenntnis, eine persönliche Erkenntnis. Die ist auch intellektuell entfaltbar, aber in einer Weise, dass ich mit zum Stoff gehöre. Und jede intellektuelle Argumentation, die Religion und Gottes Existenz verobjektiviert und mich draußen lässt,

103:02
ist im Grunde naiv und verkennt im Grunde die wirkliche Herausforderung, die die Gottesfrage für mich bedeutet. Einer, der das radikalisiert hat, ist Sören Kierkegaard. Sören Kierkegaard kannte z. B. Hamann und fand den auch ganz großartig und hat das stark gemacht und gesagt: Im Grunde ist es immer leicht, auf die bösen Atheisten einzuschlagen, aber im Grunde ist der Gesamtgeist im 18. Jahrhundert schwierig. Ein Zitat, Kierkegaard sagte: "Einige zweifelten. Wiederum gab es dann andere, die den Zweifel mit Gründen zu widerlegen suchten, sagt man." Und dann sagt Kierkegaard: Das ist aber die große Täuschung. Man denkt im 18. Jahrhundert, da kamen böse Zweifler, die Neuzeit, und dann haben tapfere Apologeten dagegengehalten. Kierkegaard sagt: "Eigentlich war es doch so: Das Erste ist gewesen, man hat versucht, das Christliche mit Gründen zu beweisen oder im Verhältnis zum Christlichen Gründe anzubringen. Und diese Gründe erzeugten aus sich heraus den Zweifel und der Zweifel wurde immer stärker.

104:07
Der Beweis für das Christliche liegt nämlich eigentlich in der Nachfolge." So, und als das nicht mehr funktionierte oder wie auch immer, "empfand man ein Bedürfnis nach Gründen. Aber schon dieser Umstand, dass es Gründe gibt, ist eine Art des Zweifelns. Und so erhob sich der Zweifel nun, lebte von den Gründen. Und man merkte nicht, mit je mehr Gründen man kommt, umso mehr nährt man nur den Zweifel. Umso stärker wird er. Dem Zweifel Gründe bieten, um ihn zu töten, heißt, gleichsam einem hungrigen Ungeheuer, das man loswerden möchte, die wohlschmeckende Speise zu bieten, die es am meisten liebt." Das ist Kierkegards Deutung dieses Jahrhunderts. Und ihr seht, er stellt das Ganze jetzt noch mal komplett auf den Kopf und sagt: Sehr viele dieser Schlachten, Reimarus, Goeze und so weiter, die hatten alle den rechten Eingang längst verloren und kämpften in irgendwelchen Hinterhöfen.

105:05
Der Eingang ist immer dieses Zusammentreffen von Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis, Sündenerkenntnis und Erkenntnis der Liebe Gottes. Und dafür ist die Schrift, und das kann man da finden, aber nicht in diesem rationalistischen Kampf, wo man da sich aufschwingt, Gott zu töten oder Gott zu verteidigen. Das ist alles ein bisschen Käse. Man kann das bei Lessing finden. Die Grundidee kann man bei Lessing finden. Das räumt Kierkegard ausdrücklich ein. Er sagt: Das ganze Problem bei Lessing ist, am Ende lässt er es selbst in der Schwebe. Am Ende hält er sich raus. Am Ende ist für ihn nicht mehr das Evangelium von Christus der Bezugspunkt. Keiner hat das Problem so scharf analysiert wie Lessing, aber im Grunde hat er sich dann auch einen schlanken Fuß gemacht und ist der eigentlichen Konfrontation mit dem Evangelium ausgewichen.

106:01
Vom Hamann her, den ich gerade erwähnt habe, gibt es aber auch noch eine andere Spur. Nur angedeutet, ein Satz von Hamann lautet so: "Ich kenne keine ewigen Wahrheiten als unaufhörlich zeitliche. Ich habe ja an Lessing gelobt, gerühmt, dass er die Vernunft hat geschichtlich werden lassen." Das ist schon ein Riesending, würde ich sagen. Man könnte jetzt sagen, bei Aristoteles ein bisschen, aber so stark wie in der Neuzeit ist es wirklich was Besonderes. Die Vernunft wird geschichtlich. Sie fängt an, Entwicklung zu denken. Wie hat Lessing Entwicklung gedacht? Na ja, schon wie in der Schule, das heißt, eigentlich nicht mal wie in der Schule, sondern eigentlich noch weniger. Eher so, dass du auf verschiedenen Leveln bist und das, was du in einem bestimmten Level gelernt hast, ist damit eben auch abgefrühstückt und du brauchst es nicht mehr. Und das ist bei Lessing so. Er kann schätzen, dass Menschen auf primitivem oder anfänglichem Level

107:07
bestimmte Dinge total wichtig finden, aber er schätzt es mit mildem Lächeln, weil er selbst in einer höheren Liga ist und das eigentlich so nicht mehr braucht. Und Lessing selbst sieht sich ja im Grunde in einer Welt, wo er sieht: Für manche ist das Christentum das große, universelle Ding, und sie blicken verächtlich zurück auf die Juden im Alten Testament. Na ja, Lessing blickt im Grunde schon so auf die Christen und sagt: Ihr seid auch nur eine Phase. Also es ist schon schön, euer Christentum, aber eigentlich geht es noch weiter. Und ich könnte ja nichts davon sagen, wenn ich nicht schon ein bisschen weiter wäre als ihr lieben armen Christen, aber ja, gut - also genießt eure Phase. Und auch da geht es weiter. Und das ist eine bestimmte Logik, die die geschichtliche Entwicklung auch als Subtraktionslogik versteht. Auf einer neuen Stufe brauchst du das Alte nicht mehr. Das ist dann echt Käse. Hamanns Satz funktioniert ja anders. Auch er kann geschichtlich denken.

108:05
Er tut das sehr viel, aber er kann das Eigenrecht und den Eigensinn geschichtlicher Epochen so würdigen, dass sie bleibende Bedeutung haben, dass sie bleibende Wahrheiten zum Ausdruck bringen, auch für spätere Epochen. Ein Freund und Schüler von ihm hat das ansatzweise weitergedacht: Herder. Johann Gottfried Herder ist derjenige im 18. Jahrhundert, der sich nochmal ganz neu die Genesis nimmt und sagt: "Wir sind eigentlich blöd, Genesis 1 und 2 und 3, die Urgeschichte daran zu messen, ob sie Schritt hält mit unserer naturwissenschaftlichen Welterklärung. Das ist keine primitive Welterklärung, wo wir heute eine wissenschaftliche haben. Es ist ein andere Gattung. Es ist ein anderer Genus. Es ist eine andere Perspektive. Es ist eine poetische, symbolische Betrachtung des Anfangs.

109:05
Und das ist zu unserem nicht wie 'primitiv' zu 'fortgeschritten'. Es ist wie Poesie zu Prosa. Es ist ein anderer Zugang. Und wir sind arme Schweine, wenn wir verlernt haben, Poesie, Kunst als Ausdruck der Wahrheit zu begreifen." Das ist nochmal was ganz Neues. Damit kommt nochmal was Neues ins Spiel: Geschichte so zu verstehen, dass die alte Betrachtung der Welt nicht primitiv, sondern anders war, und nicht unter uns, sondern uns heute noch wahnsinnig viel zu sagen hat. In seinen Texten "Vom Geist der hebräischen Poesie" oder "Älteste Urkunde der Menschheit" arbeitet Herder daran. Es gibt in der Theologie auch einen solchen Strang, der ernsthaft anfängt, Vernunft geschichtlich zu machen, und die Bibel eben nicht liest in so einem verbrauchenden, abstreifenden Sinne, sondern als schriftliches Wort Gottes

110:08
in einer Vielfalt von Gattungen, Formungen, Überlieferungen, die eben nicht alle historisch in irgendeinem modern-aufgeklärten Sinne sind, aber eben als diese Formen uns Gott zeigen und ein Spiegel werden können für christliche Selbsterkenntnis. Auch diese Ahnung mindestens kann man bei Lessing finden. - So, das war ein bisschen viel heute, oder? Aber ich sehe, dass die meisten noch aufrecht sitzen, sehe hier gerade keinen im Koma, das freut mich. Vielen Dank fürs Durchhalten. Morgen geht's weiter.

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Gotthold Ephraim Lessing – Bibelkritik in der Aufklärung | 11.13.1

Worthaus Sommercamp – Volkenroda: 15. August 2021 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

Stell dir vor, du lebst in einem Land, in dem du nicht frei sagen kannst, was du denkst. Im schlimmsten Fall kommst du für unerwünschte Aussagen ins Gefängnis, oder du verlierst nur deine Arbeitserlaubnis, wirst gemieden und ausgelacht. Nicht schön. Gotthold Ephraim Lessing lebte im falschen Land zur falschen Zeit, um geradeheraus zu schreiben, was er dachte. Also schrieb er verschlüsselt, schrieb Nathan der Weise und Emilia Galotti. Er war clever, versteckte, was er wirklich dachte, in Theaterstücken. „So raffiniert, dass er manchmal wahrscheinlich selber nicht wusste, was er dachte“, sagt Thorsten Dietz. In seinem Schlüsselvortrag über die Bibelkritik in der Aufklärung, erklärt er zentrale Weichenstellungen im 18. Jahrhundert, die uns bis heute betreffen. Anschaulich, aber anspruchsvoll beschreibt er das Leben Lessings, seine Lehren und den großen Streit unter Gelehrten, in dem Lessing die Hauptrolle spielte. Denn er war nicht nur Theaterautor. Er war auch Bibliothekar. Und eines Tages, irgendwann um das Jahr 1777 herum, fand Lessing Texte von Hermann Samuel Reimarus. Echtes Dynamit, das merkte Lessing schnell. Texte, die den gesamten christlichen Glauben infrage stellten. Echtes Plutonium in einer Zeit, in der ohnehin noch Glaubenskriege tobten. Lessing veröffentlichte die Texte. Und entfesselte damit einen Streit, der unser Verständnis von Glaube und Geschichte bis heute prägt.