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Dieser zweite Vortrag zum Thema Homosexualität hat das Thema "Homosexualität und Bibel". Damit ist der Vortrag ja für eine bestimmte Gruppe von Menschen interessant. Es gibt Menschen, die sagen: "Für mich ist das Thema eigentlich durch, das ist eine Frage der Menschenrechte. Ich bin da völlig klar." Und andere sagen: "Ich wäre so oder so dagegen. Selbst wenn die Bibel dafür wäre, wäre ich auch dagegen." Für diese Menschen ist der Vortrag nicht, sondern er ist für Menschen, die eine Spannung kennen; eine Spannung, dass sie auf der einen Seite die Bibel lieben, die Bibel ernst nehmen wollen, sich an die Bibel auch gebunden fühlen in Glaubens- und Lebensfragen und in der Bibel Stellen entdeckt haben, die ihnen beim ersten oder zweiten oder dritten Lesen den Eindruck machten, dass die Bibel sich da kritisch zu Menschen äußert, die wir heute schwul oder lesbisch nennen,

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und die auf der anderen Seite aber irgendwann oder sofort das Gefühl bekommen haben: Aber wie passt das zusammen? Wie kann das denn sein, dass in der Bibel etwas steht, was viele Menschen heute als diskriminierend empfinden, wo sie sagen: Ich selbst tu mich da auch schwer, Menschen für etwas zu verurteilen, Menschen für etwas ausgrenzen zu sollen, wofür die gar nichts können, was zu ihrer Person gehört. Menschen, die diese Spannung kennen, dass sie auf der einen Seite der Bibel gerecht werden wollen und auf der anderen Seite Menschen gerecht werden wollen, die lesbisch, schwul oder queer sind - für diese Menschen ist heute der Vortrag. Das ganze Thema hat natürlich jetzt auch eine längere Geschichte schon hinter sich, seitdem

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das etwas intensiver diskutiert wird. Das habe ich im ersten Vortrag referiert, also im Grunde erst in Theologie und Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg gab es vielfach die These, die Beobachtung: Also das, was in der Bibel aber steht, kriege ich nicht zusammen mit den Menschen, die ich vor Augen habe. Ich kriege es nicht zusammen. Ich lese das und ich sehe die Menschen und ich gucke hin und her, und irgendwie passt das nicht. Und dann gab es manche, die haben gesagt: Ja, dann ist das so. Dann redet die Bibel von irgendwas von ganz früher und dann müssen wir es auch einfach mal sagen: Das ist mit der Zeit jetzt auch gegangen. Das ist heute nicht mehr aktuell. Wir müssen uns mit allgemeinen christlichen Werten behelfen. Wir müssen fragen: Was ist gerecht? Wie handeln wir in dieser Frage der Nächstenliebe gemäß? Und dann schauen wir mal, wo wir hinkommen. Dann mag aber für manche das Bauchgrummeln bleiben, zu sagen: Okay, ich kann ja damit

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klarkommen, dass wir heute Fragen haben, die die Bibel noch nicht direkt anspricht. Es ist aber schwieriger zu sagen: Wenn die Bibel da mehrfach irgendwelche Texte und Stellen hat, lasse ich es mir einfach egal sein, tue ich es einfach beiseite, lasse ich das einfach ganz auf sich beruhen. Wie kann ich denn damit sinnvoll umgehen? Kann ich da einen guten Umgang mit finden? Es gab dann in den letzten Jahrzehnten zwei Versuche, die mache ich jetzt ganz schnell, weil die sich nicht bewährt haben. Es gab dann vor 50 Jahren schon die Idee: Ist es in der Bibel vielleicht einfach so gemeint, dass sich die Bibel gar nicht abgrenzt von dem, was wir heute kennen als gleichgeschlechtliche Liebe, sondern es um Sachen geht, die im Zusammenhang mit fremden Religionen stehen? Dritte Buch Mose, wenn man das liest: Abgrenzung von den Völkern der Umgebung, Abgrenzung von Götzendienst, Gräuel, und dann kommen so Sachen, und dann hatten manche die Idee:

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Ja, was ist, wenn es hier wirklich um Tempelprostitution geht oder um Fruchtbarkeitskulte der Alten Welt? Auch in Römer 1 sagte man: Darum geht's ja nicht. Also "Menschen haben sich von Gott abgewandt und sind von ihm preisgegeben und kommen dann auch in widernatürlichen Umgang" - hat das auch einfach hier etwas mit Götzendienst zu tun? Wir machen es ganz kurz. Nein, hat sich nicht bewährt. Es ist schon eine Idee, also man kann das vertiefen. Irgendwas findet man immer ... Aber im Großen und Ganzen gibt die zeitgeschichtliche Umgebung der Texte das nicht her, zu sagen: Hier ist alles irgendwie Tempelprostitution. Es gab dann einen zweiten Versuch, der sagte: Nee, und es ist anders, also Tempelprostitution, wer weiß, irgendwas ist immer und so, aber vielleicht nicht überall. Nein, man müsste es einfacher sagen. In der Antike ist einfach jede Form von gleichgeschlechtlichem Verkehr immer missbräuchlich und gewalttätig.

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Immer. Es geht immer darum, dass es nicht einvernehmliche, nicht freiwillige Beziehungen sind. Es ist immer irgendwas mit Ausbeutung, mit Gewalt, mit sexualisierter Gewalt oder Prostitution oder sonst wie. Und darum wird das in der Bibel auch verurteilt. So, das führt weiter. Da ist jetzt nun wirklich was dran. Und das ist schon dann auch eine Entdeckungsgeschichte, sodass inzwischen die meisten heute sagen würden: Okay, also rein mengenmäßig sind die meisten Erwähnungen von gleichgeschlechtlicher Sexualität in der Antike tatsächlich Verkehr mit den eigenen Sklaven, mit Jünglingen, die man so im Haushalt hat, mit Käuflichen oder eben auch mit Jugendlichen. Also rein mengenmäßig. Das meiste ist so. Aber zwei Sachen sind schwierig an dem Argument.

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Das Erste, was schwierig ist, ist die Behauptung, die biblischen Texte verurteilen gleichgeschlechtliche Praxis, weil sie gewalttätig und unfreiwillig ist. Das gibt die Sodom-Geschichte her. Die anderen Texte - boah, es ist so eine Form von Exegese, man müsste es da reinschieben, aber wenn da Leute sagen: "Das sehe ich in meinem Text nicht", haben sie da einfach echt einen Punkt. Und zweitens muss man nun auch sagen: Ganz gibt die Zeitgeschichte das auch nicht her. Man kann sicher sagen, die Mehrheit der Fälle, die so vorgekommen sind, also die Alltagsgeschichten, waren so. Man kann aber nicht sagen, dass es keine freiwilligen, einvernehmlichen, liebevollen, gleichgeschlechtlichen Kontakte gab. Das haut auch so nicht hin. So, jetzt haben wir schon mal ein bisschen Forschungsgeschichte abgearbeitet. Ab jetzt kommt das, wie man es heute sieht. Ab jetzt die aktuelle Sicht mit Varianten, mit verschiedenen Zwischentönen.

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Also eine Sicht, von der ich sagen würde, sie ist in Deutschland ein bisschen älter als 20 Jahre, länger ist sie auch noch nicht etabliert. Man muss auch sagen, so vor 30, 40 Jahren hat man das noch nicht so klar gehabt. Es hat sich aber jetzt herauskristallisiert, was ich als Gesamtsicht heute darstellen möchte. Ich möchte es dabei so machen: Ich möchte jetzt nicht beginnen mit einem großen Referat "Sexualität in der Antike" und dann vom Kontext, vom Hintergrund her den Texten irgendeine Deutung unterschieben, sondern ich möchte von den Texten ausgehen. Und ich habe den Anspruch, an den biblischen Texten selbst sehr viel zeigen zu können, was wir inzwischen aus den ganzen historischen Forschungen über den zeitgeschichtlichen Hintergrund wissen. Fast alles kann man tatsächlich in den Texten auch finden und sehen. Und damit fangen wir an. Und ja, ich fange vorne an.

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Was ist der erste Text, der gleichgeschlechtliche Sexualität zum Thema hat? Es ist der Klassiker schlechthin. Es ist die Geschichte von Sodom. Lange Zeit war Sodomie die Bezeichnung für gleichgeschlechtliche Sexualität. Heute ja nicht mehr. Heute würde man bei Sodomie an Sex mit Tieren denken. Aber man kann sagen, von der Spätantike an, auch nicht viel früher - nicht die frühen christlichen Apologeten, Kirchenväter, die noch nicht -, ab der Spätantike, dann aber in der Tat bis Anfang des 20. Jahrhunderts ist Sodomie ein Begriff dafür. Oscar Wilde zum Beispiel wurde noch wegen Sodomie ins Zuchthaus geworfen. So, der Text ist bekannt. Ich lese die Texte trotzdem. Ich lese sie schnell, weil man kann sich das ja anschauen. Genesis 19: "Zwei Engel kamen nach Sodom am Abend. Lot aber saß zu Sodom unter dem Tor.

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Und als er sie sah, stand er auf, ging ihnen entgegen, neigte sich bis zur Erde und sprach: 'Siehe, liebe Herren, kehrt doch ein im Hause eures Knechts, bleibt über Nacht und lasst eure Füße waschen. Frühmorgens mögt ihr aufbrechen und eure Straße ziehen.' Aber sie sprachen: 'Nein, wir wollen über Nacht im Freien bleiben.' Da nötigte er sie sehr und sie kehrten zu ihm ein und kamen in sein Haus. Und er machte ihnen ein Mahl und backte ungesäuerte Brote und sie aßen. Aber ehe sie sich legten, kamen die Männer der Stadt Sodom und umgaben das Haus, Jung und Alt, das ganze Volk aus allen Enden, und riefen Lot und sprachen zu ihm: 'Wo sind die Männer, die zu dir gekommen sind diese Nacht? Gib sie heraus, dass wir ihnen beiwohnen.' Lot ging heraus zu ihnen vor die Tür und schloss die Tür hinter sich zu und sprach: 'Ach, liebe Brüder, tut nicht so übel. Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Mann. Die will ich euch herausgeben. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt.

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Aber diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Dachs gekommen.' Sie aber sprachen: 'Weg mit dir', und sprachen auch: 'Du bist der einzige Fremdling hier und willst regieren? Wohlan, wir wollen dich noch übler plagen als jene.' Und sie drangen hart ein auf den Mann Lot. Doch als sie hinzuliefen und die Tür aufbrechen wollten, griffen die Männer hinaus und zogen Lot herein zu sich ins Haus und schlossen die Tür zu. Und sie schlugen die Leute vor der Tür des Hauses, Klein und Groß, mit Blindheit, sodass sie sich vergebens mühten, die Tür zu finden." Ja, ich weiß nicht, wie es euch geht beim Hören der Geschichte oder was du da denkst. Ich weiß nicht, ob du denkst: Krass, genau dasselbe ist neulich bei uns in Wanne-Eickel passiert. Wäre unwahrscheinlich, glaube ich. Also ich glaube, die meisten Menschen, die das hören, denken, das ist eine sehr komische Geschichte. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die im Kindergottesdienst ausführlich besprochen wurde.

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Was ist da los? Was ist da los in der Geschichte? Es ist gleich Mehreres komisch. Es heißt: "Es kamen die Männer der Stadt Sodom, Jung und Alt, das ganze Volk aus allen Enden." Also wirklich jeder gehört dazu, das sind nicht die Schlimmsten oder die bösen Buben. Und ja, was wollen die? Die wollen mit zwei Männern Sex haben, sagen sie, gegen deren Willen, gewaltsam. Ja, es ist strange. Da würde man sagen: Was ist da los? In welcher Stadt, wo würdest du das finden, dass alle Männer aus allen Enden, Jung und Alt, sagen: "Hey, fremde Männer, lasst uns Sex mit ihnen haben!"? Das ist mit allem, was wir heute über das Thema denken können und wissen, komisch. Es geht auch komischer weiter. Also dann kannst du denken: Oh Gott, oh Gott, in was für einer Stadt bin ich denn hier gelandet,

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dass die alle Sex mit Männern haben wollen? Dann also es ist echt mutig, dass Lot rausgeht zu denen, die Tür auch zumacht hinter sich. Respekt. Und dann sagt er: "Ich habe noch zwei Töchter, die sind Jungfrauen, die könnt ihr haben." Das ist ja auch auch sehr komisch, sehr, sehr komisch. Also jeder Vater, der nicht weiß, dass er in so einer Situation einen Job hat, nämlich zu sagen: "Nur über meine Leiche", ist aus heutiger Sicht ein ganz komischer Vater. Aber allein die Idee, dass die, die gerade mit Männern Sex haben wollen, dass man denen sagt: "Ich habe zwei Jungfrauen für euch" - auch das ist ja irgendwie speziell. So, wenn man diesen Text anschaut und als man sich mit dem Thema Homosexualität anfing zu beschäftigen, sagten viele: Moment, wir hören heute, es gibt Menschen, die sagen, dass sie sich ganz hingezogen fühlen zum eigenen Geschlecht

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wie andere zum anderen. Und dann lese ich die klassische Geschichte in der Bibel über Sodomie. Das BGB im Deutschen Kaiserreich nimmt in der Begründung historisch auch noch da Maß oder so. Die ganze Begründung war immer: Das ist der alte Punkt gewesen in der Heiligen Schrift. So war es im Mittelalter, so war es durch alle Rechtskörper hindurch. So, da liegt es natürlich nah zu fragen: Ja, waren die da alle schwul in Sodom? Oder war denen das alles egal? Oder was ist da los? Wenn man dann weiter in der Bibel schaut und darüber hinaus, wie das gedeutet wurde, kommt niemand auf die Idee zu fragen: War das zufällig ein Ort, wo alle Männer irgendwie so eine Anlage hatten oder so? Da kommt keiner drauf. Interessanterweise wird es lange Zeit nicht mal als das Krasse dieser Geschichte gesehen,

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dass da Männer mit Männern Sex haben wollten. Das eigentlich Schlimme ist hier: Die sind Gäste. Und Gästen was anzutun, Gastgeber so miserabel im Grunde als Stadt zu konterkarieren, also so fremdenfeindlich und gewalttätig zu sein - das ist der Skandal. Sodom wird sprichwörtlich als völlig verkommene, missratene Stadt genannt. In Hesekiel zum Beispiel steht das. Ja, und was steht da in Hesekiel? Da heißt es: "Das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Stolz und alles in Fülle und sorglose Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern. Aber den Armen und Elenden halfen sie nicht, sondern waren hoffärtig und taten Gräuel vor mir." Nur das ist der Vorwurf: eine völlig verkommene Stadt, ohne dass hier die gleichgeschlechtliche Sexualität groß zum Thema wurde. Was wirft man denen vor in der Überlieferung? Flavius Josephus, neutestamentliche Zeit, erzählt die Geschichte nach.

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Und ja, seine Sicht ist völlig klar: Das war nicht nur eine ehebrecherische Stadt. Das war sie bestimmt auch, sodass man sagte, die waren in der Ehe nicht treu, die haben sich an nichts gehalten, die waren da zügellos in ihrem Verlangen. Für Josephus waren die so zügellos, dass die nicht mal mehr mit normalem Ehebruch zufrieden waren. Die waren dann sogar scharf auf fremde Männer. Und sie konnten sich nicht bezwingen; so weit gingen die, dass sie denen auch noch Schande und Gewalt antun wollten. Dazu muss man sich jetzt sich klarmachen, und aus dieser Geschichte heraus werde ich das ein bisschen ergänzen mit Zeitgeschichte, Kulturgeschichte: Diese Idee, dass Männer, normale Männer, das tun können und wollen, liegt der Antike gar nicht fern.

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Also in einem Text des altassyrischen Rechts heißt es: "Wenn ein Mann einem Genossen beiwohnt und man es ihm beweist und ihn überführt, dann soll man ihm beiwohnen und ihn zu einem Verschnittenen machen." Das ist ein Rechtssatz, wo man sieht, das kommt vor, das machen manche so. Aber dann soll man sie bestrafen, indem man den vergewaltigt. Wenn jemand einen anderen Mann vergewaltigt, hat er etwas so Schlimmes getan - er soll selbst vergewaltigt und anschließend kastriert werden. Warum? Weil das eben einen Menschen maximal erniedrigt. Das ist so der Sinn. Er wird dadurch, dass er vergewaltigt wird, im Grunde in die Rolle der Frau geschoben, das erniedrigt ihn maximal. Und das spielt in vielen antiken Kulturen eine große Rolle im altassyrischen Bereich; manchmal auch umgekehrt, so dass man sagt: Wer es schafft, seinem Widersacher beizuwohnen, ist irgendwie Anführer.

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Er hat gezeigt, dass er härter und stärker ist. Also der ist besonders führungsstark - aber umso schlimmer die Schande für den, dem das passiert ist. Es gibt dann viele Texte, die zeigen: Jemand wurde vergewaltigt und so, und dann gibt es da magische Rituale, dass er seine Scham und seine Schande wieder loswird. Er ist erniedrigt, er ist gedemütigt, und er durchläuft dann Rituale, um das irgendwie wieder von sich wegzubekommen. In der ägyptischen Erzählüberlieferung spielt es eine große Rolle. Seth und Horus - das ist ja so ein epischer Kampf. Und da ist es dem Seth gelungen, den Horus zu vergewaltigen. Und er macht das dann öffentlich. Es geht um die Macht, es geht um die Herrschaft. Seth macht es öffentlich. Warum?

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Er will im Grunde zeigen: "Horus kann nicht mehr Herrscher werden. Ich habe Horus vergewaltigt. Er ist geschändet, er ist erniedrigt, er ist gedemütigt. Ihr werdet ihn nicht mehr ehren können als Herrscher." Und Horus dreht es um. Er versucht, das Gerücht zu streuen: "Es war umgekehrt. Eigentlich habe ich dem Seth das angetan." Und es wird richtig darum gerungen. Aber bei keinem käme man auf die Idee zu sagen: Oha, du stehst auf Männer. Das ist da nicht das Thema. Und ehrlich gesagt: Heute ja oft auch nicht. Bei sexualisierter Gewalt ist es ja völlig unsinnig, grundsätzlich zu sagen: Oho, du hast sexualisierte Gewalt gegen einen Jungen ausgeübt - ja, bist du schwul oder bist du pädophil oder so? Sexualisierte Gewalt ist oft, oft Gewalt. Gewalt ist das Streben nach Dominanz, nach Selbstbehauptung, nach Durchsetzung.

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Sie sagt etwas über das Machtverlangen von Menschen aus, aber in der Regel nichts über irgendwas, was wir heute als Veranlagung oder Neigung oder Orientierung bezeichnen würden. Und das ist etwas, was sich durch die ganze Wirkungsgeschichte von Sodom durchzieht. Im Alten Testament spielt es nicht so eine große Rolle, aber in der frühchristlichen Zeit gibt es viele jüdische Texte dazu, es spielt eine große Rolle und dann wird mehr und mehr tatsächlich dieses "Sex mit Männern" wichtig. Aber es ist immer ein Beispiel für überschwängliche, überbordende sexuelle Gier. Es ist immer Unzucht und Ehebruch extrem. Das gibt's im Mittelalter auch. Ab dem 11., 12. Jahrhundert ist die Rede von Sodomiten. Aber auch da hat es nichts damit zu tun, wo man sagen würde: Aha, guck mal, Petrus Damian, der hat schon gewusst, was Schwule sind.

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Der sprach schon von Sodomiten. Nein, es ist gar nicht das Thema. Es ist im Grunde im Sexuellen das, was man sonst einen chronischen Lügner oder einen notorischen Einbrecher nennen würde. Also jemand, der sich so tief daran gewöhnt hat, über die Stränge zu schlagen, es ist seine lasterhafte Art geworden. Aber die sind nicht so; die sind so schlimm geworden, weil sie da immer tiefer über die Stränge geschlagen haben. Oder nehmen wir Martin Luther. Es gibt einen riesigen Genesis-Kommentar von ihm. Das gibt's oft auch auf Deutsch, kann man reinschauen. Luther hat die Stelle aus Sodom und danach sagt er: "Ich behandle zwar diesen Text nicht gern, darum, dass der Deutschen Ohren noch unschuldig sind und rein von solcher scheußlichen und schrecklichen Sünde. Denn obwohl diese Schande wie auch andere Sünden durch gottlose Kriegsknechte und unzüchtige Kaufleute in diese Lande gebracht sind,

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so müssen sie doch heimlich geschehen, dass andere davon nicht viel erfahren. Und sind die Kartäusermönche die Ersten, denen man darum feind sein soll, die solche gräuliche Schande aus den italienischen Klöstern nach Deutschland gebracht haben." Interessant, dass Luther sagt: Das gibt's gar nicht bei uns. Wir Deutschen wissen da gar nichts von. Witzigerweise, als er eine Römerbrief-Vorlesung hält, Römer 1, kommt er gar nicht auf die Idee. Er legt das aus als Warnung vor Selbstbefriedigung. Das dachte er so - im Kloster, Mann mit Mann Schande, kann das denn sein? Wahrscheinlich so, wo man in der Kloster... - ja, Selbstbefriedigung soll nicht sein. Aber inzwischen hat der alte Luther Geschichten gehört, er kriegt viel mit und sagt: Meine Güte, italienische Mönche. Schlimm. Und für Luther ist aber völlig klar: Das sind ja ganz normale Menschen. Und er schreibt dann: "Nachdem dies natürlich und in die Natur gepflanzt ist,

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dass ein Mannsbild gegen ein Weib Liebe und Brunst empfindet, lassen die solche natürliche Begierlichkeit fahren und gewinnen zudem Lust, die ganz und gar wider die Natur ist. Wo mag solch verkehrte Art herkommen? Ohne Zweifel vom Teufel, welcher, nachdem man einmal von Gottes Furcht abgelenkt ist, die Natur so gewaltig drücket und beschweret, dass er auch natürliche Lust und Begierlichkeit austrocknet und eine andere erweckt, die wider die Natur ist." Ein schöner Text, der zeigt, Luther ist davon überzeugt: Alle, alle Menschen haben natürliche, angeborene sexuelle Neigungen auf das andere Geschlecht. Aber manche sind vom Weg abgekommen, sind vom Glauben weg, werden gierig, werden maßlos. Und das ist der Extremfall, wenn die sexuelle Gier und Lust so weit geht, dass sie sich sogar auf das andere Geschlecht bezieht.

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Man könnte viele, viele, viele Texte aus 2000 Jahre Kirchengeschichte bringen. Was man nicht kann, ist, Texte zu bringen, die sagen: Ja, in der Antike wussten die schon, da gibt's Menschen, die haben so richtig, als Teil ihrer Persönlichkeit, Neigung zum eigenen Geschlecht. Da wüsste ich jetzt nichts aus 2000 Jahre Kirchengeschichte. - Ein erstes kleines Zwischenfazit. Was hat Sodomie, also das zentrale Stichwort der Christentumsgeschichte, mit heutiger Homosexualität zu tun? Klare Antwort: nichts. Und soweit ich sehe, ist das heute auch Konsens. Also ich habe auch schon lange keine ganz Konservativen mehr gehört, die das irgendwie noch mal an diesem Text anders festmachen wollen. Wenn man den Text heute nimmt und darauf bezöge, da ist es einfach sehr, sehr komisch. Und die meisten merken es auch wirklich: Liest man ihn in seiner Zeit -

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es ist normal. Es ist das, wovor gewarnt wird: So extrem soll man sich nicht seinen eigenen Gelüsten überlassen. Es ist eine abschreckende Geschichte, und darum warnt man alle Männer davor, bloß nicht so tief zu sinken wie die Männer von Sodom. Jetzt gehen wir noch mal grundsätzlich auf die Frage ein. Ich habe das zunächst mal an dem Text gezeigt und an dem Text erst mal klargemacht: So etwas wie eine sexuelle Orientierung, ein Persönlichkeitsmerkmal gibt es da nicht. Erweitern wir die Frage: Gab es das denn vielleicht grundsätzlich in der Antike? Also vielleicht nicht in der Stelle, aber gab es das grundsätzlich? Machen wir uns zunächst noch mal klar: Sexuelle Orientierung ist ein modernes Konzept. Ab 1869, 1870 - Ulrichs, Westphal und andere - ist das Konzept da.

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Es dauert viele, viele, viele Jahrzehnte, bis es sich allmählich durchsetzt, im Grunde erst so richtig nach dem Zweiten Weltkrieg auf breiter Bahn, über diejenigen wie Hirschfeld und andere, die sich damit viel beschäftigt haben, hinaus. Gemeint ist eine exklusive emotional romantische Ausrichtung auf das eigene Geschlecht, eine entsprechende Richtung sexuellen Begehrens. Das ist das Missliche, denn bei Homosexualität geht es gerade nicht nur um Sex, sondern es geht um das ganze Spektrum von körperlichen Gefühlen, romantischen, emotionalen Konzepten, ein damit verbundenes Selbstkonzept und auch Identifikation mit einer sozialen Gemeinschaft. (Ich habe jetzt hier ein etwas klassischeres Konzept genommen. Inzwischen sind wir ja wieder ein bisschen weiter.

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Inzwischen würde man ja doch stärker betonen: Den Homosexuellen gibt es eigentlich nicht, genauso wenig wie den Heterosexuellen oder die Heterosexuelle. Heute ist der Stand ja nun doch mehr, zu sagen: Sexualität ist ein Spektrum, mehr oder weniger exklusiv von der sexuellen Ausrichtung und mehr oder weniger stabil oder eben auch fluide. Das ist heute das, was wir eigentlich deutlicher sehen. Diese Einsicht bedeutet nicht: Also kann man es doch verändern. Also dass es der willentlichen Beeinflussung sehr, sehr weitgehend entzogen ist, das ist nach wie vor so.) Aber gab es das, gab es in irgendeiner Weise das Wissen um dieses Persönlichkeitsmerkmal? Und da ist es seit einigen Jahren, vielleicht Jahrzehnten, der Punkt, dass manche sagen: doch.

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Also vielleicht kann man es nicht in Genesis 19 finden, aber in der Antike grundsätzlich schon. Es gibt inzwischen große Sammlungen von sämtlichen Vorkommnissen in der griechisch-römischen Antike, wo irgendetwas mit gleichgeschlechtlicher Sexualität vorkommt. Dickes Buch, lauter Zitate, dicke Sammlung. Also da ist im Grunde alles umgepflügt. Wenn wir nicht neue Texte entdecken oder so, haben wir da erst mal einen guten Überblick. Und da sagen jetzt manche: Es gibt astrologische Texte, wo manche sagen, da gibt es Leute, die haben das. Das steht in den Sternen, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Andere sagen: Es gibt medizinische Texte, dass das so eine Anlage ist, und selbst große Philosophen wie Platon und Aristoteles hätten das gewusst. Jetzt kann man die astrologischen und medizinischen Dinge schnell abhaken, wenn man da näher reinschaut. Hier geht es um Präferenzen und interessanterweise gar nicht exklusiv, sondern da gibt es Texte, die sagen:

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Wenn der Mond und Saturn und Venus so und so stehen, dann kann derjenige, der darunter geboren ist, tatsächlich Lust darauf haben, mit Jungs Sex zu machen und auch andere unmoralische Formen des Verkehrs mit seiner eigenen Frau und so. Also es ist eigentlich nicht das, was wir heute haben. Oder bei manchem, wo man einfach sagt: Ja, die haben eine Störung, die sind krank, die sind einfach nicht richtig Mann geworden. Das ist alles ganz traurig. Also diese Texte geben überhaupt nicht her, was wir heute haben. Es gibt interessanterweise einen Text, der aber dann doch spannend ist, von Platon. Platons Symposium. Und Platon ist bis heute ja wirklich Standardliteratur für Menschen, die das Graecum machen. Für Philosophie, für Kunst ist das sehr bedeutsam. Platons Symposium. Mehrere Menschen sitzen zusammen, trinken und sagen: Hey, lasst uns Reden halten auf die Liebe.

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Ja, das wird ein spannender Abend - also das ist heute noch schön zu lesen - und jeder erzählt so seine Geschichte. Aristophanes in der Erzählung, damals zeitgeschichtliche Figur, auch bekannt, erzählt etwas. Er erzählt einen Mythos und sagt: "Die Menschen waren mal ganz anders, sie waren so kugelförmig geschaffen. Und dann sind sie durch Gottes Macht in zwei Teile geteilt worden. Und das ist der Grund dafür, dass jeder Mensch sein Leben lang sucht nach der fehlenden Hälfte." Das ist ja als Geschichte wirklich interessant. Der Mensch ist da, fühlt sich unvollständig. Selbst Adam hätte gesagt: Irgendwas fehlt mir so. Aber dann kommt das Interessante: "Jeder Mensch sucht die passende Ergänzung. Bei vielen sucht der Mann eine Frau und die Frau einen Mann - und es gibt aber auch Männer, die ihre Ergänzung in einem Mann finden, und

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Frauen, die es in der Frau finden." So und dann heißt es hier: "Und wenn einmal der liebende Teil der Knabenliebhaber so wie alle anderen auf seine wirkliche andere Hälfte trifft, dann werden sie von wunderbarer Freundschaft, Vertraulichkeit und Liebe ergriffen und wollen, um es kurz zu sagen, keinen Augenblick voneinander lassen und ihr Leben miteinander zubringen." Das klingt jetzt doch modern. Das klingt jetzt doch wie etwas, wo wir sagen würden: Hoppla, Schwule in der Antike - da sind sie! Und dieser Text ist wirklich sehr, sehr bedeutsam. Im 19. Jahrhundert ist das für diejenigen, die das moderne Konzept Homosexualität, gleichgeschlechtliche Liebe erstmals beschreiben, definieren, an sich erleben, das kommunizieren - also Hössli und Ulrichs und Westphal und so - die Schlüsselgeschichte, sie sagen: Das ist mein Leben.

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So, wie es hier bei Platon steht, genau so geht es mir. Oscar Wilde auch. Oscar Wilde sagte auch: "Die Menschen verstehen das nicht. Es ist die Liebe, die nicht genannt werden darf, aber es ist eigentlich das, was Platon doch in diesem Text erzählt." Also muss man jetzt doch sagen, es gab das Wissen um Homosexualität in der Antike. Dazu muss man sich jetzt aber auch ein paar Sachen klarmachen. Also erstens: Es ist Dichtung. Es ist eine literarische Funktion, die nicht auf Aristophanes oder so zurückgeht. Zweitens: Aristophanes war Kritiker und Gegner des Sokrates. Platon ist Schüler des Sokrates, großer Fan von Sokrates. Sokrates ist auch mit dabei. Platon lässt diese Geschichte erzählen von einem Sokrates-Kritiker. Der Höhepunkt des ganzen Abends ist: Sokrates sagt, wie es wirklich war.

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Was hat denn Platon gedacht? Na ja, das nicht. Also Platon äußert sich selbst in anderen Büchern zu gleichgeschlechtlicher Liebe. In seinem Alterswerk "Nomoi", seinem größten Buch, schreibt Platon: "Es liegt in der Natur der Tiere, dass bei ihnen ein Männchen ein anderes nicht sexuell berührt. Unsere Bürger sollten nicht schlechter als Vögel und andere Tierarten sein." Darum sagt Platon: "Gleichgeschlechtliche Sexualität ist widernatürlich, und wir verbieten das. Das ist gegen die Natur. Kein Tier macht das. Und unsere Bürger sollten so was auch nicht tun." Jetzt wissen wir viel über Tiere. Wir wissen, dass das nicht stimmt, dass viele, viele, viele, viele Tiere da Dinge machen, wovon Platon ohnmächtig geworden wäre. Aber man muss sich dann auch mal klarmachen:

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Es ist eine Rede. Es ist eine Idee. Es ist ein interessantes Stück Dichtung in einer Zeit, wo Knabenliebe in der Tat verbreitet war, und in dem Athener Milieu, in dem Platon war, da gab es das vielfältig. In dieser Geschichte spiegelt sich das hier. Aber Platon hat das so nicht gesehen. Weiter: Wir kennen keinen einzigen antiken Autor, Denker, Dichter, Moralist, der das vertreten hat, was Aristophanes da schreibt. Den Satz könnte man ja schön widerlegen, da könnte jetzt jeder einen aus der Tasche ziehen oder so. Aber es gibt keinen. Besonders interessant ist natürlich, wie war es denn im jüdisch-christlichen Umfeld? Und da wissen wir extrem gut Bescheid. William Loader ist ein Forscher, der das ganze jüdisch-christliche Schrifttum durchgearbeitet hat; es ist veröffentlicht in sechs großen Bänden.

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Mehrere tausend Seiten, jeder Halbvers, die ganze frühjüdische Literatur, restlos alles, Josephus und Philo, die apokalyptischen Texte, Qumran, Neues Testament, alles komplett. Er ging das alles durch. Und Loaders Ergebnis ist: Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass auch nur ein einziger jüdischer Autor wirklich glaubte, dass es Menschen geben könne mit einer natürlichen sexuellen Anziehung gegenüber Menschen des eigenen Geschlechts. Aber es gibt witzigerweise eine Stelle in diesem riesigen Umfang jüdischer Texte, wo auf einmal die Frage doch ganz nah kommt. Philo, Philo von Alexandrien. Es ist der Jude der Antike, der am allerbesten die griechische Kultur und Literatur kannte. Er wurde später dann im Judentum auch wenig rezipiert, viel stärker eigentlich im Christentum.

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Und Philo ist der Einzige, von dem wir wissen. Er kannte Platons Symposium und er kannte die Aristophanes-Rede und er kommentiert das auch. Und das ist interessant, wie er es macht. Er sagt dazu: "Schweigend übergehen will ich die märchenhaften Erdichtungen, nämlich die Doppelleibigen, die anfangs miteinander zusammenwuchsen aufgrund von Kräften, welche eine Vereinigung herbeiführt, dann aber getrennt wurden wie Teile, die sich vereinigt hatten. All dies ist verführerisch und kann durch die Neuheit des Gedankens die Ohren ködern. Die Schüler Moses jedoch haben von frühester Jugend an gelernt, sich von solchen Sachen mit größter Verachtung abzuwenden und sich davon niemals täuschen zu lassen." Also der einzige Jude, von dem wir wissen, er hat das wirklich mal gehört, sagt, das sind "märchenhafte Erdichtungen", das gibt es ja gar nicht. Durch die Bank alle sind davon überzeugt: Die natürliche Orientierung ist völlig klar.

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Die ist von einem Mann zur Frau und von einer Frau zum Mann. Und dann gibt es aber Menschen, in denen die sexuelle Gier so anwächst, bis irgendwann sogar die Geschlechtergrenze gesprengt wird. Ja, aber Schande über sie, das ist Sucht extrem. - So, also diese grundsätzliche Intuition: Das, was da in der Bibel steht, kriege ich nicht zusammen mit dem, was wir heute finden, Menschen, die von sich aus sagen: Ich habe es mir nicht ausgesucht. Ich bin auch gar nicht so grenzenlos begierig oder so. Ich fühle mich einfach ganzheitlich, körperlich, seelisch, intellektuell zum eigenen Geschlecht hingezogen. Dazu kann man nicht nur sagen: "Das steht so nicht in der Bibel", sondern wir kennen auch in der ganzen Antike nirgendwo Menschen, die dieses Konzept so gehabt hätten oder vertreten haben, oder dass es irgendwo je eine Rolle gespielt hat.

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Ja, was wir zunächst mal bis jetzt gezeigt haben, ist: Wir können in der Antike nicht die heutige Logik voraussetzen. Übrigens, als die Idee aufkam vor 150 Jahren, war es ja auch nicht so, dass da lauter Kirchenmenschen und Theologen gesagt haben: "Ja, ihr habt jetzt da ein neues Wort erfunden, ihr nennt euch jetzt da homosexuell. Wir nennen euch schwul, dann nennt ihr euch selbst so. Ja, aber es ist ja nichts Neues. Also der Sache nach gibt es das ja in der Antike. Das haben ja alle gewusst. Das stand ja immer auf allen vor Augen." Also nein, die wirkliche Geschichte ist ja, dass viele Jahrzehnte lang immer klar war: Ja, so was gibt es doch gar nicht. Es wurde ja bestritten. Es wurde 100 Jahre mehr oder weniger bestritten, dass es so etwas wie eine konstitutive gleichgeschlechtliche Orientierung gibt.

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Gerade streng christlich konservative Menschen haben ja lange überhaupt nicht gesagt: "Das gab es damals schon, da waren die trotzdem gegen", sondern sie haben immer gesagt: "So etwas gibt es nicht. Steht nicht in der Bibel. Kann auch nicht sein, dass es das gibt." Es ist eine neue Variante, dass Menschen sagen: "Die Bibel ist heute auch gültig, weil das damals auch schon bekannt war." Belege dafür gibt es nicht. Wie war denn dann die Vorstellung von Sexualität in der Antike? Also sie waren nicht im Sinne heutiger Unterscheidung homosexuell oder heterosexuell. Auch das werde ich jetzt versuchen aus biblischen Texten abzuleiten. Ich werde jetzt im Buch Leviticus weitermachen. In Dritte Mose 18 heißt es: "Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau. Es ist ein Gräuel." In Leviticus 20 steht das auch noch mal. Da lese ich es mal im Zusammenhang: "Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben,

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Ehebrecher und Ehebrecherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebrochen hat. Wenn jemand bei der Frau seines Vater schläft, hat er die Scham seines Vaters entblößt. Beide sollen des Todes sterben. Wenn jemand bei seiner Schwiegertochter schläft, sollen sie beide des Todes sterben, denn sie haben einen schändlichen Frevel begangen. Wenn jemand bei einem Mann schläft wie bei einer Frau, so haben sie beide getan, was ein Gräuel ist, und sollen des Todes sterben. Ihre Blutschuld komme über sie." Insgesamt zehn verschiedene Beispiele, bei der Schwägerin und bei der Freundin der Schwägerin und bei der Schwiegermutter und bei der ... und alles Mögliche - schaut es euch an. Worum geht's hier? Ja, das ist leider auch kompliziert. Schon die Übersetzung. Das war jetzt Lutherbibel 2017. "Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau." Mindestens so komisch sollte es klingen. Also wenn jemand Übersetzungen hat, wo drin steht: "Männer sollen miteinander keinen Sex haben" -

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das ist keine gute Übersetzung. Keine. Denn das, was da formuliert ist, ist aus unserem heutigen Sprachvermögen erst mal schwer zu verstehen. Das ist eine verbreitete Übersetzung. Die neuere Diskussion sagt: Es ist fast auch noch eine Vereinfachung. Wenn wir ganz ehrlich sind, was da genau steht: "Wenn jemand mit einem Mann liegend vor der Frau ...", also ein bisschen komisch so im Hebräischen - da bringt einen der genaue Sinn der Formulierung zum Schwitzen. Was man aber im Zusammenhang sehen kann: Es sind Riesenlisten, wen Männer nicht penetrieren sollen. Riesenliste - was heißt Riesen? Zehn, zwölf Beispiele von Ehebruch. Keine fremde Frau, keine Schwiegertochter, auch nicht die neue Frau des Vaters, auch kein anderer Mann, auch kein Tier und so. Also das alles wird beschrieben.

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Und das ist an der Stelle tatsächlich jetzt auch wesentlich. Es geht um das aktive Sexhaben eines Mannes. Es gibt interessanterweise hier keinen Vers, wo es heißt: "Ein Mann soll nicht bei einem Mann liegen und eine Frau soll nicht bei einer Frau liegen." Und jetzt wäre es so einfach zu sagen: "Ja, das ist damit gemeint. Papier war damals teuer. Das versteht sich ja von selbst." Also wer zehn, zwölf Beispiele aufzählt, der hat dafür wahrscheinlich Papier genug gehabt. Nein, es geht tatsächlich um den Mann. Die Frau wird im ganzen Alten Testament nie erwähnt. Wir haben vorhin schon gesehen, einen Mann in die Position einer Frau zu bringen, ist ein Akt extremer Demütigung. Und das können wir jetzt so ein bisschen ergänzen. Da ist jetzt etwas sehr Wesentliches dran. Das ist für die gesamte Antike - Alter Orient, Griechen und Römer - die stehende Überzeugung: Sexualität praktizieren zu dürfen, ist erst mal eine Männersache.

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Männer sind aktiv. In den meisten Texten wird vorausgesetzt: Frauen stehen dafür zur Verfügung. Die eigene Frau in besonderer Weise und in manchen Kulturen dann eben auch mit besonderer Treue und Verbindlichkeit. Gerade im Judentum ist das sehr stark betont. Im Umland aber ist es schon üblich: Männer dürfen Sex haben mit ihrer Frau. Sie dürfen Sex haben natürlich auch mit den Mägden und Sklavinnen oder auch Knechten im eigenen Haushalt. Das ist im Alten Testament ja selten. Aber denkt an die Nebenfrauen-Geschichten, denkt an Abraham, denkt an Jakob. Aus heutiger Sicht würde man denken: Oh Gott, Skandal! Also im Buch Genesis ist es außergewöhnlich, dass das nur vorkommt zur Fortpflanzung.

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Das ist außergewöhnlich keusch von Abraham und Jakob, dass das nicht irgendwie Standard ist. Das wäre nämlich in vielen Gegenden erlaubt. Es gibt zum Beispiel römische Ratgeber, die sagen: "Wenn dein Mann mit der Magd in einer Feier, was weiß ich, intim wird, sei ihm dankbar. Er ist ja schon betrunken und riecht unangenehm, und dir bleibt es erspart. Sei dankbar, dass er rücksichtsvoll ist und nur deine Magd nimmt." Das ist normal. Auf die Idee, den zu schimpfen oder so, wenn er die Magd nimmt, kommt man gar nicht. Sexualität ist in der Antike nicht eine Frage der Orientierung, der intrinsischen Anlage, der Kommunikation in einer Beziehung, sondern Sexualität ist eine Frage des Status. Das ist in den letzten 30, 40 Jahren immer klarer geworden. Sexualität in der Antike ist immer, immer, immer eine Statusfrage.

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Freie Männer dürfen Sex haben, aktiv mit einer Frau, die dabei passiv ist, oder mit einem Sklaven oder einer Sklavin oder einer Prostituierten und einem Prostituierten oder einem Gefangenen. Sie können dabei Lust haben oder ihre Macht ausüben. Und sie sind aktiv; wenn sie das mit einem anderen Mann praktizieren, ist das eine Einbahnstraße. Der freie, starke Mann penetriert einen anderen, und dann wird nicht getauscht. Das überhaupt nicht. Der ist dann eben Gefäß oder steht zur Verfügung wie eine Frau. Es ist aber immer dieses penetrative Schema: Einer ist aktiv, nämlich der Statushöhere. Und wenn er einen Jüngling findet, ganz einvernehmlich, oder wenn er einen Sklaven oder so nimmt - ja, was sollen die sich lange wehren? -,

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dann ist das in diesem Sinne ein Einbahnstraßenverkehr. Das ist auch etwas, was wir im Neuen Testament in den Formulierungen wiederfinden. Im Neuen Testament gibt es - 1. Korinther 6 und 1. Timotheus 1 - einzelne Wörter innerhalb von Lasterkatalogen. Da heißt es in der Lutherbibel: "Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige werden das Reich Gottes ererben." Ähnlich 1. Timotheus 1: Auch hier heißt es "unzüchtige Knabenschänder", dann heißt es weiter "Lügner und Vatermörder und Muttermörder, Totschläger" und so weiter und so weiter. Schauen wir uns mal die beiden Begriffe an, die man hier diskutiert, "malakoi" und "arsenokoitai". Der erste Begriff malakoi - schwierig. Die Lutherbibel heute spricht hier von Lustknaben.

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Da war Luthers ursprüngliche Übersetzung eigentlich besser. Luther hat das ursprünglich mal übersetzt mit "Weichlinge", und es heißt wortwörtlich: "die Weichen". Jetzt haben wir ein Riesenproblem. Das Wort ist nicht selten. Das Wort kommt oft vor und es ist schillernd in seiner Bedeutung. Wenn du einen Mann als weich bezeichnest - ein Kompliment ist es selten. Es gibt Beispiele, da wird jemand als weich bezeichnet, weil er noch ein bisschen zart ist oder künstlerisch oder filigran. Das gibt's. Es hat oft auch die Bedeutung von schwach und feige. Es hat manchmal den Nebenklang: Ein Weichling ist ein Mann, der sich wie eine Frau gibt. Und es kann auch die Bedeutung haben: Es ist ein Mann, der sich passiv zur Verfügung stellt für Sex durch einen anderen Mann.

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Das ist aber das Spektrum. Was Paulus wirklich sagen wollte - ja, fragt ihn später selbst! Keine Exegese der Welt kann das verantwortlich festlegen, was er hier meint. Gehen wir zum anderen Wort, arsenokoitai. Das ist auch ein Problem. Warum? Das Wort ist vor Paulus nie belegt. Jetzt wissen wir nicht: Hat Paulus das selbst erfunden oder hat er das irgendwo aufgeschnappt oder ist das irgendwie ...? Aber so was ist ja immer eine schlechte Voraussetzung. Jetzt kann man über den Wortaufbau darangehen. "Arseno" heißt "männlich" und "koitai" bedeutet "Koitus". Männlich koitus - was könnte das denn sein? Es gab die Idee, sind es vielleicht Männer, die sich für den Koitus zur Verfügung stellen? Also sind es Männer, die von Frauen gebucht werden? Es ist aber unwahrscheinlich. Es könnte sein. Wahrscheinlicher ist hier tatsächlich: Männer, die Männliches penetrieren.

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Das ist das Wahrscheinlichere. Wir sind hier aber nicht bei Sicherheiten, wir sind bei Wahrscheinlichkeiten. Dann wäre es sprachlich eine Entsprechung zu der Leviticus-Formulierung. So, und es gibt manche, die sagen: Aha. Wenn das nebeneinander steht - das tut es nur im 1. Korinther, nicht im 1. Timotheus -, malakoi und arsenokoitai, könnte das vielleicht so gemeint sein, dass die Weichlinge und die Männerbeschlafer im Grunde passive und aktive Homosexuelle sind. Also solche, die sich nehmen lassen und solche, die nehmen. Es kann sein, vielleicht hat das 60, 70 Prozent Wahrscheinlichkeit. Man sollte auf so Exegesen in der Regel nicht schwören. Gut, aber einigen wir uns mal darauf, es ist die häufigste und wahrscheinlichste Deutung, die heute vertreten wird.

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Warum? Sie macht Sinn. Sie macht Sinn, weil sie damit biblisch ja im Grunde auch zeigt, was wir aus der Umwelt des Neuen Testament kennen. So ist es. Es gibt keine ebenbürtigen, gleichwertigen, austauschbaren Beziehungen, in denen Sex eine körperliche Kommunikation von Liebe ist, völlig unabhängig von der Art und Weise, wie Sex praktiziert wird. So würde man das ja heute irgendwie nennen. Nein, es ist damals ein Riesenunterschied, ob jemand penetriert oder ob er penetriert wird. So als freier Mann in der römischen, griechischen Umwelt kannst du, darfst du, ist das irgendwie in Grenzen akzeptiert. Übrigens längst nicht durchgängig. Sehr viele finden das auch an sich problematisch -

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wir erinnern uns an Platon. Aber es kam vor und es war in gehobenen Kreisen akzeptiert. Und in denselben Kreisen war auch klar: Die passive Rolle - ja, dann bist du eben entweder Jüngling oder Sklave oder du verkaufst dich. Es ist nicht die Frage: Freiwillig oder unfreiwillig? Natürlich haben sich Menschen verkauft. Auch damals haben Menschen damit Geld gemacht. Darum ist es kein Wunder, dass das hier negativ vorkommt. Wenn es gemeint ist, wenn es um passiv homosexuell geht, dann wäre es klar: Es geht um Menschen, die stellen sich dafür selbst zur Verfügung. Das galt natürlich als problematisch. Ich hatte ja ganz am Anfang des Vortrags gesagt: Es gab mal so die Phase, wo man sagte: "Gleichgeschlechtlicher Sex in der Bibel, das ist immer missbräuchlich, immer gewalttätig, nie liebevoll und nie einvernehmlich."

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Das ist ein modernes Denken, wo du sagst: "Sex ist gut, wenn liebevoll und einvernehmlich - und wenn nicht liebevoll und nicht einvernehmlich, dann schlecht. Und darum ist die Bibel auch dagegen." Das wäre aber Projektion eines modernen Denkens in die Bibel hinein. Das waren gar nicht deren Kategorien. Es gab viele Menschen in der Antike, die hätten nie fragen können: Willst du eigentlich wissen, ob ich einverstanden bin? Das fragt kein Sklave oder so. Da denkst du gar nicht dran. Natürlich musst du, natürlich stehst du deinem Herrn zur Verfügung, egal wie besoffen er ist. Da sagst du nicht: "Mein Herr, Sie sind betrunken heute Abend, lassen wir mal stecken." Das machst du alles nicht. Das sind nicht die Kategorien, die damals gegriffen haben. Insofern: Liebevoll, einvernehmlich konnte es sein, aber wir müssen uns eine Sache nun natürlich klarmachen: Solche Kontakte waren nie exklusiv, waren nie auf Lebenszeit angelegt,

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standen nie in Konkurrenz zur Ehe. Nie. Es war immer Bonus. Es war immer das Zusätzliche. Wir reden im Neuen Testament von der Kaiserzeit. Unter Kaiser Augustus gab es Ehepflicht. Es war nicht die Idee zu sagen: Ob ich mal heirate, weiß ich noch nicht. Ich bin jetzt erst mal lange Single. Nein. Augustus war auch wieder zurück zu den alten Sitten und sagte: Wir wollen wieder leben, wie früher die Menschen lebten, und man heiratet. Man soll Kinder kriegen, und Rom muss wachsen und Rom braucht Söhne. Man konnte sich freikaufen, man konnte sich entziehen. Du konntest immer sagen: Irgendwann bin ich in der Wüste. Aber in der Regel war es so, die Ehegesetze sahen vor: Du heiratest bitte. - In den letzten Jahren haben Konservative teilweise versucht,

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Gegenbeispiele beizubringen und zu sagen: "Aber das, was wir heute kennen, muss es doch auch in der Antike gegeben haben." Ein Beispiel, was ich zum Beispiel mehrfach gehört habe, da sagen manche: "In Theben im vierten Jahrhundert vor Christus, da gab es eine Elite-Einheit bei der Armee. Und diese Elite-Einheit, das waren 300 Leute, die bestand ausschließlich aus homosexuellen Liebespaaren. Und da sieht man doch, dass es das da gab. So das ist ja wirklich die Idee, dass die einander lieben und dass die Kampfkraft der Truppe dadurch gestärkt wird, dass die füreinander einstehen. Und die können ja da nicht - was weiß ich; für jede Affäre wären die sofort auf die Schlachtbahn geschickt worden oder so. Also es müssen treue, verbindliche, liebevolle Ehepaare gewesen sein, weil sonst die Idee keinen Sinn macht." Gucken wir uns das mal näher an. Das ist ein interessanter Fall.

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Das Ganze finden wir überwiegend bei Plutarch berichtet. Der ist Zeitgenosse von Paulus. Als Paulus den Römerbrief schreibt, ist er über 20. Also er schreibt so ein bisschen später als Paulus. Aber ich glaube, man kann schon gut sagen: Was Plutarch beschreibt in seinen Büchern, ist die Welt der Entstehungszeit der neustestamentlichen Bücher. Das passt ziemlich gut, das so zu sagen. Er schreibt gleichzeitig mit den meisten neustestamentlichen Autoren. Bei Plutarch ist es nämlich so interessant: Wir haben viele Texte von ihm. Er hat eine Art eigenes Symposium geschrieben wie Platon. Er hat Ehe-Ratgeber geschrieben und er hat viele historische Texte geschrieben, wo wir ganz viel Einblick bekommen, was damals so ging und was so üblich war. Und Plutarch - ein super Schriftsteller, kann man bis heute toll lesen - ist auch Moralist. Er hat so bestimmte Werte und Ideale.

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Und für Plutarch ist tatsächlich das Anliegen sehr spürbar, dass er sagt: Ja, Sex gibt's, und im Idealfall Sex mit Liebe. Da ist Plutarch ein großer Fan von, in der Ehe und auch außerhalb der Ehe. Und er schreibt von Knabenliebe und sagt: "Du weißt ja von der Knabenliebe, dass man sie wegen ihrer Unbeständigkeit oft verschmäht und verspottet. Von den Liebhabern sagt man, dass sie nach Art der Nomaden ihren Frühlingsaufenthalt bei den Jungen haben, wenn sie in voller Blüte stehen, um dann ihr Lager wieder abzubrechen wie in feindlichem Land." Er beschreibt das. Wir sehen an der Stelle, das ist etwas, was wir vor allem in der klassischen athenischen Zeit vielfach bezeugt haben. In Platons Dialogen macht das einen sehr normalen Eindruck. Es ist immer so: Am Ende des Redens oder so wirft man sich Äugchen zu und guckt so miteinander.

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Und die Logik dabei ist in der platonischen Zeit: Ein Erzieher, ein Weiser, ein Lehrer wird zum Mentor für einen Jüngling. Es ist eine pädagogische Beziehung. Es wird geredet, es wird gelernt. Das finde ich auch echt wichtig. Also nur Sex hätte Platon völlig komisch gefunden. Sokrates wahrscheinlich auch so. Und in dieser Beziehung ist es Mentoring plus. Also es darf Sex vorkommen. Aber dann ist irgendwie völlig klar natürlich: Der Mentor hat Sex am Jüngling. So von hinten oder von vorn, das nannte man dann Schenkelverkehr und so. Niemals umgekehrt. Und das geht in der Phase, wo wir hier einen Jüngling haben, im Alter 14, 15, 16, 17, 18, so in dem Bereich. Und dann ist irgendwann auch gut; denn wenn der erwachsen wird, wenn der mannbar ist, im Beruf steht

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und selbst Familie hat, dann wird es eine Schande werden, wenn er sich noch von einem anderen Mann nehmen lässt. Plutarch ist jemand, der sagt: Ja, und man erzählt, das ist oft flüchtig und nur kurzfristig. Plutarch ist aber echt Fan davon, dass da auch so was wie Liebe vorkommt. Er erinnert an Euripides. Der hatte einen schönen Agathon. Und dann heißt es: "Als der Bartwuchs bei Agathon begann, umarmte und küsste Euripides ihn nochmal und sagte: 'Bei Schönen ist auch der Herbst schön.'" Das ist die Logik, und bei Plutarch haben wir so für die neustestamentliche Zeit bezeugt: Das gab es da auch. Es gab viele, gerade in der römischen Oberschicht, für die war die athenische Klassik, die Zeit zwischen Perikles und Platon, das ganz große kulturelle Vorbild, und sie haben auch eben

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wieder solche Erziehungsbeziehungen miteinander verbunden. Worauf Plutarch dann aber hinauswill in seiner abschließenden Rede, ist: So ist das, es kann liebevoll sein - das ist auch sehr schön. Es sind tiefe Gefühle. Darum ja auch die 300 von Theben. Er kommt dann darauf zu sprechen und sagt: Ein Geliebter und ein Liebhaber stehen füreinander ein wie keine zwei anderen. Und wir sehen es hier und an vielen Stellen, immer wenn er von den Thebanern spricht, macht Plutarch wie selbstverständlich klar: Es ist ein Liebhaber und ein Geliebter. Also es sind keine Ehepaare. Es ist immer Mentor und Schützling. Es ist immer ein Sith Lord und ein Padawan oder nehmt es, wie ihr wollt. Es ist immer eine hierarchische Beziehung. Es ist keine wechselseitige, ebenbürtige, auf Augenhöhe stattfindende, ganzheitliche Beziehung, wo Sex Teil umfassender Kommunikation von Liebe ist,

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sondern es ist ein solches Verhältnis, wo der soziale Status das Entscheidende ist. Plutarch findet das an der Ehe zwischen Mann und Frau gerade so schön. Er schreibt dann, dass es da anders ist: "Die Liebe zu einer ehrbaren Frau indessen lässt sich sogar vom greisen Alter nicht beirren. Sie hört nicht einmal unter grauen Haaren und Runzeln auf zu blühen. Allein die Liebe zur Frau kann das ganze Leben wehren." Es gibt Stellen bei Plutarch, wo er sagt, man kann manchmal tatsächlich Liebhaber und Geliebter sein, nicht nur kurzfristig, das kann liebevoll und längerfristig sein. Aber irgendwann muss der Junge heiraten. Die sind dann nicht irgendwann 90 und 80 und machen immer noch so weiter oder so. Das ist gar nicht die Idee. Warum nicht? Er schreibt dann in dem Zusammenhang: "Wir setzen Männer, die bei der passiven Rolle Genuss finden,

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auf die unterste Stufe menschlicher Verderbtheit und lassen ihnen kein noch so kleines Maß an Vertrauen, Respekt und Freundschaft zukommen." Das stellt er völlig klar. Darum kann das gar nicht irgendwie eine lebenslange, ebenbürtige Beziehung werden. Das ist übrigens ja bei Sokrates schon das Ding. Sokrates kriegt auch Avancen, ob er jetzt noch möchte, und Sokrates sagt: Oh nö, lass uns noch weiter reden. Also die sokratische Idee ist eigentlich: Also ja, Sex meinetwegen, aber eigentlich ist eine Niederlage. Der wirklich Weise wird die Liebe, den Eros, auf das Schöne richten, auf die schöne Seele. Platonische Liebe nannte man das mal, ich glaube, keiner kennt mehr den Ausdruck, aber das galt mal so als die geistige Liebe;

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die schöne Seele, das ist entscheidend. Und Sex ist eigentlich das, wo man rauswachsen könnte, sollte, müsste und so. Das ist dann eine Idee, dass so manche Mentor-Schützling-Beziehung überführt wird in eine Freundschaft. Das wäre ganz ideal. Dann kann die Liebe ein Leben lang dauern. Aber natürlich: Sexualität wird der junge Mann, wenn er ein reifer Mann ist, natürlich auch finden müssen mit einer Frau, selbst Jünglinge, selbst Schützlinge oder Sklaven oder Sklavinnen und so weiter. Es gibt in den Geschichtswissenschaften viele, viele, viele Studien und Forschungen dazu. Gab es andauernde Partnerschaften zwischen Männern, lebenslang? Gab es das zwischen Ebenbürtigen? Also da wird durchaus gesucht. Es gibt einen spannenden Aufsatz von 2014, der sagt: Wir haben hier ein Beispiel, wir haben da eins.

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Was ist das berühmteste Beispiel zweier Männer der Antike, die länger ein Paar blieben? Ja, das berühmteste Beispiel: Achill und Patroklos. Das ist ganz schön. Das kennt der eine oder andere aus dem Kino. Troja, der Film mit Brad Pitt. Patroklos ist der, der dann von Hektor ermordet wird, und Achill ist so schrecklich wütend und diese ganze Geschichte. Das Interessante dabei ist nun: Also die gelten in der athenischen Klassik als ein Paar. Aischylos beschreibt das so, Platon beschreibt das so. Und wenn man den Film gesehen hat, möchte man denken: Ja, also gab's das. Auch hier lohnt es sich, noch mal hinzuschauen. Homer schreibt nichts davon. Homer, paar Jahrhunderte vorher, in der Ilias ist das gar kein Thema. Im Gegenteil. Homer beschreibt, dass die beide im selben Zelt liegen, an unterschiedlichen Enden desselben schliefen und jeder hatte eine Konkubine im Arm.

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Es ist eine spätere Überlieferung, die die beiden als sexuelles Paar liest. Interessant ist dann auch: Selbst die, die das tun, Aischylos und Platon, machen es auch wieder so: Liebhaber und Geliebter. Interessanterweise sind die sich nicht einig. Aischylos hält Achill für den Liebhaber, Platons "Phaidros" hingegen Patroklos - mit der typisch platonischen Begründung, der Achill sei viel schöner gewesen, also müsste er der Geliebte sein. Aber wir sehen schon, wir kommen da nicht gut weiter. Das ist jetzt viele, viele Jahrhunderte nachher. Und man müsste auch mal sagen: Achill war der Sohn einer Meeresnymphe, sie war eine Gestaltwandlerin, die konnte auftauchen und verschwinden oder so. Also höchstwahrscheinlich gab es den nicht.

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Vielleicht gab es mal irgendeinen Helden, lass es Helden geben. Einer war wie Achill. Dann wuchs die Geschichte, aus Geschichte wurde Mythos, aus Mythos wurde Sage, aus Sage wurde Hollywoodfilm ... Aber das berühmteste Pärchen der Antike hat es höchstwahrscheinlich nicht gegeben. Wir sind wieder im Bereich literarischer Fiktion. - Wie wurden denn diese neustestamentlichen Texte verstanden von ihren ersten Lesern? Was hat die frühe Christenheit damit gemacht? Das ist jetzt auch spannend. Was haben wir nach dem Neuen Testament? Apostolische Väter, so nennt man einen Textkorpus in der Generation danach, ab 100 nach Christus. Danach kommen die Apologeten. In der Zeit haben wir einige Texte, die das Thema aufgreifen. Jetzt haben wir Texte, die zitieren einfach, die reden von arsenokoitai, die helfen uns nicht. Was wir aber haben, ist die Didache, und die ist jetzt sehr spannend. Eine superwichtige Schrift, irgendwann nach 100 n. Chr. erschienen.

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Da gibt es so einen Lasterkatalog: Nicht töten, nicht abtreiben usw. Und man sieht, es ist die Logik wie bei 1. Korinther 6, wie bei 1. Timotheus 1. Und dann heißt es: ou paidophtorezai. Ja, wir lernen schnell Griechisch. "Ou" heißt: du sollst nicht, also "nicht" mit Imperativ. "Phtora" heißt: schaden, verderben, schädigen. Paidophtorezai. Paidos - Pädagogik, paidos - Kind, Knabe, Jüngling. Also ganz wörtlich: Du sollst keine Kinder schänden. Man muss für die Zeit dazu sagen: Paidos bist du, kurz bevor der Bart kommt. Der kommt dann auch damals nicht bis 14. Also man kann sagen, mit 14, 15, 16, 17, 18 musstest du dich damals noch paidos nennen lassen. Mehr oder weniger passt es. Wir haben hier in der Didache den Zusammenhang,

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wie 1. Korinther und 1. Timotheus verstanden wurde: Du sollst keine Knaben oder Jünglinge schänden. Barnabasbrief, derselbe Zusammenhang, Kapitel 18, wiederum: ou paidophtorezai. Justin, eine Generation später: wieder derselbe Ausdruck. Das heißt, für diese Rezipienten des Neuen Testaments, die Ersthörer, die Erstleser, scheint klar zu sein: Das, wovon im Neuen Testament die Rede ist, das, wovor Paulus warnt, ist Sex mit Jünglingen. Diese Generation hat das auch vor Augen, die wissen, was gemeint ist. Die berühmteste Geschichte, das berühmteste Verhältnis der Antike ist das zwischen Kaiser Hadrian und dem Jüngling Antinoos. Historisch wissen wir davon jetzt nicht so viel. Der wurde irgendwann 110, 115 geboren.

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Unter Kaiser Hadrian ist wirklich das Römische Reich auf seiner größten und stabilsten Entfaltung. Und da haben wir viele Quellen. Er hat diesen hübschen Knaben entdeckt und er wurde auf ihn aufmerksam. Der war so 12, 13, 14, 15. Jahrelang war er dann mit dem Knaben unterwegs. Ungefähr im Jahr 130 ertrinkt er im Nil unter unklaren Umständen, er ist 17, 18, man weiß es eben alles nicht so genau. Und für Hadrian war das so eine Sache. Er war großer Fan der athenischen Klassik. Er hatte seinen Jüngling, er war schön und er hat ihn erzogen und er hat ihm erzählt und so, und es war eine Supersache. Und als dann der Antinoos ertrunken war im Nil, war Hadrian traurig und er ließ es alle wissen. Es war nicht heimlich. Er ließ überall Statuen von Antinoos aufstellen. "Wer ist denn der hübsche Knabe da?" "Ja, das ist Antinoos." "Ah, der arme Hadrian, ja, echt ein hübscher Knabe, ah, muss bitter sein."

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Also da sprachen alle drüber, das wusste man. Und Hadrian war natürlich verheiratet, er war nicht der erste schwule Kaiser auf dem Thron. Er war verheiratet. Seine Frau hieß Vibia Sabina. Manche sagen, warum ertrinkt eigentlich ein 18-Jähriger im Nil? Wer hätte einen Grund gehabt, den Knaben zu hassen? Also die war eifersüchtig wie wild. Für sie war es nicht schön, aber für Hadrian war es eine Riesensache. Das ist schon auch so eine Oberschichten-Attitüde gewesen. Wir haben von Sueton "Leben der Caesaren". Historischer Roman, die Caesaren der Kaiserzeit, so von Caesar angefangen bis ins zweite Jahrhundert erzählt er das. Von den Caesaren, ich glaube, es sind 15 erzählt er das - und bei 14 davon berichtet Sueton von gleichgeschlechtlichem Sex.

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Von 14. Tiberias ist der Einzige, wo Sueton ausdrücklich dazu sagt: Der stand nur auf Frauen. Das scheint richtig auffällig gewesen zu sein. Es war in dieser Zeit etwas, was man assoziierte mit römischer Oberschicht. Das war da üblich. Keiner von denen hatte ausschließlich gleichgeschlechtlichen Sex. Die mussten die Dynastie erhalten, die mussten irgendwie zusehen, dass das weitergeht. So, und damit sind wir bei dem, was wir für den Römerbrief als Hintergrund annehmen können. Jetzt sind wir beim Römerbrief. Das ist sicher der bekannteste Text, der da auch am meisten Aufmerksamkeit findet. Ich lese ihn uns schnell vor. Römer 1,18 fangen wir an. "Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar.

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Denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es mit Vernunft wahrnimmt, an seinen Werken ersehen. Darum haben sie keine Entschuldigung. Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken und ihr unverständliches Herz ist verfinstert. Die sich für weise hielten, sind zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bilde gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere." So weit erst mal. Wo sind wir hier im Römerbrief? Die große Gesamtdarstellung der Paulinischen Botschaft. Paulus schreibt der römischen Gemeinde. Er kennt sie nicht. Er möchte da Zwischenstopp machen, bevor er weiter will nach Spanien. Er will ihnen seine eigene Lehre dokumentieren, wirklich zeigen, wer er ist, was er geleistet

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hat, macht eine kleine Einleitung, sagt: Das Evangelium ist mir anvertraut; das Evangelium, eine Kraft Gottes, alle zu retten, Juden und Heiden, Juden und Griechen, für alle. Und dann kommt ein längerer Abschnitt, Römer 1, 18 bis im Grunde Kapitel 3, wo Paulus jetzt entlanggeht. Er hat gesagt: Evangelium für alle, Juden und Griechen. Er fängt dann an, zweite Hälfte von Kapitel 1: Die Heiden brauchen das Evangelium. Die Griechen, die Römer brauchen das Evangelium. In Kapitel 2 sagt er: Die Juden auch, ganz genauso. Auch sie brauchen das Evangelium. Kapitel 3: viele Bibelstellen, Beweise. Und er sagt: "Ich habe gezeigt, ich habe bewiesen aus der Schrift, aus der Erfahrung: Alle Menschen sind Sünder, alle Menschen sind von Gott abgefallen, alle Menschen brauchen Erlösung. Gott hat in Jesus Christus Erlösung verheißen und verwirklicht durch sein Handeln.

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Das ist das Evangelium, was ich euch verkündige." So, das heißt, man muss diesen Text im Gesamtzusammenhang sehen. Dieser Abschnitt, den ich gerade angefangen habe, ist die Schuld der Heiden. Und Paulus öffnet das so, dass er sagt: Die Heiden haben sich von Gott abgewandt. Eigentlich jeder Mensch müsste Gott erkennen können. Gott offenbart sich durch seine Schöpfung. Wenn man es mit Vernunft wahrnimmt, vernünftig, müsste man eigentlich einen Gott erkennen können. Darum haben sie keine Entschuldigung. Sie haben sich von Gott abgewandt, haben sich vom Ewigen dem Vergänglichen zugewandt, haben Götzenbilder. So, und das ist für die Juden typisch, Paulus folgt an dieser Stelle der klassischen jüdischen Kritik des Heidentums: Die Heiden haben sich von Gott abgewandt, sie beten die Bilder von Menschen und Tieren

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an und sind ganz tief gesunken. So, nun gibt es in der jüdischen Kritik an den Heiden ein bisschen eine klassische Logik. Die klassische Logik ist im Alten Testament vorbereitet. Im Alten Testament könnte man jetzt zurückgehen bis Hosea. Und dann geht das weiter, Jeremia, Hesekiel. Die Logik ist: Die Menschen wenden sich von Gott ab und werden Gott untreu. Und die Menschen, die Gott untreu sind, werden auch einander untreu. Götzendienst ist Hurerei, weil Menschen sich anderen Göttern zuwenden. Das ist bei Hosea, bei Hesekiel, bei Sacharja eine ganz breite Linie im Alten Testament. Götzendienst ist eine Form der Hurerei, der geistlichen Hurerei. Und wer in dieser geistlichen Hurerei schon steckt, ja, bei dem ist es die Folge, dass die auch im Leben ihren Frauen untreu werden, dass

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sie auch im Leben Ehebrecher werden, dass sie unzüchtig werden, dass sie sich den Begierden überlassen. Da gibt es ganz, ganz, ganz viele Texte. Der eindrücklichste Text, den die meisten in der Bibel haben, ist im Buch Weisheit, Weisheit Kapitel 13, 14. Einfach mal lesen 13, 14, und dann nochmal Römer 1 und 2. Da können einem Kronleuchter aufgehen. Das ist wirklich ein wunderbares Schloss, wo auf einmal Römer 1 wie ein Schlüssel aussieht. Also das ist eine standardmäßige Logik. Die Heiden wenden sich von Gott ab und diese Untreue findet ihre Fortsetzung dann auch in der Untreue untereinander. Ich steige jetzt wieder im Text ein, wir hatten es schon, Vers 24: "Sie vertauschen das Bild Gottes mit dem Bild eines vergänglichen Menschen. Darum hat sie Gott in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit,

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sodass sie ihre Leiber selbst entehren. Sie haben Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit." Das ist für Paulus eine ganz klare Logik, und er will hier im Grunde, dass alle Jüdinnen und Juden mitgehen und sagen: Genau, genau, Götzendienst, Hurerei, das ist ein Zusammenhang. Und Paulus macht dann weiter: "Darum hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften, denn bei ihnen haben Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen. Desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Männer mit Männern Schande über sich gebracht und den Lohn für ihre Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen. Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat Gott sie dahingegeben in verkehrtem Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist, voll von Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, Neid, Mord, Hader, List,

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Niedertracht, Ohrenbläser, Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam" und so weiter und so weiter. So, was ist die Logik? Paulus setzt im Grunde noch einen drauf. Das ist die Logik: Abwendung von Gott zu den Götzen, geistliche Hurerei. Und dann folgert er hier tatsächlich: "Gott hat sie darum an ihre Begierden ausgeliefert." Sie verfallen den Begierden. Sie gehorchen nicht mehr dem Herrn der Welt. Durch diese angemaßte Eigenmacht verlieren sie aber auch ihre Selbststeuerung. Sie werden Sklaven der Begierden. Die, die frei werden wollten von Gott, werden Sklaven der Begierden. Sie fallen in Unzucht, in Untreue. Und das geht so weit - das ist jetzt die Logik des Textes: Sie treiben nicht nur Unzucht mit anderen Frauen,

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sie treiben sogar Unzucht Männer mit Männern. Das Interessante dabei ist, man ist ja aus heutiger Sicht da tausendfach drüber gestolpert. Paulus spricht hier von Gottes Zorn über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen. Und am Ende nennt er alles, was ihm einfällt: Ungerechtigkeit, Habgier, Neid, Mord, Verleumdung, gotteslästerlich, Angeber, gegen die Eltern, lieblos, unbarmherzig. Man hört das so und denkt: Okay, okay, und warum schreibt er mehrere Verse über Lesben und Schwule? Es ist ja von der Argumentation ein totaler Fail. Denn der Normale, der das liest heutzutage, wird ja sagen: Also ich weiß nicht, ob ich in der Liste da ungefähr vorkomme, aber ich erbrenne nicht als Mann gegenüber einem anderen Mann und treibe Schande mit ihm, das ist überhaupt nicht mein Problem. Statistiken sagen, das machen fünf Prozent in unserem Land.

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Das ist ja eigentlich das schlechteste Beispiel, was Paulus finden könnte. Warum bringt er denn ein Beispiel, wo man aus heutiger Sicht sagen würde, das betrifft ja nur ganz wenige Menschen, in diesem grundsätzlichen Kapitel, wo es um den ganzen nicht-jüdischen Menschheitsteil geht? Wie kommt er darauf? Ja, für ihn ist die Logik die: Abkehr von Gott - Abkehr voneinander, geistliche Hurerei - menschliche Hurerei. Begierden und Leidenschaften werden so schlimm, dass "sogar mit anderen Männern". So, und das ist aber drin in der ganzen jüdischen Literatur, das ist die Sodom-Logik, das ist die Eskalation. Da wird die Gier grenzenlos, wenn du das so machst. Und warum kommt Paulus da drauf? Vertauschen. Das Wort vertauschen kommt mehrfach vor. "Sie vertauschen das Bild Gottes mit dem Bild von Menschen und Tieren. Sie vertauschen in ihrer Hurerei, die aus der Abwendung von Gott folgt, Mann und Frau."

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Das heißt, wie kommt das Thema gleichgeschlechtlicher Sex in Römer 1? Illustration. Es kommt aus illustrativen Gründen hinein. Es ist weder besonders schlimm noch besonders extrem. Es ist nicht schlimmer als Mord und Totschlag und Gotteslästerung, was Paulus am Ende alles bringt. Illustration. Es gibt jetzt keine weiteren Texte mehr in der Bibel zum Thema gleichgeschlechtlicher Sex. Im Grunde könnte man jetzt schon sagen, wie viele gibt es denn zum Thema Homosexualität? Keinen. Nicht mal zu gleichgeschlechtlichem Sex gibt es auch nur einen einzigen. In diesem Text geht es um die Abwendung von Gott und Abwendung von anderen Menschen. Es ist eine illustratorische Funktion, die hier etwas besonders veranschaulichen soll. Und bei diesem Text muss man sich nun auch klarmachen: Es wird manchmal so getan, als

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wäre die Ablehnung von Homosexualität für Christen eine Glaubenssache, wo sie sagen: "Gott hat offenbart, das es schlecht ist, und aus Glaubensgründen lehne ich es ab und ich möchte es sagen dürfen; und wenn das heute irgendwie erschwert werden soll, berufe ich mich auf meine Religionsfreiheit. Es gehört zu meiner Religionsfreiheit, Homosexualität Sünde nennen zu dürfen, weil es von Gott offenbart ist." An der Begründung ist nichts logisch. Denn was Paulus hier macht, hat null den Anspruch, jetzt Offenbarungswissen zu bringen. Es geht ihm hier erst mal darum, das kritische Bild der Römer, wie die Juden es haben, zu entfalten. Er möchte den Text so schreiben, dass jeder einzelne Jude, ob im Lande oder in der Diaspora, nickt und sagt: "Genau, so sehen wir es, kennst du die Schrift Weisheit? Kennen wir alle,

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steht da so, steht da so genau drin, jawohl." Und danach dreht Paulus ja den Spieß um und sagt: "Und du, der du dich ein Jude nennst, du kritisierst andere und lebst auch in Sünde. Du richtest, aber wirst selbst schuldig." Im ganzen Kapitel 2 dreht Paulus den Spieß um. Das heißt, dieser ganze Abschnitt hat überhaupt keine Verknüpfung mit der Offenbarung Gottes des Evangeliums. Es geht um die lange Zitierung einer klassisch jüdischen Anklage des heidnischen Lebens. Es ist rhetorisch so aufgebaut, dass es jedem Juden sofort einleuchtet. Und was raffiniert ist, Paulus formuliert so, dass es auch ganz vielen römischen Moralisten einleuchtet, denn die Sprache davon ist stoisch. Diese Sprache von widernatürlichem Verkehr und widernatürlicher Leidenschaft gegen die

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Natur, es ist bei Platon, es ist in den Nomoi, und vor allem die Stoiker haben die Sprache übernommen. Die Zeitgenossen Musonius und Seneca reden ganz genauso. Es ist also auch kein Text, wo man sagen kann, Paulus hält hier eine jüdische Sexualmoral hoch gegen die römische Kultur. Die Moralisten seiner Zeit hätten das genauso gesehen. Auch Sueton findet diese ganzen Sex-and-Crime-Geschichten im Kaiserhaus und in der Oberschicht nicht gut, finden ganz viele nicht gut. Plutarch fand das auch nicht gut. Der hätte auch gesagt: Also ohne Liebe finde ich es auch doof irgendwie. So, und wenn wir uns dann den Text noch näher anschauen, worum geht es? "Gott hat sie in die Begierden hingegeben, in schändliche Leidenschaften. Sie sind in Begierde zueinander entbrannt." Es ist hier die Rede von eruptiven Leidenschaften, von starken Gefühlen, von Begierden. Es ist null von Beziehung die Rede.

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Das ist hier gar nicht das Thema. Beziehung halbwegs auf Dauer war, wir haben es bei Plutarch gesehen, ja auch die Ausnahme. Häufig war es eben der Verkehr. Zu den Frauen nur ein Satz. Manche sagen: Ja, hier wird weibliche Homosexualität genannt. Vielleicht. Das ist strittig. Das ist sehr strittig, denn widernatürlicher Verkehr bei Frauen ist sehr offen formuliert. Das ist da schon der Fall, wo die Frau oben ist oder wo nicht sehr brave Sexualität praktiziert wird, sage ich mal vor der Kamera. Also alles, was ein bisschen neben der Einstiegsstufe war, war schnell widernatürlich. Und woran man auch denken könnte: Engel. Das ist für die ein großes Thema - Genesis 6 -, dass Engel auf Frauen einen Blick werfen, dass da irgendwie was ist.

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Paulus hat in 1. Korinther 11 da wirklich ein Thema und er sagt: "Frauen, bedeckt euer Haupt um der Engel willen." Für das Judentum der damaligen Zeit wäre das eigentlich der erste Gedanke. Also ganz viele Leser werden damals nicht gedacht haben, dass zwei Frauen miteinander Sex haben. Die hätten völlig entgeistert geguckt und gefragt, ja wie soll das denn jetzt gehen? Also wir wissen, dass es das gab. Das gab es, aber da muss man richtig suchen. Also da gibt es Detektivgeschichten "Gleichgeschlechtlicher Sex unter Frauen", da haben wir gar nicht viel. Für widernatürlichen Sex unter Frauen würde man eigentlich andere Richtungen nennen, also möglicherweise kommt lesbische Liebe in der Bibel gar nicht vor. Vielleicht schon, klarer kriegt man es an der Stelle nicht. Nun gibt es manche, die haben versucht, aus Römer 1 eine Schöpfungsordnung zu machen, und gesagt: "Ja, aber ist der Text nicht doch anders zu verstehen? Hier steht doch,

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dass die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen. Also ist es nicht das Schöpfungsmäßige. Müsste man nicht sagen, die Schöpfungsordnung wird stark gemacht? Die Schöpfungsordnung verlangt: Mann mit Frau und Frau mit Mann." Aber hier ist nicht von Mann und Frau die Rede, sondern von männlich und weiblich. Das ist auch in Genesis 1 der Fall, sodass manche sagen: Dieser Text verarbeitet sehr stark die Schöpfungsgeschichte. Es ist eine Auslegung von Genesis 1. Genesis 1 sagt: Der Mensch ist geschaffen, männlich und weiblich, sie sind füreinander bestimmt. Und wer das ignoriert - gleichgeschlechtlicher Sex ist Aufstand gegen die Schöpfungsordnung, das soll so nicht sein." Dazu muss man sagen: In der Tat, Philo von Alexandrien, der hat so eine Deutung entwickelt,

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der hat das stark vertreten, er deutet die Schöpfungsgeschichte in diese Richtung, der macht das so. Wie weit das bei Paulus eine Rolle spielt - wir sind jetzt nicht mehr im Bereich von Exegese, wo wir sagen können, was will der Text mit Sicherheit sagen, sondern hier geht es jetzt darum, über die Einzelverse hinaus ein Gesamtbild zu erzeugen: Wie hat Paulus gedacht? Und da muss man sich jetzt einfach mal fragen: Kann man denn aus anderen paulinischen Texten irgendwie eine Logik herkriegen, wo Paulus Schöpfungsordnung als zentralen Maßstab formuliert und daran alles Mögliche bemisst? Wie oft ruft Paulus die Schöpfung auf, die Schöpfung als Maß, als Ordnung, die Natur? Es gibt eine einzige Stelle. Es gibt eine Stelle, erster Korintherbrief, da sagt Paulus: "Lehrt euch nicht die Natur, dass es für einen Mann eine Schande ist, lange Haare zu tragen?"

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Ja, vielleicht lehrt die Natur das nicht. Das ist aus heutiger Sicht letztlich etwas, wo man sagen würde, gerade in der römischen Welt war das sehr klar: Männer - kurze Haare bitte. Kurze Haare sind im Kampf sowieso auch viel besser. Also, das wollen wir so. Und Männer verlieren im Alter oft ihre Haare. Männer - kurze Haare oder keine Haare, das ist natürlich. Frauen - bitte lange Haare. Aber dann auch: Wenn verheiratet, dann bitte Kopfbedeckung, Schleier. So ist es. Wir haben heute so eine starke Unterscheidung Natur und Kultur. Jetzt gibt es das interessanterweise in der Antike auch. Nur man darf unsere heutige Unterscheidung Natur - Kultur nicht mit der antiken verwechseln. Wenn antike Autoren von natürlich reden, haben sie aus heutiger Sicht fast immer, ehrlich gesagt, Dinge am Wickel, die heute für uns Kultur sind.

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Die haben das anders. Für die ist das Natürliche das Übliche, das Anerkannte, der Standard, das Normale, das Übliche, an das du das misst. Sie haben das gar nicht so auseinandergezogen, wie wir das heute haben. An ganz vielen Stellen sieht man das. Das einzige Beispiel, wo die Natur zum Maß wird, lange Haare bei Männern - da sieht man es. Also in der jüdischen Ethik spielt Schöpfungssprache eine Rolle. Absolut. Es spielt bei Philo eine Rolle. Und wir können bei Paulus auch sicher sagen: Schöpfungstheologie spielt rein. Das ist in vielen anderen Fragen, Mann und Frau, Ehe. Also da kann man lang drüber reden. Das ist so. Das muss man überhaupt nicht bestreiten. Schöpfungstheologie, Schöpfungssprache, Urgeschichte wird so gelesen. Das ist richtig. Nur: An diesem Text zu sagen, eigentlich offenbart Gott hier eine Schöpfungsordnung -

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das haut nicht hin. Zumal wir den Text ja gut lesen können von dem, was wir uns bisher erarbeitet haben: Es sind die übermäßigen Begierden, es sind die Leidenschaften, es ist das Über-die-Grenzen-Gehen, es ist die Hurerei, die kein Maß mehr kennt. Mehrfach heißt es auch "schändliche Begierden", "ihre Herzen dahingegeben, dass sie ihre Leiber entehren". Es ist immer eben für Paulus auch die Logik, wer einen Mann penetriert, schändet ihn, entehrt ihn, macht ihn zur Frau. Wer sich dafür selbst zur Verfügung stellt, ja, wer daran sogar Gefallen findet - Schande, Schande über ihn. Es ist entehrend. Das ist die Deutung damals, und das unter der Voraussetzung, dass die Menschen natürlich eigentlich ihre Ausrichtung auf die Frau haben.

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Das ist vorausgesetzt, dass Menschen die natürliche Ausrichtung auf das andere Geschlecht verlassen, von sich stoßen, ignorieren, weil die sexuelle Gier in ihnen grenzenlos wird. - Ziehen wir ein Zwischenfazit. Jörg Frei, Neutestamentler aus Zürich, hat das im Zuge der Schweizer Debatte "Ehe für alle" mal so zusammengefasst, was man im Neuen Testament findet: "Im Blickfeld der neutestamentlichen Autoren wie Paulus waren Formen sexuellen Verhaltens in der hellenistischen Welt, die meist in Abhängigkeitsverhältnissen mit Sklaven, mit hoher Altersdifferenz und in hoher Promiskuität ausgeübt wurden. Hingegen ist eine auf Beständigkeit oder gegenseitige Verantwortungsübernahme angelegte Beziehung zweier gleichgeschlechtlicher Partner im Neuen Testament nirgendwo im Blick. Bedenkt man dies, dann ist die einfache Übertragung der Aussagen neutestamentlicher Lasterkataloge

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auf heutige Lebensformen und Verhältnisse nicht möglich." Das ist die Standard-Auffassung. Da könnte man jetzt noch eine halbe Stunde oder noch länger vorlesen und vorlesen. So sieht es heute die Exegese, evangelisch und katholisch, neutestamentlich und alttestamentlich. Interessanterweise sind es auch immer mehr Evangelikale, die das einräumen. Zum Beispiel kein Geringerer als Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Weltweiten Evangelischen Allianz. Der sagt in einem Interview vor wenigen Jahren: "Was im Alten und Neuen Testament beschrieben wird, ist eine Sexualität, die heute auch jeder Homosexuelle in einer Partnerschaft ablehnen würde. Sie ist verbunden mit Abhängigkeitsverhältnissen, Gewalt, Vergewaltigung, Missbrauch von Minderjährigen. Was wir heute unter einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft verstehen, hat es damals so nicht gegeben." Ich habe jetzt lang und breit ausgeholt, um hierhin zu kommen.

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Sind wir jetzt fertig? Wir können jetzt sagen: Dann ist ja alles klar. Nein. Es kommt noch ein bisschen. Wir sind noch nicht fertig. Es geht noch weiter. Warum? Weil: Es wäre doch jetzt arg biblizistisch, die ganze Logik wäre biblizistisch, zu fragen: Verurteilt die Bibel Homosexualität - ja oder nein? Wenn ja, wenn man das beweisen kann - schlecht für die. Wenn nein, ja, dann machen die, was sie wollen, oder wir würfeln oder so. Also wir haben uns bis jetzt insgesamt sehr stark orientiert an einer bestimmten Form, von der Bibel möglichst konkret und klare Anweisungen zu hören und die nicht zu ignorieren, an denen nicht vorbeizugehen. Wir müssen uns ja jetzt klarmachen: Es ist immer, immer total misslich, überhaupt zu erwarten, dass die Bibel heutige Fragen eindeutig mit ja oder nein erlaubt oder beantwortet.

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Das an sich wäre ein ganz problematisches Bibel- und auch Ethikverständnis. Es geht immer darum, in jeder ethischen Frage die Bibel zu verstehen, die Texte zu bearbeiten, die großen biblischen Linien auszuziehen. Und dann geht es um eine Übertragungsleistung. Ethik heute, bei der man die Bibel ernst nimmt, heißt nie, bestimmten biblischen Vorschriften eins zu eins zuzustimmen und ohne Rücksicht auf die heutige Situation durchzusetzen. Es heißt immer, eine Entscheidung zu treffen, die normgerecht und situationsgerecht ist. Auch wenn du noch so bibeltreu sein willst, du musst dann sagen: Ich will der Bibel gerecht werden, ich muss den Menschen gerecht werden, ich muss der Situation gerecht werden, ich muss immer eine Übertragungsleistung hinkriegen. Man ist nie damit fertig, einer Norm an sich zuzustimmen.

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Und das ist die große Frage, die ja jetzt immer noch steht. Können wir diese Texte übertragen auf die heutigen Themen, die diskutiert worden sind, Ehe für alle, gleichgeschlechtliche Liebe? Greift das? Und das ist ja nun doch so: Auch die konservativsten Gemeinden wissen, eins zu eins zu übertragen ist manchmal schwer. Also es gibt im Neuen Testament den klaren Satz: "Die Frau soll schweigen in der Gemeinde." Es gibt von Jesus den klaren Satz: "Eine Geschiedene soll man nicht heiraten." Und da sind die meisten Konservativen inzwischen auch bereit zu sagen: Ja, man muss den damaligen Kontext sehen, man muss den heutigen Kontext sehen, man muss es übertragen und so. Und da werden sie ja manchmal auch wirklich dann fantasievoll, wie man das gut hinbekommt, zu Recht. Ich finde das ja auch absolut richtig, dass man rauskommt aus der Idee, es geht einfach darum, Bibelverse eins zu eins umzusetzen, zu übertragen.

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Das gibt's bei diesem Thema ja auch fast gar nicht. Also eins zu eins die biblischen Aussagen zu gleichgeschlechtlicher Sexualität übertragen zu wollen, hieße ja, mit den biblischen Ausdrücken zu sagen: Es ist ein Gräuel, also es ist abscheulich, es ist todeswürdig, es ist schändlich, es ist widernatürlich und verdammungswürdig. Das wären die biblischen Ausdrücke. Soweit ich sehe, sind die Konservativsten der Christenheit heute auch nicht mehr so ganz flüssig dabei, zu sagen: Für mich ist alles klar, für mich ist das, was heute in Kirche und Gesellschaft passiert, abscheulich, todeswürdig, schändlich, wiernatürlich, verdammungswürdig. Das sind Sachen, also bei Sodom und Gibea, Parallelgeschichte, Richter 19, da passt es ja auch wirklich. Da würde ich das ja so alles sagen. Aber auch die heutige konservative Position ist ja immer schon eine Übertragungsleistung.

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Ich möchte nun im letzten Teil des Vortrags zwei Durchgänge machen. Ich möchte eine kritische Sicht, die sagt: "Ich glaube trotzdem noch, dass wir Homosexualität nicht anerkennen können, dass wir Ehe für alle, gleichgeschlechtliche Liebe nicht bejahen können" - ich möchte diese Position gesamtbiblisch einfach nochmal betrachten und hier wichtige Gründe anschauen. Und dann möchte ich positiv sagen, warum ich finde, dass die Entwicklung der evangelischen Christenheit, die Entwicklung in der neueren Theologie, zu sagen: "Wir bejahen gleichgeschlechtliche Liebe, wir haben überhaupt kein Problem mit der Ehe für alle, wir stehen dazu", warum das auch biblisch zu rechtfertigen ist. Zunächst möchte ich Probleme einer kritischen Sicht nennen. Welche Probleme hat eine Sicht, die sagt "Wir wollen daran festhalten, irgendwie müssen wir zu gelebter Homosexualität Nein sagen"?

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Das erste Problem dabei ist ganz schlicht ein Wahrheitsproblem. Diese Sicht hat in den letzten 150 Jahren sehr vielfältig gezeigt, dass sie sich mit der Realität schwertut. Lange, lange Zeit, viele Jahrzehnte lang hat man schlicht ignoriert, was die Betroffenen sagen. Wenn die gesagt haben: "Es ist kein Lebensstil, den ich mir aussuche. Ich habe mich nicht entschieden, so zu sein. Ich hätte ja alles getan, es zu ändern, aber ich schaffe es nicht", gab es vielfach ja ein Weghören, ein Nicht-Hinsehen, ein Nicht-Hinhören. Man hat die Erzählungen nicht angehört. Man hat die Schicksale nicht angesehen. Man hat sich versteckt hinter vermeintlich dogmatischen Gewissheiten, die an der Wirklichkeit vorbeigingen. Ich kann das an zwei Kurzsätzen festmachen. Es gab lange die Sicht: "Wir müssen den Sünder lieben und die Sünde hassen."

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Ist das grundsätzlich richtig? Na, schon. Also wenn du wirklich einen hast, der in schwere Schuld gefallen ist, der getötet hat, der eingebrochen hat, als Zuhälter gearbeitet hat und so weiter, dann würdest du ihm als Seelsorger immer sagen: "Was du getan hast, ist sehr furchtbar. Es ist sehr schlimm. Und trotzdem - als Seelsorger möchte ich dir sagen: Du bist mehr als deine Tat. Du gehst nicht auf in dem, was du Falsches gemacht hast, obwohl du es getan hast. Als Mensch bist du in Gottes Augen wertvoll. Wir kämpfen damit, aber ich sehe dich auch als Mensch, und als Mensch nehme ich dich an, weil Gott dich annimmt." Also das hat eine Logik. Es ist nicht falsch zu sagen, den Sünder lieben und die Sünde hassen. Es ist halt im Falle schwuler und lesbischer Menschen an ihrer Realität völlig vorbei.

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Es ist denen gegenüber, wie wenn man einem schwarzen Menschen sagt: "Du, als Mensch finde ich dich ganz wundervoll. Nur deine schwarze Haut und deine komischen Haare und dein Aussehen und dein Körperbau - es ist mir zuwider. Und auch so eure ganze Kultur, ich finde sie irgendwie nicht ebenbürtig. Aber du als Mensch - als Christ würde ich dich als Mensch nicht ablehnen." Das ist Rassismus. Du kannst tausendmal sagen: "Ich bin doch kein Rassist. Ich liebe dich als Menschen, aber deine kulturellen und ..." Nein, es ist Rassismus. Warum? Weil du den Menschen abwertest aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen, die du von seinem Personsein nicht trennen kannst. Deine Ablehnung trifft die Person. Und so ist es hier auch. Der Satz "den Sünder lieben, die Sünde hassen" wird ja dann endgültig vergiftet durch die Beispiele,

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dass man sagt: "Ja, du bist lesbisch und du bist schwul, und du weißt, wie wir Christen sind. Also wir hassen die Sünde, aber dich als Sünder liebe ich, genauso wie jeden Vergewaltiger oder Totschläger oder Erpresser. Ich habe auch meine Fehler und meine Schwachstellen. Da muss man immer unterscheiden zwischen Person und Werk." Und das funktioniert nicht. Es funktioniert überhaupt nicht, weil du hier Persönlichkeitsmerkmale abwertest, die der Mensch nicht von sich unterscheiden kann. Es ist ja interessanterweise auch etwas, was Christen immer total einleuchtet, wenn es um Mannsein und Frausein geht. Da merken sie auch, dass man das nicht so einfach trennen kann. Es gibt bis heute evangelikale Texte, die das versuchen. Ein neuerer evangelikaler wissenschaftlicher Kommentar schreibt noch vor zehn Jahren: "Wenn Paulus und mit ihm die gesamte alte neutestamentliche Tradition Recht hat, besitzt die Homosexualität genauso wenig konstitutionellen Charakter, wie Unzucht und Verkehr mit Prostituierten konstitutionellen Charakter besitzt."

101:12
So haben es viele Konservative gesehen. Sie haben gesagt: Schwule und lesbische Liebe ist halt genauso wie Ehebrechen, wie Lügen, wie Stehlen und so weiter. Ja, und das ist eben an der Wirklichkeit vorbei. Es verfehlt die Realität dieser Menschen. Dieser ganze Satz "die Sünder lieben, die Sünde hassen" ist eine völlige Verfehlung ihrer Realität. Und es hat lange, lange, lange gebraucht, bis es immer mehr merkten. Dann gab es eine zweite Phase. Das ist nicht gleichzeitig. Manche sind immer noch bei so komischen Sätzen. Viele haben dann aber irgendwann gesagt: Das passt ja echt nicht. Also die katholische Kirche, das katholische Lehramt hat das deutlich schneller für sich klarbekommen: So etwas wie schwul und lesbisch sein gibt es.

102:02
Und da hat man dann eher die Formel gehabt: "Schwulsein ist keine Sünde, aber das Ausleben." Das ist, wenn man jetzt erst mal so will, ein Fortschritt, weil hier eine Realität anerkannt wird. Hier wird anerkannt: Okay, hätte ich jetzt nicht gedacht, aber du bist so. Aber du darfst es nicht ausleben. Man geht dann auf die Ebene, dass man sagt: Ja, die Bibel äußert sich da nicht zu. Die Bibel lehnt aber die Handlungen, die Taten, also gleichgeschlechtliche Taten, völlig klar ab. Das heißt, dass du so veranlagt bist, ist jetzt schon tragisch irgendwie. Aber die Welt ist manchmal tragisch. Vieles ist tragisch, und es bleibt aber Sünde. Das ist halt ein ganz komischer Kompromiss, denn diese Position ist offensichtlich nicht biblisch. Das gibt's in der Bibel nicht. Die biblischen Texte gehen nirgendwo davon aus, dass eine bestimmte Personengruppe in eine tragische Position gebracht wird.

103:05
Die hätten vielleicht auch ein bisschen was an Trost verdient gehabt. Nirgendwo in Antike, Bibel, Judentum, frühem Christentum ahnt das jemand. Übrigens ja auch nicht in der ganzen Christentumsgeschichte. Manche sagen: "Das ist die traditionelle klassische christliche Position." Das Verrückte ist ja: Es ist eine Position ohne Tradition. Du hast nirgendwo in der Antike, im Mittelalter, in der Reformationszeit, im Pietismus Texte, wo von Menschen die Rede ist, wo man sagt: "Ja, das ist unser Johann, der ist allein. Ja, der steht auf Männer. Ja, da kannst du nichts machen. Aber wir tragen den alle mit durch in der Gemeinde. Das ist so ein ganz Lieber, der schafft das auch noch bis zum Tod." Nirgendwo, nirgendwo. Also es gibt keine Vorbilder dafür. Es gibt auch keine Vorbilder, wie du glückliche Paare gleichen Geschlechts aus der Gemeinde ausschließt. Gibt's auch nicht. Kommt alles nicht vor, kommt nirgendwo vor.

104:00
Die sogenannte traditionelle Position hat gar keine Tradition. Sie ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Dass sie traditionell ist, wurde dabei miterfunden. Diese Position "Homosexualität ist keine Sünde, wohl aber das Ausleben" ist der Versuch, einen Kompromiss zu schaffen zwischen der heutigen Wahrnehmung des Sachverhalts, dass es das wirklich gibt, und dem vermeintlichen Festhalten an einem biblischen Nein zur gleichgeschlechtlichen Handlung. Aber es wird weder dem biblischen Text noch den Menschen heute gerecht. Den biblischen Text verdreht es. Warum? Paulus macht ja gerade nicht die Logik zu sagen: "Du kannst ruhig schwul sein. Hauptsache, du lebst es nicht aus." Das ist ja in Römer 1 gar nicht die Logik. Also Römer 1 ist ja: "Gott gibt sie in Begierden und Leidenschaften dahin." Es ist nicht die biblische Logik: "Die Taten sind schlimm. Wenn du nur so empfindest - ja, so what?" Nein, also diese Empfindung zu haben, ist schlimm.

105:02
Daraus erwächst die Sünde, und das ist biblische Anthropologie. Das ist Markus 7, wo Jesus sagt: "Aus den Begierden des Herzens erwachsen die bösen Taten." Das ist Römer 7, wo Paulus sagt: "Das böse Tun kommt aus dem bösen Wollen, aus der bösen Begierde." Es ist gegen biblische Anthropologie, zu sagen: "Homosexuell empfinden ist keine Sünde, ausleben aber schon." Diese Trennung funktioniert biblisch gar nicht und menschlich funktioniert sie auch nicht. Weiteres Problem - ich bin immer noch beim Punkt Wahrheit: Man hat Zeiten gehabt, da haben Bibelausleger gesagt: "Die Bibel ist ja sehr klar. In 1. Korinther 6 werden Menschen genannt, die irgendwie gleichgeschlechtlich verkehren. Und dann sagt Paulus: 'Solche sind einige von euch gewesen. Aber jetzt seid ihr reingewaschen und frei davon.'" Ich habe oft gehört in meinem Leben, muss ich sagen, in meinem Alter - jüngere Leute werden das nicht gehört haben -,

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dass dieser Text so genommen wurde als Beweis, dass man frei werden kann, dass man geheilt werden kann, dass man da wirklich rauskommen kann. Und dazu gibt es inzwischen Netflix-Filme und Serien und Bücher und es gibt das Ganze tausendfach. Hunderttausende allein in den USA haben solche Therapien durchlaufen müssen, Tausende in Deutschland. Für den allerallerallergrößten Anteil dieser Menschen war es eine Schule des Scheiterns, mit wirklich schrecklichen Erfahrungen dabei. Das war keine gute Schriftauslegung. Wenn das mal als klar galt, dass Paulus ganz deutlich bezeugt: "Veränderung ist möglich", und man damit an der Wirklichkeit scheitert, sollte man vielleicht etwas leiser und zurückhaltender werden, wenn man ganz klare Aussagen der Bibel glaubt hochhalten zu können.

107:02
Die traditionelle - also die eigentlich nicht traditionelle - Position, die kritische, ablehnende Position scheitert an der Wahrheit. Sie scheitert meines Erachtens eben auch an Schlüsselwerten der Bibel wie Liebe und Gerechtigkeit. Was ist Liebe? Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist Tun. Liebe ist das, was passiert, was herauskommt. In Römer 13 sagt Paulus: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses." Es ist aber lesbischen und schwulen Menschen viel Böses widerfahren. Sie haben Ausgrenzung erlebt, Ausschluss, soziale Isolation. Sie haben erfahren, dass die eigene Familie sich gegen sie stellt. Sie sind zu Familienfesten nicht mehr geladen gewesen. Sie haben manchmal versucht, mit diesem Druck so umzugehen, dass sie versucht haben, heterosexuell sich zu verheiraten. Sie haben damit Partner und Kinder mit hineingerissen in sehr schmerzhafte, schuldhafte Katastrophen.

108:08
Viele Menschen haben Frustration erlebt an gescheiterten Heilungshoffnungen. Und viele Kirchen und Gemeinden haben Spannung und Spaltung noch und noch erlitten. Freundschaften sind an dieser Frage zerbrochen. Kirchenbünde stehen vor der Spaltung. Diese Haltung "Wir müssen um Gottes willen, um der Bibel willen, um der Wahrheit willen auf jeden Fall die Stellung halten, absolut nein" hat sehr schmerzhafte Konsequenzen gehabt. Ein typisches Argument war dann: "Ja, aber wir müssen doch bei der klassisch christlichen Position bleiben, denn wir dürfen uns ja nicht dem Zeitgeist anpassen. Es ist ja der Zeitgeist der heutigen Welt, die sich von Gottes Geboten abwendet. Die heutige Welt wendet sich von christlichen Werten ab.

109:00
Sie wendet sich von göttlichen Geboten ab. Der Mainstream macht da Druck überall. Und da müssen wir einfach bei der Wahrheit bleiben." Es gibt ja keinen biblischen Vers wie: "Haltet euch fern vom Zeitgeist!" Es gibt die biblische Aufforderung: "Prüfet alles und das Gute behaltet." Also dieser Reflex "Sobald die Mehrheit was will, wird es wohl falsch sein" ist ja ein bisschen komisch. Und wenn es so wäre, wäre es ja auch nochmal verblüffend: Es ist ja weltweit inzwischen nicht die Mehrheitsposition der Menschen, dass die Ehe für alle super ist. Es ist ja weltweit betrachtet eine Minderheiten-Position. Man könnte ja sagen: Der Zeitgeist, der Weltgeist heute ist nach wie vor Diskriminierung, Ausgrenzung, Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe. Es gibt viele Länder in der Welt, wo es jetzt gerade stärker wird, wo man hier verurteilender, richtender, ausgrenzender, diskriminierender wird und wo Gesetze verstärkt werden.

110:05
Was ist denn der Zeitgeist heute? Da könnte man jetzt lange ausholen. Ich möchte nur auf ein komisches Muster aufmerksam machen. Es gibt ja so Statistiken. Es gibt Statistiken, wie weit in Ländern Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit, Wissenschaftsfreiheit verwirklicht ist. Es gibt Statistiken, wie weit in Menschen autokratische, totalitäre, antidemokratische Mächte greifen. Man kann sich einfach mal die Tabellen anschauen. Man macht die Entdeckung: Überall in Ländern, wo Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Pressefreiheit, Wissenschaftsfreiheit herrschen - also ich würde mal sagen, die ersten 30, 40 Länder, wo das stark ist, seid sicher: In keinem dieser Länder werden Schwulen und Lesben verfolgt. Überall gibt es mindestens Straffreiheit, meistens Ehe für alle oder öffentliche Partnerschaft oder Schutz vor Diskriminierung.

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In Ländern, wo Homosexuelle verfolgt werden, hat man fast durch die Bank autokratische, wissenschaftsfeindliche, pressefreindliche Systeme, Anti-Menschenrechtspolitik noch und noch. Und wenn Zeitgeist ein Argument sein soll, müsste man ja sich schon ganz schlicht mal fragen lassen: Wie kommt es eigentlich, dass manchmal Christen, die die Bibel sehr wichtig finden, sich so in einer Wertegemeinschaft wiederfinden mit Hooligans, mit russischen Nationalisten, mit dem schiitischen Wächterrat im Iran oder sunnitischen Taliban? Warum sind das diejenigen, die am stärksten erkennen, dass der westlich liberale Zeitgeist heute Werteverfall bedeutet? Das kann einen sehr irritieren. Es gibt Studien und Statistiken, die zeigen: Je stärker Menschen Vorbehalte haben gegen Schwule und Lesben, desto wahrscheinlicher ist es,

112:05
dass sie auch zu anderen gruppenbezogenen Vorurteilen neigen oder da offen sind. Dem sollte man einfach mal nachgehen ... Vielleicht ist es wirklich ein Vorurteil. Vielleicht ist es wirklich eben gruppenbezogene Ablehnung von Menschen, die fälschlicherweise in einzelnen Kreisen bis heute noch genommen wird als etwas, wo man sagt: Ja, aus christlichen Gründen müsste man es. - Ich bin beim letzten Punkt. Wie kann man denn christlich jetzt sagen: "Okay, ich habe echt totale Probleme inzwischen mit der früheren Position, mit der kritischen Position. Ich sehe historisch in der Bibel, das ist total schwierig. Ich sehe, ich komme in Konflikt mit so Sachen wie Wahrheit, die Wirklichkeit anerkennen, Menschen gerecht behandeln, Nächstenliebe üben. Aber wie komme ich denn dahin? Jetzt wirklich, wenn ich zwei Männer sehe, die sich küssen - ich bin es nicht gewöhnt; zwei Frauen, die zusammenziehen - ich weiß auch nicht, ich bin anders groß geworden.

113:05
Wie kann ich denn mit gutem biblischen Gewissen dazu Ja sagen?" Ja, wie macht man das? Wie kommt man von der Bibel her zu Urteilen, zu Fragen, wo man irgendwann merkt, die Bibel sagt da nichts direkt zu? Jetzt könnte man sagen: Wenn die Bibel nichts direkt dazu sagt, dann musst du vernünftig denken, einfach moralisch dem Gewissen folgen, fragen, was gerecht ist und so. Nein, aber wir fragen ganz bewusst so: Wie macht man es mit der Bibel in der Hand? Wie geht das? Ich denke, das ist etwas, was die meisten Christinnen und Christen eigentlich können. Ich möchte es mal mit einem etwas lustigen Beispiel vorstellen. Ich war mal in einem christlichen Haus, das hatte Gäste-Wohnangebote. Da konnte man einziehen, und Leute, die da wohnen wollten, die haben irgendwann dann kurz vor Einzug das Kleingedruckte gezeigt bekommen.

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Und dann stand da drin: Ja, und wer bei uns wohnt - wir haben da eine Regel. Wir haben für junge Männer keinen Frauenbesuch über Nacht. Gar nicht, so gar nicht. Auch nicht alte Freundinnen, mit denen man gar nicht offiziell zusammen ist. Nein, das ist einfach so die Kultur. Das haben wir nicht. So, und dann war da ein junger Mann. Dem war das etwas fremd. Der hatte auch eine Freundin, die wohnte woanders. Der war etwas verstört und der sagte: "Ja, und wenn wir versprechen, dass da nichts läuft in der Nacht?" "Nee", hieß es, "wir haben das extra so formuliert. Es soll nicht mal so aussehen, als ob." Und der war echt ein bisschen verstört und sagte: "Ja, heißt das etwa, wenn ich mit der dann, wenn die zu Besuch ist und wir gehen zusammen joggen - wir dürfen danach nicht mal zusammen duschen?" Es kann ja jeder überlegen, was hat das bibeltreue Haus geantwortet? Was haben die gesagt? Vielleicht waren die völlig fertig und haben gesagt: "Stopp, Moment. Bis du einziehst, müssen wir hier die Satzung erneuern oder so. Wir haben da eine Lücke. Du hast eine Lücke gefunden." Nein. Die haben dem einfach gesagt: "Geht auch nicht."

115:01
Woher wussten die das? Warum war denen das so klar, dass das auch nicht geht, dass er mit seiner Freundin nicht mal duschen darf, obwohl die ja da gar nicht im Bett liegt? Ja, weil es so ähnlich ist. So ähnlich, irgendwie ein ähnlicher Fall. Und das ist eigentlich die Grundidee der Bibelauslegung. Das ist die Grundidee schon zur Zeit des Neuen Testaments. Wie legt man Bibeltexte aus? Wenn man Fragen hat, die da gar nicht stehen, dann fragt man sich: Was ist so ähnlich? Das ist das normale Verfahren. Es gibt im Judentum, bei den Rabbinen, ausgeführte Listen. Da wird das alles so beschrieben. Und das ist eine typische Methode, zu sagen: Wir schließen vom Allgemeinen aufs Besondere. Wir schließen vom Geringeren auf das Größere. Wir gucken: Was ist so ähnlich? Was ist analog? Und das ist tief drin in der biblischen Logik. Jesus kann sagen: "Wenn Gott die Vögel unter dem Himmel versorgt und die Lilien nicht verkommen lässt, wie viel mehr wird er euch versorgen?"

116:05
So vom Kleineren aufs Größere. Oder Paulus macht das so: "Wer zieht in den Krieg und zahlt sich selbst den Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seiner Frucht? Wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Erde? Sagt das nicht auch das Gesetz? Im Gesetz des Mose steht: 'Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.' Sorgt sich Gott um Ochsen? Er redet um unseretwillen." Paulus folgert daraus: Wenn der Ochse, der mithelfen muss auf dem Feld, wenn dem nicht das Maul verbunden wird, sondern der natürlich zu fressen bekommt von den Früchten seiner Arbeit - entsprechend gilt doch: Ein Verkündiger des Evangeliums darf davon leben. Und das ist Exegese, das ist jüdische Exegese, das ist frühchristliche Exegese. Du schaust, was ist so ähnlich? Das war die Frage: Darf jemand für die Verkündigung des Evangeliums bezahlt werden? Darf das ein Beruf werden?

117:00
Kann er davon seinen Lohn bekommen? 1. Korinther 9. Paulus hat kein Herrenwort. Es gibt auch kein Bibelwort dazu. Also guckt er: Was ist so ähnlich? Und dann bringt er Beispiele aus der Erfahrung. Er bringt Beispiele aus der Schrift. Das ist jetzt echt ein bisschen weit hergeholt: Dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden. Für Paulus reicht das. Es ist so ähnlich. Es entspricht dem. Und ja, so einfach ist es unterm Strich. Wenn zwei Menschen in die Gemeinde kommen, wenn da Lisa und Lena kommen oder Christian und Tobias, dann musst du schlicht fragen: Okay, das ist eine Challenge. Ich habe jetzt wahrscheinlich oder höchstwahrscheinlich verstanden, dass das in der Bibel nicht behandelt worden ist oder so. Jetzt muss ich ein bisschen freestylen: Wem ähnelt diese Beziehung jetzt? Kann ich dazu Ja sagen oder muss ich dazu Nein sagen? Ist das so ähnlich - ich gucke nochmal im Römerbrief -,

118:00
aha, ist es so ähnlich wie Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht, Ohrenbläser und so weiter? Also passt es in diese Rubrik? Ist es so ähnlich? Leuchtet mir das ein? Muss ich denen sagen: "Lisa und Lena, dass ihr zusammen seid, das ist so ähnlich wie andere Formen von sexualisierter Gewalt, Betrug, Erpressung und so, es sieht mir so aus"? Oder - die meisten Menschen heute sagen: "Es ist so ähnlich, wie wenn Lisa und Martin kommen oder Tobias und Christiane. Es ist so ähnlich. Es entspricht dem." Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, Gleiches gleich, Verschiedenes verschieden, Ähnliches mindestens ähnlich zu behandeln. Es ist schlicht der Grundgedanke der Gerechtigkeit. Du musst es übertragen, du musst es einordnen: Entspricht es dem, was die Bibel als böse beschreibt, als ungerecht, als gewalttätig, als etwas, was Menschen zerstört?

119:07
Oder entspricht die Zuneigung zweier Menschen, ihre Treue, ihr verbindliches Zusammenseinwollen eben dem, was so ähnlich ist? Das ist der Gedanke, der Menschen einleuchtet, zu sagen: Wir behandeln es ähnlich. Jetzt könnte man fragen: Oho, dann ist die Ehe für alle eine Übertreibung? Hätte man an der Stelle dann nicht sagen müssen: Wir machen da irgendwie so eine B-Ware für auf. Na ja - hat man ja. Man hat das. Bis immer deutlicher wurde: Diese ganzen Partnerschaftsgesetze hatten immer am Ende so dieses Moment der Diskriminierung. Es war immer: Ja, manche sind gleicher als ihr. Ihr seid nicht so. Hier machen wir einen Nachteil für euch, da bekommt ihr weniger. Du kannst nicht sagen "meine Frau", du musst sagen "mein Lebenspartner" oder so und all dies. Und es gibt viele andere Beispiele, wo wir Ähnliches gleich behandeln, gerade im Alten Testament, zum Beispiel die Fremden.

120:05
Die Fremden, die fremd sind, aber eurem Gott glauben - da sagt das Gesetz ausdrücklich: Behandelt sie gleich. Behandelt sie gleich. Es ist anders, aber behandelt sie gleich, weil sie mit euch leben wollen. Paulus kann sagen: "Gerade die verletzlichen Glieder behandeln wir mit besonderer Ehrerbietung." Gerade gegenüber den Schwachen, Benachteiligten, Ausgegrenzten, Marginalisierten ist es der biblische Impuls, nicht zu sagen: "Abstandsgebot - es ist nur ähnlich, es ist nicht gleich", sondern die Gleichheit aller Menschen. Die gleiche Würde aller Menschen kann hier auch der Punkt sein, zu sagen: Es ist so ähnlich und jetzt bestehen wir nicht auf der letzten Mikrodifferenz. Wir behandeln alle Menschen mit gleicher Würde. Wir behandeln jede Liebe mit gleicher Würde.

121:01
Es gibt Menschen, die sagen: "Ja, aber ich bin über die Schöpfungsgeschichte noch nicht hinweg. Ist das in der Schöpfung nicht doch irgendwie, dass der Mensch männlich und weiblich geschaffen wird, und ist das nicht irgendwie das, was Gott sich dabei gedacht hat?" Und das ist mit der Schöpfungserzählung jetzt doch ein bisschen traurig, denn was ist die Logik dabei? Die Logik ist: "Der Mensch ist das Bild Gottes" ist ein steiler, anstößiger Satz für die Antike. Bild, Statue ist das Privileg der Herrscher und der Mächtigen. Die Mächtigen richten Statuen von sich auf, um zu zeigen: Das ist mein Herrschaftsgebiet. Statue gleich Herrschaftsanspruch. Und das ist ja die Logik der biblischen Rede vom Menschen als Ebenbild Gottes: dieser Herrschaftsauftrag. "Nehmt die fürsorgliche Herrschaft Gottes für diese Schöpfung wahr." Und dann heißt es: "Der Mensch als Bild Gottes, männlich und weiblich." Was ist jetzt damit gemeint? Will Gott an dieser Stelle, was weiß ich, trans-Menschen das Leben schwer machen?

122:04
Nein, man muss einfach mal das ganze Kapitel lesen. Wovon ist die Rede? Am Anfang Licht und Finsternis, dann Himmel und Erde, dann Wasser und Trockenes, dann die Tiere des Meeres und die Tiere des Landes. Worum geht es? Es geht immer um das Ganze. Es geht um das Ganze. Die Welt ist Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Wasser und Meer, der Mensch männlich und weiblich, die ganze Menschheit. Das heißt, diese Formulierung "Gott schuf den Menschen männlich und weiblich als Gottes Bild" heißt: Der Mensch, nicht allein der König, ist zum Ebenbild Gottes geschaffen, und zwar alle. Es ist ein entgrenzender Vers. Es ist die universelle Ermächtigung der ganzen Menschheit als Gegenüber Gottes. Und diesen Vers jetzt so zu benutzen, dass man damit trans-Menschen und Schwulen und Lesben das Leben schwer macht, weil man sagt: "Ihr seid nicht vorgesehen in der Schöpfungsordnung Gottes",

123:01
das ist irgendwie diesen Vers gegen den Strich bürsten. Es ist ein Text, der öffnet und alle in den Blick nimmt, und diesen Vers zu gebrauchen zur Ausgrenzung, tut dem Vers weh, behaupte ich mal. Das ist meine Auslegung. Aber ich glaube, dem Vers tut das weh, weil die ganze Dynamik ja eine andere ist. Und noch weiter: Um diesen Text so zu gebrauchen, muss man ihn gegen den Strich drehen. Ein bisschen später heißt es in der Urgeschichte: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Es gilt als selbstverständlich, dass Menschen nicht nur Freunde, Freundinnen brauchen, nicht nur Arbeitskollegen, nicht nur Nachbarn; sondern Menschen, mit denen sie durchs Leben gehen. "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Dieser Satz leuchtet lesbischen und schwulen Menschen auch ein. Vielen leuchtet das im Herzen sehr tief ein, dass sie sich nicht damit beruhigen können, zu sagen: "Du hast ja Gemeinde,

124:02
du hast ja deinen Hauskreis, und wenn du mal richtig einsam bist, sagst du Bescheid, dann kannst du auch zu einem von uns kommen, irgendwer könnte sich da schon Zeit nehmen." Das ist alles lieb gemeint, aber doch verzweifelt, weil eine Partnerschaft fürs Leben eine sehr tiefe Sehnsucht sein kann, die offensichtlich in der Schöpfungsgeschichte angelegt ist. Jetzt müsste man ja schon wieder einen Text der Schöpfungsgeschichte gegen den Strich bürsten, zu sagen: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei - es sei denn, der ist lesbisch oder schwul. Dann ist es notwendig. Dann ist es notwendig. Aber sonst ist es nicht gut, dass sie allein sind. Sonst ist es eigentlich echt schön; wenn du Glück hast, darfst du dann auch Partnerschaft finden." Auch dieser Vers, auch dieser Text funktioniert so nicht. Wenn wir das ernst nehmen, die Schöpfungsgeschichte ernst nehmen, wirklich als Grundtext: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" - wer sind wir, lesbischen und schwulen Menschen zu sagen: "Wir nehmen dich davon aus.

125:06
Das steht zwar da, aber hier darfst du das nicht wortwörtlich auf dich beziehen. Du bist davon irgendwie ausgenommen, denn wir haben da irgendwie mal so eine Auslegung für uns gefunden." Ich möchte zum Schluss jetzt aber nochmal die Perspektive wechseln. Jetzt haben wir zwei Stunden gekämpft und gerungen. Und ja, mein Ergebnis: Es war falsch, dass Christinnen und Christen sich in dieser Frage so lange so schwergetan haben. Jetzt würde ich aber weitergehen. Kirchen sollten wirklich aufhören, sich wie ein Karnevalsverein zu benehmen, der die Frage "Wollen wir sie reinlassen?" ernsthaft diskutiert. Der Umgang mit lesbischen und schwulen Menschen ist eine große Schuldgeschichte der christlichen Kirchen, und zwar allen.

126:01
Und dass daraus eine Lerngeschichte geworden ist, da kann man nur "Gott sei Dank" sagen. Man sollte daraus jetzt keinen Wettbewerb machen, wer am schnellsten gelernt hat, sondern in aller Demut dranbleiben. Richtig schnell war keine Konfession, keine Kirche. Durch ihr Verhalten, ihre Verweigerung, ihre Unterstellung haben Kirchen vielen Menschen den Glauben sehr schwer gemacht, ja, Glauben zerstört und Außenstehende vom Glauben abgeschreckt. Darum würde ich gerne die Perspektive umdrehen. Es geht jetzt nicht darum, dass Kirchen sagen: "Jetzt dürft ihr kommen. Wir haben jetzt mal 150 Jahre diskutiert - dafür muss man sich aber auch gründlich Zeit nehmen. Jetzt werden wir langsam bereit, und ihr dürft teilhaben an unserem Glück." Das ist ja Unsinn. Also es ist doch Zeit, dass wir erkennen, dass es ein großes Wunder ist, dass immer noch queere Menschen da sind,

127:01
die mit uns gemeinsam glauben wollen, die sich von unserer Schuldgeschichte nicht abschrecken lassen, uns gegenüber freundlich dabeibleiben und sagen: "Wir wollen mit euch glauben. Wir wollen mit euch singen. Wir wollen mit euch beten. Wir wollen mit euch Gottesdienst feiern. Wir wollen mit euch zusammenarbeiten, und wir wollen, dass ihr mit uns zusammenarbeitet." Dass es das immer noch gibt, ist ein großes Wunder, finde ich. Und der Leib Christi ist nicht vollständig, solange er diese Menschen ausgrenzt. Diese Menschen sind keine, die man dann irgendwann begnadigt und sagt: Dann kommt halt dazu. Sie haben in dieser Auseinandersetzung mehr an Glauben gelebt und bewahrt, als ihnen von den Kirchen und den allermeisten entgegengebracht wurde.

128:00
Sie haben Erfahrung von Ausgrenzung gemacht und sich dadurch ihren Glauben nicht nehmen lassen. Viele sind daran zerbrochen. Vielen hat man den Glauben zerstört. Das Wunder ist, es gab und gibt bis heute Menschen, die Nachfolge gelebt haben, selbst unter der Bedingung der Ausgrenzung durch andere Christen. Und sie haben ernst genommen, was sie im Kindergottesdienst gelernt haben. Da haben sie gesungen: "Es ist niemand zu groß, es ist niemand zu klein, es ist niemand zu arm oder reich." Das haben sie gesungen und geglaubt und daran festgehalten. Und irgendwann haben sie gemerkt: Das wäre jetzt schön gewesen, hätte es auch die Strophe gegeben: "Es ist niemand zu gay, es ist niemand zu queer." Aber die Strophe gab es nicht. Und sie sagen: Trotzdem haben wir das aber auf uns bezogen. Wir haben das auf uns bezogen und wir sind bei diesem Jesus geblieben. Wir haben das gesungen und wir haben das geglaubt und wir singen es jetzt noch: "Gott öffnet jedem die Tür, jedem, der ihn fragt.

129:01
Er nimmt die Schuld und gibt Liebe dafür, denn er hat es uns gesagt." Und es wird Zeit, dass die nicht queere Christenheit, die sich sehr lange quergestellt hat, auf die Idee kommt: In solchen Texten könnte von ihrer Schuld die Rede sein. Und sie darf umkehren und gemeinsam mit queeren Gläubigen glauben, mit Menschen, die den Glauben nicht aufgegeben haben, obwohl sie allen Grund gehabt hätten. Es ist ein Wunder, dass sie noch da sind - und wenn es uns begegnet, sollten wir es auch sehen.

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Homosexualität und die Bibel | 12.4.1

Worthaus Pop-Up – Marburg: 27. März 2022 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

Für manche Christen steht es fest: Homosexualität ist Sünde. Darf nicht sein. Wer so fühlt, sollte den Drang unterdrücken, kann eben keine Partnerschaft leben, schade, aber ist so. Wer so denkt, kann hier wegklicken. Denn in diesem zweiten Vortrag zur Homosexualität richtet sich Thorsten Dietz an jene Menschen, die sich zerrissen fühlen zwischen Toleranz und dem, was vermeintlich in der Bibel steht, zwischen moderner Weltanschauung und uralten Schriften. Die andere nicht für etwas ausgrenzen wollen, wofür sie nichts können, aber gleichzeitig christlichen Lehren treu sein wollen. Um dieses Spannungsfeld auflösen zu können, muss man verstehen, was in der Antike damit gemeint war, wenn „ein Mann bei einem Manne liegt“ oder wenn die Männer Sodoms zwei männliche Gäste vergewaltigen wollen. Und welche Vorstellung von Sexualität die Menschen der Antike teilten, wer mit wem Sex haben durfte. Und wer nicht.
Aber lassen sich die Vorstellungen der Antike auf die Gegenwart übertragen? Sollen wir Homosexuelle verurteilen, wo doch unsere Vorstellung von Partnerschaft, Liebe und Sexualität nur wenig mit dem zu tun hat, was unsere Vorfahren in der Antike dachten?
Dietz gibt eine klare Antwort. Und die führt aus dem Spannungsfeld und manchen sogar hin zu einem neuen Verständnis der Bibel.