Es geht in diesem Vortrag um das vierte Kapitel der Johannes-Offenbarung oder, genauer gesagt, es geht um Kapitel 4, die Verse 4 bis 11. Mit Kapitel 4 beginnt der große Hauptteil der Johannes-Offenbarung, der bis zu Kapitel 22 Vers 5 reicht. Dieser Hauptteil besteht aus zahlreichen Visionsberichten. Dabei spielen die Kapitel 4 und Kapitel 5 eine besondere Rolle. Sie sind die theologische Mitte der Johannes-Offenbarung. Es geht in diesen beiden Kapiteln noch nicht um die
Ereignisse auf der Erde, sondern es geht um die himmlische Dimension, von der alles abhängt. In der Einleitung, Kapitel 4, die Verse 1 bis 2a, berichtet Johannes, wie er vom Geist erfasst und in die himmlische Welt versetzt worden ist. Danach berichtet er, was er dort in der himmlischen Welt gesehen und gehört hat. Ich habe ja schon in meinem ersten Vortrag zur Johannes-Offenbarung die Verse Kapitel 4, 1 bis 3 behandelt. Deshalb konzentriere ich mich in diesem Vortrag
auf die Verse 4 bis 11. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Verse 2b bis 8a ein zusammenhängender Textabschnitt sind. Dieser Textabschnitt ist sprachlich in auffallender Weise geformt. Und deshalb will ich zuerst einmal auf die sprachliche Gestaltung dieses Textabschnitts zu sprechen kommen. Danach werde ich dann ab Vers 4 den Text fortlaufend besprechen. Damit der Zusammenhang jetzt klar wird, wird Martin Hünerhoff uns die Verse 1 bis 8a vorlesen. Das ist also ein längerer Text, aber wir brauchen einmal diesen Überblick. Martin Hünerhoff wird uns die Verse 1 bis 8a vorlesen.
"Danach sah ich, und siehe, eine geöffnete Tür am Himmel, und die erste Stimme, die ich mit mir hatte reden hören wie eine Posaune, die sprach: Komm hier herauf, ich will dir zeigen, was danach geschehen muss. Und sofort wurde ich vom Geist erfasst. Und siehe, ein Thron stand inmitten des Himmels und auf dem Thron ein Sitzender. Und der Sitzende sah aus wie Jaspis und wie Karneol, und ein Lichtkranz um den Thron sah aus wie Smaragd. Und rings um den Thron standen 24 Throne, und auf den Thronen saßen 24 Älteste, in weiße Gewänder gekleidet und mit goldenen Kränzen auf
dem Haupt. Von dem Thron gingen Blitze und Donnergetöse aus, und sieben lodernde Fackeln brannten gegenüber des Throns. Das sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Thron war etwas wie ein gläsernes Meer gleich Kristall und in der Mitte, dort wo der Thron ist, waren vier lebende Wesen voller Augen, vorn und hinten. Das erste lebende Wesen sah aus wie ein Löwe, das zweite sah aus wie ein Stier, das dritte hatte ein Gesicht wie ein Mensch, das vierte sah aus wie ein Adler. Und jedes der lebenden Wesen hatte sechs Flügel, außen und innen voller Augen."
In der sprachlichen Gestaltung dieses Textabschnittes gibt es zwei Auffälligkeiten. Beide Auffälligkeiten hängen miteinander zusammen. Sie haben den gleichen sachlichen Grund. In der ersten Auffälligkeit geht es darum, dass Johannes seinen Ich-Stil, den er in der Einleitung benutzt - in Vers 1 bis 2a, kommt mehrfach das Wort "ich" vor - dass er diesen Ich-Stil mit dem Ende der Einleitung auch beendet. Nach der Einleitung kommt das Wort "ich" im gesamten Kapitel 4 nicht wieder vor. Das ist ein Signal, das ist ein Symptom für etwas. Wir müssen nur noch herausfinden, für was. Und die
zweite Auffälligkeit, die besteht darin, dass in diesem Textabschnitt 2b bis 8a die Substantive sehr stark dominieren. Es gibt in diesem Abschnitt 35 Substantive, aber nur acht Verben. Mehrere dieser Sätze haben überhaupt kein Verb. Sie brauchen auch keines. Denn es geht in diesen Sätzen nicht darum, dass ein Geschehen stattfindet. Es geht auch nicht um eine Handlung. Das heißt, diese Sätze erzählen nicht, sie berichten auch nicht, sondern sie beschreiben. Man nennt solche Sätze Nominalsätze. Und die vielen Substantive, die 35, benennen das, was Johannes jetzt sieht.
Die Substantive stehen also für das, was Johannes sieht. Sie zählen praktisch auf, was er sieht. Und das, was Johannes sieht, steht in diesem Abschnitt in einer sehr radikalen Form im Vordergrund. Es geht um nichts anderes. Offensichtlich ist Johannes von dem, was er sieht, so ergriffen, dass er dabei sich selber vergisst, und ihm kommt das Wort "ich" überhaupt nicht mehr in den Sinn. Das ist der gemeinsame sachliche Grund für diese zwei sprachlichen Auffälligkeiten.
Die Besonderheit dieses Abschnitts wird noch deutlicher, wenn man ihn mit den beiden biblischen Texten vergleicht, die ihm am ähnlichsten sind in der ganzen Bibel. Das ist nämlich Jesaja 6 und Hesekiel 1. Auch in diesen beiden Kapiteln geht es um eine Himmelsvision und eine Begegnung mit Gott. Also sehr analog wie in unserem Abschnitt. Aber in diesen beiden Texten kommt viel wörtliche Rede vor. Jesaja und Hesekiel reden mit Gott, und Gott redet mit ihnen. Es geht nämlich in diesen beiden Texten, Jesaja 6 und Hesekiel 1 und folgende Kapitel, es geht um die Berufung des Jesaja und um die Berufung des Hesekiel und um ihre Beauftragung durch Gott.
Das heißt, in diesen beiden himmlischen Visionsberichten sind die beiden menschlichen Personen, Jesaja und Hesekiel, sehr wichtig. Es geht ja um ihre Berufung und um ihre Beauftragung. Ganz anders in unserem Text. In unserem Text gibt es überhaupt keine wörtliche Rede. Niemand spricht. Johannes spricht nicht mit Gott, und Gott spricht nicht mit Johannes. Und Johannes wird ja auch hier weder berufen noch beauftragt. Die Person des Johannes, ganz anders wie die Person des Jesaja und Hesekiel, die Person des Johannes spielt in diesem Abschnitt überhaupt keine Rolle. Was er selber dabei denkt und fühlt, wird konsequent ausgeblendet. So einen Text gibt es
in der ganzen Bibel nicht noch einmal. Es handelt sich um einen einzigartigen Text. Umso wichtiger wird jetzt, was Johannes sieht, denn darum geht es ja in radikalster Form. Oder wir könnten auch sagen, umso wichtiger werden jetzt die 35 Substantive. In dieser Schilderung der Himmelsvision ist das erste, was Johannes sieht, ein Thron. Und auf dem Thron ein Sitzender. Es ist völlig klar, dass hier Gott gemeint ist, aber der Begriff Gott fällt nicht. Der Sitzende bleibt erst mal bis gegen Ende des Kapitels, bleibt völlig anonym. Also seine Identität wird nicht
ausdrücklich genannt, obwohl sie natürlich völlig klar ist. Also er sieht als erstes einen Thron und auf dem Thron ein Sitzender. Und dann ist Johannes fasziniert von der Ausstrahlung dieses Sitzenden. Er vergleicht sie nämlich mit dem farbigen Licht von Edelsteinen. Diese Verse habe ich in meinem ersten Vortrag behandelt und gehe jetzt nicht mehr darauf ein. Ab Vers 4 wendet sich die Vision der Umgebung dieses Thrones zu. Und diese Umgebung wird erstaunlich ausführlich behandelt bis Vers 8a. Die Umgebung des Thrones ist offenbar sehr wichtig. Warum? Gott findet ja diese Umgebung
nicht vor, wie wir Leser dieses Visionsberichts, wir finden die Umgebung ja auch gleich mit Gott zusammen vor. Nein, sondern Gott hat ja diese Umgebung allererst erschaffen. Sie ist sein Werk. Gott hat sich einen Bezugsrahmen gegeben, den er für angemessen hält. Und deswegen zeigt dieser Bezugsrahmen sehr viel über den, der sich das erschaffen hat. Das erste, was Johannes nennt und sieht, sind 24 Throne. Und auf diesen Thronen 24 Älteste, bekleidet mit weißen Gewändern, und auf
ihren Köpfen tragen sie goldene Kränze. Dieses Bildmotiv ist vollkommen neu. Es gibt nirgendwo einen apokalyptischen Text innerhalb oder außerhalb der Bibel, wo zusätzlich zum Thron Gottes noch weitere Throne genannt werden. Nein, das gibt es nie. Also werden auch keine 24 Ältesten genannt, die auf diesen Thronen sitzen. Das ist auch völlig neu. Und ich habe ja schon mal darauf hingewiesen, das Wort "Thron" ist das entscheidende Stichwort in der ganzen Johannes-Offenbarung für Gott, den Thronenden. Auch in diesem Kapitel kommt das Wort "Thron" insgesamt 14 Mal vor, auch ganz am Ende
nochmal gehäuft. Und dieses Wort "Thron" wird, im Unterschied zum Alten Testament, in der Johannes-Offenbarung niemals auf einen irdischen Herrscher angewandt. Und abgesehen davon, wir kennen ja auch gar keine irdischen Herrscher, die zusätzlich zu ihrem eigenen Thron auch noch andere Throne in ihrer Umgebung aufstellen lassen. Die werden sich hüten. Ratgeber schon, aber die Ratgeber sitzen ja nicht auf Thronen, sondern eigentlich in allen Fällen stehen die Ratgeber. Und der König ist der einzige, der sitzt, auf seinem Thron. Aber hier sitzen auch die Ältesten. Das ist ein neuartiges Bild. Ja, wir müssen sogar sagen, es ist ein völlig fremdartiges Bild. Es ist
irritierend. Übrigens merkt man am griechischen Wortlaut, das kann man im Deutschen nicht ganz so leicht erkennen: Diese 24 Throne sind konzentrisch rings um den zentralen Thron aufgestellt mit der Blickrichtung auf den zentralen Thron. Also ständiger Blickkontakt. Und auch alles, was über die 24 Ältesten gesagt wird, ist eine sehr hohe Würdigung. Also erst mal die Throne, dann: sie sitzen. Das Wort für Throne ist genau das gleiche Wort wie für den zentralen Thron. Es sind also nicht irgendwelche Miniaturthrönchen, die viel kleiner sind. Nein, überhaupt nicht. Es ist genau das gleiche Wort. Sie sitzen auch, wie der Thronende, in der Mitte. Sie haben weiße Gewänder. Und dieses Wort "Gewänder" ist ein sehr spezielles Wort, da kann man nicht
einfach sagen, Kleider, es handelt sich nämlich um Gewänder, die bis hinunter zum Fuß gehen, etwas sehr Vornehmes. In der Antike konnte nicht jeder Mensch solche Gewänder tragen. Das war streng verboten. Das Tragen solcher vornehmer Gewänder war nur sehr hohen Personen mit sehr hohem Status möglich. Die weiße Farbe drückt übrigens in der gesamten Johannes-Offenbarung die Zugehörigkeit zu Gott aus. Und dann noch goldene Kränze. Gemeint sind hier geflochtene Siegeskränze. Diese 24 Ältesten auf ihren Thronen üben ihre Herrschaft also sehr erfolgreich aus. Was damit näher gemeint ist, wissen wir nicht. Und auch das Wort "Älteste" ist eine Art Auszeichnung.
Dieses Wort steht nämlich für Weisheit, für Reife, für Erfahrung. Wir müssen bei diesem irritierenden, neuartigen, fremdartigen Bild stehen bleiben. Wir müssen hier das Wort "Thron" ganz ernst nehmen. Das Wort "Thron" ist ja kein verschwungener Begriff. Das Wort "Thron" ist ein sehr prägnanter Begriff, den jeder kennt. "Thron" steht für herrscherliche Macht und Funktion. Da kommen wir nicht drum rum. Wir sagen ja oft, und auch ich habe immer wieder gesagt, Gottes Wesen liegt im Geben. Das stimmt auch. Aber durch dieses Bildmotiv können wir das noch viel genauer sagen. Gottes Wesen
liegt nicht nur im Geben. Gott gibt nicht irgendwas, sondern Gottes Geben ist ein Anteilgeben an sich selber. Gott gibt diesen 24 Ältesten Anteil an seiner Macht, ganz von sich aus, wie er ja auch uns allen Anteil gibt am Leben, an seinem Leben. Denn ein anderes Leben gibt es nicht. Gott gibt sehr gern Anteil an sich selber. Und darin liegt das Besondere. Er herrscht auf eine völlig andere Weise, von Grund auf anders, als wir es auf der Erde gewohnt sind. Gott ist zwar im
Mittelpunkt, das merkt man bei allen Figuren oder Gegenständen, die jetzt noch genannt werden. Die sind alle immer bezogen auf den Thron. Aber obwohl Gott alle Fäden in seiner Hand hat, wirkt er nicht dominant, und er erdrückt niemand, sondern ganz im Gegenteil, er bringt seine Umgebung zum Blühen. Überlegen wir uns noch, wie kann die Zahl 24 gemeint sein? Das Naheliegendste und das Plausibelste ist, dass damit die 24 Stunden des Tages gemeint sind. Und wenn man mal berücksichtigt, dass die 24 Stunden des Tages ja auch 2 mal 12 sind, auch wir zählen ja den Tag auch 2 mal 12,
bis dann die 24 zusammen sind. Wenn man das mal berücksichtigt, 24 ist sehr stark auch 2 mal 12, dann ist es naheliegend und plausibel, dass damit die 12 Stämme Israels und die 12 Apostel gemeint sind. Oder man könnte auch sagen: Alter und Neuer Bund. Das ist zumindest sehr naheliegend. Wenn es stimmt, dann bedeutet das, die 24 Ältesten stehen in irgendeiner Weise für die Dimension Zeit und Geschichte. Gott wirkt in Zeit und Geschichte. Er ist der Herr über Zeit und Geschichte. Diese 24 Ältesten sind die erste herausgehobene Gruppe von Himmelsbewohnern in der
Johannes-Offenbarung. Es kann sich bei diesen 24 Ältesten eigentlich nicht um irgendwelche Engel handeln. Warum nicht? Engel werden in der Bibel niemals sitzend dargestellt. Ja, das wäre der Ehre zu viel. Nein, Engel stehen immer. Denn Engel sind dienstbare Geister. Aber diese Ältesten, die sitzen. Diese Ältesten kommen in der Johannes-Offenbarung immer wieder vor. Sie behalten eine hohe Wichtigkeit. Was mit den 24 Ältesten genauer gemeint ist, wissen wir nicht und müssen es auch nicht wissen. Als nächstes kommen jetzt nicht Himmelsbewohner, also nicht Figuren. Ich
wende den Begriff "Person" auf die Himmelsbewohner nicht an, aus Vorsicht. Denn es spricht viel dafür, dass wir den Begriff "Person" auf die geschichtliche Realität begrenzen sollten. Personen sind Menschen, die in Zeit und Raum irgendwo geboren werden, alt werden und sterben. Aber die Himmelsbewohner unterliegen ja nicht Zeit und Raum. Wir können davon ausgehen, dass sie auch nicht sterben. Also sagen wir mal, Figuren, aber Figuren klingt so technisch, also Himmelsbewohner. Diese Schilderung der Umgebung des Thrones fängt mit Himmelsbewohnern an und endet mit Himmelsbewohnern. Diese lebendigen Himmelsbewohner, auf denen liegt der Schwerpunkt. Aber jetzt kommen als
nächstes sieben lodernde brennende Fackeln gegenüber dem Thron. Das ist sehr auffällig bei allem, was jetzt noch genannt wird. Es wird immer ausdrücklich ein Bezug zum Thron genannt. Wenn also diese lodernden brennenden Fackeln gegenüber dem Thron stehen, dann sind sie ganz im Blickfeld des Thronenden. Diese doppelte Ausdrucksweise, lodernde brennende Fackeln, ist ein Signal, ist ein Akzent. Das Phänomen Feuer ist nämlich wichtig. Feuer ist etwas sehr Lebendiges, es verändert in jeder Sekunde seine Gestalt. Feuer hat eine enorme Kraft. Feuer bringt Licht ins Dunkel und Wärme in die Kälte. Wir leben eigentlich jeden Tag und jede Minute vom Feuer, nämlich von
der Feuersglut in der Sonne. Wenn wir die nicht hätten, würde alles einen Kältetod sterben. Also brennende Fackeln. Fackeln stehen für einen gezielten und begrenzten Einsatz des Feuers. Fackeln stehen nicht für einen Steppenbrand, der außer Kontrolle geraten kann. Also der Sitzende auf dem Thron - es wird ja ausdrücklich gesagt, es sind die sieben Geister Gottes, sehr verwandt mit dem zweiten Vorwort, das ich ja schon besprochen habe, da kommt genau das Gleiche vor, die sieben Geister vor seinem Thron, hier werden sie brennende Fackeln genannt. "Fackeln" hat eine ganz eigentümliche Kraft. Und deswegen ist es auch kein Zufall, dass Gott sich
bei Mose aus dem brennenden Dornbusch gemeldet hat. Es ist eigentlich verwunderlich, dass Gott sich ausgerechnet aus dem Dornbusch meldet. Aber es war ein brennender Dornbusch, Worte aus dem Feuer. Das Feuer hat eine eigentümliche Kraft, es kann nämlich anderes entzünden. Nichts in der Welt kann sich selber entzünden. Selbst die Selbstentzündungen, von denen die Archäologen gesprochen haben, mit denen ich monatelang durch die Wüste bin, die haben immer gesagt, weg, so in der Mittagshitze bei 50 Grad und mehr, das trockene Gesträuch kann sich selbst entzünden. Das stimmt doch gar nicht. Es ist die Sonne, die sie entzündet. So wie einmal Ingeborg Bachmann
gesagt hat: Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein. Wohl wahr. Also das Feuer kann entzünden. Deswegen singen wir in einem Lied "Zünde an dein Feuer, Herr, im Herzen mir. Hell soll es brennen, lieber Vater, dir." Die erste Zeile ist sehr bewusst so formuliert. "Zünde an dein Feuer", dein Feuer. Also zünde es an. Ich kann mich selber nicht entzünden. Aber der Geist Gottes, der kann entzünden. Und dann stehen wir in Flammen. Dann sind wir Feuer und Flamme. Das nächste, was Johannes sieht, ist ein gläsernes Meer, wobei die Formulierung sehr vorsichtig ist.
"Dann sah ich etwas", und jetzt heißt es im Griechischen wieder genau gleich, "gegenüber dem Thron". Die Beziehung zum Thron ist bei jedem Detail da. Jetzt sieht er etwas "wie ein gläsernes Meer". Diese Ausdrucksweise "wie" kommt ab jetzt ganz häufig vor. Ich weiß nicht, 50, 100 Mal in der Johannes-Offenbarung. Ich habe es nicht gezählt. Aber es ist typisch für seine Sprache. Er sagt nicht einfach: Und gegenüber vom Thron sah ich ein gläsernes Meer. Nein, ich sah etwas, das sah so ungefähr aus wie ein gläsernes Meer. Also diese vorsichtige Einschränkung mit dem Wort "wie" deutet an, dass unsere menschliche Sprache hier an ihre Grenzen kommt. Es fehlen uns
die angemessenen Begriffe. Und das zeigt, wie anders die Transzendenz ist. Dieses Meer, das gläserne Meer, hat jede Gefährlichkeit verloren. Ein gläsernes Meer, da gibt es keine Überflutungen, da gibt es keine Tsunamis. Und außerdem ist es durchsichtig bis auf den Grund. Im Himmel muss sich niemand verstecken und versteckt sich auch niemand. Das ist vollkommen fehl am Platze. Transparenz ist hier selbstverständlich. Interessant ist auch, dass Johannes zu dem Wort "Meer" greift. Es geht hier nicht um einen Teich oder um einen See. Das Wort "Meer", jeder andere Begriff wäre völlig unangemessen, deutet auch die Weite des himmlischen Bereichs an. Die himmlische Dimension hat ganz
andere Kategorien. Maße will ich gar nicht sagen, denn Raum und Zeit ist ja nur hier in der Schöpfung. Jeder andere Begriff wäre zu kleinkariert. Dann kommt noch eine kurze Bemerkung. Johannes sieht und hört, wie Blitze und Donnergetöse vom Thron ausgehen. Es steht wieder das Wort "Thron" da, aber nicht gegenüber vom Thron oder ringsum den Thron, sondern vom Thron gehen Blitze und Donner aus. Blitze und Donner sind für den antiken Menschen der Inbegriff einer Urgewalt, auf die ich keinerlei Einfluss habe, die meiner Verfügung völlig entzogen ist. Sie kommt, wenn sie kommt,
und sie geht, wenn sie geht. Und die Blitze können sehr überraschend in der Nähe einschlagen. Das vergisst du da nie wieder. Das hat ja auch Martin Luther nie wieder vergessen. Blitze und Donnergetöse stehen für den fremden Gott, aber auch den mächtigen Gott, und dass da auch irgendwas los ist. Da ist kein ruhiger, meditativer Ort, sondern da blitzt und donnert es. Und dann, zum Schluss der Schilderung, kommt Johannes wieder auf Himmelsbewohner zu sprechen. So fängt er an, mit den 24 Ältesten, und so hört er auf. Die Zahl 4 ist sehr leicht zu erklären, denn die steht immer überall in der Bibel für die irdische Realität, ausgehend von den vier Himmelsrichtungen. Es gibt
aber auch vorne und hinten, oben und unten. Diese Zahl 4 ist typisch für irdische Realitäten. Und er nennt diese Himmelsbewohner vier lebende Wesen. Das ist ein sehr vorsichtiger Ausdruck. Mehr kann Johannes nicht sagen. Jetzt, bei diesen Wesen, wie sind die mit dem Thron verbunden? Das ist jetzt, kann man fast sagen, der Rekord. Alle diese Präpositionen sind ganz genau überlegt. Hier steht kein Wort zufällig. Diese vier lebenden Wesen sind in der Mitte, dort wo der Thron ist. Wow. Also so nah ist niemand. Die Ältesten waren in einem konzentrischen Ring um
den Thron, mit Blickrichtung auf den Thron. Die Fackeln waren gegenüber dem Thron, das gläserne Meer war gegenüber dem Thron. Und vom Thron aus gehen Blitze und Donnergetöse. Aber die vier lebenden Wesen sind in der Mitte, dort wo der Thron ist. Sie stehen, ganz klar, Gott am nächsten. Man merkt durch diese Beobachtung, in der Vision steckt eine Bewegung. Nicht eine Bewegung vom Thron weg, das gilt nur für Blitze und Donnergetöse, sondern es ist eine Bewegung zum Thron hin. Die vier lebenden Wesen sind näher dran, wie die 24 Ältesten. Diese vier Lebewesen werden jetzt auch verglichen mit einem vorsichtigen "wie". Das eine Lebewesen sieht irgendwie aus wie ein Löwe, das zweite sieht irgendwie so ein bisschen ähnlich aus wie
ein Stier, das dritte Lebewesen ähnelt einem Menschen, hat ein Gesicht wie ein Mensch, und das vierte Lebewesen ähnelt irgendwie einem Adler. Die Deutung ist hier sehr leicht für Leute, die den Orient kennen. Der Löwe ist das stärkste ungezähmte Tier, der Stier ist das stärkste gezähmte Tier, der Mensch ist eh irgendwie was Eigenartiges, und der Adler ist der stärkste Vogel. Wenn man das so ernst nimmt, dann kann man sagen, wenn man diese Bildersprache kennt, diese vier lebenden Wesen stehen für die sichtbare Schöpfung. Sie stehen für die sichtbare Schöpfung, und deswegen spielen ihre Augen so eine wahnsinnige Rolle.
Martin, lies mal vor, wie betont hier von den Augen der lebenden Wesen gesprochen wird: "Und in der Mitte, dort, wo der Thron ist, waren vier lebende Wesen voller Augen, vorn und hinten." Vers 6. In Vers 8a: "Und jedes der lebenden Wesen hatte sechs Flügel, außen und innen voller Augen." Das ist eine mehrfache Betonung dieser vielen Augen. Um was geht es hier? Es geht um etwas fundamental Wichtiges, nämlich um die Wahrnehmung. Um die Wahrnehmung. Du kannst Gottes Schöpfung nur würdigen, nur angemessen würdigen, mit einer viel größeren,
umfassenderen Wahrnehmung als wir mit unseren zwei Äuglein. Was haben denn wir für ein kleines Blickfeld? Wir können ja alles nur aus einer Perspektive sehen, und vieles liegt bei uns sozusagen im toten Winkel. Man sagt immer wieder mal, das ist eine Redensart, "hör mal, hinten habe ich keine Augen". Ich soll wohl auch noch hinten Augen haben. Das steht ja für was, diese Redewendung. Es hat übrigens vor ungefähr zwei Wochen ein höchstrichterliches Urteil gegeben, also von einem Bundesgericht, allerhöchste Stelle, ob ein Autofahrer verpflichtet ist, bevor er die Autotür öffnet, nach hinten zu schauen. Anlass war ein fürchterlicher Fahrradunfall.
Ein Autofahrer hat einfach seine Tür aufgemacht, und der Fahrradfahrer, der schnell gefahren ist, ist sehr schwer verletzt worden. Und das Urteil übrigens war, dass ihr es jetzt auch wisst: Ja, ein Autofahrer ist verpflichtet, höchstrichterliches Urteil, bevor er die Autotür öffnet, nach hinten zu schauen. Sonst ist es versicherungstechnisch ganz schlecht. Also ich wollte jetzt mit dem Beispiel nur sagen: Stellt euch mal nur vor, wir hätten vorne und hinten Augen, was allein das für ein Unterschied ist. Die lebenden Wesen haben ein ganz anderes Blickfeld, ein umfassendes. Sie haben viele Perspektiven, bei ihnen liegt nichts im toten Winkel. Es geht darum, wie wichtig die Wahrnehmung ist. Es geht aber auch, das hängt
ja eng zusammen, um Aufmerksamkeit. Die vier lebenden Wesen sind hellwach, die dämmern nicht vor sich hin. Auch diese vier Lebewesen kommen in der Johannes-Offenbarung immer wieder vor, wie auch die 24 Ältesten. Die haben also eine ganz schöne Rolle in der Johannes-Offenbarung. Ich will noch ein bisschen abschließende Worte sagen zu diesem ersten Abschnitt. Ich will kurz noch auf die Zahlen hinweisen in diesem Abschnitt. Es gibt die Zahl 24, Älteste, die Zahl 7, Fackeln, die Zahl 6, Flügel, und die Zahl 4, vier lebende Wesen. Es gibt
in der Offenbarung in diesem Abschnitt keine verschwommenen Irgendwie-Angaben. Und ich sah zahlreiche Throne. Nein, 24. Diese klaren Zahlenangaben - nicht ungefähr, mit Ausnahme bei den Augen, denn da geht es ja um eine sehr hohe Zahl, und wenn es dann heißen würde "und zusammengerechnet hatten sie 762 Augen", das wäre irgendwie komisch - die Zahlen in diesem Abschnitt bleiben im klassischen Bereich. 24 ist durchaus eine klassische Zahl. Es könnte hier niemals heißen, "und ich sah konzentrisch um den zentralen Thron, 23 Throne". Nein, das könnte es niemals heißen. Und auch die Zahl 7 ist eine klassische Zahl, die Zahl 6 und die Zahl 4. Also
mit diesen Zahlenangaben spürt man auch so indirekt, in der himmlischen Dimension sind die Dinge sehr gründlich sorgfältig geordnet. Und diese Begrenzung auf die klassischen Zahlen und nicht irgendwelche Absurditäten zeigt auch ein ästhetisches Empfinden. Jetzt will ich einen Rückblick halten auf diesen Abschnitt, und dann kommt der enorme Schlussabschnitt. Ich blicke mal zurück. Obwohl dieser Textabschnitt eine sehr vorsichtige Sprache hat, zurückhaltende Formulierungen, klärt dieser Text irgendwie doch sehr viel. Da steckt irgendwie die Qualität. Dieser Text
verhilft uns zu einer Art Ordnung in unserer inneren Vorstellungswelt, soweit es möglich ist. Und sehr auffällig ist, dass Gott zwar mit allem verbunden ist, alles im Blickfeld hat, alle Fäden bei ihm zusammenlaufen, aber Gott dominiert nicht, erdrückt niemand, er erniedrigt schon gar nicht. Gott erniedrigt nicht, er erhöht. Gott wirkt wertschöpfend, Gott schafft Werte, Gott gibt eine Würde. Was für ein Gott, der sich diesen Bezugsrahmen erschaffen hat und ihn für angemessen hält. Er lebt da nicht irgendwo isoliert auf dem Thron, er hat ein Beziehungsgeflecht geschaffen. Soweit
mal bis zum Vers 8a. Jetzt kommt ein tiefer Einschnitt, und wir kommen dann zur zweiten Hälfte, nämlich die Verse 8b bis 11. Im bisherigen Textabschnitt 2b bis 8a wurde kein Wort gesprochen. Jetzt aber, im Schlussabschnitt, wird sehr viel gesprochen. In dem vorangegangenen Abschnitt ging es um das, was Johannes sieht, aber jetzt geht es vor allem um das, was Johannes hört. Und dass auch in diesem Schlussabschnitt das Wort "ich" weiterhin nicht vorkommt und Johannes auch weiterhin als Person keine Rolle spielt, das deutet darauf hin, dass die Hörerfahrungen, die Johannes jetzt macht,
nicht weniger intensiv sind als die Seherfahrungen, die er bisher gemacht hat. Interessant ist, wer spricht. Gott schweigt weiterhin. Er spricht in der gesamten Himmelsvision kein einziges Wort. Johannes schweigt auch weiterhin. Wer spricht? Es sprechen die Himmelsbewohner, die uns soeben vorgestellt worden sind. Und das ist schon ein besonderer Moment. Wir hören die ersten Worte aus der himmlischen Dimension. Es sind die vier lebenden Wesen, die zuerst sprechen. Und das ist auch eine gewisse Hervorhebung. Und das, was sie sprechen, ist von ganz zentraler Bedeutung. Die
Ältesten, die 24 Ältesten, reagieren darauf. Jetzt wird uns Martin Hünerhoff diesen Schlussabschnitt vorlesen. "Und sie sangen unentwegt, bei Tag und bei Nacht: Heilig, Heilig, Heilig, Herr, Gott, Allesbeherrscher, der war, der ist, der kommt. Und wenn die lebenden Wesen dem, der auf dem Thron sitzt und in alle Ewigkeit lebt, Herrlichkeit und Ehre und Dank erweisen, dann werfen sich die 24 Ältesten vor dem Thronenden nieder und beten ihn an, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt. Und sie
legen ihre goldenen Kränze vor seinem Thron nieder und sprechen: Würdig bist du, Herr, unser Gott, die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht zu nehmen, denn du hast alles erschaffen; nach deinem Willen entstand die Welt und alles, was auf ihr lebt." Es sind die vier lebenden Wesen, die jetzt das Wort ergreifen. Und wir dürfen gespannt sein, was sie sagen werden, die ersten Worte aus der himmlischen Dimension. Das Verblüffende ist, dass die vier lebenden Wesen etwas sagen, was wir schon aus dem Alten Testament kennen. Denn es gibt im Alten Testament
eine besondere, eine einzigartige Stelle. Da reden auch Himmelsbewohner zu einem Menschen, nämlich zu Jesaja bei seiner Berufung. Und die Seraphim, so werden da die Himmelsbewohner genannt, sagen zu Jesaja: "Heilig, Heilig, Heilig ist Jahwe Zebaoth". Und dieses dreimal "Heilig" greifen die vier lebenden Wesen auf. Sie erweitern allerdings dieses dreimal "Heilig" auf sehr kunstvolle Weise. Sie sagen nämlich "Heilig, Heilig, Heilig, Herr", Kyrios im Griechischen, "Gott", Theos im Griechischen
"und Allesbeherrscher", Pantokrator. Und dann kommt noch eine dritte Zeile, "der war, der ist, der kommt." Diese Komposition ist eine drei mal drei Komposition. Es sind drei Zeilen, jeweils mit drei Gliedern. Und dabei kann man außerdem noch sagen, die zweite und die dritte Zeile dieser Komposition konkretisieren jeweils die vorhergehende Zeile. Dieser Text "Heilig, Heilig, Heilig, Kyrios, Theos, Pantokrator, der war, der ist, der kommt", ist der erste poetische Text der Johannes- Offenbarung. Es werden viele weitere folgen. Prosa genügt nicht mehr. In keiner Schrift des Neuen
Testaments gibt es so viele poetische Texte, so viele Hymnen und Lieder wie in der Johannes- Offenbarung. Dieser Dreizeiler hier hat eine gewisse Verwandtschaft mit den Psalmen. Man kann diese drei Zeilen als einen synthetischen Parallelismus Membrorum verstehen. Ich sage gleich, was damit gemeint ist. Und das verbindet den Text mit den Psalmen, denn das gibt es bei denen laufend. Ein "Parallelismus Membrorum" meint, dass man mit zwei Sätzen eine Ganzheit am besten ausdrücken kann. Ich sag mal ein Beispiel: "Gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte". Das ist ein synonymer Parallelismus Membrorum. Die Psalmen bestehen ja eigentlich
immer aus zwei Sätzen, aus Paaren. Und im Gottesdienst sagt dann der Pfarrer oft, ich lese die eingeschobenen Texte oder ihr, wir lesen abwechselnd, denn die Psalmen wurden gesungen und zwar im Wechselgesang. An der Schönen Pforte teilte sich der Chor der Leviten, wunderschöner Chor. Und links am Türrahmen stand die eine Hälfte, rechts die andere Hälfte. Und die haben sich die Psalmen im Wechselgesang zugesungen, antiphonisch. Und das wird dadurch natürlich noch künstlerisch profiliert, dass die Psalmen auch immer in zwei Sätzen etwas Ganzes sagen. Es gibt aber auch den synthetischen Parallelismus Membrorum. Da sagt der zweite Satz mehr wie der
erste. Er baut drauf auf, und dann gibt es auch manchmal einen dritten Satz, der wieder auf den zweiten aufbaut. Wenn man das so versteht, diese drei Zeilen der vier lebenden Wesen, dass man sie als eine Art Psalm versteht - das kann man wirklich, ich würde sogar sagen, das ist naheliegend - dann kann man sagen, sie singen. Wie hat der erste Satz gelautet? "Und sie sagen unentwegt." Sie sagen unentwegt. So steht es auch im Griechischen. Es gibt aber Übersetzungen, die schreiben hier "sie sangen unentwegt". Das ist nicht falsch, weil dieser poetische Text stark an die Psalmen erinnert. Gehen wir mal
ganz kurz zu dem Ursprungstext. Bei Jesaja 6, Vers 2, sagen oder singen die Seraphim "Heilig, Heilig, Heilig ist Jahwe Zebaoth". Dieser berühmte einzigartige Text wurde im Laufe der Zeit auch immer wichtiger. Im Judentum, so ungefähr ab der Zeit der Zeitenwende, also um Christi Geburt herum - ungefähr, 50 Jahre vorher, nachher, kann man nicht sagen - wird dieser Text, dieses Dreimal Heilig, wie man es jetzt nennt, in den jüdischen Schriften immer öfters zitiert. Er wird zu einem der berühmtesten Bibeltexte überhaupt. Was die christlichen Schriften betrifft, ist die Johannes-Offenbarung die erste Schrift, die das Dreimal Heilig an sehr zentraler Stelle, die ersten
Worte aus der himmlischen Dimension, zitiert. Nach der Johannes-Offenbarung wird auch in den christlichen Schriften diese Dreimal-Heilig-Stelle immer häufiger zitiert. Aber das erste Zitat findet sich in der Johannes-Offenbarung. Das Wort "heilig" gehört zu den Grundworten der Bibel und der gesamten Religionsgeschichte. Die Heiligkeitserfahrung ist eine Urerfahrung der Menschen und der Völker. Was ist mit diesem Grundwort gemeint? Was kommt ins Spiel mit diesem Begriff? Eigentlich alle Religionen kennen die Heiligkeitserfahrung. Man könnte fast sagen,
sonst ist es eben keine Religion. Die Heiligkeitserfahrung ist die Auslösererfahrung, die Grundlagenerfahrung eigentlich aller Religionen. Um dieser Urerfahrung auf die Spur zu kommen, muss man erstens mal betonen, die Heiligkeitserfahrung ist eine Erfahrung. Es geht hier nicht um Dogmatik. Heiligkeit ist ein Erfahrungsbegriff, ein sinnlicher, praktischer Begriff, kein dogmatischer. Ich bleibe also jetzt auf der Erfahrungsebene. Was ist also mit der Heiligkeitserfahrung, mit dieser Urerfahrung, gemeint? Wir stehen jetzt an einem entscheidenden Punkt, um dieser Urerfahrung auf die Spur zu kommen. Sie ist heute irgendwie nicht mehr bekannt,
obwohl sie viele Leute machen, aber sie nennen es nicht "heilig". Der Begriff "heilig", seit der Heiligenverehrung ist der irgendwie abgewirtschaftet. Er ist ein fremder Begriff, den wir heute kaum mehr benutzen. Und das hat auch seine Gründe. Wenn wir bei dieser Urerfahrung auf die Spur kommen wollen, dann will ich jetzt bewusst mit einer bestimmten Frage beginnen. Die kann uns nämlich auf die richtige Spur bringen. Nämlich die Frage: Wie haben sich in der Jesusbewegung die ersten Anhängerinnen Jesu in den ersten Jahrzehnten genannt? Wie haben sie sich selber
bezeichnet? Sie haben sich nicht Christen genannt. Das Wort Christen gibt es in den ersten Jahrzehnten überhaupt nicht. Ja, wenn sie sich nicht Christen genannt haben, wie haben sie sich dann genannt? Ich meine, das ist doch eine elementar wichtige Frage auch für uns heute. Mit welcher Selbstbezeichnung haben sich die ersten Jesus-Anhänger selber bezeichnet? Sie mussten sich doch sehr schnell fragen, wie bezeichnen wir uns? Welchen Namen geben wir der Sache? Es gibt Nachteulen-Gottesdienste, da haben wir monatelang gesucht nach einem passenden Namen. Worthaus. Damals war eine Sitzung von vielleicht zehn Leuten, und wir haben eine Stunde lang gegrübelt, ich weiß nicht mehr genau, und dann hat einer die Idee gehabt, Worthaus. Die haben wir alle gut gefunden, und
seitdem sind wir Worthaus. Die ersten Anhänger Jesu mussten sich im Laufe der Jahre doch sagen, welchen Namen geben wir dem Kind? Mit Kind meine ich jetzt die Jesusbewegung. Das Auffallende ist, das ist heute praktisch nicht mehr bekannt. Es ist außerhalb des heutigen Blickfelds. Ich frage euch mal so, wie haben sich die ersten Christen selber genannt? Wissen Sie das? Sie können ja mal jetzt anhalten in Ihrer Übertragung und sich vielleicht mit anderen mal beraten: Wie lautet die erste Selbstbezeichnung der Christen? Antwort: Die Christen haben sich Heilige genannt. Heilige. Ich will mal das ein bisschen bewusst machen. Aus den Briefanfängen des
Paulus habe ich ein paar Stellen rausgesucht. Es gibt viel mehr Stellen, also Sie werden aber merken, das ist eine satte Grundlage, die paar Stellen, die wir haben. Man könnte sie leicht erweitern. Gehen wir mal zum Briefeingang 1. Korinther 1, Vers 1 und 2. Lies mal da die entscheidenden Passagen. "Paulus, berufender Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen und Sosthenes, der Bruder, an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesus, den berufenen Heiligen samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen." Hier kommt das Wort, der Begriff "heilig" gleich zweimal hintereinander vor, "den berufenen Heiligen" und "den Heiligen in Christus Jesus".
Geh mal zu dem Briefanfang 2. Korinther 1, Vers 1. "2. Korinther 1, Vers 1: Paulus, Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen und Timotheus, der Bruder, der Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, samt allen Heiligen, die in ganz Achaia sind." Geh mal zu Philipper 1,1, da können wir weitermachen. "Philipper 1,Vers 1: Paulus und Timotheus, Knecht Christi Jesu, allen Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind." und so geht es weiter. Man merkt, an welchem Ort er auch schreibt, er redet die immer mit "Heilige" an. Und es war tatsächlich ein Konsens von Anfang an und überall, dass die Christen von sich gesagt
haben, wir sind Heilige. Gehe mal zum Ende des Römerbriefs, da gibt es auch noch ein paar schöne Sätze. "Römer 16, Vers 2: Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es Heilige tun sollen. Römer 16, Vers 15: Grüßt Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester, Olympas und alle Heiligen, die bei ihnen sind. Römer 16, Vers 16. Grüßt einander mit dem Heiligen Kuss." Martin, war da nicht vorher noch eine Stelle? Sammlung für die Jerusalemer Gemeinde? Das ist in 1. Korinther 16, Vers 1: "Was die Geldsammlung für die Heiligen angeht." In Jerusalem ist gemeint. Mir ist diese Stelle auch nochmal wichtig, damit man merkt, ob der nach Rom schreibt oder nach Jerusalem,
es sind die "Heiligen". In Rom war ja Paulus selber gar nicht, aber er setzt selbstverständlich voraus, es sind auch die "Heiligen". Der Begriff "Heilige" kommt im Neuen Testament nur im Plural vor, niemals im Singular. Es gibt keinen einzelnen Heiligen. Die Heiligen kommen nur in Rudeln vor, und die Heiligkeitserfahrung führt sehr schnell zu Gruppenbildung und zu Formen von Gemeinschaft. Interessant ist auch der Ausdruck, der mehrmals kommt, im Römerbrief hast du ihn einmal jetzt gefunden, "Grüßt euch mit dem Heiligen Kuss". Ihr Lieben, das ist ein apostolischer Auftrag. Seid ihr da gehorsam oder ungehorsam? Ich habe mal vor Jahren einen Vortrag gehalten vor Religionspädagogikdozenten,
also es waren nur Dozenten an allen möglichen Hochschulen, hochrangiges Publikum, und mein Vortrag hieß "Wiederentdeckung des Heiligen". Und der Vortrag ging 70, 80 Minuten, und dann am Ende hat der Moderator, der durch den Vormittag geführt hat, es war ein Professor irgendwie aus den neuen Bundesländern, ich weiß nicht mehr wo, und der hat dann zum Schluss, da sind wir zum Mittagessen gegangen, da hat er gesagt: "Also Herr Zimmer, ich habe wirklich Entscheidendes völlig neu gelernt, nämlich: Heilige kommen in Rudeln vor und küssen sich gern, das habe ich gelernt." Da habe ich gesagt: "Da haben Sie Entscheidendes gelernt". Gut, also Sie haben sich "Heilige" genannt, das ist doch wahnsinnig wichtig, im Konsens, von Anfang an, überall, und deswegen müssen wir uns fragen, was kommt ins Spiel mit dem Wort "Heilige"? Hochwichtig, hochinteressant ist: Als die Christen
auf die Suche gegangen sind nach einem Wort, das zu ihnen passt, das sie charakterisiert, da haben sie sicher ein Weilchen nachgedacht, und es muss eine satte Entscheidung gewesen sein, denn die gilt überall für mehrere Jahrzehnte, bis dann der Begriff Christen aufkam. Das Verblüffende ist, dieses Wort "Heilige", das die Christen sich selber gewählt haben, als das passendste Wort, ist gar nicht neu, das gibt es ja schon jahrhundertelang. Im Judentum, das ist auch eine Heiligkeitsreligion, heißt zum Beispiel die Bundesformel "ich bin heilig und ihr sollt auch heilig sein". Das Volk Israel bezeichnet sich auch als heiliges Volk. Die Christen haben für sich
als charakteristische Bezeichnung, von der sie der Meinung waren, das charakterisiert uns am besten, kein neues Wort gewählt, sondern Sie wählen ein Wort, das es schon immer gab, nicht nur im Judentum, auch die kanaanäische Religion ist eine Heiligkeitsreligion. Sie kreist um eine bestimmte Heiligkeitserfahrung. Ich muss immer wieder sagen, es geht mir nicht um Dogmatik, es geht mir um die Erfahrungsebene. Und auch weit über die Kanaanäer hinaus. Zum Beispiel nehmen wir mal Jesaja 6, wo die Seraphim bei der Berufung des Jesaja singen: "Heilig, Heilig, Heilig ist Jahwe Zebaoth". Religionswissenschaftlich spricht alles dafür und nichts dagegen, dass mit dieser Stelle
der Heiligkeitsbegriff überhaupt zum ersten Mal in den israelitischen Glauben integriert wurde. Den gab es überall, in jeder Religion gibt es ja die Heiligkeitserfahrung. Und mit dieser markanten Stelle, also ich will darauf nicht rumreiten, hundertprozentig sicher ist es nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich, es ist plausibel, dass mit so einem markanten Satz Jesaja die Heiligkeitserfahrung in den israelitischen Glauben integriert, allerdings mit einer starken Veränderung, denn "Heilig, Heilig, Heilig ist Jahwe Zebaoth". Das ist völlig neu. In der antiken Religiosität gibt es das Heilige, aber seit Jesaja gibt es den Heiligen. Also Jesaja personifiziert die auf der
ganzen Welt in allen Jahrtausenden gemachte Heiligkeitserfahrung. Ich will mal dabei bleiben, bis ich die Heiligkeitserfahrung dann aufschließe, aber wir müssen das erst mal zur Kenntnis nehmen, sonst ist es Papperlapapp, was ich sage. Wenn der Rahmen nicht klar ist, kann man es nicht klären. Ich will noch mal betonen, die ersten Jesus-Anhänger haben auf der Suche nach einem passenden Namen, Bezeichnung für sich, ein Wort gewählt, das es schon immer gab. Das heißt, sie haben kein Wort gewählt, das sie isoliert und das sie auf Abstand von anderen Teilen der Menschheit bringt. Nein, sie haben sich in einer Erfahrung wiedergefunden,
die schon Millionen Menschen gemacht haben, aber sie jetzt auch. Je zentraler wir fragen, wir fragen jetzt mal ganz zentral, wie haben sich die Christen selber genannt? Ich würde mal sagen, das ist eine zentrale Frage. Da reden wir nicht um Fünftrangiges, das ist eine erstrangige Frage. Wie haben sich die ersten Christen selber genannt? Antwort: Sie haben sich so genannt, dass ein weiter Horizont entsteht. Es verbindet die Jesus-Anhänger mit der Menschheit. Ich will mal folgende Behauptung aufstellen: Je zentraler wir fragen, desto weiter wird der Horizont. Das
ist gesund, das andere ist ziemlich krank. Um was geht es bei dieser Urerfahrung der Menschen, in der Heiligkeitserfahrung? Ich kann das zunächst mit einem Satz beantworten, ich werde ihn auch gleich sagen, aber ich sage euch: Der Satz hat es in sich. Ich bin auch heute mit dem Satz nicht fertig, sondern mittendrin: In der Heiligkeitserfahrung geht es um die Erfahrung des Besonderen. Es geht um die Erfahrung des Besonderen. Es gibt das Übliche, es gibt das Alltägliche, es gibt das Gewohnte, es gibt das Banale, es gibt das Langweilige. Aber ihr Lieben, es gibt auch das
Besondere. Das haben eigentlich alle Menschen irgendwie gespürt. Und dieses Besondere kannst du nicht machen. Es begegnet dir, es greift nach dir, es spricht dich irgendwie an. Das kann ein wunderschöner Sonnenuntergang sein, und es springt dich an. Du bist fassungslos, es rührt etwas tief in dir an. Du bist fasziniert. Es kann der Gipfel eines hohen Berges sein. Ich war mal so 5000 Meter hoch am Rande des Himalaja, am Fuße der Annapurna, die ist ja über 8000 Meter. Das war ein Gefühl, als ich da oben war. Es kann aber auch der Fahrtwind sein auf einer Motorradfahrt.
Wie mir mal jemand gesagt hat in der Kneipe: "Du, da sind wir in die Kurve gehängt, ah, weißt du, unser Motorengeräusch und der Fahrtwind ..." Ich hätte das am liebsten sofort aufgenommen, weil das eine Faszinationserfahrung ist. Es kann aber auch die Fahrt mit einem Jeep durch die Wüste sein. Ich habe mal einen Löwen gesehen, wie er mit seinem neugeborenen Baby schmust. Ich kann das nie wieder vergessen, wie dieser Bär, dieser starke Löwe mit dem Neugeborenen spielt. Es kann ein erotischer Genuss sein, es kann eine wissenschaftliche Entdeckung sein, es kann eine künstlerische Eingebung sein. Es springt uns an, das Besondere. Wir können es nicht mehr vergessen. In den antiken Völkern ist es sehr sensibel erkannt worden, die Heiligkeitserfahrung. Ich bringe
mal ein paar Beispiele. Die Heiligkeitserfahrung in der Erfahrung des Lichts. Wenn dir aufgeht, dass ohne Licht gar nichts geht. Ohne Licht kannst du nicht mal ein Bewusstsein entwickeln, weil unser Bewusstsein resultiert aus Wahrnehmungen. Ohne Wahrnehmung kein Bewusstsein. Und die Völker haben gespürt, ich mache ja nicht das Licht, ich kann da gar nichts dafür. Das Licht, das ermöglicht mir mein Leben. Und jetzt entwickeln Sie Gebete zum Licht oder zur Sonne. Sie singen Lieder, sie personifizieren dann. Aber lasst euch dadurch nicht erschrecken. Sie haben es anders nicht können. In diesen Liedern und Gebeten zur Sonne und zum Licht wollen sie ihre Dankbarkeit ausdrücken.
Ist ein tiefes Gefühl, ohne Sonne läuft gar nichts. Ich habe die Sonne nicht verdient, ich habe sie nicht erworben. Wie schön, dass sie da ist. Oder die Erfahrung der Fruchtbarkeit. Darum kreist die kanaanäische Religion. Die Ernte wächst heran, eine Herde wächst heran. Die Tiere werden groß, die Menschen werden klug. Es ist alles ein Wachstum. Die Fruchtbarkeit. Wir machen doch nicht die Fruchtbarkeit. Oder die Erfahrung der Gemeinschaft in so einem antiken Dorf. Ein Single ist ja absolut gar nicht lebensfähig. Wie schön, dass ich in meiner Sippe lebe. Ich habe ja meine Sippe nicht gemacht. Ich habe sie vorgefunden. Also es gibt in der Realität etwas, was uns geschenkt wird, was wir nie bezahlt haben. Eigentlich das ganze Leben. Und ich habe es
nicht gemacht. Das ist die Erfahrung des Besonderen. Zum Leben gehört das Besondere. Man könnte auch sagen, zum Alltag gehört das Fest. Das Fest ist das Besondere. Es darf nie zum Alltag werden. Denn wir können den Alltag langfristig nur ertragen mit Hilfe des Festes. Sonst würden wir banalisieren, wir würden abstumpfen. Und Menschen haben sich immer wieder gefragt, was ist das Festliche im Leben? Könnte nicht das Leben insgesamt ein Fest sein? Ohne dass die Kirche, und die Christenheit
und der Religionsunterricht und die Familienerziehung, ohne dass sie das Besondere wiederentdecken und dankbar dafür sind, wird es auch eine Erneuerung der Christenheit nicht geben. Im Blick auf Gott kann man sagen: Gott ist das Besonderste, was es gibt. Gott ist in jeder Hinsicht besonders. Er ist nicht alltäglich, nicht lapidar, nicht üblich, nicht gewohnt. Er ist das Besondere. Der Begriff heilig, auf Gott angewendet, will das innerste Wesen Gottes zur Sprache bringen, seine völlige Andersartigkeit. Gott ist anders als alles andere. Gott ist einzig. Gott ist unvergleichlich. Gott ist
kein Teil der Schöpfung. Gott ist mit niemand verwandt. Er ist kein Gegenstand und Objekt. Gott ist nie ein Objekt. Er ist immer nur Subjekt. Gott wird auch nie ein Objekt in deinem Denken werden. Da gehst du immer an Gott vorbei. Gott begegnet dir auch im Denken nur als Subjekt, dass er dich kennt, dass er dich erkannt hat. Er ist dir fremd, aber du bist ihm nicht fremd. Die Heiligkeitserfahrung ist die Grunderfahrung aller Religionen. Es geht um das Wertschätzen, das Würdigen, des Besonderen, ohne das wir nicht leben können. Das Leben wäre ja auch zu schade,
wenn es das Besondere nicht gäbe. Jetzt gehen wir wieder zurück zu diesem ersten poetischen Text. Ich darf euch sagen: Das ist ein Einstieg. In der Johannes-Offenbarung ist ein ganz sicheres Gespür. Ein wichtigerer, passenderer, gesünderer Einstieg ist undenkbar als das Dreimal Heilig. Und es ist wichtig, dass wir den Schülern und den Menschen, den Zeitgenossen zu spüren geben, deine Faszinationserfahrung - und wenn es der Fahrtwind beim Motorradfahren ist, ist doch das was Besonderes, völlig klar - deine Heiligkeitserfahrung, die du auch machst, es geht dabei aber mehr um als um ein Hobby. Es ist schon eine Erfahrung, die dich ergreift.
Du bist ein Ergriffener. Warum? Was drücken die Christen aus, wenn sie sagen, wir sind Heilige? Sie drücken damit aus, wir sind ergriffen. Wir sind Ergriffene. Und als Ergriffene gestalten wir unser Leben. Wir sind von dem ergriffen, der alles gemacht hat. Und wir sind von Jesus aus Nazareth ergriffen, durch den sich die Menschenfreundlichkeit des einzigartigen Gottes gezeigt hat. Wir sind Ergriffene. Und was kann man Besseres sagen? Das meint Heilige. Der Platz, wo man ganz tief ergriffen wird, der ist bei uns schon besetzt. Von daher leben wir.
Also jetzt in diese 3 mal 3 Komposition: "Heilig, Heilig, Heilig". Und die zweite Zeile klärt jetzt nicht das Heilige, sondern der Heilige. Alle Besonderheitserfahrungen, ob in Kunst oder Wissenschaft, Erotik, Natur, Sport, alle Besonderheitserfahrungen kann man zurückführen auf den Besonderen. Faszinationserfahrungen sind Streicheleinheiten unseres Schöpfers, indem er uns zu spüren gibt, wie spannend das ist, was er geschaffen hat. Und dass wir in der Faszination, ohne dass wir es merken und wissen, letztlich von ihm fasziniert sind. Denn ohne ihn, die Quelle aller Faszination, gäbe es keine Faszination und gäbe es nicht das Besondere.
Also "Heilig, Heilig, Heilig ist der Herr" - Kyrios. Kyrios wird in der Septuaginta und im Neuen Testament sehr oft verwendet für den Gottesnamen Jahwe, den Juden ja nicht aussprechen. Ich würdige das auch sehr. Der Gottesname, das Tetragramm, oder man kann auch sagen J-H-W-H, dass man den Namen nicht ausspricht, ist so etwas Besonderes, ist so eine Heiligkeitserfahrung, dass Juden es nicht aussprechen. Ich mache das auch immer mehr, ich nähere mich da dem Judentum an, aber für uns Christen ist es nicht verpflichtend. Denn es steht in der Bibel, auch in der jüdischen Bibel, nirgendwo, das Jahwe kommt ja 6600 mal vor, und es steht nirgendwo in der Bibel, dass man diesen
Namen nicht aussprechen darf. Also sind wir daran jetzt auch nicht im Gewissen gebunden. Erst im späteren Judentum, ich glaube so um 200 vor Christus, fängt es dann an, dass das Tetragramm, der Name J-H-W-H, nicht mehr ausgesprochen wird. Aber es ist auch eine Heiligkeitswirkung und Heiligkeitserfahrung. Also in der dritten Zeile Kyrios steht für das Tetragramm, dann Theos, ist ja die allgemeine Bezeichnung für Gott, Theologie, Theos, und Pantokrator. Kyrios und Theos kommen hundertfach überall vor, aber Pantokrator ist das Lieblingswort von Johannes. Das gibt es im ganzen Neuen Testament nur an einer Stelle. Paulus verwendet es mal irgendwo,
ich habe vergessen wo, aber in der Johannes-Offenbarung kommt dieses Wort achtmal vor, und hier auch bewusst als Letztes. Also die gesamte Heiligkeitserfahrung, in der die Erfahrung des Besonderen, wie man es in den Religionen, in Sport, in Wissenschaft, in Kunst, in Sexualität erfahren kann, wird hier zurückgeführt und aber auch aufgegriffen. Es bleibt wichtig, es wird gewürdigt, das sind Erfahrungen des Besonderen. Wenn wir die abwerten, dann tun wir uns einen Bärendienst und wir verlieren den tiefen Kontakt zu anderen Menschen. Und die dritte Zeile ist wiederum die konkretisierte Stufe. Man kann das im Deutschen ganz schwer wiedergeben, man müsste fast, um das zu ahnen, um was es geht, die dritte Zeile folgendermaßen
übersetzen, ist aber auch nur ein Versuch: Der Warende, der Seiende, der Kommende. Also das Wort der Warende - wir können nur sagen: der, der war. Aber es heißt eigentlich der Warende. Man nennt es in der Grammatik ein duratives Imperfekt. Und dieses durative Imperfekt meint: für immer, dauerhaft, unvergänglich. Ich will mal bei dem Wort "der Warende", "der, der war", gemeint ist, "der, der immer schon war", einen kleinen Gedankenversuch mit euch machen. Ich breche ihn dann aber ab, weil es euch schwindelig werden wird. Überlegt mal ernsthaft: Gott ist nie entstanden. Nie. Nie. Er war immer schon da. Alles, was wir kennen, ist entstanden.
Aber Gott ist nie entstanden. Nehmen wir mal an, 300 Billionen Jahre, ja, da war der auch schon da. Er war immer da. Immer. Kannst du das denken? Nein. Wir können das nicht mal denken. Es wird uns schwindelig, wenn wir uns das ernsthaft meditieren und vorstellen: Er war immer schon da. Er ist aber auch jetzt gegenwärtig. Er ist allgegenwärtig. In all den schönen, gesunden, von den schlechten wollen wir jetzt nicht reden, in all den schönen, gesunden Erfahrungen des Besonderen ist er anwesend. Da ist er mittendrin. Er ist allgegenwärtig. Wir spüren hier indirekt ihn. Und dann der Kommende.
Hier ist die Zukunft, das Ziel. Die Zukunft ist nicht nur einfach die Zukunft so grammatisch, die Zukunft ist hier ein Ziel. Es gibt ein Ziel. Und jetzt Vers 9. Martin, lies mal Vers 9. "Und wenn die lebenden Wesen dem, der auf dem Thron sitzt", immer Thron, achtet mal auf das Wort Thron, "und in alle Ewigkeit lebt, Herrlichkeit und Ehre und Dank erweisen". Hier kommen wieder drei Substantive. Also die Komposition ist 3 mal 3, und hier kommen wieder drei Substantive. Und zwar Herrlichkeit und - wie heißt das zweite - "Ehre" - Ehre - diese Begriffe kommen laufend vor - aber
die Besonderheit im Johannesevangelium ist das Wort "Dank". Das kommt in diesem Zusammenhang eigentlich nie vor, bei solchen Akklamationen, nennt man das. Herrlichkeit, Preis, Ehre. Aber Johannes sagt und Dank. Es ist ihm wichtig. Man nennt das eine Akklamation. Herrlichkeit, Ehre und Dank. Gott wird in der himmlischen Dimension nicht nur anerkannt. Ach, was ist das anerkannt? Nein, Gott wird bewundert, gefeiert, besungen, bestaunt. Nicht anerkannt. Bewundern ist doch viel mehr als Anerkennung. Also Gott in der himmlischen Dimension, ja, natürlich wird er
anerkannt, aber darüber redet niemand. Gott wird besungen, gefeiert. Das ist der richtige Umgang. Jetzt kommen auch die 24 Ältesten. Vers 10: "Dann werfen sich die 24 Ältesten vor dem Thronenden nieder." Dann, das Wort ist sehr gut, genau richtig. Man merkt also, das ist eine Folge, wenn die vier lebenden Wesen ihr Dreimal Heilig gesungen haben. Ich stelle mir das auch vor, dass sie das singen. Wenn sie das gesungen haben, dann: Das ist hier eine gewisse Hervorhebung der vier Lebewesen. Sie stehen Gott am nächsten. Sie singen oder sagen als erste, und die 24 Ältesten, obwohl die auch - Thron - sitzen und so weiter, sie reagieren darauf. Und wie reagieren sie? "Dann werfen sich die 24 Ältesten vor dem Thronenden nieder und beten ihn an, der von
Ewigkeit zu Ewigkeit lebt. Und sie legen ihre goldenen Kränze vor seinem Thron nieder und sprechen" ... und sprechen, und dann kommt Vers 11. Die Ältesten sind die einzigen, von denen eine Handlung berichtet wird. Das ist bei den vier Lebewesen so nicht der Fall. Und diese Handlung wird ausgelöst durch diesen Gesang. Da gibt es also irgendwelche Zusammenhänge, die wir nicht ermessen können. Aber zwei Dinge sind mir sehr wichtig. Einmal, sie fallen nieder. Das nennt man Proskynese. Ich sage das gleich, was man damit meint. Das ist eine ganz bestimmte Körperhaltung, Proskynese. Die gibt es auch oft im Alten Testament. Und da heißt es an diesen Stellen
"er fiel vor ihm nieder". Wie heißt es hier? Sie fielen vor ihm nieder oder wie wird es übersetzt? "vor dem Thronenden nieder" - Sag noch das Ganze. "Dann werfen sich die 24 Ältesten" Also auch hier heißt es so: Sie werfen sich vor ihm nieder. Das ist die Haltung, in der alle Muslime heute noch beten. Man geht auf die Knie, und man beugt sich mit dem Kopf ganz runter, bis der Kopf, die Stirn, den Boden berührt. Das ist für Muslime ein ganz tiefer Akt. Warum? Es haben mir mehrere gläubige Muslime, die das voller innerer Ergriffenheit tun, gesagt, weißt du, Sigi, warum wir das tun, warum wir es so gerne tun? Diese Proskynese, diese
Körperhaltung ist die einzige Körperhaltung, wo das Gehirn, der Kopf, tiefer ist als das Herz. Deswegen lieben wir diese Haltung, weil der Kopf tiefer ist als das Herz. Das geht wirklich nur in dieser Haltung. Von den Knien her ist dein Herz noch ein bisschen höher und der Kopf berührt bewusst den Staub der Erde. Es ist ein tief spiritueller Vorgang. Leider immer wieder, jetzt Gott sei Dank nicht mehr so, leider hat man bei dieser Proskynese dann hunderte von Muslime von hinten fotografiert, dass man sozusagen ihr Hinterteil gesehen hat. Es ist eine so respektlose Fotografie. Da haben sich dann auch die Muslime gewehrt, und heute kommt es nicht mehr oft vor. Aber ich kann mich noch erinnern, in früheren Zeiten habe ich fast nur solche Bilder gesehen.
Also das ist die Proskynese. Und dann ist mir noch was anderes sehr wichtig. Es heißt zweimal, und wenn was zweimal steht, dann muss ich darauf eingehen, weil das ist immer ein Akzent. Es wird in Vers 9 gesagt "von Ewigkeit zu Ewigkeit", und es wird in Vers 10 gesagt "er lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit". Und diese Formel, von Ewigkeit zu Ewigkeit, die gibt es zigfach in der Bibel. Ich habe es in irgendeinem Vortrag schon mal gemacht, aber ich weiß nicht mehr wo und wann. Aber das ist auch hier so wichtig, dass ich da ein bisschen was dazu sagen will. Was ist mit Ewigkeit gemeint? Ewigkeit hat nichts zu tun mit langer Zeit. Gar nichts. Es gibt eine furchtbare Geschichte in einem Grundschullehrbuch, habe ich selber gelesen als Grundschüler. Es gibt einen
hohen Berg, und einmal im Jahr kommt ein Vogel und wetzt seinen Schnabel an der Spitze des Berges ab. Und wenn dieser Vogel, der einmal im Jahr kommt, den ganzen Berg abgewetzt hat, ist eine Sekunde der Ewigkeit vergangen. Also mir ist da dann auch die Lust vergangen. Da fragt man sich ja, um des Himmels willen, was soll ich denn so lange im Himmel tun? Das ist ja stinkelangweilig. Ich habe Panik gekriegt und andere auch. Wenn das Ewigkeit ist, gell? Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ewigkeit ist gar keine Zeit. Zeit ist in der Schöpfung. Als Gott die Schöpfung geschaffen hat, schuf er die Zeit und den Raum. Außerhalb der Schöpfung gibt es keine Zeit und keinen Raum. Die Zeit ist von Gott geschaffen worden, und
sie wird dann auch wieder abgeschafft. Wir können doch nicht die Zeit über Gott stülpen. Er unterliegt nicht der Zeit. Also es gibt: Zeit. Und es gibt: Ewigkeit. Entweder oder. Eins von beiden. Ewigkeit ist was ganz anderes als die Zeit. Worin unterscheidet sich die Ewigkeit von der Zeit? Nicht durch die Länge. Es hat damit überhaupt nichts zu tun. Sondern durch die Qualität. Ewigkeit ist ein Qualitätsbegriff, ein qualitativer Begriff. Worin besteht die Qualität der Ewigkeit? Dass das ewige Leben unbeschädigt ist. Wir alle sind Beschädigte. Wir sind Verletzte.
Und deswegen haben wir auch oft einen ziemlich engen Horizont und werden dann gleich beleidigt oder ehrenkässig. Was es alles gibt. Denn wir alle sind beschädigte Menschen. Wir sind verletzte Menschen. Aber das ewige Leben ist nicht beschädigt, nicht verletzt. Da weinen keine Kinder. Da gibt es keine Klage. Es gibt keinen Grund für eine Klage. In der Ewigkeit ist das Leben ein Fest. Ewiges Leben, das ist eine Lebensqualität. Deswegen können wir niemals sagen, wir glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. Das wäre eine sehr mickrige Hoffnung. Also er lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wir leben in der Zeit, aber Gott lebt in der Ewigkeit. Dann gehen wir noch zum Schlusshymnus, Vers 11.
"Würdig bist du, Herr, unser Gott, die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht zu nehmen. Denn du hast alles erschaffen. Nach deinem Willen entstand die Welt und alles, was auf ihr lebt." Das ist jetzt auch ein Hymnus, auch ein poetischer Text. Im Griechischen, wenn man ihn richtig sortiert, ist es ein Vierzeiler. Die vier lebenden Wesen komponieren einen Dreizeiler und singen ihn poetisch. Schon der nächste poetische Text, er ist poetisch formuliert und ist ein Vierzeiler. Sag mal die erste Zeile. "Würdig bist du, Herr, unser Gott." Jawohl, so weit. "Würdig bist du, Herr, unser Gott." In dieser ersten Zeile kommt das Kapitel zum Ziel.
Halt, ich muss noch was nachholen. Bei der Proskynese der 24 Ältesten, da legen sie wirklich - kannst du nochmal zurückblenden, Vers 10, die Handlung der 24? "Und sie legen ihre goldenen Kränze vor seinem Thron nieder und sprechen:" Legen sie sonst noch was nieder? "Nein." Also auf jeden Fall legen sie ihre goldenen Kränze nieder, ist ja auch ein Herrscher-Symbol, und drücken damit aus: Alles, was wir sind, sind wir durch dich. Diese Proskynese ist ja nicht nur eine Körperhaltung, sondern sie reichen ihm das sozusagen hin in der klaren Erkenntnis: Was wären wir ohne dich? Wir haben es durch dich. Das wollte ich nur nachholen. Also jetzt zu dem
Schlusshymnus "Würdig bist du". Dieser Satz ist das Ziel. Jetzt wird Gott zum ersten Mal angeredet. Er wurde ja bisher gar nicht angeredet in diesem Dreimal Heilig, das ist keine Anrede. Es gibt Ausleger, also wissenschaftliche Ausleger, die gründlich da rangehen, die sagen, dieser dreimal drei Poesie-Text, ist der in Richtung Gott gesprochen oder in Richtung auf uns? Weiß man nicht. Also auf jeden Fall, diese dreimal drei Komposition ist auf jeden Fall keine Anrede. Und jetzt wird Gott angeredet, und zwar mit "Du". Ihr Lieben, das ist ein Hammer. Es gibt keinen
Hymnus, in dem Gott mit Du angeredet wird. Ich meine, das ist der Herr der schwarzen Löcher, der Herr aller Galaxien, der Herr der Milchstraßen, der Schöpfer aller Ameisen, der Herr aller Dinge, der Urheber aller Dinge. In keinem Hymnus wird Gott mit Du angeredet. Aber hier wird Gott mit Du angeredet. Es gibt es außerhalb der himmlischen Dimension eigentlich nur im Vaterunser, durch Jesus, der Gott sehr nahe stand: "Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme". Die größte Nähe liegt hier zum Vaterunser vor. Hier kommt es dann zu einer freimütigen, angstlosen, freudigen,
bewundernden Anrede: "Würdig bist Du". Und übrigens, diesen Ausdruck gibt es in der ganzen Bibel nicht. Aber hier. Es ist ein sehr, sehr seltener Ausdruck. "Würdig bist Du" - und niemand anders. Und jetzt machen wir noch weiter: "die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht zu nehmen." Ja, auch wieder, Herrlichkeit und Ehre, das sind die beiden Begriffe, die oft bei einer Akklamation vorkommen, ja auch in Vers 9. Und hier ist die Besonderheit "Macht". Johannes geht es um die Machtfrage. Auch bei der Schilderung der Umgebung des Thrones kommt als erstes: "Ich sehe 24 Throne." Das heißt, es geht gleich als erstes um die Machtfrage und die Macht. Die Machtfrage ist die zentrale Frage in
der Johannes-Offenbarung. Und ich sage euch, Johannes weiß warum. Das macht er nicht einfach so. Und jetzt der Schlusshymnus, die letzten zwei Zeilen: "Denn Du hast alles erschaffen. Nach Deinem Willen entstand die Welt und alles, was auf ihr lebt." Jetzt wird das Hauptmotiv für alle Bewunderung, alle Musik, alles Staunen auf den Punkt gebracht. Es ist die Schöpferherrlichkeit Gottes. Ohne ihn wäre nichts. Es war sein freier Wille, sein ureigenes Interesse, dass er anderen Anteil geben wollte an sich selber. Uns hat er Anteil gegeben an seinem Leben. Die Grundlage
der Gottesverehrung, theozentrisch. Im nächsten Kapitel 5 wird es um Jesus Christus gehen. Aber jetzt zuerst einmal um Gott, obwohl das Ganze natürlich sehr eng ist, eine Einheit. Trotzdem, jetzt theozentrisch, im Kapitel 4 geht es um Gott, und zwar den Schöpfer, den Urheber aller Dinge. Ohne ihn wäre nichts. Aber Jubilate: Er wollte nicht allein und isoliert bleiben. Er wollte Anteil geben an seiner Schöpferherrlichkeit. Hallelujah, Jubilate.
Die Apokalypse des Johannes (Teil 8): Offenbarung 4, 4-11 | 12.16.1
Die ersten drei Kapitel der Johannesoffenbarung scheinen noch leicht verständlich. Johannes bekommt von Gott einen Auftrag und schreibt sieben Briefe an sieben Gemeinden. Drei Kapitel, in denen schon einiges steckte, was Siegfried Zimmer in den bisherigen Worthaus-Vorträgen zur Apokalypse erklärt hat.
In diesem Vortrag führt Zimmer in den Hauptteil der Offenbarung ein, eines der mystischsten und bildreichsten Bücher der Bibel. Der Autor Johannes, der anfangs noch von sich selbst schrieb, tritt nun völlig in den Hintergrund, als hätte er sich selbst vergessen und lasse die Lesenden selbst durch seine Augen blicken. Was er da sieht, ist irritierend, unverständlich, für uns noch viel mehr als für die Zeitgenossen des Autoren. Zimmer erklärt, was es mit diesem Blick ins Himmelreich auf sich hat, mit den Thronen und Fackeln, den vier Wesen und den Ältesten, was die Zahlen bedeuten und wie die ersten Worte zu verstehen sind, die in dieser überirdischen Vision gesprochen werden. Er erläutert, was in dieser Vision der Begriff »heilig« bedeutet, wieso die Ewigkeit nichts mit langer Zeit zu tun hat und warum es so einmalig ist, wie Gott in dieser Vision angesprochen wird.
Dieser Vortrag gehört zu der 12-teiligen Apokalypse des Johannes-Vorlesung von Prof. Dr. Siegfried Zimmer.