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Das Thema dieses Vortrags lautet Glaube und Sinnlichkeit. Ja, Sinnlichkeit ist so ein Wort, man hat da gleich so eine Richtung, in die das hineinweist. Ich meine das jetzt ganz banal. Ich meine ganz schlicht unsere Verfassung als sinnliche Wesen, als Lebewesen, als Menschen, die wir in lauter Wahrnehmungsorganen eingebettet sind. Ja, klassisch lernt man vielleicht oder hört man mal, es gibt derer fünf, ganz klar, der Sehsinn, der Hörsinn. Die beiden fühlen sich so ein bisschen wie die Doppelspitze der ganzen Veranstaltung. Aber es gibt natürlich auch den Riech-Sinn, den Geschmackssinn und den Tastsinn, so das ganze Fühlen, Spüren der Haut. Wenn man

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googelt, wird es ein bisschen komplizierter. Es gibt einen Gleichgewichts-Sinn und man kann, wer weiß was, Temperatur und Magnetismus wird diskutiert und alles Mögliche. Aber die Big Five, damit kommt man weit. Und darum wird es gehen. Der Körper, unser Körper ist ja das übergreifende Thema auf diesem Worthaus Sommercamp und irgendwo muss man anfangen. Und ich möchte beginnen bei unserer Sinnlichkeit, bei unserer Eigenart als sinnliche Wesen. Zunächst ein paar Bemerkungen zur Bibel, ein bisschen kleine theologische Anbahnung, das Ganze. Es könnte man ja sagen, ja Sinnlichkeit gibt's. Das Wort hat auch schon so ein Schmeckle, weil für Christinnen und Christen ist das nicht sehr wichtig. Weil, steht doch so geschrieben, wir sehen nicht auf das Sichtbare,

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sondern auf das Unsichtbare. Denn durch die Sinne, da kommt die Lust in uns irgendwie, entsteht die so und die schlecht, ganz schlecht und so. Und darum ist es schon wichtig auch, der Lust abzusterben und der Sinnlichkeit abzusterben. Die Bibel hat hier im Grunde eine ganz klare Grenze auch markiert zum Lebensnotwendigen und zum Klarkommen und nicht gegen die Wand laufen oder so. Mag das so einen Restnutzen haben, aber alles, alles gefallene Welt. Und die Bibel hat sehr klar gemacht, im Unterschied zu allen anderen Religionen, dass Sinnlichkeit auf das unterste Minimum zu beschränken ist, sieht man ja auch daran eine Bilderverbot. So, also viele Religionen der damaligen Umwelt, die waren ja viel sinnenfroher und üppiger und da gab's was zu sehen, da gab's

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Bilder und da gab's Tänzerinnen kaum bekleidet, da gab's orgiastische Feten und da war richtig so gefühlsüberschwangen und so. Die ganzen bayeritischen Religionen der Umwelt, die waren voller Sinnlichkeit. Unser Glaube lebt vom Wort und vom Wort allein. So, und da kannst du alles andere dicht machen an Sinn. Da brauchst du eigentlich nur das Gehirn, bitte auch nur die Großhirnrinde, alles andere ist potentiell gefährlich und so. Informationen, Texte am allerbesten, am besten bist du Christ, wenn du es schaffst, in der Kirchenbank freeze einzufrieren und nichts mehr zu merken und nur noch ganz Ort zu sein, schon wenn einer hustet. Guck ihn böse an, dass er aufhört irgendwie. Nein. So, und ansonsten zu Hause das Wort wir sind keine sinnliche

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Religion. Ja, so was geht um hier und da. Es ist auch ein Vorurteil gegenüber dem christlichen Glauben, dass es so auf die Sinnesabtötung hinausläuft. Stimmt alles nicht, ihr habt's gemerkt. Ich hab's versucht durch den Tonfall zu kommunizieren, da stimmt vielleicht was nicht dran an diesem ganzen Anmarschweg. Nee, stimmt auch alles so wirklich nicht. Das alte Testament ist ja sinnesfroh und ungeheuer sinnlich angereichert in den Gottesbegegnungen, im Unterwegssein mit Gott. So schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist, heißt es, wohl dem, der auf ihm traut. Hätte ich ja auch sagen können, hört, der Herr ist freundlich, glaubt, Ende der Durchsage. Wär gegangen. Gibt alle Wörter, gibt's da. Nein, aber schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Für die

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hebräische Bibel, schlagt sie auf, wo ihr wollt, ihr werdet Sinnlichkeit en masse finden. Auch im Neuen Testament ist das wichtig. Ich les mal einen kleinen Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief vor, da heißt es, 1. Johannes 1, 1 bis 3, was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsere Hände betastet haben. So drei Sinne werden genannt. Sehen, hören, betasten, fühlen. Kleiner Einschub geht's dann weiter. Und das Leben ist erschienen. Hätte ja gereicht, das Leben wurde verkündet. Nein, es ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist, was wir gesehen und gehört haben. Das verkündigen wir auch euch. Ich könnte jetzt viele,

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viele weitere Beispiele bringen, aber einfach nur exemplarisch, dass wir sehen, in der Bibel ist Glaube keine rein immanente Sache des Gehirns, der Verarbeitung von Informationen und von Texten, sondern baut auf auf Sinnlichkeit. Das Wort wurde nicht Buch, sondern Fleisch. Und das Buch, was es dazu gibt, verkündet nicht die Werdung des Buches, sondern verkündet die Fleischwerdung des Wortes und erzählt Geschichten, Erfahrungen. Das, was Menschen sehen, hören, spüren, erleben. So und Wortinformation, Buch ist ja alles ganz fantastisch. Als nicht die Basis. So im Wort, im Buch werden sinnliche Erfahrungen bezeugt, verdichtet, versiegelt. Bücher sind eine fantastische Sache. Sie ermöglichen es,

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einmal gemachte Erfahrungen so zu kondensieren, dass sie über die Grenzen von Zeiten und Kulturen hinweg verbreitet werden können. Das ist schon alles sehr, sehr wichtig. Aber sobald man es ernsthaft liest, merkt man, es geht um Erfahrungen. Glaube ist eine Erfahrungssache, etwas, was in Sinneserlebnisse zutiefst eingebettet ist und ohne diese Dimension schlicht nicht existieren kann. Das könnte man sagen, da war was mit dem Bilderverbot, oder? Das hat man am Anfang selbst zugegeben. Ja, da war was mit dem Bilderverbot. Wer sich das näher anschaut, wird sehen, Bilderverbot heißt nicht, Bilder sind schlecht. Bilderverbot heißt, Gott kann man nicht fassen. Gott kann man nicht fixieren. Gott entzieht sich jeder Darstellung. Dass das Bilderverbot nicht antisinnlich ist, merkt man schlicht daran,

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dass sofort danach Riesenanleitungen, baut doch mal so eine Stiftzütte. So, und guckt euch das an, das ist viel. Das ist viele, viele Seiten voll. Zweites Buch, Mose 25 bis 31 und dann 35 bis 40 das Ganze nochmal, nur dann in der Durchführung. So, und da gibt es Bilder, da gibt es Engelfiguren, da gibt es Abbildungen, da gibt es Plastiken, da ist viel zu sehen. Da werden Farben beschrieben, da werden Stoffe beschrieben. Das Ganze ist sehr sinnenfroh, aber eben Gott geht nicht auf in dem, was wir sehen können. Er geht nicht auf in dem, was wir hören können. Er geht auch nicht auf in dem, was wir denken können, auch nicht in unserer Theologie. Das betrifft ja das ganze Feld, so dessen, was wir in uns verarbeiten können, aber eben wir kommen gar nicht mit ihm in Kontakt ohne durch diese Affizierung, durch diese Berührung in der Sinnlichkeit,

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im Spüren, im Gefühl, ja und auch im Gewissen und auch im Denken. Das gehört natürlich alles dazu, so dass es aber etwas, 500 Jahre Protestantismus, könnten einem das so ein bisschen einimpregniert haben, das im Gewissen und im Bewusstsein, Glaube seinen Ort hat und hier ausdrücklich mal der Schwerpunkt, ja, auch in der Sinnlichkeit und in all dem, was darauf aufbaut. So, und jetzt könnte man sagen, Ende des Vortrags, weil das ganze Gelaber wird ja jetzt ablenken. Das ist ja jetzt schon wieder nur auf die Ohren. Also es ist ja im Grunde so eine Art performativer Selbstwiderspruch, die Sinnlichkeit anzupreisen und zu sagen, jetzt wo ich hier schon mal so stehe, laber ich eine Stunde weiter. Was soll schon schiefgehen? Na, na, deshalb bin ich mir bewusst und so. Und darum ist das ja erst mal ein Link, ein Pfeil, ein Hinweis darauf. Also das, was wir hier auf dieser Worthaustagung verknüpft haben mit unseren Vorträgen, gemeinsames

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Singen, gemeinsame Körpererfahrung sind nicht Vorspiel oder Nachspiel, sondern essentiell Bestandteil dessen, worum es geht. So, darum geht es. Das ist nicht nur Warming up und dann kommt das Eigentliche, so, sondern Glaube lebt im Singen, im Hören, im Spüren, im Erfahren, ja, auch im Denken. Auch im Denken. Das Denken an sich ist jetzt nicht so eine Krankheit irgendwie, die so rausquillt oder so. Aber es geht eben tatsächlich um die Verbindung all dieser ganzen Dimensionen. Jetzt ist der Teil, wo auch das Gehirn seine eigene Massage bekommt. Und was ich probieren möchte, ist, ein wenig mit euch darüber nachzudenken. Was passiert denn in der sinnlichen Erfahrung? Das möchte ich exemplarisch machen. Da passiert wahnsinnig viel und es ist super

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spannend, das Ganze sich auch mal naturwissenschaftlich, physiologisch, biologisch genauer anzuschauen. Es wäre super spannend, das zu vertiefen auf den Sehsinn, auf den Hörsinn, auf den Tastsinn. Also es gibt Vertiefungsmöglichkeiten hier noch und noch. Ich möchte an einer Stelle nun aber vertiefen, die, sagen wir mal, wo die intellektuelle Schnellstraße besonders gut ausgebaut ist. Und wo man ein bisschen was mitnehmen kann und ein bisschen im Gehirn was sortiert. Nicht, dass es da nur bleibt, sondern dass es vielleicht auch ermutigt und ermuntert, sich tatsächlich auf sinnliche Erfahrung einzulassen. Das Thema, was ich vertiefen möchte, wird ja die Reflexion auf sinnliche Erfahrung sein. Das nennen wir Ästhetik. Ästhetik, ich brauche dazu eine winzige kleine Brücke aus der hebräischen Sprache. Es ist eine

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interessante Frage, was heißt denn schön auf Hebräisch? Wenn ich das ein bisschen anschaut, merkt man, die haben da was ganz Witziges gemacht im Hebräischen. Die haben nicht wirklich einen Unterschied von schön und gut. Ein und dasselbe Wort, tov, muss das beides leisten. Das ist schon auch interessant, so nicht? Also wenn es mehrfach in der Bibel heißt, und Gott sah, dass es gut war, und Gott sah, dass es sehr gut war, sollte man wissen, hier wird eine Sprache übersetzt, die nicht den Unterschied von schön und gut so eingeführt hat, wie wir das haben. So, man kann auch sagen, und es wäre auch eine Übersetzung, sozusagen, und Gott sah, dass es schön war. Macht fast sogar mehr Sinn, ehrlich gesagt. Aber vielleicht auch diese Singlichkeitsskepsis, die irgendwann

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ins Christentum eingesickert ist, dass wir sagen, also das Gute ist okay, das Schöne ist egal. So, das unterscheiden wir in unserer Denkwelt sehr, sehr stark, so dass wir sagen, es gibt moralische Urteile, es gibt ästhetische Urteile, oder es gibt Seinsurteile, es gibt Werturteile. Wir haben da sehr, sehr getrennte Sphären errichtet im Laufe der Zeit. Im Hebräischen ist es eins, es gehört eng zusammen. So, und von dieser Beobachtung her möchte ich jetzt mal den Absprung suchen mit der Frage, was ist eigentlich schön? Was nennen wir schön? Was empfinden wir als schön? Wie funktioniert diese Kategorie, dieses Wort, diese Dimension unseres Lebens? Denn das ist nun interessanterweise eine Eigenschaft unserer Sinnlichkeit. Unsere Sinnlichkeit, sucht euch euren Lieblingssinn,

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aber nehmt sie irgendwie alle. Ach, fangen wir ruhig mal beim Schmecken an. Ihr kennt sicher so TikTok-Filme, wo man grausame Menschenversuche macht. Ein süß ausschauendes Baby sitzt in seinem Stuhl, aus dem es nicht entkommen kann, und man schiebt ihm irgendwas in den Mund. Man schiebt Stück Erdbeere rein oder Banane oder so, das Kind strahlt. Und dann schiebt man da so einen kleinen Baum rein, Brokkoli oder irgendwie sowas oder so. Und für Erwachsene ist es geil, trotzdem ist es Folter. Das Kind beißt darauf und oh Gott, es kann so weh tun. Die Enttäuschung, der Schwer, dieses Eklige, Spuck, Spuck, Spuck. Was kann man daraus lernen? Der Geschmackssinn stellt nicht nur fest, oh, da ist was in mich eingedrungen, sondern der Geschmackssinn hat immer auch so mitlaufend eine wertende Ebene, lecker oder scheußlich. Es ist lecker, es ist

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köstlich, es ist phadastisch und so. Oder es ist scheußlich, widerlich, bitter, sauer und so. Und man braucht ein halbes Leben, vieles, wo man noch feste gespuckt hat als kleines Kind. Irgendwann zu sagen, inzwischen kriege ich es runter und irgendwann lernt man es genießen und so. Gibt dem Baby Schluck Kaffee, Folter. Es ist Folter, aber es wird natürlich spucken. Und heute Drama, kein Kaffee, Riesenschlange. Ich glaube, ich sterbe. Ich fühle wie die Kräfte schütteln. Ja, all das gibt es. So, ihr könnt alles andere durchgehen. Das, was wir hören, das, was wir sehen, Musik. Musik erhebt, begeistert, beschwingt. Oder wir empfinden es als Krach, als Belästigung, als Ruhestörung, als seelenzersetzend oder so. Wir sehen ein Bild und fühlen uns angezogen und gucken näher hin. Oder wir sagen, tu das weg, ich kriege Augenkrebs. Das ist in allen Sinnen irgendwo da. Das ist

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interessant, dass wir in der Sinnlichkeit sehr schnell oft unmittelbar verbunden und trennbar mit dem Eindruck, diese Wertungsebene haben. Angenehm, unangenehm, lustvoll, irgendwie widerlich. Es sieht mich an, es stößt mich ab. Es ist schön, es ist hässlich. So, und das ist natürlich eine uralte Erfahrung. Ich möchte da jetzt so ein bisschen lang gehen mit euch, darüber nachdenken, wie funktioniert dieser Eindruck des Schönen? So, was kann man darüber diskutieren? Wie kann man damit umgehen? Und möchte natürlich irgendwann die Frage dann auch damit verbinden. Vortrag heißt ja Glaube und Sinnlichkeit. Könnte auch sagen Glaube und Ästhetik. Welche Bedeutung haben diese sinnlichen Erfahrungen? Der Schönen, des Angenehmen, des

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Lustvollen oder des Ekligen, des Wiederwertigen, des Hässlichen, des Abscheulichen, so im Glauben. Ja, ich möchte anfangen mit einem kleinen geschichtlichen Überblick, eine Mini-Geschichte der Ästhetik. Ich finde Ästhetik super spannend, ehrlich gesagt. Da kann man viel darüber machen. Es geht mir jetzt um einen Mini-Trailer, dass man mal so grob orientiert ist und irgendwie was gehört hat. Das Ganze hat man in der Antike angefangen zu diskutieren. So, griechische Philosophen saßen zusammen und sagten, ja wir fühlen es irgendwo alle, wir spüren es. Im Sehen, im Hören haben wir diese Unterscheidung in uns drin. Aber was finden wir schön? Was ist eigentlich das, was das Schöne ausmacht? Das wird man auch schnell merken. Man muss jetzt sich so ein bisschen spezialisieren. Also im Schmecken ist es noch mal komplizierter, als in den anderen Sinnen fühlen,

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noch mal komplizierter. Beim Sehen und beim Hören, also den beiden Megasinnen, da kann man so ungefähr sich einigen auf bestimmte Dinge. Ich stelle euch mal eine Definition vor, die bereits auf Platon zurückgeht. Was empfinden wir als schön? Schön empfinden wir sinnliche Eindrücke, in denen sich Maßhaftigkeit verkörpert, Harmonie, Proportion und Symmetrie. Das ist die Basis-These. Wenn etwas schön ist, ist es für uns harmonisch, es hat eine Wohlordnung, es hält Maß, es ist in irgendeiner Weise symmetrisch. Das empfinden wir als schön. So, ihr könnt es auf Naturanschauung betrachten, auf Bilder. Ihr könnt jetzt diesen Raum hier zum Beispiel nehmen. So, und ihr seht,

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wenn ihr sagt, ich finde das so hässlich, wo sind wir hier gelandet? Wär schlecht, wäre schlechter Vorbereiter. Aber die meisten, die hierher kommen, sagen, oh, nett. Warum? Nein, es ist jetzt ein Musterbeispiel. Also es ist ein sehr symmetrischer Raum. Es ist ein Viereck, so ein Quader, ein Quader, es ist ein Würfel. Darin ja angelehnt auch an das Allerheiligste, in der Stiftzüte und im Tempel. Und wenn ihr Offenbarungen des Johannes am Ende lest, das himmlische Jerusalem, das herabkommt, ist eigentlich wie das hier ein bisschen größer soll es sein. Aber eigentlich wie das. Es ist symmetrisch. So, und es gibt einfach, wie sollen wir sagen, ein Wohlgefallen an reinen klaren Figuren am vollkommenen Kreis. Der vollkommene

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Kreis zieht mehr an als der Klumpen. So, und so ein Würfel zieht ein bisschen mehr an als der Haufen. So, weil hier eben bestimmte, ja, Ordnungen, bestimmte Muster drin verwirklicht sind. Ihr könnt an die Musik denken, dass das Mindeste, was man erwartet in der Musik, ist so was wie ein Takt. Allein, dass ein Takt eingehalten wird und nicht sinnlos, schneller, langsamer, keiner weiß wie oder so, macht irgendwie einen scheiß Eindruck oder so. Es sei denn, es ist so kunstvoll gewendet, dass darin auch wieder ein Muster entsteht. Dann ist es natürlich umso vortrefflicher, je komplexer man nämlich solche Muster und Symmetrien herstellen kann und man sie entdeckt und wahrnimmt, desto mehr freut man sich. Man freut sich über die Entdeckung von Mustern. Könnt ihr euch jetzt umschauen, auch hier vier Ecken an der Säule, kommt jetzt alles nicht im

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Video. Also ihr macht das während ihr hier sitzt und so, aber man kann in diesem Raum vielerlei entdecken. Es soll Freude machen, hier so kleine Beobachtungen zu machen. Auch in der Musik, nicht? Harmonie. So, man könnte natürlich sagen, 100 Leute stehen zusammen, jeder singe, was er mag. Text, wie er will. Ach ja, und wie es gerade rauskommt. Ja, da haben sich Sachen etabliert, dass man im Grunde verschiedene Stimmen unterteilt und so. Witzigerweise auch vier. Könnt ja sagen, also ich sing nur siebenstimmig, alles andere finde ich albern. Kann man machen, gibt es High End, dann ist das so. Aber mit Bass, Tenor, altes Sopran kommt man relativ weit. Und das ist so wie es zusammenklingt. Es gibt Töne, die klingen zusammen und es gibt Zusammenklänge, die tun irgendwie weh. Es gibt Zusammenklänge, die tun irgendwie weh, die kann man ganz raffiniert

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auflösen. Und wenn sich das in Wohlklang auflöst, schnalzt man umso mehr mit der Zunge. Aber da muss man auch liefern. Das muss man dann auch machen. So, und das ist etwas, da hat man drüber gesagt, für die nächsten 2000 Jahre ist das eine gute Basis. Damit kommt man jetzt erst mal weit. Man kann das variieren. Man kann es mit Harmonien und Rhythmen harmonieren, mit Melodien aller Art. Ja, und man muss dann einfach immer wieder mit Mustern arbeiten, mit Tonarten. Da gibt es ganz unterschiedliche, da muss ich ein bisschen dran halten. Man darf da Dynamik reinbringen, das ist alles ganz fantastisch. Man muss wissen, was man tut. Man kann mit diesem Grundwissen malen, man kann mit diesem Grundwissen bauen. Schaut euch alle Kirchen an, ehrlich gesagt, also die alten sowieso, modern aber ehrlich gesagt auch. Ihr werdet sowas sehen, dass man da Ideen drin verwirklicht,

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dass man in irgendeiner Weise Muster und Winkel und so Seitenaltäre, die einander grüßen und Dinge, die in irgendeiner Weise in Proportionen stehen oder symmetrisch aufeinander verweisen oder unterschiedliches in eine Harmonie des Vielfältigen versetzen, das empfinden wir als schön. Es gibt bis heute übrigens auch Messungen, dass auch zum Beispiel die Wahrnehmung des menschlichen Gesichts mehrheitlich als schön empfunden wird, je proportionaler, symmetrischer und ebenmäßiger es ist. Witzigerweise gibt es noch so ein kleines Ding, wenn es absolut symmetrisch ist, denkt man blöde KI, ich komme dir auf die Schliche irgendwie. Also winzige Variationen steigern eigentlich den Eindruck, das ist schön. Warum? Weil winzige Variationen von Symmetrie den Eindruck von Bewegung und Lebendigkeit hervorrufen. Das ist ganz witzig eigentlich, aber also Disproportion

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und Antisymmetrie, man weiß nicht warum, man weiß nicht wo es sitzt irgendwo, aber irgendwie tut sich da was in den Nieren oder im Magen oder so, das eine wird anziehender empfunden als das andere. Ein solches Schönheitsverhältnis zieht sich lange durch die Geschichte, kann man viele Bücher darüber lesen, das ist alles insgesamt sehr fein. Im Christentum, man war erstmal andere Welt und so und sagte die Heiden, naja und so, bis man dann irgendwann merkte, nee, Gott hat den Heiden viel Weisheit gegeben, die nannten sie Heiden, wir gewöhnen uns das ab, aber damals war ja erstmal das Grundmisstrauen da, was kann da schon Gutes kommen, aber ab dem vierten, fünften Jahrhundert, also nah im Zuge der Christianisierung der Welt, merkten die christlichen Denker, damals ja Männer,

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so, dass es tatsächlich sich so verhält. So man fing an Kirchen zu bauen, so wenn ihr mal irgendwo seid und euch wird eine Kirche gezeigt und da steht dann drauf, ja wunderbare Kirche, ist aus dem Jahr 180 nach Christus, glaubt kein Wort, also unter Verfolgung baut man keine Kathedralen, so also das was wir haben ist im Grunde nachkonstantinisch, es sei denn ihr seid in Armenien und so, aber ansonsten ist das alles später und das was man baut, eins der ältesten Dinge, Istanbul Hagia Sophia zum Beispiel, das ist ja wirklich etwas, was so in die Spätantike zurückgeht, beeindruckt wahnsinnig durch diese Kreisform und Quaderform miteinander kombiniert durch diese Säulenpracht und das ist natürlich ein Weltwunder bis heute. So und im christlichen Denken sagte man sich, ja es spricht uns an, es macht uns das Herz weit, es tut uns wohl in diesem

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Raum zu sein, zu beten, warum, warum ist das so, warum spricht uns das Schöne so an, das Symmetrische, das Wohlgeordnete, so man lasst die alten Griechen weiter und die hatten im Grunde auch schon eine Idee, die Griechen sagten sich, dass das empfinden wir als schön, Symmetrie, Harmonie, Ordnung, warum, weil sich darin Zahlenlogiken verwirklichen. Der Kreis, das Viereck, der Quader, man kann damit rechnen, mit so einem Haufen kannst du auch rechnen, aber du wirst wahnsinnig dabei, da musst du warten auf Computer, so aber mit so Sachen, da kannst du irgendwie alles genau berechnen, du kannst die Winkel und du kommst auf ganz wunderbare Sachen, so was sind Zahlen? Zahlen sieht man nicht, Zahlen riecht man nicht, Zahlen hört man nicht und doch ist einem so, als sei die Welt zahlenförmig verfasst,

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weil man alles, was irgendwie interessant ist, übersetzt werden kann in Mathematik. Du kannst ständig Dinge, die du verkaufst auf dem Markt, umrechnen in Zahlen, dass man es auch bezahlen kann, so und das zeigt im Grunde, alles ist zahlenförmig, aber Zahlen sind unkaputtbar, sind ewig. Alles, was du in Zahlen ausdrücken kannst, ist ja gegenständlich, ist endlich, ist kaputtbar, beim Weltall war man sich nicht so sicher, aber potenziell ist alles kaputtbar. Zahlen sind ewig wie das Göttliche. So und daher lag die Idee nahe zu sagen, das Schöne ist geordneter Kosmos, ist eine Gestaltung der Materie, so dass sie in reine berechenbare ganze Zahlen in irgendeiner Weise zerlegt werden kann und ist darin ein Hinweis auf das Göttliche, ein Abbild des Göttlichen im

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Schönen finden wir eine Spiegelung ewiger Harmonie, ewiger Ordnung, ewiger Geistigkeit im Sinnlichen und Anschaulichen. Insofern ist das Schöne eine Art sinnliche Treppe zum Übersinnlichen. Das fanden die antiken Denker auch ganz nice, irgendwie sich das so klar zu machen und das Ewige, das Göttliche, da sagten sie, ja was willst du sagen, so, keiner weiß, aber offenbar ist das so, es gibt sowas, muss man irgendwie voraussetzen, es umgibt uns, es ist irgendwie da, die wollen nicht viel von uns wissen, schade vielleicht, vielleicht auch gut, man weiß es nicht und so, aber wir ahnen es. So und die christlichen Denker der Spätantike sagten sich, im Großen und Ganzen, stimmt's, stimmt auch für unseren Gott, stimmt auch für den Schöpfer der Welt. Gott, der Schöpfer,

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hat diese Welt geschaffen und er hat in dieser Welt im Grunde hineingelegt, seine eigene innere Ordnung, seine eigenen Sinn für Symmetrie und Harmonie, er hat in den Zahlen im Grunde etwas eingestiftet. Es gibt im Buch Weisheit, was bei uns leider nicht kanonisch ist, aber naja, bis zur Reformation kanonisch war, Weisheit Salomos war, über ein Jahrtausend kanonisch für alle Gläubigen, ist heute noch für die Mehrheit kanonisch, für alle katholischen, orthodoxen Geschwister ein kanonisches Buch, eine Reformation hat man gesagt, ach ne, lass mal und so, aber da gibt's Kapitel 11, ein Vers, Gott hat alles in der Welt geschaffen und geordnet nach Zahlen und Maßen. Da hatte man sogar ein Beweisfers und sagte so und da wo wir das entdecken, dass Dinge diese innere Ordnung haben nach Zahlen und Maßen, da ist es auch schön, da spricht es uns auch an. Insofern war klar,

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niemand wird ein seriöser Musiker, der nicht die Mathematik beherrscht. So, du wirst kein Johann Sebastian Bach ohne kleines und großes einmal eins und einiges mehr. Diese ganzen Zahlen, das ist nicht nur so Zufallstreffer im Raum der Klänge oder so, da kannst du rechnen, da kannst du richtig rechnen und die Dinge irgendwie übertragen und mitarbeiten und so und davon war man zutiefst überzeugt, dass Musik auch etwas Geistiges ist. Man versuchte die Musik des Universums sogar irgendwie abzutasten, Sphärenklänge, so man ging davon aus, auch der Himmel klingt und schwingt und singt. So ist alles verfasst. Nach 2000 Jahren fand man das immer noch ganz okay, aber man hat inzwischen neuere Ideen. Es gibt in der Aufklärungszeit im 18. Jahrhundert ein

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Umbruch der Ästhetik, der für uns jetzt auch sehr interessant ist. Fangen wir mal sehr sinnlich, sehr handgreiflich an. Jeder von euch kennt wahrscheinlich französische Gärten. Manchmal kennt man auch etwas, wo man gar nicht wusste, dass das so heißt. Französische Gärten sind heute gar nicht mehr so super modern. Es ist also ein Park, eine Parklandschaft, wo man das Gefühl hatte, da hat man irgendwelche Mathematiker frei gelassen und jetzt haben wir den Salat. Also die konnten da nicht einfach einen Baum stehen lassen, sondern die mussten den Baum aussehen lassen wie die Cheops-Byramide. Die hatten da irgendwie Bock, also selbst die Bäume zuzuschneiden und dann waren die alle auch viereckig oder dreieckig oder sonst wie. Und du hast alles abgezirkelt. Du hast da gerade Wege oder runde Wege und die Säulen stehen da. Also wer mal in Paris nach Versailles fährt,

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der kann sich das im großen Stil anschauen. Also wirklich ein Fest der Symmetrie, der Harmonie. Nennen wir es ruhig immer noch schön. Also damals fand ich es superschön und es war ja immer auch, also Schönheit im großen Stil gestalten zu können, war Ausweis von Mächtigkeit, war immer auch eine Ansage, die Herren der Schönheit sind zugleich auch Besitzer der Macht. Und Schönheit ist auch ein Machterweis. Wenn im großen Stil musst du die ganzen Künstler dafür erst mal bezahlen und beikriegen und so. Das ist schon immer und ewig so gewesen. So im 18. Jahrhundert kriegt der französische Garten Konkurrenz. Darauf war er nicht gefasst. Englische Gärten. Englische Gärten sind jetzt so, die Wege sind nicht gerade. Sie sind irgendwie geschlungen. Die Bäume sehen ja wild

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aus. Es soll alles wild sein. So und du hast da Felsen, die da, also du hast da nicht so Statuen alle abgeleckt oder so, sondern da ist Felsen drin, Felsenlandschaften. Du hast ein bisschen Wasserfall, ein bisschen Springbrunnen und alles Mögliche. Und es soll im Grunde urwüchsig und natürlich aussehen. Kleiner Wasserfall, aber nicht so auf einer Treppe, sondern auf Felsen, auf Steine. Das Witzige am Englischen Garten ist, er will sehr natürlich aussehen, eigentlich natürlicher als die Natur. Könnt sagen, was brauche ich im Englischen Garten? Ich gehe einfach in den Wald, aber ja, ist auch ein bisschen doof. Dann gehst du in den Wald, stolperst, bist nass, ärgerst dich. Dann ist da so ein Holz, dann ist der ganz zerfressen von irgendwie so Ungeziefer. Du guckst, oh Gott, ein totes Reh. Ah je, und der Wolf frisst auch noch dran. Ja, also Natur ist schwer. Also Englischer Garten ist im Grunde wild, wilde Natur, aber so, dass du sie genießen kannst,

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weil der Boden ist zwar nicht gerade, aber er ist zumindest eben. Du tust denen nicht weh. Ganz witzig, man möchte im Grunde das Wilde, Urwüchsige zugänglich machen. Das Witzige in so einem Land wie Deutschland ist, jeder Wald ist ja inzwischen Englischer Garten, so richtig Wildnis und Urwald, da fangen wir jetzt mühsam wieder an und sagen ein bisschen, hier machen wir aber die nächsten 100 Jahre nichts, kommt der Borkenkäfer, Bürgerversammlung, Proteste, alles schwierig. Also sehr schwierig, wieder so etwas wie Wildnis in Deutschland hinzukriegen und wenn, dann ist die so klein, man ist schnell durch oder so. Aber es war im 18. Jahrhundert sehr interessant, dass viele sagten, ha, diese Franzosen, da ist mir alles zu viel gepuderte Perücke drauf. Das Wilde ist anziehender. Eine große Entdeckung war dann auch Shakespeare. Shakespeare hatte 18. Jahrhundert für Franzosen noch ein bisschen den Ruf des Barbarischen. So Barbarische, weil, ja gut,

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es waren vornehmene Menschen, die sprachen würdige Sätze, bevor sie einander umbrachten, das war schon alles ganz gut, aber der ganze Pöbelvolk laberte da auch mit. So, du hast ja bei Shakespeare immer so mehrere Ebenen, du hast das Oberstübchen und da hast du die da unten und die verlieben sich und kämpfen und dann mischt sich das, selbst Mann und Frau ist nicht mal ganz klar, was du da gerade vor dir hast und so. Also war es ein bisschen barbarisch aus französischer Sicht, aber Sturm und Drang, Empfindsamkeit schon, die wurden irgendwann mega Fans von Shakespeare. Warum? Weil sie sagten, es ist echt, es ist lebendig, es ist nicht irgendwie mit dem Zirkel und dem Geodreieck irgendwie so Charaktere am Reißbrett erfunden, sondern es ist leidenschaftlich, es ist urtümlich, es ist kraftvoll, es ist real, es ist wirklich, es sind echte Gefühle, naja und so ganz echt ja zum Glück auch nicht, das wäre alles ein bisschen anstrengend, aber es ist überecht,

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also es ist alles in Großbuchstaben geschaffen aus dem, was die tiefsten Leidenschaften dessen sind, was wir kennen. So, da tat sich was in der Ästhetik insgesamt. Die Geschichte ist auch super interessant. Ich kürze jetzt mal ein bisschen ab, indem ich Maß nehme an dem, jetzt aus deutscher Sicht bedeutendsten, oder sagen wir mal wirkmächtigsten Ästhetiker Immanuel Kant und seine Kritik der Urteilskraft, von dem man aber sagen muss, er verarbeitet die Diskussion des 18. Jahrhunderts, er baute auf vielerlei auf. So, was sind die neuen Dinge, die Kant in die Ästhetik einführt? Kant bestimmt die Ästhetik vom Subjekt her. Das ist jetzt neu, also die alte Ästhetik, sagen wir die platonische, die antike, die schulastische, die mittelalterliche, die glaubt

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ja schon sagen zu können, Schönheit ist objektiv, man kann sie sicher erkennen, wer etwas Schönes nicht erkennt, ist einfach doof, der hat irgendwie nicht gelernt, du kannst es sicher erkennen und es ist auch ein Handwerk, eine Schule, du kannst es machen, du kannst das Schöne herstellen, wenn du seine Konstruktionsprinzipien verstanden hast. Da gab es immer mehr Zweifel daran, dass irgendwelche so Superprofessoren der französischen Akademie irgendwie ein Stück herstellten, es war perfekt im Grunde nach der Schule konzipiert, aber die Leute sagten, es stinkt langweilig, es spricht mich nicht an, es ist für mich so ein Zombie-Stück, irgendwie, es ist langweilig, es lebt nicht, es ist kein Leben in der Bude, das ist nicht, also jetzt sprich mir nicht an, lasse schön sein, dann bin ich irgendwie der Schönheit verloren gegangen, aber für mich ist es nichts. Kant bündelt diese ganze Tendenz, Neuren Ästhetik und sagt, naja, also Schönheit entsteht im Subjekt,

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Schönheit ist etwas Subjektives. Jetzt muss man an der Stelle aufpassen, es gibt heute manchmal so ein bisschen vulgär den Spruch, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. So, also man kann das radikal verabsolutieren und sagen, Schönheit ist rein subjektiv, ist im Grunde nur, wenn du das als schön empfindest, super, ist dein Geschmack, kannst du nichts machen, ich finde Bach schön, so, du findest irgendwie, ja, was du neulich Oktoberfest gehört hast oder so, das findest du geiler als Bach, ist dein Geschmack, kann man nicht bewerten, jedem Kirchens sein Pläsierchen. So, und das meint Kant nicht, das ist nicht der Punkt, dass er sagen würde, Schönheit ist völlig willkürlich und beliebig, aber er sagt, das Geschmacksurteil ist erstmal eine persönliche Angelegenheit, es ist nicht logisch, sondern

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ästhetisch, so, und hier wird es eigenständig gemacht, es ist im Grunde nicht ableitbar aus logischen geometrischen Ordnungsideen, sondern der Bestimmungsgrund ist im, ja, das subjektive Gefühl, es spricht mich an, es zieht mich an, ich empfinde es als schön, es rührt mich in irgendeiner Weise. So, Kant baut das sehr, sehr komplex auf, das brauchen wir jetzt alles gar nicht, er sagt, es gibt im Grunde schon in der Sinnlichkeit der Scheidung lustvoll oder eben, es ist wieder lustig, also es ist für mich unlustvoll, es ist angenehm oder es ist unangenehm, es ist erstrebenswert oder meidenswert, es ist schön oder hässlich, das kann man alles auf verschiedene Stufen von verteilen, die unterste Stufe ist quasi der unmittelbare Reis von Lust und Unlust, angenehm ist die Befriedigung von Wünschen und Trieben, unangenehm ist, dass man,

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was weiß ich, auf den Kaffee wartet und er kommt und kommt, es ist unangenehm, kein Kaffee mehr, man ist da, man kriegt ihn nicht, unangenehmes Gefühl irgendwie, es ist nicht böse in diesem Sinne und nicht unlogisch oder so ist, logisch, weil er ja weg ist oder so, aber unangenehm, unangenehm, dass das Bedürfnis nicht befriedigt wird. Schön geht nochmal darüber hinaus, das führt Kant jetzt ein und sagt, es gibt, naja, da verschiedene Ebenen, so dass etwas Lust oder Unlust bedeutet, angenehm oder unangenehm ist, das sind immer Dinge, die in irgendeiner Weise, die wir brauchen, die mit einem Bedürfnis von uns verknüpft sind oder ebenso das ganz unmittelbare Gefühl zu heiß angenehm, kennen wir alle vom Duschen, man hält die Hand runter, es ist angenehm, wir schlüpfen drunter oder wir ziehen weg, weil Verbrühung ersten Grades oder Frostschäden oder

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irgendwas dazwischen in der Regel, ja, also das ist sehr unmittelbar, Lust, Unlust, angenehm, unangenehm, so was ist schön? Schön ist die Ebene, wo Kant sagt, dass wir an etwas ein interesselloses Wohlgefallen haben. Interesselloses Wohlgefallen klingt jetzt nach eingeschlafene Füße, darum müssen wir uns das kurz im Kopf sortieren, denn Kant meint das sehr, sehr positiv, also wenn ich an etwas interessellosem Wohlgefallen habe, ist das vielleicht so knapp über der Einschlafgrenze oder so, das meint er nicht. Mit Interesse meint er, ich habe tatsächliches Bedürfnis nach dem Kaffee, ansonsten werde ich einfach ein unangenehmer Mensch werden, ich brauche das jetzt, so ich muss jetzt was trinken, ich muss was trinken, ich bin so ein bisschen Deutsche Bahn geschädigt, dehydriert oder so, wenn ich jetzt nicht was trinke, geht's nicht weiter. Und wenn ich dann was trinke und es schmeckt mir, ja ist aber auch die Erleichterung

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drin, so der Tag geht weiter. Es ist gut, es ist ein gutes Gefühl, es ist angenehm, also ich habe Durst, ich trinke keinen Schluck Wasser, es ist angenehm, aber es ist natürlich interessegeleitet, es ist ein interessegeleitetes angenehmes Gefühl, weil ich Durst hatte oder weil ich Hunger habe. Die Mücke, irgendwie hat sie die Lücke gefunden, sie kam rein ins Zimmer, sie war nicht eingeladen, sie kam rein, es kratzt, es juckt, man hat nicht viel darüber nachgedacht und merkt, jucken hilft. Im Laufe des Lebens merkt man, jucken kann auch das Problem sein irgendwie, aber jucken hilft erstmal. Angenehmes Gefühl, so, aber man würde ja nicht sagen, das Gefühl beim Jucken ist so angenehm, ich mache nur noch die Fenster auf, ich lege da Schokolade auch hin, dass sie bloß kommen, die Biester, weil ist ja super, die stechen nicht und ich habe das angenehme Gefühl, dass Jucken, na wir kommen nicht auf die Idee, weil wir merken, irgendwie haut das auf Dauer

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nicht hin. So, das ist interessegeleitet angenehm. Schön ist, dass ich ein Bild sehe oder eine Skulptur oder einen Sonnenuntergang oder nehmt was ihr wollt, ein Wohlklang, ein Kanon, ein Jazzstück und ihr habt das nicht gebraucht. So, es war nicht wie der Kaffee am Morgen so, aber jetzt hört ihr ein Musikstück und es berührt euch und es trifft euch und das kann der gemeinsame Chorgesang sein oder am Brunnen vor dem Tor aus einem kratzigen Radio oder die Jupiter-Symphonie, die ihr auf HR4 runtergeladen habt, um für einen schwachen Moment euch boostern zu können durch irgendwie etwas oder so und ihr merkt, das erbaut mich. Ich hätte es zum Überleben im strengen Sinne nicht nötig. So, es erfüllt kein Lebensbedürfnis in mir, aber es erfreut auf einer Ebene,

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die oberhalb aller Lust-Unlust- und Bedürfnissebenen angesiedelt ist. Es erfreut mich im Geist, es erfreut mich in der Seele, es ist Luxus, es ist nicht notwendig, aber es ist schön. So, und das ist der Ort, wo Kant im Grunde das Schöne ansetzt. Es gefällt mir wohl, es löst in mir Wohlgefallen aus, aber ohne alles Interesse, interesseloses Wohlgefallen. Das ist seine Definition der ästhetischen Erfahrung des Schönen. Und dazu muss man jetzt sagen, Kant wusste natürlich alle Regeln der Alten und im Großen und Ganzen sagte er, ja und da ist schon auch was dran natürlich. Uns gefällt nicht jeder Haufen Dreck so gut wie ein Kunstwerk. So, wir gucken nicht in den Müllbeutel und sagen, oh ist das geil irgendwie und es riecht. Das machen wir

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alles irgendwie nicht. Also wir haben da schon so innere Maßstäbe, die witzigerweise jetzt schon auch mit der alten Logik oft zu erklären sind. Und Kant sagt, naja, aber es bleibt auch etwas Unverfügbares da drin. Es ist halt nicht so einfach, dass du lauter Kreise und Vierecke und Quader in perfekter Harmonie ansammelst. Das kann auch tot wirken. So Kunst muss immer ein Element der Individualität enthalten. Es muss lebendig sein, speziell, besonders. Es muss einen individuellen Charakter haben. So und dann geht es schon noch ein bisschen auseinander. Manches trifft dich total. Es hat in irgendeiner Weise deine Frequenz. Es gibt Menschen, denen spielst du Mozart und die sind mit allem versöhnt. Die hören Mozart und das ganze Universum klingt für sie und es ist für sie eine

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Welt, mit der sie leben können. Setzt die rein in irgendeine Wagner-Oper, Tristan und Isolde und wenn sie da wieder raus dürfen, rufen sie Menschenrechtsgericht an und sagen, es war Folter. Das hat meiner Seele geschadet. So und es gibt andere, bei denen das umgekehrt ist. Die sagen, Mozart, ich habe ihn so geliebt, als ich elf war. So und jetzt aber, ja, ist so schön, super, aber ich bin, ich habe es auch durch. Ich habe es durch und für mich ist tatsächlich Ring der Nibelungen, muss da jedes Jahr hin, muss immer nach Baraud, ich weiß auch nicht, ja, ich kenne die Geschichte, ich schäme mich auch ein bisschen, aber ich muss da immer hin, weil es haut mich um, es überwältigt mich, es ist so einzigartig, es rührt an Urtiefen meines Daseins, es ist einfach das Größte. Ja und andere sagen wiederum, ja, ganz ehrlich, vor Elvis, Bill Haley, Stones und Beatles, das ist für mich

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alles akustische Umweltverschmutzung, ich brauche das alles nicht. Diese ganzen Instrumente für die bürgerliche Oberschicht, das ist für mich alles Attitüde von Angebern. Für mich fängt Musik da an, wo sie tanzbar ist und ich meine jetzt nicht Menuette, wo du so tanzen kannst, dass die Perücke nicht rutscht. So, ich meine Musik, die dich zum Schwitzen bringt, die deinen Rückenmark stimuliert, so ich meine Musik, wo du in Ekstase gerätst und wo du zu einem rauschhaften Zustand Zugang bekommst, wo du nicht mehr unterscheiden kannst zwischen dir und allen anderen Tänzerinnen auf der Bühne, so das meine ich mit Musik, eine Musik, die mir wirklich durch die Nervenbahn schießt und sie

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macht das durch ihren Rhythmus und sie macht das durch das Gitarrensolo und sie macht das durch den freien Klang von Free Jazz, wo Menschen auf dem höchsten Niveau technischer Beherrschung ihrer Instrumente miteinander etwas kreieren, was nur in diesem Augenblick real ist und was du nicht in Noten fassen könntest und das ist meins. So, und Kant wäre beim ersten Hören eines Tonskonzerts in eine Todesstache gefallen, wo er lange gebraucht hätte, aber er war ein bildbarer Geist, vielleicht hätte er mit der Zeit auch verstanden. Kunst ist so, Kunst geht durch die Zeit und dieses Prinzip der Individualisierung des Ästhetischen, des Schönen, das ist immer neu gestaltet, gewinnt eben auch gemäß der Individualität derjenigen, die die Musik machen, ihrer Eigenart, wie sie die Gitarre behandeln und dann hat Eric Clapton eben einen ganz anderen Klang als was weiß ich Carlos Santana oder nehmt

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wen ihr wollt und dann ist es eben nicht schlechter oder falsch oder weniger, sondern große Künstler bringen einen Ton in ihr Instrument oder eine Aura in ihr Gesamtkunstwerk, du erkennst es immer wieder und du erkennst es auch in der modernen Musik so und das spricht eben an. So, das hängt auch zusammen mit dieser Subjektivierung des Geschmacksurteils, was nie Wilke ist. Ein weiteren Punkt, den Kant damit verband und da baut er auf eine Diskussion im 18. Jahrhundert, er hatte sie gerade schon angeteasert durch die Unterscheidung von französischem und englischem Garten. Diejenigen, die englische Gärten mochten, merkten bisweilen an sich selbst so eine Art perverses Vergnügen, was ihnen erst so ein bisschen unheimlich war. Sie merkten auf einmal, ich freue mich nicht nur so an der Wildheit,

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Pseudo-Wildheit englischer Gärten und so, wo so ein Wasserfall nicht über Stufen, sondern über Felsen daherkommt. Ich mag auch gewaltige Wasserfälle, so ich mag hohe Berge, ich mag Eiswüsten, ich mag diese urwüchsige Natur, ich mag die unendliche Weite von Wüsten, so dass das Chaos von Fels- und Gebirgsmassiven in den Bergen, ich mag Sturm, ich mag Donner, ich mag Gewitter. Ja, bin ich denn krank oder pervers oder was ist denn mit mir? Und so war die alte Welt eigentlich schon. Also, wenn es gewittert, musst du Gott richtig in Wut gebracht haben. Das war lange schon irgendwie so. Oder auch also stürmende Wassermassen, ja, ungeheuer, irgendwie. Also irgendwie, Gott ist zornig, irgendwie ist da was Schlechtes. Ewige Wüste, Hölle, Hölle, Hölle,

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da wirst du sterben. Wenn du da nicht reingehst zum Fasten und Beten oder so, hast du da nichts zu suchen. Das sind Dämonen, das ist nicht gut. So, und Gebirge, ja siehst du, dass du drüber kommst, wenn du musst. Aber keiner rennt freiwillig ins Gebirge. Was willst du da? Da stirbt man. So, und auch 18. Jahrhundert gibt es die ersten Menschen, die fahren in die Alpen und sagen, schlag mich tot. Ich finde es geil. Es ist großartig. Ich liebe das. Ich liebe es in allem Wetter. Also so ein Berg vor einem See und es spiegelt sich noch drin. Ja, das hält meine Putzfrau für schön. Also das ist Symmetrie, das ist Platon, das ist irgendwie normal. Aber ich mag Chaos. Ich mag Wildheit. Ich mag irgendwie alles Mögliche. Also es gab so eine englische Oberschicht. Die haben es angefangen, witzigerweise. Da kam viel her. Die sind zu den Schweizer Bergmenschen gegangen und haben gesagt, ist so geil, hier kann ich hier mal wohnen. Wohne für Kranke halten, aber für Geld, was macht man nicht alles so. Daraus entstanden ist so etwas wie eben

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Tourismus in den Alpen und die Schönheit, die Faszination des Wilden. Edmund Burke, englischer, universal gelehrter, sagen wir mal, ist einer derjenigen, die dem auch so ein bisschen nachgedacht haben, nachgespürt haben. Das hat auch eine lange Tradition. Man kann sie bis in die Antike zurückverfolgen. Da gibt es bei Longin schon die Figur des Erhabenen. Richtig Karriere macht sie aber dann im 18. Jahrhundert. Und in dieser Schule und Cannes greift das auf, so dass er sagt, es gibt das Schöne und das Schöne, das mit Symmetrie und Harmonie ist schon irgendwie, aber ein bisschen subjektiver. Und was ist bemerkenswert am Schönen? Dass es geordnet und begrenzt ist. So, und dann gibt es aber die ästhetische Faszination des Grenzenlosen, der unendlichen Wüste, der unübersehbaren Bergmassive, der Sturm, die Elemente,

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riesige monströse Wellen, das endlose Toben eines Sturms an einem Strand, wo du gar kein Ende siehst. Was ist all dem gemeinsam? Die Entgrenzung. Es ist übermächtig, es ist riesig, du kannst es nicht mehr fassen. Es fasst in kein Maß hinein. Es ist einfach überwältigend. So, und da sagt die, und Kant dann mit dem deutschen Wort, das ist das Gefühl des Erhabenen, das Grenzenlose Überwältigende, das Große. Ja, und irgendwann Universum. So ins Universum schauen, Planeten, schwarze Löcher, du merkst, du kannst es nicht fassen. Es ist irgendwie alles ein bisschen irre auch da draußen, aber es zieht dich an, es beschäftigt dich, es fasziniert dich, es ist irgendwie reizvoll. Gefühl des Erhabenen. Kant hat dann so darüber nachgedacht und gesagt, das Schöne funktioniert irgendwie so, wir haben das Gefühl, dass es wie absichtsvoll gestaltet ist,

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harmonisch und symmetrisch und es gefällt uns, weil es unsere Gestaltungskraft anspricht. Wir merken auf einmal in der Natur, in Naturschönen oder im Kunstschönen, das Gestaltete spricht die eigene Gestaltungskraft an, macht uns Lust, auch was Schönes herzustellen. So, und dass es uns darin abholt, in der eigenen Gestaltungsfreude, ist eben auch so dieses Wohlgefühl dabei, das Schöne, Naturschöne, sieht aus, als wäre es gestaltet worden. So, das Überwältigende, Grenzenlose ist schlechthin nicht machbar. Also erstmal ist es komisch, warum es dann einen anzieht und Kant sagt, ja, aber es ist der Gegeneffekt. Angesichts des Überwältigenden, einer Wüste, eines Sturms, eines Gewitters, eines riesigen Bergmassivs, wirst du auf dich zurückgeworfen und entdeckst dich selbst als einen kleinen Kosmos, der sich selbst behaupten kann,

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angesichts eines ungeheuren Chaos. Und dieses Gefühl der inneren Selbstbehauptung als kleiner Kosmos im großen Chaos, ist in gewisser Hinsicht dann auch wieder ein Lustgefühl, der standhalten können. Und darin eben erhaben. Der Anblick wird um desto anziehender, je furchtbarer er ist, wenn wir uns nur in Sicherheit befinden. Also klar, wenn der Blitz dich trifft, sagst du nicht, oh, was war das schön. Also wenn du in Sicherheit bist, wenn du in der Wohnung sitzt oder auch im Auto und du hast verstanden, dass du im Sicherheit bist im Auto, da musst du mal in der Schule drauf gekommen sein, dann kann man das auch genießen, lernen und so, dann kann es sehr reizvoll sein, ähnlich auch in den Bergen, wenn du an der Steilwand hängst und nicht mehr sicher bist, ob das mit dem Abendessen was wird, das Erhabene wird seinen Reiz verlieren. Aber wenn du davor stehst und auch keine Ambition hast, geile Sache, super. So, das war ein bisschen moderne Kunst.

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Das heißt, naja, jetzt kommen wir zur modernen Kunst. Jetzt machen wir eine dritte Wende. Wir haben die antike Ästhetik, wir haben die, sagen wir mal, aufgeklärte, frühneuzeitliche Ästhetik. Das 20. Jahrhundert ist ein interessanter Einschnitt in die Kunstgeschichte. Was passiert im 20. Jahrhundert? Jetzt kann man sagen, naja, so um 1910 herum. Die ersten fangen ein bisschen früher an, im Grunde geht es Ende des 19. Jahrhunderts los. Witzigerweise ist um 1910 herum so ein kurioser Kipppunkt. Was passiert um 1910 herum? Es gibt immer mehr Maler, die sagen, ich bin es dermaßen leid, eine Wiese, ein Haus, ein Schaf, ein Mensch zu malen. Es kotzt mich alles dermaßen an. Ich mach jetzt irgendwie. So, und es ging ja vorher schon los. Impressionismus hat im Grunde schon sich sehr stark konzentriert auf den inneren Eindruck.

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So die Dinge, wir hatten so ein bisschen, das war aber auch irgendwann, also erstmal alle natürlich geschrien vor Wut, dann fanden sie es super. So, dann war das richtig schön. Der nächste Kipppunkt war Verabschiedung des gegenständlichen Malens und der Übergang zu einer abstrakten Malweise. Und da hast du Grenzfiguren, also ja, Picasso und so was ist natürlich sehr bekannt und wichtig, wo du so siehst, es ist irgendwie auf der Kippe, ist es noch gegenständlich oder nicht. Du hast die Kandinsky, die wirklich sagen, komm, Leinen los, jetzt ist alles egal. Jetzt geht was, geht irgendwie, wir ziehen es durch. Und das war natürlich für viele verstörend, ein Bild, es ist blau, es heißt auch noch blau. So, und es ist nur blau und du stehst davor und sagst, was ein Scheiß. Man hätte auf die Idee kommen müssen, dass man so reich wird. Ich ärgere mich wie Sau. In der Grundschule habe ich meins gemalt, das war grün, mich hat keiner entdeckt.

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Das, nee. So, aber ja, du musst auf die Idee kommen. Also manche Sachen sind nur beim ersten Mal genial, wenn du sie kopierst, bist du ein Blödel. Dann hast du das Ganze nicht kapiert. Das muss man verstehen. Du kannst die Dinge nur einmal als Durchbruch oder so, dann musst du gucken, was geht, was kannst du da machen. So, gleichzeitig in der Musik, 19. Jahrhundert, wir waren schon bei Wagner. Wagner hat ja sich unverschämterweise auch mal erlaubt, eine Uvertüre, die Dissonanz nicht aufzulösen. Und jeder kennt das, es kann ja wehtun. Also alle meine Änchen, ich werde es jetzt nicht singen, aber kriegt man ja hin. Schwimmen auf dem See und dann musst du bis zu Schwänzchen in die Höhe kommen. Sing ein Kind mal alle meine Änchen vor und hör auf bei Schwimmen auf dem See. Das hat Schmerzen, das Kind. Das singt selbst zu Ende, das tut dem weh. Du kannst da nicht bei Schwimmen auf dem See stehen bleiben, das ist doch Mist. Kannst du nicht machen.

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Kannst da nicht irgendwie eine Reise vorbei. So ein unterbrochener Kundeindruck ist irgendwie schlecht. Wagner hat das einfach gemacht. Er hat einfach eine Dissonanz und dann einen Riesenanlauf und du spürst im Grunde den Ton, du spürst die Bass, du spürst wo er hin will. Und da macht das nicht. Du guckst völlig durch den Wind irgendwie. Nach fünf Stunden wirst du begnadigt. Okay, aber alle sind tot gleich wieder. Das ist hart. Aber im Grunde die Musik spielte damit, so Dissonanzen nicht aufzulösen, auch öfter mal stehen zu lassen, bis die ersten sich so überlegten, warum muss man überhaupt was auflösen. Warum muss überhaupt erstmal die Schwimmen auf dem See Gefühl her. Da sag ich, ich will zurück nach Hause oder so. Man kann auch ganz andere Sachen machen. So Schönberg und verschiedene Varianten, atonale Musik, Zwölftonmusik, alles super Vertiefungsthemen und so. In der Musik passiert dasselbe.

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Menschen verabschieden sich vom klassischen Kanon des Schönen. In der Architektur, in der Musik, in der Malerei. Architektur, das sie sagen, form follows function. Schönheit, Ornament brauchen wir nicht. Es muss praktisch sein. Es muss einfach irgendwie sein Zweck erfüllen und nicht da irgendwie. Das ist alles Pille Palle. Das ist großbürgerlicher Mist. Brauchen wir gar nicht mehr. Der beste, das beste Orakel zu dem Ganzen, der das alles gedeutet hat, Adorno, Theodor Wiesengrund Adorno. Sehr, sehr spannender Denker, war musikalisch, künstlerisch, allseitig gebildet, hat im Grunde eine Theorie dazu entwickelt in vielen Büchern, in vielen Entwürfen. Das ist alles ganz grandios. Ich halte jetzt mal ganz kurz seine entscheidende These war.

61:03
Geschichtlich ist das notwendig, weil wir in einer Phase des Kapitalismus und Imperialismus leben, wo das Schöne im Grunde gekapert ist. Das klassisch Schöne hat in der modernen Gesellschaft nur noch die Funktion, dass die Mächtigen ihre Räume definieren. Die Mächtigen stecken damit ihre Herrschaftsbereiche ab. Und das Angenehme hat im Grunde nur noch eine opiale Funktion, Menschen ruhigzustellen. Das Schöne ist Verrat an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen. Die Menschen werden verblödet durch formschöne Kunst, durch Unterhaltungsmusik, durch Unterhaltungsfilme, die Spannung aufbauen. Oh Gott, die beiden kriegen sich gar nicht. Ah, sie kriegen sich doch und so und immer wieder. Und Adorno sagte, das Schöne ist heute der wahre Verrat des Menschen. Das Schöne ist der beste Freund der Diktatoren, der totalitären Systeme. Faschisten wollen schöne Kunst und moderne Kunst.

62:09
Die größten Feinde waren immer Faschisten und andere totalitäre Regimes. Sie haben das als entartete Kunst dargestellt. So und da sollte man drüber nachdenken. Und für Adorno war es so, die wahre Kunst verweigert sich heute der Instrumentalisierung zur Betäubung der Menschenmassen. Die wahre Kunst ist dissonant. Die wahre Kunst weiß, dass sie wahr sein muss und nicht schön. Die wahre Kunst weiß, dass der Wohlklang die Menschen ablenkt von der Hässlichkeit ihres Lebens und von der Zerstörung der Welt durch imperialistische Machtgelüste. Die Schönheit betäubt die Menschen und macht sie zu Untertanen. Wahre Kunst macht aufsässig. Wahre Kunst macht Widerstandsgeist wach. Wahre Kunst zeigt die Risse, die Schmerzen, die Brüche.

63:03
Das Hässliche als Negation, die unaufgelöste Dissonanz, das ist die Wahrheit unseres Lebens. Das brauchen wir eigentlich. Das ist für uns im Grunde notwendiger Kontrapunkt. Und alles andere ist im Grunde Kulturkapitalismus, ist im Grunde Missbrauch dessen, was mal schön war und zu seiner Zeit darin auch richtig war. Und man darf es ja auch genießen mit historischem Bewusstsein. Man darf ja Bach bis Mozart genießen, im Wissen, dass das hier auch ein sich freispiel der bürgerlichen Gesellschaft war. Aber du kannst es heute nicht so machen. Heute im Grunde mit dem Expressionismus geht es los und darüber hinaus muss Kunst eigentlich Widerstand sein. So, jetzt sind wir durchgegangen durch die Ästhetik. Ein kleines theologisches Fazit. Ich schließe mich bei diesem theologischen Fazit jetzt auch an ein schönes Buch an Matthias Zeindler, Gott unter schöne, 1993, sehr, sehr lesenswert.

64:07
Ich fasse es jetzt mal knapp zusammen. Es gibt in der Christentumsgeschichte eine lange, enge Verbundenheit des Schönen und des Heiligen. So und Mittelalter voll, sehr, sehr stark in einem platonisch-scholastischen Geist. Das ist auch berechtigt und das ist auch sinnvoll. So, gerade im Protestantismus gibt es schon eine Art Krise der Ästhetik. Die fällt unterschiedlich aus. So im lutherischen Protestantismus gab es ja schon einen wahnsinnigen Sinn für die Musik. So, die war von Luther geadelt, die durfte toben und da kam auch richtig was bei rum. Also Protestantismus war schon kulturfähig. Es gibt aber auch Protestantismen, die im Grunde mit Kunst, mit dem Schönen, mit all dem wenig anfangen konnten. So und mit der Aufklärung beginnt eine Faszination von der Kunst, vom Schönen. Das wird breit im Sport wie nie zuvor.

65:06
Und es gibt im Grunde dann eine Tendenz, dass fromme Menschen sich abwenden. Fromme Menschen gehen nicht ins Theater, gehen auch nicht ins Konzert. So Tendenz ist ja 18 im Jahrhundert. Kunst löst sich ab von der Religion. So, das könnte man lang und breit erzählen. Im Grunde lange Zeit ist Kunst etwas, das gehört Kirche und Staat, keinem sonst. Ja gut, kannst im Bauernhaus da abends zum Einschlafen singen, aber nenn es nicht Kunst. Das ist so. So, aber das Kunst bürgerliche Kunst, freie autonome Kunst, wird, haben viele Gläubige gesagt, ja wenn es nicht zu Gottes Ehre ist, dann dienst dem Teufel. Das ist dann so. So und waren raus und haben sich vielfach nicht mehr beteiligt. Lange, schwierige Geschichte. Dieser Kontaktverlust von Kunst und Kirche zieht sich so ein bisschen durch. Das ist ein großes Problem und Seindler sagt, gerade aus protestantischer Sicht muss man doch verstehen,

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dass die Unterscheidung von Religion und Kunst, genauso wie die Unterscheidung von Religion, Moral, Wissenschaft und Politik, der Religion nicht schadet, sondern sie doch auch freisetzt von Funktionalisierung aller Art. Und aus Glaubensgründen sollten wir wirklich verstehen können, Kunst ist Kunst, auch ohne biblische Figuren abzubilden. Auch ohne das immer drunter steht zur Ehre Gottes. Das Schöne ehrt Gott, wenn es ihn denn gibt. Wenn es immer drunter schreiben muss, ja was ist denn mit Gott? Ist er sonst sauer, wenn es nicht drunter steht? So also die Befreiung der Kunst zu einer eigenen Sphäre, wo du nicht religiöse Motive oder religiöse Zielsetzungen oder Botschaft mitverknüpfen musst. Also das sollten wir wirklich akzeptieren, lernen. Das heißt aus heutiger Sicht wäre die Herausforderung, Gott und das Schöne, das Gute und das Schöne zusammenzusehen

67:00
und mit der Zeit gelernt zu haben, Differenzierung muss nicht Trennung sein. Dass sich das differenziert hat in verschiedenen Sphären, kann man gerade auch aus dem Glauben heraus bejahen. Aber man sollte es nicht so bejahen, dass man sagt, ja jetzt ist das Schöne halt gottlos. So sondern das Schöne, das Ästhetische, das Kunstvolle ehrt Gott, ob es darum weiß oder auch nicht. So wir finden bei den Reformationen eine breite Tradition, dass sie die Naturschönheit als Spiegel der Schönheit der Schöpfung wahrnehmen. Wir finden das bei der Kunst so und Zeindler überlegt dann aber auch, was machen wir mit der modernen Kunst? Nicht nur Diktatoren und Faschisten fanden moderne Kunst entartet. Es gibt auch eine ziemlich tiefe Störung von so Glaubensgemeinschaften und moderner Kunst. Die wenigsten Bibelkreise besuchen regelmäßig moderne Theater Aufführungen und haben da ein Organ für.

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Nur ganz kurz, Zeindlers These ist auch hier. Sollten wir doch gerade als Menschen, die an Christus und sein Kreuz glauben, einen Zugang zu finden können. Ich hatte vorhin Adorno referiert. Also dieser Sinn der modernen Kunst Widersprüche nicht zuzukleistern, sondern sichtbar zu machen, das hässliche nicht zu verdrängen, das Schmerzhafte nicht zu verleugnen, ungelöste Spannung nicht mit Kitsch zu überkleisten, sondern spürbar zu machen, sollte ein von der Kreuzes Theologie einleuchten. Was hat denn Mathis Grünewald anders gemacht als Christus so hässlich wie vorstellbar zu zeigen, um deutlich zu machen, welchen Abgrund Gottes Liebe in Christus überwunden hat? Die moderne Kunst mit ihrer Sperrigkeit ist für viele Gläubige noch eine Entdeckungsreise wert.

69:00
Also sagen wir mal bestimmte kirchliche Milieus haben das ja gemacht. Paul Tillich zum Beispiel, Adorno Schüler übrigens auch, war 20er Jahre Riesenfan. Expressionismus war sofort dabei. Und es gibt schon so Hochkultur und kirchliche Eliten. Aber die Zeit, die allgemeine Zugänglichkeit moderner Kunst ist vielfach noch so weit weg, vielfach wird da viel gefremdelt. Es ist natürlich eine Bildungsgeschichte. Also die wenigsten werden sagen, Schönberg finde ich faszinierend, Mozart jieh und so. Also ich glaube, die allermeisten Menschen werden Mozart eher schön finden lernen, als Moses und Aaron von Schönberg. Aber man kann diesen Weg gehen. Man kann den Weg der Kunstgeschichte verfolgen. Man kann über die Kunstmalerei der Renaissance bis zur modernen abstrakten Malerei Bildungswege gehen,

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dass auch die innere Ablösung vom klassischen Schönheitsideal als Gewinn begriffen werden kann. Ich möchte schließen, Ästhetik ist wesentlich. Ästhetische Fragen sind nie nur Verpackung. Das ist immer ein Missverständnis zwischen dem Guten, Wahren und Schönen. Waldentiefe unterirdische Verbindungslinien. Da, wo das auseinanderbricht, wo das nicht mehr im Verhältnis steht, ist Glaubefrömmigkeit irgendwo krank oder einseitig geworden. Zweitens, Ästhetik ist immer auch eine Bildungsaufgabe. Kunst muss man verstehen lernen. Vieles, was einem erst nicht einleuchtet oder fremd ist, sollte man damit nicht abschreiben. Drittens, Ästhetik ist immer auch ambivalent. Das Schöne ist nicht immer das Gute, Ungefährliche.

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Das Hässliche ist nicht immer das Schädliche. Man muss damit umgehen können. Man braucht eine innere Unterscheidungsgabe. Und das Ästhetische ist nie ganz eindeutig, sondern immer Zeichen, immer auch Deutungsaufgabe für uns. Wir haben drei ästhetische Kategorien besprochen. Das Schöne, das Erhabene, aber eben auch das, was sich davon löst. Die Schönheit Gottes, die Größe Gottes und die Fremdheit Gottes sind meines Erachtens die drei Punkte, in denen sich diese Epochen auch spiegeln. Das Schöne, das Harmonische, das Proportionale verweist auf die je größere Schönheit Gottes, die alles trägt. Das Unbeherrschbare, Unverfügbare, Grenzenlose ist immer Zeichen für Gottes Größe, die nie aufgeht in unseren Anschauung und Gedanken. Und Gott ist und bleibt in dem auch immer der ganz andere, der uns fremd ist. Und diese Idee Gott, der ganz andere, Karl Barth, ist ja witzigerweise eine theologische Parallelaktion

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zur modernen Musik, zur modernen Malerei, zum Expressionismus. Ich glaube, auch das brauchen wir, die Fremdheit Gottes zu entdecken. Und auch dazu kann Kunst immer wieder mal verhelfen. Ich hoffe, es hat euch gefallen.

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Glaube und Sinnlichkeit | 13.9.1

Worthaus Sommercamp 2023 – Volkenroda: 5. August 2023 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

Wir Menschen sind sinnliche Wesen: Wir riechen, schmecken, sehen, hören, fühlen. Ausgerechnet eine der größten Weltreligionen aber gilt als absolut unsinnlich. Das Körperliche scheint im Christentum keinen Platz zu haben. Wir sollen uns kein Bild von Gott machen, sollen der Welt entsagen, Leiden und Feinde lieben statt Freuen und Spaß haben.
»Stimmt alles nicht«, sagt Thorsten Dietz. Die Bibel erzählt von Menschen, die spüren, sehen, erleben. Das Wort wurde Fleisch, wir sollen schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist. Die Sinne sind entscheiden, nur mit dem Kopf glaubt es sich nicht gut. Wie intensiv wir glauben können, hängt auch davon ab, was wir fühlen, was wir im Glauben und mit Gott erlebt haben. Was passiert also in der sinnlichen Erfahrung? Wahnsinnig viel, sagt Dietz und führt durch eine kurze Geschichte der Ästhetik. Und damit hin zu der Frage, wie Kunst, Ästhetik und Sinnlichkeit helfen können, die Fremdheit Gottes zu entdecken.

28. Juli 2022

Gotthold Ephraim Lessing – Bibelkritik in der Aufklärung | 11.13.1

Stell dir vor, du lebst in einem Land, in dem du nicht frei sagen kannst, was du denkst. Im schlimmsten Fall kommst du für unerwünschte Aussagen ins Gefängnis, oder du verlierst nur deine Arbeitserlaubnis, wirst gemieden und ausgelacht. Nicht schön. Gotthold Ephraim Lessing lebte im falschen Land zur falschen Zeit, um geradeheraus zu schreiben, was er dachte. Also schrieb er verschlüsselt, schrieb Nathan der Weise und Emilia Galotti. Er war clever, versteckte, was er wirklich dachte, in Theaterstücken. „So raffiniert, dass er manchmal wahrscheinlich selber nicht wusste, was er dachte“, sagt Thorsten Dietz. In seinem Schlüsselvortrag über die Bibelkritik in der Aufklärung, erklärt er zentrale Weichenstellungen im 18. Jahrhundert, die uns bis heute betreffen. Anschaulich, aber anspruchsvoll beschreibt er das Leben Lessings, seine Lehren und den großen Streit unter Gelehrten, in dem Lessing die Hauptrolle spielte. Denn er war nicht nur Theaterautor. Er war auch Bibliothekar. Und eines Tages, irgendwann um das Jahr 1777 herum, fand Lessing Texte von Hermann Samuel Reimarus. Echtes Dynamit, das merkte Lessing schnell. Texte, die den gesamten christlichen Glauben infrage stellten. Echtes Plutonium in einer Zeit, in der ohnehin noch Glaubenskriege tobten. Lessing veröffentlichte die Texte. Und entfesselte damit einen Streit, der unser Verständnis von Glaube und Geschichte bis heute prägt.