Worthaus 11: "Das große Versprechen auf Zukunft und Hoffnung". Hab ich gern gelesen, den Text, der verspricht richtig schön viel. Das ist ja super. Zukunft und Hoffnung, was im christlichen Glauben so drinsteckt, in unseren krisengeschüttelten Zeiten und so. Und da dachte ich, ah super, dafür würde ich mich auch mal anmelden. Das ist richtig gut, wenn das so sichtbar wird, was im christlichen Glauben drinsteckt, was da zukunftsträchtig ist, was uns Krisen- resilient macht, was uns Chaos-resistent macht. Das ist richtig gut. Bis ich irgendwann mit Schrecken merkte: Das wird hoffentlich keiner von uns Referenten und Referentinnen erwarten, dass wir dieses Versprechen auf Zukunft und Hoffnung einlösen können. Ein bisschen fürchte ich schon,
dass man mit der Erwartung kommt, dass wir jetzt irgendwie tatsächlich in diesem Sinne was produzieren und machen. Darum erst mal eine kleine, wie sollen wir sagen, Einleitung. Was kann man denn erwarten? Was kann man erwarten, wenn theologietreibende Menschen sich versuchen an den großen Fragen und, ja, schon was riskieren? Das muss ja jedem klar sein, der von Worthaus eingeladen wird, dass man nicht eine Anfrage bekommt wie sonst auch, dass man irgendwie ein Konzept aus 17 Perspektiven in seiner Entwicklung zwischen 1830 und 1835 und so betrachtet. Das ist Arbeit, das zu machen, es ist schon anstrengend und so und man hat da echt mehr zu tun. Aber im Großen und Ganzen ist es natürlich eine relativ risikoarme Zone. Man hat
ja mit lauter Toten zu tun, da springt ja keiner auf und sagt: Falsch, ich habe es ganz anders gemeint und so. Also die Allermeisten, die besprochen werden in der Theologie, sind sehr pflegeleicht, die sind sehr still, das ist auch schön. Also manchmal fährt man zu ihren Gräbern, bedankt sich und so, dass die alle nicht widersprechen, der eine oder andere hat vielleicht Lust oder so, aber geht nicht. Also normalerweise ist Theologie eigentlich eine sehr schöne, ruhige Angelegenheit, man ist auch viel unter sich. Man macht so seine Tagungen und so und das ist sehr schön, super, nerdig. Das habe ich auch teilweise immer sehr gemocht, wenn man da so drin war. Na ja, aber was wir hier machen, oh Gott, oh Gott - wir sollen vor Menschen, vor echten Menschen und nicht vor Kolleginnen und Kollegen liefern. Jetzt könnte ich erst mal lang und breit erklären, warum das völlig falsche Erwartungen sind und warum das einfach nicht geht. Und was
würde ich dann sagen? So, dann würde ich sagen, ja, also für die Theologie als Wissenschaft ist es eine Zumutung, hier erwartungsvoll zu sitzen, sogar Geld bezahlt zu haben und sich irgendwas zu erhoffen, was fürs persönliche Leben und für die Praxis etwas taugt. Das ist eine Zumutung, denn wir sind eine Wissenschaft. Unsere Aufgabe ist einfach, sehr kleinteilige Dinge durch noch einen Mörser zu jagen, der noch mehr perfektioniert wurde, dass es noch viel kleinteiliger ist. So, und wenn uns das gelingt, dass wir selbst die Dinge kaum noch sehen und erkennen, die da rauskommen, dann finden wir das eigentlich sehr beruhigend, sehr glücklich. Und wenn jemand sagen würde: "Aber das kann doch nicht euer Ernst sein, ihr könnt doch da nicht Theologie als Wissenschaft machen zur Bespaßung eurer selbst", würden wir kurz zucken und sagen: "Doch, doch, so ist das gemeint." Dann würden wir aber richtig ausholen. Man hat ja
auch gelernt in den vielen Jahren, man würde sagen: "Nee, nee, also die Theologie ist da einfach die falsche Adresse, von der sollte man es nicht erwarten. Historisch muss man sehen ...", und dann würden wir viele Stunden diskutieren und so, aber ich fasse jetzt mal zusammen. Man würde zum Beispiel sagen: "Man muss ja in der Reformation sehen, es gibt eine wesentliche Differenz von Evangelium und Dogma." Das muss man erst mal wirken lassen, so Fremdwörter und so. Evangelium und Dogma. Evangelium ist Zuspruch, ist Ereignis, ist Geschehen, ist lebendiges Gotteswort. Dogma ist Theologie, ist Theorie, ist Reflexion, ist Setzung, und zwar immer menschliche Setzung. Das ist unser Metier, besser gesagt, unser Metier ist nicht Dogma, sondern Reflexion des Dogmas. Das muss man mal kurz sacken lassen ... Reflexion des Dogmas. Das Evangelium, ja, das ist unverfügbar, Heiliger
Geist, Kirche, Gottesdienst und so weiter und so weiter. So, das wäre die klassische Version. Also, wer Zukunft und Hoffnung sucht, bitte auf das Evangelium hoffen. Die Pfarrerinnen und Pfarrer in der Kirche, die können sich nicht so wegdrücken, also die muss man behaften. Da kann man ungefähr erhoffen und erwarten, dass die liefern. Die würden dann sagen: "Ich habe mal gelernt, ich mache doch nur Dienst am Wort." Ja, aber immerhin, das würde man verlangen. Neuzeitlich-modern haben wir das dann noch ein bisschen klüger gemacht und gesagt: Ja, Reformations zeit, die Differenzierung Evangelium und Dogma ist das eine, Ereignis und Lehre oder Reflexion auf die Lehre. Neuzeitlich unterscheiden wir ganz grundsätzlich zwischen Religion und Theologie. Religion ist Praxis, Religion ist persönliche Haltung, Religion ist erfahrungsgesättigt, ist was Soziales, was Gemeinschaftliches. So, Theologie ist Reflexion auf Religion. Und die
Reflexion auf Religion betreiben wir so, dass wir es ganz manchmal auch machen, aber unser Alltagsgeschäft ist eigentlich Reflexion auf die Reflexion von Religion. Und darum haben wir es ja so schön gemütlich und sind immer unter uns und kriegen ja nicht so viel reingequatscht und keiner verlangt was von uns, denn die Reflexion auf die Reflexion der Religion, ja, da sind die allermeisten ja gar nicht im Spiel, weil die Reflexion auf die Religion ja schon so anstrengend ist irgendwie. So könnte ich jetzt also die ganze Rede lange strecken, und die Botschaft wäre: Also ich bin raus. Das war alles ein Fehler, sich mit einer Hoffnung anzumelden, dass es irgendwie praktisch würde. - Jetzt muss ich aber einräumen, ich bin jetzt auch nicht völlig unbeteiligt gewesen bei der Themenabsprache und so. Nein, der tatsächliche, perfide Plan von Worthaus 11 ist es,
Theologie, theologische Gedanken ein wenig aus der Komfortzone herauszulocken, herauszuziehen, herauszu zwingen. Ich meine das jetzt nicht in irgendeiner bösartigen Art und Weise, dass am Ende des Abends hier stehen wird: Stürmt die Paläste, Krieg den Reflexionsnerds, gebt ihnen keine Ruhe mehr, sie müssen liefern und so. Nee, nee, ich mag das wirklich, was die Supernerds da so treiben, dass die die Reflexion auf die Reflexion der Reflexion betreiben, und das historisch und interdisziplinarisch und methodisch gedrechselt und gewechselt und so. Für ganz wenige Menschen ist das wirklich eine ganz schöne Sache und sie tut ja auch keinem weh und das muss man alles irgendwie auch machen. Also, das muss stattfinden. Aber ich glaube, die gegenwärtige Theologie ist
da doch in eine ziemliche Übertreibung reingeraten. Es ist jetzt auch einfach geschichtlich nicht so, dass seit 2000 Jahren Theologietreibende so eine kleine Clique sind, die sich selbst kaum gegenseitig versteht und die von allen anderen aufgegeben wurde. Das ist nicht die Geschichte von 2000 Jahren. Das ist ein bisschen vergleichbar auch mit der Philosophie. Beide haben da im Grunde so eine ein bisschen ähnliche Entwicklung genommen, haben sich immer tiefer reingeschraubt und vergraben und vertieft in immer speziellere Themenstellung. Aber im Grunde war das mal was für Menschen. Das ist was gewesen, wo Menschen so ein bisschen andocken konnten, und irgendwie hat es denen auch was gegeben. Nun zur Ehrenrettung der lieben Kolleginnen und Kollegen. Viele merken es. Viele würden
sagen: "Ja, schon richtig, das kann man so sagen." Also es gibt richtige Forschungstrends, dass man sagt, ja also diese glasklare Unterscheidung - hier Theologie als Reflexion auf die Reflexion von Religion und hier Religion, Praxis -, das haut auch nicht so ganz hin. Der Weg dahin ist eigentlich ganz witzig. Man hat ja in der Kirche viele Felder, die man bespielen muss, und ein wesentliches Feld ist Kinderarbeit, Jugendarbeit und sonst wie. Und da hat man irgendwann so gemerkt: Erstens, Kinder machen sich Gedanken und sprechen die auch aus, und zweitens, die allerwenigsten Kinder haben ein Worthaus-Abo oder so und sie lesen auch keine Fachbücher. Ich habe selbst Experimente angestellt, Kindern was erklären zu wollen. Da kam raus, was zu erwarten war ... Also das ist nicht kompatibel. Aber Kinder machen sich Gedanken, und wenn man mit Kindern
irgendwie noch ein Verhältnis haben will, ist man ganz gut beraten, die Gedanken, die sie sich machen, auch richtig ernst zu nehmen. Und bei Jugendlichen erst recht, bei Jugendlichen sowieso. Das heißt, seit Jahrzehnten hat man sich schon auch in der Theologie angewöhnt, erst mit Zögern und Zittern, aber dann doch irgendwann mit innerer Überzeugtheit auszusprechen: Kinder theologisieren und Jugendliche theologisieren. Ja, drunter machen wir es nicht. Also wir können jetzt nicht irgendwie sagen, sie haben theologische Gedanken oder so. Nein, die theologisieren. Und man hat dann überlegt: Kann man Jugendtheologie und Kindertheologie vielleicht auch irgendwie bedenken und reflektieren - was wir ja so lieben - und vielleicht auch da Menschen was an die Hand geben, dass sie mit denen ins Gespräch kommen? Man hat das länger schon auf dem Schirm, lustigerweise hat man aber dann lange auch nicht so die Idee gehabt, dass Erwachsene auch mal theologisieren könnten.
Man hat sich irgendwie ein bisschen daran gewöhnt, die Jugend ist lang, sie geht bis zur Konfirmation - und dann sieht man sich im Seniorenkreis wieder. Was soll's? Dazwischen lebt doch euer Leben, dafür ist man ja evangelisch. Also man kann da mal zur Trauung kommen oder zur Taufe, aber man muss sich jetzt da auch nicht gegenseitig die Zeit fressen oder so. Bis man merkte: Vielleicht ist das auch nicht die allergeilste Idee gewesen, so zu sagen, also zwischen 14 und 64 stehen wir uns alle nur im Weg oder so. Das ist irgendwie nicht die Lösung. Nein, Erwachsene haben hier und da das Bedürfnis, zu theologisieren, sich Gedanken zu machen, nicht einfach so in ihrer Frömmigkeit, ihrer Religion, ihrem Glauben irgendwie zu funktionieren und lauter putzige Dinge zu tun, die dann Wissenschaftler analysieren können, sondern sie fragen selbst: "Warum mache ich das
und warum glaube ich so und wie ist das passiert und wer hat mich denn da verdorben und komme ich da raus oder muss ich jetzt das alles aufgeben, muss ich den Stecker ziehen, löschen und weg ist das, wie so ein Computer, wo irgendwann keine gedeihliche Interaktion mehr möglich ist und man alles, was ausgeht, so irgendwie bedienen muss - oder kann man da noch was machen?" Es gibt einen neuen Trend, ganz ehrlich, dann heißt es "gelebte Theologie", international "lived theology", oder Laien-Theologie, Leute-Theologie, Basis-Theologie, ordinary theology, es gibt immer so wunderschöne Ausdrücke - jeder muss einen eigenen erfinden, das ist das Business, wo man drinsteckt. Das ist grundsätzlich anerkannt, das ist seriös. Das finde ich auch ganz schön, wenn wir hier so bei Worthaus sind. Also witzigerweise könnten wir uns hier anbieten wie Sauerbier als Forschungsobjekt, weil wir in gewisser Hinsicht schon über ein Jahrzehnt im Grunde so etwas machen,
das Theologisieren von Erwachsenen, Anregen, Unterstützen, Begleiten und so weiter. Und ich glaube, nicht alle, aber doch mehr als bis jetzt, nicht immer, aber doch häufiger als üblich sollten Theologinnen und Theologen damit rechnen, dass den einen oder anderen Erwachsenen die Lust packt, zu theologisieren, sich Gedanken zu machen, nachzudenken über das, was er glaubt, ob er das überhaupt noch glaubt, ob es ihm schadet, ob es ihm hilft und wie er das fortführen möchte. Was Theologie nicht kann und nicht sollte, wäre jetzt zu sagen: Wieso sollten Erwachsene denn jetzt selbst theologisieren? Wir können denen das doch aufschreiben, dann lernen die es auswendig, und gut ist es. Da haben wir eine ganze Generation drauf gesetzt, da gab es so riesige Katechismen. Und das
war so Frage-Antwort. Irgendein weiser, weißer, alter, kluger, vermögender Mann fragt seine "Untergebenen": "Was ist das ...?", und die konnten es dann auswendig beantworten. Also lange ging das gut, aber das ist irgendwie ein komisches Modell, eine irgendwie komische Methode. Also sich selbst eigene Gedanken machen, einen eigenen Glauben finden: Wenn man in der Bibel schaut, also letztlich jeder Prophet hat es getan, jeder Apostel hat es getan, jeder Evangelist hat es gemacht. Das ist ja der Witz in der Bibel, dass sie so ungeordnet, so unschematisch, so wenig auf Linie ist, sondern im Grunde Vielfalt noch und noch zeigt und abbildet. Das heißt, die Idee, dass man als Theologietreibender seine Berufung darin findet, Erwachsenen das mühsame Geschäft zu theologisieren zu ersparen, indem man ihnen einfach, bam bam bam bam bam, sagt:
"Ihr könnt doch so denken" - das ist nicht das Richtige. Das geht nicht. Ich habe mal was Lustiges erlebt in der Wissenschaft. Da hat bei einem Professor ein Mensch vorgesprochen, er schrieb an einer Arbeit und hat den mal drübergucken lassen. Der Professor guckte gutwillig und sagte brav: "Gut zusammengefasst, aber für die Arbeit wäre es jetzt so wichtig, dass noch so paar eigene Gedanken dazukommen." So, der Mensch zückte sofort seinen Stift und sagte: "Welche eigenen Gedanken?", und wollte die dann aufschreiben und so. Der Professor guckte immer noch mild, aber innerlich seufzte er tief ... Das ist vielleicht so der Hinweis: Eigene Gedanken, eigene Gedanken aus dem eigenen Herzen für das eigene Leben, stimmig aus der eigenen Geschichte heraus, das ist das Ziel. Und ich glaube, dass Theologie dabei helfen kann.
Theologie wird da mindestens einseitig, irgendwie auch abwegig, wenn sie sich entweder überhaupt nicht darum kümmert, was wirkliche Menschen mit ihrem Glauben so anstellen oder ob überhaupt noch irgendwer glaubt oder fragt. Sie wird aber auch abwegig, wenn sie Menschen das eigene Fragen und Nachdenken ersparen will und sagt: So, zack. Es gibt ein sehr schönes Wort bei Paulus im Neuen Testament. Da sagt er so: "Nicht, dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude, denn ihr steht im Glauben." Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde dieser Vers am Eingangsportal jeder theologischen Fakultät hängen: "Nicht, dass wir Herren wären über euen Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude." Es hat viele, viele, viele Theologen - die waren früher alle Männer - und so gegeben, die hätten das super gefunden und gesagt: "Ja, was denn sonst? Natürlich sind wir Herren über deren Glaube! Was wissen die denn? Nichts! Die können kein Griechisch, kein Hebräisch. Denen sagen wir, wo es langgeht." Ja, das war nicht das Apostel-Selbstverständnis. Also alles, was sich so anfühlt oder so aussieht wie "hier schwingt sich jemand zum Herrn über anderer Menschen Glauben auf" - Vorsicht,
Vorsicht, Vorsicht! Red Flag. So, das andere ist eben aber auch: Gute Theologie erkennt man daran: "Gehilfen eurer Freude". Das heißt ja, die kitzelt nicht so lange, bis man lacht. Sie tätowiert ihm auch den Witz nicht in die Knochen oder so. Das macht sie alles nicht. Aber sie hilft. Sie hilft, dass man in eigene Gedanken kommt, in eigenes Überlegen, was dann vielleicht auch ein bisschen Freude macht. In dem Sinne würde ich jetzt tatsächlich sagen: Ihr dürft uns daran messen.
Das ist unser Job, euch nicht das Denken abzunehmen, sondern euch fürs Denken so ein bisschen mit ein paar Impulsen zu versehen. So also quasi nicht auf die Schulter nehmen und mit euch losrennen, aber aufs Pferd setzen und sagen: "Jetzt los!" Das können wir machen, aufs Pferd setzen und schauen, wo es hingeht. Ich habe mir dabei Folgendes überlegt. Ich möchte deshalb gar nicht die Theologie oder die Lösung oder die Gedanken oder Ergebnisse runtererzählen und runterlehren, von denen ich glaube, dass man sie heute irgendwie draufhaben müsste. Wir machen ja genug Angebote. Wir werden ja hier die 200-Vortrags-Schwelle locker überschreiten. Ich möchte über ein paar Haltungen sprechen. Ein paar Haltungen, von denen ich glaube, dass sie heute wesentlich und hilfreich sind,
dass man in unserer Zeit, in den Krisen unserer Welt, in den Herausforderungen, in denen wir stehen, in einer Weise theologisiert, Theologie treibt, sich Gedanken macht, über den eigenen Glauben nachdenkt, dass der Glaube nicht schadet, sondern hilft, dass er nicht runterzieht, sondern aufbaut, dass er der Freude dient und nicht der Frustration, dass er gelassen macht und nicht wütend, dass er Hoffnung stiftet und nicht Angst macht, dass er tröstet und nicht bitter macht. Das sind so ungefähr die Vorträge, die ich die nächsten paar Tage halten möchte. - Das war meine klitzekleine Einleitung. Und jetzt geht es los. Es geht weiter. Es ist ja eine schöne Versammlung, die wir hier so sind. Also volle Halle und viele Angemeldete und so. Das ist ganz schön. Das ist nicht Alltag,
ihr wisst es, glaube ich, ist ja nicht so üblich. Sobald ein Theologe redet, sind da 600 Menschen und wollen was wissen - das ist nicht Alltag, das ist was Besonderes, ist was Schönes. Das müssen wir an der Stelle auch noch mal würdigen. Normal ist ja das Gegenteil. Normal ist, dass man von Theologie wenig oder nichts erwartet. Es gibt so ein paar Festgebissene. Es gibt so Menschen, die krallen sich so in das, was sie ihre Theologie nennen, und für die ist das irgendwie wichtig, aber das sind wenige, ganz wenige. Ich weiß nicht, ob es Prozent sind. Wahrscheinlich sind es nur Promille in der Bevölkerung, die das so irgendwie machen. Die meisten haben irgendwie so eine Idee, was Theologie sein könnte. Das Wort "dogmatisch" funktioniert ja nach wie vor im Sinne dessen, was man nicht will. Wenn jemand dogmatisch ist, geht er einem auf die Nerven. Das ist irgendwie
überflüssig, dogmatisch - das will man nicht. Das war für mich so ein Lebensschmerz, ich war ja Dogmatiker. Und wenn man Dogmatik unterrichtet, das ist eigentlich ein Schimpfwort, ist nicht schön und so ... Nein, ich habe meinen Frieden gemacht, hab mich ausgesöhnt, habe so lange reflektiert, bis die Freude kam, ist alles super, kann man machen. Irgendwie geht's. Aber das ist erst mal der Ausgangspunkt. Also es gäbe ja jetzt so die passiv-aggressive Revanche, die dann so sagen würde: "Ja, so ist das halt heute. Heute gucken die Menschen ja sowieso nur, was ihnen Spaß macht. Die drehen sich ja nur um sich selbst. Denkt ja nur noch jeder an sich, dass er gut klarkommt. Und die Leute wollen ja nicht mehr die Wahrheit oder so, sondern wollen nur ihr Gefühl und was sie interessiert. Und darum ist das christliche Dogma, die christliche Wahrheit für eine Zeit, die so verloren und verkommen ist wie unsere, kein Angebot mehr." Man kann das so machen. Ich habe
die düstere Erinnerung, dass ich in schlimmen Phasen meines Lebens ansatzweise so gesprochen haben könnte. Das Schöne ist, damals standen nicht überall Kameras. Ich habe echt ein bisschen Glück gehabt, glaube ich, dass ich so meine schlimmsten Gedanken hatte, als es noch kein Internet gab. Ist wunderbar, sehr schön. Muss schlimm sein, wenn man sich heute um Kopf und Kragen redet, während eine Kamera läuft. Nein, die Gnade kann alles heilen irgendwie. Ich hab mich nur kurz gefreut, dass ich Glück hatte. Ich möchte aber im Rückblick jetzt schon noch mal sagen, was ist denn die Sorte von Theologie, wo viele sagen: "Dogmatisch - danke, nein"? Was läuft schief in der Theologie, wenn sie sich das Schimpfwort "Dogmatik" verdient hat? Ich möchte es mal auf ein paar Begriffe bringen. Ich mache jetzt schon Theologie. Das ist ein Angebot, und ihr theologisiert damit weiter, wie ihr könnt und
wollt. Problematische Theologie hat als Botschaft erst mal ein theistisches Weltbild. Drunter tut sie es nicht. Es geht um Weltbild, es geht um Theismus, so ist es. Es geht um eine Wahrnehmung der ganzen Wirklichkeit, die mit der Unterscheidung von Gott und Welt beginnt und das als eine Frage des richtigen Denkens so definiert, dass alle Weltwahrnehmungen, die nicht ausgehen von dieser Grundunterscheidung Gott und Welt in Unterscheidung und in ihrem Aufeinander-bezogen-Sein, von Anfang an immer schon kognitiv falsch ist. Das Zweite, was so eine Theologie voraussetzt, ist ein pessimistisches Menschenbild. Der Mensch ist schlecht. Der Mensch ist Sünder, der ist in Sünde gefallen. Der Mensch ist nicht, wie er sein sollte. Sein Ist-Zustand ist negativ. Menschen muss man
misstrauen und das übe man bitte täglich bei sich selbst ein. Man muss sich misstrauen, den eigenen Gefühlen, den eigenen Wünschen, den eigenen Fantasien, der Intuition, dem Bauchgefühl misstrauen. Alles schlecht. Und auch so die Menschen oder die Medien oder die Eliten oder die da oben oder so - misstrauen! Die wollen nichts Gutes, können die gar nicht. Wie sollen sie auch? Der Mensch ist schlecht. Das Dritte ist die dualistische Wahrnehmung von Menschheit, Gesellschaft und Gruppen. Du hast Lager und du musst immer abchecken: Bin ich im Kreise der Kinder des Lichts oder muss ich mich komplett umstellen und bin umzingelt entweder von Menschen, die mich verfolgen oder die ich missioniere? Das sind die Grundunterscheidungen. Aber es gibt kein neutrales Gespräch. Es gibt kein, was weiß ich,
just for fun oder so. Es gibt keine Begegnung im sozialen Raum ohne diesen Filter. Du bist immer unter Geschwistern, und da sind wir uns einig. Das ist sehr schön. Wenn wir uns nicht einig sind, haben wir ein furchtbares Problem. Erst mal gucken, wer ist schuld? Wer ist schuld? Wer hat hier böse Gedanken reingebracht, die von außen kommen? Die kommen immer von außen, die bösen Gedanken. Die kommen nicht aus der Bibel, natürlich nicht, aber von uns kommt das auch nicht. Und in der Gesellschaft, ja, muss man leben. Man muss in der Welt leben, aber eben immer entweder Vorsicht, nicht zu nah an sich heranlassen, oder superfreundlich, sehr freundlich, extrem freundlich. Also so richtig ausstrahlen, wie erfüllend ein Leben aus der Liebe Gottes ist. Ja, und das ist
natürlich ein sehr aufgeräumtes Leben, weil man immer einen Schritt weiter ist als der Normalo, der einfach guckt, wie es gerade ist, der in jeder Situation entscheiden muss, was geht, was könnte, was müsste, was sollte, wie bin ich drauf, wie sind die drauf? Ja, zu viele Gedanken, oder? Schon einfacher, wenn man es klar hat. So, also theistisches Weltbild, pessimistisches Menschenbild, dualistisches Sozialdenken und viertens dann eine - und das ist interessant - Entscheidungsreligion, die im Grunde zweierlei hat. Zum einen ist sie sehr kognitiv. Es geht um richtige Lehre, richtige Sätze, richtige Inhalte. Dann aber wird diese Richtigkeit damit verbunden, sich dafür zu entscheiden, dazu zu bekennen und das zu vertreten. Es geht um so eine kognitiv-voluntative Mixtur,
also Erkennen und Wollen miteinander, und um eins nicht: keine Gefühle, keine Stimmung, keine Emotionen, keine Empathie - das ist gefährlich -, kein Körper, keine Leiblichkeit. Achte bloß nicht auf deinen Körper, achte bloß nicht auf das Bauchgefühl, das zieht dich nach unten, denn das Fleisch ist halt schlecht irgendwie, steht ganz bestimmt irgendwo geschrieben und so, das hält man sich alles weg. - So, ich habe mal so eine kleine Skizze gemacht von der Theologie, von der ich sagen würde, die hat sich diesen Ruf des Dogmatischen im kritischen Sinne hart erarbeitet. Jetzt könnte man sagen: Ja, aber Moment, was du da beschrieben hast, ist das nicht das Christentum? Das sieht ja aus wie das Christentum ehrlich gesagt. Theistisches Weltbild - was denn sonst? Also darum geht's doch, dass wir Gott und Welt so sehen. Natürlich, wir sind eine Erlösungsreligion, natürlich ist der Mensch schlecht. Wenn wir
so halbwegs normal wären, ja, dafür müsste keiner ans Kreuz gehen. Also natürlich sind wir schlecht, extrem schlecht. In jeder Passionszeit versuchen wir sieben Wochen lang, immer noch ein bisschen tiefer zu begreifen, wie schlecht wir sind. Darum ist das auch so wichtig mit diesem Schwarz und Weiß, weil viele, die finden sich selbst nicht schlecht genug. Die haben da echt noch viel zu wachsen in die Tiefe vor sich, das ist nicht gut und so. Und darum sind die auch so naiv, die gucken Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und glauben, was da gesagt wird. Ja, da kann ja nichts mehr rumkommen, also da ist man ja verloren. Natürlich geht's um die Wahrheit und natürlich geht's um entschiedenes Christentum. Nein. Das ist nicht das Christentum. Jetzt weiß ich, dass man für so ein Christentum argumentieren kann. Und ich würde
tatsächlich sagen, dass ich in den Jahren vor dem Internet so eine Christentumsversion schon hatte, also ich könnte mich jetzt hier mit mir selbst zoffen irgendwie. Ich hoffe, Zeitmaschinen werden nicht erfunden, es wäre manchmal peinlich für mich. Also ich könnte mit mir in den Nahkampf gehen und clinchen und mit mir ringen. Mein früheres Ich würde mir sagen: "Thorsten, was ist aus dir geworden? Das ist doch der wahre Glaube. Das kannst du doch nicht machen." Und ich verstehe mein altes Ich schon auch noch so ein bisschen. Also dieses alte Verständnis, dieses theistische, pessimistische, dualistische Christentum leistet ja etwas. Ich habe mich ja bekehrt zu einem Christentum, was dann je länger, desto stärker so geworden ist. Was leistet es? Ja, es gibt
Halt. Es ist ein Christentum, was im Grunde so ganz nett fragt: "Sag mal, kennst du nicht auch das Gefühl, dass du ein bisschen verwirrt bist über das, was so los ist?" - "Ja, kenne ich." - "Und dass man sich manchmal so richtig lost fühlt, wenn man so guckt, was alles in der Welt los ist." - "Ja, stimmt, man fühlt sich manchmal richtig lost." - "Und dass man nicht weiß, wie es weitergehen kann mit der Welt." - "Ja, genau." - "Ja, und manchmal, wenn man ganz ehrlich ist, merkt man ja, dass man auch nicht die Lösung für alle Weltprobleme ist. Also manchmal ist man ja auch nicht glücklich, wie man sich so verhält und so." - "Ja." - Und wenn du siebenmal "ja" gesagt hast - das ist ja in jedem Werbegespräch so. Ich hoffe, man lernt das in der Schule. Werbegespräche funktionieren so. Wenn du erst mal sieben, acht, neun Mal "ja" gesagt hast, ja dann kommt irgendwann eine Zeitung jeden Monat. Zwei Jahre ärgerst du dich, dass du so doof warst und vergessen hast, dass man sich da nicht von Leuten irgendwie so bequatschen lässt. - Das Angebot ist aber ganz was Schönes,
ganz was Schönes: Klarheit. Klarheit, die das Chaos, die Vielfalt, die Entwicklung - du siehst nicht vorne, du siehst nicht hinten, nicht oben, nicht unten - im Grunde mit lauter vertikalen, horizontalen Achsen klärt. Du kriegst so richtig unterschieden: Gott im Himmel, du auf der Erde. Es gibt die Welt der Wahrheit, es gibt die Welt der Entscheidung, Verlorenheit und Erlösung, du kriegst eine Grundunterscheidung zwischen drinnen und draußen, Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit, Bekenntnis oder Verrat. Und diese eindeutigen, dualistischen, binären Alternativen sind griffig. Sie sind griffig, sie sind klar, sie sind einfach, und sie greifen etwas auf, was ja zum Leben gehört. Es gibt ja Lebenssituationen, da sagst du Ja oder Nein oder da bist du drinnen oder
draußen oder bist du Teil des Problems oder Teil der Lösung. Also es gibt ja historische Zuspitzungen, wo es immer wieder so einfach wird, und das ist die Stärke eines solchen Angebots und auch einer solchen Theologie. Ich könnte ja jetzt 100 Bibelstellen oder 200 oder 1000 rauskratzen und diese alte Theologie verteidigen und sagen: Ja, aber natürlich Theismus, natürlich sind wir Sünder. Man könnte es ja machen; wahrscheinlich könnten es auch alle, die hier sitzen, selbst machen. Ich sag ich mal: Das können wir, haben wir alles drauf. Meine These ist: Diese Theologie besteht gar nicht nur aus Lüge und Irrtum und Schwachsinn und Blödsinn und so. Nein, es sind ja viele richtige Gedankenpunkte, Ideen, Geschichten darin verwoben, und es werden Zuspitzungen aufgegriffen, die es im Leben wirklich gibt. Aber diese Theologie ist wahnsinnig
reduktionistisch, sie verkürzt, sie entstellt, sie nimmt ganz viel raus, ganz viel weg. Sie arbeitet im Grunde permanent damit, Ideen zu fixieren, Gedanken festzustellen, Glaube einzufrieren, Glaube verfügbar zu machen, verfügbar in Formeln, in Begriffen, in Bekenntnissen und Dogmen. Das macht sie mit Gott, das macht sie mit dem Gottesbild, das macht sie mit dem Menschenbild - es wird alles festgestellt, es wird alles fixiert. Und dieses Fixe ist das Angebot, das andockt an unsere inneren Gefühle des Chaos und der Unruhe und nicht zu wissen, wohin es geht. Es gibt eine bessere Geschichte, es gibt eine bessere Form, Theologie zu treiben, und die möchte ich jetzt als Gegenmodell, als Gegenlinie vorstellen. Das mache ich jetzt ähnlich holzschnittartig, und
zwar so, dass ich erst mal einen Ausdruck des Paulus aufgreife. Paulus redet im Römerbrief, Römer 15, vom Gott der Hoffnung. Ich möchte jetzt einfach mal eine Linie ziehen durch die Bibel. Viele hier haben 30, 40, 50 Worthausvorträge gehört, vielleicht die Bibel schon einmal gelesen, dreimal, fünfmal, zehnmal, das ist eine super Voraussetzung. Wenn nicht, das kann man ja nachholen. Also ich ziehe jetzt eine Linie durch die Bibel und die These wird sein: Die große Geschichte der Bibel - oder theologisch: das große Narrativ - hat seine Pointe gerade nicht im Feststellen, Fixieren, Einfrieren, Eindeutigmachen, Festhalten,
sondern es ist eine Geschichte immer neuer Öffnungen, eine Geschichte, in der Gott begegnet als der Kommende, der Gott der Hoffnung, der Gott, der in jeder Epoche, der in jeder Wendung der Geschichte nochmal anders, nochmal größer, nochmal verheißungsvoller und nochmal neuer erscheint. In diese Richtung soll es gehen. Ich gehe zunächst mal dem Wort Hoffnung ein wenig nach. Das ist so ein richtig spezial jüdisch-christlicher Ausdruck. Hoffnung kennen alle. Also die Griechen haben sich natürlich auch über Hoffnung Gedanken gemacht. Was ist Hoffnung? Hoffnung ist die Erwartung einer positiven Zukunft. Es ist eine Erwartung, ein Nach-vorne-ausgerichtet-Sein. Und als Erwartung ist sie etwas, was Denken, Fühlen, Wollen, Wünsche
und Fantasie durchdringt. Hoffnung ist kein Denkakt, ist kein Inhalt, ist kein Schluss, kein Argument. Hoffnung ist eine Erwartung, aber als solche kann sie natürlich in viele Gedanken hineingehen. Aber dann kommen eben auch Wünsche, Gefühle, Fantasien, Sehnsüchte, Stimmung - alles kommt da rein. Das zeigt, Hoffnung ist so ein gesamtseelisches Integral. Das ist übrigens mit vielen Dingen so, das ist mit Glaube und Liebe auch so. Dieses dualistische Denken, Glaube ist eine Entscheidung, das ist alles nichts, ehrlich gesagt, funktioniert nicht. Immer wenn der Mensch irgendwie auseinander gerissen wird und die Ganzheit nicht mehr deutlich wird, ist man irgendwie auf einem komischen Weg. Wer hofft, erwartet nicht nur Gutes, er ist auch offen für die Wahrnehmung dessen, was jetzt schon anfängt. Er hat im Grunde so eine Erwartungshaltung, eine Sehnsucht, aber auch eine Offenheit dafür, es zu entdecken. Ist das was Gutes oder was Schlechtes? Ich möchte
die Frage jetzt gar nicht stellen. Man könnte voreingenommen sein und sofort Ja rufen. Das Ja ist heute vielleicht auch ein bisschen verbreitet, aber es ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die Zeitgenossen des Paulus hätten gesagt: Was Schlechtes natürlich. Hoffnung ist schlecht, denn wer hofft, ist dabei, viel Elend zu verlängern. Wenn du in irgendeinem Job bist und bei nüchterner Betrachtung merkst, das ist ein blöder Job irgendwie - ja, such dir was Neues. Wenn du hoffst, dass es besser wird, wenn du hoffst, dass dein Chef irgendwie nachts von einer guten Fee umarmt wird und das wird ihm so zum Glücksgefühl, er wird sehr nett und fördert dich fortan - das ist schlecht. Du versitzt da dein Leben, weil du hoffst, dass es besser wird. Das könnte man jetzt übertragen: Du bist in der Gemeinde, und was geredet wird, tut dir nicht gut, aber du hoffst, du hoffst. Griechische
Philosophen würden sagen: Ja, da haben viele schon 20 Jahre gehofft, sie wurden immer kränker in ihrem Glauben und andere auch und so. Also worauf richtet sich deine Hoffnung? Man könnte es auf eine Ehe übertragen, man könnte es auf alles Mögliche übertragen. Griechische Philosophen hätten gesagt: "Die ganze Hoffnung ist ein Elendsverlängerer." Es gibt die Geschichte der Büchse der Pandora, das ist eine ganz schöne Geschichte zur Frage: Wo kommen die Übel dieser Welt her? Ja, wenn Männer die Geschichte unter sich so erfinden sollen - komisch, dass meistens am Ende eine Frau dabei rauskommt. Ich sehe da so ein Muster irgendwie. Pandora hat so eine Büchse bekommen und ihr wurde gesagt: Du darfst alles machen, aber die Büchse darfst du nicht aufmachen. Ja, sagt sie. Ja, mach ich auch. Wenn ich irgendwie auch hören würde, darfst alle Früchte im Garten essen, aber von dem Baum nicht, würde ich mich auch dran halten, bin ja brav und so. Aber es geht immer
schief, immer geht es schief - und die Männer wissen wenigstens, sie sind nicht schuld, sondern eine Frau. Dann fing sie da doch irgendwie an, und aus der Büchse der Pandora kommen Krankheiten, Schmerzen, Qualen, Pest und Cholera und alles Mögliche. Und ganz am Ende ist noch die Hoffnung drin, und dann wird es noch schnell zugemacht und so. Also die Hoffnung gehört im Grunde auf die Seite des Elends. Und wenn man sehr rational an viele Dinge rangeht und im Grunde sagt: Ich bin so ein sicherheitsorientierter Typ. Wenn ich bei der Bank ein Anlagegespräch habe und so auf der Seite bin, Hauptsache kein Crash-Risiko, also bitte bei null - wenn ich so sicherheitsorientiert bin, dann ist Hoffnung Gift. Und dann fallen einem viele ein, die voller Hoffnung ins Casino gingen, was kann man da
Geld machen und ach ... Also viele Casino-ruinierte Menschen könnten uns sehr viel sagen, was Hoffnung in ihrem Leben geleistet hat. So, das hätte antiken Philosophen auch total eingeleuchtet. Umso erstaunlicher, dass Paulus nicht nur sagt - und es wäre ja auch schon viel, wenn er das sagen würde -: "Also manchmal ist Hoffnung auch ganz gut. So im Alltag, da bist du oft enttäuscht, da ist Hoffnung oft schädlich, aber manchmal kann man ja vielleicht ein bisschen hoffen." Nein, Paulus geht ja weiter. Hoffnung kommt in die oberste Ebene, so mit Glaube und Liebe. Die Liebe kriegt dann am Ende schon noch so die Goldene Palme, aber immerhin, also so ein zweiter, dritter Platz auf dem Treppchen, das ist allerhand. Da hätte sich ja auch vieles andere angeboten: Geduld und Barmherzigkeit und Mitgefühl, Freundlichkeit. Die Hoffnung liegt also gut im Rennen. "Der Gott der Hoffnung" - ich finde, das ist eine so auffällige, interessante Spur, dass es lohnt,
der nachzugehen. Warum kann Paulus Gott als Gott der Hoffnung bezeichnen? Jetzt mache ich einen kleinen Durchmarsch durch die Bibel. Ja, das wird jetzt die nächsten zwei Stunden dauern. Nein, keine Angst, ihr dürft hoffen, dass es deutlich schneller geht ... Die Grundgeschichte in der hebräischen Bibel im Alten Testament, klar, ist der Exodus. Das hat sich, glaube ich, herumgesprochen, auch in jedem Religionsunterricht kommt es vor. Also die Bibel, Fünf Bücher Mose - es ist ja nicht so, wie man sich das vielleicht ganz früher vorstellte, dass das so der Reihe nach runtergeschrieben worden ist: Am Anfang muss die Welt erst mal erschaffen werden, weil sonst gäb's die ja gar nicht, logisch. Und das hat dann bestimmt Adam seinen Kindern erzählt und die haben es weitergeflüstert. Irgendwann hat Noah sich gewundert und dann ... Nein, so ging das nicht zu. Die Schöpfung ist eine späte Idee, eine späte Idee, die in Israel
eigentlich erst so im babylonischen Exil so richtig durchbricht. Am Anfang steht der Exodus. Am Anfang steht die Erinnerung an solche Befreiungserfahrungen, an diese Befreiungserfahrung aus der Knechtschaft unter Ägypten, aus der Gefangenschaft durch Mose. Details, du lieber Himmel, da kann man AlttestamentlerInnen mit quälen. Sie werden sagen: Was genau, wann genau, wie genau - wir wissen es gerade auch nicht so. Aber dass man so grundsätzlich sagt, diese Idee, diese Geschichte, diese Befreiungserfahrung ist das, was überhaupt hier dieses Stämmegeflecht, dieses Familien- und Stammesgefüge zusammenhält und ihm eine gemeinsame Erinnerung stiftet - das ist so. So, jetzt muss man sich anschauen, wie höchsterstaunlich diese Exodus-Erzählung funktioniert. Es gibt ja viele Mythen in der
Antike, im Alten Orient, bei den Griechen, bei den Römern. Es gibt bis heute Mythen. Und die haben viele Unterschiede, schon aber auch eine vergleichbare Grundlogik. Die meisten alten Geschichten funktionieren so nach dem Rhythmus: Am Anfang goldenes Zeitalter, am Anfang paradiesische Zeit, am Anfang ist alles in Ordnung. Dann Krise, Bedrohung, Gefahr. Man versucht irgendwie zu reagieren, aber wird schuldig und versagt und verkackt und verliert, es folgen Absturz und Gefangenschaft und Not und vielleicht sogar Tod und Sterben und so. Und dann aber: Heldenreise, ein Erlöser, ein Befreier, ein Retter führt die Verlorenen, die Gefangenen, die Verschleppten, die Gefallenen, die Gestürzten, die Verdammten wieder zurück, wieder zurück auf Anfang, wieder zurück in die
ursprüngliche Harmonie. So, das können wir uns bis ins heutige Kino anschauen. Also jeder Deutsche war ja so ungefähr 3,7 Mal in einem der beiden Filme von James Cameron über Pandora und die Na'vi und so, wir haben das alles vor Augen. Das ist das Urmuster: Du hast eine schöne Welt, alle sind blau, ja in echt, nicht vom Saufen, aber alle sind irgendwie blau und kommen gut klar mit der Natur und sonst wie und dann - Gefahr, böse Kreaturen kommen, was zwar Menschen sind, aber was sind Menschen? Haben wir die gebraucht? Gar nicht, und dann hast du diese ganze Malaise und dann hast du Ärger damit, und dann hast du natürlich auch Verräter und Leute, die sich doof anstellen und ihre Kräfte überschätzen, und dann geht das alles den Bach runter, bis irgendjemand - komischerweise ein weißer Mann, man weiß nicht, warum das immer so sein muss - dann sagt: "Ja, komm, dieser Film braucht einen Erlöser, ich mach's halt. Dafür bin ich ja da, da habe ich auch viele Vorbilder; ein Mann muss tun,
was ein Mann tun muss", und dann kommen noch ein paar Teile, keine Ahnung und so, aber Endziel ist natürlich wieder: Alle sind herrlich versöhnt, die Natur, die Blaulinge, vielleicht ein paar Menschen, die man resozialisieren kann. Und diese Logik von Idealzustand, von Harmonie, über Chaos und Zerstörung zurück zur Harmonie, das ist das Normale. Die Exodus-Geschichte ist komplett unnormal. Die Exodus-Geschichte hat keinen heilen, schönen Anfang. Da gibt es nicht irgendwie "Weißt du noch damals?". Es gibt dann Geschichten über die Erzväter, aber du liebes bisschen, also so super glücklich waren die auch alle nicht. Die waren nie die glücklichen Bewohner eines gelobten Landes, das waren die nie, sondern du hast halt so einen Haufen Sklaven, Ausgebeutete, Fremde und so weiter in
Ägypten. Und das Versprechen ist: "Raus, raus aus der Knechtschaft, raus aus der Sklaverei, raus aus der Unterdrückung des Pharao, hinein ins gelobte Land, in dem Milch und Honig fließt." Jetzt könnte man sagen: "Ja, okay, ich sehe den Unterschied, aber er kommt mir jetzt nicht riesig vor; am Ende ist es doch so eine typische Erlösungsgeschichte." Der Witz ist, wie witzig das erzählt wird. Man könnte ja jetzt auch sagen: Durchs Schilfmeer durch, das Meer wird geteilt, Mose leuchtet und so - was willst du noch? Also wenn du das mal gesehen hast, dass Gott das Meer teilt, hat man dann noch Zweifel, hat man dann noch Fragen? Nein, man funktioniert, man läuft. Menschen haben sich religiös fanatisieren lassen durch sehr viel weniger Wunder, selbst durch keine. Wenn du so etwas mal siehst, dann würde ich sagen: Komm, Mose, befiehl, und wir folgen dir.
Mach kein Ding draus, da sind wir in sieben Wochen und dann verputzen wir die alle, das ist kein Thema. Aber die Geschichte - ihr habt irgendwie Erinnerungen - ist ja sehr komisch, man ist erst mal in die Wüste gezogen, und dann ist da so ein Berg, es donnert, es rumpelt Gebote. Und irgendwie läuft es immer schief, man zerfetzt sich, man zerstreitet sich, man hat Zwietracht und so. Die ganze Idee kommt einem dramaturgisch so ein bisschen komisch vor. Was soll das denn, Gott? Lass die doch erst mal ankommen im gelobten Land, und wenn die erst mal alle in Ruhe und Frieden sind, dann kannst du da Gebote geben, dann sind die so dankbar, die machen das dann alle von alleine. Was sollen die denn da jetzt in der Wüste mit Geboten, wo sie nicht wissen, wo sie hinsollen? Aber die ganze Geschichte funktioniert dann so wie Serien bei Netflix, die man erst liebt und dann anfängt zu hassen. Warum? Was für Serien sind das? Solche, bei denen man die erste Staffel total geil findet und dann irgendwelche Menschen
mit Bock auf viel Kohle sagen: Wir könnten die Geschichte jetzt auch ganz fantastisch zu Ende führen, aber wir machen natürlich noch mehr Geld damit, wenn wir da jetzt so acht, zehn, zwölf Staffeln draus machen, bis keiner mehr weiß, warum dieser ganze Scheiß sein muss und was das alles soll. Nehmt Walking Dead oder so - also du wirst selbst zum Walking Dead, wenn du das überlebt hast, alles anzugucken. Und ein bisschen fühlt sich das mit dem Exodus auch so an: Das kann doch nicht so ein Ding sein. Geht doch da einfach - nicht über Los, nicht ins Gefängnis, zieht nicht 4000 Euro ein -, geht da einfach hin! Das macht er aber nicht, aber dann, ihr habt es in Erinnerung, 40 Jahre hängt man da rum, dass alle sterben, die angefangen haben. Ein bisschen hart irgendwie, dann könnte man sagen: Aber jetzt wenigstens und so - aber im Grunde kommen die ja nie an. Also es wäre ja dramaturgisch ein fantastisches Ende zu sagen: Fünf Bücher Mose, im zweiten geht es los und im
fünften - also letzte Staffel, das muss doch jetzt irgendwie so ein Kitschfestival geben. Wäre das nicht schön, wenn man da alles einsieht und dann - die Miriam, der Aaron, der Mose, der Josua, alle liegen sich im Arm, Sonnenuntergänge ständig, singen und tanzen und so, die nächste Generation, die Elben kommen, grüßen noch mal - ach ne, andere Geschichte. Aber so irgendwie, also man könnte ja wirklich mal ein schönes Happy End, ein schönes Finale erzählen. - Aber die Fünf Bücher Mose enden: Mose - ja, Gott hat kein Foto für ihn, er darf auch nicht weiter. Also einfach vorbei, so genau weiß man nicht, warum, ernste Stimmung, aber nö, muss nicht sein. Und dann - jetzt könnte ich weiter und weiter und weiter erzählen: Man kommt nie an, nie. Irgendwann ist man da, aber man ist inzwischen
auch irgendwie das, wovor man früher die eigenen Kinder gewarnt hat, so ist man inzwischen selbst und so. Also man kommt nie an, der Exodus wird auf Dauer gestellt, es zieht sich - und das ist die Pointe. Das ist die Pointe: Du kriegst ein Volk zwar in einer Nacht aus Ägypten, aber du kriegst Ägypten auch in 40 Jahren nicht aus dem Volk raus. Der Weg zur Freiheit, das ist kein Fingerschnipsen, der Weg zur Freiheit dauert ein Leben lang. Freiheit ist nie ein Haben, Freiheit ist immer ein Freiwerden, Freiheit hast du immer nur in der Entwicklung, Freiheit hast du im beständigen Ringen mit dir und deiner Umwelt. Du hast Freiheit nie als sicheren Besitz, du kannst Freiheit nicht feststellen. Es ist immer das, was du im Streben nach der Freiheit berührst, oder das, was
du im vermeintlichen Besitzenwollen der Freiheit verspielst. Und das machen die Fünf Bücher Moses so genial und so schön, dass ich sagen würde, man sollte sie wirklich mehr lesen, man sollte die Bibel wirklich lesen und sich da reinstürzen. Es macht Mühe und es macht Arbeit, aber man kann ja auch schöne Vorträge hören oder sich auch mal einen Film gönnen oder so. Und dann ist es wirklich superinteressant: Gott ist derjenige, der immer vor seinem Volk ist, immer voraus ist, immer voran geht. Gott ist immer der Zukünftige, und das Land, in dem Milch und Honig fließt, das Land von Schalom, das Land der Gerechtigkeit, das Land des Friedens ist immer das Land der Zukunft. - Ich merke, ich muss mich ein bisschen schneller durch die Bibel erzählen. Man könnte dann ja sagen: Ja, schön, gut. Aber dann wird doch alles gut. Also dann sind sie ja irgendwie da. Na ja,
so ein bisschen der Lack ist abgeblättert und so, also die Helden sind müde und viele sind auch gefallen, aber im Grunde gibt es ja dann doch die Erfüllung: das Königreich. Der Gesalbte, der Messias Gottes, der König, der Berg, Gott, der auf dem Weltenthron sitzt in Zion, David, der Gesalbte, der König nach seinem Herzen, dem Gott die Verheißung gibt: "Du, du bist es jetzt und für immer, und es soll dir nicht fehlen an einem Mann, der auf deinem Thron sitzen wird nach dir." Also im Grunde gibt es ja dann doch die Erfüllung in der Zionstheologie, im Messias, im König von Israel. Es gibt so Psalmen, die das feiern, nehmt die ganzen Messias-Psalmen 46, 48, 20, 21. Es gibt diese Psalmen, die das richtig feiern: Gott auf dem Zion, der Messias auf seinem Thron, das ist doch jetzt die Erfüllung, das ist
die Mitte der Zeit, das ist das Zentrum der Geschichte, das ist das Zentrum der ganzen Welt und darum herum wird die ganze Welt gruppiert, und jetzt ist endlich Frieden. Es gibt diese Theologie in der hebräischen Bibel. Aber es gibt in der hebräischen Bibel Theologien, die da kräftig in die Suppe reinspucken, die da sagen: Das war eine scheiß Idee, das mit dem König, das war von Anfang an der große Abfall, das war der Versuch, sich gleichzumachen mit den Völkern der Umwelt, das war im Grunde der Verrat. Samuel schreit die ganze Nacht vor Wut, Gott schreit ein bisschen mit und sagt irgendwann: "Ja, aber hör zu, die haben nicht dich, die haben mich verworfen. Aber dann sollen sie mal sehen." Es gibt diese königskritischen Stimmen gleichzeitig. Und der Moment der Erfüllung - ist nicht da, ist nie da. So ist es, du kannst ihn gar nicht richtig greifen,
kaum ist irgendwie mal Frieden, sieht der König eine nackte Frau auf einem anderen Dach, oh Gott, oh Gott, oh Gott - die Kinder würden schreien, wie wenn sie das Krokodil sehen und der Kasper singt vorne, sie würden sagen: "Nein, Kasper, tu es nicht! Lauf weg vor dem Krokodil! Lass dich nicht darauf ein, lass dich nicht anquatschen", so möchte man ja als Leser sagen: "Nein, David, oh Gott, eine nackte Frau, guck weg! Sieh nicht hin! Geh nach unten, das geht nicht gut aus!" Ja, es geht schlecht aus, geht schlecht aus. Man fühlt das so und, ach, die nächsten anderthalb Bücher werden im Grunde mit Lasten und Krisen und Ach und Toten und all diesen schrecklichen Geschichten in die Länge gezogen. Und wieder: Die Erfüllung, die Erlösung, dass es endlich da ist und endlich ist die Welt, wie sie sein soll, erweist sich als Illusion.
Das Volk stürzt immer tiefer, das Königreich hält sich viereinhalb Jahrhunderte, das ist wahnsinnig lange, am Ende aber die totale Zerstörung. Der König, das Land, der Tempel, alles wird zerstört und alle Erfüllungshoffnungen werden auf den absoluten Nullpunkt reduziert. Exil, Verschleppung, Marginalisierung, Zerstreuung, die Geschichte ist zu Ende. Das wäre der logische Abschluss der ganzen Israel-Geschichte. Traurigerweise hätte sie dann keiner erzählt, denn wer soll das dann noch erzählen? Das ist dann ja nicht mehr interessant. Das Spannende ist ja, dass im Exil all diese ganzen Ideen ihr Comeback haben, so bei den großen Exils-Propheten, also Deutero-Jesaja, Trito-Jesaja und andere - da fehlen übrigens noch Vorträge bei Worthaus, über kurz oder lang wird da geliefert, da bin ich mir sicher. So, und was sich in dieser Zeit
durchsetzt, ist, dass die großen Erinnerungen Israels, die Erinnerungen an den Exodus und die Erinnerungen an den Messias, der Stoff werden für große Hoffnung. Die Hoffnung auf einen neuen Exodus und die Hoffnung auf einen neuen Messias und die Hoffnung auf das Land, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen wird. So, und jetzt hat man manchmal bei der Bibelkunde so ein bisschen das Gefühl: 70 Jahre Exil, und dann kamen die aber herrlich und in Freuden zurück und waren wieder happy clappy und haben Tempel gebaut und Lobpreis gemacht, bis Jesus kam. Nein, das ist nicht so gewesen. Also die wirkliche Geschichte ist ein bisschen traurig und trübselig - und das werden andere Vorträge sicher noch hinlänglich ausführen -, aber man quält sich so ein bisschen
durch die Jahrhunderte, man quält sich so ein bisschen hindurch. Und man wird immer stärker ein Volk, ein Glaube, eine Gemeinschaft in verstörenden, verwirrenden, frustrierenden Umständen. Nach den Babyloniern kamen die Perser, nach den Persern kamen die Griechen, nach den Griechen kamen irgendwie so griechenähnliche Nachfolgestaaten, dann schon die Römer. Und die taten so, als könnte nach ihnen überhaupt nichts mehr kommen, und da war guter Rat teuer. Und gleichzeitig verlagert sich der Glaube Israels immer stärker in die Hoffnung, in die Hoffnung auf den Messias, in die Hoffnung auf Gottes Kommen, in die Hoffnung auf Gottes Gericht, auf Gottes Reich. In dieser Zeit kommt überhaupt auch erst die Idee auf, der Gott der Hoffnung könnte ein Gott sein, der uns auch im Tod nicht loslässt, der uns rettet und erlöst, der ewiges Leben - wie auch immer - schenken
kann, Zukunft, Hoffnung, ganz zart nur angedeutet im Alten Testament, aber in den spätesten Schriften kommt diese Vision auf: Hoffnung über den Tod hinaus. Das Neue Testament hat diese ganze Vorgeschichte, und jetzt muss man da eine Entscheidung treffen: Wie verhält sich das Neue Testament zu dieser Vorgeschichte? Es gibt eine Version, gemäß der es sich so dazu verhält, dass das Neue Testament sagt: Netter Versuch, aber eigentlich alles Blödsinn, weil das ist jetzt alles so viel Volk und so viel Land und so viel Blut und Boden und so viel Königtum und so viel Herrschaft und so viel Welt und so viel irdisch - das brauchen wir alles gar nicht mehr. Israel war im Grunde irgendwie von Gott erwählt. Und das Gesetz, ja, das Gesetz war sicher sehr gut, aber diese ganze
Israel-Geschichte ist am Ende so ein Dokument einer etwas frustrierten und gescheiterten Religion. Das Neue Testament ist ein Gegenangebot: Das Echte dieser Geschichte ist Gottes Gesetz, Gebote und so, da kann man schon was mit anfangen, aber Jesus ist jetzt kein König für Israel, Jesus ist ein Erlöser für die Welt. Jesus ist keiner, der Frieden und Gerechtigkeit auf die Erde bringt, Jesus ist jemand, der die Seelen im Himmel verklären wird. Jesus ist keiner, wo ein neuer Tempel oder Wallfahrten der Völker zum Zion und so irgendeinen Sinn machen, sondern Jesus wird die Kirche gründen. Das ist der Ort, wo man nicht mehr in die Zukunft schaut, sondern nach oben. So baut man Kirchen: Wenn du in eine große klassische Kirche hineinkommst -
du guckst hoch. Das ist so gemacht, das ist der Sinn, dass du im Grunde in eine Kirche kommst und sie ist Gegenwelt, sie ist Anderwelt. Sie ist komplett anders, sie ist reich, sie ist schön, es glänzt, du hast hier Gold, du hast Edelsteine, du hast Bilder, du hast Größe, und es ist im Grunde ein Vorgeschmack einer anderen Welt. Und du sollst nach oben schauen, und du sollst im Grunde aussteigen aus der Geschichte in der Hoffnung auf das ewige Leben, das du durch die Erlösung durch Christus bekommen hast. Ein ziemlicher Teil der Christentumsgeschichte hat das Alte Testament mehr oder weniger entsorgt, hat mehr oder weniger gesagt: "Zu viele jüdische Gedanken. Also dass Gott dabei war, ja, das glauben wir auch, ja, glauben wir schon, aber das, was man davon brauchen kann, sind erstens Gottes Gebote und zweitens die Verheißung, die Verheißung auf Christus. Über das
ganze andere muss man jetzt nicht predigen." Es wurde auch nicht Predigttext, wurde auch nicht gelesen, wurde auch gar nicht großartig kommentiert, also im Grunde 80 Prozent wurden irgendwie still gestellt und an die Seite gelegt. Es ist erst eine relativ neue Entwicklung, dass man Jesus, das Neue Testament nicht als Abbruch liest, nicht als radikalen Einschnitt, der im Grunde sagt: "Das war alles ganz interessant jetzt in der hebräischen Bibel, aber mit dem christlichen Glauben hat das meiste, was da steht, gar nicht so viel zu tun, außer eben Gebot und Verheißung. Alles andere ist bla bla, das brauchen wir gar nicht. Wir würden es nicht so sagen, natürlich nicht, wir sind ja ganz vornehm und so, aber wir gehen damit so um. Wir gehen damit so um, dass da keiner Amos lesen und sich da irgendwie Gedanken machen muss über Gerechtigkeit; das hat ja alles im christlichen Gottesdienst gar nicht viel zu suchen." - Es ist eine neue
Entwicklung, dass wir das Neue Testament, Jesus nicht lesen als Abbruch, also etwas völlig Neues, sondern als Fortführung, als Weiterentwicklung, als Erfüllung. Dass wir ihn verstehen innerhalb des Judentums, dass wir ihn verstehen als einen, der in den jüdischen Debatten seiner Zeit steht, der vieles daraus teilt, der eng verbunden ist damit, der die Hoffnung Israels teilt und der an einigen Stellen sehr speziell, ganz klar, aber im Großen und Ganzen eben auch im Rahmen dieses Neuen Testaments zu verstehen ist. So, und das ist es, was dann bei Jesus beziehungweise bei den Zeugen, bei den ersten Zeugen Jesu, bei den Zeugen seiner Auferstehung, die Erlösungsbotschaft wird. Man könnte ja manchmal sagen: Ja, schade, das Alte Testament hat viel versprochen, es hat versprochen, dass Gott der ganzen Welt begegnen wird als heilvoller König, dass Gott das, was er
in Israel angefangen hat, für alle Welt einmal vollenden wird, Frieden und Gerechtigkeit. Und dann - ja, schade - gab es diese christliche Religion, die gesagt hat: "Ja, das ist aber doch eine völlig übertriebene Religion. Es reicht doch, wenn es ewiges Leben und Erlösung gibt für die, die wirklich sich zu Jesus Christus bekehrt haben, ja, so fünf Prozent der Menschheit oder so, und die anderen kommen weg. Denn was da im Alten Testament steht, das wäre doch übertrieben, es wäre jetzt übertrieben, wenn eine Hoffnung für alle existiert oder wenn Frieden und Gerechtigkeit und Gottes Herrschaft und Gottes Güte wirklich allen Menschen gelten könnte. Es muss doch reichen, wenn das für so gerettete christliche Seelen im Himmel ist, und alles andere lassen wir weg." Diese Verkürzung, diesen Abschluss halte ich für tragisch, weder für alttestamentlich noch für
neutestamentlich. Das steckt leider tief drin, tief drin in Kinderbibeln, in Gemälden, in Geschichten, in Vorstellungen und Konzeptionen: ein Neues Testament, aus dem im Grunde das Alte Testament, so weit es geht, rausgetrieben ist, wo alles, was jüdisch ist, was mit Land zu tun hat, mit Verheißung, mit Hoffnung, mit Zion, mit Frieden - alles raus, brauchen wir alles nicht. Wir brauchen nur Gesetz und Evangelium, Diesseits, Jenseits, Erlösung für die Gläubigen, fertig, aus. Und dieses ganze Hebräische und so, das lassen wir alles weg. - Die Allermeisten in der Theologie heute lesen das Neue Testament, Jesus, Paulus nicht als so einen Abbruch, sondern als Weiterführung. Nicht dass jetzt weniger versprochen wird, sondern dass die Auferstehung Jesu Christi deutlich macht: Diese Hoffnung Israels ist so groß, dass sie sogar die
Todesgrenze sprengt. Das ist im Neuen Testament dann deutlich klarer, eindeutiger, wuchtiger: Hoffnung über den Tod hinaus. Aber natürlich jetzt nicht unter Verzicht auf alles, was an Zukunftshoffnung im Alten Testament da war. Es ist ein übler Tausch, die Zukunftshoffnung der hebräischen Bibel einzutauschen gegen eine vermeintlich neutestamentliche Jenseitshoffnung oder Himmelshoffnung. Die Himmelshoffnung des Neuen Testaments kommt zur Zukunftshoffnung des Alten Testaments hinzu. Wenn sie die ersetzen soll, wird daraus eine sehr eng geführte, irgendwie auch tragische und komische Version von Christentum, irgendwie auch eine komische Religion. - So, was habe ich gemacht? Ich habe euch eine Story angeboten, ein anderes
Narrativ, ein Narrativ, eine Erzählung, eine Gedankenreihe, ein roter Faden durch die Bibel, der immer im Grunde fragen lässt nach dem zukünftigen Gott, nach dem kommenden Gott, dem Gott der Hoffnung. Ich möchte das jetzt noch mal auf das Bibelverständnis anwenden: Wie lesen wir die Bibel? Je nachdem. Wie lesen wir die Bibel in einem Geist der Hoffnung und wie lesen wir sie in einer Theologie der Feststellung, der Fixierung, des Einfrierens? Ich möchte dabei eine Unterscheidung aufgreifen von Elisabeth Schüssler Fiorenzer, vielleicht die bedeutendste feministische Theologin des 20. Jahrhunderts, dazu könnte, müsste man sehr viel mehr machen. Ich nehme jetzt nur eine Sache aus ihrer Hermeneutik auf. Sie bringt das auf eine schöne Unterscheidung. Sie sagt: Die Christentumsgeschichte hat zu oft die Bibel behandelt wie einen Archetyp.
Archetyp in dem Sinne, dass die Bibel schreibt: So ist richtig, so ist falsch, so ist wahr, so ist unwahr. Die Bibel ist einfach das Maß. Und so, wie es da drinsteht, ist es zeitlos und geschichtlich gut und wahr. Und sie sagt: Die Bibel selbst ist ja eine Geschichte. Sie wächst ja, sie wächst und wächst und wächst immer weiter. Und innerbiblisch gibt es ja lauter Querbezüge biblischer Texte auf biblische Texte. Und die können das gar nicht so machen. Sie machen es auch nie, weil es ja in jeder Epoche immer weitergeht. Und wenn wir uns anschauen, wie in biblischen Texten mit biblischen Texten umgegangen wird, dann sind biblische Texte nicht gebraucht als Archetyp, sondern als Prototyp. Als Prototyp, also als Ausdruck von etwas Wesentlichem, als erster Ausdruck, als erste Version, als erste Geschichte, als eine Geschichte, die eine Befreiung
bezeugt, die einen Segen bezeugt, die eine Gottesbegegnung beschreibt und berichtet. Und diese Geschichten haben bleibendes Recht. Sie sind Kanon. Sie haben aber prototypische Bedeutung. Ihr Zweck ist es nicht, Vorlage zu sein, die wieder und wieder und wieder wiederholt und abgebildet wird. Diese Geschichte will verstanden werden als ein Prototyp, als Muster. Und wenn wir die Bibel ein bisschen geschichtlich lesen, sehen wir, es ist ja eine Abfolge, eine Abfolge von prototypischen Geschichten, die in dieser Abfolge immer wieder aufgegriffen werden, immer wieder neu Lust auf Zukunft machen, immer wieder neu Hoffnung anregen und immer wieder neu ausrichten auf den Gott der Hoffnung. Das Entscheidende in dieser Geschichte ist eben nicht der Endausdruck dieser oder jener biblischen Norm oder Gesellschaftsordnung oder Gemeindeordnung.
Wenn man das versucht hat, ist es ja immer gescheitert. Jeder versucht zu sagen: Wir machen jetzt mal Gemeinde nach dem Bauplan Gottes in der Bibel. Ja, herzlichen Glückwunsch. Und die, die es richtig versucht haben, waren am Ende alle verfeindet, weil die Texte es nicht hergeben. Sie geben es nicht her, genauso wenig, wie sie eine Gesellschaft hergeben, wie sie eine christliche Biografie hergeben, wie sie eine christliche Ehe hergeben. Menschen sagen ja: Ich will meine Ehe leben ganz nach den Anweisungen der Bibel. Da weiß ich auch nicht. Also man möchte ja nicht lachen darüber, aber man möchte sagen: Lies doch mal die Bibel. Also lies es einfach mal und guck, wie du es mit den Nebenfrauen hältst und wie du das alles hinkriegst und wo du den Scheidebrief abgibst, wenn es dir reicht, und wie doof der Richter dann guckt und all dies. Also lies es doch mal, es ist irgendwie ein bisschen komisch. - So, die Bibel als Prototyp, als Teil einer Hoffnungsgeschichte.
Man kann diese Geschichte jetzt weitererzählen durch die ganze Kirchengeschichte hindurch. Man wird in der Kirchengeschichte auch immer wieder neue Aufbrüche entdecken. Aufbrüche, wo Neues geschieht. Jetzt können wir über die Wüstenväter und über die Wüstenmütter und das frühe Mönchtum und dann die Bettelorden und die Sondergemeinschaften und die Beginen, den Humanismus, die Reformation, Empirismus, Puritanismus und so weiter eine Geschichte erzählen. Geschichte steht nie still. Und witzigerweise sind alle Menschen, die sich für konservativ halten, ja mega Fanboys von früheren Revolutionären. Das ist ja das Witzige. Es gibt Menschen, die sagen: "Ich bin sehr, sehr konservativ, bin sehr konservativ im Sinne der Reformation." Ja, frag 1,5 Milliarden Orthodoxe und Katholische, wie konservativ
die sich finden. Wenn die halbwegs hardcore sind, würden sie sagen: "Du bist Nachfolger einer Ketzergemeinschaft, und zwar einer der allerschlimmsten, die es je gab. Die brennen alle in der Hölle, weil sie die Kirche Gottes zerstört haben." Also wo auch immer du konservativ sein willst, folgst du den Spuren von Revolutionären. Du sagst: "Ja, ich bin konservativ, also Jesuit, ich war auf einer Jesuitenschule, ich bin sehr konservativ, bin wirklich sehr geprägt von Ignatius von Loyola." Ja, guck dir sein Leben an, guck doch einfach mal ein bisschen. Also der war sehr revolutionär, der war sehr fortschrittlich, der war sehr neumodisch, der hat sehr viele alte Zöpfe abgeschnitten und sehr viel gedreht. Es ist immer so. Und das ist so ein verblüffendes Gesetz von Christentumsgeschichte, dass du in jeder Epoche irgendwann an Punkte kommst, wo es nicht weitergeht, wo du mit den
Mitteln der Vergangenheit, wo du mit den Mitteln, die überliefert sind, die Fragen von heute und morgen nicht mehr gelöst bekommst. Und du kannst dich dem dann verweigern - und das machen immer welche, und es ist immer passiert, dass manche gesagt haben: "So neumodischen Mist machen wir nicht mit. Da gehen wir nicht drauf ein." Und dann setzt sich aber irgendwas anderes durch, du sprichst da halt nicht mit, du bist da halt nicht dabei. Es kommen immer neue Impulse, und die Christentumsgeschichte, also die kann sehr deprimieren. Man kann sehr schön, wenn es einem zu gut geht, sagen: "Ach komm, wir reden eine Stunde lang über Christentumsgeschichte, dir geht's gerade zu gut, hast gerade so eine manische Phase oder so, da ist zu viel Höhenflug, zu viel Witzigkeit irgendwie. Du musst ein bisschen geerdet werden, du musst wieder ein bisschen ... also machen wir mal Christentumsgeschichte, ist immer super. Reden wir mal über Hexen wieder, über Kreuze oder so."
Nein, aber die Christentumsgeschichte ist ja darin auch verblüffend, dass sie trotz aller Gründe - die man selbst als Gott wüsste -, das Experiment zu beenden, immer weitergeht. Und dass jedes Jahrhundert seine eigenen und neuen Aufbrüche hat. Reformation kann man hier natürlich als Musterbeispiel sehen. Was war das für ein Traumbild, was war das für eine Vision eines Glaubens von freien Geistern. Ein Christentum ohne Gewalt, ohne Zwang zum Glauben, wo jede Gemeinde ihren Prediger beruft, die Gemeinde anhand der Bibel entscheidet, ohne Herrschaft, ohne Druck, ohne Zwang. Leider war der Traum kurz. Leider war der Traum kurz, leider verschmolz dann Reformation sehr stark mit landesherrlichem Kirchenregiment, ein neuer Autoritarismus setzte sich durch,
Bekenntnisse-Ordnung, all dies setzte sich durch und fror das alles ein. Ich glaube, ein bisschen braucht man auch das Bewusstsein dafür: Es ist mit allen Aufbrüchen immer so. Der reine Aufbruch funktioniert nie. Man kann auf Dauer nicht komplett im Aufbruch sein, für immer quasi auf dem Sprung sein. Alles Neue gewinnt irgendwann Struktur, gewinnt Ordnung, gewinnt Festigkeit. Offensichtlich funktioniert Leben nicht anders. Man könnte es bei der liberalen Theologie durchspielen: Eigenständigkeit, Mündigkeit, Freiheit, Echtheit, Selbstverständlichkeit. Am Ende hast du eine Religion der aufgeklärten Bürger. Am Ende hast du eine Kirche der Besitzenden, der Kultivierten, der Schöngeistigen, und für die passt das. Alle anderen gucken da wie der Ochs in der
Kathedrale oder so, wissen auch nicht, was das alles soll. Aber so ist es gekommen. Es ist im Grunde teils eine Elitenkirche geworden, die mit dem, was viele Menschen umtrieb, wenig zu tun hatte. In der wirklichen Geschichte setzt sich mit der Zeit immer eine Spannung durch von revolutionärem Aufbruch und neuer Kontextualisierung. Etwas Neues bricht auf, neue Gedanken, neue Bilder, neue Hoffnung, aber dann eben auch Verflechtung mit einem bestimmten Kontext. In der Reformationszeit, in der Aufklärung - und wenn wir zurück in die Bibel gehen, finden wir es da auch. Es ist ja nicht so einfach, wie ich es vorhin geschildert habe: erst Exodus, dann prophetischer Protest, dann nachexilische Hoffnung, messianische Erwartungen, Jesus, Reich Gottes. Diese Linie gibt es. Aber an dieser Linie dran sind gleichzeitig immer wieder neue Kontextualisierungen, wo dieser Gott der Hoffnung
rückangebunden wird an Alltag, an Ordnung, an Struktur. Also Exodus wird rückangebunden an Priestertum, Priester, Opfer, Gottesdienst, Festkalender. Das Volk der Freiheit findet eine Rückanbindung an Zion, Messias, Königtum, Herrschaft, Macht. Die Prophetie, der prophetische Protest, die Erwartung der Zukunft hat gleichzeitig neben sich die Weisen, die Gelernten, die Sprüche, die Weisheitstheologie, die Reflexion, das Durchdringen des Alltags mit Lebensfragen. Das gehört dazu. Das gehört auch zur Hoffnung, und das ist das Spannende an der Hoffnung. Man kann Gott nicht halten, nicht fixieren, nicht festhalten. Gott ist immer der Gott der Hoffnung. Die Hoffnung
muss wissen, dass sie ihn als Hoffnung auch nicht hält. Es gibt die Illusion der Hoffnung. Es gibt die Illusion des Aufbruchs, dass man sich lossagt von der Tradition, lossagt vom Bisherigen, vom Bestehenden, von den Strukturen, von den Institutionen, von den Ordnungen, vom Intellektuellen, dass man aufbricht und ganz mit Gott und ganz mit Jesus und ganz im Geist und ganz in der Hoffnung Gott hat. Nein, nein. Man hat dann eben seinen eigenen Überschwang und seine eigene Begeisterung und man ist berauscht von der eigenen Berauschung. Gott lässt sich auch in der Hoffnung nicht haben. Er lässt sich auch nicht im Aufbruch, auch nicht im Neuen, greifen. Die Hoffnung muss so weise sein, dass sie sich als Hoffnung weiß. Und es gibt eine lange Geschichte von Verirrungen, dass Aufbruchsbewegungen glaubten, alles Bestehende ein für alle Mal ersetzen zu können durch eine
Geistkirche oder eine Mönchtumskirche oder eine bibeltreue Kirche. Oder eben irgendetwas, wo du sagst, wir lassen alle Traditionen los und geben uns ganz Gott hin und so haben wir ihn - nicht. Nie. So, und das muss der Aufbruch wissen, dass die Bewegung der Revolution den revolutionären Gott auch nicht halten kann, dass sie ihm folgt, aber am Ende immer auch sich in irgendeiner Weise kontextualisieren muss mit Alltag, mit Ordnung, mit Struktur, mit was auch immer. Von diesem Muster her kann man, glaube ich, auch ein schönes Orientierungsfeld kriegen. Man kann sagen: Was ist schlechte Theologie? Schlechte Theologie will weder Revolution noch Kontext. Schlechte Theologie will reine Bestandssicherung, feststellen, sichern, reines Dogma, absoluter Halt, absolute Institution,
aber das auch möglichst nicht in Berührung mit der eigenen Zeit, möglichst so als Sonderwelt, möglichst in totaler Abgrenzung. Faktisch gibt es dann so was auch nie, weil man in diesen Versuchen immer vergangene Kontexte mitschleppt. Man lebt eigentlich von Erbschaften. Diese Idee "ganz im Geist, ganz in der Bibel, ganz in der Klosterordnung oder ganz reformatorisch" oder so funktioniert am Ende doch nicht, weil man das Erbe nicht loswird. Schlechte Theologie hat weder Revolution noch Kontext. Normale Theologien sind nicht einseitig. Normale Theologien wissen, dass man vom Aufbruch lebt, dass man Gott nicht hat, dass man ihn nicht greifen kann, dass es immer der Gott der Zukunft ist, der Gott der Hoffnung, der Gott, der in neue Gedanken führt, neue Lieder, neue Strukturen,
neue Gemeindeformen, wo du aber in irgendeiner Weise auch Gemeinschaft, Ordnung, Struktur, Gestaltung, Frömmigkeit, Übungen, Leiblichkeit und so weiter brauchst. Und weise Theologie ahnt, dass sie der Einseitigkeit nie entkommt, dass sie wahrscheinlich immer eine Schieflage hat. Die spannende Frage ist: Welche Schieflage habe ich? Was ist meine Schieflage? Ich habe biografisch beide schon probiert. Ich hatte Lebensphasen, wo alles Neue, Fremde mir verdächtig war, auch beängstigend, auch befremdlich, und im Grunde wusste ich immer: Das Neue ist falsch. Es ist verführerisch, es ist weg von der Bibel, es ist nicht mehr reformatorisch, es ist nicht bibeltreu, es ist nicht klar und eindeutig. Man kann das so richtig als Grundhaltung ausbilden.
Vorsicht vor dem Neuen, Vorsicht vor der Abweichung, das Fremde ist sicher falsch, ganz sicher. So, dann hast du so Sprüche: "Da ist irgendwie so eine neue Theologie, ja, aber das Gute daran ist nicht neu und das Neue daran ist nicht gut." Das ist so eine Faustformel, also ich habe das echt so vor 25 Jahren auch gesagt: Ja, so ist moderne Theologie, das Gute daran ist nicht neu, das Neue daran ist nicht gut. Habe ich auch vertreten. Ich finde es interessant, so kann ich mich ja mit meinem früheren Ich ab und zu noch unterhalten. Die große Schieflage damals war: mehr Gott wagen, mehr Hoffnung, mehr Geist, mehr Ruach, mehr Aufbruch. Es mag auch andere Phasen geben, wo man tatsächlich fragen muss nach mehr Anbindung, mehr Rücksicht, mehr Gemeinschaft, mehr Verknüpfen, mehr Festhalten, mehr Bewahren, mehr Pflegen. Gute Theologie ist beständig der
Versuch, in der Hoffnung auf die Hilfe des Geistes Gottes der eigenen Einseitigkeit auf die Spur zu kommen und in der eigenen Einseitigkeit sich so weiterzuentwickeln, dass man den Gott der Hoffnung, aber auch das Leben im Diesseits miteinander verbindet. Dann lebt man mit dem Gott, auf den man hofft, so, indem man sich zugleich an ihn erinnert. Erinnert an seine Wege, an seine Befreiung, an seine Erlösung, seine Geschichte. Und sich so an ihn erinnert, dass man auf diesen Gott, an den man sich erinnert, hofft, dass er Neues und Faszinierendes und Veränderndes hervorbringen wird, so wie er es bislang immer getan hat.
Hoffnung | 13.4.1
Wieviel Zukunft, Krisenresilienz und Chaosresistenz stecken im christlichen Glauben? Wie viel Hoffnung? Hört man auf die althergebrachte Theologie mit ihrem pessimistischen Menschenbild, dann wirkt es, als drehe sich der christliche Glauben vor allem um menschliches Versagen und die Entscheidung für die richtige Lehre. Kein Gefühl, keine Stimmung, kein Bauchgefühl, und Körperlichkeit schon gar nicht, kritisiert Thorsten Dietz. Und spricht dann – im Kontrast dazu – von einer neuen Theologie und einem Gott der Hoffnung.
Dietz will die Bibel als Teil einer Hoffnungsgeschichte sehen und stellt in dem Zusammenhang die entscheidenden Fragen: Was ist gute Theologie? Wie bringt man den Gott der Hoffnung mit dem Leben im Diesseits in Verbindung? Und wer ist dieser Gott der Hoffnung eigentlich?
Worthaus 11 will die theologischen Gedanken aus der Comfortzone zwingen, aus der nerdigen Ecke holen, in der sich nur Theologen wohlfühlen. Und in Praxis und Alltag holen. Mit Hoffnung fängt es an.