Die Vorlesung mit dem Propheten Micha Prof. Michael F. Kuhle, Professor der Universität München Unsere Vorlesung befasst sich heute mit dem Propheten Micha. Es ist keine Überraschung, dass ein Prophet in den Kanonteil Propheten hineingehört. Micha steht im Zwölf-Propheten-Buch. Er bildet dort genau die Mitte des Zwölf-Propheten-Buches. Die Zwölf-Propheten sind eine Sammlung von zwölf einzelnen Propheten. Die hebräischen Überlieferer haben die Angewohnheit, am Ende unter den Text zu schreiben, wieviel Verse ihr Text hat, wie das erste Wort heißt, wie das letzte Wort heißt und wo genau die Mitte ist.
Jeder, der diese Handschrift dann wieder abschreibt, kann nachprüfen, ob er etwa einen Vers vergessen hat, wenn es nämlich nicht stimmt bei ihm, dann muss er nochmal schauen, wo das ist. Beim Zwölf-Propheten-Buch haben sie das auch gemacht und haben festgestellt, dass die Mitte des Zwölf-Propheten-Buches ist Micha, Kapitel 3, Vers 12. Ich sage das vorweg als Appetithäppchen aus der Küche. Micha 3, Vers 12 wird uns noch sehr begleiten durch den ganzen Text. Es ist ein wirklich zentraler Text und er steht genau in der Mitte des Zwölf-Propheten-Buches. Die Zwölf-Propheten heißen nach christlicher Überlieferung auch die kleinen Propheten, nicht wegen ihrer Bedeutung, sondern wegen ihres Umfanges. Die Zwölf-Schriften passten sehr gut auf eine große Schriftrolle und diese Schriftrolle ist dann in etwa so groß,
wie die Rolle Jesaja oder die Rolle Jeremia und die Rolle Ezechiel. Diese vier Bücher zusammen, also mit den Zwölfen, bilden in der hebräischen Bibel den zweiten Teil des Prophetenkanons. Vielleicht wundern Sie sich, wenn Sie in Bibelkunde gut sind, kennen Sie noch einen Propheten Daniel, der in der christlichen Überlieferung auch immer als einer der großen Propheten erscheint. In der hebräischen Bibel steht er viel weiter hinten. Der gehört nicht mehr in den eigentlichen Prophetenkanon hinein, obwohl er durchaus einen prophetischen Charakter hat. In den christlichen Bibeln steht er dann nach Ezechiel. Die Prophetenbücher stehen in der christlichen Bibel am Ende des Alten Testaments. Dann kommt gleich das Neue Testament. In der Lutherbibel ist das noch ein bisschen anders, da stehen dann die Apokryphen noch dazwischen.
Aber vom eigentlichen Alten Testament endet es mit den zwölf Propheten, dann blättern sie um, Malaichi 3, dann kommen sie zu Matthäus 1. Das gibt wunderbare Anschlüsse. Gerade, wie wir das auch wieder sehen bei Micha, die Ankündigung des künftigen Herrschers, der in Bethlehem geboren wird, dann blättern sie ein paar Seiten weiter, sind sie bei Matthäus und da steht das dann auch. In der hebräischen Bibel ist das anders, da stehen die Propheten in der Mitte. Da steht am Anfang die Thora, die grundlegende Weisung Gottes für Israel, die Schöpfungsgeschichte und die Gesetzgebung vom Sinai, die zehn Gebote und alle anderen Gebote, der Versöhnungstag bis Deuteronomium 5. Mose, 34. Dann kommt der zweite Kanonteil, der heißt Propheten und fängt überraschenderweise mit einem Buch an,
das bei uns bei den Geschichtsbüchern steht, nämlich mit dem Josua-Buch. Es wird zunächst die Geschichte Israels erzählt, von der Landnahme, über das Leben im Land, im Richterbuch, über die Entstehung des Königtums, des Königtums Sauls und dann des Königtums Davids und dann die Geschichte des Königtums von Salomo bis zum Ende. Ein wichtiger Punkt, der uns auch bei der Deutung des Micha-Buches begegnen wird, ist dies, dass nach dem Tod des Königs Salomo das bis dahin einheitliche Reich in zwei Staaten zerfiel. Die Menschen aus dem Norden Israels, die in Jerusalem zu Fronarbeiten, zu Zwangsarbeiten herangezogen wurden,
haben sich über den Umfang dieser Arbeiten beschwert und als man nicht nachgeben wollte, als der Nachfolger Salomos nicht nachgeben wollte, haben sie gesagt, dann machen wir uns selbstständig. Und weil sie mengenmäßig sehr viel mehr waren als das übrig gebliebene Judah und Benjamin, konnte es auch niemand verhindern. Wir haben also in der überwiegenden Königsgeschichte Israels zwei Reiche nebeneinander, das Nordreich mit der dann später gegründeten Hauptstadt Samaria und das Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Südreich meistens den Namen Judah, das Nordreich den Namen Israel. Diese Reiche bestanden 200 Jahre nebeneinander, dann ging das Nordreich unter 722 v. Chr. Das wird auch in den Königbüchern erzählt und dann bestand das Südreich noch 150 Jahre weiter, bis es dann selber 586 v. Chr. zu Ende ging.
Das wird alles in den Geschichtsbüchern, die aber in der hebräischen Bibel vordere Propheten heißen, erzählt. Sie heißen vordere Propheten, weil in ihnen Propheten eine tragende Rolle spielen. Propheten traten immer wieder auf, jetzt bin ich korrekt, Propheten und Prophetinnen, es gibt nämlich auch durchaus eine ganze Menge weibliche Propheten im alten Israel, Prophetinnen und Propheten traten immer wieder auf und begleiten gewissermaßen die Geschichte Israels. Von einigen wissen wir gerade mal die Namen oder ganz wenig, von anderen werden umfangreiche Geschichten erzählt, etwa von Elia und Elischa. Aber um jetzt auch wirklich nochmal die weibliche Perspektive zu ihrem Recht kommen zu lassen, die letzte große Prophetin, die am Ende der Königbücher auftaucht, ist die Prophetin Hulda. Sie wird vom König befragt, was der Fund der Thora-Rolle im Tempel, der damals gemacht wurde, denn bedeutet.
Und gibt dann ein klassisches prophetisches Orakel, dass man das nun befolgen solle und dass der König nicht bestraft wird dafür, dass das alles zwischenzeitlich nicht geschehen ist. In der hebräischen Bibel schließen sich direkt ans zweite Königbuch die Bücher der Schriftpropheten an. Jesaja, dann Jeremia, dann Ezechiel und dann die zwölf. Verknüpft sind die Schriftpropheten wiederum mit der Geschichte Israels dadurch, dass die einzelnen Propheten in die Geschichte Israels verankert werden. Das geschieht meistens in den Überschriften, wo die Namen der Könige genannt werden, zu deren Zeit der jeweilige Prophet aufgetreten ist. Manchmal kann man es aber auch aus dem Inhalt gut ersehen oder aus einzelnen Notizen, die noch eingestreut sind.
Das heißt, die Propheten Israels geben etwas salopp gesprochen gewissermaßen den Kommentar zur Geschichte Israels ab. Oder sie geben die Botschaft Gottes für die jeweilige geschichtliche Situation in Israel weiter, die in den Königbüchern selber entweder gar nicht erwähnt oder nur angedeutet wird. Die vorderen und die hinteren Propheten sind also im Verständnis der hebräischen Bibel eng aufeinander zu beziehen. Sie gehören ganz eng zusammen. Deshalb heißt dieser Kanon Teil in der hebräischen Bibel Propheten. Einfach Propheten. Und dazu gehört nun Micha. Ich spreche im ersten Teil meines Vortrags über den Inhalt und Aufbau des Micha-Buches und fange mit der Überschrift an. Ich benutze eine eigene Übersetzung. Selbstverständlich können Sie jede andere Übersetzung auch benutzen.
Am besten nimmt man mehrere. Dann kann man auch sehen, wo es Abweichungen gibt. Ich werde mich an einer Stelle des Vortrags auch etwas näher mit der Luther-Übersetzung befassen, weil die Luther-Übersetzung da sehr eigene Wege geht und man eigentlich sehen kann, es gibt eben nicht die objektive Übersetzung, sondern es gibt immer mehrere Übersetzungsmöglichkeiten. Und deshalb ist es gut, man hat mehrere Übersetzungen zur Hand. Oder die Möglichkeit gibt es natürlich auch, Sie lernen Hebräisch und können es dann im Original lesen. Micha fängt an mit einer Überschrift. Das Wort Adonais, das Wort des Herrn, das an Micha, den Moreshetiter, erging in den Tagen Jothams, Ahas und Hiskias, der Könige von Judah, das erschaut über Samaria und Jerusalem.
Einige Prophetenbücher benennen das, was sie dann enthalten, als Worte des jeweiligen Propheten. Das Amos-Buch fängt mit der Überschrift an, Die Worte des Amos. Andere Prophetenbücher haben stereotyp denselben Anfang, das Wort des Herrn. Und dann geht es weiter, das Er, das an Micha erging oder das an Hosea erging. Hier haben wir schon zwei verschiedene Verständnisse, die aber aufs engste ineinandergreifen. Im einen Fall steht die Figur des Propheten im Vordergrund, Amos, der aber natürlich das Wort Gottes weitergibt. Denn das erste, was er sagt, heißt, so spricht der Herr. Und dann kommt Gottes Rede.
In den anderen Büchern, und Micha ist ein Beispiel dafür, sagt man, alles ist Gottes Wort, das Wort Adonais, und zwar auch nur das Wort, nicht die Worte des Amos, plural, sondern Singular, das Wort Adonais. Aber das Wort Adonais ist immer ein Wort, das an bestimmte, ganz konkrete, in einer bestimmten Zeit lebende Menschen ergeht, und die es dann weiter sagen. Das Wort Adonais, das an Micha erging in den Tagen der und der Könige. Das Wort Adonais, das an Hosea erging in den Tagen der und der Könige. Also, Propheten sind Verkündiger des Wortes Gottes, aber dieses Wort Gottes ist keine zeitlose, philosophische Wahrheit, die immer und überall gültig ist, sondern ist immer ein Wort in eine bestimmte geschichtliche Situation hineingesprochen.
Und deshalb ist diese Verankerung der Prophetenbücher in der Geschichte Israels so wichtig für ihr Verständnis. Prophetie ist auch keine, wie wir das oft verstehen, Zukunftsansage. Natürlich enthalten die Prophetenbücher sehr viel Zukunftsansage, aber es ist keine Prophezeiung in diesem Sinn, ich blicke jetzt mal in die Zukunft, sondern es ist im Grunde die Ansage von Konsequenzen, die sich aus einem bestimmten Verhalten ergeben. Wir werden das gleich bei Micha sehen, oder sind wir schon wieder bei Micha 3 Vers 12, das ist nämlich eine Zukunftsansage, die der Prophet Micha gemacht hat, die noch nicht mal in Erfüllung ging. Eine falsche Prophezeiung, wenn man so will. Wir werden gleich sehen, wie wichtig das ist und wie, trotzdem hat man das ja überliefert, man hat ja nicht gesagt, mein Gott, falscher Prophet, können wir nicht überliefern. Das musste überliefert werden, das war wichtig.
Vielleicht darf ich noch was sagen, der Gottesname J.H.W.H., Jahwe wahrscheinlich, ursprünglich ausgesprochen, wird seit biblischer Zeit nicht mehr ausgesprochen. In den meisten jetzigen wissenschaftlichen Übersetzungen schreibt man nur die hebräischen Buchstaben J.H.W.H., dann weiß keiner, wie er es aussprechen soll. In den häufigsten deutschen Übersetzungen steht der Herr, das ist eine ganz alte Tradition, dass man das so übersetzt, und wird oft in Kapitelchen geschrieben, damit man erkennt, eigentlich ist aber der Name gemeint. Also ein Name, der nicht ausgesprochen wird. Ich benutze ganz oft als hebräisches Fremdwort Adonai, heißt auch der Herr oder mein Herr und wird in der jüdischen Tradition am häufigsten verwendet, um den Gottesnamen eben nicht auszusprechen,
sondern zu umschreiben. So, ich komme wieder zurück zur Überschrift. Sie fängt also an mit das Wort Adonais, das an Micha ging. Micha wird jetzt näher gekennzeichnet, der stammt nämlich aus einer Stadt namens Moreshet, der Moreshetite, und dann werden drei Könige genannt, Jotham, Ahas und Hiskia, die Könige von Judah. Anders als bei Amos wird kein Nordreichskönig genannt. Es werden nur Könige von Judah genannt, das verweist auf zweierlei, das verweist darauf, Micha selbst stammt aus dem Südreich Judah, und er wirkte auch im Südreich Judah. Anders als Amos, der auch aus dem Südreich stammte, aber im Nordreich wirkte, ist Micha ein Prophet, der nur im Südreich wirkt. Und zweitens weist diese Überschrift darauf hin, dass zur Zeit eben dieser Könige, die hier genannt werden,
das Nordreich zu Ende kam. Der König Hiskia, der hier an dritter Stelle genannt wird und unter dem wohl hauptsächlich Micha aufgetreten ist, regierte ab 725 v. Chr., da fing auch die Belagerung Samarias an und 722 war Samaria zu Ende, das heißt am Anfang der Regierungszeit Hiskias, danach gab es kein Nordreich mehr und keine Nordreichskönige, nach denen man hätte datieren können. Deshalb Micha ein Prophet aus dem Südreich, ein Prophet, der im Südreich wirkt. Aber, auch das sagt die Überschrift, das Wort, das er schaute, über Samaria und Jerusalem, also doch über die Hauptstadt des Nordreichs, die wird noch erwähnt, und Jerusalem.
Die Prophezeiung über Samaria, die in der Überschrift genannt wird, die also doch sehr wichtig ist, steht gleich am Anfang und besagt eigentlich nicht mehr, als dass es mit Samaria nun wirklich zu Ende geht oder dass Samaria am Ende ist. Denn angekündigt wird in Micha 1, Vers 2 bis 7 die totale Zerstörung Samarias und es steht da bei der Satz, also Gottes Rede, ich Gott lege seine Grundmauern bloß und wenn von einer Stadt die Grundmauern bloßgelegt werden, dann ist sie sozusagen vernichtet. Wenn die Ruinen noch stehen, kann man sie wieder aufbauen, aber wenn die Grundmauern bloßgelegt sind, ist sie für immer vernichtet.
Historisch gesehen stimmt das gar nicht. Samaria wurde sehr schnell wieder aufgebaut und bestand noch sehr lange fort. Sie können heute noch, wenn Sie dahin fahren, in der Nähe von Nablus die fantastischen Paläste und Ruinen von Samaria besichtigen. Aber als lebendige Stadt bestand es noch sehr lange fort. Was hier ausgesagt wird, ist nichts über die Geographie oder die Lokalgeschichte Samarias, sondern was hier ausgesagt wird, ist, dass die Geschichte Gottes mit Samaria zu Ende ist. Also die Grundmauern sind bloßgelegt, Gottes Geschichte mit Samaria ist zu Ende und damit setzt Micha ein. Das ist das Letzte und Einzige, was er über Samaria sagt. Die Geschichte Gottes mit Samaria ist zu Ende und die große Frage, die sich stellt, ist, wie geht es mit Judah dann weiter, wenn Samaria jetzt am Ende ist? Endet die Geschichte Judas auch oder hat Judah eine Zukunft und eine Geschichte mit Gott?
Bevor ich dann weiterfahre und einen Durchgang durchs Micha-Buch mache, um seinen Inhalt vorzustellen, muss ich auf eine Besonderheit des Micha-Buches hinweisen, das es auch von anderen Prophetenbüchern unterscheidet. Die Prophetenbücher der Bibel enthalten alle, Klammer auf fast alle, eine Mischung aus Heils- und Unheilsweissagungen. Es gibt fast keine reine Unheilsprophetie und es gibt fast keine reine Heilsprophetie. Es gibt keine reine Unheilsprophetie. Amos kündigt das Ende seines Volkes Israel an, ist also durchaus ein kritisches und auf Zerstörung und Vernichtung hinlaufendes
Prophetenbuch und hat trotzdem einen Schluss, wo davon die Rede ist, dass die Hütte Davids wieder aufgebaut wird und dass Gott eine Zukunft mit seinem Volk und mit anderen Völkern hat. Das Jesaja-Buch, das Jeremia-Buch, das Erzechel-Buch haben immer eine Mischung von Heilsweissagungen und Unheilsweissagungen. Es gibt Passagen, in denen fast nur Heils verkündigt wird, es gibt sehr unheilsschwangere Passagen, aber meistens ist es gemischt. Das Micha-Buch unterscheidet sich davon, diesen anderen Büchern, dass es einen häufigen Wechsel bringt. Unheil, Heil, Unheil, Heil, Unheil, Heil. Das wechselt sehr abrupt oft. Das sollte man im Kopf haben, wenn man die Gesamtstruktur, den Gesamtaufbau dieses Buches liest.
Diese Unheils- und Heilsworte sind in den wenigsten Prophetenbüchern so deutlich abwechselnd über das Buch verteilt. Oft sind die Heilsworte am Schluss konzentriert oder so. Das Ende für Samaria wird also in dem ersten Wort angekündigt. Dann klagt der Prophet. Er beklagt diesen Untergang Samarias. Darüber muss ich klagen und heulen, muss barfuß und nackt gehen, muss Toten Klage halten wie die Schakale und Trauer wie die Strauße. Dass der ihm versetzte Schlag, also der Samaria versetzte Schlag unheilbar ist, das ist das eine. Er trauert über das Ende Samarias. Und das zweite, dass er der Schlag bis Judah gekommen ist, er geschlagen hat an das Tor meines Volkes, an Jerusalem.
Dass dieser Schlag gegen Samaria weitergeht. Und dann kommt ein längerer Text, der diesen Schlag beschreibt. Es werden lauter Städte genannt, kleinere Orte. Und alle sind in irgendein Kriegsgeschehen verwickelt. Es ist eine schwer durchdringbare Kombination von Wortspielen, die selbst im Hebräischen schwer zu verstehen sind, im Deutschen kaum wiederzugeben sind. Mein theologischer Lehrer, Hans Walter Wolf, hat in seinem Kommentar über den Propheten Micha das versucht wiederzugeben. Das führt dann zu ganz hübschen deutschen Wortbildungen. Aber es ist eigentlich kaum möglich. Was da geschildert wird, ist ein Kriegszug, der durch das südliche Bergland, aus dem Micha wohl selber stammte, Moresheth,
geht über das jüdische Bergland bis nach Jerusalem. Am Ende steht dann der Schlag gegen Jerusalem. Und in der Mitte heißt es, als Deutung dieses Geschehens, herabgefahren ist Unheil von Adonai an das Tor Jerusalems. Also hier wird ein drohender Feldzug geschildert, der bis an das Tor Jerusalems kommt. Darauf folgt ein Kapitel, das begründet, warum es zu dieser drohenden Katastrophe kommen musste. Hier werden die Reichen, die wohlhabenden Menschen in Judah beschuldigt, dass ihre sozialen Vergehen diese Situation heraufbeschworen haben.
Wehe, die Unrecht planen und Böses tun auf ihren Lagern, beim Morgenlicht führen sie es aus, denn es steht in ihrer Händemacht. Sie begehren Felder und reißen sie an sich, Häuser und nehmen sie. Sie unterdrücken den Mann und sein Haus, den Menschen und seinen Erbbesitz. Die Reichen Judäer, in deren Händemacht es steht, wie es hier heißt, begehren die Häuser und Felder der kleinen Bauern und reißen sie an sich. Wie macht man so etwas? In der Antike immer, indem man Kredite vergibt. Die Leute können die Kredite nicht bedienen. Es kommt vielleicht eine weitere Missernte dazu oder persönliches Missgeschick, Krankheitsfälle in der Familie, Todesfälle. Und die Schulden können nicht bezahlt werden. Und dann greifen die Gläubiger zu und sagen, dann gehört der Acker mir, dann gehört das Haus mir.
Die Leute werden vertrieben oder sie geraten in Schuldsklaverei. Im Micha-Buch ist hier davon die Rede, dass sie vertrieben werden. Weiter hinten im selben Kapitel, also ein paar Verse später, heißt es dann, die Frauen meines Volkes, vertreibt ihr aus dem Haus ihrer Wonne. Ihren Kindern nehmt ihr meine Ehre für immer. Also, die Frauen werden vertrieben aus den Häusern, den Kindern wird die göttliche Ehre genommen, also Gott spricht, meine Ehre. Das heißt, ihre Freiheit. Sie sind nicht mehr freie Bürger, Judas, sie geraten in die Schuldsklaverei. Wenn Sie mal eine gute Illustration haben wollen, wie so etwas abging in 2. Könige 4, wird bei den Erzählungen über den Propheten Elisha erzählt,
wie eine Witwe, die Frau eines Propheten Jüngers, dieses Elisha, zu ihm kommt und sagt, mein Mann ist gestorben. Jetzt kommt der Gläubiger und will meine zwei Kinder in Schuldsklaverei nehmen. Das war die Situation einer judäischen Bauernfamilie. Man hatte Schulden und dann ist etwa der Vater gestorben, dann hat der Gläubiger gesagt, Moment, das kriege ich nie wieder. Und hat gesagt, die Kinder kommen zu mir in Schuldsklaverei. Oder er hat gepfendet und so weiter. Und genau solche Verhältnisse setzt Michael hier voraus und er sagt, das hat überhand genommen und deshalb müssen diese Menschen, die werden nun selber bestraft werden, heißt es hier. Und dann gibt es eine Diskussion mit den Leuten, die ihm zuhören, die sagen,
weiß sagt nicht, weiß sagen sie, man weiß sagt nicht darüber, die Schmähungen treffen nicht ein, macht doch keinen Alarm, das stimmt doch alles so nicht. Kann man das sagen? Ist Gott unmutig oder sind dies seine Taten? Sind meine Wege nicht gut mit dem, der Rechtschaffen wandelt? Also man argumentiert, Gott ist doch auf unserer Seite und so ist er doch gar nicht und so schlimm. Und dann sagt Michael, eure Prediger, vergesst sie, die euch sowas erzählen, ihr verhaltet euch so, dass Gott eingreifen wird. Und dann kommt zum ersten Mal dieser plötzliche Wechsel, von einem Vers zum anderen. In Kapitel 2, Vers 12 und 13 wird plötzlich dem künftigen Israel, dem Rest Israels, das Heil angekündigt. Sammeln, ja sammeln will ich dich insgesamt, Jakob, zusammenbringen, ja zusammenbringen will ich den Rest Israels. Und Gott zieht wie der Anführer einer Herde vor ihnen her,
heißt es dann im nächsten Vers. Es schreitet ihr König vor ihnen her, Adonai, an ihrer Spitze. Erst diese Drohung, der Schlag gegen Jerusalem und dann plötzlich zwei Verse Heil. Und dann geht es im nächsten Vers gleich wieder in die andere Richtung. Und ich sprach und jetzt kommt ein ganz hartes Wort gegen die Führungsschicht von Judah. Jetzt sind nicht mehr, wie sonst in Kapitel 2, die wirtschaftlich Mächtigen angesprochen, sondern die politisch Verantwortlichen. Hört doch Häupter Jakobs und Führer des Hauses Israel, ist es nicht an euch, das Recht zu kennen, die das Gute hassen und das Böse lieben, die ihre Haut von ihnen reißen und ihr Fleisch von ihren Knochen und die das Fleisch meines Volkes gefressen haben und ihnen die Haut abgezogen haben
und ihre Knochen zerschlagen haben und sie zerstückt haben wie im Topf und wie Fleisch inmitten des Kessels. Kannibalismus als Bild für das Verhalten der Führungsschicht von Judah. Wir kennen solche Sprüche, man zieht euch das Fell über die Ohren. Hier wird das gründlich ausgemalt. Und das geht dann das ganze dritte Kapitel weiter. Nach den politisch Herrschenden sind die Propheten dran, die prophezeien nämlich nur denen, die ihnen was zu fressen geben. Und denen prophezeien sie dann Heil, Shalom steht da im Hebräischen, denen prophezeien sie Shalom. Und wer ihnen nicht Wunschgemäß gibt, denen erklären sie den Krieg. Also die Propheten sind auch nicht besser, die decken das alles nur zu
und reden den Leuten nach dem Mund bzw. danach, was sie ihnen bezahlt haben. Dann kommt zusammenfassend in Kapitel 3, noch einmal alle vergehen, auch der König wird indirekt mit angesprochen. Wieder der Aufruf, hört doch dies, Häupter des Hauses Jakob und Führer des Hauses Israel, die das Recht verabscheuen, alles gerade verdrehen. Und jetzt kommt der König, der Zion mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht. Wahrscheinlich Fronarbeit, Zwangsarbeit, die da eingesetzt wurde. Und dann zusammenfassend seine Häupter richten um Bestechung, seine Priester geben Weisung um Bezahlung und seine Propheten Wahrsagen um Geld. Und auf Adonai stützen sie sich, indem sie sagen, ist Adonai nicht in unserer Mitte, es wird über uns kein Unheil kommen. Also fromm sind sie auch noch und gottesfürchtig und voller Gottvertrauen, uns wird schon nichts passieren.
Und dann kommt Kapitel 3 Vers 12, ich habe schon darauf hingewiesen, der zentrale Vers des 12 Prophetenbuches und auch im Micha-Buch dieser erste Zielpunkt. Und deshalb, um Eurid Willen, dieser mächtigen Willen, um Eurid Willen wird Zion als Feld gepflügt und Jerusalem wird zu Steinhaufen und der Tempel bergt zu Waldeshöhen. Also zu unfruchtbaren, bewaldeten Berghöhen. Jerusalem wird platt gemacht. Es bleibt nichts mehr übrig von der Stadt. Dieses Wort über Jerusalem hat verblüffende Ähnlichkeit mit dem Wort vom Ende Samarias aus dem ersten Kapitel. Da sagte Jeremia nämlich im Namen Gottes, ich mache Samaria zum Steinhaufen des Feldes, zu Weinbergspflanzungen und ich schütte seine Steine hinab ins Tal und seine Grundmauern lege ich bloß.
Die Frage bleibt, im Raum wird Jerusalem genauso zu Ende gehen wie Samaria. Und ich habe gesagt, Samaria ist keine zeitgeschichtlich-geografische Aussage, Samaria wurde schnell wieder aufgebaut, das ist eine theologische Aussage. Mit Samaria ist es zu Ende. Die Frage ist, diese Drohung gegen Jerusalem, dass es zum Feld gepflügt wird und zu einer bewaldeten, unfruchtbaren Berghöhe, ist das eine theologische Ansage, dass Gottes Geschichte mit Jerusalem zu Ende ist? Wir müssen nur einen Vers weiterlesen und es ist wie ein Schlag, wir sind plötzlich in einer völlig anderen Welt.
3 Vers 12, dieses Ende für Jerusalem, 4 Vers 1, und es wird geschehen am Ende des Tages, da wird der Berg des Hauses Adonais von Dauer sein an der Spitze der Berge. Er wird erhabener sein als die Hügel und Strömen werden zu ihm Nationen und so weiter und so weiter. Abrupt da kann man sich den Wechsel gar nicht vorstellen. Erst der Untergang und dann die endzeitliche Verherrlichung Jerusalems. Jerusalem ist der Mittelpunkt der Welt. Von Jerusalem wird der Weltfrieden ausgehen, die Völker strömen zum Zion. Sie holen sich Weisungen und Schiedssprüche vom Gott Israels.
Sie kehren zurück, sie werden ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Winzermessern, nie wieder ein Volk gegen das andere das Schwert erheben. Sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Das ist die Vision vom Ende und Jerusalem ist der Mittelpunkt. Also kontrastreicher kann man es nicht machen als hier im Micha-Buch. Es geht dann mit dieser heilvollen Perspektive weiter, das ganze vierte und fünfte Kapitel. Dabei wird wieder zurückgegriffen, es ist ungefähr toll verschränkt, wird zurückgegriffen auf Micha 2 Vers 12 und 13. Dieses Bild von der Sammlung der Herde und das Gott als König vor ihnen herzieht, das wird in Micha 4 wieder aufgegriffen. Und dann gibt es mehrere Einheiten, die diesen Umschlag von der Katastrophe in das künftige Heil direkt thematisieren.
In Kapitel 4, ich lese mal zwei Beispiele vor. Die fangen immer mit dem Wort an Jetzt und Jetzt. Jetzt ist die Zeit der Katastrophe. Jetzt, warum schreist du laut? Ist kein König in dir, ist dein Ratgeber umgekommen, das dich Schmerzen ergriffen hat wie die Gebärende? Winde dich und brich aus, doch der Zion, wie die Gebärende. Denn jetzt musst du zur Stadt hinaus und nächtigst auf dem Feld und kommst bis nach Babel. Jetzt ist die Zeit der Katastrophe. Und dann geht es weiter. Dort in Babel wirst du gerettet. Dort löst dich Adonai aus der Hand deiner Feinde.
Also hier ist in einem Wort dieser Umschlag von der Katastrophe zum Heil. Und dasselbe dann nochmal in 4 Vers 14 und 5 Vers 1. Jetzt, du ritzt dir Wunden, Tochter der Ritzung. Ein Zeichen von Trauer und Schmerz, dass man sich Wunden zufügt. Zitat, Belagerung hat man verhängt über uns, mit dem Stock schlägt man auf die Backe, den Richter Israels. Also der König Israels wird gedemütigt. Und dann der nächste Vers. Jetzt lernst du aber, Bethlehem, Ephratah, klein zwar unter den siebten Judas, aus dir geht mir hervor, der Herrscher sein soll in Israel. Und sein Ursprung ist von der Vorzeit, von den Tagen der Urzeit her. Und er wird auftreten und weinen in der Kraft Adonais. Also wieder der Umschlag. Jetzt wird der Richter Israels auf die Backe geschlagen. Und dann, Bethlehem, da kommt der neue Herrscher hier.
Ein Ausleger hat seine Micha-Auslegung unter die Überschrift gestellt. Michas Reise in die Zeit. Wir sehen schon, Micha reist durch die Zeit. Er kündigt Unheil an in seiner Zeit. Dann blickt er bis ans Ende der Tage, dann wird der Berg erhöht sein. Dann blickt er in eine Zeit, wo dieser Umschlag stattfindet. Jetzt ist das Unheil gekommen, aber jetzt kommt auch die Rettung. Micha reist durch die Zeit. Und er spricht dann davon, wie der Rest Jakobs unter den Völkern wirken wird. Also er geht immer davon aus, dass die Katastrophe dann auch schon eingetreten ist. Und dass es einen Rest Jakobs unter den Völkern gibt in der Diaspora, im Exil. Und dass das Geschick der Völker an ihrem Verhalten gegenüber diesem Rest Jakobs entscheidet.
Und dann kommt noch in Kapitel 5 am Ende eine Reinigung Judas. Alles, was Judas von Gott trennt, die militärische Selbstsicherheit, die Festungen, aber auch die falschen Götter, soll alles entfernt werden. Damit wäre der Weg ja frei für eine heilvolle Zukunft. Aber das Micha-Buch ist noch nicht zu Ende. Es hat sieben Kapitel und nicht nur fünf. In Kapitel 6, Vers 1 geht es wieder negativ weiter. Gott hat einen Rechtsstreit mit seinem Volk. Er beklagt sich über sein ungehorsames Volk. Und wieder droht er diesem Volk. Und wieder schließt sich scharfe Sozialkritik an. Alles noch in Kapitel 6. Da werden die Reichen in der Stadt kritisiert. Es wird kritisiert, dass sie falsche Wagen und Gewichte verwenden. Das war nämlich so, ich habe ja von den Schulden gesprochen, die die Leute gemacht haben.
Wenn sie so ein kleines, armes Bäuerchen waren und zu dem reichen Nachbarn gegangen sind, haben sie gesagt, ich bräuchte mal einen Kredit. Ich bräuchte mal 40 Liter Saatgut, damit ich nächsten Frühjahr wieder aussäen kann. Dann gab es im Alten Orient überall ein probates Mittel. Der gute Verleiher hat nämlich einen doppelten Boden in sein Gefäß hineingelegt. Und da stand dann zwar 40 Liter drauf oder das entsprechende auf hebräisch. Aber in Wahrheit waren es nur 35 Liter. Und wenn der gute Bauer seinen Kredit zurückbezahlt hat, fehlt dann natürlich der doppelte Boden. Das heißt, er hat 40 Liter zurückverlangt. Falsche Gewichte, falsche Maße, das ist im Alten Orient ein ständiges Problem. Es gab noch keine Münzen, wo man ja dann auf der Münze aufgedruckt hat, was sie wert sind. Es gab Gewichtssteine und da konnte man natürlich manipulieren an den Gewichtssteinen.
Deshalb heißt es im fünften Buch Mose, du sollst nicht zweierlei Gewichtssteine in deinem Beutel haben. Sondern wo ein Schäkel draufsteht, das muss dann auch ein Schäkel wiegen und nicht weniger oder mehr. Aber solche Betrügereien fanden ständig statt. Und das wird hier in Micha jetzt wieder kritisiert. Also diese Sozialkritik, die wir in Kapitel 2 schon hatten, wird hier wieder aufgegriffen. Das verfluchte, schwindsüchtige Eva, ein schönes Wort, Eva ist ein Hohlmaß und das ist schwindsüchtig. So werden die kleinen Leute betrogen. Frevlerische Waage, also man hat auch die Wagen, man muss die ja dann immer genau abwiegen, die hat man auch verbogen. Und ein Beutel mit falschen Gewichten. Deren Reiche, also die reichen Leute der Stadt sind voll mit Gewalt und ihre Bewohner reden Lüge und ihre Zunge ist Täuschung.
Und im siebten Kapitel geht es weiter, da wird ein Rundumschlag gemacht. Der Beamte erfordert, der Richter um Bezahlung und der Große nach Begierde. Also Geldbestechung, Korruption. Und dann kommt ein Bild der totalen Zerrüttung, des allgemeinen Zerfalls in der Gesellschaft. Glaub nicht dem Nächsten, vertraut nicht dem Freund, vor der, die an deiner Brust liegt, hüte die Pforten deines Mundes. Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter steht auf gegen ihre Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. Zu Feinden des Mannes werden seine Haussklaven. Also alle gesellschaftlichen Beziehungen, auf die man sich doch sollte verlassen können, in der Familie mit der Partnerin, dem Partner, mit der man das Lager teilt, hüte deinen Mund.
Man ist sich nirgendwo mehr sicher. Dieses düstere Wort steht dann in Micha 6, Vers 7. Und dann schlägt es wieder um zum letzten Mal 7, 8 bis 20. Zion spricht und sagt, war ich auch gefallen, so bin ich aufgestanden, wohne ich auch in der Finsternis, so ist Adonai Licht für mich. Und der Schluss des Micha Buches, ein Gebet, preist den Gott, der zum Geben bereit ist. Wer ist ein Gott wie du, der Schuld vergibt und an der Verfehlung vorübergeht für den Rest seines Eigentums? Er hält nicht für immer an seinem Zorn fest, denn Wohlgefallen an Güte hat er. Er wird sich unser wieder erbarmen, wird unsere Verschuldigungen niedertreten.
Und du wirst in die Tiefen des Meeres werfen all ihre Sünden. Du wirst Jakob Treue erweisen, Abraham Güte, wie du unseren Vätern geschworen hast seit den Tagen der Vorzeit. Wir haben also im Micha Buch insgesamt dreimal diese Abfolge, Worte des Unheils, Heilsworte, Unheil, Heil, Unheil, Heil, in unterschiedlicher Länge. Aber wir haben auch überlagerte Strukturen, die drüber hinweggehen. Denn 3, 12 ist das Ziel von Kapitel 1 an. Da wird ja das Unheil gegen das Tor meines Volkes, gegen Jerusalem, schon in Kapitel 1 angekündigt. Da wird das begründet mit dem Fehlverhalten der Reichen, mit dem Fehlverhalten der Oberschicht und in 3, 12 kommt das zum Ziel.
Deshalb, um eure Twillen, wird Zion nun zum Feld umgepflügt. Und dazwischen steht, ich sage jetzt mal in Anführungszeichen, wie ein Fremdkörper, dieses Heilswort. In Kapitel 2, dass Gott die Leute später wieder sammeln und den Rest zusammenfügen und als König an ihrer Spitze gehen wird. Diese Kapitel 1 bis 3 sind auch durch das Stichwort das Böse oder das Unheil zusammengehalten. Im Hebräischen ist das dasselbe Wort. Also das Böse als die Ursache und das Unheil als die Folge wird mit derselben Wortwurzel bezeichnet. Da heißt es in 1, 12 herabgefahren ist Unheil von Adonai an das Tor Jerusalems. Dann werden die kritisiert, die Böses planen auf ihren Lagern.
Denn eine böse Zeit ist es in 2, 1 bis 3, auch in 3, 2, die das Böse lieben oder die sagen Adonai wird kein Böses, kein Unheil über uns bringen. Also wir haben hier eine sehr geschlossene Komposition, die unterbrochen ist durch 2, 12. Und 2, 12 wird dann wieder in 4, 6 und 7 aufgenommen in den Heißworten und so gibt es einige sich überlagerte Strukturen. Wenn Sie die wissenschaftliche Literatur zu Micha lesen, dann finden Sie unendliche Abhandlungen, die sich darüber streiten, wie man Micha gliedern soll. Ich halte das für müßig. Alle haben sie recht, weil jeder sieht irgendwas richtiges und keiner hat wirklich recht, weil keine dieser Vorschläge geht wirklich auf. Mir hat es sehr geholfen, dass ich ein anderes Bild verwendet habe für Micha, nämlich das Bild einer musikalischen Komposition.
Wenn Sie eine Sinfonie hören, die etwa vier Sätze hat, dann haben diese Sätze durchaus unterschiedliche Stimmung. Das ist üblich. Nehmen Sie an, der erste Satz ist vielleicht düster. Der zweite ist langsam und getragen, der dritte ist heiter und der vierte ist dann beschwingt und majestätisch oder was weiß ich. So, ein guter Komponist kann es aber durchaus hinkriegen, dass er im ersten Satz, der insgesamt düster ist, bereits vielleicht mal in einer Stimme in der Flöte, das heitere Motiv des zweiten Satzes anklingen und wieder verklingen lässt. Und so kann man in der Musik vieles gleichzeitig zum Hören bringen. Und wenn ich Micha so als Partitur verstehe, lese, dann kann ich verstehen, dass da, wo es so düster und unheilvoll zukommt, doch eine Stimme schon mal sagt, aber es gibt auch noch was anderes.
Und umgekehrt da, wo es dann so heilvoll wird, man sagt, naja, aber Vorsicht, es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt auch noch das andere. Das heißt, wenn man einfach diese Strukturen als sich überlagernd ineinandergehend sieht, dann kann man zwar einerseits schon sagen, Micha ist eine ständige Abfolge von heil und unheil und doch gibt es auch eine Überlagerung der Strukturen. Ich kann Micha nicht so kleingeistig in Schubladen stecken. Ich muss dieses Buch etwas großzügiger lesen und keine strengen Untergliederungskriterien anschließen. Ich komme zum zweiten Teil des Vortrags. Wie ist dieses Buch entstanden? Wenn wir diesen bewegten Aufbau sehen, fragt sich ja, wie ist das entstanden? Hat sich da einer hingesetzt und hat das so hingeschrieben? Eher nicht.
Wir haben in der Antike so gut wie keine Autorenliteratur. Wir haben fast immer sogenannte Traditionsliteratur. Und Tradition heißt weitergeben, aber auch produktiv weitergeben, nämlich auch weiterdenken und auch weiterschreiben. Man hat in die Texte neue Einsichten hineingeschrieben. Man hat aber gesagt, das steht alles noch unter diesem Titel, das Wort Adonais, das an Micha erging. Das ist durchaus alles noch Gottes Wort. Das ist nicht deshalb weniger wert, weil es vielleicht nicht historisch von Micha gesprochen wurde, sondern das steht unter diesem Rahmen und das ist auch im Sinn dieses Propheten. Das ist dieser Prophet weitergedacht, in neue Situationen hinein weitergesagt.
Die Überschrift sagt ja nicht, dass Micha der Autor dieses Buches ist. Die Überschrift sagt, dass dieses Buch das Wort Gottes enthält, wie es an Micha ergangen ist. Das ist aber was anderes, als wenn man sagt, diese Worte hat Micha aufgeschrieben. Das steht da nicht. Das steht nur, das geht auf ihn zurück. Es geht auf ihn zurück. Kapitel 1 bis 3 ist insofern spannend, als in diesem Teil des Micha-Buches häufig die Ich-Form verwendet wird. Das heißt, der Prophet tatsächlich selber redet. Nach dem Untergang Samarias hält er die Totenklage. Darüber muss ich klagen und heulen. Muss barfuß und nackt gehen, muss Totenklage halten. Und dann in Kapitel 3 Vers 1, ich sprach und ich sprach. Nach dieser Unterbrechung durch die Heilsweis-Sagung, er redet wieder und ich sprach.
Er verwendet auch den Ausdruck mein Volk, wenn er selber redet. Die Frauen meines Volkes vertreibt ihr aus dem Haus ihre Wonne. Das ist keine Gottesrede, da spricht Micha selber. Er spricht von meinem Volk, er solidarisiert sich mit meinem Volk. Er beklagt die Reichen mit diesen Bildern des Kannibalismus und sagt, die das Fleisch meines Volkes gefressen haben. Auch hier spricht nicht Jahwe, sondern hier spricht der Prophet selber. Er sagt, das ist mein Volk und ihr zerstört mein Volk. Und dann in 3 Vers 8, wo er die Propheten kritisiert, da stellt er sich denen ganz scharf gegenüber. Ich hingegen, ich bin erfüllt mit Kraft, dem Geist Adonais und Recht und Stärke, Jakob seine Verfehlung zu verkünden und Israel seine Sünde.
Also hier wird der Prophet als der wahre Prophet dargestellt und die anderen, die nur nach dem Mund reden. Also hier hat man eine deutliche Ich-Form. Ich habe diesen Teil als Micha-Denk-Schrift bezeichnet, Kapitel 1 bis 3. So eine Art Denkschrift, die festhält, Micha hat das Ende Jerusalems angekündigt und er hat es begründet. Die Ich-Form setzt nicht unbedingt die persönliche Verfasserschaft voraus. Vor allem setzt sie nicht voraus, dass wir hier eine protokollarische Wiedergabe prophetischer Worte haben. Die Propheten haben allesamt mündlich verkündigt und wenn ihre Worte aufgeschrieben wurden, dann kann das durchaus sinngemäß das sein, was sie da gesagt haben.
Aber die poetische Form, die sie haben, die sehr durchdachte Komposition dieser Worte weist doch eher darauf hin, dass dann auch noch schriftlich daran gearbeitet wurde. Also wir haben keine protokollierte mündliche Rede. Dennoch denke ich, dass dieser Teil, Micha 1 bis 3, auf jeden Fall auf Micha zurückgeht. Ich habe schon erzählt von diesem Feldzug, der in Kapitel 1 geschildert wird, der in dem Hügelland im Südwesten von Jerusalem anfängt und dann durch die Berge nach Jerusalem geht. Dieser Feldzug fand auch statt 701 v. Chr. statt. Der Assyrer König Sanherib hat genau da unten angefangen, wo der Micha herstammt, in Moreshet Gath, und ist dann allmählich auf Jerusalem vorgerückt. Genau das schildert hier Micha aus einer sehr nahen Perspektive. Er ist sozusagen dabei. Er lebt in dieser Gegend. Das sind Dörfer, Sie können sich da auf einen Hügel stellen, die da genannt werden, da sehen Sie die alle.
Da war Micha zu Hause, da ging dieser Feldzug durch und er sagt, das Ziel ist Jerusalem. Und Jerusalem war das Ziel. 701 v. Chr. stand das Heer Sanheribs vor Jerusalem und hat die Stadt belagert. Allerdings wurde die Belagerung abgewendet. Jerusalem wurde nicht erobert und wurde nicht zerstört und nicht zertrümmert, wie Micha angekündigt hatte. Das heißt, das was Micha da angekündigt hat, ist so nicht eingetroffen. Zumindest nicht zu seiner Zeit. Es ist später eingetroffen, 140 Jahre später, aber nicht zu seiner Zeit. Trotzdem hat man dieses Wort aufgeschrieben. Wir werden gleich noch sehen, warum man so etwas aufgeschrieben hat. Und dann kommt eben Michas Reise durch die Zeit. Ich habe das Wort zitiert, wo er davon spricht, ihr müsst nach Babel, dort werdet ihr errettet.
Die Verbandung nach Babel war 150 Jahre nach Micha. Da begann die babylonische Gefangenschaft. Das Ende des Königtums, auf die Wange geschlagen der Richter Israels, war 586 v. Chr. und nicht zur Zeit Michas. Das heißt, man hat in späterer Zeit gesagt, jetzt treffen die Weissagungen Michas ein, aber jetzt haben wir auch die Hoffnung auf die Wende. Jetzt wo die Strafe vollzogen ist, da können wir auch hoffen, dass es wieder in eine positive Zukunft geht. Und diese Wende kam im Jahr 539, als die Perser im Orient die Vorherrschaft übernommen haben und die Babylonier entmachtet haben und den Menschen erlaubt haben, in ihre Heimatländer wieder zurück zu kehren.
Gut, aber jetzt gab es ein neues imperiales Zentrum. Das waren jetzt nicht mehr Ninive und nicht mehr Babylon, das war jetzt Persepolis, die Hauptstadt des Perserreiches von König Darius I. im Jahr 520 gegründet. Es gibt da wunderbare Reliefs, die zeigen, wie dieser König sich verstanden hat. Er sitzt auf einem mächtigen Thron, aber dieser Thron steht nicht auf dem Boden, sondern da stehen unten so kleine Männchen und tragen diesen Thron und die haben die Trachten aller Völker des Perserreiches. Also die Völker des Perserreiches tragen den Thron des Königs. Und da gibt es riesige Reliefs, da sitzt er nun auf seinem Thron und links und rechts in endlosen Reihen kommen die Repräsentanten der Völker und bringen ihre Gaben dem persischen König dar. Das war die Realität der Perserzeit und die Ideologie oder Theologie der persischen Könige.
Und dagegen wird jetzt Micha 4, Vers 1 bis 5 geschrieben. Am Ende der Tage wird der Berg aller Berge der Zion sein und nicht Persepolis. Und die Völker werden zum Zion strömen und werden dort keine Gaben hinbringen, sondern sich Weisung und Rechtssprüche des Gottes Israels holen, um ihre Konflikte beenden zu können und sie werden alle Frieden lernen. Also wir sehen hier deutlich, wie die Perserzeit sich schon im Micha-Buch widerspiegelt. Die Perserzeit war aber auch eine Zeit, wo Israel zwar wieder in sein Land zurück konnte und man die Hoffnung hatte, es würde wieder bergauf gehen und in Wahrheit die alten sozialen Missstände genauso wieder hoch kamen wie vorher.
Und deshalb kommt in Kapitel 6 auch wieder neue Sozialkritik. Es ist eben nicht alles gut mit dem Ende des Exils, sondern wieder herrschen die Reichen über die Armen und wieder ist die öffentliche Verwaltung von Korruption durchsetzt. Und dann kommt noch dieser gebetartige Abschluss, den ich schon vorgetragen habe, wo plötzlich nicht mehr das Ich des Propheten spricht, sondern ein Wir. Dieses Wir betet, weide dein Volk mit deinem Stab die Herde deines Eigentums, die für sich wohnt im Wald mitten im Fruchtgarten, weide sie wie in den Tagen der Urzeit, wie in den Tagen, da du herausgegangen bist aus dem Land Ägypten. Und dann, wer ist ein Gott wie du, der Schuld vergibt?
Hier in sehr später Zeit eignet sich die Gemeinde den Text gewissermaßen an. Sie fügt Gebete ein, sodass man diesen Text einfach liturgisch auch lesen kann. Und der Text nun zum liturgischen, zum Lesetext im Gottesdienst wird. Wir haben also eine lange Geschichte, in der dieses Buch gewachsen ist, hinzugewonnen hat, auf neue Situationen ausgedeutet wurde und trotzdem ein Kontinuum hat, Gott steht immer auf der Seite der Schwachen. Ob das beim sozialen Unrecht die Opfer der Mächtigen und Reichen sind, oder ob das das kleine Volk Israel ist, wenn es von den Völkern erobert und niedergeworfen wird. Gott steht immer auf der Seite dieser Schwachen. Und diese Schwachen müssen sich nur zu diesem Gott auch bekennen und dann haben sie eine Zukunft.
Und das ist die Botschaft an Jerusalem. Jerusalem wird nicht untergehen, weil es letztlich doch auf Gott gehört hat. Das ist die Differenz zu Samaria. Micha im Alten Testament, Teil 3 meines Vortrags, die Teile werden jetzt immer etwas noch kürzer. Ich habe jetzt schon vielfach gesagt, dass Micha 3, Vers 12 als die Mitte des Micha-Buches gilt und des 12 Prophetenbuches. Jerusalem wird bedroht und Jerusalem ist die Mitte der Welt. Dieses Wort in 3, Vers 12 vom Untergang Judas ist im ganzen Alten Testament das einzige Prophetenwort, das in einem anderen Prophetenbuch wörtlich unter Angabe der Quelle zitiert wird.
Im Jeremia-Buch, in Jeremia 26 wird geschildert, dass Jeremia 130, 140 Jahre nach Micha ebenfalls gegen den Jerusalemer Tempel gepredigt und den Untergang des Tempels angekündigt hat. Daraufhin wird Jeremia der Prozess gemacht. Er wird von dem priesterlichen Gericht am Tempel und den königlichen Beamten vor Gericht gestellt und soll zum Tode verurteilt werden wegen dieser gotteslästerlichen Aussagen gegen den Tempel. Wir kennen das ja dann von Jesus auch wieder. Daraufhin stehen, so berichtet Jeremia 26, einige von den Ältesten des Landes auf und sagen, in den Tagen des Königs Hiskia trat doch der Prophet Micha auf und redete gegen den Tempel und sagte, und dann wird Micha 3, Vers 12 zitiert,
der Tempel wird zum Trümmerhaufen und zur bewaldeten Bergeshöhe und zum Steinhaufen und jetzt fahren sie fort, das steht nicht mehr im Micha-Buch, weil sie ja wussten, dass der Tempel damals gar nicht zerstört wurde. Und tat nicht der König Hiskia, daraufhin Buße und der Tempel blieb verschont. Und die Folgerung ist natürlich deshalb, hört heute auch auf Jeremia, verurteilt ihn nicht, sondern tut lieber Buße. Hier wird zum einzigen Mal im ganzen Alten Testament ein Prophetenwort in einem anderen Prophetenbuch zitiert. Was zeigt dieses Zitat? Es zeigt zweierlei, es zeigt zum einen das Verständnis von Prophetie. Prophetie ist nicht die Ankündigung irgendeines Schicksals, das jetzt kommen wird, sodass man das dann weiß, sondern Prophetie zielt immer auf Umkehr.
Ein Ausleger spricht angesichts solcher Worte wie bei Amos, das Ende ist gekommen zu meinem Israel, oder wie hier bei Micha, der Zion wird umgepflügt und wird zur Waldeshöhe, spricht angesichts solcher Worte von ultimativer Verwarnung. Also es ist sozusagen die letzte Warnung. Wenn ihr darauf hört, dann habt ihr noch eine Chance. Und so interpretieren die Ältesten in Jeremia 26 das. Micha hat den Untergang des Tempels angekündigt, der ist aber nicht eingetroffen, Hiskia hat Buße getan. Und das zweite, was wir dem entnehmen können, ist natürlich, dass man schon sehr früh auch Kenntnis von anderen prophetischen Überlieferungen hatte.
Also wir müssen uns ja nicht vorstellen, da gab es Micha-Schrift und es gab nur zehn Leute, die das gelesen haben. Wir können uns allerdings auch nicht vorstellen, dass die öffentlich überall auslag, es gab ja noch keine Bibeln oder sowas. Aber wir wissen auf jeden Fall, diese Worte wurden überliefert und waren bekannt. Micha 4, 1 bis 4, der Text, der direkt nach 3, 12 steht, die Völkerwahlfahrt zum Zion, die Friedensvision vom Zion, ist nun wiederum ein insofern einzigartiger Text, als er fast wörtlich genau auch in Jesaja 2, Vers 2 bis 5 steht. Es ist wörtlich das Gleiche, da sind mal zwei hebräische Worte vertauscht, aber es ist wörtlich das Gleiche. Man hat da viel gerästelt, wie kommt das, warum steht der Text bei Micha und bei Jesaja, kannte einer den anderen,
hat einer vom anderen abgeschrieben, genau wissen tun oder haben beide auf einen bekannten Text zurückgegriffen und jeder hat den sozusagen für sich aufgenommen. Ich vermute, man hat den Micha Text, den ich für den ursprünglichen halte, an den Anfang des Jesaja Buches gestellt, also Anfang von Kapitel 2, um eine Leseranleitung für das Ganze der Prophetenbücher zu haben. Denn die Prophetenbücher enthalten, wer sie liest, wird das merken, sehr viele Worte gegen fremde Völker. Da kommen diese fremden Völker in der Regel nicht sehr gut weg. Und um jetzt nicht so ein düsteres Bild entstehen zu lassen, Gott ist zwar der Gott Israels, aber die fremden Völker haben keine Chance vor ihm, wird an den Anfang des Jesaja Buches, an den Anfang der Schrift Propheten eine Prophezeiung gestellt vom Ende der Tage, wo die Völker zum Zion kommen und auf die Weisung Gottes hören werden. Ich vermute, das ist der Grund, weshalb man diesen Text aus Micha dann auch nochmal
an den Anfang des Jesaja Buches gestellt hat und zum Wort Jesajas gemacht hat. Da war man in der Antike relativ großzügig. Auch im Neuen Testament werden, im Altes Testament, die Propheten gelegentlich falsch zitiert. Also nicht falsch zitiert, das heißt, wie Jeremia sagte und der war es gar nicht, gibt es aus ein oder zwei Stellen. Meistens steht nur, wie die Propheten sagten. Dann kann man nicht falsch gehen. So, dann gibt es noch eine Besonderheit von Micha innerhalb des Alten Testaments. Dieses Wort von den Schwertern zu Pflugscharen wird auch im Joelbuch aufgegriffen. Das Joelbuch steht jetzt zwischen Hosea und Amos, also weiter vorne, und wird umgedreht. Da wird eine Situation geschildert vom Ende der Tage und dann ergeht der Aufruf schmiedet eure Pflugscharen zu Schwertern und eure Winzermesser zu Speeren. Also genau umgekehrt. Bei Micha heißt es dann,
sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und die Speere zu Winzermessern umschmieden. Was zeigt das? Das zeigt, dass das Wort Michas wirklich vom Ende der Tage spricht und nicht von morgen oder übermorgen, sondern wirklich, wie es heißt, es wird geschehen am Ende der Tage, am hinteren der Tage und Joel spricht von einer Zeit davor. Davor gibt es noch Krieg, da werden die zivilen Ackergeräte noch zu Waffen geschmiedet, aber am Ende der Tage, sagt Micha, da soll es Frieden geben. Wir sehen aus all diesen Dingen, dass auch innerhalb des Alten Testaments Micha 3, Vers 12 mit dieser Ansage an Jerusalem und 4, Vers 1 bis 5 mit dem Friedenstext den Kern bilden. Das ist sozusagen das Herzstück des Micha Buches. Teil 4 meines Vortrags Micha im Neuen Testament.
Micha wird zweimal zitiert im Neuen Testament. Die Überraschung für mich ist, dass Jesus zweimal Micha zitiert, und zwar in einem seiner verstörendsten Worte. Jesus sagt nach Matthäus, 10 Vers 34 bis 36, es gibt dazu noch eine Parallele im Lukasevangelium, meint nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, und jetzt kommt das Zitat aus Micha, einen Mann mit dem Vater zu entzweien und eine Tochter mit der Mutter und eine Schwiegertochter mit der Schwiegermutter, und zu Feinden werden dem Menschen die eigenen
Hausgenossen. Jesus zitiert also Micha 7, Vers 6 und sagt, was Micha als allgemeinen Verfall in seiner Zeit beklagt, Jesus sagt, das ist das, was ich bringe, indem ich das Schwert unter euch bringe. Was der Prophet selber als Heimsuchung und Verwirrung beklagt, so sagt er das nämlich, es wird Heimsuchung und Verwirrung sein in diesen Tagen, das führt Jesus selbst herbei. Ich enthalte mich jetzt weiterer Kommentare, nur das Bild vom immer lieben Jesulein ist keine christliche Geschichte. Wer das Neue Testament liest und ernst nimmt, weiß, dass Jesus die Liebe ist, aber nicht immer lieb war, sondern seine Liebe auch anderen Ausdruck finden konnte. Und dieses Wort, ich sagte, ein verstörendes Wort, ein Wort, über das man sehr nachdenken muss,
ist ein Wort, in dem dann auch noch Micha zitiert wird. Aber Micha wird auch noch ein zweites Mal zitiert, und das ist dann schöner, nämlich, Sie kennen die Geschichte von den Magiern aus dem Osten, die dem Stern folgen, und dann bei König Herodes fragen, wo wird denn nun der neue König der Juden geboren, der weiß das zwar nicht, aber er hat Schrift gelehrte, und die sagen, aber ist doch klar, Micha 5 in Bethlehem wird er geboren. Und daraufhin wissen Sie, dass der künftige Heilsbringer in Bethlehem geboren wird, und gehen dann ja auch nach Bethlehem und huldigen den neugeborenen König der Juden. Diese Geschichte ist deshalb ungeheuer wichtig, weil sie sagt, dass Jesus nicht irgendein Heilsbringer ist, der irgendwie vom Himmel gekommen ist, oder den Gott geschickt hat,
sondern dass, und auch nicht, dass mit Jesus irgendetwas völlig unerwartet Neues geschieht, womit nie jemand gerechnet hätte, sondern dass Jesus fest im Strom der Geschichte seines Volkes steht. Er ist der, der angekündigt war. Er ist der, mit dem man gerechnet hat. Man hat damit gerechnet, dass Gott eingreift, und man konnte sozusagen sofort, als er geboren war, auch sagen, ja klar, in Bethlehem musste der ja dann auch geboren sein. Jesus steht im Strom der Geschichte, ein Strom, der mit der Herausrufung Abrahams beginnt. Und deshalb fängt das Matthäus-Evangelium, wo dieses Zitat aus Micha steht, mit dem Stammbaum Jesu an, und der fängt an mit Abraham, und geht bis zu David, und am Schluss bis zu Josef, der nicht der Vater Jesu ist. So, Jesus steht in dieser Traditionsgeschichte drin. Das Neue Testament ruht auf dem Alten, und das Micha-Buch ist einer
der vielen Pfeiler, auf denen das Neue Testament liest. Ich komme damit zum letzten Teil meines Vortrags, Micha heute lesen. Warum sollte man Micha heute noch lesen? Und ich nenne drei Gründe, ich mache jetzt mal eine Klammer auf, es gibt viele Gründe, biblische Texte zu lesen, zum Beispiel auch, weil sie sehr schön sind. Viele biblische Texte sind wunderschön. Auch Prophetentexte können schön sein, selbst grausame Prophetentexte können schön sein. Man kann auch Bibeltexte lesen, weil man einfach sich interessiert für fremde Kulturen, und wie lebten die Menschen damals, was hat sie bewegt? Aber das, was ich heute nenne, sind Dinge, wo ich sage, ja, das lohnt sich auch wirklich innerlich, da würde ich auch dafür einstehen,
man sollte werben dafür, dass dieses Micha-Buch nicht in Vergessenheit gerät. Den ersten Punkt nenne ich Israel, die Christenheit und die anderen, in Anführungszeichen. Israel, die Christenheit und die anderen. Im Alten Testament gibt es eine endlose Auseinandersetzung damit, wie sich die Erwählung Israels dazu verhält, dass es ja nun eine große Fülle nicht-jüdischer Völker gibt. Und wie ist das, wenn der Gott Israels doch auch der einzige Gott ist, und dann gibt es diese Fülle von anderen Völkern, die sind jetzt alle verworfen, nur weil Gott Israel erwählt hat, würde ich schon mal sagen, nein, die Frau, die ich geheiratet habe, habe ich erwählt, aber ich habe nicht alle anderen Frauen verworfen, das sind jetzt nicht meine Ehefrauen,
aber ich habe sie deshalb ja nicht verworfen, ich habe zu vielen Frauen und Männern ein gutes Verhältnis. Also, man hat manchmal die Vorstellung, die einen sind erwählt, dann sind die anderen verworfen, das stimmt ja nicht. So, aber es ist natürlich immer ein theologisches Problem, wie ist das, wenn die einen erwählt sind, was ist dann mit den anderen? In Amos 9, Vers 7 haben wir die Antwort, Gott hat aber auch noch mit anderen Völkern eine Geschichte. In Amos 9, Vers 12 heißt es, er wird in Zukunft seinen Namen ausrufen über den Rest der Völker, das heißt, er wird sie in seinen Schutz mit einbeziehen, und er hat auch einen Anspruch auf sie. In Micha 4 lautet die Antwort, die Völker werden ihre Weisung vom Zion holen. Es steht aber nirgends, dass sie sich zum Judentum bekehren, sondern sie kommen nach Jerusalem, sie erhalten dort das Wort Gottes,
das wird ja nicht ausgemalt, wir wissen nicht, ob da Torah-Rollen lagen, wo sie lesen konnten, ob ihnen irgendwelche Priester und Propheten was gesagt haben, was Gott selber gesprochen hat, das wird alles in dem Text nicht ausgemalt, aber es wird gesagt, sie bekommen in Jerusalem die Weisung und das Wort Gottes und können damit ihre Konflikte lösen. Aber sie gehen wieder nach Hause, sie gehen nach Hause und lernen dort friedlich miteinander zu leben. Sie bekehren sich nicht zum Judentum, im Gegenteil, es wird ausdrücklich gesagt, festgehalten, dass die Vielfalt der Religionen erhalten bleibt, denn an dieses Wort ist noch ein Vers angefügt, der bei Jesaja dann auch fehlt, da heißt es in Micha 4, Vers 5, wenn auch alle Nationen gehen, eine jede im Namen ihres Gottes, so gehen wir doch im Namen Adonais unseres Gottes für immer und ewig.
Also die jüdischen Leserinnen und Leser sagen, wir bleiben diesem Gott Adonai treu und gehen in seinem Namen, für uns ist das unverbrüchlich, aber die vielen anderen Völker, die gehen weiterhin im Namen ihres Gottes und das wird nicht kritisiert, das wird zur Kenntnis genommen, das ist so. Damit stellt sich ja zum Beispiel, und das ist eine theologisch nicht unwichtige Frage, die Frage nach der Mission, was heißt eigentlich Mission im modernen Verständnis und nach dem zweiten Weltkrieg und nach dem Ende des Kolonialismus hat sich da tatsächlich ja im Verständnis von Mission vieles gewandelt. Die große Formel war dann die von der Missio dei, von der Mission Gottes, also es ist nicht unsere Mission, wir müssen jetzt bekehren, sondern wir müssen Gottes Mission in der Welt bekannt machen und Gottes Mission in der Welt, das heißt Frieden und das heißt Gerechtigkeit
und das muss unter die Völker gebracht werden. In Amos 1 bis 2 werden die Völker kritisiert, weil sie gegen das Menschenrecht und gegen das Kriegsvölkerrecht verstoßen, sie werden nicht kritisiert, weil sie andere Götter haben, das kommt überhaupt nicht zur Sprache, sie werden auch nicht am Maßstab der Thorar gemessen, sondern daran werden sie gemessen und das ist die erste Aufgabe von Mission in diesem Verständnis, dass die Menschen Recht lernen, dass sie Gerechtigkeit lernen und in Micha 4 wird eben gesagt, das ist das Wesentliche, dass sie Frieden lernen, das lernen sie auch in Israel vom Zion, deshalb müssen wir Mission machen, das ist schon klar. Aber Mission heißt nicht, wir müssen sie zu einem bestimmten Bekenntnis bringen, das ist schön, wenn das geschieht, darüber freut sich jeder
und ich freue mich durchaus über Muslime, die hier in Deutschland sich taufen lassen, ich lehne das überhaupt nicht ab, aber insgesamt würde ich es für problematisch halten, wenn man sagt, wer jetzt aber nicht sich zu Christus bekehrt, ist verworfen, dazu müssen wir realistisch genug sein und sagen, wir verdanken unseren Glauben auch dem, dass wir hier geboren sind und entsprechend aufgewachsen und sozialisiert wurden und wir können anderen nicht vorwerfen, dass ihnen das nicht so geschehen ist. Der Philosoph Leibniz diskutiert das an der Frage eines Zwillingspaares, das in Gefangenschaft gerät, das eine Kind wird von einem christlichen Herrscher freigekauft und das andere gerät in die Türkei und wird Mohammedaner, wie man damals sagte und er fragt sich, ist das dann in der Hölle, landet das in der Hölle und das andere im Himmel oder wie müssen wir das Problem lösen?
Ich lasse es nur als Frage stehen, ich finde, dass das Micha-Buch, aber auch andere prophetische Bücher, Amos, aber Jesaja, ganz wichtig, da sehr viele Dinge gibt, die wir einfach, denke ich, miteinander bedenken müssen, wenn es um diese wichtige Frage geht, wie ist das Verhältnis von uns zu den anderen? Der zweite Grund, weshalb ich denke, dass Micha so ein wichtiger Text ist, hängt mit der Wirkungsgeschichte des Micha-Buchs im 20. Jahrhundert zusammen. Es ist ja ganz überraschend, dass dieses Buch nach zweieinhalb Jahrtausenden eine Wirkung entfaltet hat, die man vorher in der ganzen zweieinhalbtausendjährigen Geschichte kaum vermutet hätte. Es fängt damit an, dass ein sowjetischer Bildhauer namens, ich muss das ablesen, Evgeny Viktorovich Vucetic, ein Denkmal schmiedete,
das einen muskulösen, ich vermute sowjet-Menschen zeigt, der auf einem Schmied ein Schwert in eine Plugscha umschmiedet. Dieses Monument ist Teil einer Trilogie, Teil 1, und zwar in dieser Trilogie spielt immer das Schwert die entscheidende Rolle. Teil 1 steht im früheren Stalingrad, heute Wolgograd, und zeigt Mutter Heimat, die das Schwert erhebt gegen die faschistischen Eindringlinge. Das zweite Denkmal steht in Berlin Treptow im sowjetischen Ehrenmal und zeigt den Befreiungskrieger, ein russischer Soldat, der ein Kind auf dem Arm hält und mit seinem Schwert ein Hakenkreuz zerschlägt.
Und das dritte in dieser Trilogie ist der Mann, der die Schwerter zu Plugscha umschmiedet. Dieses Monument wurde 1957 errichtet und von der Sowjetunion den Vereinten Nationen in Amerika, also in New York, geschenkt. Und es steht dort, Sie können das besichtigen, wenn Sie nach New York kommen, im Umfeld des UN-Gebäudes. Ende der 1970er Jahre nimmt die DDR-Friedensbewegung dieses Denkmal als Symbol, also Sie können das sehen, dieser Mann, der das Schwert umschmiedet, mit der Aufschrift Schwerter zu Plugschaen und daneben Micha IV. Also man hat bewusst das sowjetische Denkmal genommen und den biblischen Bezug, der da drin steckt, mit hineingeschrieben. Bei einem Besuch in Moskau, also nach der Wende, 1991, habe ich mit sehr gebildeten Russen gesprochen, die alle deutschen Philosophen kannten.
Und ich war immer nur beschämt, dass ich keinen einzigen russischen Dichter oder Philosophen wirklich kannte, vielleicht mal den Namen gehört hatte. Diese gebildeten Leute wussten alle nicht, dass dieser Schwert zum Plugscha umschmiedet aus der Bibel stammt. Das war natürlich in der Sowjetunion unbekannt, aber es ist ein biblisches Wort. Dieses wurde in der DDR zum Symbol der Friedensbewegung und die auch in Westdeutschland dann vielfach verwendet, meistens als dieser Aufnäher und dann gab es das in allen anderen Formen. Das heißt hier, und das finde ich faszinierend, wird ein Prophet nach zweieinhalbtausend Jahren plötzlich zum Symbol und zum Sprachrohr einer Friedensbewegung. Aber auch Michael Jackson in seinem Lied Heal the World hat die Zeile von der Umschmiedung der Schwerter zum Plugscha.
Bill Clinton hat das zitiert, ich vermute Obama auch, der hat auch immer so viel zitiert. Aber das kann ich nicht belegen, aber Bill Clinton weiß ich. Haben diese Worte immer verwendet, wenn es gerade passend war. Nun muss man genau hinschauen, ich finde das Wort nämlich sehr faszinierend. Michael 4, 1 bis 5 ist ja gar nicht pazifistisch. Er sagt ja nicht, die Waffen sind die Ursache der Kriege, deshalb müssen wir die Waffen umschmieden, damit keine Kriege mehr kommen. Sondern er sagt, die Ursachen der Kriege sind die Ungerechtigkeiten, dass kein Recht herrscht. Deshalb muss Gott Frieden stiften zwischen den Menschen und dann als Folge lernen sie die Waffen umzuschmieden. Die pazifistische Position, die streng pazifistische, heißt ja Waffen vernichten, damit die Kriege aufhören. Die nicht so pazifistische Position sagt, gut, es wäre schön, wenn Deutschland weniger Waffen produzieren und weniger Waffen exportieren würde.
Das ist schon sinnvoll alles und Atomwaffen-Sperrvertrag wäre gut, wenn er noch bestünde. Aber die Ursachen der Kriege sind nicht die Waffen, sondern die Ursachen der Kriege sind die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung. Deshalb gilt, was jetzt ein anderer Prophet Jesaja gesagt hat, 32 Vers 7, das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein. Wenn Gerechtigkeit herrscht, dann wird es Frieden geben. Und Micha 4 sagt dasselbe, wenn zwischen den Völkern die Konflikte friedlich gelöst werden, dann braucht auch keiner mehr Waffen zu produzieren und das Kriegshandwerk zu lernen. Also ich finde, unter dieser Perspektive lohnt sich Micha zu lesen und dann gibt es einen Vers, den ich bisher noch gar nicht vorgelesen habe. Sie kennen den aber vielleicht, der steht in Micha 6, Vers 8 und heißt, jetzt fange ich an mit der Lutherbibel.
Luther 2017, es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Und dann gibt es eine Fußnote in der Lutherbibel, da heißt es wörtlich, nichts als Recht tun, Güte lieben. Also halten wir uns mal ans Wörtliche, weil ich finde, man sollte die Bibel schon wörtlich übersetzen. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nichts als Recht tun, Güte lieben und demütig oder beständig mitgehen mit deinem Gott. Das Recht ist die Grundlage. Wir haben ja hier sowas wie eine Ethik im Kleinen in diesem Satz. Das Recht ist die Grundlage. In der Bibel ist immer das Recht die Grundlage. Die Thora Gottes ist Recht.
Da geht es um Recht. Beim Recht ist es auch nicht wichtig, wie ich mich dazu verhalte. Recht muss man tun. Die Bibel spricht vom Recht der Armen, vom Recht der Kinder, vom Recht der Schwachen. Das, was wir als Almosen geben, bezeichnen, heißt auf Hebräisch Gerechtigkeit tun. Wenn Sie in eine Synagoge gehen, dann finden Sie eine Büchse für Spenden für die Armen, da steht Z drauf, Z-A-K, Gerechtigkeit. Also was wir den Armen tun, sind keine Almosen, sondern das ist Recht. Sie haben einen Anspruch darauf. Auch im Islam ist das das Verständnis der Almosen. Das Völkerrecht muss die Grundlage der Beziehungen zwischen den Völkern sein. Die Menschen haben Menschen und Grundrechte. Das ist auch nach Micha 6, Vers 8, diesen Kernspruch.
Und der ist in der Lutherbibel, wo es ja diese Fettdrucke gibt, natürlich und zurecht fettgedruckt. Das ist wirklich ein Wort, das man sich beherzigen sollte und dann vielleicht gleich in die richtige Übersetzung. Es geht nicht um Gottes Wort halten, es geht um Recht tun im ersten Ding. Aber Recht allein genügt nicht. Wenn wir alle unsere Beziehungen nur rechtmäßig halten würden, wäre es ziemlich kalt zwischen uns. Denken Sie mal an eine Familie. Wenn es da erst mal rechtlich zugeht, ist eigentlich schon alles zu spät. Es gibt also noch mehr als nur das Recht. Und das ist das Zweite. Das heißt hier Güte lieben. Oder man könnte sogar sagen mit einem modernen Wort Solidarität üben, Solidarität lieben. Das ist also mehr als das, was vom Recht verlangt wird.
Um wirklich gut zusammenleben zu können, müssen wir empathisch füreinander sein, müssen wir auch ein Herz füreinander haben. Und nicht nur sagen, das ist aber jetzt nicht rechtens. Sondern du hast keinen Rechtsanspruch darauf, dann kriegst du das auch nicht. Sondern wir müssen auch gucken, was tut gut, was tut allen und uns gut. Das ist das Zweite. Und dann kommt ein Drittes. Auch da ist die Lutherübersetzung unglücklich, weil sie heißt demütig sein vor deinem Gott. Dieses vor deinem Gott steht hier aber nicht. Da steht mitgehen mit deinem Gott. Ob das adjektiv demütig oder beständig oder sowas heißt, ist schwierig zu klären. Das Wort kommt nur hier in der hebräischen Bibel vor und an anderen Stellen, die auch nicht weiterhilft. Das ist egal. Aber was auf jeden Fall klar ist, es heißt um ein Mitgehen mit Gott. Also wir sind nicht vor Gott wie vor der Überwachungskamera, die uns überwacht und sollen da jetzt demütig sein.
Sondern wir gehen mit Gott. Wir gehen seinen Weg. Und der Weg Gottes ist ein Weg in die Sklaverei. Er war mit seinem Volk Israel in Ägypten und der Weg in die Befreiung hinaus aus der Sklaverei. Und es ist der Weg Jesu bis in den Tod und in die Auferstehung hinein. Das ist der Weg Gottes. Und diesen Weg sollen wir mitgehen. Also Micha 6, Vers 8 ist so etwas wie eine Ethik in Kompaktform. Da steht alles Wichtige drin, was man für die Ethik braucht. Das Recht tun, darüber hinaus solidarisch sein, Liebe üben, Empathie zeigen und mit Gott mitgehen. Diese verworrenen Wege ins Dunkle und ins Licht. Micha 6, Vers 8 ersetzt nicht die biblische Ethik. Die Bibel hat sehr viel mehr zu sagen, auch in der Ethik, das ist klar. Aber Micha 6, Vers 8 fasst nach meinem Verständnis die Ethik sehr gut zusammen.
Das sind die drei Gründe, weshalb ich denke, dass man Micha lesen sollte. Die Frage wir und die anderen, die Schwerte zum Pflugscharen und dieser Kernspruch in Micha 6, Vers 8 über die Ethik. Keine der biblischen Prophetenschriften ist wirklich leicht zu lesen. Ich verspreche Ihnen nicht, dass sich das nun alles von selber erschließt, wenn Sie da mal reingucken. Aber alle biblischen Schriften lohnen sich zu lesen. Das kann ich Ihnen versprechen. Sie werden was davon haben.
Das Micha-Buch | 9.7.3
Der Prophet Micha findet drastische Worte für den Zustand seiner Gesellschaft, für eine Führungsschicht, »die das Fleisch meines Volkes gefressen hat«. Worte, die schockieren, und Worte, die trösten, wechseln sich ab. Und dann prophezeit Micha etwas, was nicht eintrifft. Trotzdem wird er als Prophet anerkannt, Worte, die ihm zugeschrieben werden, sind bis heute überliefert. Was war das für einer? Wie ist das Buch Micha entstanden? Und was macht es so bedeutend, dass es als einziges Propheten-Buch an anderer Stelle in der Bibel mit Quellenangabe zitiert wird? Der Theologieprofessor Rainer Kessler erklärt, warum es sich auch heute noch lohnt, Micha zu lesen. Sogar für Menschen, die sich nicht für jüdische Geschichte oder den christlichen Glauben interessieren.