Die Offenbarung des Johannes beginnt im ersten Kapitel mit einem Vorwort und einer ersten Vision. Danach folgt in den beiden nächsten Kapiteln sieben sogenannte Sendschreiben. Diese Sendschreiben richten sich nicht an einzelne Personen, sondern an sieben Gemeinden, die alle sieben im Gebiet der römischen Provinz Asia liegen. Diese Sendschreiben sind etwas Einzigartiges. Es gibt nirgendwo etwas
Vergleichbares, weder innerhalb der Bibel noch außerhalb der Bibel. Es ist auch bestimmt kein Zufall, dass erst innerhalb der Johannes-Offenbarung erst die sieben Sendschreiben kommen und erst dann die vielen apokalyptischen Bilderreden. Offensichtlich sind die sieben Sendschreiben eine unverzichtbare Verstehensvoraussetzung für die späteren Bilderreden. Und in der Tat, die sieben Sendschreiben bilden einen ganz eigenen Block innerhalb der Johannes-Offenbarung mit ganz eigenem Profil im Unterschied zu den vielen apokalyptischen Bilderreden, die dann kommen werden, die natürlich
auch sehr wichtig sind. Man kann sogar sagen, wenn man ein bisschen kühn ist, die Johannes-Offenbarung hat nach diesen einleitenden Versen in Kapitel 1 eigentlich zwei Teile. Einen kleineren Teil, das sind die sieben Sendschreiben, und einen großen Teil, Kapitel 4 bis 21, 22, das sind die apokalyptischen Bilderreden. Und inwiefern sind diese Kapitel 2 und 3, die sieben Sendschreiben, eine unverzichtbare Verstehenshilfe für die vielen anderen Kapitel, die dann folgen werden? Ja, insofern, als die sieben Sendschreiben ihren Blick auf die Gegenwart richten, und alle folgenden Kapitel richten ihren
Blick auf die Zukunft. Und entscheidend ist: Wir brauchen erst den Blick in die Gegenwart. Erst, wenn wir den Blick in die Gegenwart vollzogen haben, aufmerksam, sensibel, empathisch, sind wir präpariert, sind wir vorbereitet für den Blick in die Zukunft. Man darf in der Johannes-Offenbarung nicht in die Zukunft springen. Da kommt nichts raus dabei. Ich will mich da jetzt nicht groß verlieren, was sich im Internet da alles… Die Sendschreiben bei den echt apokalyptischen Heulern, die es heute tausendfach gibt, da spielen die Sendschreiben, die werden mal kurz Inhaltsangabe, aber dann springt man gleich ins Kapitel 4 in die apokalyptischen Bilderreden. Damit hat man
einen entscheidenden Lesehinweis in der Johannes-Offenbarung bereits missachtet und übersprungen. Jetzt fragen wir uns mal zunächst: Wie sollen wir uns eigentlich die damaligen christlichen Gemeinden vorstellen? Der auffallendste Unterschied dieser damaligen Gemeinden zu unseren heutigen Verhältnissen ist folgender: Die damaligen Gemeinden waren Hausgemeinden, die sich in Privathäusern versammelt haben. Das ist der entscheidende Unterschied zu heute. Es gab damals noch keine Kirchen oder Gemeindehäuser. Es gab überhaupt keine öffentlichen christlichen Gebäude, denen man von außen schon angesehen hätte, ah, da treffen sich regelmäßig die Christen. So etwas
gibt es nicht. Die ersten Kirchen und Gemeindehäuser entstehen ab dem dritten Jahrhundert. Also es waren relativ kleine Gemeinden, vielleicht 30 oder 50 oder 70 Personen. Wichtig war in diesen Gemeinden, dass es mindestens ein Mitglied gab, der eines dieser großen Peristylhäuser besaß. Habe ich ja im ersten Vortrag gestern ausgeführt, sind sehr große Häuser, da kriegst du locker 30, 50, 70 Personen unter. Also dessen müssen wir uns bewusst sein. Ich weise deshalb darauf hin, weil Johannes selber sich nirgendwo äußert über die Größe der Gemeinde oder die
Struktur der Gemeinde oder die Unterkunft dieser Gemeinden. Er geht halt einfach von den damaligen Verhältnissen aus. Ja, was soll er denn sonst tun? Und weil er also selber darüber kein Wort verliert, passiert es schneller, als man denkt, dass man die heutigen Verhältnisse in diese Texte hineinfantasiert. Ob es in großen Städten, so wie Ephesus, vielleicht mehrere Hausgemeinden gegeben hat, die vielleicht dann einen zentralen Versammlungsort irgendwo hatten, darüber wissen wir nichts. Jetzt will ich einen Schritt weiter gehen. Was sind denn das für Gemeinden, an die die
Sendbriefe gerichtet sind? Es sind alles Stadtgemeinden in größeren Städten. Um welche Städte handelt es sich? Ich will sie mal aufzählen. Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea. Es sind alles bedeutende Städte, die bedeutendsten sind die ersten drei. Ephesus, Smyrna und Pergamon. Und diese Ansammlung von sieben Städten bestätigt etwas, was wir von dieser Zeit sowieso schon aus vielen anderen Indizien Bescheid wissen. Das Zentrum der frühen Christenheit lag nämlich in den Städten. Das ist durchaus bemerkenswert, weil damals die weitaus meisten Menschen auf dem Land gelebt haben. Über 90 Prozent aller Menschen lebten auf dem Land.
Aber in der Johannesapokalypse ist nirgendwo von einem Dorf die Rede. Es ist nirgendwo die Rede von einem Leben auf dem Land im Unterschied zu einem Leben in der Stadt. Christliches Leben in der Johannesapokalypse ist Leben in einer Stadt. Wie kommt eigentlich Johannes auf diese sieben Städte? Wie hat er sie ausgewählt? Das wissen wir nicht. Zunächst mal kann man sagen, diese sieben Städte liegen auf einer Reiseroute, also auf einer Landkarte der damaligen Verhältnisse kann man diese sieben Städte superschön nacheinander aufsuchen. Es beginnt in Ephesus,
also an der Westküste, dann etwas nach Norden, 60, 70 Kilometer nach Norden kommt Smyrna, dann geht die Straße weiter nordwärts, aber auch ein bisschen landeinwärts nach Pergamon. Pergamon ist die nördlichste Stadt dieser sieben Städte. Und dann macht diese Fernstraße wieder eine Biegung in südöstlicher Richtung bis nach Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea. Man kann also diese Städte in der angegebenen Reihenfolge auf einer Reiseroute nacheinander aufsuchen. Immerhin, das ist ein schöner Hinweis. Trotzdem bleiben wir mal bei der Frage, warum gerade diese Städte? Wir wissen es nicht, und diese Auswahl der sieben ist erstaunlich. Also sie sind ein exegetisches Geheimnis. Ich glaube nicht, dass man das irgendwann mal lüften kann.
Das Geheimnis ist deswegen festzustellen, denn es gibt in der römischen Provinz Asia noch viel mehr Städte. Diese Provinz Asia war ja die reichste Provinz des Römischen Reiches und die kulturell am höchststehenste Provinz. Das zeigt sich auch darin, dass diese Provinz sehr viele Städte hat. Also nehmen wir mal Milet zum Beispiel. Die Insel Patmos gehörte verwaltungstechnisch zu Milet, obwohl Ephesus viel näher dran war. Ephesus liegt am nächsten zu Patmos, eine Schiffstagesreise entfernt. Aber Patmos gehört zu Milet. Und dann gibt es zum Beispiel Hierapolis, eine sehr große, wichtige, berühmte Stadt, oder Troas oder Magnesia oder Kolossä oder Tralles.
Das sind alles wichtige Städte. In all diesen Städten gab es christliche Gemeinden, und diese christlichen Gemeinden kommen auch in der Apostelgeschichte vor, oder in den Grußlisten der Paulusbriefe werden diese Städte des Öfteren genannt. Ja, warum dann diese sieben? Es ist deswegen noch etwas geheimnisvoller, weil zwei dieser sieben Städte relativ unbedeutend waren. Also alle sieben Städte waren zwar Gerichtsorte und hatten eine Poststation. Insofern alle Achtung, das waren also schon nennenswerte Städte. Aber Thyatira war von den sieben also wirklich die unbedeutendste. Es war eine Handwerker- und Gewerbestadt, hatte eigentlich in keiner Weise überregionale Bedeutung, kulturell oder militärisch oder sonst wie. Und die zweite
Stadt, die relativ unbedeutend war, war Philadelphia. Die war ein bisschen größer wie Thyatira. Aber die anderen genannten Städte, Milet, Hierapolis, Troas, Kolossä, ja, waren viel bedeutender. Also ich stelle fest, die Auswahl dieser sieben ist eine spannende Frage, die niemand beantworten kann. Irgendwas hat ihn dazu bewogen. Hochinteressant ist der Ort Thyatira. Thyatira ist die unbedeutendste Stadt. Und von den sieben Sendschreiben ist das mittlere Sendchreiben das an Thyatira. Dieses Sendschreiben bildet die Mitte. Das könnte man auch geografisch erklären, wenn man diese Route genau so auf sich nimmt,
ist Thyatira tatsächlich die Überbrückungsstadt von den drei großen Städten nahe an der Küste zu den anderen drei Städten mehr im Landesinneren. Da hat Thyatira eine gewisse Brückenfunktion. Aber sie bildet den mittleren Sendbrief. Jetzt ist es so, gerade dieser mittlere Sendbrief ist hochgradig auffällig. Es ist nämlich der längste Sendbrief. Die Sendbriefe insgesamt sind nicht umfangreich. Sie sind zwischen fünf und zehn Versen. Der kürzeste Sendbrief hat vier Verse. Der längste Sendbrief, der an Thyatira, hat elf Verse. Die anderen sind alle fünf bis zehn. Es ist der umfangreichste Sendbrief, obwohl es die unbedeutendste Stadt ist. Aber es ist noch
viel mehr auffällig. Es ist der konkreteste Sendbrief. Die anderen Sendbriefe, das werde ich noch intensiv schildern, verbleiben alle auf einer Verallgemeinerungsstufe. Sie verbleiben im Grundsätzlichen. Sie geben nirgendwo ganz genaue Dienstanweisungen, so dass wir degradiert werden würden zu reinen Ausführungsorganen. Nein, die Sendbriefe sind alle so angelegt, dass jeder, der diesen Sendbrief liest, sich immer noch selber fragen muss: Und was mache jetzt ich? Die Sendbriefe meiden die Konkretion. Das ist keine Schwäche, sondern ihre entscheidende Stärke. Das werde ich noch ausführen. Aber der Sendbrief an Thyatira geht in der Konkretion am weitesten. Und dann muss man auch noch sagen, der Botenspruch, das werde ich noch erklären, ist ein ganz
besonderer. In dem Botenspruch zu Thyatira wird nämlich Jesus als einzige Stelle in der ganzen Johanneseoffenbarung Sohn Gottes genannt. Jesus wird in der Johanneseoffenbarung nur ein einziges Mal Sohn Gottes genannt, im Sendschreiben nach Thyatira. Und im Sendschreiben nach Thyatira wechselt die Reihenfolge vom Weckruf zum Siegerspruch, wird hier rumgedreht. Das ist eigenartig. Welches Verhältnis hat Johannes zu Thyatira? Meine Nachfolgerin auf meiner Stelle an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die heißt Gudrun Guttenberger, ist eine sehr qualifizierte und bekannte Neutestamentlerin, hat Markuskommentar geschrieben, anderes. Diese Gudrun Guttenberger,
die ich persönlich natürlich gut kenne, hat in einem Aufsatz eine interessante These aufgestellt, wo alle sagen, die These ist wahnsinnig interessant, könnte stimmen, aber man weiß es halt nicht. Die Gudrun Guttenberger sagt, Johannes kommt aus Thyatira. Sie nennt Johannes Johannes von Thyatira. Entweder ist er dort geboren, und dann er weiß er natürlich dort am besten Bescheid, oder er hat dort als Prophet am längsten gewirkt. Also, ist eine interessante These, aber wir wissen es nicht. Gut, also die Sendschreiben sind nicht sehr umfangreich, fünf bis zehn Verse. Jetzt machen wir mal weiter. Wie sind die Sendschreiben aufgebaut? Ich will mich also in diesem ersten Vortrag
darauf konzentrieren: Eine erste summarische Einführung in die Sendschreiben. Jetzt mal allgemeines zu den Sendschreiben. Sie sind nicht sehr umfangreich. Sie hängen irgendwie eng miteinander zusammen. Sprachlich und thematisch sind sie eng miteinander verbunden, sie sind aufeinander abgestimmt, sie ergänzen sich, sie bilden eine Einheit, sie haben den gleichen Aufbau, da kommen wir noch drauf. Diese Sendschreiben sind nie einzeln verschickt worden, sondern in allen sieben Gemeinden konnte man jeweils die anderen sechs Sendschreiben auch lesen. Also diese Sendschreiben sind öffentliche Briefe, wie ja die ganze Johannes-Offenbarung ein öffentliches Schreiben ist. Die Johannes-Offenbarung wurde nicht nur in diesen sieben Orten, Städten gelesen, sondern auch weit darüber hinaus. Deswegen, weil die sieben Sendschreiben so eine Einheit bilden, sollte man
zurückhaltend damit sein, einzelne Sendschreiben isoliert zu interpretieren. Erst alle sieben Sendschreiben ergeben einen Gesamteindruck. Jetzt wenden wir uns mal dem Aufbau der Sendschreiben zu. Alle Sendschreiben haben einen ungewöhnlichen markanten Aufbau. Es gibt nirgendwo Schreiben oder Briefe, die so einen Aufbau haben. Also auch der Aufbau ist einzigartig für die gesamte Antike. Sie haben einen fünfgliederigen Aufbau. Und zwar beginnen sie mit zwei Eingangssprüchen, dann kommt der eigentliche Brief, und nach dem Brief kommen noch zwei Abschlusssprüche. Also sehr ungewöhnlich, sehr markant. Und dieser ungewöhnliche Aufbau muss einen tieferen Sinn haben, denn er
wird siebenmal konsequent eingehalten. Deswegen wende ich mich jetzt diesem fünfteiligen Aufbau zu, und zwar nur summarisch. Ich behandle jetzt diese fünf Bauelemente im Blick auf die charakteristischen Merkmale, die für alle Sendschreiben gelten. Ich beginne jetzt mal rein summarisch. Danach, ab der zweiten Hälfte und morgen, wende ich mich dann den einzelnen Sendschreiben nacheinander zu. Aber jetzt mal dieser fünfgliederige Aufbau. Das erste Bauelement in allen Sendschreiben nennt man in der Exegese den Schreibauftrag. Dieser Schreibauftrag, mit dem alle sieben Sendschreiben beginnen, ist immer genau gleich formuliert. Es wechselt nur der Name
der jeweiligen Stadt. Also der Schreibauftrag lautet: "dem Engel der Gemeinde in Ephesus, schreibe", "dem Engel der Gemeinde in Smyrna, schreibe", "dem Engel der Gemeinde in Pergamon, schreibe", und so weiter. Also so geht alles los. Mit diesem Schreibauftrag wird als erstes klargestellt, dass Johannes diese Sendschreiben nicht aus eigenem Antrieb verfasst hat. Denn der Auftrag kommt vom auferstandenen Christus. Das wird aus dem Zusammenhang vollkommen klar. Also der auferstandene Christus sagt dem Johannes: "dem Engel der Gemeinde in Ephesus, schreibe". Also damit wird als allererstes klargestellt: Ich habe diese Sendschreiben nicht aus eigener Motivation verfasst.
Dann das zweite, was interessant ist: Schreibaufträge gibt es in der jüdischen Tradition durchaus, auch im Alten Testament. Dass Propheten einen Schreibauftrag bekommen, das gibt es immer wieder. Allerdings sehr auffallend ist, alle Schreibaufträge bisher waren von Gott. Alle. Ohne Ausnahme. Aber jetzt bekommt Johannes einen Schreibauftrag vom auferstandenen Christus. Sowas hat es noch nie gegeben. Also da bricht irgendwie was völlig Neues an. Und man spürt, wie entscheidende Bedeutung der auferstandene Christus hat. Er führt hier die Aufträge. Jetzt kommt aber die spannende Frage, wer ist denn der Engel der Gemeinde in Ephesus
oder Smyrna oder Pergamon? Es heißt immer so, gell, es wird immer wieder gesagt, das ist der Gemeindeleiter. Diese Auslegung ist aber vollkommen unhaltbar. Ich sage mal warum. Das Wort Engel kommt in der Johannesapokalypse wahnsinnig oft vor. Ich habe es leider jetzt versäumt zu zählen. Ich schätze mal 40 bis 60 mal kommt es vor. In keinem einzigen Fall ist damit eine irdische Person gemeint. Mit Engel ist in der Johannesapokalypse immer eine himmlische Gestalt gemeint. Nächstes Argument. Im ganzen Neuen Testament ist mit dem Wort Engel niemals eine menschliche Person gemeint. Jetzt kommt das dritte Argument. Im ganzen Judentum ist mit dem
Wort Engel niemals eine menschliche Person gemeint. Also das allein müsste also genügen, um zu sagen, also das ist glatter Unfug. Aber es gibt noch weitere Argumente. Die Sendschreiben sind alle an ein Kollektiv gerichtet. Die Gemeinde als Ganzes wird angeredet: "Ich kenne deine Werke". Das Wort "deine" ist ein kollektiver Singular. Sonst müsste man ja sagen, das sind die Werke vom Gemeindeleiter. Nein, das ist der Clou aller Sendschreiben, dass sie überindividuell ausgerichtet sind, nicht individuell. In keinem der Sendschreiben geht es um die Verantwortlichkeiten oder Aufgaben oder Vorzüge oder Schwächen einzelner Personen. Überhaupt nie. Es geht gar nie um Fragen der
Gemeindeleitung. Nie. Spielen in den Sendschreiben keine Rolle, ob ein einzelner oder mehrere. Selbst der Begriff Älteste, der in der Johannes-Offenbarung vorkommt, bezieht sich auf himmlische Gestalten. Und dann muss man noch wissen, Johannes selber hält gar nichts von Gemeindeleitung. Es gibt bei ihm gar keine Ämter. Er hat ein sehr egalitäres Gemeindeverständnis. Johannes kennt nur Knechte Gottes. Zu denen zählt er sich selber auch, aber auch alle Christen. Und mehr gibt es bei ihm nicht. Also es gibt nur Knechte Gottes. Also auch von daher, es entspricht in keiner Weise den Sendschreiben. Also, obwohl das für manche dann komisch wird, ja dann haben sie halt ein Problem
damit, es muss sich bei diesem Engel der Gemeinde um eine himmlische Gestalt halten. Und diese Deutung, werdet ihr merken, gibt einen hervorragenden Sinn. Zwar ist einzuräumen, diese Vorstellung, dass es von jeder Gemeinde, also zumindest von diesen sieben, einen himmlischen Repräsentanten gibt: Diese Vorstellung gibt es auch nirgends. Das stimmt. Weder in der Bibel noch außerhalb der Bibel. Aber wir wissen, dass in der damaligen Zeit der Engelsglaube sehr vital war. Er blühte und er hatte viele Spielarten, von denen wir von vielen Spielarten nicht mehr wissen, wie haben die das gemeint. Also wir kennen diese Hintergründe dieses blühenden Engelglaubens nicht.
Interessant ist ja, dass Johannes das gar nicht erklärt. Also er hat gar nicht den Eindruck, ich muss das jetzt erklären. Das heißt, er setzt voraus, meine Leser wissen, was ich da meine. Jetzt will ich mal den Sinn sagen. Ich bin sehr, sehr froh, dass diese Analysen der Gemeinde - es handelt sich um eine Evaluation, würden wir heute sagen, diese Gemeinden werden vom Auferstandenen evaluiert - dass diese Evaluation in die Hand eines himmlischen Repräsentanten gerät und nicht in die Hand irdischer Leute, da bin ich sehr glücklich. Denn warum? Mit diesem Engel kommt von Anfang an zur irdischen Realität dieser Gemeinden eine himmlische Dimension. Und es ist
sehr wichtig. Warum? Man kann doch gar nicht in fünf bis zehn Versen eine Gemeinde analysieren. Das ist ja im Grunde genommen völlig unmöglich. In fünf Versen. Wie viel bleibt da ungesagt? Wie viel kann man auch gar nicht in so kurzen Worten ausdrücken? Wie viele Details, wie viel Unbewusstes, wie viele Realitäten bleiben da außen vor? Das kann man in fünf Versen gar nicht alles sagen. Und es wird ja auch nirgendwo der Anspruch erhoben, dass die Schilderung dieser Gemeinden vollständig wäre. Nein, die ist gar nicht vollständig. Da könnte man über jede Gemeinde zwei Romane schreiben. Es geht hier um irgendeine Art von Gesamteindruck, ohne dass dieser Gesamteindruck ausdifferenziert wird in alle Verästelungen. Und wie viel bleibt hier
ungesagt? Ein Gemeindeleiter wüsste das nicht. Der wäre ja selber völlig überfordert. Dem ist ja vieles selber nicht bewusst. Ja, aber der himmlische Repräsentant kann damit umgehen. Er weiß, was gesagt wurde, was nicht gesagt wurde. Er kennt den ganzen Umfang. Er kann das vom Himmel her ganz anders bewerten wie ein Gemeindeleiter, der mit seinen irdischen Äuglein hier völlig überfordert wäre. Also der Engel ist ein himmlischer Repräsentant. Wir wissen über diesen himmlischen Repräsentanten nichts. Zu Spekulationen habe ich keine Lust, die bringen auch nichts. Wir erfahren auch keine Namen, und wir erfahren nirgendwo irgendeine Aktivität
dieser Engel. Wir erfahren über diese Engel nichts, nur eines. Sie sind in der Hand Jesu Christi. Das werdet ihr nachher merken beim Botenspruch. Das sagt der, der die sieben Engel fest in seiner Hand hat. Das ist das einzige, was wir über diese Engel wissen müssen. Sie sind ganz in der Hand von Jesus Christus. Mehr müssen wir nicht wissen. Wollen wir nicht mehr wissen, als wir wissen. Eine der großen Gefahren ist, man will zu viel wissen. Man will sich die Dinge zu genau vorstellen. Nein, die Sprache, diese Bildersprache schützt uns davor, dass wir zu viel wissen wollen. Der zweite Baustein ist der sogenannte Botenspruch.
Ich interpretiere den Botenspruch grundsätzlich. "Das sagt der, der hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der umhergeht mitten unter den sieben goldenen Leuchtern." Ja, also ich sage nochmal: "das sagt der, der die sieben Sterne hält", und das ist ganz klar, die Sterne sind die Engel der Gemeinden. Das wird ein, zwei Verse vorher klar. Die Sterne sind die Engel der Gemeinden, das kann man also gleich setzen. Der Auferstandene spricht jetzt im Botenspruch: "das sagt der". Der Auferstandene redet erstaunlicherweise von sich selber in der dritten Person. Es ist auffallend, wir wissen nicht warum. Also "das sagt der", und jetzt kommen zwei oder drei Aussagen. Der Botenspruch ist zweigliedrig oder dreigliedrig.
Wieso heißt das ganze Botenspruch? Das ist jetzt für Otto Normalverbraucher unverständlich. Ich will das kurz erklären, dass ihr nirgendwo unnötig vor Rätseln steht. Die Redensart ist in der heutigen Bibelwissenschaft üblich, und deswegen verwende ich sie halt, weil man sich damit ganz schnell und prägnant unterhalten kann: "Ach, im Botenspruch und so." Ja, die alttestamentlichen Propheten waren Boten. Sie hatten von Gott eine Botschaft, und sie haben diese Botschaft an ihre Hörerschaft weitergeleitet in ihren Botensprüchen. Und diesen Ausdruck, den überträgt man hier einfach. Jesus ist hier auch ein Bote Gottes, und er hat auch eine Botschaft zum Weitergeben. Also nennen wir das auch Botenspruch. So kommt es zustande. Der Botenspruch, theologisch wichtig, ist folgendes. Der
Botenspruch ist eine Selbstvorstellung des auferstandenen Christus. Und etwas Höheres gibt es theologisch nicht. Das Höchste, was es in der Bibel gibt, ist eine Selbstvorstellung Gottes. "Ich bin Jahwe. Ich bin gnädig und gütig und geduldig und von großer Güte" sagt Gott von sich selber. Also wenn Gott sich selber vorstellt, das ist theologisch die höchste Autorität, die es gibt. Denn etwas Konzentrierteres als eine Selbstvorstellung Gottes gibt es in der Bibel nicht. Und deswegen sind die wenigen Selbstvorstellungen Gottes, die es in der Bibel gibt, von allerhöchstem Gewicht. Und hier haben wir eine Selbstvorstellung des Auferstandenen. Er stellt sich selber vor in dritter Person. Es ist ja interessant, wie er sich vorstellt.
Deswegen kann man sagen, der Botenspruch dominiert das gesamte Sendschreiben. Der Botenspruch ist zunächst mal schon das Entscheidende. Und der Botenspruch ist die sachliche Grundlage für alles, was dann im Sendschreiben kommt. Gut, also soweit etwas Grundsätzliches zum zwei- oder dreigliedrigen Botenspruch, in dem Jesus sich selber vorstellt und sich als der eigentliche Absender und der eigentliche Verfasser der Sendschreiben vorstellt, mit einer kurzen, prägnanten Selbstvorstellung. Jetzt gehen wir zum dritten Baustein. Also das will ich vielleicht noch sagen. Der erste Baustein, der Schreibauftrag, ist überall genau gleich. Nur der Name der Stadt wird ausgewechselt. Der Botenspruch ist überall anders. Und deswegen liegt die Vermutung sehr
nahe, und die bestätigt sich, dass die andere Art, wie sich dann der Auferstandene im Botenspruch bei Smyrna vorstellt und dann bei Pergamon - jeder Bodenspruch ist anders - dass das damit zusammenhängt, was in dieser Gemeinde da gerade los ist. Und es bestätigt sich auch, dass es zwischen der jeweiligen Formulierung des Botenspruchs und der Gemeindesituation, dass es da Verbindungsfäden gibt. Auf die werde ich dann an entsprechender Stelle zu sprechen kommen. Und jetzt kommt der Gemeindebrief selber, also fünf bis zehn Verse. Der Gemeindebrief beginnt in fast allen Fällen so: "Ich weiß", oder man kann auch übersetzen, "ich kenne", euda. "Ich weiß" oder "ich kenne", so fängt der Brief an.
Das ist nochmal eine prägnante Vorstellung der Souveränität des Auferstandenen. "Ich weiß" und "ich kenne". Ich kenne dich, ich kenne deine Situation. Das ist schon mal das Entscheidende. Diese Eingangsfloskel, sagen wir mal, ist die sachliche Grundlage des ganzen Briefes. Nicht du weißt und du kennst, sondern er weiß und er kennt. Er weiß auch das, was du nicht weißt, und er kennt auch das, was du nicht kennst. Also das wird erst mal klargestellt. Dann kommt als zweites in den Briefen, jeweils ein bisschen anders, aber es ist ein charakteristisches Element, das sich durch alle Briefe zieht: Was weiß er? "Ich weiß" oder in dem Fall muss man im Deutschen sagen, "ich kenne deine Werke". Kommt überall, allein bei den Ephesern werdet ihr hören, dreimal kommt es:
erga, Werke. Die Werke sind von entscheidender Bedeutung. Zählt mal den Begriff Werke in den Sendschreiben. Da werdet ihr erstaunt sein. Also es geht um die Werke. Was ist mit den Werken grundsätzlich gemeint? Ja, da kann er schon ein bisschen was sagen, das ist nämlich das Handeln. Mit Werken sind weniger so einzelne Taten gemeint. Es gibt ja auch so vereinzelte, isolierte Taten oder Ausrutscher. Nein, das sind keine Erbsenzähler, die Sendschreiben, sondern mit Werke ist die gesamte Lebenspraxis gemeint. Das Handeln insgesamt, dein Lebensstil, deine Lebensweise, das ist gemeint. Also "ich kenne deine Werke". Mehr will ich jetzt mal nicht sagen in diesem summarischen Einführungsteil. Diese Werke werden jetzt in den einzelnen Sendschreiben entweder gelobt oder getadelt. Wenn sie gelobt werden, dann geht es meistens um folgende zentrale Erkenntnis:
Halte fest, was du hast. Wenn gelobt wird, spielt dieser Satz eine große Rolle: Halte fest, was du hast. Wenn getadelt wird, dann erfolgt ein Umkehrruf. Die Johannesapokalypse, kein anderes Schreiben hat so eine Wiederentdeckung des Umkehrrufs wie die Johannesapokalypse. Den Umkehrruf haben ja schon die alttestamentlichen Propheten gehabt, dann sehr stark Johannes der Täufer. Seine Taufe war eine Umkehrtaufe. Jesus hat sich von diesem Umkehrpropheten taufen lassen. Bei Jesus selber spielt der Umkehrruf eine gewisse Rolle und dann in der Apostelgeschichte auch. Aber sonst in den Paulusbriefen und in den anderen Briefen, die nicht von Paulus sind, spielt eigentlich der Umkehrruf keine
große Rolle. Aber bei Johannes wieder volle Pulle. In der Apostelgeschichte ist mit Umkehrruf etwas anderes gemeint, nämlich die erste grundlegende Umkehr zu Gott, also ganz am Anfang des Christseins. Bei Jesus ähnlich: Sein Umkehrruf ist: "schließe dich mir und meiner Jesusbewegung, Jesusnachfolge an." Das ist also auch der erste grundlegende Schritt. Aber Johannes, der betont, dass auch langjährige Christen so gegen die Wand laufen können, sich so verkanten können, so komisch sich entwickeln können, langjährige Christen, dass die auch umkehren sollen. Und das ist relativ neu im Neuen Testament, dass die altgedienten Christen, die lang bewährten Christen, dass die umkehren sollen.
Das ist ein neuer Ton. Also rechne ruhig damit jetzt im Folgenden, wenn du ein bewährter, langjähriger, bekennender, wiedergeborener, was gibt es noch alles, Christ bist, rechne mal damit, dass auch du umkehren sollst. Und dass diese Umkehr dem Auferstandenen so wichtig ist, das zeigt sich an einem unglaublichen Merkmal. Da merkt man, der Auferstandene fordert die einzelnen Gemeinden zur Umkehr auf. Und ich sage euch, der will auch, dass das geschieht. Er will, dass die Dinge abgestellt werden. Der Auferstandene, darf ich euch sagen, der kritisiert ungeniert, unverblümt. Die Sendschreiben sind kein Schmusekurs. Da wird nicht unser Harmoniebedürfnis bedient und unser Bestätigungsbedürfnis. Die
Sendschreiben sind Konfrontationsliteratur. Die sind ein Training in Selbstkritik. Da dürft ihr euch mal ganz warm anziehen. Also der Auferstandene ist da völlig ungeniert. Ich sage euch, der legt da richtig los. Und jetzt sagt er, wenn ihr aber nicht umkehrt, dann sage ich euch, das wird sehr schwerwiegende Folgen haben. Und die nennt er dann auch. Das heißt, der Auferstandene begnügt sich nicht nur mit dem Umkehrruf, sondern er begründet den Umkehrruf mit ganz ordentlichen Warnungen. Also jetzt fassen wir mal zusammen. Die Sendschreiben, "ich weiß, ich kenne deine Werke." Es kommt also nicht auf Lippenbekenntnisse an, sondern auf die Lebenspraxis. Und die
Lebenspraxis wird gelobt oder getadelt, getadelt ordentlich scharf. Trotzdem sollten wir kurz daran denken, dass da indirekt doch auch eine Verheißung drinsteckt: Du kannst umkehren. Du hast die Zeit. Ich gewähre dir, egal wo du stehst, kehr um. Es gibt ja von Kermani dieses wunderschöne Kinderbuch, müsst ihr unbedingt lesen. Ist ein Muslime, aber eines der schönsten Kinderbücher der letzten Jahre. Jeder soll von dort, wo er ist, einen Schritt näher kommen, heißt dieses Buch. Kermani. Jeder soll von dort, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Das hat eine Nähe zu diesem Umkehrruf. Egal wo du bist, wie du dich verrannt hast, du kannst umkehren. Gut, jetzt will ich aus diesen Briefkorpora noch ein Merkmal herausgreifen,
das besonders wichtig ist. Alle Sendschreiben - selbst das in Thyatira, das geht zwar relativ weit, aber es gilt auch für das Sendschreiben in Thyatira, denn das könnte man noch viel konkreter schreiben - alle Sendschreiben meiden die Konkretion. Sie bleiben bewusst auf einer Verallgemeinerungsstufe stehen. Also sagen wir mal, Ephesus: "ich kenne deine Werke". Ja, was meinst du da damit? "Ich kenne deine Ausdauer": Ja, ihr möchtet schon wissen, was ist denn damit gemeint? Ja, ich kann mir natürlich einiges denken, aber es wäre doch schön, wenn das ein bisschen konkreter wäre. Und "ich kenne deine Standhaftigkeit". So geht's los. Ich kenne deine Werke, deine Ausdauer, deine Standhaftigkeit. Ich werde dann
nachher das dazu sagen, was man dazu sagen kann, aber arg viel ist das nicht. Und dann kommt der Tadel: "Ich habe aber gegen dich, dass du die erste Liebe verlassen hast." Ja, was ist die erste Liebe? Ja, ich kann mir schon ein bisschen was denken, aber ich hätte es schon gern genauer. Und dann "kehre um und tue die ersten Werke der Liebe." Ja, die ersten Werke der Liebe. Wisst ihr da genau, was da... Und dann geht es weiter auf dieser Verallgemeinerungsstufe. "Ich lobe dich, weil ihr diejenigen, die sich Apostel nennen und es nicht sind, die habt ihr geprüft und als Lügner erkannt." Ja, was waren das für Leute, die sich Apostel nennen? Und wie hat man sie geprüft? Und wie lange hat man sie geprüft? Mit welchen Methoden hat man sie geprüft? Und wie ist dann die Gewissheit entstanden, dass sie Lügner sind?
Das würde ich wirklich gern genauer wissen. Und so geht es, "auf dass du kalt oder heiß bist, aber weil du lau bist," symbolische Bildersprache. "Ich empfehle dir bei mir, Augensalbe zu kaufen." Also du liebe Zeit, du liebe Zeit. Alle Sensschreiben verbleiben sehr bewusst auf einer gewissen Allgemeinerungsstufe. Sie verbleiben im Grundsätzlichen. Sie meiden das Detail. Sie gehen nirgends so weit, dass sie dir genau sagen, was du tun sollst. Wenn mir einer sagt, kehre um, der muss sich ja dann doch überlegen, was heisst Umkehr jetzt für mich. Das wird ihm nicht... Nirgendwo kriegt ein Einzelner ein Rezept, was er genau tun soll. Es gibt nicht wenige Christen, die sind sehr begierig nach genauer Handlungsanweisung.
Meint ihr, dass das gut ist? Ist das ein gutes Zeichen? Nehmen wir mal an, "ich kenne deine Werke, deine Ausdauer und deine Standheftigkeit". Jetzt will ich mal das ein bisschen kritisch analysieren. Das getraue ich mir durchaus, weil ich weiß, der Auferstandene verkraftet das gut und der will das sogar, dass man seine Worte mal wirklich unter die Lupe nimmt. Meint ihr, dass alle 64 Gemeindemitglieder genau die gleichen Werke tun? Sind die genau gleich ausdauernd? Ist doch nicht der eine doch ein bisschen ausdauernder und der andere ein bisschen weniger ausdauernd? Und sind die alle genau gleich standhaft? Als ob die alle genau das Gleiche tun? Haben die alle genau die gleiche geistliche Qualität? Das kann doch nicht sein. Da wird sich doch der eine oder andere sagen,
dass du von der ersten Liebe gefallen bist, ja, das gilt für mich auch. Aber wenn ich da das und jenes denke, das gilt doch für manche mehr und für andere weniger. Das heißt, diese subjektive Aneignung dieses Textes wird euch nicht abgenommen. Ihr werdet für mündig erklärt. Die Konkretion dieser grundsätzlichen Hinweise, bitteschön Mädle und Bub, musst Du halt selber machen. Auf, Publikum, such dir deinen eigenen Schluss, hat schon BB gesagt. Die Sendschreiben wollen wachrütteln, aber sie wollen nicht detailliert fernsteuern. Gott sei Dank. Gut, jetzt kommt der vierte Baustein.
Das ist der sogenannte Weckruf. "Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt." Wer ein Ohr hat, singular, manche übersetzen da auch Plural. Jesus sagt ja auch mal, wer Ohren hat zu hören, der höre. Das geht natürlich in die gleiche Richtung. Aber man muss schon genau übersetzen, wenn schon. "Wer ein Ohr hat, der höre." Es ist relativ normal, dass du ein Ohr hast. Aber ob du hörst, das ist eine ganz andere Frage. "Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt." Auch der nächste, der letzte Baustein, der Siegerspruch, heißt auch, wer siegt. Also die zwei Bausteine, die nach dem Brief kommen, fangen alle an mit wer. Das ist jetzt eine unbegrenzte Hörerschaft, wer immer.
Was der Geist den Gemeinden sagt, das heißt ja nicht mehr, was der Geist den sieben Gemeinden sagt. Jetzt geht das Ganze ins Offene. "Wer ein Ohr hat, der höre." Jetzt wird der Einzelne zur Verantwortung gezogen. Interessant ist hier, dass vom Geist die Rede ist, nicht mehr von Christus. In dem Botenspruch ist es immer Christus, der sich selber vorstellt, in dritter Person, in zwei oder drei Aussagen, die sehr hoheitlich sind. Die Botensprüche sind sehr hoheitlich formuliert. Ähnlich wie bei den oberen zwei Sprüchen ist der erste Spruch nach dem Brief überall gleich. So wie der Schreibauftrag auch. "An den Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe", und so heißt es jetzt immer "wer ein Ohr hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt."
Christus spricht durch den Geist. Und dieses Wort Geist, das hier erstaunlich ist, dass das reinkommt, bekräftigt den prophetischen Charakter der Sendschreiben. Es geht in diesem Weckruf um das Hören. Das Hören hat in der Bibel die entscheidende Bedeutung. Ich bin lieber blind als taub, sage ich euch. Wer taub ist, ist noch tiefer abgegrenzt von der Gesellschaft. Denn das Hören, höre Israel, Shema Israel, das ist das grosse Glaubensbekenntnis Israels. Höre Israel. O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort,
meine Schafe hören meine Stimme. Also das Hören ist entscheidend. Auf welche Stimmen hörst du eigentlich? Wo hörst du eigentlich hin? Und wo hörst du geflissentlich weg? Sage mir, wo du hin hörst und sage mir, wo du weg hörst. Und ich sage dir, wer du bist. Bei der Lydia heißt es in der Apostelgeschichte 16, Gott öffnete Lydias Herz, denn das kann sie selber nicht. Und nachdem Gott Lydias Herz geöffnet hatte, heißt der nächste Satz, hörte sie dem Paulus aufmerksam zu. Wie aufmerksam du wirklich hören kannst, das meint ja wirklich, in welcher Tiefe du dich öffnen kannst, hast du selber nicht in der Hand. Deswegen, das Hören,
lass dich da mal aufwecken, das ist ein Weckruf. Wache auf, der du schläfst. Hast du ein Ohr zu hören, dann höre. Deswegen heißt es auch in der Johannes-Offenbarung sehr oft, ich hörte eine laute Stimme wie der Schall einer Posaune. Denn da kannst du nicht mehr weg hören. Denn wenn die Posaune neben dir erschallt, das hörst du dann schon. Also wenn der liebe Gott mit dir dann wirklich was machen will, ich sage dir, der weiß, wie er so zu dir redet, dass du nicht mehr weghören kannst. Der laute Schall der Stimme wie der Schall einer Posaune. So redet Gott dann zu den Verschlafenen und Verstockten und Unterernährten, dass sie seine Stimme mal wieder hören. Jetzt kommt der letzte Baustein, das ist der Siegerspruch: Wer siegt. Man hat früher den Spruch oft übersetzt, wer überwindet.
Da kommt ja auch das berühmte "We shall overcome" her, wer überwindet. Aber ich sage euch, das Ding heisst Wer siegt. Da steckt das Wort Sieg drin. Jetzt will ich euch zum Schluss, ihr lieben Schwestern und Brüder sagen, es geht um den Sieg, möchte ich euch mal heute sagen. Der Sieg ist das Ziel. Vom Sieg her klären sich die Prioritäten. ich sage euch, fast von allein. Wenn du in einem Examen ein Einser machen willst, ich sage dir, musst du dich anders vorbereiten, als wenn du auch mit einer 3 oder 4 zufrieden bist. Es geht um den Sieg. Nehmen wir mal den Vergleich Sport. Du willst Sieger werden im Sport. Wie viel Anstrengung, wie viel Übung,
wie viel Verzicht. Wenn du Sieger werden willst, wenn du den Sieg willst, kannst du nicht überall da und da auch noch rumhampeln. Da kannst du dich nicht allem Möglichen auch noch widmen in so einem Nebenbei-Christentum. Ich mache das und das und da habe ich wirklich Interesse und nebenbei bin ich auch noch Christ. Da kommst du beim Johannes nicht weit. Das Nebenbei-Christentum scheitert bei Johannes völlig. Es geht um den Sieg. Man sagt ja im Sport, der Sieger verwies die anderen auf ihre Plätze. Bayern München ist schon beleidigt, wenn sie den zweiten Platz kriegen. Wir sind mir. Der Spruch sagt ja alles. Schwarzenegger hat eine Autobiographie geschrieben mit dem Titel "Leben auf der Überholspur".
Also der Sieg. Gehen wir mal in die Geschichte, in die Weltgeschichte. Die Sieger der Geschichte. Ja, das sind die, die andere zu Besiegten gemacht haben. Sieg in der Geschichte heißt immer Sieg über andere und gegen andere. Und es gibt ja auch Kinderspiele, wo dann Sieger und Verlierer sind. Diese Spiele sind hoch ambivalent. Sie können bestimmte sensible Kinder tief deprimieren und tief verletzen. Wenn bei Johannes vom Sieg die Rede ist, ihr Lieben, darf ich euch sagen, geht es um einen völlig anderen Sieg. Nämlich bei diesem Sieg geht es jetzt erst mal um den Kampf des Glaubens. Wenn wir aus dem Glauben in dieser Welt leben, dann hat unser Leben den Charakter eines Kampfes.
Und zum Kampf passt Unentschlossenheit gar nicht gut. Und Zauderhaftigkeit und Verzagtheit passt zum Kampf des Glaubens gar nicht gut. Mit Sieg ist nämlich hier Folgendes gemeint: Der Sieg über mich selber. Der Sieg, von dem hier die Rede ist, macht niemand zum Verlierer. Es ist kein Sieg gegen andere oder über andere, sondern der Sieg über meine Anfechtungen, meine Schwächen, meine Durststrecken, meine Angst, meine Sorgen. Die Gefahr sind nicht die anderen. Die Gefahr bist du selber. Du bist die Gefahr, nicht die anderen. Also, ihr Lieben, heute und morgen werdet ihr merken, es geht um den Sieg. Und der, der diesen Siegerspruch formuliert hat,
hat selber einen großen Preis zahlen müssen für seinen Sieg. Er ist das geschlachtete Lamm. Ihr Lieben, Schwestern und Brüder, es geht um den Sieg. Und dieser Sieg hat seinen Preis. Macht euch da nichts vor. Der Sieg, um den es geht, hat seinen Preis. Macht euch nichts vor. Soweit mal die erste Hälfte. Okay, jetzt wenden wir uns dem ersten Sendschreiben zu. Das Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesus steht in Kapitel 2, 1 bis 7. Den ersten Baustein, den kennen wir schon, den Schreibauftrag.
"Dem Engel der Gemeinde zu Ephesus schreibe." Ja, dazu habe ich alles Wesentliche gesagt. Wir können also gleich weitermachen. Das sagt, der, der hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der umhergeht mitten unter den sieben goldenen Leuchtern." Das ist also der erste Botenspruch. Es spricht der Auferstandene in dritter Person. Und ihr müsst wissen, einige Verse vorher wird direkt gesagt, die Sterne sind die Engel der Gemeinde. Er hält die sieben Sterne in der Hand. Wir können also sagen, die sieben Engel der Gemeinde. Interessant ist folgender Aufbau, der ist sehr tief durchdacht. Denn den merkt man so nicht beim Lesen. Der Schreibauftrag hat zwei Substantive. "Schreibe an den Engel der Gemeinde." Engel und Gemeinde sind die beiden Substantive im Schreibauftrag.
Und dieser Botenspruch ist zweigliedrig. Der erste Teil bezieht sich auf den Engel und der zweite Teil auf die Gemeinde. Also dieser Botenspruch interpretiert jetzt erst mal den Schreibauftrag. Die hängen ganz eng zusammen, und diese Komposition ist natürlich kein Zufall. Also dieser zweigliedrige Bodenspruch, die erste Zeile lautet "das sagt der, der die sieben Engel" - sage ich jetzt mal Sterne - "in seiner rechten Hand hält." Auffällig ist hier, dass gleich alle sieben Engel genannt werden. Also hier ist also ein Botenspruch, der gleich alle sieben Sendscheiben mal ein bisschen schon umgreift. Das ist schon was Besonderes. Und was wird jetzt ausgesagt über die Engel, über die wir ja sonst gar nichts wissen, als dass sie in seiner rechten Hand sind?
Das griechische Verb, das hier steht, ist ein sehr seltenes Verb. Es gibt im Griechischen ein Allerweltsverb, das heißt in der Hand halten. Also halten, so wie unser deutsches Wort halten, halt mal das, kannst das mal geschwind halten und so. Und so ein griechisches Verb gibt es auch, das steht aber hier nicht. Sondern das Verb, das hier steht, heißt "festhalten". Also es ist viel intensiver. Man muss das so übersetzen: "das sagt der, der die sieben Sterne oder Engel fest in seiner rechten Hand hat." Da sind zwei Botschaften drin. Hauptsächlich geht es um die Souveränität Jesu, des Auferstandenen. Er hat diese Engel fest in seiner Hand. Aber indirekt steckt auch sein Schutz drin. Es kann den Engeln auch nichts passieren. Er lässt sie nicht fallen.
Und diese Aussage, Jesu Macht und Jesu Schutz, darf man nicht gegeneinander ausspielen. Seine Macht ist der Schutz. Im zweiten Satz geht es jetzt also um die Gemeinden. Die werden in dem Bild der Leuchter schon im Kapitel 1 eingeführt. Die goldenen Leuchter, Menorot, Menorah der Leuchter, damit kommt jetzt so ein Tempelbezug rein. Der ist für die Interpretation wahnsinnig wichtig. Jetzt geht es um Jesus und seine Gemeinden. In der Vision in Kapitel 1 - dazu habe ich ja schon einen Vortrag gehalten, der ist auch irgendwo in einer Kamera drin, aber ist noch nicht veröffentlicht - da habe ich gesagt, in dieser Eröffnungsvision - Johannes begegnet dem Auferstandenen - dass der erste Gesichtspunkt in dieser Eröffnungsvision die sieben goldenen Leuchter und der Auferstandene waren.
Das heißt, das erste Thema ist der Auferstandene und seine Gemeinden. Und das kommt hier auch gleich wieder im ersten Botenspruch. Das ist ein sehr starker Akzent. In dieser Vision in Kapitel 1 heißt es, Jesus, der Auferstandene, stand in der Mitte, und um die Mitte herum gruppiert waren die sieben goldenen Leuchter, die sieben Gemeinden. Aber hier heißt es nicht mehr, dass er steht, sondern dass er umhergeht in der Mitte. Das ist eine sehr bewusste Intensivierung. Ich versuche die mal aufzunehmen. Jesus ist in der Mitte, er allein. Neben ihm spielt kein anderer eine Rolle. Die Gemeinden gruppieren sich um ihn herum. Sie sind auf diese Mitte ausgerichtet. Sie leben von dieser Mitte her. Sie empfangen von dieser Mitte her ihre Bestimmung.
Aber der Auferstandene geht umher. Er hat großes Interesse an den Gemeinden. Er hält zu allen Gemeinden Kontakt. Er ist zu ihnen unterwegs. Und es geht um die Alleinverehrung Jesu. Niemand anders ist in der Mitte als er allein. Jetzt gehen wir zu dem Brief. Wir fangen mal langsam an, Zeile für Zeile. "Ich kenne deine Werke und deine Ausdauer und deine Standfestigkeit." Gut. "ich kenne", so geht es immer los, ich kenne, du nicht. Ich kenne deine Werke, deine Ausdauer und deine Standfestigkeit. Luther übersetzt da leider ungenau. Standfestigkeit kann man nicht mit Geduld übersetzen, denn Geduld ist sehr passiv. Aber Standfestigkeit ist eine Widerstandskraft, ein Beharrungsvermögen.
Diese Ausdrücke sind jetzt sehr bewusst aus dem Griechischen übersetzt nach Ziel, Gesprächen und Überlegungen. Also "ich kenne deine Werke" - leider nur ein bisschen grundsätzlich. Aber was kann man generell sagen? Es geht also um die Lebenspraxis. Und es geht nicht um Einzeltaten, sondern um etwas, was sich immer wieder wiederholt, einen Gesamteindruck von dir, der sich satt wiederholt. Und Werke ist auch immer etwas, was man von außen sehen kann. Also deine Zeitgenossen können sich da von dir ein Bild machen. Werke ist etwas, was äußerlich sichtbar ist für die anderen. Die beiden nächsten Begriffe aber sind innere Haltungen. Und es sind schon die zwei entscheidenden Haltungen überhaupt bei Johannes: Ausdauer und Standfestigkeit.
Ich will an dieser Stelle mal sagen, um was es dem Johannes geht: Es geht ihm um Ausdauer, um Standhaftigkeit, um Beharrungsvermögen, um Treue, um Durchhaltevermögen und um Bewährung. Dass du dich bewährst, das ist die Ethik des Johannes in seinem ganzen Schreiben für euch. Ausdauer, Durchhaltevermögen, Beherrungsvermögen, Widerstandskraft, Treue und Bewährung. Dieses Lob wiederholt er nochmal in Vers 3. Auf den Vers 2 komme ich jetzt gleich. In Vers 3 lobt er nochmal. "und hast Standfestigkeit" Das gleiche Wort zweimal. Und? "Und hast um meines Namens Willen die Last getragen und bist nicht müde geworden." Ja. "und hast um meines Namens Willen die Last getragen und bist nicht müde geworden."
Ausdauer. Um meines Namens Willen Last tragen heißt: leidensbereit. Ihr wart bereit, euch um meines Namens Willen Nachteile einzuhandeln. Ablehnung, Schwierigkeiten, Widerborstigkeiten, das hat euch nicht umgehauen. Denn ihr wart standhaft und ausdauernd. Und jetzt, ihr Lieben, kommt das erste Beispiel. Das erste Beispiel in den Sendschreiben. Vers 2: "Ich kenne deine Werke und deine Ausdauer und deine Standfestigkeit und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst." Und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie als Lügner erkannt." Jawohl. Noch mal: "Ich kenne deine Werke und deine Ausdauer und deine Standfestigkeit und weiß,
dass du die Bösen nicht ertragen kannst." Gut, mal so weit. Der Ausdruck "die Bösen" kommt ganz, ganz selten vor im Neuen Testament. Man kann auch übersetzen "die Schlechten". Ich will darauf jetzt nicht weiter eingehen, dass du diejenigen, die sagen, sie seien Apostel und sind keine, nicht ertragen kannst. Darin steckt eine tiefe Weisheit auch für heute. Es gibt Dinge, die müssen wir um des Glaubens willen ertragen. Leidensbereit sein, um meines Namens willen. Die müssen wir erdulden. Aber es gibt auch Dinge, die müssen wir nicht ertragen, sondern die sollen wir ablehnen. Und es ist für jede Gemeinde eine tiefe, wichtige Frage. Was sollen wir um des Glaubens willen ertragen und erdulden? Und wogegen sollen wir uns wehren? Und das ertragen wir nicht.
Das schaffen wir ab. Das ist eine wichtige Frage. Und jetzt nochmal ab "diejenigen": "Du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie als Lügner erkannt." Und das will ich jetzt mal stark machen. Ich will mal ganz allgemein sagen, ihr lieben Schwestern und Brüder, der erste Konflikt, das erste Thema ist: Es maßt sich jemand eine Autorität, an die er nicht hat. Er schätzt sich selber falsch ein. Er überschätzt sich. Mitten im Christentum. Es ist überhaupt interessant, das in den Sendschreiben. Die leben ja alle in einer feindlichen Umgebung, die weitestgehend ablehnend ist bis feindselig. Aber der erste Konflikt kommt gar nicht von außen. Der kommt gar nicht von der bösen Gesellschaft auf die Gemeinden zu.
Nein, der ist innerchristlich erzeugt, und es ist auch böse. Das sollte man nicht denken. Und das hat mit Lügen zu tun. Wer denkt noch so über die Ur-Christenheit? Es gibt ja auch freikirchliche Bewegungen, Gemeinden für Ur-Christentum, als ob das dort ideal gewesen wäre. Also da gibt es nicht nur einen, sondern mehrere, die sagen, sie seien Apostel und sind es gar nicht. Und sie sind als Lügner erwiesen worden. So tief steckt die Lüge in den oberen christlichen Etagen drin. Massiv alles voller Lügensysteme. Da geht es bei dieser Lüge nicht um einzelne Ausrutscher. Nein, darum geht es nicht. Sondern es geht darum, dass manche Leute einen angemaßten Anspruch haben, der nicht gedeckt ist. Und das ist mit Lüge verbunden.
Nicht, dass man es schnell merkt. Die selber merken das auch gar nicht. Meint ihr, dass diese Apostel sich selber als Lügner ... Nein, das waren Beauftragte Gottes, die ihre Aufträge erfüllen. Die haben sich selber nicht als Lügner gesehen. Ganz im Gegenteil. Die Lüge, diese Verlogenheit, von der sie leben, merken sie selber gar nicht mehr. Bei aller Brisanz dieses Themas: Das erste Thema ist angemaßte religiöse Autorität. Und zwar von mehreren. Verbunden mit Lügensystemen, die man nicht einfach merkt. Die haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Aber das merkt man nicht so. Aber bei gründlicher Prüfung stellt sich die Verlogenheit dieses Systems
immer deutlicher heraus. Wir wissen leider über diesen Konflikt gar nichts. Es gibt keine weiteren Hinweise. Deswegen will ich mich da auch nicht in Spekulationen verirren. Aber ich will ganz ernst nehmen: Der erste Konflikt ist ein Autoritätskonflikt, verbunden mit lügenhaften Anlagen, Verbindungen. Das will ich jetzt mal ins Heute übertragen. So wie ich das in der Christenheit so erlebe. Also ich will das mal aktualisieren. Ich mache es deswegen, weil wir da keine Hintergründe haben. Was man weiß, das will ich vorneweg sagen, das waren wahrscheinlich Wanderapostel. Denn wenn diese Apostel aus der eigenen Gemeinde gekommen wären, aus Ephesus, aus den eigenen Reihen hervorgegangen wären, dann müsste man die ja jetzt nicht nochmal so gründlich prüfen.
Also die kamen wahrscheinlich von außen. Und man muss auch darauf hinweisen, es sind hier nicht die Apostel, die zwölf Apostel, diese Urapostel, die Apostolizität der Christenheit, da geht es um diese zwölf Apostel. Nein, das sind Gemeindeapostel. Da gibt es Stellen in der Apostelgeschichte und anderswo. Es gab nicht nur die zwölf Urapostel, sondern es gab auch Gemeindeapostel, die nicht deren Autorität hatten, aber schon auch eine apostolische Autorität. Also wir sind hier schon bei den ganz oberen Ansprüchen, wo wir nie mehr denken würden, dass da mit Lüge gearbeitet wird. Doch, ihr Lieben, doch, mitten im Christentum. Der Sieg der Lüge mitten in den oberen Etagen. Also es geht hier um einen Autoritätsanspruch, der nicht wirklich begründet ist. Um eine angemaßte Autorität.
Und ich sage euch, eine angemaßte Autorität ist wirklich unerträglich, im Grunde. Aber die selber merken es gar nicht. Es gibt immer wieder Menschen, gerade auch innerhalb der Christenheit, die maßen sich eine Autorität an, die sie nicht wirklich haben. Es gibt viel geistlichen Missbrauch, damals und heute. Was ist eigentlich das Böse an der angemaßten Autorität? Was ist das Böse? Das Böse ist die Verkettung mit der Lüge. Jemand, der eine angemaßte Autorität hat, ist darauf angewiesen, dass er sich selber etwas vormacht. Anders geht es nicht. Er kann ja sich selber nicht zugeben, ich habe eine angemaßte... Nein, das blockt er.
Also er kann das nicht zugeben. Jemand mit angemaßter Autorität ist darauf angewiesen, dass er sich selber etwas vormacht. Und dass er mit Methoden arbeitet, an denen man das erkennen kann, wenn man ein geschultes Auge hat. Es gibt dann Indizien. Menschen mit angemaßter Autorität spüren manchmal auch dumpf ein bisschen, dass sie da ein paar Kompetenzprobleme haben. Und deswegen spielt die verdrängte Angst - verdrängt - eine kräftige Rolle. Jemand, der eine angemaßte Autorität hat, also sagen wir mal, sie sagen, sie sind Apostel - ist schon eine ziemlich hohe Etage, "ich bin ein Apostel". Was heißt das? Es gibt Christen, die sind der Überzeugung, ehrlich, die merken ja die Lüge selber nicht, so einfach ist es nicht,
die sind der Überzeugung, dass sie eine besondere Beziehung zu Gott haben. Und Kraft dieser besonderen Beziehung zu Gott sind sie der Überzeugung, dass sie beauftragt sind, andere Menschen zu lenken und zu steuern und so Macht über sie auszuüben. Das Brisante an der Autoritätsfrage ist nämlich, dass Autorität stets verbunden ist mit Macht und auch mit der Qualitätsfrage. Das ist das Brisante. Die Autoritätsfrage ist verkoppelt mit der Machtfrage und mit der Qualitätsfrage. Sie sind also der Meinung, dass sie eine besondere Beziehung zu Gott haben, und Kraft dessen dürfen sie Macht über andere Leute ausüben.
Das Auffällige sind ihre Methoden. Ich sage euch mal, liebe Schwestern und Brüder, an den Methoden könnt ihr sie erkennen. Zum Beispiel die Methode Verleumdung. Sie verleumden einfach Andersdenkende. Sie merken es zum großen Teil selber gar nicht. Wenn ich sagen würde: "Du verleumdest doch" - "Nein!" Dann noch eine Methode. Jemand der religiös, geistlich eine angemaßte Autorität hat, muss folgende Methode anwenden: dass er falsch oder ungerecht zitiert. Er zitiert auf eine so raffinierte einseitige Weise, dass er dem Betreffenden von Fernem nicht gerecht wird. Einer, der eine angemaßte Autorität hat, kann einen Andersdenkenden in seiner Stärke nicht würdigen.
Das kann er nicht. Es fehlt ihm die menschliche Größe. Also das Problem der angemaßten Autorität, die man unbedingt durchhalten muss und die dann zu solchen Methoden greift und sich selber etwas vormacht. Gott sei Dank hat die Gemeinde in Ephesus diese Leute, die sagen, sie sind Apostel und sind es nicht, die haben sie geprüft. Bei einem angemaßten Autoritätsanspruch ist eine kritische Prüfung nicht nur angebracht, sondern sachlich notwendig. Jetzt gehen wir mal weiter. Jetzt kommt der Tadel. "Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast." Ja, machen wir noch weiter.
Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist und kehre um und tue die ersten Werke. Wenn aber nicht, werde ich zu dir kommen und deinen Leuchter wegrücken von seiner Stelle, wenn du nicht umkehrst." Die Umkehrrufe werden immer noch begründet mit Warnungen. Der Auferstandene will wirklich, dass man das abstellt. Der will nicht gegen eine Wand reden. Also das erste Lob der Sendscheiben ist: Kritische Prüfung eines unangemessenen Autoritätsanspruchs. Das ist das erste Lob der Sendschreiben. Der erste Tadel ist: Defizit an Liebe. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Das sind die zwei ersten brennenden Punkte. Defizit an Liebe. Was ist die erste Liebe? Es wird ja alles nicht so genau gesagt,
es werden keine Rezepte verteilt, wo man nur noch Ausführungsorgan ist. Nein, du musst dir selber sagen: Was bedeutet das für mich? Das nimmt dir niemand ab. Ja, also es wird doch wohl aber so sein, dass es die Anfangszeit der Liebe war, nämlich als wir Christ wurden. Damals sind es natürlich Missionsgebiete, die Leute waren bisher Griechen und kommen aus einer ganz anderen Kultur, und jetzt wenden sie sich zum ersten Mal Gott zu. Sie lassen ihr bisheriges Leben, und sie wenden sich aus ganzem Herzen Gott zu. Erinnert euch, heute ist es nicht immer so, es gibt viele Menschen, die sagen, ich weiß nicht wann, das ist auch gar kein Problem. Ich gehöre auch zu den wenigen, denen eben so eine Bekehrungserfahrung zu Teil geworden ist. Aber der Mehrzahl der Menschen geht es anders, ist überhaupt kein Problem.
Aber überlegt mal, wo ist euch Gott mal so richtig aufgegangen? Oder Jesus, die Art, wie er mit Menschen umgeht, seine Glaubwürdigkeit, seine Botschaft. Also in dieser Anfangszeit, da steckt etwas Besonderes. Ich kann es selber nicht begründen. Seit Gott mir damals ins Leben getreten ist, habe ich ja ein bisschen darüber erzählt am Freitagabend, ich habe seitdem, das ist jetzt über 55 Jahre her, ich habe seitdem nie wieder eine Sekunde an Gott gezweifelt. Nie wieder. Ich weiss auch nicht, andere haben da große Probleme, ich habe auch meine Probleme, andere Probleme gehabt. Aber ich meine, dieser Anfangszauber, ich weiss es noch, wie mir Gott aufgegangen ist.
Er hat in meinem Herz einen hellen Schein angezündet. Und da machst du Sachen, die hast du vorher nicht gemacht. Also die ersten Werke, auch hier wieder die Liebe. Es heißt nicht: "Kehre zu deinen ersten Gefühlen zurück." Du kannst ja Gefühle nicht befehlen, sondern tu einfach die ersten Werke. Denn das weiß ich noch, als ich Christ geworden bin, ich habe manche Dinge einfach nicht mehr gemacht. Ich habe meine Zeit anders eingeteilt, ich habe ganz neue Interessen bekommen. Das sind so die ersten Taten, die aus dieser Anfangszeit stammen. Und in diesen Taten meldet sich das Neue. Wenn ich immer wieder mal ein älteres Ehepaar treffe, das ich bisher nicht kannte, kommt immer wieder mal vor, und ich habe Zeit, mich mit denen zu unterhalten. Also sie sind vielleicht 20, 30 Jahre verheiratet. Dann frage ich manchmal, wie habt ihr euch denn kennengelernt?
Und das kann ich sagen, klappt jedes Mal. Die gucken sich dann an, es geht ein gewisses Strahlen über ihre Gesichter. Sie fangen an zu lächeln, und dann fangen sie an zu erzählen. Es kommt richtig ein Drive rein. Wie habt ihr euch denn kennengelernt? Und dann ist das die nächsten 20 Minuten das Thema. Und ich merke auch, das tut denen unheimlich gut. Also das tut uns auch gut. Diese erste Liebe. Der Auferstandene will zu uns kein Arbeitsverhältnis. Wir haben kein Dienstverhältnis zu ihm. Er will die erste Liebe. Wenn die Liebe fehlt, dann kannst du viel machen. Und jetzt frage dich selber, die erste Liebe, die Anfangszeit, und dann kehre um.
Und jetzt kommt ein anderer Punkt. Kehre um, da habe ich ja schon grundsätzlich einiges gesagt. Wenn nicht, dann werde ich zu dir kommen und deinen Leuchter wegrücken. Also was sie da schon an Drohungen, auch in Pfingstpredigten ... "Dein Leuchter", da übersetzt man dann auch "umschmeißen" oder "wegpoltern". Es gibt so komische Übersetzungen. Nein, das heißt einfach wegrücken. Und was ist gemeint? Ja, das weiß jeder Jude und Judenchrist. Wir haben ja jetzt den Bezugspunkt Tempel, goldener Leuchter. Der goldene Leuchter steht im Tempel direkt vorm Allerheiligsten. Und nach jedem Wallfahrtsfest, es gibt ja drei große Wallfahrtsfeste, nach jedem Wallfahrtsfest wird die Menorah, der goldene Leuchter, von der Stelle weggerückt, ein paar Meter, nicht aus dem Tempel raus. Der bleibt im Tempel und wird gesäubert.
Das ist ein regelmäßiger Vorgang jedes Jahr. Das passiert jedes Jahr dreimal. Der Leuchter wird weggerückt. Er steht jetzt nicht mehr direkt dem Alerheiligsten gegenüber. Aber er wird jetzt sozusagen gewartet. Er hat eine gewisse Auszeit. Und das ist so eine sehr nützliche Säuberungszeit. Er wird gereinigt. Er wird, wie kann man das sagen? Ja, er wird gereinigt, gesäubert, und es kommt der ersten Liebe dann zugute. Und wenn er dann gesäubert ist, wird er wieder hingerückt. Also es geht hier um einen für Juden sehr vertrauten Vorgang. Dann brauchst du mal eine gewisse Auszeit. Aber die ist positiv gemeint, die ist nützlich, die ist notwendig. Da muss man wieder so richtig durchgecheckt werden. Und danach wirst du wieder hingerückt. Also auch da bitte keine apokalyptischen Übertreibungen.
Übrigens, auch das kann man exegetisch ganz genau sagen: Wenn Jesus sagt "ich komme zu dir", das sagt er in manchen Sendschreiben und auch sonst manchmal, dann ist hier nicht die Wiederkunft Jesu gemeint, die Parusie, also die endgültige Wiederkunft Jesu, auf die natürlich die ganze Offenbarung zuläuft. Schon klar. Aber man kann erkennen, dass, wenn Jesus vorher zur Gemeinde kommt, um sie mal durchzuchecken und mal zu reinigen und dann wieder wieder hinzustellen, dann ist es konditional formuliert. Also es heißt immer "wenn nicht, dann". Und so redet Johannes nie von der Parusie. Von der Parusie redet Johannes nie konditioniert. "Wenn - dann", dann müsste er immer reagieren, wenn du das machst, dann musst du ja Parusie machen. Nein, also das heisst, dass Jesus im Heiligen Geist zu uns kommt und die Gemeinde mal wieder durchpustet.
Jetzt liest mal weiter: "Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaiten hassest, die auch ich hasse. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den..." Lest mal nur das mit den Nikolaiten. Jetzt kommt wieder ein Lob. Das Sendschreiben beginnt mit einem Lob, auch mit einem Beispiel, wo gelobt wird. Dann aber ein ungenierter, deutlicher Tadel, Defizit an Liebe, und dann aber wieder ein Lob. "Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaiten hassest, die auch ich hasse." Jetzt geht es also um die "Nikolaiten". Die spielen auch eine Rolle in Pergamon und in Thyatira. Deswegen sind sie schon wichtig. Die haben also in einigen Gemeinden so ihre Einflüsse. Die Nikolaiten, das ist ziemlich sicher eine Selbstbezeichnung.
Wenn dann Johannes später sagt, die Isebel, das ist sicher keine Selbstbezeichnung. Und die "Bileamiten" wahrscheinlich auch, das sind schon auch polemische Ausdrücke. Aber Nikolaiten, der Begründer muss ein Nikolaos gewesen sein. Es gibt einmal eine Stelle in Apostelgeschichte 6, Vers 5 oder so, da gibt es eine Stelle, da kommen die sieben Mitglieder aus dem Siebnerkreis vom Stephanus, das waren die Diakone in der Gemeinde. Und da heißt einer Nikolaos. Ob das der ist, das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Vor allem wir wissen es nicht. Nikolaos ist ein häufiger Name. Also wir machen keinerlei Spekulationen, aber der Begründer muss ein gewisser Nikolaos gewesen sein. Und um was ging es da: "dass du die Werke", schon wieder Werke, also die äußerlich sichtbaren Verhaltensweisen, "der Nikolaiten hasst".
Dieses Wort hassen dürfen wir nicht modern übersetzen, das meint "entschieden ablehnst". Also es geht nicht darum, dass die Feindesliebe hier verraten wird. Man lehnt ja die Werke der Nikolaiten ab, nicht die Nikolaiten selber. Da muss man schon auch noch etwas unterscheiden. Also: Das finde ich wieder gut an dir, dass du die Werke der Nikolaiten entschieden ablehnst. Und jetzt will ich zum Schluss ein bisschen näher darauf eingehen. Wir wissen nicht, wer die Nikolaiten sind. Niemand weiß das genauer. Ich kenne die Quellen. Die Kirchenväter später, die reden von denen, die Nikolaiten sind, aber das ist nicht das in dieser Zeit. Wir wissen seriös nicht, wer die Nikolaiten sind.
Und wir wissen auch nicht, was sie getan haben, denn es wird auch hier nichts gesagt, es wird das Konkrete wieder gemieden. Die Leser selber von Ephesus, die werden natürlich einiges gewusst haben und die von Pergamon auch. Aber trotzdem, es geht nicht in diese Konkretion hinein. Aber es gibt ein Hinweis, der ist seriös, und zwar der Siegerspruch. Denn der Siegerspruch ist auch jedes Mal anders formuliert. Am Anfang der Schreibauftrag ist immer gleich, der Botenspruch ist immer anders. Und am Ende der Weckruf ist immer gleich, aber der Siegerspruch ist immer anders. Und deswegen, die Vermutung liegt sehr nahe und sie bewährt sich auch, kann man im Siegerspruch auch was erkennen über die Gemeinde. Jetzt lest mal den Siegerspruch: "Wer siegt, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies..." Soweit mal. "Will ich zu essen geben."
Es hat was mit dem Essen zu tun. Das steht ja auch hier. Und wenn man auch den Siegerspruch von Pergamon anguckt, da geht es um das Manna, auch um Essen. Also es spricht alles dafür, wenn man die Verhältnisse kennt, Es geht um das Essen von Götzenopferfleisch. Das muss ich euch kurz erklären. Also ihr müsst euch ungefähr Folgendes vorstellen: Die Götter, nur Christen sagen Götzen - Ihr müsst mal spüren, der Ausdruck Götzenopferfleisch ist wahnsinnig frech für die anderen - Götzen, das ist unser Stadtgott. Den Ausdruck "Götzenopferfleisch" haben die Christen kreiert. Das ist ein wahnsinnig frecher Ausdruck. Sind die anderen gleich mal verletzt. Es gibt Kultopfer, so heisst es. Und Kultopfer, da gibt es Kultopferfleisch, Kultopferwein, Kultopferweihrauch und alles mögliche.
Und jetzt gehen wir mal zum Kultopferfleisch. Also der seriöse, faire Ausdruck heisst Kultopferfleisch. Das war so: Man hat Fleisch den Göttern geopfert. Ich sage Göttern, nicht Götzen. Man hat den Göttern Fleisch geopfert auf Altären. Aber die Opferung war, dass man das Fleisch verbrannt hat und der Rauch steigt in die Nase der Götter. Aber den größeren Teil des Fleisches hat man dem Tempel übergeben, konnten sich die Tempelpriester auch versorgen. Und an den meisten Tempeln gab es auch Restaurants, die an den Tempel angeschlossen waren. Und die haben Götzenopferfleisch, also Kultopferfleisch - ich bleibe mal in der Sprache der Menschen - die haben dort Kultopferfleisch verkauft. Was sie nicht verkauft haben, kam in den öffentlichen Handel auf die Märkte.
Entscheidend ist, das Fleisch für die Götter muss gutes Fleisch sein. Du kannst den Göttern keinen Ramsch anbieten. Es war also wirklich qualitativ sehr gutes Fleisch. Und dieses Fleisch war von öffentlichen Geldern, von der Stadt, aber auch von reichen Leuten, Stiftern, finanziell gesponsert. Das heißt, dieses Fleisch konnte man in den Restaurants an den Tempeln wesentlich billiger anbieten. Also sagen wir mal halb so teuer. Und wenn jetzt in den Handwerkergilden - jeder Handwerker muss Mitglied einer Gilde sein, das ist rechtlich so geregelt - Und diese Handwerkergilden haben so vierteljährlich oder halbjährlich oder wie immer ihre Gildenfeste gehabt, wo alle beieinander waren. Da wurde auch Fleisch angeboten, und zwar durchaus öfters auch Kultopferfleisch, einfach weil das wesentlich billiger war.
Und jetzt noch wichtiger, für die Bewohner der Armenviertel war das Kultopferfleisch die einzige Möglichkeit, an Fleisch ranzukommen, weil es eben gut war und deutlich gesponsert. Und deswegen gab es in den ganzen Gemeinden überall ein Problem, auch in Korinth war das schon ein Problem, deswegen war das jetzt eine große Frage: Können wir eigentlich dieses Kultopferfleisch auch essen? Paulus übrigens sagte ja. Nur Rücksicht nehmen auf die Schwachen. Aber Paulus lebte 40 Jahre vorher. Die Sachen haben sehr sich zugespitzt. Wir wissen nicht, wie Paulus geantwortet hätte 40 Jahre später. Paulus hat noch keine Christenverfolgung erlebt, in seinen Briefen in Römer 13, seid Untertan der Obrigkeit,
da hat er noch keine Ahnung von vergöttlichtem Kaiserkult. Das kommt in Römer 13 gar nicht vor. Paulus hat einen funktionalen Politikbegriff. Pragmatisch gesehen: "Arbeitet mit. Das wird für uns am besten sein." Aber jetzt haben sich die Dinge schon zugespitzt. Man kann zwischen Paulus und Johannes nicht einfach da einen Widerstreit eröffnen. Gut, aber stellt euch jetzt mal das vor. Wenn ihr Christen seid aus jüdischem Hintergrund, so wie Johannes selber, dann esst ihr ja sowieso kein - ich sag jetzt mal wieder Götzenopferfleisch. Ich komme mal wieder auf die Seite der Juden und Christen. Denn das ist für Juden verboten. Das ist in der Thora verboten. Also Judenchristen sind von Anfang an gewohnt. Für die ist das das Normalste auf der Welt.
Die haben auch keine Verwandten in der anderen Bevölkerung. Ich sage nicht heidnisch. In der paganen Bevölkerung haben die ja gar keine Verwandten. Aber stellt euch mal vor, diejenigen Christen, und dazu gehörten mit Sicherheit die Nikolaiten, die aus griechischem Hintergrund kommen, die haben bisher ja selber diese Götter verehrt, bis vor kurzem. Für die war das in den Handwerkergilden das Normalste auf der Welt, dass sie da bei diesen Gemeinschaftsessen teilnehmen. Ihre Freunde auch, ihre Verwandten auch. Und jetzt sind sie Christen geworden. Und jetzt kommt die große Frage, muss ich jetzt diese Kontakte alle abbrechen? Muss ich die alle zerstören? Meine Freunde gehen natürlich weiterhin alle hin. Und meine Verwandten auch. Die sind sowieso schon befremdet, dass ich jetzt Christ werde, exklusiv an einen Auferstandenen glaube, muss ich die jetzt alle vor den Kopf stoßen?
Und dann noch die Frage, es ist stark verbilligt. Ja, darf ich, wenn mein Handwerkerverein uns zu einem Vereinsfest einlädt, und da geht man hin, das gehört sich so, darf ich da nicht mehr hingehen? Oder wenn sie da Fleisch anbieten, muss ich mich da erkundigen? Also wir stehen jetzt vor der ganz großen Frage, in wie weit darf ich mich anpassen? Und ab wann muss ich mich abgrenzen? Das ist heute wie damals eine sehr sensible Frage. Und ich will euch zum Schluss euch einen Tipp. Wenn ihr aus der primitiven Bibelauslegung herausfinden wollt, aus der, wo alles nur so, was man immer schon weiß, also zu dieser konventionellen, oberflächlichen Bibelauslegung
gehört auch folgende Methode. Du stehst immer schon auf der Seite vom tollen Jesus. Der tolle Jesus, der hat immer recht. Und ich bin auf seiner Seite. Und die Gegner von Jesus, das sind Heuchler, die sind böse. Diese Isebel da und diese Hohepriester und diese Pharisäer und diese Hohe Rat und so weiter, das sind die Bösen. Und ich bin auf der Seite vom Guten. Ich höre alles von Jesus her. Da mache ich dir mal einen Vorschlag. Wenn du es kannst, ist eine Frage an deine Persönlichkeit, Stelle dich doch auf die Seite der Gegner. Ehrlich, aufrichtig. Mache nicht diese billige Tour, auf die Negativfiguren eines Textes noch negativer draufzuhauen, dass sie noch negativer werden. Also Schwarz-Weiß-Terror.
Sondern die tiefere Art der Bibelauslegung fängt damit an, dass du dich auf die Seite der Gegner Jesu stellst, ehrlich und aufrichtig. Also stell dir mal vor, du bist der Sohn oder die Tochter eines Hohepriesters, eines Oberpriesters im Tempel. Und du kriegst jetzt mit, dass der Jesus Tische umschmeißt. Und du bist der Sohn von einem Oberpriester oder die Tochter. Und du liebst deinen Papa. Und jetzt siehst du das mal mit seinen Augen. Und jetzt Nikolaiten. Wenn du dich auf die Seite der Gegner Jesu stellst, dann spricht Jesus zu dir. Denn er spricht ja zu seinen Gegnern. Dann hörst du die Worte Jesu gegen dich. Und dann geht's los. Und deswegen müssen wir auch hier erst mal den Nikolaiten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das sind Leute, die ihr Leben lang an diesem Essen teilgenommen haben.
Das ist das Normalste auf der Welt. Judenchristen kannst du hier zum Vergleich nicht heranziehen, denn die kennen das Problem gar nicht. Und die haben keine Verwandten unter den paganen Menschen. Aber die anderen schon. Sollen sie jetzt das alles fallen lassen? Dürfen sie das um des Glaubens an Jesu willen? Sollen sie diese Kontakte alle abbrechen? Ja, da dürfte ihr mal drüber nachdenken. Also ich entlasse euch mit folgender Frage: Inwieweit ist es gut und angemessen, die Kontakte zu anderen Menschen zu halten und zu pflegen? Und wo setzt es wirklich ein, dass wir um Jesu Christi willen nicht mehr alles mitmachen können? Um diese Frage geht es bei den Nikolaiten.
Die Nikolaiten waren sicher ärmere Leute. Denn die Frage des Kultopferfleisches war für die ärmeren Leute von größter Bedeutung, weil es eben wesentlich billiger war und trotzdem gut. Was meint ihr? Was soll man da machen?
Die Apokalypse des Johannes (Teil 6): Die sieben Sendschreiben & das Sendschreiben an Ephesus (Offb 2,1–7) | 12.8.3
Wer an die Apokalypse des Johannes denkt, denkt vermutlich an das Untier aus dem Meer, an Armageddon und das Ende der Welt. Und überspringt dabei die ersten drei Kapitel der Offenbarung des Johannes, die unverzichtbar sind, um den Rest des Buches zu verstehen. »Die Sendschreiben richten den Blick in die Gegenwart, man darf nicht gleich in die Zukunft springen«, betont Siegfried Zimmer. Und er beschreibt in diesem Vortrag, wie diese Gemeinden damals ausgesehen haben, warum die Sendschreiben ausgerechnet an Gemeinden in diesen Städten gingen und warum manche von ihnen in diesen Schreiben gelobt, andere getadelt werden. Zimmer geht es vor allem auch darum, was diese Briefe von vor zwei Jahrtausenden uns im Hier und Heute zu sagen haben. Es sind Fragen, die Christen umtreiben, die ihren Glauben in einer Welt leben wollen, in denen dieser Glaube nicht mehr selbstverständlich ist. Was sollen wir um des Glaubens Willen erdulden, wann sollen wir uns wehren? Inwieweit sollen sich Christen an die Gesellschaft anpassen, in der sie leben? Und wie gelingt die Umkehr zurück zum Anfang, zur ersten Liebe?
Dieser Vortrag gehört zu der 12-teiligen Apokalypse des Johannes-Vorlesung von Prof. Dr. Siegfried Zimmer.