Haggai, das ist ein kleines, aber feines Prophetenbuch. Es steht nicht wie Jesaja oder andere im Zentrum der Prophetenforschung, aber das Büchlein hat meiner Einschätzung nach eine sehr interessante tempeltheologische Konzeption. Historisch wurzelt sie in der spezifischen Situation Jerusalems am Ende des Jahres 520 v. Chr. So erlaubt die Schrift aufschlussreiche, aber oft wenig beachtete Einblicke in die religions- und theologiegeschichtliche Umbruchsphase am Ende des Exils. Ich möchte in meiner Präsentation heute in die wichtigsten Aspekte zu diesem kleinen, aber feinen Prophetenbuch einführen.
Ich beginne mit einer Paraphrase des Buchinhaltes, der wohl nicht zu den bekanntesten biblischen Stoffen zählt. Wie in anderen Fällen auch, bezeichnet der Name Haggai sowohl den Propheten und Protagonisten, über den wir nicht allzu viel wissen, als auch das nach ihm benannte prophetische Buch, das den Schlussteil des Zwölfprophetenbuches eröffnet. Somit ist auch in diesem Fall der Prophet hinter sein Buch zurückgetreten bzw. weitgehend darin aufgegangen. Was wir haben und womit wir uns beschäftigen wollen, ist das Prophetenbuch.
Wir bemühen uns, es in seinem Entstehungskontext bestmöglich zu verstehen. Als Ganzes stellt das Haggaibuch eine Prophetenerzählung dar, wie es noch ausgeprägter das bekannte Buch Jona ist. Das Haggaibuch berichtet in vier Abschnitten über die Verkündigung von Gottes Worten zum Tempelneubau durch den Propheten Haggai und über deren Wirkung. Dabei werden die sprachlich gehobenen, oft poetischen Gottes- und Prophetenworte, in denen das "Ich" Jahwes und das "Ich" des Propheten weitgehend zusammenfallen, jeweils wörtlich zitiert. Eingeleitet werden sie narrativ mit taggenauen Datierungen, die in die zweite Hälfte des Jahres 520 führen und sich so ähnlich nur noch bei Sacharja finden.
Deswegen handelt es sich bei Haggai um die mit am präzisesten datierte Prophetenschrift. Zugleich um die Prophetenschrift, die die kürzeste Wirksamkeit eines Propheten aufweist, innerhalb der hebräischen Bibel oder des alten Testamentes. Ganz im Zentrum steht die Verkündigung Haggais und auch seine recht erfolgreiche Wirkung. Der Tempelneubau wird nämlich in Angriff genommen. Vergleichsweise knapp wird über diese Wirkung berichtet, wobei vor allem auf den Initialvorgang, den Baubeginn des zweiten Tempels, Bezug genommen wird,
ohne dann die fortschreitenden Bauetappen, den Bauverlauf oder gar die Fertigstellung und die Tempelneuweihe im Jahre 515 v. Chr. zu schildern. Es ist also keine Tempelbau-Chronik, sondern wir haben einen Bericht über Haggais prophetische Verkündigung von Gottes Worten vor uns. Thematisch und inhaltlich geht es um Haggais göttlich legitimierte Aufforderung zum Tempelneubau, die er in der grosspolitischen Umbruchssituation zu Beginn der Weltherrschaft des Perserkönigs Darius I. an die jerusalemer Führer und an das Volk richtet. Angesichts des verwüstet in Trümmern liegenden Tempels argumentiert Haggai gegen verschiedene lokale Widerstände für einen unverzüglichen Beginn des Tempelneubaus trotz der herrschenden ökonomischen Krise.
Denn nach ihm inauguriert der Tempelneubau die definitive Wende zu einer auch ökonomisch besseren Zukunft und zu neuem, umfassendem, segensvollem Heil. Der lokale tempeltheologische Horizont beschränkt sich somit auf die agrarisch-ökonomischen Zustände in Jerusalem und Juda und erweitert sich nur allmählich und nur punktuell darüber hinaus aus auf die völkerweite und zum Teil sogar eschatologisch endzeitlich ausgerichtete Zukunftsperspektive. Ich komme damit zu einer Besprechung des Aufbaus des Buches. Dieser Inhalt wird wie gesagt in vier Abschnitten und Durchgängen präsentiert.
Typisch ist sogleich der erste Abschnitt in Kapitel 1, der berichtet, wie Haggai mit einem Gotteswort emphatisch darlegt, dass nun die richtige Zeit für den Wiederaufbau des Tempels gekommen ist. Er tut dies eben gegen Widerstände von Seiten der Bevölkerung und deren Anführer, dem Statthalter Serubbabel und den Hohepriester Jehoschua. Die ökonomische Notlage, geprägt von Dürre und Missernte, ist gemäss Haggai eingetreten, weil der Tempelbau noch nicht in Angriff genommen worden ist. Als Reaktion auf diese Diagnose fürchten sich dann alle Angesprochenen vor Jahwe, machen sich sodann aber unter Zusage des göttlichen Beistandes direkt an die Arbeit.
Das wird am Ende in Vers 12 bis 15a ausgeführt. Der zweite Abschnitt in Kapitel 2 bzw. 1, 15b bis 2, 9 datiert zwei Monate später. Er wiederholt den Aufruf zum Tempelneubau, der offenbar nur schleppend erfolgt und umgesetzt wird. Dafür ermutigt Haggai die Anführer wie das Volk, und er sichert erneut Jahwes Beistand zu, und er verheisst dem neuen Tempel eine zuvor nie dagewesene Herrlichkeit, die in eine kosmos- und völkerweit verankerte Heilswende eingebettet ist.
Nochmals zwei Monate später ergeht das dritte Gotteswort in 2, 10 bis 19. Es thematisiert mit Hilfe einer Priester-Torah die Unreinheit des Volkes und seiner Opfer ohne Tempel. Demgegenüber gibt Haggai die Zusage, dass mit der Tempelgrundsteinlegung eine umfassende Wende der agrarischen Notlage anhebt und eine heilvolle Segenszeit beginne. In Vers 15 bis 19 wird das zusammengefasst. Und es wird als noch am gleichen Tag erfolgt beschrieben. Ebenfalls am gleichen Tag folgt das letzte Gotteswort in 2, 20 bis 23, das Haggai nun spezifisch an den Statthalter Serubbabel ausrichtet.
Bemerkenswerterweise eröffnet es aber mit einem universalen Ausblick auf das kosmos- und völkerweit erfolgende Gerichtshandeln Jahwes. Das wird die Königreiche der Nationen zu Fall bringen. Und erst danach fokussiert sich der Blick auf die dann ebenfalls erfolgende Einsetzung des erwählten Jahwedieners Serubbabel als Jahwes Siegelring. Buchkompositionell sind diese Abschnitte durch eine Reihe von Textsignalen markiert und finden sich zum Teil bereits in den Handschriften aus Qumran am toten Meer. Charakteristisch sind jeweils die prosaischen Einleitungen mit taggenauen Datierungen, mit der Angabe der Adressaten und weiteren situativen Kontextualisierungen.
Die folgenden Gottesworte dann sind hingegen poetisch verdichtet formuliert und weisen eine Reihe von wiederkehrenden Formeln, Wendungen und Aussagen auf, die weiter den Text untergliedern und in Abschnitte unterteilen. Korreliert mit den Inhalten kann man so eine wechselnde, alternierende, Gesamtstruktur erkennen, in der sich der erste und der dritte und der universal eschatologisch aufgeweitete zweite und vierte Abschnitt jeweils enger entsprechen. Ein eigentlicher Buchanfang und Buchschluss, die von diesen Worten abgesetzt werden, fehlen hingegen. Das ist ein Spezifikum des Haggai-Buches.
Sie ergeben sich entsprechend nur inhaltlich. Trotzdem ist die Gliederung in diese vier Abschnitte ein weitgehender Forschungskonsens und entspricht auch den erwähnten taggenauen Datierungen. Das Haggai-Buch berichtet also in chronologischer Abfolge die von Haggai initiierten Ereignisse, die sich im Zusammenhang mit dem Beginn des Tempelneubaus über knapp vier Monate in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 520 erstrecken. Die Funktion dieses präzisen Datierungsgeflechtes, das sich wie gesagt so in der hebräischen Bibel sonst nicht findet, besteht also darin, die konkrete Wirksamkeit des von Haggai verkündeten Jahwe-Wortes herauszustellen.
So viel zum Aufbau des Haggai-Buches. Jetzt noch eine Bemerkung zu seiner Stellung innerhalb des Zwölfprophetenbuches, was schon in den antiken Handschriften festgehalten ist und womit Haggai über zahlreiche Stichworte in den Kontext des Zwölfprophetenbuches eingebunden ist. Ich will an der Stelle nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern nur insgesamt festhalten, dass Haggai durchwegs auf den Propheten Zefanja folgt, dass er aber zugleich die tiefste Zäsur innerhalb des Zwölfprophetenbuches insgesamt markiert. Während Hosea bis Zefanja die vorexilische Zeit der asyrischen und neubabylonischen Vorherrschaft behandeln, kommt ab Haggai unvermittelt die nachexilische Zeit unter der persischen Oberherrschaft in den Blick.
Das heisst, ähnlich wie im Jesaja-Buch wird die Exilszeit und das eigentliche Exilsgeschick Israels und Judas literarisch übersprungen und nur implizit, indirekt verhandelt. Haggai eröffnet also programmatisch den Schlussteil des Zwölfprophetenbuches, in dem die Restitution, der Neubau des Tempels und die Restitution, die Wiederherstellung des Gottesvolkes, entfaltet wird. Damit komme ich zur Entstehungsgeschichte dieses Buches. Das ist ja so etwas wie die klassisch exegetische Zugangsweise zu diesem Buch.
Ich möchte mit einer forschungsgeschichtlichen und mit einer methodologischen Bemerkung einsteigen. Das klassische Forschungsparadigma hat immer nach den originalen Prophetenworten gefragt und davon die späteren Kontextualisierungen und die häufig als minderwertig, defizitär, eingeschätzten Kommentierungen abgehoben. Demgegenüber interessiert sich die neuere redaktionsgeschichtliche Forschung seit den 1970er Jahren für den Buchwachstumsprozess insgesamt, der auf sämtlichen Stufen gleichermassen interessiert und gleichermassen gewürdigt wird. Ich präsentiere hier im Folgenden ein solches konsequent redaktionsgeschichtliches Modell, das die viel zitierte, von Erich Zenger sogenannte Diachronreflektierte Synchronie so umsetzt, dass der Entstehungsprozess des Haggai-Buches vom ältesten erhebbaren Grundbestand bis zu den produktiven Endgestalten des Buches nachgezeichnet wird.
Ich bewege mich dabei also im aktuellen Mainstream der Prophetenforschung, der innerhalb einer recht konsensfähigen Bandbreite eine überschaubare Entstehungsgeschichte des Haggai-Buches erhebt. Wichtig ist mir nochmals die hermeneutische Zugangsweise, die Schriftprophetie als gegenwartsbezogene und gegenwartserschliessende Geschichtsdeutung versteht und entsprechend sämtliche Textrekonstruktionen in dieser Perspektive wertschätzt.
Grundzüge dieser Entstehungsgeschichte lassen sich so anhand der folgenden Beobachtungen erschliessen und begründen. Ein erstes wichtiges Indiz ist der schon angesprochene Wechsel von Prophetenerzählung und Prophetenworten. Er ist auffällig und deckt sich mit weiteren Verschiebungen. Aufschlussreich sind zweitens die variierenden Adressaten. Sie gehen oft zusammen mit terminologischen Differenzen im Gebrauch von Titeln für diese Adressaten und von Formeln, die verwendet werden andererseits. Drittens interessant und wichtig sind thematische Verschiebungen, etwa bezüglich der Funktion der prophetischen Botschaft oder des Prophetenbildes.
Oft finden sich auch thematische Wechsel innerhalb der Wortteile selbst, wie es besonders deutlich der Welt- und Völkerhorizont im zweiten und vierten Abschnitt belegt, wie es die Priester-Torah im dritten Abschnitt zeigt oder wie es der politisch-messianische Fokus im Buchabschluss dokumentiert. Wir kommen darauf zu sprechen. All diese Beobachtungen werden in der neueren Forschung im Rahmen der Tradierung und Bearbeitung schriftlicher Prophetie verortet und so die wichtigsten Buchentstehungs-Etappen verfolgt. Ich setze ein mit der Grundschicht des Haggai-Buchs. Sie umfasst die Kernteile der ersten drei Buchabschnitte, während das letzte Serubbabel-Wort wahrscheinlich etwas jünger ist.
Nach aller historischen Wahrscheinlichkeit steht am Anfang der Überlieferung der Prophet Haggai. Auch wenn sich der genaue Wortlaut seiner mündlichen Botschaft aufgrund der freien Situierung nicht mehr exakt rekonstruieren lässt, spricht die im vorliegenden Text ausserordentlich deutlich greifbare Ereignissnähe klar dafür, dass die Substanz, der Gehalt der verschrifteten Worte sich der mündlich geäusserten Botschaft verdankt und diese im Nachhinein festhält. Die sich durchhaltenden Formeln und Gestaltungselemente verleihen der Sammlung dabei eine bemerkenswerte literarische Kohärenz. Es handelt sich also nicht um planlos gesammelte, isolierte Einzelworte, wie es lange vertreten wurde in der Forschung, sondern um eine eigenständige, bewusst literarisch gestaltete Komposition, die situationsnahe drei argumentative Diskussionsworte des Propheten Haggai mit der Bevölkerung und ihren Anführern umfasst
und also so etwas wie eine kleine prophetische Streitschrift für den Tempelneubau darstellt. So lässt sich die situativ etwas unbestimmte Bucheröffnung erklären, deren Verortung für die noch ereignisnahen Verfasserkreise relativ klar war. Es geht also gleich medias in res, mitten in die Sache hinein, im ersten Gotteswort ab 1,2. Da heisst es: "Dieses Volk da sagt,
es ist nicht die Zeit gekommen, die Zeit des Hauses Jahwes, aufgebaut zu werden. Ist es für euch selbst etwa Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus verwaist ist? Und nun, so spricht Jahwe Zebaoth, richtet euer Herz auf eure Wege. So spricht Jahwe Zebaot, richtet euer Herz auf eure Wege. Steigt hinauf ins Gebirge und bringt Holz her und baut das Haus. Dann werde ich Wohlgefallen daran haben und verherrlicht werden, Spruch Jahwes." Der situative Kontext wird also sofort klar. Es geht um den Tempelneubau und die angemessene Ressourcenverteilung.
Haggai nimmt wohl Gegenargumente auf, es sei noch nicht die Zeit gekommen für den Tempelneubau. Die prophetische Diagnose im Namen Jahwes lautet demgegenüber, dass der Tempelneubau oberste Priorität geniessen muss. Und er wird explizit mit dem Wohlgefallen Jahwes verbunden. Es ist jetzt Zeit. Die Fortsetzung zeigt dann nochmals sehr schön, wie diese Gegenwartsdeutung erfolgt. Nämlich so, dass die gegenwärtige Misere aus den verfehlten Prioritäten erklärt wird. In 1,9 heisst es: "Ihr habt euch dem Vermehren zugewandt, aber siehe, zu wenig ist es geworden. Und brachtet ihr es nach Hause, blies ich da rein.
Weswegen ist das so? Spruch Jahwe Zebaoths. Wegen meines Hauses, das verwüstet ist, während ihr rennt ein jeder für sein Haus." Das sitzt. Diese Diagnose hat die Adressaten in ihrer Lage also, so die literarische Fortsetzung, überzeugt. Zwar stammt der explizite Erzählbericht über den Baubeginn vermutlich erst von der nachfolgenden Buchredaktion, aber schon die Grundschicht führt aus, wie Jahwe mit dem Projekt des Tempelneubaus ist. 1,12 fasst das zusammen: "und das Volk fürchtete sich vor Jahwe. Und Haggai, der Bote Jahwes, sprach im Auftrag Jahwes zum Volk:
Ich bin mit euch, Spruch Jahwes." So weit das erste Wort. Im zweiten Abschnitt verläuft die Stossrichtung ganz ähnlich. Das zweite Wort arbeitet näher hin mit dem Zeithorizont der Tempelzerstörung. In 2,3 geht es los. "Wer unter euch ist noch übrig geblieben, der dieses Haus in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr es nun? Ist es nicht wie nichts in euren Augen? Und nun sei stark, Serubbabel, Spruch Jahwes. Und sei stark, Jehoschua ben Jozadak, Hohepriester. Und sei stark alles Volk des Landes, Spruch Jahwes. Und geht ans Werk.
Denn ich bin mit euch, Spruch Jahwe Zebaoths. Fürchtet euch nicht. Größer wird die Herrlichkeit des künftigen Hauses sein als die frühere, spricht Jahwe Zebaoth." Die Argumentation schliesst also mit einer tempeltheologischen Zukunftsperspektive. Auch die werden wir noch genauer in den Blick nehmen. Das Gleiche gilt für das dritte Wort, das die Wende zum Guten nun auch umfassend für die Adressaten ausformuliert. In 2,15, also dem zweiten Teil im dritten Abschnitt, heisst es: "Und nun richtet doch euer Herz von heute an vorwärts. Bevor man Stein auf Stein gelegt hat am Tempel Jahwes, wie erging es euch?
Man kam zu einem Getreidehaufen von 20 Einheiten, es waren aber nur 10 da. Man kam zu einem Keltertrog, um 50 Maßeinheiten zu schöpfen, es waren aber nur 20 da. Richtet doch euer Herz von heute an vorwärts. Von heute an segne ich." Die Grundsteinlegung für den neuen Tempel markiert also die Wende zu umfassendem Heil und Segen. Das bildet den abschliessenden Höhepunkt der älteren Diskussionsworte des Haggai-Buches. Ich schliesse hier eine Bemerkung zu der vermutlich frühen Einschreibung in 2,11-14, also dem ersten Teil des dritten Abschnittes, an.
Der jetzige Anfang dieses dritten Wortes besteht nämlich aus einer relativ ausführlichen Priester-Torah, die eben recht schwierig einzuordnen ist. Klar ist aber, dass sie thematisch ein ganz neues Feld behandelt. Und weil sie sich nicht wie sonst an das Bevölkerungskollektiv, sondern lediglich an die Priester richtet, würde ich hier einen neuen Akzent sehen. Wie auch immer, klar ist in jedem Fall, dass hier die Grundschrift so in den Blick genommen wird, dass die Konsequenzen auch auf die Gruppe der Priester und den Opferbetrieb weitergeführt, ausgeweitet wird. Ein Ausschnitt aus diesem Abschnitt, also 2,11 beginnend, "so spricht Jahwe Zebaoth.
Erfrage doch von den Priestern Weisung. Wenn ein Mann heiliges Fleisch im Zipfel seines Gewandes trägt und er berührt mit dem Zipfel Brot oder Gekochtes oder Wein oder Öl oder irgendein Essen, wird es dadurch heilig? Und die Priester antworteten Nein. Da antwortete Haggai: So verhält es sich mit diesem Volk da, und so verhält es sich mit dieser Nation da vor mir, Spruch Jahwes. Und so verhält es sich mit allem Tun ihrer Hände und mit dem, was sie dort darbringen. Es ist unrein." Die Unreinheit des Volkes und seiner Opfer wird man pragmatisch also so kontextualisieren dürfen, dass damit auf die Überwindung dieser Unreinheit abgehoben wird,
und zwar durch einen im neu gebauten Tempel dann korrekt vollziehbaren Opferdienst. So soll wohl auch die Priesterschaft für den Tempelneubau gewonnen und motiviert werden. Das scheint mir der spezifische Akzent dieses Unterabschnittes zu sein. Ich komme damit zur nächsten Etappe der chronologisch-narrativen Buchredaktion, mit der ich mich hier beschäftige. Hier schliesst nun vermutlich die entscheidende buchformative Überarbeitung an. Sie versieht diese Diskussionsworte, die wir betrachtet hatten, mit prosaischen, mit erzählenden Einleitungen, mit weiteren Angaben, welche die Worte Haggais situativ präziser verorten.
Datierung, Sender, Adressaten, Kommunikationsvorgang. Offenbar werden mit zunehmendem Abstand der Leserkreise solche Angaben immer wichtiger. Und es wird sichergestellt, dass auch für situationsunkundigere Leser:innen der Buchgehalt vertraut bleibt. Deswegen kann man von einer chronologisch-narrativen Buchredaktion sprechen. Sehr schön zeigt das die jetzt vorliegende Eröffnung des Buches, die das oben zitierte erste Diskussionswort nun genau so situativ verortet. In 1,1 heisst es, also am Anfang des Buches, "Im zweiten Jahr Darius des Königs, im sechsten Monat, am ersten Tag des Monats, erging das Wort durch Haggai, den Propheten, an Serubbabel ben Shealtiël, den Stadthalter von Juda,
und an Jehoschua Ben Jozadak, den Hohepriester. Es ist also klar, in welchem Kontext die prophetischen Worte Haggais, die er im Auftrag Jahwes ausrichtet, ergehen. Ganz Ähnliches gilt im Blick auf den Effekt, auf die Wirkung von Haggais Aufforderung am Ende dieses ersten Durchganges. In 1,12, den wir schon anzitiert hatten, heisst es weitergehend, "da hörten Serubbabel ben Shealtiël und Jehoschua Ben Jozadak, der Hohepriester, und der ganze Rest des Volkes auf die Stimme Jahwes ihres Gottes, und zwar gemäß den Worten Haggais des Propheten, so wie Jahwe ihr Gott ihn zu ihnen gesandt hatte."
Und weiter in Vers 14, "Und Jahwe erweckte den Geist Serubbabel ben Shealtiëls, des Statthalters von Juda, und den Geist Jehoschuas Ben Jozadaks, des Hohepriesters, und den Geist des ganzen Rests des Volkes. Und sie kamen und machten sich an die Arbeit am Haus Jahwe Zebaoths, ihres Gottes." Es wird deutlich, wie diese situierende, präzise, die Worte verordnende Technik funktioniert. Diese kontextualisierende Technik wird dann auch im Folgenden konsequent angewandt. Ich greife noch das vierte und letzte kürzere Wort heraus, das auch für den Statthalter Serubbabel so etwas wie eine messianische Zukunftsverheissung ergänzt.
In 2,20 geht es los: "Und das Wort Jahwes erging zum zweiten Mal an Haggai am 24. Tag des Monats. Er spricht zu Serubbabel, dem Statthalter von Juda: Ich werde dich nehmen, Serubbabel ben Shealtiël, mein Knecht, Spruch Jahwes, und ich werde dich wie den Siegelring machen, denn dich habe ich erwählt, Sprach Jahwe Zebaoths." Durch derartige Kontextualisierung, taggenaue Adaptierungen erreicht das vorliegende Haggai-Buch seine Gestalt. Wichtig ist an diesen vorangehenden Textbeobachtungen, dass sich hier erstmals eine literarische Verbindung zum ersten Teil des Sacharjabuchs in Kapitel 1 bis 8 finden lässt.
Diese engen, literarischen, über Formeln, Bindungen, Aussagen funktionierenden Verbindungen zum Sacharjabuch gehören sehr wahrscheinlich in eine gemeinsame Redaktion dieser beiden Schriften oder sogar noch weiterer Teile des werdenden Zwölfprophetenbuches. Für uns ist besonders interessant und instruktiv der Abschlussteil des ersten Sacharjabuchteils in Kapitel 8. Dort heisst es in 8, 9 bis 12 und 13 ausführlich, wie mit der Tempelgrundsteinlegung eine fundamentale Segenswende von Seiten Jahwes erfolgt.
Das heisst also, in Sacharja 8 haben wir eine gleichlaufende Botschaft zu Haggai vorliegen, die vermutlich auf übergreifende theologische Bearbeitung dieser beiden Schriften und des werdenden Zwölfprophetenbuches weist. Deswegen bildet die Kombination von Haggai und der Fortsetzung in Sacharja 1 bis 8 literarisch wahrscheinlich den hinteren Kern und Grundpfeiler des Zwölfprophetenbuches insgesamt. Und Haggai eröffnet in diesem Grosszusammenhang eben die nachexilische Heilswende. Im Blick auf die Entstehungszeit lässt sich diese Buchredaktion für einmal vermutlich vergleichsweise sehr genau datieren. Wenn man nämlich die Zusage an Serubbabel auswertet und wenn man berücksichtigt, dass von der Fertigstellung des Tempels, seiner Weihe, die historisch im Jahre 515 verbürgt ist,
dass von diesen beiden Fortwirkungen im Haggaibuch nichts verlautet. Dann gelangt man für diese Buchredaktion ziemlich genau in die Zeit zwischen 517, nämlich dem letzten Datum im ersten Sacharja-Buchteil, und 515 der Tempelneuweihe. Das heisst also, erste Schülerkreise von Haggai, vielleicht auch Sacharja, haben relativ zeitnah diese Sammlung geschaffen, um sie für zunehmend situationsfernere Leserinnen und Leser zu bewahren. Weil sie davon überzeugt waren, dass diese Gottesworte und die Prophetenworte weiterhin wichtig und gegenwartserschliessend sind. Ich komme in einem letzten Abschnitt noch auf die Ausweitungen, die ich schon angesprochen hatte, im zweiten und vierten Buchabschnitt zu sprechen.
Diese völkerweit zukunftsbezogenen eschatologischen Ausweitungen zeigen sich in den beiden Fortschreibungen in Abschnitt 2, 6 bis 9 und 2, 21 bis 23. Beide Abschnitte entsprechen sich inhaltlich sehr eng bis in den Wortlaut hinein und gehören entsprechend unzweifelhaft zusammen. Ihre Funktion besteht darin, den bisher eng auf den Tempelneubau bezogenen Horizont umfassend massiv auszuweiten auf die Welt der Völker und auf die bevorstehende Zukunft für die Völkerwelt und für den Kosmos insgesamt.
In 2, 6 bis 9 heisst es: "Denn so spricht Jahwe Zebaoth, noch einmal, wenig ist es, dann erschüttere ich den Himmel und die Erde und das Meer und das Trockenland und ich werde alle Nationen erschüttern und die Kostbarkeiten aller Nationen werden kommen. Und ich werde dieses Haus mit Herrlichkeit erfüllen, spricht Jahwe Zebaoth. Mir gehört das Silber und mir gehört das Gold, Sprucht Jahwe Zebaoths. Und an diesem Ort werde ich Frieden geben." Es ist deutlich, die partikulare und tempelzentrierte Perspektive wird jetzt universal in einer zukünftigen und welt- und völkerweiten Heilswende eingebettet.
Diese Wende erfolgt jetzt also erst nach einem umfassenden Völkergericht Jahwes und spiegelt in der Entstehungszeit wahrscheinlich wiederholte Krisenerfahrungen, die sich in der späteren Perserzeit um ca. 400 v. Chr. eingestellt haben, als massive und lange anhaltende Unruhen das Perserreich ab Darius II. erschütterten und gerade auch im Westen seines Reiches, in Palästina und in der Provinz Jehud, erhebliche Folgen zeitigten. Ähnliche Erwartungen ziehen sich ja auch durch das Zwölfprophetenbuch insgesamt hindurch. Namentlich im Joel-Buch finden sich inhaltlich enge Entsprechungen. Und auch diese Befunde weisen auf vergleichbare Aktualisierungen des Zwölfprophetenbuches hin, wie wir es im Kleinen für Haggai und Sacharja gesehen hatten.
Das heisst, auch in diesen Umbruchszeiten der späten Perserzeit wird Haggai weiterhin als wirksame und hilfreiche prophetische Orientierung in der Gegenwart gelesen. Und ebenso als weiterhin die Aktualität des Gotteswortes bezeugende Schrift. Mit den bisherigen Auswertungen haben wir, abgesehen von ganz wenigen und kleinen Einzelzusätzen, die vorliegende Gestalt des Haggai-Buches erreicht, so wie sie sich im hebräischen Kanon findet. Ich möchte hier abschliessend noch eine kurze Bemerkung zur Textgeschichte und zur frühen Rezeptionsgeschichte anfügen, die beide in letzter Zeit in der Forschung vertiefte Beachtung gefunden haben.
Zunächst zur Textgeschichte. Hier hat die Forschung nämlich für viele Bücher der hebräischen Bibel zeigen können, dass und auf welche Weise die Buchentstehung und dann die Buchüberlieferung, die Textgeschichte mit den Übersetzungen in weitere Sprachen eng ineinandergreifen. Gerade die griechische, die altlateinische oder die syrische Überlieferung bewahren immer wieder alte, gegenüber dem hebräisch-masoretischen Textbestand ursprünglichere Textfassungen. Das ist ein hochaktuelles und interessantes Forschungsfeld. Spezifisch für das Haggai-Buch allerdings beschränken sich in dieser Hinsicht die relevanten Fälle auf wenige sachliche Aus- und Umdeutungen. Das Haggai-Buch ist in dem Bereich der Forschung nicht so ertragreich.
Gleichwohl, zwei Beispiele im masoretischen Text, ist vermutlich der betonte Botenauftrag Haggais in 1,13 eine spätere Ausmalung, die den älteren Text unterstreicht und weiter ausführt. Oder das kontextuell isolierte Bundeswort in 2,5, das ich bisher nicht zitiert habe. Dieses Bundeswort ist wahrscheinlich sekundär in den Kontext eingefügt worden. Das sind aber nur zwei kleine Beispiele gewissermassen für Akzentverstärkungen in späten Phasen, die sich über die Textgeschichte greifen lassen. Umgekehrt lassen sich vor allem in der griechischen Übersetzung, der sogenannten Septuaginta, auch charakterisierende Ausmalungen, namentlich von Serubbabel, dem Statthalter, ausmachen, die in der griechischen Übersetzung vermutlich spätere Aschurierungen darstellen.
Das sind wenige Hinweise zur Textgeschichte, an die dann rezeptions- und auslegungsgeschichtliche Überlegungen weiter unten anschliessen werden. Ich komme aber zunächst noch zu einem wichtigen Abschnitt, der sich dem historischen und kulturellen Kontext des Buches zuwendet, also versucht, das Haggaibuch in seinem kultur-, religions- und theologiegeschichtlichen Kontext zu erschliessen. Ich bin davon überzeugt, dass sich auf diese Weise sowohl der unverwechselbare historische Entstehungskontext des Haggaibuches, aber genau gleich auch die genuin theologischen Innovationen, die das Haggaibuch auf allen seinen Entstehungsstufen vornimmt, herausarbeiten lassen.
Beides scheint mir unabdingbar zu sein, wenn man sich im Westeuropa des frühen 21. Jahrhunderts mit Haggai hermeneutisch und theologisch verantwortet beschäftigen will. Die Hinweise zum historischen Kontext halte ich hier relativ kurz. Es ist nämlich in der Forschung ziemlich klar, dass das Haggaibuch den grosspolitischen Herrschaftswechsel von den Neubabyloniern zu den Persern ab der Mitte des sechsten Jahrhunderts voraussetzt und selber im Rahmen des Persischen Weltreichs situiert ist.
Das Haggaibuch wird ja nicht der Reichsgründer Kyros I. genannt, sondern dessen Nachfolger Darius I. Dieser hat ab 522 für fast vier Jahrzehnte regiert und sein Reich administrativ umfassend reorganisiert, unter anderem mit einer Steuerreform und einer relativen Autonomie der Provinzen, solange sie regimetreu blieben. Diese Rahmenbedingungen gelten natürlich auch für Jerusalem, das mit seinem Umland früher oder später eine eigene Provinz Jehud geworden ist, und das heisst entsprechend auf politische Souveränität wie während der vorexilischen Königszeit verzichten musste. Im Haggaibuch zeigt sich dies sehr schön in der Zeichnung des davidischen Nachkommens Serubbabel als persischer Statthalter und eben nicht als souveräner König.
Wichtiger für das Haggaibuch ist es aus meiner Sicht aber, auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Jerusalem zu sprechen zu kommen. Die sind nämlich dürftig. So ist die Bevölkerung der Stadt vermutlich auf nur noch etwa 10% des vorexilischen Bestandes geschrumpft und beträgt noch ungefähr 1000 oder 1500 Personen maximal. Daran hat sich durch den Machtwechsel zu den Persern nichts geändert. Die Lebensweise und das Alltagsleben in dieser ländlich dezentralen Struktur sind ganz wesentlich von der sogenannten Subsistenzwirtschaft geprägt, die sich auf die Eigenversorgung beschränkt und ziemlich fragil bleibt aufgrund der spärlichen Niederschläge und den Schwankungen.
Es besteht nämlich, vor allem von Jerusalem an ostwärts, eine hohe Dürregefahr. Schon wenig verstärkte Niederschlagsarmut führt zu gefährlichen Ertragsausfällen. Und diese, das ist auch historisch gut bezeugt, häufen sich unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Exilszeit und den ausgeprägten Trockenphasen im späten sechsten Jahrhundert vor Christus. Das heisst also, die Ertragsausfälle fallen besonders prekär und existenzbedrohend aus. Dieser Hintergrund ist entscheidend und spiegelt sich im Haggaibuch flächendeckend wieder. Dagegen ist die gesellschaftliche Struktur weniger relevant. Es treten im Haggaibuch neben dem Statthalter und dem Hohepriester nur noch die Ältesten Judas auf.
Auf diese institutionellen Hintergründe und Gesellschaftsstrukturen, die neuerdings eingehend und auch mit Hilfe archäologischer Funde diskutiert werden, will ich nicht weiter eingehen. Ich will aber überleitend noch kurz den Tempelneubau ansprechen, der in der neuen Forschung ebenfalls zum Teil kontroverser rekonstruiert wird. Für die Mehrheitsposition, die ich für überaus überzeugend halte, ist aber klar, dass bis in die Anfangszeit von Darius I., der im Haggaibuch genannt wird und im Jahr 522 seine Herrschaft antritt, bis dahin sind keine signifikanten Heimkehrbewegungen von deportierten Israeliten und Judäern erfolgt,
wie das biblisch zum Teil im Esra- und Nehemia-Buch geschildert wird. Davon ist aber historisch nichts zu greifen. Vielmehr kommt es im Rahmen einer breiteren und persisch sanktionierten, erlaubten, geförderten Rückkehrbewegung nach Jerusalem zu Beginn der Regierungszeit Darius I. In diesem Kontext passiert der trotz manchen Hindernissen erfolgreich verlaufende Tempelneubau, der aufgrund von Quellen außerhalb von Haggai im Jahr 515 seinen Abschluss mit der Tempelneuweihe fand. Das ganz kurz zu den historischen Hintergründen. Ich möchte nun zum religionsgeschichtlichen Kontext übergehen und hier vier Perspektiven herausgreifen, die für das Haggaibuch wichtig sind.
Der basale Erfahrungsbereich, von dem Haggais Botschaft ihren Ausgang nimmt, stellt offenkundig die erwähnte agrarische ökonomische Misere dar, die Haggai ja dezidiert als göttliches Strafwirken deutet. Diese Deutung steht in einer breiten, altorientalischen Tradition. Prominent tritt sie vor allem in den sogenannten Nichtigkeitsflüchen auf, die sich in Verträgen finden. Diese drohen bei Nichteinhaltung der Verträge göttliche Strafe und Verfluchung für die Zukunft an, sodass dann die menschlichen Lebensverhältnisse trotz vollem Einsatz grundlegend von Not geprägt sein würden.
Genau diese Tradition greift Haggai auf und formt sie in doppelter Weise innovativ um. Zum ersten bezieht er diese Nichtigkeitsflüche bereits auf seine eigene Gegenwart, sodass die Flüche sich bereits realisiert haben und die Gegenwart entsprechend als unter dem göttlichen Zorn stehende Unheilszeit, als Misere, als Mangellage, qualifiziert wird. Und zum anderen wird die alle agrarische Mangelerfahrungen auslösende Strafe Jahwes präzise mit dem fehlenden Tempelneubau begründet. Also Bezug der künftigen Nichtigkeitsflüche auf die Gegenwart und Begründung im nicht erfolgten Tempelneubau.
Das sind sozusagen die beiden innovativen Rezeptionsweisen Haggais dieser alten Nichtigkeitsfluchttradition. Ein sehr schönes Beispiel, wie Theologie im Kontext aktuell geformt wird. Ein zweites Beispiel: Haggai gestaltet den von ihm unverzüglich geforderten Tempelneubau gleicherweise mit altehrwürdiger Tempeltradition aus. Obwohl dies das ganze Buch dominiert, fällt auf, dass abgesehen vom Beginn des Tempelneubaus nichts Konkretes, etwa über die Größe, die Architektur, die Ausstattung des Tempels verlautet. Vielmehr geht es grundlegend um den Tempelneubaubeginn und das eintretende Ergebnis, das mit der alles überragenden Herrlichkeit des neuen Tempels verbunden wird.
Das sind aber die beiden Eckpunkte und nicht die Details, die im Zentrum stehen. Der Abschluss des zweiten Wortes bringt das sehr schön auf den Punkt, in dem gesagt wird, ich zitiere nochmals, "Grösser wird die künftige Herrlichkeit dieses Hauses sein als die frühere, spricht Jahwe Zebaoth, und an diesem Ort werde ich Frieden geben." Sowohl die Herrlichkeit als auch die Bezeichnung als Haus Jahwes macht hier klar, dass der Tempel der Ort dauerhafter Gottesgegenwart ist. Auch der einzig wichtige Titel Gottes, Jahwe Zebaoth, im Haggaibuch, unterstreicht genau dies. Zu dieser Tempeltheologie gibt es zahlreiche altorientalische Vorläufer.
Im bekannten Tempelbauhymnus Gudeas von Lagash, eines sumerischen Königs im späten dritten Jahrtausend, sagt dort der Gott Ningirsu dem König Gudea zu, ich zitiere: "Durch die Gründung meines Tempels wird Überfluss kommen. Die grossen Getreidefelder werden dir üppig gedeihen, an dem Tag, an dem du mir das Fundament legen wirst." Die enge Korrelation von Tempelneubau und agrarisch-ökonomischem Überfluss entspricht ganz offensichtlich eng der Dynamik, die bei Haggai vorliegt. Die Entsprechungen gehen weit über das übliche topische hinaus, sodass man erwägen kann, dass Haggai nicht nur Tempeltradition allgemein, sondern auch diese spezifische Form des Bauberichts von Gudea gekannt und innovativ aufgegriffen hat.
Dann ist es umso bemerkenswerter, dass Haggai diese alte Tempeltheologie am Ende der Exilszeit, also noch unter Bedingungen des Exils, erfolgreich zu revitalisieren vermag. Für Haggai rückt mit dem Tempelneubau die reetablierte, die wiedergewonnene Präsenz Jahwes und die dann eintretenden umfassenden Heilsfolgen wieder ins Zentrum. Genau zu diesem Zweck greift er diese Tempeltradition und tempeltheologische Erbschaft aus dem alten Orient auf.
So kann man aufs Ganze festhalten, dass die Tempeltheologie und ihre Tradition als wesentliches Bindemittel der konzeptionellen Einheit des Haggaibuches fungiert. Otmar Kehl hat dies prägnant und treffend so auf den Punkt gebracht, dass er sagt, der Tempel fungiert als Kern des Kosmos, ohne den ein gedeihliches, gesegnetes Leben nicht möglich ist. Das bringt die Kernbotschaft prägnant auf den Punkt. Mit dem Stichwort des gesegneten Lebens nehme ich noch einen dritten Traditionshintergrund auf, den ich hier aber nicht ausführlicher ausloten kann. Nur die realgeschichtliche Beobachtung an dieser Stelle, dass die von Haggai verheissene Segenswende jedenfalls keine so nachhaltigen Erfolge gezeitigt hat wie erhofft.
Das zeigt die weitere Geschichte des perserzeitlichen Jerusalems am Ende des sechsten und im frühen fünften Jahrhundert. Hier ist ein archäologisch dokumentiertes nur schleppendes Fortkommen Jerusalems zu sehen, über mehrere Jahrzehnte hinweg. Das heisst also, die möglicherweise mit der Botschaft Haggais und der Tempelneuweihe verbundene Initiative hat so nachhaltig wie erhofft nicht gewirkt. Das zeigt auch an dieser Stelle, es gilt die historische und die theologische Ebene in ihrem spannungsvollen Zueinander zu beachten und sorgfältig auszuwerten.
Ich schliesse eine letzte religionsgeschichtliche Bemerkung an zu dem Schlusswort des Buches dieser messianischen Zusage an Serubbabel. Er wird ja als Jahwes Siegelring ausgezeichnet und mit einer besonderen Erwählung versehen. Theologie- und traditionsgeschichtlich ist hierbei die staatszeitliche Vorstellung von den Davididen als der von Jahwe erwählten Gesalbten, eben messianischen Könige in Jerusalem, zu nennen. Diese Tradition wird im Haggaibuch nicht aufgenommen. Sie wird also gleichsam theologisch verabschiedet, eben unter den Bedingungen der persischen Oberherrschaft. Gleichwohl wird mit diesem Wort des Siegelrings oder dem Bild des Siegelrings die Tradition innovativ umgestaltet.
Das gleiche Bild des Siegelrings findet sich, vermutlich etwas früher, auch im Jeremia-Buch in 22,24. Dort aber reisst Jahwe den Siegelring von seiner Hand ab und erteilt damit allen monarchischen Zukunftshoffnungen und Ansprüchen eine radikale Absage. Vermutlich übernimmt Haggai das Bild aus Jeremia, aber er versieht es mit einer positiveren Neubewertung. Er wendet nämlich dieses bei Jeremia als Abbruchs-Aussage negativ gewertete Bild grundsätzlich positiv,
indem er Serubbabel als Jahwes Siegelring präsentiert und ihn von Jahwe erwählt sieht, also weitergehend in die Zukunft als Siegelring und von Jahwe gestützter Siegelring versteht. Aber, und das ist eben entscheidend, Serubbabel wird nicht König, wird nicht souveräner Herrscher, sondern im Buchhorizont wird er ganz klar als der Statthalter, als der er auch ständig bezeichnet wird, gesehen, das heißt, als Statthalter, der mit Loyalität gegenüber der persischen Oberherrschaft agiert. Das heißt, es zeigt sich auch an dieser Stelle, wie kreativ, wie innovativ und theologisch eigenständig Haggai mit Traditionshintergrund, an der Stelle nun auch biblischem Traditionshintergrund, umgeht.
Ich komme zu einem weiteren letzten Teil meiner Präsentation, in dem ich noch knapp auf die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte ausblicken möchte und damit die vorangehenden textgeschichtlichen Hinweise aufnehme und weiterführe. In der Auslegungs- und Rezeptionsgeschichte auch des Haggaibuches lassen sich unzählige gelungene und auch misslungene Rezeptionsbeispiele zusammentragen. Ich möchte hier nur zwei Beispiele aus der altkirchlichen Zeit kurz ausführen, Beispiele, die im Rahmen einer allegorischen, einer bildhaften Textauslegung stehen, im zweiten Fall aber auch weit darüber hinaus nachhallen. Das erste Beispiel: Im Zuge des donatistischen Streites in der alten Kirche wird kontrovers auf den Ausdruck des "unreinen Volkes" in 2,14, dieser Priester-Torah, zurückgegriffen.
Während die an sich schon bemerkenswerte Ausdeutung dieses Wortes auf die Kirche als neues Gottesvolk die gemeinsame Basis war, argumentierten auf der einen Seite die Donatisten mit diesem Vers für eine reine Kirche, eine Kirche, aus der die Abgefallenen, die Lapsi, auszuschliessen seien. Augustin dagegen, und die sich offiziell dann durchsetzende kirchliche Lesart, insistierte darauf, dass der Begriff des unreinen Volkes im Buchkontext gerade auf das eigene Volk, d.h. auf die sichtbare Kirche, zu beziehen ist, eine Kirche, die in Analogie zum unreinen Volk dann also ein Corpus Mixtum, ein Mischgebilde aus Heiligen und weniger Heiligen darstellt.
Ein zweites Beispiel, das vielleicht wirkungsreichste Beispiel einer christologischen Auslegung des Haggaibuches, stellt die Aussage zur Erschütterung des Kosmos in 2,8, also im zweiten Buchteil, dar. Eine Erschütterung, die sich nach üblicher altkirchlicher Auslegung beim Kommen Jesu, sei es dem irdischen oder dem zukünftigen Kommen, erfüllt. Dabei spielt lange Zeit die Deutung von Hieronymus eine dominante Rolle. Er übersetzt 2,7, wo es heisst: "und die Kostbarkeiten aller Nationen werden kommen", als lateinisch "et veniet desideratus omnibus gentius", "und es wird kommen der Ersehnte aller Völker". Mit dieser Übersetzung hat Hieronymus, ich zitiere Gerhard Krause, der sich mit diesen
Fällen ausführlicher beschäftigt hat, Zitat, "den Grund für ein mehr als tausendjähriges Missverständnis des Textes" gelegt. Ein Missverständnis also, dass weit über Luther hinaus die Kostbarkeiten aus 2,7 personifiziert als den Ersehnten und entsprechend auf das Kommen des Messias bezogen hat. Erst im 19. Jahrhundert ist diese Deutung definitiv obsolet geworden. Während Hieronymus die Aussage noch auf das irdische Kommen Jesu bezogen hat, vertritt an der Stelle Augustin eine Deutung auf die endzeitliche, die eschatologische Wiederkunft Christi. Und diese Spannbreite steckt auch das Auslegungsspektrum ab, das dann später für die Reformatoren bestimmend wurde.
Namentlich Luthers Verständnis durchläuft im Einzelnen auch eine gewisse Entwicklung. Es bleibt aber grundsätzlich der christologischen und zugleich anti-jüdischen Auslegung verhaftet. Es versteht diese Auslegung jedoch als geschichtlichen Textsinn. Luther will damit nicht das Endzeitliche eliminieren, sondern er will es, noch einmal Gerhard Krause, er will es neu und nur aus dem gegenwärtigen Christusglauben heraus begründen.
Zwar hat er damit offenbar den historischen Sinn des Textes verfehlt, noch einmal Krause, gleichwohl hat diese Auslegungstradition massiv und lange weitergewirkt bis in das heute noch verbreitete Kirchenlied von Luther, "Nun komm der Heiden Heiland", das sich auf diesen Haggaivers 2,7 zurückbezieht. Das Beispiel zeigt, dass wir mit solchen bis heute virulenten Auslegungen, Fehlauslegungen, auch exegetisch und hermeneutisch, wie auch theologisch und kirchlich, fundiert, kritisch, umgehen müssen. Aus diesem Feld der Wirkungsgeschichte liesse sich noch viel ergänzen.
Für heute soll das aber genügen. Ich möchte meine Präsentation mit zwei Überlegungen abschliessen. Das Vermächtnis des Haggaibuches für uns westeuropäische Leserinnen im frühen 21. Jahrhundert scheint mir unter zweierlei Hinsicht profitieren zu können. Zunächst liegt die ursprüngliche historische Bedeutung Haggais zweifellos in der konstitutiven Rolle, die er beim Baustart des zweiten Tempels gespielt hat. Von der Stimmungslage, die dabei im Jerusalemer Umfeld herrschte, bietet das Haggaibuch die konkreteste Darstellung, die wir besitzen. Es zeichnet Haggai als von Jahwe selbst in Dienst genommenen, erfolgreichen Promoter des Tempelneubaus. Auf diese Weise kommt die Aufgabe
durch die göttliche Initiative und deren prophetische Verkündigung in Gang. Der Tempelneubau wird in Angriff genommen. Pointiert gesagt, der neue bzw. erneuerte Tempel erscheint so als Frucht und Wirkung der Prophetie Haggais und weiter dann auch Sacharjas. Damit trägt Haggai ganz wesentlich zur Ausbildung der sogenannten Ära des zweiten Tempels bei, dieser Ära, die danach mehr als ein halbes Jahrtausend lang die Geschichte Judas und Jerusalems eminent geprägt hat und bis in die neustesamentliche Zeit hinein relevant ist und dort dann mit der römischen Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 nach Christus zu einem Ende gekommen ist. Insofern kann man Haggai in seiner Wirkung als einen der erfolgreichsten alttestamentlichen Propheten bewerten.
Aus meiner Sicht verdient dabei gesteigertes Interesse, dass seine prophetische Botschaft ganz eng, fundamental und flächendeckend an die alltäglichen, gesellschaftlichen und lebensweltlichen Verhältnisse angebunden ist und angebunden bleibt. Man kann daher trotz der heute gängig gewordenen Geringschätzung durchaus von den grossen Worten eines grossen Mannes sprechen. Man sollte dabei aber eben den konkreten Bezug auf die Alltagswelt doppelt unterstreichen. Ich halte dies auch theologisch für entscheidend. Zweitens kann man die Kernbotschaft Haggais dann auf das Leitmotiv kondensieren, dass nun, in der Gegenwart Haggais, der Tempelneubau, umfassenden Segen bringt und dementsprechend oberste Priorität beansprucht.
In Haggais Zeit- und Geschichtsverständnis verbinden sich also die kreativ aktualisierte Tempeltheologie mit der Perspektive einer Überwindung der agrarisch-ökonomischen Misere der Jerusalemer Lebenswelt in der Exilszeit. Die theologische Bedeutung Haggais, die sich hier anschließt, hat für mich daher ihren Kern in der kritischen Gegenwartsanalyse und in der kritischen Gegenwartdiagnostik. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden scharf unter die Lupe genommen, und es lässt sich verfolgen, wie dabei Theologie, an der Stelle prophetische Theologie, durch kritische Aktualisierung von Tradition im Licht der eigenen Gegenwart entsteht.
Für uns Moderne fällt die Überzeugungskraft dieser Traditionsbestände natürlich je unterschiedlich aus. Der sensitive Zeit- und Erfahrungsbezug Haggais erweist sich aber aus meiner Sicht als vorbildlich für jede theologische Argumentation. Dabei bleibt jede konkrete Gegenwartsdeutung unableitbar und in Zukunft jeweils auch revidierbar. Das heisst, sie lässt sich nicht einfach aus der Vergangenheit gleichsam more geometrico ableiten, sondern die Einschätzung der Gegenwart erfolgt kreativ, man könnte sagen, in theologischer Offenbarung, wie sie dem Propheten Haggai zuteil wird. Und diese prophetisch legitimierte Gegenwartsdeutung muss sich dann auch im aktuellen Gespräch aller Involvierten, also Haggais Dialog mit den Adressaten, bewähren.
In 2,19, dem segenstheologischen Schlusswort des Grundbestandes und auch im Schlussteil des jetzt vorliegenden Buches, zeigt sich dies aus meiner Sicht sehr schön, indem eben diese damals offenbar zunächst umfassend erwartete Segenswende sich vielleicht abgezeichnet, dann so nachhaltig aber wie erhofft nicht eingestellt hat. Gleichwohl ist das prophetische Wort Haggais über die Jahrhunderte hinweg bewahrt und als weiterhin gegenwartserschliessend verstanden worden. Ich finde, darin verdichtet sich das Vermächtnis und die mögliche Relevanz Haggais bis heute. Er beansprucht für seine Gegenwartdiagnose Evidenz, und er beruft sich dafür sogar auf den offenbarten Willen Jahwes.
Wie es sich in der damaligen Gegenwart und der anschliessenden Zukunft verwirklicht hat, genau dies will das prophetische Buch dokumentieren und für die nachgeborenen Leserinnen und Leser festhalten. Und so bezeugt es diesen dynamischen Deutungsprozess für die Nachwelt, zu der auch wir gehören. Und das Prophetenbuch selbst ist über die Rezeptionsgeschichte auch Teil dieser unserer Nachwelt geworden. Damit taugt es meines Erachtens hervorragend als theologisches Paradigma für unsere eigenen theologischen Gegenwartsdeutungen. Als Postscript erlaube ich mir anzumerken, wenn Sie nun Lust bekommen haben, genauer in dieses Kleinod prophetischer Literatur einzutauchen und das, was ich hier ausgeführt habe, detaillierter nachzuvollziehen und auch kritisch zu rezipieren, dann darf
ich Sie dann auf meinen vor wenigen Jahren erschienenen ausführlicheren Kommentar in der grossen Reihe bei Herder verweisen, den Sie hier sehen und der auch in der Beschreibung des Vortrags verlinkt ist. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und wünsche eine spannende Beschäftigung mit diesem kleinen, aber feinen Prophetenbüchlein.
Das Haggaibuch | 14.9.1
Was tun wir, wenn unser Leben in Trümmern liegt? Welche Prioritäten setzen wir, wenn wir unser Leben wieder aufbauen wollen? Worauf konzentrieren wir uns, um wieder aus der Krise zu kommen? Und was kann noch warten, wofür ist es noch nicht an der Zeit?
Vor etwas über 2500 Jahren lag der Tempel der Israeliten in Trümmern, zerstört von den Babyloniern, die israelitische Oberschicht im Exil im fernen Babylon, nur allmählich waren Nachkommen der Deportierten zurückgekehrt. Es war keine freudige Rückkehr. Dürren und Missernten plagten das Land, die Menschen rangen dem Boden ihre Nahrung ab, Wohnraum war knapp.
Wer dachte da daran, ein Gebäude wieder aufzubauen, in dem niemand wohnen konnte?
Niemand außer Gott.
Ein ganz unscheinbares Buch am Ende des Alten Testaments, nur zwei Kapitel dick, rückt die Prioritäten zurecht: Wer nach einem Schicksalsschlag sein Leben wieder aufbauen will, muss Gott an erste Stelle setzen. Der Schweizer Theologe Martin Leuenberger beschreibt, wie der Prophet Haggai die Anführer der Israeliten auf den richtigen Weg brachte, was die Forschung über den Ursprung des Haggaibuchs weiß und was wir heute daraus lernen können.