In diesem Vortrag wollen wir uns beschäftigen mit der Frage "Paulus und die Weisheit: Zwischen griechischer Philosophie und göttlicher Offenbarung". Mit diesen drei Begriffen, Konzeptionen - Weisheit, Philosophie, Offenbarung - werden wir uns jetzt beschäftigen und bei Paulus nachschauen: Was macht er damit, wie setzt er das zueinander ins Verhältnis? Und ich werde das wieder aus einer systematischen Perspektive tun, also schon mit einem Gegenwartsinteresse mit der Frage: Wo stehen wir heute eigentlich? Heute würden wir sagen: Wo stehen wir im Blick auf die Frage Rationalität und Glaube, Wissenschaft und Religion? Das sind heutige Perspektiven, und wenn
wir da heute was zu sagen wollen, haben wir natürlich auch immer die Frage: Wie ist es denn im Christentum grundsätzlich, wie ist es denn so gestrickt, wie ist die Anlage, wie ist das so in den Anfängen bestimmt worden und wo stehen wir heute? Und zu diesem Thema werden wir uns bei Paulus ausführlich anschauen, wie er mit solchen Fragen umgeht. Ich möchte zunächst mal in der Gegenwart anfangen mit einer Problemanzeige. Problemanzeige ist jetzt schlicht folgende: Wir leben in einer Welt, ich sag mal in Mitteleuropa, wo Religion nicht per se ein Wachstumsmarkt ist. Ihr habt es vielleicht schon mal gemerkt, es ist ja nicht so, dass alles immer religiöser und religiöser und religiöser wird bei uns und so und die Kirchen
immer voller und voller und an jeder Ecke werden Kirchen abgerissen, um größere zu bauen und so - das ist nicht die Realität. Und ich arbeite im Ausland, da ist es auch nicht die Realität. Man könnte sich jetzt so durch den ganzen Westen von Kanada bis Neuseeland durcharbeiten - es ist nirgendwo die Realität. Und da, wo behauptet wird, dass das aber alles wahnsinnig wächst, ja da wächst auch die Bevölkerung. Also es ist an sich eine Zeit - und das ist besonders an unserer Zeit -, wo man sagen kann: Religionen, die mal immer und überall waren, haben schon überwiegend so eine Art Rückzugsmodus. Und dieser Rückzugsmodus ist nicht selten auch auferlegt in einer Haltung, die ganz schlicht so als Common Sense verkörpert: Religionen dürfen sein, sind Privatvergnügen, kann jeder machen, jeder hat da so seinen Kink
und irgendwas, und manche haben da Religion. Das ist alles völlig legitim, aber Religion bitte in der Öffentlichkeit sehr diskret, sehr zurückhaltend, nicht mit rumwedeln und da ständig irgendwie Leute bequatschen und so. Und bitte nicht in die Politik und nicht in die Moral und nicht in Fragen von Wahrheit und Weltanschauung, sondern einfach bitte schön im Ghetto bleiben, und da dürft ihr sehr lustig sein und spielen, was ihr wollt, aber woanders bitte nicht. Und wenn man die Leute dann fragt: "Ja, warum denn?" - und das hat ja dann immer irgendwie Anlässe. Also neulich wurde eine evangelische Bischöfin berufen in die Politik, in ein Ministerium, Staatssekretariat. Und sofort hieß es: Hui, böses Foul, Grenzüberschreitung, wie kann eine religiöse Person in der Politik sein?
Das ist übergriffig in der Politik, bitte schön neutral sein, da kann man nicht irgendwie da als jemand kommen, der Theologie studiert hat, da ist man versaut für immer und so, da kann man nicht sagen: "Ich werde auch sehr neutral sein." Manche ärgert das. Oder in der Wissenschaft, Ethikrat. Im Ethikrat wird richtig gezählt und so, und wenn da zu viele Menschen - und das ist dann schon so, wenn es ein Fünftel wird oder so - irgendwie theologisch oder religiös oder kirchlich sind, macht das manche nervös, und es ist der Anspruch: "Bitte nicht, bitte nicht im Rundfunk reden und bitte nicht im Arbeitsrecht und bitte nicht im Ethikrat und in der Politik, bitte zurückhalten." Es gibt eine Formulierung dafür von Charles Taylor, berühmter Soziologe, Philosoph, der nennt das einen exkludierenden Humanismus, eine humanistische, säkulare Einstellung, die großen Wert darauf legt,
nicht anti-religiös zu sein, Religion darf sein, aber nicht im säkularen Raum, nicht im öffentlichen Raum. In Frankreich ist es sehr stark so, in der Schweiz auch eigentlich stärker als in Deutschland, und der Grund ist immer: Religionen berufen sich auf Offenbarung, Religionen vertreten Wertvorstellungen und Geltungsbehauptungen, die sie nicht ableiten aus vernünftigem Konsens, wissenschaftlicher Forschung, demokratischer Legitimierung, sondern hier wird im Namen Gottes irgendwas behauptet, hier wird irrational, unbegründet, absolut, mit totalem Geltungsanspruch etwas auf Offenbarung aufgebaut. Das darf jeder für sich so tun, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit. Jetzt könnte man sagen: Ja, aber das ist ja sehr komisch, warum sind die da so nervös und warum
wollen die das nicht? Ist das irgendwie Christophobie oder so? Na ja, man merkt, es fällt einem jetzt leider doch viel ein, warum die darauf kommen: Weil es in der Welt ganze Länder, viele Regionen gibt, wo es schon noch so üblich ist, dass auf religiöse Begründungen gestützt vieles quasi für alle zwangsverordnet wird. Es gibt viele Gesellschaften, da dürfen Frauen dies nicht und das nicht und in der Öffentlichkeit bitte nur so anziehen und auf keinen Fall so, ansonsten kommt irgendeine Glaubenspolizei. Und das ist etwas, wo man inzwischen auch sagen muss: Auch christliche Nationen haben das wiederentdeckt. Dass christliche Nationen das früher immer hatten, na ja, das ist die Geschichte. Das ist die Geschichte, und wer diesen exkludierenden Humanismus verstehen will, muss sich ganz schlicht einfach mal durch die Geschichte durcharbeiten.
Man wird sehen, es war bis tief ins 20. Jahrhundert so üblich, dass viele Länder, Regionen, ja eigentlich das ganze christliche Abendland gesagt hat: Aufgrund religiöser Wahrheit und christlich- religiöser Sitte ist das und das und das erlaubt, nicht erlaubt, widernatürlich, pervers, gegen die guten, christlichen Sitten, und das hat ja teilweise auch wieder Zulauf. Zulauf in dem Sinne, dass in den USA - die sind leider immer das unvermeidliche Beispiel - Menschen aus ihrer religiösen Motivation glauben, für die Schule und für die Öffentlichkeit und für das Rechtssystem allerlei Ansprüche ableiten glauben zu können. Und das schaukelt sich gegenseitig hoch. Auf der einen Seite ein exkludierender Humanismus, der die Religion aus Öffentlichkeit verbannen will, und
auf der anderen Seite übergriffige Religionsformen, die aus ihren eigenen religiösen Einsichten allgemeine Geltungsansprüche für die ganze Gesellschaft formulieren, gestützt darauf, das sei von Gott so offenbart, das sei eine göttliche Ordnung, das sei so von Gott gewollt und das sei für alle gut; und weil das für alle gut ist, müssen sich auch alle daran halten. Das ist ein Konfliktfeld, das es heute gibt, damit haben wir zu tun. Jetzt ist natürlich die spannende Frage, die man sich hier stellen kann: Ja, ist das denn so gemeint? Ist das Christentum so gestrickt, dass man im Grunde sagen muss: Also eigentlich kannst du das echt nur in so einem gut abgesicherten Käfig zulassen, du darfst den nicht frei rumlaufen lassen, du musst die religiöse Bevölkerung irgendwie immer so ein bisschen unter Aufsicht haben, die kannst du nicht
einfach machen lassen. Denn ihre Religion ist so, die werden übergriffig, die werden ausgreifend, also eigentlich würden die am liebsten alles dominieren wollen. Und man muss sehr aufpassen, man muss die sehr dressieren, dass die echt wissen, wo sie laut werden dürfen und wo nicht. Nun gibt es manche - auf beiden Seiten -, für die Paulus da eine Adresse ist. Sowohl religionskritische Menschen als auch Religionsabsolutistische, wie ich sie jetzt mal nenne, die sagen: Das ist eigentlich ein klarer Fall, das hat der Apostel Paulus gründlich durchdacht, diese ganzen Fragen, wie ist umzugehen im Konflikt zwischen göttlicher Offenbarung und menschlicher Vernünftelei. Das ist ein ganz klarer Fall, da braucht man jetzt auch gar nicht so einen langen Vortrag im Programm, ist völlig absurd, da 90 Minuten für freizuhalten,
ja, Gott gewinnt. Gott gewinnt immer, also ganz klar, das ist kein fairer Kampf, also das ist im Grunde völlig eindeutig. Göttliche Weisheit, göttliche Vernunft, göttliche Wahrheit, göttliche Macht setzt sich durch. Und es mag so sein, dass aufrührerische Menschen, verblendete Torheiten fleischlicher Weisheit das hier und da mal nicht einsehen wollen, aber da muss die Kirche im Gebet und im politischen Kampf und im Einsatz und so zusehen, weil wenn die Lüge und die Verblendung glaubt, die Gesellschaft regieren zu können, ja, es geht alles den Bach runter, es kann nicht gelingen. Der Staat, die Gesellschaft, das Recht, die Moral, die Wahrheitsüberzeugung, das muss letztlich angebunden werden an göttliche Wahrheit, natürliche Ordnung, ewige Ordnung.
Das, was in der Offenbarung schriftlich noch mal vorliegt, aber sonst im Grunde ja auch in der Wirklichkeit hineingelegt ist als Gottes Plan, als Gottes Design, das muss man da einfach mal respektieren. - So, und da gibt es eben Menschen aus unterschiedlichen Lagern. Es gibt religionskritische Leute, die sagen, wenn da Leute kommen und sagen: "Ja, aber warum seid ihr so religionskritisch, es gibt doch auch so schön liberales Christentum, kommt mal auf den Kirchentag, wir sind sehr lieb und so und wir haben auch ganz liberale Ansichten eigentlich und so, das täte euch auch mal gut, mal ein bisschen locker und lustig, ihr seid immer so griesgrämig und so" - dann sagen die aber: "Ja, Kirchentag - vielleicht würden wir es auch überleben, wir wissen aber auch, ihr seid so halbwegs lieb und liberal, weil wir euch zwingen, weil wir euch alle durch Schulen durchgepeitscht
haben, wo man dazu dressiert wird." Vernünftig denken und aufgeklärt empfinden und rational und und so, das ist nicht von allein gekommen. Es ist nicht so gewesen, dass irgendwie lauter Synoden und Kirchenfürsten gesagt haben: "Lass uns jetzt mal eine aufgeklärte, vernünftige, demokratische, super liberale, progressive Kirche werden." Nein, das haben Menschen einfach gemacht. Menschen haben Revolutionen gemacht und sie haben Bücher geschrieben und Öffentlichkeit und Aufklärung und Vernunft und Bildung betrieben, bis irgendwann selbst in der Kirche viele sagten: "Das ist gar nicht so schlecht eigentlich. Jetzt machen wir mal mit, wir tun dann so, als hätten wir es erfunden, hi hi" und so, aber eigentlich war es gar nicht so. Eigentlich ist das der Ertrag langer Bildungs- und Aufklärungsbemühungen, dass zum Glück jetzt auch in der Kirche hier und da die Bildungsoffenen gewonnen werden, aber guckt
mal eure Hardliner an, guckt euch mal weltweit um. Die meisten hängen immer noch an dem, was in der Bibel steht, was zum Beispiel bei Paulus so gesagt ist, ja und hört euch das mal an. So, und dann würden Ultra-Pauliner und Anti-Pauliner vielleicht ähnliche Texte vorlesen und sagen: Es ist doch unser, ist doch euer Apostel, der da schreibt: "Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden." Ja, geht's eindeutiger? Also die Gebildeten, die Klugen halten das für dummes Zeug. Paulus beruft sich dann auf seine Heilige Schrift, hebräische Bibel: "Es steht geschrieben", sagt er, "ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen." Ja, was für eine bildungsfeindliche Socke, würden die einen sagen, und die anderen: "Was für ein klarer Glaubenswärter, der weiß, dass fleischliche Weisheit wertlos ist." Und Paulus hat die Korinther
vor Augen und schreibt weiter: "Wo sind denn die Klugen, wo sind denn die Schriftgelehrten, wo sind denn die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?" - "Da seht ihr die Bildungsverachtung", sagen die einen. "Da seht ihr das apostolische Schutzamt, was die Menschen bewahrt vor der Verführung des Weltwissens", sagen die anderen. Und Paulus, der kriegt gar nicht genug: "Die Welt hat Gott nicht erkannt. Darum hat es Gott wohl gefallen, durch die Predigt, durch die Torheit der Predigt Menschen zu retten." Er blickt auf die Griechen und sagt: "Die Griechen, die fragen nach Weisheit. Aber wir, wir haben eine Botschaft, wir predigen Christus den Gekreuzigten. Für die Griechen ist es eine Torheit, die lachen über uns, aber wir lachen am längsten, das ist die Wahrheit. Nicht viele Weise nach dem Fleisch sind bei euch. Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott
erwählt, damit er die Weisen zu Schanden mache." Was für ein Wächteramt göttlicher Wahrheit - was für ein bildungsfeindlicher fundamentalistischer Prediger! So, das waren alle Zitate aus 1. Korinther 1. Im Kapitel 2 setzt Paulus noch mal an und sagt: "Als ich zu euch kam nach Korinth ..." Griechenland. Und das war eine Zeit, wo Philosophen nicht Gelehrte in Universitäten waren, die lange Aufsätze schrieben, die dann so im Laufe der nächsten zehn Jahre von zehn Menschen gelesen worden sind, von zwei bis drei davon verstanden. Nein, sondern wo Philosophen rumliefen, wo es Alltag war. Philosophie war Lebensberatung, war Weisheit, war gegenwärtig, man hatte damit zu tun, man hatte das auf verschiedenen Ebenen. Und Paulus schreibt: "Ich kam nicht zu euch mit hohen
Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus." Punkt. "Auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft." Jetzt noch ein trauriges Nachwort und so, dann ist der Vortrag durch. Ist ja klar, ist völlig klar. Man muss sich entscheiden: Verfällt man dem verführerischen Sirenengesang all dessen, was sich als Vernunft und Rationalität sinnlos aufbläht und Menschen verführt und ins Verderben bringt, oder ist man bereit, seinen Verstand zu kreuzigen, alles Denken, alle kritische Vernunft hinter sich zu lassen, all das in die Selbstverleugnung hineinzuleben und allein
im Vertrauen auf Jesus zu leben und zu sterben und so selig zu werden mit wirklichem Rücken zu allem, was Welt, Weisheit, Vernunft und Sachen dieser Art sein sollen? Klarer Fall. Punkt. Ja, schade, hatte ich anders gedacht, aber ich fürchte, das ist dann das Ende des Vortrags. Oder doch nicht. Ah, oder doch nicht. Nein, ich werde jetzt doch noch eine Stunde dranbleiben, weil das klang jetzt alles recht eindeutig, es klang ja wirklich jetzt erschlagend, also Fundis und Säkularisten werden in diesem Kampf dann immer Freunde und sagen: "Genau, ja genau, selbst die sehen es ja ein." Ich weiß nicht, ob ihr es merkt: Also das ist oft auch so ein komischer Doppelpass, dass sehr fundamentalistische Menschen eigentlich auch mal so ein Faible haben für super rationalistische Leute. Denn das verstehen sie,
dieses ja oder nein, schwarz oder weiß und so. Und umgekehrt ja auch, es ist ja für sehr säkulare, religionskritische Menschen der Fundamentalist eigentlich immer so der normale Gläubige, der richtige Gläubige, der wirkliche Gläubige; der aufgeklärte, liberale Protestant, Protestantin, ist immer irgendwie so ein halbes Ärgernis, weil man auch nicht weiß, was man mit dem machen soll irgendwie. So und ich bin ja dazwischen, ich halte von beidem nichts, ich finde diesen exkludierenden Humanismus tragisch und fundamentalistische Religion leider noch ein bisschen tragischer. Die ärgert mich mehr, weil ich ein bisschen das Gefühl habe, dass sie das Image des Glaubens gleich noch mitbeschädigt. Aber was willst du machen? Ich habe jetzt erst mal die Challenge formuliert. Kann man vielleicht aus der Nummer noch mal rauskommen? Also kriegen wir jetzt noch mal den Kopf aus der Schlinge? Muss man wirklich wählen
zwischen göttlicher Offenbarungsweisheit und vernünftig menschlichem Nachdenken? Oder hat der Apostel in göttlicher Autorität im Grunde klargemacht: Jetzt keine Ausflüchte suchen, unterwirf dich, kreuzige dein ganzes kritisches Denken und glaube einfältig und treu. Punkt. Kommt man aus der Nummer raus? Ich behaupte jetzt: Ja, wir kommen aus der Nummer raus. Ich behaupte jetzt: Es lohnt, noch mal ein bisschen dranzubleiben und zu schauen. Das muss jetzt nicht das tragische Ende aller Bemühungen sein. Um das aber zu zeigen, müssen wir jetzt ein bisschen ausholen und uns doch noch mal ein paar Gedanken über das Thema machen. Und das mache ich zunächst mal so, indem ich mit dem Wort der Weisheit anfange. Wovon war bis jetzt
eigentlich die Rede? Wir haben das so normal genommen, ja, die Weisheit und menschliche Weisheit und göttliche Weisheit, und haben erst mal so getan, als wäre das dasselbe wie Vernunft und Wissenschaft und sonst wie. Das ist natürlich mitnichten so. Da müssen wir jetzt mal ein bisschen ranzoomen und wir machen das in protestantisch aufgeklärter Art und Weise: Man muss in die Geschichte schauen und auf die Hintergründe, Kontext, Kontext, Kontext. Und das gönnen wir uns jetzt mal ein bisschen. Ja, theologische Unschärferelation, also verkürzt, nicht so ausführlich, wie es auch schön wäre, wie es bei anderer Gelegenheit im größeren Zugang auch wirklich mal verdient wäre. Aber Gesamtsicht, Gesamtüberblick, das traue ich uns jetzt mal zu, das können wir jetzt gewinnen. So, was ist Weisheit? In der Bibel gibt es eine ganze Reihe von Schriften, manche haben Weisheit sogar im Titel drin. In der
katholischen Bibel ist es besonders stark, da gibt es ein Buch, das heißt einfach "Weisheit". Es gibt aber eine ganze Gruppe von Schriften, die werden als Weisheitsbücher regelrecht bezeichnet. Und das ist eine längere Tradition in der Bibel. Es gibt das Buch "Sprüche Salomos", die sind nicht von Salomo, das macht aber nichts. Aber es ist eine Sammlung von Weisheitssprüchen über viele Jahrhunderte und da kann man viele spannende Geschichten zu erzählen. Die ältesten Partien sind davon in der Mitte, so gegen Anfang und Ende wird es dann teilweise auch jünger. Zu dieser Weisheitsliteratur zählt auch das Buch Hiob, das zählt komplett dazu. Dann gibt es ein anderes Buch, "Prediger Salomo" oder "Kohelet". Das sind Bücher, die also vollständig diese Genre bedienen. Wer
eine katholische Bibel zu Hause hat, Einheitsübersetzung, wird da "Jesus Sirach" und das Buch "Weisheit" finden. Das sind Schriften hellenistischer Zeit, die - vor allem das Buch Weisheit - dem Neuen Testament zeitlich sehr, sehr nahe kommen. Und darüber hinaus könnte man jetzt noch viele Einwürfe und Einsprengsel nennen. Es gibt weisheitlich geprägte Psalmen, es gibt in den Prophetenbüchern weisheitliche Elemente, es gibt sie in den Erzähltexten und da kann man einen superschönen Überblick machen. - Was meinen wir mit diesem Genre, mit dieser Gattung von Weisheit? Diese Gattung ist durchaus vielfältig. Es gibt so etwas wie Spruch-Weisheit, vor allem so der ganze mittlere Bereich des Buches Sprüche arbeitet sehr stark damit. Es gibt aber auch Lehrreden, wo richtig argumentativ entfaltet wird. Es gibt so ein dialogisch aufgebautes Buch wie das Buch Hiob oder eben narrativ verfasste Texte, Erzählungen.
Zum Beispiel am Anfang und Ende des Buchs Hiob ist eine Weisheitserzählung. Und davon gibt es mehrere auch in der Bibel. Was zeichnet diese Texte aus, wenn wir sie jetzt einfach mal vergleichen mit prophetischen Texten oder mit Psalmen oder mit Rechstexten oder eben auch mit Geschichtstexten, wie wir sie in der Thora und in der vorderen Prophetie haben? Auch immer ganz grob gefasst jetzt. Das Erste, was auffällt, wenn man sich das so insgesamt anschaut: Es sind Texte, zu denen es deutliche, starke Parallelen gibt im Alten Orient wie Paralleltexte, wo man denkt: Hoppla, das ist ägyptisch? Warum ist es so ähnlich wie das Buch Hiob? Wow, hätte ich gar nicht gedacht. Bis dahin, dass es im Buch Sprüche eine längere Passage gibt,
für die es eine extrem nah dran seiende Parallele aus ägyptischen Weisheitsbüchern gibt. Also diese Weisheitstexte haben die Eigenschaft, sie sind nicht sehr stark bis sehr wenig geprägt von den Glaubensinhalten der Gottesverehrung, der direkten Rede Gottes, des Handelns Gottes. Das kommt gar nicht oder sehr wenig vor, sondern es ist der Versuch einer Lebensbetrachtung, einer offenen Wahrnehmung von Lebenserfahrung mit dem Versuch, lebensverständig zu werden. Weisheit, Chochmah, wäre kurz gefasst eine offene, auf Erkenntnis ausgerichtete Lebensbetrachtung, die den Versuch unternimmt, Erfahrung in Lernen zu übersetzen, sodass ich aus Erfahrung klug werde,
dass ich die Verknüpfungen von Tat und Folge, von Handlung und Konsequenz begreife und in diesem Sinne lebensweise werde. Also für die Weisheit ist entscheidend: nicht göttliches direktes Reden, göttliche Selbstoffenbarung, Handeln Gottes in der Geschichte, das tritt weit zurück, sondern es geht um Lebensphänomene. Es ist oft ein dialogisch diskursives Vorgehen, also es gehört zum Genre, dass verschiedene Positionen miteinander kontrastiert werden. Es wird so was wie Streit oder Auseinandersetzungen betrieben. Das ist im Buch Hiob ganz grandios so, dass Positionen, die von der Anlage des Gesamtbuches her am Ende nicht den Siegespreis kriegen, stark gemacht werden.
Also es wird nicht so ein Pappkamerad aufgebaut, der Blödsinn redet oder so und dann wird er von der Tischplatte gefegt, sondern man durchdenkt das, man stellt Dinge und Beobachtungen nebeneinander und reibt das ein bisschen aneinander. Es ist problemorientiert diskursiv, teilweise dialogisch bis in die Anlage der Textgattung hinein. Dieser Charakter zeigt sich eben auch in dieser internationalen Offenheit. Die gibt es in den anderen Bereichen auch, also man darf sich bei nichts in der Bibel so vorstellen, dass das im Grunde so eine komplett abgeschlossene religiöse Wahrheitssäule ist. Wir finden zu mehr oder weniger allem in beiden Teilen der Bibel ganz viele außerchristliche, außerjüdische Parallelen. Das ist so das, was für viele im Theologiestudio erst mal ein Monsterschock ist, weil die Jungschar hat einen
nicht darauf vorbereitet, dass auch andere Gott angebetet haben und göttliche Gebote und ganz viel Ähnliches eigentlich hatten und so. Das ist erst mal verwirrend. Also es ist nicht das Besondere an der Weisheit, dass es Parallelen gibt zur Umwelt. Das Besondere ist, wie stark sie sind und wie groß und wie durchgreifend, dass man hier also gar nicht in so einer Gegensatzlogik ist, sondern ja, es ist einander offensichtlich vermittelbar, und Erfahrungen sind hier in einer großen mediterranen Welt vergleichbar. Das ist etwas, was für die ältere und mittlere Weisheit wesentlich ist. Sie ist praktisch orientiert. Es geht um Handeln. Sie hat manchmal kleine Anflüge, ich sage mal, von Politikberatung, Elitenberatung. Es ist hier und da so ein bisschen was, wo man merkt, das ist jetzt
nicht die Beschäftigung derer, die den ganzen Tag als Sklaven eine Pyramide gebaut haben und abends sagen: Jetzt lass uns mal hier Weisheit treiben und endlich mal wieder denken und so. Sondern etwas wahrscheinlicher sind es Eliten, die, die irgendwas leiten, irgendwie Verantwortung haben. Also wir sehen das hier und da - darum auch Zuordnung zu Salomo, zum Königshof, zu Leitenden. Das ist sicher so, dass wir hier eine Kultur haben, wo schlicht auch eine Schreibkompetenz versammelt ist, eine Schreib- und Diskurskompetenz. Und das ist eben jetzt auch nicht in jeder kleinen Siedlung oder Karawane oder so gegeben. So, das ist ältere Weisheit, und man kann insgesamt beobachten, dass diese Offenheit auch über die eigene Gruppe hinaus in diesem Bereich erhalten bleibt. Für die Entwicklung dieser Weisheitstexte, dieser Gattung, dieses Genres - wir sagen: dieser Tradition -
kann man jetzt auch sagen: Mit der Zeit wird das ein bisschen theologischer, ein bisschen spezifischer und spezieller geprägt vom Glauben Israels. Das Buch Kohelet ist da sehr interessant zu lesen. In gewisser Hinsicht ist es ja, man könnte jetzt sagen, voller Häresien, weil da ganz spannende Behauptungen sind und die alle so ein bisschen Abstand halten und so. Also es ist erfrischend unfromm, sich das mal so anzuschauen. Es hat aber schon einen stärkeren theologischen Geschmack als die Dinge, die wir so in der noch älteren Weisheit haben. Also es heißt dann schon "im Haus des Herrn" und "Lehre" und dies und das. Und je länger, je mehr kann man beobachten, diese Weisheitstradition wird weiter bedient, man hängt sich da rein.
Noch mal eine Bemerkung zu den sogenannten Apokryphen. Wie gesagt: Die findet ihr nur in einer guten katholischen Bibel, in einer älteren protestantischen Bibel nicht. In neueren protestantischen Bibeln ist es jetzt auch immer dabei unter "Apokryphen". Man muss dazu aber wissen, dass diese Texte alle drin waren in der griechischen Version der hebräischen Bibel, der sogenannten Septuaginta. Diese Sammlung, die Septuaginta, das ist das gewesen, was die frühe Christenheit als ihre Bibel akzeptiert hat. Und es war eine Entscheidung der Reformation im 16. Jahrhundert zu sagen: "Lass uns da mal ein paar hundert Seiten raushauen aus der Bibel, ein paar hundert Seiten fliegen raus. Wir halten uns jetzt einfach mal an den jüdischen Kanon." Denn im Judentum wurde eine ganze Reihe von Texten nicht kanonisch, die in der griechischen Bibel drin waren. Das Christentum ist lange katholisch-orthodox bis heute, also die Mehrheit
des Christentums hat nach wie vor so eine dicke Bibel. So, und der Protestantismus hat ein bisschen hemdsärmelig im 16. Jahrhundert gesagt: "Nicht, dass wir viel für die Juden übrighaben, aber wir schließen uns jetzt mal ihrer Bibel an." Für eine Entscheidung dieser Tragweite ist das sehr verblüffend salopp so passiert. Ich persönlich empfehle, die Septuaginta-Fassung und -Kanon einfach mal sehr ernst zu nehmen. Also ehrlich gesagt, rein historisch und auch insgesamt macht es wahnsinnig viel Sinn zu sagen: Das ist halt das Spektrum gewesen, in dem die Christenheit unterwegs war - und eben auch die jüdischen Gruppen und Gemeinden in der Diaspora, die griechisch sprechenden Juden eben zur Zeit Jesu und zur Zeit des Paulus, für den das auch klar war: Septuaginta war der Text, mit dem man mal am deutlichsten zuerst einen sehr klaren Inspirationsanspruch erhoben hat. Die
ganze Idee, die Bibel ist verbal inspiriert, wortwörtlich von Gott genau so gewollt, spielt in der Entstehungsgeschichte der Septuaginta eine Riesenrolle, schon deswegen ist es interessant. - So, also spätere Weisheit wird theologischer, wird religiöser, rückt stärker zusammen mit der Gesamtgeschichte Israels. Und alles das, was in den älteren Texten nicht vorkam, Gottes Handeln und Gottes Offenbarung und die Thora, all das wird jetzt enger mit der Weisheit verbunden. Trotzdem bleibt einfach so dieser Charakter erhalten, dieses nachdenkliche, diskursive, dialogische, offene, auf Erfahrung und Vernunft ausgerichtete Denken. Es gibt im Neuen Testament durchaus eine breitere
Spur an Weisheitstexten. Es gibt nicht so etwas wie ein eindeutiges Weisheitsbuch, wie wir das in der hebräischen Bibel haben, gleich mehrere, aber zum Beispiel der Jakobusbrief ist in seiner ganzen Art davon stark geprägt. Man könnte jetzt überall Dinge nennen, vor allem bei Jesus.In der Jesusüberlieferung der Synoptiker gibt es eine ganze Reihe von Stellen, wo Jesus als der Gesandte der Weisheit dargestellt wird. Das ist eine Nebenspur, die vertiefe ich jetzt hier auch nicht, da verweise ich einfach nur mal drauf. Also auch für die frühe Christenheit ist Weisheit ein sehr positiver Begriff. Wenn Paulus das jetzt aufgreift, was meint er nun damit? Wir haben eine ganze Reihe von Zitaten jetzt bekommen, wo Paulus anscheinend einen Gegensatz aufmacht, so Gegensatz göttliche Wahrheit - menschliche Weisheit. Ich habe
selektiv zitiert. Jeder, der Menschen einseitig auf Linie bringen will, der macht das immer so, man lässt immer alles weg, was einen stört. Ich habe jetzt im Grunde einseitig alles zitiert und rausgegriffen, wo Paulus glasklar menschliche Weisheit, die Weisheit der Weisen, der Klugen, der Menschen dieser Welt kritisch beschreibt. Man muss jetzt auch wahrnehmen, wenn man diesen Text anschaut: Es gibt hier viele Bemerkungen, wo man sieht, Paulus ist überhaupt nicht gegen Weisheit. Er macht hier einen Gegensatz auf: Weisheit der Welt und Gottes Weisheit. Also, er ist für Weisheit und er sieht jetzt hier aber einen möglichen Gegensatz oder auch einen realen Gegensatz. Er hat Erfahrungen in Korinth, in Athen, die Apostelgeschichte beschreibt exemplarische Clashs verschiedener Geltungsansprüche. Nun müssen wir uns eine zweite Sache auch noch mal
kurz klarmachen. Philosophie. Philosophie kann man in einer technischen, methodischen, rationalen Ebene und auf eine Art und Weise betreiben, die auf Strukturen abhebt. Vor allem so Sachen wie Logik und Dialektik und teilweise Ethik kann man im Grunde in einer Art und Weise beschreiben, die sehr auf die Sprache, auf die Empirie, auf die Überlieferung achtet. Das sind Dinge, die zur Geschichte der Philosophie gehören. Und Philosophie kann man auch betreiben in einer Haltung, die weltanschaulich religiösen Gesamtdeutungsanspruch erhebt. Für die Zeit des Paulus müssen wir uns klarmachen, dass das ein häufiges Format von Philosophie gewesen ist. Philosophie, wie man sie auf der Straße traf, hatte oft, oft einen quasi religiösen Anspruch. Sie war oft auch mit Gott und mit
Erleuchtung verbunden, mit einem Gesamtdeutungsanspruch. Philosophie ist im ersten, zweiten Jahrhundert häufig, nicht immer, aber häufig in irgendeiner Weise etwas, was hinführend vorbereiten soll, entweder auf Erkenntnis göttlicher Einsichten, göttlicher Weihen oder eben anders, sehr gesamtweltanschaulich, sodass im Grunde die Erkenntnis letzter Fragen und auch die Alltagspraxis durch Philosophie bestimmt werden. Von Epikur hat man vielleicht mal gehört, das ist jetzt eine sehr stark nicht so religiöse Weltanschauung, die aber auch sehr spitze anti-religiöse Punkte setzt. Stoiker laufen umher, die Stoiker dieser Zeit haben so einen Lebensgestaltungs- und Weltanschauungsanspruch, aber auch viele freischaffende Künstler waren so, ein bisschen auch Propheten, Wanderpropheten
und so. Heute würde man sagen Coaches, ein Coaching-Gewerbe, also manche. Es gibt ganz wunderbare Coaching-Modelle - aber es gibt ja so manche, da ist man immer irgendwie auch entrückt und gewendet und neu aufwärts und irgendwie erleuchtet oder so. Und dieses Spezielle ist dann im Grunde absolute Wahrheit, du hast dann Transformation erfahren, und du kannst, was weiß ich, materialisieren und ganz wunderbare Dinge erleben. Damit hatte es Paulus zu tun, es gibt ja im Kolosserbrief ein Zitat, wo im Grunde auch dieser Gegensatz expliziert wird, wo es heißt: "Hütet euch vor Philosophie." So, jetzt ist Kolosserbrief möglicherweise oder wahrscheinlich gar nicht von Paulus, insofern ist dieser Vers gar nicht der Gamechanger,
aber selbst wenn man sagen würde, doch, der ist von Paulus und ansonsten solide Paulus-Schule und so - das hilft nun alles nichts. Bei diesem Vers ist völlig klar, hier ist ein Philosophiebegriff gemeint, der direkt (Kolosser 2,8) quasi als Gegensatz konzipiert wird: Jesus oder Philosophie. So, und das ist für die Zeit realistisch, man darf jetzt hier nicht an aristotelische Logik oder so denken, sondern es gibt diese weltanschauliche, erleuchtungsorientierte Philosophiehaltung, die quasi wirklich ein Gegenentwurf zu einer Orientierung an Jesus wäre. Da kommt er vor, der Philosophiebegriff, ansonsten kommen ja die Stoiker und Epikuräer namentlich vor im Neuen Testament, Apostelgeschichte 17. Und bei Paulus sehen wir: Vor allem in 1. Korinther 1 und 2 beschreibt er das Genre, was er hier als menschliche Weisheit bezeichnet.
Sophia ist Weisheit, Philo-Sophia ist Liebe zur Weisheit, da sind wir in diesem Bereich. Insofern haben Kolosser und 1. Korinther hier beide eine Gegensatzlogik. Diese Gegensatzlogik leuchtet da ein, wo man auch ernst nimmt: Auch das Gegenüber hat diesen weltanschaulichen, quasi oder wirklich religiösen Anspruch, den philosophische Wanderprediger damals haben konnten. In 1. Korinther 1 und 2 kommt Weisheit aber auch positiv vor, kommt als Gottes Weisheit vor: "Wir predigen Christus als Gottes Weisheit." In Kapitel 2 sagt Paulus ausdrücklich auch: "also nicht menschliche Weisheit", und dann sagt er in Kapitel 2 Vers 6: "Von Weisheit reden wir aber unter
den Vollkommenen." Vollkommenen ist jetzt ein steiler Begriff, dazu wird auch viel geforscht und da kann man lang darüber reden. Bei "Vollkommenen" kann man auch sagen "Gereiften" oder "zum Ziel Gekommenen" oder "halbwegs Erwachsene" oder so, also man muss jetzt hier keinen komischen Gnostikerkurs draus machen. Es gab später im Christentum eine gnostische Versuchung, Gnosis - das Wort hat man vielleicht mal irgendwie gehört -, wo das eine Riesenrolle spielte, wo man sagte: "Na ja, es gibt Weltmenschen, die sind tot, müssen wir gar nicht drüber reden. Und dann gibt es so Angefixte, so ein bisschen Seelische, die haben was gesehen, die haben was gehört und so, aber das sind Kinder, das sind seelische Menschen, Kinder und so. Und dann gibt es die Gnostiker, die haben die Erleuchtung, die sind wach, sehr wach."
Das ist Gnosis, zweites, drittes Jahrhundert, eigene Kaste. Es gibt eine Reihe von Spezial-Evangelikalismus, der auch immer so gearbeitet hat mit "natürlicher Mensch - seelischer Mensch, geistlicher Mensch"; man brauchte das, weil man irgendwie das Gefühl hatte, Entrückung ist so eine große Sache, da können wir echt nur die Elite brauchen. Aber das ist im Grunde eine uralte gnostische Idee, so eine Kaste zu schaffen. Das müssen wir bei Paulus alles wieder wegdenken, alles wegdenken, das ist überhaupt nicht sein Ding, er hat keine Gnostiker-Elite-Kaste vor Augen, er hat aber schon eine Idee von Menschen, wo du echt beim ABC bist. Und ich schlage jetzt mal vor zu sagen, das sind Gereifte, gereifte Leute. Die haben irgendwo mal einen Glaubenskurs absolviert, können die Briefe auswendig und die können mitarbeiten und so. Und für die ist es ein positiver Begriff.
"Wir reden von der Weisheit unter den Vollkommenen", und hier macht Paulus wieder einen Unterschied, "nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen ..." Ganz interessant, so weltliche Weisheit, Herrscher, er identifiziert das als dieser Elite-Diskurs, und da macht er den Gegensatz, auch in diesem weltanschaulichen Sinn: "Sondern die Gereiften, da reden wir von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist", er führt das noch ein bisschen aus. Aber Weisheit ist für ihn nach wie vor ein positiver Begriff, Weisheit ist für ihn ein Begriff, der für Erfahrung steht, für Einsicht. Interessanterweise ist diese Einsicht immer verbunden mit einem Wissen um Gottes Weisheit, die geheimnisvoll bleibt, die im
Geheimnis verborgen ist. Diese Weisheit, von der Paulus positiv redet, weiß auch ganz schlicht um die Grenzen des Wissbaren, sie weiß, dass sie sich nicht identisch setzen kann mit dem, was Gottes Weisheit ist, aber sie orientiert sich daran, sie nimmt daran Maß, sucht Einsicht, sucht Verstehen, sucht Erkenntnis in diesem Grenzbewusstsein. Ich möchte dieser Spur jetzt noch mal ein bisschen nachgehen. Was ist mein Ziel? Was möchte ich zeigen? Ich möchte ganz schlicht zeigen: Die Gegensätze, die vorhin aufzumachen waren, von göttlicher Weisheit und menschlicher Weisheit, dürfen auf keinen Fall verstanden werden als antirational, anti-intellektuell.
Die Botschaft ist nicht: Gottes Wahrheit und Gottes Wille - topp, Vernunft, Weisheit - alles schlecht, alles schlecht; Gott will im Grunde nicht Leute, die nachdenken, sondern Leute, die gehorchen. Das ist eine falsche Zuspitzung, falsch, egal ob sie aus fundamentalistischer oder hypersäkuralistischer Richtung gemacht wird. Paulus ist vernunftfreundlich, prorational, diskursiv interessiert, er argumentiert, er arbeitet sich durch Fragen durch, er versucht, sie zu klären, und das so, dass er nicht nur Thesen verkündet, die er abgenickt sehen will, sondern er wirbt um Verständnis. Er möchte es erklären, er möchte es mit Schriftauslegungen, mit Gründen, mit Argumenten und so weiter in irgendeiner Form deutlich erklären. Das kann man
jetzt an unterschiedlichen Dingen zeigen. Ich möchte es an einer Stelle jetzt noch mal zeigen, wo ich es aufgreife in einem Zusammenhang, den ich gestern schon angesprochen habe. Ich habe ja gestern von der Christologie gesprochen, den Philipper-Hymnus haben wir uns angeschaut. Ich hatte es da schon angedeutet: Das, was hier formuliert wird, hat eine Vorgeschichte, und zwar eine sehr interessante Vorgeschichte. Also diese ganzen Themen, wo Jesus in irgendeiner Weise da steht als präexistent, als jemand, der existiert hat, bevor er hier auf der Welt war, diese Vorgeschichte ist eine weisheitliche Vorgeschichte. Es gab eine Zeit, wo man so das Gefühl hatte: Im Judentum - das ist eigentlich völlig klar - gibt es nur Gott, und der Himmel ist eigentlich für Gott absolut und so und alles, was da christliche Leute draus gemacht haben. Schlimmer Abfall,
furchtbares Verbrechen, das war von Anfang an irgendwie feindselig gegen den jüdischen Monotheismus. Ich bin ganz froh, dass man in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr gesehen hat - oder auch nicht -: Auch in jüdischen Überlegungen und Gedanken war der Himmel differenzierter, vielfältiger, war Gott auch weniger monolithisch, als man teilweise dachte. Ich lese euch mal einen kleinen Text vor, der ist aus einem Weisheitsbuch, Sprüche Salomos. Gerade in den ersten Kapiteln darf die Weisheit auch viel selbst reden, die Weisheit erzählt dann dies und das und das, das brauchen wir jetzt gar nicht alles. Es gibt einen Abschnitt, Kapitel 8, da ist die Weisheit richtig warm gelaufen, so richtig in Form, und da sagt sie unter anderem dies: "Adonai" - also der HERR, der Gottesname - "hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf von Anbeginn her." Sehr interessant, hier spricht
jemand, die Weisheit, Chochma, Sophia. Sie unterscheidet sich von Gott, sagt, "er hat mich schon gehabt", dann aber: "Im Anfang, vor der Schöpfung, von Anfang an, ich bin eingesetzt von Ewigkeit her. Im Anfang, ehe die Erde war, als die Tiefe noch nicht war, war ich geboren. Als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen, ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln war ich geboren, als die Erde noch nicht gemacht war noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens ..." Wir haben jetzt so ein bisschen die Neigung zu sagen: Ja, Mensch, komm zum Punkt, nicht, dass du jetzt da noch alle Tiere durchgehst und so! Das ist aber weisheitlich. Zur Weisheit gehört es immer, so ein Panorama aufzumachen, eine Ordnung des
Geschöpflichen. Das ist extrem weisheitlich. Es gibt Weisheitspsalmen, die funktionieren auch so, da werden Sonne, Mond und Sterne genannt und dann Wind und Wolken und Wetter und dann bist du irgendwann bei den Vögeln, dann bei den Tieren, dann, was da rumschwimmt, und man weiß auch nicht so genau, man hätte dann doch vielleicht lieber eine Doku über Tiere gesehen, da sind die schön bunt ... Aber für diese Zeit, für diese Welt ist es ja eine Frühform von Naturkunde, von Ordnung, von Sortieren, also der Ordnungssinn, der da drinsteckt, in dieser, man nennt es oft Listen-Weisheit. Das sind alte, spannende Formen, sich in der Gesamtheit des Kosmos zu orientieren und sich immer in dieses Gefüge hineinzustellen. Es ist natürlich auch eine Arbeit an der eigenen Haltung als Mensch, man durchdringt, man sieht das Ganze, man hat nicht nur Sinneseindrücke, sondern hat Verständnis für eine Ordnung, für eine Struktur des Kosmos. - Und jetzt wird das
weitergeführt: "Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte ..." Es wird erzählt und erzählt und erzählt. "Ich war beständig bei ihm, war seine Lust täglich, spielte vor ihm alle Zeit, ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern." Ah, da sind wir! Und die Weisheit, ja, die mag uns auch, die mag uns und sieht uns schon ganz lange, vor aller Zeit. Spannender Text, superspannender Text! Und diese Idee zieht sich jetzt durch die ganze Tradition in verschiedenen Ebenen. Ich nenne jetzt noch mal einen Text, Sirach 24, paar hundert Jahre später, dickes Buch, anders spannend, mehr religiös, auch heilsgeschichtlich gewendete Weisheit. Und jetzt ist es wieder ähnlich, auch hier: Die Weisheit spricht, sie kann reden und so und sagt: "Der Schöpfer aller Dinge, der mich geschaffen hat, gebot mir und gab mir eine
bleibende Wohnung und sprach: 'In Jakob sollst du wohnen und in Israel soll dein Erbbesitz sein.' Vor der Welt, von Anbeginn an hat er mich geschaffen und ich werde ewig bleiben. Im heiligen Zelt habe ich vor ihm gedient und auf dem Zion eine feste Stätte gefunden. Er hat mich in die geliebte Stadt gesetzt, dass ich Jerusalem regieren solle." Hier sehen wir das, was ich vorhin abstrakt beschrieben habe: Hier wachsen im Grunde jetzt Dinge zusammen. Zum einen wird die Weisheit jetzt nicht mehr nur im kosmologischen, natürlichen Ordnungssinn beschrieben, sondern sie wird zusammengebracht mit der Stiftshütte im Zelt, mit der Thora. Sie wird mit der Thora, mit dem Gesetz verbunden und sie wird dann mit Jerusalem, mit der Zionstheologie, verknüpft. Und das sind ja im
Alten Testament, hebräische Bibel, zwei große theologische Gedankenkreise. Gott teilt sich mit in der Thora, Gott vermittelt sich selbst zur Einwohnung auf dem Zion. Das sind große theologische Kreise, die in verschiedenen Epochen eine große Rolle spielen. In der Thora ist es natürlich eine bestimmte Frömmigkeit, aber nehmt das Buch Jesja und viele Psalmen: Zionstheologie, Zionsfrömmigkeit spielten eine große Rolle. Und nun wird die Weisheit beschrieben als, ja wie sollen wir sagen, Selbstvermittlung Gottes. Und jetzt ist man schon wieder bei Begriffen, die verdächtig und doof sind, weil sie aus späterer Zeit kommen, aber was sollen wir jetzt machen? Es ist eine Form der Selbstvermittlung in einer zweiten Gestalt, die unterschieden und nicht ganz getrennt ist, man möchte auch fast Hypostase sagen. Es ist ja Gott, der auf dem Zion wohnt - das ist die Weisheit. Und es ist Gott, der in der
Stiftshütte, im Tempel, im Allerheiligsten wohnt - und hier: auch die Weisheit. Und dieses Denken einer Selbstvermittlung Gottes, der sich selbst präsent macht und das zugleich aber auch eben in einer Vermittlung, in einer indirekten Direktheit oder direkten Indirektheit oder nehmt es, wie ihr wollt, diese Idee, dass der ewige, unfassbare Gott, den wir nicht beschreiben und nicht greifen können, sich selbst gibt, dem Volk des Eigentums im Tempel, in diesem kleinen, dunklen Kästchen in der Stiftshütte, im Tempel - wie soll das denn gehen? Und das wird hier gedanklich überbrückt mit dieser Zwischenfigur, mit dieser Idee, dass Gott sich selbst gibt und die Weisheit quasi als
Repräsentanz oder Seite oder Aspekt oder Hypostase oder wie man es sonst bezeichnen will. Es ist natürlich immer eine Arbeit am Geheimnis: Wie kann der unfassbare Gott sich fassbar machen? Und diese "Verdopplung" - also alles, was man sagt, ist irgendwie häretisch und die Sprache muss es leider aushalten, dass wir das Unsagbare so ein bisschen umschreiben wollen und müssen. Diese ganze Tradition geht ein in das Nachdenken über Jesus Christus der frühen Gemeinde, und wir sehen an dieser Stelle: Die ganze frühe Christologie ist gerade kein, was weiß ich, Abfall vom Judentum und keine griechische, gnostische, philosophische Verirrung und Spekulation. Diese Ideen von Christus, der in dieser Welt war und der bei Gott war und bei uns ist und all dies, hatte eine lange Vorgeschichte. Auch der Johannesprolog bis in
viele Einzelheiten hinein ist kein Abfall vom Judentum. "Das Wort wohnte unter uns", wörtlich "zelten" - das ist die Sprache von Sirach 24, wieder diese göttliche Selbstvermittlung an seine Schöpfung. Und das war nun für diese Welt interessant aus einem ganz bestimmten Hintergrund. Es gab gleichzeitig spannende Entdeckungen, die man machen konnte in der Philosophie der damaligen Zeit. Da kann man jetzt auch noch viel zu sagen, man könnte viel über Platon sagen. Platon hatte aber gerade nicht so die ganz große Stunde im ersten Jahrhundert. Er hat seine große Zeit dann für die spätere Kirche auf dem Weg zu trinitarischen Überlegungen, da platonisiert es auf einmal an allen Ecken und Enden. Man könnte viel sagen über die Stoa. Wir hatten letztes Jahr einen ganzen
Vortrag von Udo Schnelle zu diesem Thema, wo Udo Schnelle ausführlich gezeigt hat, warum für Stoiker der christliche Glaube superattraktiv sein konnte, weil hier der Begriff des Logos aufgegriffen wurde, der für die Stoiker eine ganz entscheidende Rolle spielte. Dieser Begriff des Logos, Wort, Vernunft, Geist und so hat in der griechischen Philosophie eine lange Geschichte, die fängt an mit Heraklit spätestens. Heraklit, da sind wir im fünften Jahrhundert vor Christus, da sind wir noch ein, zwei Generationen vor Platon, vor Sokrates. Da kann er im Grunde schon über den Logos sagen: Er ist ewig, aber die Menschen erkennen ihn nicht. Die Menschen haben da keinen Blick für, die Menschen sind wie blind dafür. Der Logos erleuchtet wie ein Blitz die Welt, aber die Menschen bleiben blind dafür. Und wenn man sich das anschaut und einfach mal neben dem
Johannesprolog sieht, merkt man: Hoppla, das, was über Christus gesagt wird, heute mag es einem fremd und wunderbar vorkommen - für Menschen der damaligen Zeit werden hier lauter Erinnerungen aufgerufen an Weisheitstexte, an Weisheitstheologie, an philosophischen Spekulationen über den Logos, den göttlichen Logos, der in allem und vor allem ist. Das heißt, also selbst bei der Frage "Wer ist denn Jesus? Wie können wir deutlich machen, was Jesus bedeutet? Wie können wir das verstehen?" greifen die frühchristlichen Autoren auf Gedanken zurück, die in Weisheit und Philosophie angebahnt waren. Es ist gerade nicht ein Ignorieren und völliges Absehen von dem,
was in der damaligen Zeit gedacht wurde. Im Gegenteil, es ist ständig der Versuch einer Anknüpfung, ständig der Versuch, Denkmöglichkeiten, Bilder, gedankliche Konzepte, Begriffe aufzugreifen, um mit ihrer Hilfe eine Sprache dafür zu finden, wer Jesus ist. Es ist ganz schlicht rationale Arbeit. Paulus läuft nicht glossolasierend durch die Welt. Er verharrt nicht in einem beständigen Sprachengebet. Es gibt so ganz lustige christliche Sondergruppen. Es gab im Hessischen so eine Gruppe, die hatten im 18. Jahrhundert schon so eine Zungenrede, Sprachengebet. Es waren immer so unverständliche Laute, und die wussten auch nicht, was das soll. Aber die fanden es dann irgendwie wichtig. Die hatten dann irgendeine Dame, die konnte schnell schreiben und so, die hat das aufgeschrieben. Und da gibt es immer noch so ganz dicke Bücher und Schriften, so Hunderte von Seiten,
bla, bla, bla. Und das liegt in alten Archiven, weil die hofften, irgendwann gibt der Geist die Gabe des Verständnisses. Das ist, glaube ich, noch nicht passiert, oder ich müsste mich noch mal erkundigen. Man weiß ja nie, man kann nichts ausschließen, aber alles unwahrscheinlich. Paulus hätte davon, glaube ich, nichts gehalten. Es war nicht seine Idee, es war nicht sein Konzept. Er hat an dieser Stelle tatsächlich versucht, die Dinge klar und deutlich zu sagen. Wie komme ich auf das Beispiel? Weil Paulus selbst drauf kam. Es gibt ja die Stelle 1. Korinther 14, wo Paulus über Sprachengebet ein paar Dingen sagt. Und er sagt auch: Das ist eine geile Sache. Ich bin da auch ein toller Hecht und so. Macht keiner mehr als ich. Da macht mir keiner was drin vor. Wie er eben so ist. Also er hatte jetzt nicht so Selbstwertprobleme, wo ein Therapeut ihn noch hätte pushen können oder so. Der war stabil. Wirklich, er fand sich irgendwie ganz cool. Und ja, für Leute, die große Dinge bewegen
wollen, ist es immer ein Segen, nicht zu viele Selbstzweifel zu haben. Hat auch Grenzen, aber schweigen wir davon. Und in dem Zusammenhang, wo er sagt, ich bin da echt ein ganz Großer im Sprachengebet, sagt er aber auch (1. Korinther 14): "Ich will in der Versammlung lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, um auch andere zu unterweisen, als 10.000 Worte im Sprachengebet in Zungenrede." Und er führt das aus und sagt: "Ihr seid doch vernünftige Leute, versteht doch, was ich sage. Versteht ihr? Denkt mal mit. Was bringt es denn, wenn jetzt irgendjemand da in fremden Sprachen redet, er ist erbaut, Gott vielleicht auch, man weiß es nicht. Aber die Leute, die dabei stehen, die nicht verstehen, die gehen raus und sagen: 'Ich war da in der Versammlung, das waren Bekloppte. Ganz klar. Die waren am Spinnen. So was Komisches habe ich noch
nicht gesehen. Die könnten einen Eintritt verlangen, so irre ist es, aber auch ein bisschen beschämend.'" Und Paulus sagt: Das kann doch nicht das Ziel sein, dass Leute da rückwärts rausgehen und sagen: Das sind Bekloppte. Also: vernünftig erklären. Vernünftig, logisch. Es muss verstanden werden. Nichts ist ohne Sprache. Es springt einfach nicht über. Es ist nicht so, dass es aus meinen glänzenden Augen einfach überspringt, sondern wir müssen es erklären. Ihr müsst es verstehen. Ihr müsst es selbst beurteilen. Das ganze Kapitel 1. Korinther 15 ist auch ein Hohelied auf die vernünftige Sprache, die erklärt und verstanden sein will. Die ganzen Argumentationen bei Paulus funktionieren so. Er will Gründe benennen. Gründe aus der Schrift, denn für ihn ist das eine argumentative Basis. Für diejenigen, die innerhalb der Glaubenswelt sind, für die ist das
ihre Form der Rationalität. Wie ist es? Das wird durch schriftgelehrte Argumentationen betrieben. Dass das für Menschen, die nicht in dieser Glaubenswelt leben, keine Basis ist, ist völlig klar. Darum redet er für sie anders. Darum entwickelt er für sie eine andere Rhetorik. Und dieser vernunftfreundliche, rationale Charakter der paulinischen Briefe ist an dieser Stelle, finde ich, evident. Wo Paulus einen Gegensatz aufmacht zwischen Christus und menschlicher Weisheit, da geht es immer um die Dimension: Woran glauben wir? Da geht es um den Gegenstand des Glaubens, Gegenstand der Offenbarung. Da geht es um Heilswahrheit, da geht es um Offenbarung und eine Weisheit, die weltanschaulich wird. Oder eine Philosophie - mit dem Kolosserbrief -, die quasi religiös auf dieser Ebene absolute Geltungsansprüche erhebt. Da, nur da, da ist es
ein Gegensatz für Paulus, wo es darum geht: Wie gehen wir miteinander um? Da hat er auch eine klare Präferenz: vernünftig. Vernünftig, argumentativ mit der Bibel argumentieren, Gründe, Fragen aufgreifen, Probleme widerlegen, Probleme diskutieren, miteinander. "Prüft es!" Jahreslosung 2025. Darum geht es. "Prüft alles, behaltet das Gute." Nickt nicht einfach alles ab, du kannst nicht im Gottesdienst sitzen und sagen: Ich bin so froh, dass endlich wieder Sonntag ist, ich muss so viel nachdenken, jetzt bin ich hier und muss nur noch nicken, nur noch alles abnicken, ich will nichts mehr prüfen, ich will nicht denken, ich will mich unterwerfen, ich bin müde und so. Nein, nein, nein, also gerade im Gottesdienst wach sein, hören, fragen, verstehen, dranbleiben, in der Pause auch noch weiterdiskutieren, das ist im Grunde das Ideal, schon selbst denken
und selbst prüfen. Und Paulus bezieht das tatsächlich auf die unterschiedlichsten Bereiche. Ich hatte gerade einen Bereich, den würde man jetzt dogmatisch nennen. Also selbst diese Frage "Wer ist Jesus?" wird im Rückgriff auf Konzepte, Begriffe, Überlegungen aus weisheitlich vernünftiger Sphäre geklärt. - Nehmen wir das Beispiel der Ethik. Auch Ethik wird bei Paulus nicht einfach dekretiert, auch hier werden nicht absolute Offenbarungsantworten auf Herausforderungen gegeben, sondern es wird immer wieder argumentiert. Und wie stark Paulus dabei anknüpft und sich bezieht auf das, was die Leute mitbringen, kann man im Philipperbrief sehen. Nehmen wir mal einen Vers, Philipper 4,8, da heißt es: "Weiter, Brüder und Schwestern, was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat,
sei es eine Tugend, sei es ein Lob, darauf seid bedacht." Das Interessante an dem Vers ist, er greift lauter Begriffe auf, die im Grunde in der jüdischen Tradition nicht so verbreitet waren, also der Begriff der Tugend zum Beispiel. Tugend ist ein Schlüsselkonzept der griechischen Populärphilosophie, der griechischen Moral im engeren Sinn. Tugend ist ein Schlüsselbegriff im Grunde aus der sokratisch-platonischen Zeit. Platon hat eine Tugendethik entwickelt, Aristoteles hat am Tugendkonzept weitergearbeitet. Es zieht sich durch diese Zeiten durch, es ist typisch für alle Gebildeten. So funktioniert die Ethik im hellenistischen Bereich: Nachdenken über Tugend. Und Paulus greift das auf. Paulus ist Diaspora-Jude
aus Tarsis, und für das Diaspora-Judentum war immer schon klar: Man war Gemeinschaft für sich und war in verschiedenen Bereichen auch wirklich unterschieden von der Umgebung. Im Diaspora-Judentum war aber auch klar: Man muss mit den Leuten irgendwie klarkommen. Wir leben in der Welt, wir leben mit den Leuten, wir haben Anteil an ihrer Bildung. Und bei Paulus sieht man es an der Sprache, der spricht mindestens so gut Griechisch wie Friedrich Merz Englisch. Also da kannst du im Oval Office auch mit glänzen oder so, wahrscheinlich sogar besser, also er ist in den Dingen flüssig, er kann nachdenken, er kann sich ausdrücken, er lebt und webt darin. Und eben auch in den konzeptionellen Welten, die mit der Sprache verbunden sind. Paulus ist in seiner Sprache kein Hinterwäldler, er kann gezielt, wo er im
griechisch-römischen Raum unterwegs ist, Begriffe antippen, die den Menschen da was sagen. Im zweiten Korintherbrief spricht er vom inneren Menschen. Für eine gewisse Bildungsschicht ist klar: Innerer Mensch ist ein Ausdruck aus der platonischen Schule. Da waren die Griechen auch alle wach und sagen: Innerer Mensch, habe ich gehört? Das finden die interessant und finden es auch gut. Das finden die auch ganz schön. Da ist so ein Jude, der glaubt jetzt daran, da war irgendein Prophet, wilde Dinge glaubt er - aber ja, Platon, innerer Mensch, was denkst du dazu? Das fanden die interessant. Da gab es eine Bereitschaft, darüber zu reden, weil sein ganzes Denken und Reden immer in einem Übersetzungsprozess ist, immer so mit dem Gefühl dafür: Wo kommen die her, wo stehen die, was wissen die, wie reden die, und wie schaffe ich es, von Jesus Christus, von den Heiligen Schriften Israels, von unseren Überzeugungen in dieser
Sprache etwas zu sagen? Mit dieser Haltung ist Paulus schulbildend geworden, nicht er allein, ich würde das Johannesevangelium jetzt dazuzählen. Der Johannesprolog ist ein sehr kluger, durchgearbeiteter Text, der wirklich viel verarbeitet hat. Ich würde auch bei anderen Texten sagen, also auch Epheser und Kolosser und so, die sind irgendwie vertraut mit Sprache und Kulturen. Ich möchte jetzt einen klitzekleinen Ausblick geben, wie man in der Christentumsgeschichte mit dieser Frage vom Anfang umgegangen ist. Wie bestimmen wir denn jetzt das Verhältnis göttliche Offenbarung, göttliche Wahrheit und ja, Vernunft, Weisheit, Erkenntnis, Rationalität? Ich mache das jetzt kurz,
so ein Überblicksvortrag. Aber manchmal sind große Linien, denke ich, wichtig. Für diese Frage muss man zunächst mal sehen, das zweite Jahrhundert ist ein Schlüsseljahrhundert der Christentumsgeschichte. Im zweiten Jahrhundert werden Weichen gestellt. Das zweite Jahrhundert ist sehr bunt. Und es gab im zweiten Jahrhundert unterschiedliche Exits. Es gab manche, die haben aus dem christlichen Glauben wirklich so eine esoterische, gnostische Religion gemacht, etwas, was es sonst auch gab. Also sie haben im Grunde das Christentum überführt in so eine Erleuchtungs- und Elite- und Spezialreligion. An denen ist nicht alles schlecht. Ich halte gar nichts davon, immer so Gnosis und immer nur so angsthaft zu denken, aber unterm Strich wäre es das nicht geworden, glaube ich. Die haben alle ihre Punkte gehabt, total und im Großen und Ganzen, aber dass sich das nicht durchgesetzt hat, hat Gründe. Es gab auch Ideen des Christentums,
ich sag mal hypercharismatisch, Hyperzeichen und -wunder und "Wir können heilen und Dämonen austreiben" und sonst wie. Da kriegst du junges Volk und da kriegst du die Heißesten und so, und das ist immer paar Jahre und vielleicht Jahrzehnte schön, aber dann hast du auch viel Ausgebrannte und viele Brandwunden und auch Schwierigkeiten. Es gibt einen Hauptstrom, der sich im Grunde intern ja verblüffend dann auch so synchronisiert, wie sollen wir sagen, kulturadaptiv. Wir stellen uns ein: Jesus ist unser Herr und wir glauben und wir sind mit ihm unterwegs und so, aber wir glauben an den Herrn Jesus Christus, der als Sohn Gottes, des Schöpfers, zugleich der ist, dem wir alle Welt verdanken. Das heißt, wir sind nicht weltfeindlich und weltfremd unterwegs, sondern
wir glauben, dass wir in dieser Welt zu Hause sind, es ist keine fremde, feindliche Welt, wie in gnostischen oder charismatischen Spielarten. Das ist unsere Welt, es ist unsere Heimat und wir haben keine Angst vor keinem Gedanken, vor keiner Erfahrung, vor keiner Realität. Wir gehen "all in" und können die Wahrheit unseres Glaubens verknüpfen mit all dem, was in der Welt als vernünftig und weise und gut und wahr gilt. Es gibt so eine ganze Gruppe von Leuten, deren Schriften erhalten geblieben sind, sogenannte Apologeten. Justin der Märtyrer ist der erste und bekannteste, da könnte man jetzt viele Leute nennen. Und die Grundentscheidung ist interessant. Man hat ja zum einen die ganze religiöse Welt der Gottheiten in der ganzen Vielfalt vor Augen und
auf der anderen Seite das ganze philosophische Spektrum mit alldem. Und im Grunde ist ziemlich einhellig klar: Wir halten maximalen Abstand zu all diesem religiösen Zauber. Wir suchen auch gar nicht den interreligiösen Dialog mit dem, was wir hier haben. Auf keinen Fall - jetzt auf heute übertragen. Aber für damals war klar: Wir schlagen das Angebot aus, zu sagen, für euren Jesus wird schon noch ein Plätzchen im Pantheon zu finden sein. Das Angebot gibt es ja immer. Das kann man in Indien oder in Rom oder überall formulieren. Ein Plätzchen im Pantheon, da ist viel Platz, da kommen sie schon klar. Nein. Das galt nicht als attraktiv. Hier war schon die Grundentscheidung "all in". Wir glauben an den einen Gott. Punkt. Also hier sehr kritisch, sehr verschlossen. Auf der anderen Seite sehr positiv zur Philosophie. Also nicht zur Religion, die immer verwoben war mit dem
Herrschaftsapparat, mit den Machteliten. Religionsaversion war ein subversives Element. Das war Widerstand. Das war Widerstand gegen das Imperium. Das war "Willkommen bei der Rebellion". Das ist der Punkt. Also nicht irgendwie "Alle Religionen sind Lüge" oder so. Das sollte man gar nicht irgendwie mit komischer Missiologie von heute verwechseln. Sondern es war Widerstand gegen imperiale Begründungsachsen religiöser Art und ein Ja zur Vernunft, zur kritischen Nachdenklichkeit, zu Platon, zu Aristoteles, zu all diesen Sachen, zur Stoa. Es beginnt im zweiten Jahrhundert ausführlich, dass man sich das aneignet. Es gibt Einzelne, die sagen: "Aber ist doch falsch!" Also Tertullian ist so eine Stimme, der sagt: "Jerusalem hat nichts mit Athen zu tun. Das ist
ein falscher Weg. Wir dürfen uns nicht so ranschmeißen an das ganze Nachdenken und die Philosophie." Das macht Tertullian in einer Zeit, als er immer charismatischer wird. Also Montanismus ist das Ding, also mit Prophetie und Offenbarung und Action und Askese und radikaler Sexualmoral, wirklich extrem. Und für die war das falsch. Die gingen auf Abstand. Aber der Hauptstrom hat im Grunde sich weltpositiv, vor allem aber eben auch philosophieoffen begeben. Und im Grunde kann man jetzt eine Linie zeichnen: Wo immer Konflikte da sind, setzt es sich unterm Strich aber am Ende immer durch: Christlicher Glaube hat nie Angst vor Rationalität, vor Arbeit an Begriffen, vor Verstehensversuchen, vor Philosophie. Wenn Gott der Schöpfer aller Welt ist, finden wir ihn in
allem, was wahrhaft vernünftig ist. Und der Kampf gegen die Unvernunft ist sowohl ein philosophischer als auch ein theologischer Kampf. Insofern ist Ausbildung, auch trinitarische Überzeugung etwas, was gar nicht gegangen wäre, ohne dass man inzwischen in Metaphysik und Platonismus und vielen Dingen drin war. Im Hochmittelalter wird man den Aristotelismus entdecken über den islamischen Umweg. Das hat sich bei den Arabern viel besser gehalten. Es gab eine aristotelische Schwächephase in der Gründungsphase des Christentums, darum war man superplatonisch in der alten Zeit. Ab dem zwölften Jahrhundert, vor allem im dreizehnten Jahrhundert, gibt es eine riesige Blüte des Aristotelismus. Das müssen wir jetzt nicht alles erzählen. Aber bis ins 17. Jahrhundert ist das eine philosophische Matrix, mit der man arbeitet, und eine Sprache, mittels derer christliche Dogmatik ausformuliert wird. Das hat viel gebracht und das hatte Grenzen. Über diese beiden Seiten
könnte man viel reden, das mache ich jetzt auch nicht. Für uns ist sehr interessant, dass ab dem 17. Jahrhundert die Welt sich entwickelt und weiterdreht und auf immer breiterer Front Grenzen entdeckt werden dieser griechisch-römisch-platonisch-aristotelischen Sicht auf die Welt. Das ist ein ungeheuer spannender Prozess, wo nach und nach eine neue Form der Rationalität entsteht. Eine Rationalität, die empirischer ist, experimenteller, immer weniger idealistisch, metaphysisch, immer stärker daran interessiert, das Werden, das Konkrete, das Einzelne zu verstehen, und Rationalität nicht mehr so konzipiert, dass du immer top-down, immer das Allgemeine, immer von oben, immer das eine vom Göttlichen hernieder, sondern im Grunde viel stärker vom
Einzelnen, vom Konkreten, von der Beobachtung, von der Erfahrung, vom Experiment her arbeitest. Was wir zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert erleben, ist eine Umformatierung dessen, wie Rationalität funktioniert. Aus christlicher Sicht muss man hier von einer kleinen Tragödie sprechen, dass theologische Kasten und Eliten sich teils viel zu lange geklammert haben an die ältere Rationalität aus der Antike mit ihren metaphysischen allgemeingültigen Ansprüchen. Also bei allen möglichen Fragen - Dreht sich die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde? - war man irgendwann nicht mehr bereit, irgendwie zu gucken, sondern hat gesagt: "Ja, aber es ist eigentlich völlig klar, also von unserer Philosophie ..." Und es ist ja nun wirklich nichts, wo man sagen
kann: Die Bibel ist da sehr klar. Die Bibel ist sehr klar, dass sich die Sonne um die Erde dreht und nicht umgekehrt. Dafür findest du natürlich einen Vers, aber es war im Wesentlichen ja eine naturphilosophische Sicht der Antike, die man versucht hat zu verteidigen gegen aufgeklärte, kritische, empirische, moderne Wissenschaft. Ich fürchte, das ist ein Teil dieser tragischen Entstehung einer aufgeklärten, säkularen Welt, die Christentums-skeptisch ist, weil sie das Gefühl hat, dass ein dogmatisches Christentum nicht wahrheitsfähig ist, sondern am Ende jeden Scheiß wie eine göttliche Offenbarung verteidigen wird und da auch nicht vor bösen Fouls und fiesen Tricks zurückschreckt. Das ist ein Unglück. Unglück. Man muss jetzt auch sagen, also diejenigen, die da gekämpft haben, das war ja jetzt nicht irgendwie eine Invasion von atheistischen Aliens. Also
die Leute, die die moderne Wissenschaft und all das erfunden haben, die aller-, aller-, allermeisten haben sich durchaus als christlich verstanden, waren in irgendeiner Weise gläubig; es war eine andere Generation. Ich werde das jetzt nicht durchdeklinieren an Evolution - das ist dann der große Endkampf natürlich, wo eben manche auch das Gefühl hatten: Jetzt wird die Schöpfungslehre und Gott der Schöpfer ermordet. Jetzt werden wir uns hier gegen die Evolutionslehre stürzen wie 300 Spartaner gegen das Persische Weltreich, nur über unsere Leiche. Das ist hier ein Hügel, um darauf zu sterben und so. Niemals, niemals werden wir weichen. Viele gläubige ChristInnen kämpfen heute noch. Sie glauben, dass das der absolute Kampf ist um die Verteidigung des Kapitols der göttlichen Wahrheit. - Ich komme zum Ende. Es ist heute eine Welt, wo ja eine
Rationalitätsgeschichte uns im Rückblick sicher zeigt, wo wir sehen, Rationalität ist ständig Arbeit an sich selbst, ist ständig im Wandel. In welcher Welt leben wir? Wir leben in einer Welt, wo Wissenschaft, eine sehr ausdifferenzierte Form der Wahrheitserkenntnis, naturwissenschaftlich, kultur- und geistesgeschichtlich, institutionalisiert in Universitäten und Forschungen, für die moderne Welt eine große Rolle spielt. Wir leben in einer regelrechten Epoche wissenschaftlicher Wahrheitserkenntnis. Und jetzt kann man schon sagen, dass die Anfänge der Wissenschaft ja irgendwie auch sogar mit dem Christentum zusammenhängen. Die Idee, dass die Welt verständlich ist, erforschbar ist, hatte in den Anfängen immer so die Überlegung: Gott ist der Schöpfer von allem,
Gott hat der Welt Gesetze gegeben, moralische Gesetze. Auch die natürliche Ordnung ist gesetzmäßig geordnet. Und weil wir vernünftig sind, können wir die Gesetzmäßigkeit der Welt verstehen. Die Idee, dass die Welt verstehbar und erklärbar ist, hat so eine Art christliche Vorgeschichte. Es ist ja ein Glaube an die Versteh- und Erklärbarkeit der Welt, der einen überhaupt so forschungsfreudig macht. Du kannst dich auch hinstellen und sagen: Das ist alles sehr schön, verstehen tut das keine Sau. Ist ja auch egal - manches ist sehr lecker, und bei manchem fällst du tot um. Dann ist es Schicksal, da kannst du nichts machen. Das zu verstehen, zu verstehen, warum bringt dich dieser Frosch da um und warum ist der sehr lecker, wenn du ihn richtig anbrätst und so - das rauszukriegen, also zu glauben, man kann die Welt verstehen, ist auch ein Glaube. Aber dass
die Christenheit es geschafft hat, mindestens ambivalent zu wirken und vor allem die großen Kirchen oft fortschrittsfeindlich waren, wahrheitsunwillig, skeptisch und viele Gläubige bis heute noch in so einer Art geistigem Gefängnis sitzen, dass sie Wissenschaft und Aufklärung und Vernunft als feindselig empfinden, ist eine Tragik. Können wir von Paulus jetzt Antworten gewinnen für eine Welt der Wissenschaft, in der wir leben? Nein, nein, Paulus kennt eine solche Welt der Wissenschaft, kennt empirische Wissenschaften, kennt Forschungen nicht, kennt viele Ergebnisse nicht, weiß nichts von Evolution und all diesen ganzen Dingen. Nichts daran ist überraschend, weil kein Zeitgenosse das auch nur auf dem Schirm haben konnte. Die Welt entwickelt sich. Und das ist, fürchte ich, für manche Christinnen und Christen ein großes Problem.
Wie sollen wir uns denn zur wissenschaftlichen Aufklärung verhalten? Was sagt die Bibel? Wenn man glaubt, dass diese Frage eine gute Idee ist, hat man eigentlich schon verloren. Die Bibel sagt da nichts zu. Man kann in der Bibel sich anschauen: Womit hat Paulus gerungen? Und man könnte lernen, sehr rational, sehr vernunftsfreundlich, sehr argumentativ zu sein, wo es darum geht, sich miteinander zu verständigen, und sich auf alles Mögliche einzulassen. Und in der Glaubensfrage "Worauf vertraue ich? Was ist mein Trost im Leben und im Sterben?", da ist für ihn Jesus die Antwort, da ist der Gott Israels der, bei dem Zuflucht ist in alle Ewigkeit. Und was an dieser Stelle in Konkurrenz tritt, das ist Konkurrenz. Und dann sind solche weltanschaulichen Dinge Gegensatz zu Jesus, und da sagt er: Nein, einfach nein. Das ist
unser Weg. Und diese Entscheidung für Jesus ist keine antirationale Entscheidung grundsätzlich, sondern dann, wenn es um Halt und Trost und Glauben und ewiges Leben geht, an dieser Stelle. Ansonsten lebt Paulus wie viele andere Autoren des Alten und des Neuen Testaments eine große Offenheit, eine Neugierde, eine Lernfreudigkeit, eine Bereitschaft, immer dazuzulernen. Die ganze Geschichte Israels, der frühen Christenheit ist eine ständige Lerngeschichte durch immer neue Weltanschauungen und Konstellationen hindurch. Es gäbe nichts Vernünftigeres, als diesen Weg fortzusetzen, wissenschaftsfreundlich, denkbegeistert, gesprächsfähig und offen. An dieser Stelle hängt es vor allem in fundamentalistischen Strömungen des Christentums.
Die Tragik des Fundamentalismus ist, dass er im Versuch, der Bibel treu zu sein, diese verrät. Was wir bei Paulus lernen können, ist eine Haltung, die mit einer solchen Wirklichkeitsverweigerung nichts zu tun hat. - Nun würde ich noch etwas bei ihm mitnehmen. Bei ihm ist ja Weisheit, also gute Weisheit, so konzipiert, dass sie Respekt hat vor dem Geheimnis Gottes. Es ist eine grenzbewusste Weisheit. 1. Korinther 13 ist auch eine weisheitliche Überlegung: "Wir sehen jetzt wie durch einen Spiegel ein dunkles Wort. Dann aber werden wir erkennen, wie wir jetzt schon erkannt sind." Also die Erkenntnis der Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit gehört für Paulus dazu. Gute Wissenschaft weiß von all ihrer Grundlagendebatte her: Wissenschaft ist keine
totale Abbildung der Welt. Wissenschaft ist menschliche Praxis, ist der Versuch und teilweise der Erfolg, manches zu verstehen, manches in den Griff zu kriegen, Erkenntnis auszubreiten. Wissenschaft ist nie totale Erkenntnis. Wissenschaft ist immer perspektivisch, immer vorläufig, ist immer unterwegs. Es ist im Grunde schon eine Einsicht der Aufklärung, dass zur vernünftigen Erkenntnis die Einsicht in die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit des Menschen gehört. Das ist Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781. Alle Vernunfterkenntnis hat letzte Grenzen, über die sie nicht hinaus kann. Da hinzukommen, dass menschliche Vernunft, Wissenschaft und Weisheit weiß um die Grenzen aller Erkenntnis, aber natürlich auch über die
Möglichkeiten und Einsichten, die Forschung bewirken kann, und auf der anderen Seite ein Glaube, eine Religion, die Gewissheit hat in dem, wie sie auf Gott vertraut, und gleichzeitig offen und neugierig ist für all das viele Schöne und Spannende, was sich in dieser wundervollen Welt Gottes lernen lässt, zusammen mit Menschen egal welchen Glaubens oder ohne Glauben - das, finde ich, kann man auch aus der Bibel lernen. In diese Richtung kann man mit Paulus denken. Ein vernünftiges Christentum, das um die Grenzen der Vernunft weiß, in einer Welt voller vernünftiger Menschen, die ahnen, dass so etwas wie Glaube nicht irrational sein muss. Das stark zu machen und das auszubauen, da bin ich gern dabei. Ich lade herzlich ein. Macht doch einfach mit!
Paulus und die Weisheit: Zwischen griechischer Philosophie und göttlicher Offenbarung | 15.6.3
Fragt man nicht-religiöse Menschen, wie sie sich einen gläubigen Christen vorstellen, dann haben sie meist eine klare und eher unsympathische Vorstellung: politisch radikal seien die, wissenschaftsfeindlich und ziemlich naiv. Fundamentalistisch eben.
Wenn man Paulus so liest, könnte man tatsächlich den Eindruck bekommen, die Gläubigen sollten ihr Gehirn an der Kirchentür abgeben. Er schreibt davon, dass die Nachfolger Jesu ihre Weisheit ablegen müssen, dass die frohe Botschaft den Nicht-Gläubigen albern vorkommt, er fordert Gehorsam und Unterordnung.
Gibt es also nur entweder – oder? Gläubig oder vernünftig? Torheit oder Weisheit? Thorsten Dietz erklärt, was Paulus unter Weisheit verstand, was die Bibel über Weisheit sagt und warum fundamentalistische Christen die Bibel verraten.