Einen wunderschönen guten Morgen! Heute ist ein Gleichnis Jesu dran. Gestern Vormittag hatten wir eine Begebenheit behandelt, die Sünderin in Simons Haus. Da ging es auch schon um ein kleines Gleichnis mitten in einer Begebenheit. Das ist übrigens eine einzigartige Situation im Neuen Testament. Es gibt nur ein einziges Beispiel, in dem wir ein Gleichnis Jesu verbunden mit der ganzen Situation haben. Und das ist eben diese Begegnung mit dieser Sünderin. Da können wir praktisch miterleben, in welch einer Situation Jesus zu einem Gleichnis greift. Bei allen anderen Gleichnissen haben wir die Situation nicht mehr. Ich habe deswegen auch mit diesem Text "Die Sünderin in Simons Haus" begonnen, weil das eben ein einmaliger Fall ist.
Jetzt aber wende ich mich einem größeren, berühmten Gleichnis zu, das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner. Ich lese diesen Text einmal vor. Lest ihn bitte mit. Und auch bei der ganzen Auslegung lest immer wieder den Text. "Ein Mensch ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber. Die zogen ihn aus, schlugen ihn, gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester jenen Weg hinab, und als er ihn sah, ging er vorbei. Ebenso kam auch ein Levit an den Ort, und als er ihn sah, ging er vorbei.
Ein Samaritaner aber, der seines Weges ging, kam dorthin, und als er ihn sah, berührte es ihn tief. Und er trat hinzu und verband seine Wunden, goss Öl und Wein darauf, setzte ihn auf sein Reittier und führte ihn in ein Wirtshaus. Und er sorgte dort für ihn. Und am nächsten Morgen zog er zwei Denare heraus, gab sie dem Wirt und sprach: 'Sorge für ihn, und wenn du mehr brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.'" So weit dieses berühmte Gleichnis.
Ich will mich zunächst der Einleitung dieses Gleichnisses zuwenden. Und zwar nicht gleich dem Text, sondern mit ein paar Vorbemerkungen. Die ganze Einleitung besteht aus zwei Sätzen. Ich will sie nochmal vorlesen, weil sie so wichtig sind: "Ein Mensch ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber. Die zogen ihn aus, schlugen ihn, gingen davon und ließen ihn halbtot liegen." Das ist also die Einleitung. Die Einleitung der Gleichnisse Jesu besteht immer aus einem oder zwei oder höchstens drei Sätzen. Es ist interessant, was Jesus alles weglässt.
Zweite und drittklassige Erzähler verbrauchen die Aufmerksamkeit der Hörer durch Nebensächliches. Sie können die Aufmerksamkeit nicht konzentrieren auf das Entscheidende. Und deswegen ist bei der Einleitung der Gleichnisse Jesu erst mal enorm wichtig, welcher Wust von Nebensächlichkeiten alles ausgeblendet wird. Jesus hat die Kraft des Weglassens. Zum Beispiel: Warum geht dieser Wanderer von Jerusalem nach Jericho? Egal. Warum wird er überfallen? Tut nichts zur Sache. Wie viele Räuber waren es? Was haben sie denn überhaupt erbeutet? Es war ja ein Raubüberfall. Da geht es ja um Raub. Kein Wort über die Beute. Waren sie zufrieden mit der Beute? Alles egal. Also, zunächst ist einmal sehr wichtig, was hier weggelassen wird.
Dann ist auch interessant, dass in dieser Einleitung keine wörtliche Rede vorkommt, keine Schreie, Hilferufe. Es ist ja eine dramatische Szene. Ein Überfall. Sage mir, wie du einen Überfall erzählst, und ich sage dir, wer du bist. Wir erleben hier mit, wie Jesus aus Nazareth einen Überfall erzählt. Keine Gefühle, keine Motive, keine wörtliche Rede, keine Schreie, nur Fakten. Ganz nüchtern. Es ist eine enorm nüchterne Einleitung. Es wird einfach aufgezählt, was abläuft. Trotzdem, wenn ihr diese Einleitung ein paar Mal lest, ihr müsst sie 10, 20 Mal lesen, dann werdet ihr auf etwas Merkwürdiges aufmerksam. Obwohl diese Einleitung ganz knapp ist, keine Gefühle zeigt - auch die innere Welt der Hörer kommt überhaupt nicht vor -,
keine wörtliche Rede, nur Fakten, knapp und nüchtern, ist diese Einleitung kein Protokoll. Sie ist nicht nur eine Inhaltsangabe. In dieser Einleitung stecken starke Emotionen. Das ist großes Kino, wenn man so will. Aber indirekt, nicht plump, nicht direkt. Aber diese Einleitung zielt auf tiefe Gefühle. Das ist eine Kunst, die könnt ihr mal probieren nachzumachen. Ich sage euch, das schafft keiner. Jetzt wenden wir uns mal diesen Sätzen zu. Zunächst: Der erste Satz eines Gleichnisses ist immer ein Basissatz.
Ich will mal an dieser Stelle ganz grundsätzlich sagen, was eine Einleitung leisten soll. Eine Einleitung soll einen Rahmen abstecken. In der Einleitung einer Kurzgeschichte müssen grundlegende Aspekte geklärt werden. Es wird ein Rahmen abgesteckt. Die Aufgaben einer Einleitung, das gilt für Kafka und Brecht genauso wie für Jesus aus Nazareth, sind folgende: Es werden die Hauptpersonen vorgestellt, es werden Orts- und Zeitangaben gemacht, es wird die Ausgangslage beschrieben und es wird meistens eine Perspektive angeboten. Also Hauptpersonen, Orts- und Zeitangabe, die Ausgangslage und die Perspektive.
Jetzt kommt der erste Satz. Der erste Satz ist eine wahnsinnige Entscheidung, denn Sie haben Millionen Möglichkeiten, eine Geschichte zu beginnen. Also wenn Sie eine Geschichte beginnen, müssen Sie mit einem Satz beginnen, und dieser eine Satz ist eine irrsinnige Entscheidung. Denn Sie hätten ja Millionen andere Sätze wählen können. Und deswegen muss man den ersten Satz ganz sorgfältig auswerten. Er ist der Basissatz. Also es heißt hier: "Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho." Das ist die Hauptperson. Es gibt im Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner zwei Hauptpersonen. Eine passive Hauptperson, das ist der Überfallene; der macht nichts, der sagt nichts, aber er ist von Anfang bis Ende da. Alle anderen Personen treten der Reihe nach auf. Die aktive Hauptperson ist der Samaritaner, der kommt aber relativ spät.
Und dieser Samaritaner hat diesem ganzen Gleichnis zu Recht den Namen gegeben. Also das Gleichnis hat eine aktive und eine passive Hauptperson. Wenden wir uns mal dieser passiven Hauptperson zu. "Ein Mensch." Ein Mensch ging von Jerusalem hinab nach Jericho. Der Erzähler dieses Gleichnisses achtet genau darauf, dass wir uns von diesem Wanderer kein Bild machen können. Wir können uns keine Vorstellung von diesem Menschen machen. Er passt in keine Schublade. Wir erfahren über ihn nichts. Die drei ersten Worte, "Ein Mensch ging", können Sie nicht mehr noch allgemeiner formulieren. Das ist die allgemeinste Möglichkeit, die es gibt. Dieser Mensch wird entklassifiziert. Er passt in keine Schublade.
Was könnte man von einem Menschen alles sagen? Hat er einen Namen? Egal. Wie alt ist er? Hat er einen Beruf? Ist er religiös? Ist er bekehrt? Ist er verheiratet? Hat er Kinder? Ist er sympathisch? Ist er gebildet? Wie steht er zu Gott? Wie ist er angezogen? Aus welcher Gesellschaftsschicht kommt er? Nothing. Nichts. Es wird alles vermieden. Sie sollen sich, ihr sollt euch von diesem Wanderer keine Vorstellung machen können. Er ist Adam, Mensch. Das hebräische Wort "Adam" bezeichnet einen Menschen vor allen Klassifizierungen. Unabhängig von Geschlecht, Rasse, Alter, Bildungsschicht, Nationalität ist er Adam. Das hier ist ein Adam. Mehr müssen wir nicht wissen als: Es war irgendein Mensch. Alles andere ist unwichtig.
Zwei Dinge an diesem Menschen sind aber völlig klar. Die kann man doch sagen, ohne dass man es erwähnt. Denn Jesus erwähnt in den Gleichnissen nichts, was sowieso klar ist. Das sagt er nicht. Das kann man sich ja selber denken. Er lässt alles weg, was unwesentlich ist. Und er lässt alles weg, was man sich sowieso selber denken kann. Also vollkommen klar ist es, dass das ein Mann ist. Jeder Hörer, der dieses Gleichnis in der damaligen Zeit hört, denkt, das ist ein Mann. Warum? Frauen wandern in der Antike niemals alleine. Das ist viel zu gefährlich. Also Frauen wandern nur in Gruppen. Und auch wenn sie in größeren Gruppen wandern, 10, 20 Frauen, auch da sind, wenn die Gegend ein bisschen unsicherer wird, Männer dabei. Und diese Gegend hier ist sehr unsicher, sehr gefährlich. Also es ist vollkommen klar: Das ist ein Mann.
Und dann ist auch vollkommen klar: Das ist ein Jude. Das braucht man nicht sagen, das weiß jeder. Denn Jerusalem ist die jüdische Hauptstadt. Jericho ist eine wunderschöne jüdische Oasenstadt. Wenn ihr mal Flitterurlaub oder sonst tolle Urlaube verbringen wollt, ich sage euch: Geht nach Jericho. Da gibt es tolle Hotels. Das ist die Stadt der Liebe und der Palmen. Die schönsten Cafés, die ich kenne, sind in Jericho. Und Jericho war damals schon eine tolle Oasen- und Palmenstadt. Immer schönes, mildes Klima unten im Jordan-Graben. Also Jerusalem ist die zentrale jüdische Hauptstadt und Jericho ist eine besonders schöne jüdische Stadt im Jordan-Graben. Also der Weg geht von einer jüdischen Stadt in eine jüdische Stadt, und 95 oder 99 Prozent, die da drauf laufen, sind Juden. Man sollte bei einem Gleichnis nie an Eventualitäten denken, "das könnte ja auch sein" etc. Solche irrsinnigen Eventualitäten sollte man alle weglassen, die führen alle in Unsinn.
Nehmen Sie bei der Gleichnisauslegung immer den 90-prozentigen Normalfall an. Wenn nichts anderes gesagt ist, ist der Normalfall gegeben. Also alle Wanderer auf dieser Straße sind bis auf seltene Ausnahmen Juden. Also ist das ein Jude. Jetzt wenden wir uns mal dem Ort der Handlung zu. Der Ort der Handlung ist, wir würden sagen, eine Straße, das aber weckt falsche Assoziationen. Das ist ein Trampelpfad. Ich bin ihn schon mal gegangen. Es gibt ihn heute noch. Er ist nicht mehr vollständig. Er ist teilweise zerstört. Aber es gibt diesen Weg, diesen Trampelpfad von Jerusalem, der ist vielleicht anderthalb Meter breit oder zwei. Da kann kein VW drauf fahren, da fährt auch nichts drauf. Heute gibt es im Wadi Qelt eine geteerte Straße und seit 20, 30 Jahren gibt es eine dreispurige Autobahn von Jerusalem nach Jericho.
Aber damals gab es nur diesen Trampelpfad. Ja, es gibt aber viele, hunderte Wege. Jesus wählt also einen sehr spezifischen Ort der Handlung, den Weg von Jerusalem nach Jericho. Aus allen Wegen des vorderen Orients wählt er diesen Weg aus. Und deswegen muss man diesen Weg jetzt sehr ernst nehmen. Er entscheidet schon über sehr viel von der Botschaft des Gleichnisses. Wenden wir uns mal den beiden Orten zu, Jerusalem und Jericho. Ich sage aber jetzt nur das, was für diese Geschichte relevant ist. Also Jerusalem ist natürlich die berühmte Stadt von allen Hauptstädten dieser Welt. Auch heute kommt in der Tagesschau und im ZDF Jerusalem am sechsthäufigsten vor. Von allen Hauptstädten der Welt wird sie am sechsthäufigsten genannt. Also ich will damit nur sagen: Jerusalem ist heute noch eine der berühmtesten Städte der Welt.
Sie werden vielleicht nicht wissen, wie die Hauptstadt von Marokko heißt, aber die Hauptstadt von Israel, die kennen Sie. Aber was ist jetzt für dieses Gleichnis wichtig? Jerusalem liegt sehr hoch, ungefähr 800 Meter, 750 bis 800 Meter. Und weil Jerusalem so hoch ist, kann es ganz schön kalt sein in Jerusalem im März und April. Meine erste Jerusalemfahrt, das werde ich nie vergessen, mit Studenten. Da war es in Stuttgart viel wärmer wie in Jerusalem. Es hat in Jerusalem am 25. März geschneit. Und meine lieben Studentinnen haben alle nur dünne Röckchen und Söckchen dabeigehabt. Also es war gleich mal die erste Katastrophe. In Jerusalem war es wesentlich kälter wie in Stuttgart. Den Fehler macht man nie wieder. Also in Jerusalem kann es im März noch schneien. Im April nicht mehr, aber im März. Und es kann im April kälter sein wie in Ludwigsburg oder wie in Weimar, weil es eben so hoch liegt.
Und das zweite, was sehr wichtig in Jerusalem ist: Jerusalem liegt direkt an der Wüste. Direkt. Und zwar der Ostrand von Jerusalem, der, der nach Jericho geht. Jericho ist ungefähr 30 Kilometer weg von Jerusalem und diese 30 Kilometer sind Wüste. Das ist eine der kleinsten Wüsten der Welt, das ist die Judäische Wüste. Die ist 30 Kilometer breit bis zum Jordan und sie ist 60 Kilometer lang. Aber da kann man umkommen in der Wüste. Wenn du vom Weg abkommst und einen Hitzschlag kriegst, dann bist du tot. Denn es ist tagsüber fürchterlich heiß und in der Nacht eiskalt. Die Wüste ist ein Ort, wo es eiskalt ist, es sei denn, dass die Sonne scheint. Also Jerusalem liegt direkt neben der Wüste. Wenn man an den Ostrand von Jerusalem geht, da ist der Tempel, der ist am Ostrand, dann geht man noch den Ölberg hoch. Das dauert ungefähr 15 Minuten. Zu Fuß geht man einen steilen Hang hoch.
Und wenn man an diesem Hang oben steht, am Ölberg, und weiter zum Jordan guckt, also von Jerusalem weg, sieht man die Wüste direkt vor sich. Wenn ich heute mit Studenten nach Jerusalem fahre, fahre ich als Erstes mit dem Omnibus auf den Ölberg und sage: "Guckt jetzt gar nicht nach Jerusalem, guckt mal weg zum Jordan." Und dann sehen die Studenten, dass die Bäume schlagartig aufhören. Das ist nämlich die Wasserscheide. Es beginnt Regenschatten. Es fällt kein Tropfen Regen. Zwischen Jerusalem und Jericho regnet es nie, nie, nie einen Tropfen. Das ist keine Sandwüste. Wir denken immer gleich an Sahara, wenn wir Wüste hören. Aber da ist überhaupt kein Sand. Das ist eine Stein- und Geröllwüste. Überall liegt Geröll, verwitterte Steine, Sand aber kaum. Also die Judäische Wüste ist eine Sand- und Geröllwüste, einfach verwittertes Gestein.
Und dann schauen die runter und dann sage ich: "Schaut mal, wenn Jesus hätte abhauen wollen, als er gefangen genommen wurde im Garten Gethsemane - das liegt unterhalb vom Ölberg -, Jesus hätte in einer Viertelstunde in der Wüste sein können." Wenn wir "Wüste" hören, denkt man immer gleich, ich muss ins Flugzeug steigen und eine große Reise machen. Wenn ein Jerusalemer sagt: "Ich gehe mal in die Wüste", dann ist er zu Fuß in 45 Minuten in der Wüste. Also das ist wichtig für das Stimmungsbild. Jerusalem liegt direkt an der Wüste. Jericho liegt sehr tief. Also Jerusalem liegt 750, 800 Meter hoch. Jericho liegt 250 Meter unter dem Meeresspiegel. Der Jordan-Graben ist die tiefste Stelle der Erde. Das Tote Meer, das ist da ganz in der Nähe, liegt 400 Meter unter dem Meeresspiegel. Das hat man in der Antike gar nicht gewusst. Erst im 19. Jahrhundert hat man festgestellt, hoppla, der Jordan liegt tiefer als das Mittelmeer.
Das konnte man in der Antike nicht feststellen. Also ihr müsst euch jetzt mal vorstellen, der Weg von Jerusalem nach Jericho ist genau genommen 27 Kilometer lang und hat einen Höhenunterschied von über 1000 Metern. Da könnt ihr euch mal vorstellen, wie das abwärtsgeht. Das geht in die Knie. Wenn ihr das mal macht ... Man kann es machen, also es dauert ungefähr fünf bis sechs Stunden, aber ich sage euch: Die Knie tun einem verdammt weh, denn es geht ständig bergab, und zwar ganz schön. Also das ist dieser Weg von Jerusalem nach Jericho. Ich muss euch noch ein bisschen mehr in diesen Weg hineinführen, weil sonst kann man das Gleichnis nicht mitfühlen. Dieser Weg beginnt so: Da ist heute das Evangelische Archäologische Institut neben dem Ölberg bei der Auguste Victoria. Hinter diesem Gebäude beginnt der Abstieg nach Jericho, der alte, antike Abstieg. Man nennt diesen Einstieg in die Wüste die Blutsteige,
denn gleich da ging es sofort los mit Überfall. Und wenn ihr diesen Weg geht, da ist kein einziger Baum, kein Schatten, kein Dorf. Da ist es vollkommen unbewohnt. Auch heute noch, bis auf ein paar Beduinen. Also auf jeden Fall damals waren diese 27 Kilometer ohne ein Dorf, ohne ein Gehöft, ohne ein Baum, ohne Schatten, unbewohnt, ständig abwärts. Das Tal heißt Wadi Qelt. Ein Wadi ist ein Trockental, wo nur in der Regenzeit Wasser fließt, im Sommer ist es völlig trocken. Und in einem Wadi kann man nicht am Boden auf dem untersten Talgrund laufen, da muss man dauernd über große Steine stolpern. Die Wege führen immer auf halber Höhe des Hanges. Und auch dieser Weg nach Jericho führt auf halber Höhe. Da ist es sozusagen am bequemsten zu laufen. Da geht es auch runter, aber man läuft nicht unten im Tal. Also wenn man diesen Weg läuft, ist man ganz einsam. Auch Männer laufen diesen Weg eigentlich so gut wie nie alleine, weil es ist zu gefährlich.
Aber diese Wanderer laufen alleine, das ist erzähltechnisch nötig, weil jeder hat seine eigene Verantwortung, der Priester, der Levit, der Samaritaner. Wenn da Gruppen von Männern jetzt in dem Gleichnis laufen würden, da würde eine Gruppendynamik ablaufen und das ganze Gleichnis könnte man so nicht erzählen. Also dass hier einzelne Wanderer laufen, ist selten. Die Hörer werden das sofort denken, na ja, aller guten Dinge sind drei, die Dreizahl ist immer sehr wichtig. Priester, Levit und Samaritaner. Die Orientalen haben eine Erzähltechnik drauf, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Die wissen sofort, ah ja, das ist erzähltechnisch, da müssen drei Personen kommen. Aber rein sozialgeschichtlich wandert da selten ein Mann alleine, weil der lädt geradezu zum Überfall ein. Also jetzt will ich ein bisschen was über die Räuber sagen. Was sind das für Menschen damals? Ja, ihr müsst wissen, das werde ich in der nächsten Vorlesung dann genauer ausführen:
Die Räuber von Palästina im ersten Jahrhundert waren in einem Verelendungsprozess. Ich führe das jetzt nicht weiter aus, weil ich in der nächsten Vorlesung genauer darauf eingehe. Die Unterschicht verelendet. Sie werden zu Kriminellen, zu Bettlern, zu Überverschuldeten. Die Kleinbauern sacken ab in Bettelei, in verarmte, verelendete Gruppen. 30 Prozent der Gesellschaft war völlig verelendet. Und die Leute, die noch gesund waren und ein bisschen Energie hatten, die zogen sich zurück in die Kriminalität. Und in die Wüste. Die Wüste ist praktisch Jenseitsgelände. Wenn du in die Wüste gehst, bist du außer Landes. Auch wenn du nur 10 Kilometer gehst, ist das eine völlig andere Welt. Du kannst dich also aus der Gesellschaft zurückziehen in die Wüste. Und diese Gegend, diese judäische Regenschattenwüste, Geröll und Gesteinswüste, hat hunderte von Höhlen.
Keine römische Armee kann alle diese Höhlen kontrollieren. Und viele dieser Höhlen sind sehr lang. Ich war schon in einigen drin. Da kannst du 140 Meter reingehen. Und die haben immer viele enge Stellen. Und diese Räuber wohnen in den hinteren Bereichen dieser Höhle. Selbst wenn da Römer kommen wollten, die können nur einzeln in die Höhle vordringen. Dann hauen die dem einen auf den Kopf und dann ist er weg. Also du kannst diese hinteren Bereiche dieser Höhle nicht erobern. Weil du kannst nur mit wenigen Menschen da rein. Und die Römer haben da auch gleich die Pfoten davon gelassen, weil die Verluste waren so hoch, das haben sie aufgegeben. Also in diesen Höhlen leben Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen und ihre Kleidung. Deswegen ziehen sie den aus. Bevor sie ihn schlagen, ziehen sie ihn aus. Weil die Kleidung darf nicht beschädigt werden, die ziehen sie ja selber an.
Also diese Räuber, das sind verelendete, überschuldete Leute, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen mussten und die durch Räuberei und Wegelagerei ihren Lebensunterhalt verdienten. Vielleicht kommt da unter einigen von euch sogar ein Funke Sympathie auf. Stellt euch mal vor, ihr seid der Sohn und die Tochter von so einer Räuberbande. Da bist du auch froh, wenn wieder neue Kleidung kommt. - Also jetzt will ich mal diesen Ort der Handlung auswerten. Diesen Trampelpfad wählt Jesus aus. Da dürft ihr sicher sein, dass das nicht zufällig war. Was ist das Charakteristikum, das Profil von so einem Weg? Dieser Weg hat zwei Merkmale, und die Kombination dieser beiden Merkmale, die ist der Clou. Erstens, dieser Weg ist einsam. Er führt 27 Kilometer lang. Kaum bist du eine halbe Stunde von Jerusalem weg, siehst du Jerusalem gar nicht mehr.
Da meinst du, du bist 100 Kilometer weg, und da bist du völlig einsam. In einer einsamen Gegend sind Begegnungen viel intensiver. Ich war mal in Norwegen ein paar Wochen und da habe ich Beeren mit meiner Frau gesammelt. Da ist mir alle vier Stunden jemand begegnet. Da grüßt man natürlich. In der Königstraße in Stuttgart grüße ich nicht, in Ludwigsburg auch nicht. Wenn ich in Ludwigsburg über den Marktplatz gehe, da grüße ich keinen Menschen. Aber in Norwegen beim Beerenpflücken grüße ich jeden. Das ist ein Ausdruck dafür, dass die Begegnung viel intensiver ist in einer einsamen Gegend. Man kommt sich näher, bleibt stehen, plaudert ein bisschen. - Was ist noch in einer einsamen Gegend? Da bist du viel mehr auf Hilfe angewiesen.
Da brauchst du wirklich jemand, der dir hilft. Allerdings muss man auch sagen: Wenn du in einer einsamen Gegend nicht hilfst, sieht das auch keiner. Das alles ist das Vertrackte in der einsamen Gegend. Die Begegnungen werden intensiver. Wenn du in Not bist, bist du viel stärker auf Hilfe angewiesen. Wenn dir aber jemand nicht hilft, merkt das keiner. Jetzt ist das aber nicht nur eine einsame Gegend. Wer würde nicht in einer einsamen Gegend in Norwegen jemand einen Schluck Wasser reichen oder aufhelfen? So eine gemütliche Hilfeleistung, das macht jeder. Aber das ist eine gefährliche Gegend. Eine gefährliche. Dieser Wanderer rutscht ja nicht aus. Es heißt nicht: "Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho und rutschte aus und brach sich die Knöchel." Oder: "Er sackte vor Erschöpfung zusammen." Oder: "Er bekam einen Hitzschlag und fiel um." Das wäre ein Unglück, ein Missgeschick.
Aber hier ist kein Unglück, kein Missgeschick. Hier geschieht ein Verbrechen. Das ist ein Gewaltverbrechen. Der Mann wird Opfer eines Verbrechens. Und du weißt nicht, wie weit die weg sind, wenn du kommst. Da liegt der. Du weißt ja nicht, war das gerade eben? Sind die Verbrecher noch hinter der Verkehrsbiegung und warten bloß, bis du auch noch stehen bleibst? Dann kriegst du selber eine drüber. Also ich sag dir, wenn du an dieser Straße jemand halbtot liegen siehst, da sträuben sich dir die Nackenhaare. Denn du weißt nicht, wie weit die weg sind. Da wird eine Hilfe zum Risiko für dich selber. Eine gemütliche Hilfeleistung ist hier nicht möglich. Und deswegen: Allein schon der Ort der Handlung sagt: Nächstenliebe wird erst dort tiefer empfunden, wenn für dich was auf dem Spiel steht.
Wenn es zum Wagnis wird, wenn es riskant wird für dich, dann können wir mal über das Thema reden. Das alles ist allein durch den Ort der Handlung völlig klar. Jetzt will ich noch auf was anderes kommen, auf die Perspektive. Lest diese Einleitung mal immer wieder, ihr müsst sie mindestens 20, 30, 40 Mal lesen, bis ihr langsam reinkommt. Gleichnisse Jesu sind keine Bildzeitung und keine Illustrierte, da kann man nicht einfach drin blättern. Also lest mal, ist da eine Perspektive drin? Lest mal diese drei Sätze. Ja, da ist eine Perspektive drin. Ich weiß nicht, wenn jemand jetzt mal ganz mutig ist und einen guten Einfall hat, also seid so frei. Kann jemand sagen, durch welches Wort merkt man, in dieser Einleitung ist eine Perspektive? Ich gebe euch eine Hilfe: Ganz am Ende merkt man das. Eine Perspektive am Schluss der Einleitung.
Gibt es jemanden, der es rasch erkennt? Ihr habt jetzt wenig Zeit, ihr seid entschuldigt, ich hab ja lange Zeit gehabt, mich damit zu beschäftigen. Hat jemand was gefunden? [Zuruf aus dem Publikum: "Halbtot."] Halbtot ist ein sehr wichtiges Wort. Übrigens vielen Dank, dass Sie das sagen. Das gibt mir jetzt Gelegenheit, das Wort noch zu erklären, das hätte ich jetzt vergessen. Aber eine Perspektive ist das nicht. Hat sonst jemand einen Vorschlag? - Das Wort steht in "davon": "Sie gingen davon." Da kannst du gerade noch winke, winke machen. Die gehen davon, das heißt: Du bleibst liegen. Die Kamera geht jetzt nicht mit den Räubern, wo gehen die hin, nach der dritten Wegbiegung, aha, die gehen in die Höhle und nach hinten, da packen sie die Beute aus. Das wäre dann die Außenperspektive Räuber. Aber die Kamera begleitet nicht die Räuber weg von dem Ort des Überfalls, sondern die Kamera guckt denen nach: Die gehen da weg und dann biegen sie ab und dann sind sie weg.
Das heißt, die Perspektive ist die vom Überfallenen. Das ist erzähltechnische Weltliteratur: Ohne dass du das merkst, bleibst du beim Überfallenen. Und jetzt kriegst du das Kommen der Nächsten mit, und da bibberst du, ob die rechtzeitig kommen und ob die vielleicht stehen bleiben. Du erlebst das alles von dieser Perspektive, und da lehrt uns dieser Meister der Sprache, was alles auf die Perspektive ankommt. Für den Priester und den Levit, da war das eine Lappalie am Wegesrand, aber aus der Perspektive des Überfallenen geht es um Tod und Leben. Also es kommt ganz drauf an, aus welcher Perspektive du das miterlebst. Und deswegen stellt dieses Gleichnis dir die Frage: Welche Perspektive hast du eigentlich?
Weißt du, deine Perspektive ist nämlich dein Gefängnis, in dem zappelst du rum, guckst alles mit deinen Glubschaugen an, mit deiner Brille, mit deinen Tomaten auf den Augen - alles eine Färbung, weil jeder von euch - das gilt natürlich genauso für mich, ich bin auch nicht besser wie ihr, ihr seid aber auch nicht besser wie ich -, weil wir alle eine Perspektive haben, das heißt, alles ist gefärbt. Wir nehmen alles wahr aus unserer Perspektive. Und unsere Perspektive, das heißt unsere Prägung, unsere Tradition, unsere Religion, unser Temperament, ist unser Gefängnis. Wie viel Spielraum lässt dir deine Perspektive? Hast du auch noch Spielraum in deiner religiösen Perspektive oder siehst du alles bloß aus deiner Perspektive? Ja, das sind so Fragen, die durch die Einleitung dieses Gleichnisses kommen. - Ja, halbtot. Super, vielen Dank.
Dieses Wort halbtot ist ein merkwürdiges Wort. Es ist schön, dass ich das jetzt noch sagen kann. Es kommt nur an dieser Stelle im Neuen Testament vor. Man nennt es ein Hapax legomenon. Ein Hapax legomenon ist ein Wort, das nur einmal vorkommt und nie wieder. Es ist also im Griechischen ein extrem seltenes Wort. Es gibt griechische Lexika, die haben das gar nicht, weil nämlich Platon, Aristoteles und andere griechische Literaten, Thukydides und so weiter das nicht einmal bringen, und deswegen kommt es in vielen griechischen Lexika gar nicht vor. Also es gehört zu den seltensten Worten der griechischen Sprache. Es gibt dieses Wort auch im Aramäischen. Jesus hat ja Aramäisch gesprochen. Also das Wort gibt es tatsächlich. Also das wird auch im aramäischen Urtext gestanden haben. Extrem selten. Es kommt im Alten Testament nicht vor. Dieses Wort wählt Jesus.
Kein Zufall. Warum? Dieses Wort macht entscheidende Dinge klar, nämlich: Der Mann ist ernsthaft in Gefahr. Der ist traumatisiert. Der kann vielleicht noch röcheln oder schreien, falls er überhaupt bei Bewusstsein ist. Der kann sich nicht mehr selber helfen. Ich halte immer wieder Kurse für berufsmäßige Helfer. Es gibt ja das berühmte Buch "Die hilflosen Helfer". Das sind die professionellen Helferberufe, Sozialdiakone. Auf der Fachhochschule für Diakonie, wo ich war, professionelle Sozialdiakone, ich sage euch: Die schimpfen vielleicht über die faulen Säcke, die nur abzocken, die schon warten: "Kommen Sie wieder? Ich brauche ja wieder Unterstützung." Wie die ausgenutzt werden! Da ist bald Schluss mit Nächstenliebe. Wenn du als professioneller Sozialarbeiter abgezockt wirst mit raffinierter Schläue, und die Leute sind faul und bequem ... Die gibt es. Es gibt natürlich auch die echten. Und dann kommen die hilflosen Helfer professionell an ihre Grenzen.
Bei denen kann man fast nicht mehr über das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner reden. Die sind immun. Die haben zu viel Scheiße erlebt. Und denen muss man dann sagen: Leute, das ist aber hier keine professionelle Hilfe. Der Mann ist kein Abzocker. Der Mann ist wirklich in Lebensgefahr. Man muss dann denen sagen: Leute, im Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner geht es nicht um Sozialarbeiterdienste. Das hat damit gar nichts zu tun. Der Mann ist in der Wüste, der ist einsam. Der ist wirklich in akuter Lebensgefahr. Wenn dem keiner hilft, ist er fertig. Also projiziert eure schlechten Erfahrungen als professionelle Sozialdiakone nicht in dieses Gleichnis hinein. Hier geht es nicht um Sozialarbeit. Hier in der Judäischen Wüste geht es um akute Lebensgefahr, wenn hier keiner zupackt. Und wenn man es so sagt, merkt man, dann hören die Sozialdiakone wieder zu. Also, jetzt gehen wir nochmal zu dem Wort "halbtot".
Der Typ ist halbtot, aber diese professionellen Hilfeempfänger, die das schon richtig ausnutzen, die sind nicht halbtot. Manche von denen könnten noch schaffen. Ich will damit jetzt keine Vorurteile wecken. Ich weiß, dass die Mehrzahl Hilfe braucht, völlig klar; ich komme nicht aus dem Lager, das damit jetzt instrumentalisiert. Ich reagiere nur auf Karlshöher Sozialdiakone, deren Dozent ich war. Ich habe das mitgekriegt. Aber die Enttäuschung dieser Menschen: "Wäre ich bloß nicht Sozialdiakon geworden! Wenn ich das gewusst hätte ..." - das muss man ja auch ernst nehmen. Also, dieses Wort halbtot stellt klar: Der Mann kann sich nicht mehr helfen. Der kann nicht mehr heimgehen. Der liegt hier. Der kann sich nicht mehr bewegen. Und es wird eiskalt. Und er liegt in der knallen Sonne. Der wird innerhalb von zwei Stunden verdursten. Du hältst in der Wüste tagsüber zwei, drei, vier Stunden aus, und dann setzt Verdurstung ein, wenn es Sommer ist. -
Dann möchte ich noch zum Schluss zu dieser Einleitung sagen - nur, dass Sie mal merken, was in so einer Einleitung steckt: Diese Einleitung redet von Geld, von Kriminalität, von Gewalt, von Brutalität. Und ich sage euch, da ist doch heute die Welt genauso. Die Welt wird von Geld regiert. Menschen werden geschlagen und geschunden wegen Geld. Brutalität. Die Kriminalitätsrate ist seit der Steinzeit die gleiche geblieben bis heute. Wir haben eine konstante Kriminalitätsrate. Die ganzen Universitäten, die Bildung, die vielen Bildungssysteme haben die Kriminalitätsrate nicht wesentlich senken können. Die Einleitung dieses Gleichnisses ist sehr realistisch. Keine heile Welt. So ist die Welt. Menschen werden geschlagen. Zu mir ist eine Studentin gekommen vor einiger Zeit und hat gesagt: "Herr Zimmer, ich bin in Mexiko gefoltert worden.
Ich werde nie wieder die Gleiche sein." Und ich habe gemerkt, das ist eine veränderte Studentin. Bist du schon mal gefoltert worden? Man kann schon froh sein. Warst du schon mal dankbar? Bist du schon mal von einer Gruppe von unbekannten Menschen zusammengeschlagen worden? Kannst du dir ernsthaft vorstellen, wie dir da zumute ist? Und dann noch ausgezogen. Bist du von einer Gruppe unbekannter Männer mal verprügelt worden und dann noch ausgezogen? Ist übrigens interessant, wie Jesus das erzählt. Er erzählt ja gar nichts über die Beute, über den Raub und über das Geld. Immerhin, das war ja ein Raubüberfall. Das würde man gar nicht denken. Jesus erzählt nämlich die Misshandlung eines Menschen. Der erzählt gar keinen Raubüberfall. Es wird ja gar nicht erwähnt, was da für eine Beute ist. Das ist Jesus völlig egal. Aber dass er ausgezogen wurde, das sagt er als Erstes. Und dass er dann noch als Nackter geschlagen wurde.
Und da merken Sie die Seele Jesu. Erzähle mir einen Überfall, und ich sage dir, wer du bist. Jesus erzählt diesen Überfall übrigens im Verbalstil: Sie zogen ihn aus, sie schlugen ihn, sie ließen ihn liegen und gingen weg. Alles Verben. Veni, vidi, vici. Energischer Verbalstil, handlungsbetont. Realistisch, die Brutalität dieser Welt. Kein frommes Wort. Alles säkular. In den Gleichnissen Jesu finden Sie kein religiöses Wort. Also so weit mal jetzt zu dieser Einleitung. - Jetzt kommt die erste Szene: Da kommen zwei Wanderer. Der erste ist ein Priester. "Der zog zufällig", heißt es am Anfang, betont: "Zufällig kam ein Priester diesen Weg hinab", und dann noch ein Levit.
Das ist also die erste Szene. Es kommen die ersten beiden Wanderer. Zunächst mal wenden wir uns wieder sprachlich diesem Gleichnis zu. Erst mal, wie Jesus das erzählt. Es bleibt weiterhin sehr knapp. Keine Gefühle, keine Worte, keine Schreie. Hat sich der Überfallene geäußert, hat er geröchelt? War er furchtbar enttäuscht oder hat er geflucht, als die weitergegangen sind? Keine wörtliche Rede, keine Dramatik, keine Motive, keine Gefühle. Alles nüchtern, faktisch knapp. Das Gleichnis bleibt in dieser meisterhaften Kürze. Aber es fällt nochmal was auf.
Also erst mal: Rein erzähltechnisch bleibt es genauso knapp, genauso nüchtern. Alle weiteren Einzelheiten fallen weg. Was könnte man da alles erzählen? Das würde nur unsere Aufmerksamkeit verbrauchen, und vor der Pointe wären wir schon schlapp. Nein, da hat Jesus ein ganz genaues Gefühl, wie er die Leute erzählerisch führt. Aber es ist interessant, dass bei diesen beiden Figuren der Satzbau genau der gleiche ist. Die gleiche Wortwahl. Das ist, wie wenn die Leute in einem System leben, das sie gleichgeschaltet hat. Priester und Levit sind hier erzähltechnisch gleichgeschaltet. Gleiche Wortwahl, gleicher Satzbau. Und da heißt es beim Levit sogar noch: "ebenso". Mehr brauchst du eigentlich nicht sagen. Der macht es genauso. Also irgendwie sind die verdammt ähnlich. Und dass sie einzeln kommen, habe ich schon erklärt. Das muss jetzt erzähltechnisch so sein, damit jeder aus seiner Verantwortung handeln kann.
Jetzt ist aber interessant: Was sich ändert, ist, dass diese beiden Wanderer nicht entklassifiziert werden. Die werden sofort vorgestellt, und zwar über den Beruf. Die werden klassifiziert. Das ist natürlich jetzt ein ganz bewusster Gegensatz. Beide, Wanderer Nummer 1 und Wanderer Nummer 2, werden über den Beruf sofort klassifiziert. Es kommt ein Priester und es kommt ein Levit. Also, Leute, wir müssen diese Berufe jetzt ernst nehmen. Wenn es nur darum ginge, zwei haben nicht geholfen und der dritte hilft, dann hätte man sagen können: "Es kommt ein erster Wanderer, der ging vorbei, dann kommt ein zweiter Wanderer." Die hätte man ja ganz anonym halten können, damit jeder sich angesprochen fühlt. Oder man hätte zwei typische Berufe nehmen können: "Es kommt ein Bauer und dann kommt ein Handwerker." Das hätte man sagen können.
Es gibt über 100 Berufe. Nein, es kommt ein Priester und es kommt ein Levit. Also das muss jetzt an diesen Berufen liegen. Also wenden wir uns mal diesen Berufen zu. Priester und Levit sind beide Tempelpersonal. Schriftgelehrte nicht. Es gibt auch andere religiöse Berufe. Aber diese beiden Berufe hängen mit dem Tempel zusammen. Diese beiden Berufe sind Hauptberufe. Hauptberufliches Tempelpersonal. Das heißt, die haben hauptberuflich mit Religion zu tun. Dann das Nächste, was bei Priester und Levit spezifisch ist: Sie haben eine vorgeschriebene Berufskleidung. Die ist übrigens in der Bibel vorgeschrieben. In Gottes Wort. Da können Priester und Levit nichts dafür. Das steht im dritten Buch Mose, wie die sich anziehen sollen. Das war genau vorgeschrieben, von der Religion, von der Heiligen Schrift vorgeschrieben. Das heißt, dass da ein Priester kommt, das siehst du schon von Weitem,
und dass da ein Levit kommt. Die wären eigentlich am ehesten geschützt gewesen, denn einen Priester zu überfallen, das überlegst du schon. Was wollen die auch in der Höhle mit Priesterkleidung rumlaufen? Völlig idiotisch. Stellt euch mal vor, in der Höhle mit Priesterkleidung! Ich glaube, da hätten selbst diese Räuber irgendwie ein bisschen komische Gefühle und Hemmungen gehabt. Also du erkennst die Leute von Weitem. Aber der entscheidende Clou ist das noch nicht. Sondern noch wichtiger ist zum Beispiel - vergleichen wir mal Priester und Levit mit Schriftgelehrten, also mit Rabbinern, mit Lehrern der Heiligen Schrift. Im Judentum damals gab es viele Rabbiner, Jesus ist ja auch als Rabbi angeredet worden. Ja, Rabbiner gibt es in der Heiligen Schrift gar nicht, in der Thora, im Alten Testament. Es gibt im Alten Testament noch überhaupt keine Synagoge. Die entsteht erst im babylonischen Exil. Aber Tempel, ja, Tempel, da gibt es ganze Kapitel in der Heiligen Schrift,
im dritten Buch Mose. Der Beruf des Priesters und des Leviten hat eine breite Grundlage in der Heiligen Schrift. Der Beruf des Schriftgelehrten hat überhaupt keine Grundlage. Den könnte man von heute auf morgen abschaffen. Aber Priester und Levit kannst du im Judentum eigentlich nicht abschaffen. Das hat sich inzwischen geändert, aber das lassen wir jetzt mal und bleiben in der damaligen Zeit. Also nur Priester und Levit hatten eine breite Grundlage in der Heiligen Schrift. Und der Tempel auch. Also deswegen waren auch Priester und Levit anerkannt im Judentum. Die gehörten zur religiösen Elite. Es gab zwar viel Schimpferei über diese Pfeffersäcke, die sich auch zum Teil selber ein bisschen ihre Vorteile verschafft haben. Also die einfachen Leute vom Land haben auch ganz schön geschimpft auf diese blöden Priester und Leviten. Aber grundsätzlich waren sie schon anerkannt. So weit ist die Kritik nicht gegangen, weil jeder wusste: Es steht in der Heiligen Schrift. Gott hat es so eingeleitet. - Aber jetzt kommt der wirkliche Clou.
Das wirklich Besondere dieser Berufe - und das hat Jesus hundertprozentig im Blick gehabt, denn das ist der Clou - ist, dass du diesen Beruf nicht wählen kannst. Priester kann nur ein Priestersohn werden und sonst niemand. Kannst du auch nur als Mann werden. Schriftgelehrter kann jeder werden, jeder, der sich in der Heiligen Schrift auskennt. Du lässt dich ein bisschen ausbilden, dann bist du selber ein Rabbi. Also der Beruf ist offen. Aber Priester und Levit sind geschlossene Gesellschaften, geschlossene Gruppen. Du kannst sagen: In Israel gibt es Priester, Leviten und das übrige Volk. So kannst du es einteilen. Und die haben ihre eigene Perspektive - Priester und Leviten haben natürlich genauso Glubschaugen und Tomaten auf den Augen wie du und ich, die haben auch ihre Prägung, ihre Religion. Stell dir mal vor, du bist geboren als Tochter eines Priesters. Stell dir das mal ernsthaft vor. Oder als Sohn. Dann hast du von Kindheit an die Gewissensbildung eines Priesters. Und die Gewissensbildung,
die religiöse Sozialisation eines Priesters, da kann doch der nichts dafür. Es steht ja in der Heiligen Schrift. Dann ist die Heilige Schrift schuld. Also auf jeden Fall, ein Priester weiß: Ich bin erwählt, denn Gott hat mich geboren werden lassen als Sohn eines Priesters. Das hätte er ja nicht müssen. Das heißt, Priester und Levit haben ein Erwählungsbewusstsein. Und sie wissen: Mein Beruf kommt in 20 Kapiteln der Heiligen Schrift vor. Ich hab den wichtigsten Beruf in der Heiligen Schrift. Und nur weil Gott mich so geboren werden lassen hat, bin ich Priester. Also ich bin erwählt zum Priesterberuf. Da können Priester und Leviten nichts dafür. Sie dürfen das nicht subjektiv denen aufladen. Es steht auch nicht hier, dass es besonders schlechte Priester und Leviten waren. Nein, das waren richtig typische, normale. Und jetzt:
Diese Priester haben auch bestimmte Reinheitsvorschriften. Die stehen alle in der Heiligen Schrift, also das haben nicht die sich ausgedacht. Wenn jetzt einer Priester wird, ja, der ist schon in einer Tradition drin, für die er nichts kann. Und jetzt heißt es in diesen Reinheitsvorschriften, steht alles im Buch Leviticus, im dritten Buch Mose: Sie dürfen sich nicht menstruierenden Frauen nähern, da werden sie unrein. Sie dürfen überhaupt sich nicht mit unreinen Dingen beschäftigen. Es gibt zehn Grade der Unreinheit. Der zehnte, der härteste Grad sind Leichen. Der Tod ist völlig unrein. Aussatz ist der neunte Grad. Sie dürfen sich aber überhaupt nicht mit Blut verunreinigen, sie dürfen nicht Blut berühren. Dann werden sie für Wochen und Monate unrein. Das muss ich jetzt vielleicht noch dazu sagen, damit ihr euch das realistisch vorstellen könnt: Wie viele Priester gab es damals? Etwa drei- bis viertausend zur Zeit Jesu.
Die können ja nicht alle im Tempel rumwuseln. Im Tempel braucht man zum Tempelbetrieb ungefähr 80 Priester. Das heißt, die Priester haben sich so vermehrt im Laufe der Jahrhunderte, dass die nur ein oder zwei Wochen im Jahr im Tempel Dienst gemacht haben. Das ist ihre Dienstwoche. Und von der kommen die grad. Und sehr viele Priester wohnen in Jericho. Es gibt die Priesterstädte, das sind 10, 15 Städte um Jerusalem herum. Du kannst ja nicht alle 4000 Priester in Jerusalem wohnen lassen. Und die meisten Priester sind nach Jericho gezogen. Jericho ist eine tolle Oasenstadt, ich hab's euch ja schon empfohlen. Ihr müsst unbedingt mal in Jericho einen Kaffee trinken. Also diese Priester gehen jetzt gerade heim nach dem Höhepunkt ihrer Berufsjahre. Die meisten Priester haben pro Jahr nur zwei Wochen Dienst gehabt in Jerusalem. Sonst wohnen sie dort, wo sie halt wohnen, sind als Bauern tätig oder machen sich nützlich, sind auch Lehrer, Richter. Priester sind auch Richter,
aber sie machen auch Erwachsenenbildung, sie unterrichten das Volk, sind auch Lehrer. Die sind also vielfach beschäftigt. Aber der Höhepunkt ihres Berufslebens ist, wenn ihre Dienstwoche in Jerusalem ist. Und von der kommen sie grade und freuen sich wieder auf ihre Familie, wo sie ein, zwei Wochen weg waren. - Gut, also jetzt aber zu den entscheidenden Dingen. Die gehen also vorbei. Man könnte ja erst mal sagen: Diese Faulen, diese Feigen! Ich les da immer wieder mal in Hauptseminarsarbeiten oder Examensarbeiten: "Levit und Priester versagen. Und davor müssen wir uns als Christen warnen lassen, wir müssen es besser machen. Wir machen es so wie der Dritte und nicht so wie die Priester, die feige versagen." Diese liebe Studentin hat ja gar nichts geblickt. Null. Aber ich fürchte, so lesen es die meisten. Deswegen ist es schon gut, wenn man die Texte mit Hintergrund kennt. Also, erstens möchte ich mal sagen: Wenn es rein die normale menschliche Angst wäre,
also wir haben ja gesagt, das ist ein Ort eines Verbrechens - da würdest du auch Angst kriegen! Also jeder. Stellt euch mal vor, du bist da einsam in der Wüste, da liegt einer halbtot zusammengeschlagen - dann möchte ich mal dich sehen, was du machst. Also es ist schon eine unheimliche Situation. Da weiß keiner so ganz genau, was er machen würde. Aber wenn das diese menschlich sehr verständliche Angst wäre, dann hätte Jesus nicht sagen müssen: "Es kommt ein Priester und es kommt ein Levit." Dann hätte er sagen können: "Es kommt ein Bauer und es kommt ein Handwerker." Oder: "Es kommt der erste Wanderer und der zweite Wanderer." Wenn es um die allgemeine, menschlich verständliche Angst ginge, hätte Jesus die Wanderer anonymisieren oder in typischen Berufen einordnen müssen, wo es Tausende gab, nicht diese geschlossene Gesellschaft. Also es müssen die Reinheitsvorschriften sein. Ihr müsst jetzt Priester und Levit ernst nehmen,
ihr müsst euch auf die Seite der Negativfiguren stellen. Das habe ich schon mal gesagt. Stellt euch vor, ihr seid dieser Priester oder der Levit oder ihr seid deren Tochter oder Sohn und die erzählen das abends dir in Jericho. Da siehst du das mit einer ganz anderen Brille. Es heißt doch in der Heiligen Schrift: "Du sollst kein Blut berühren." Ja kein Umgang mit Leichen! Vielleicht ist das schon eine Leiche oder er ist kurz davor. Ja, die dürfen doch keine Leiche berühren. Stellt euch mal vor, ein Priester im Wadi Qelt und der Typ stibt ihm auf dem Weg und der Priester schleppt 15 Kilometer lang eine Leiche durch die Gegend. Das ist ein Stoff für eine amerikanische Soap. Das müssen wir uns mal vorstellen, das ist absurd. Ein Priester in der Wüste mit einer Leiche. Das packt der Typ nicht. Da kommt er an die Grenzen seines Tellerrandes. Aber für die Grenzen kann er nichts.
Er hat eine durch die Heilige Schrift jahrzehntelang seit Kindheit anerzogene Scheu vor Blut und Leiche. Und diese jahrzehntelange Prägung, die hat er jetzt drin. Das Problem ist die Heilige Schrift, wenn man so will. Oder ich sage es mal anders, ich habe es jetzt bewusst provokant gesagt: Es ist die Reinheit der Christen und der Religiösen, ihre Heiligkeit. Ja, ich möchte mal wissen, wie oft ist es bei den Gläubigen aller Religionen ihre Heiligkeit, ihre Reinheit, Gottes Wort? Der Priester hat vielleicht wirklich in seinem Gewissen ehrlich geglaubt, es ist mir nicht nur erlaubt, hier vorbeizugehen, es ist mir sogar geboten. Das kann ernsthaft sein. Und willst du den jetzt belehren? Kannst du dir vorstellen, was eine jahrzehntelange priesterliche Gewissenssozialisation ist?
Kriegst du die an einem Tag weg? Kriegst du deine religiöse Prägung an einem Tag weg? Bei mir in der PH kommen die ganzen Studierenden aus dem Schwarzwald und aus Orschel-Hagen und Kleinbottwar mit ihrer 19-jährigen Prägung. Ich sage dir, da hast du fast keine Chance. Da hören die ein paar Worte, die sie nicht kennen, und dann sagen sie: Nö, ich breche ab mit dem Theologiestudium, weil das entspricht gar nicht meiner Gewissensprägung. Ja, und so ist der Priester auch. In der Wüste einer Leiche zu begegnen, das entspricht gar nicht seiner Gewissensprägung. Also ich werte diese Szene mal aus. Es ist die Religion, es ist sein Gläubigsein, sein Erwählungsbewusstsein, seine Heiligkeitsvorstellung, es ist seine Lektüre der Heiligen Schrift, die hier verhindert, dass er hilft. Religion kann zu einer Immunisierungsschicht werden.
Sein Glaube ist der Grund, dass er nicht mehr Zeitgenosse ist. Dieser Mann hat ihn ja gesehen. Es heißt ausdrücklich bei beiden: "Als er ihn sah ..." Das ist auch wieder ganz bewusst, hätte ja sein können, dass der Überfallene hinterm Busch liegt, und der Priester war so in Gedanken, er hat ihn gar nicht gesehen. Nein, nein, der hat ihn gesehen. Das kann er nicht mehr rückgängig machen. Er brüskiert diese Situation, er ignoriert sie. Das ist eine Unterlassung. Und was du für ein Mensch bist, das zeigt sich nicht nur in dem, was du tust, das zeigt sich mindestens so in dem, was du nicht tust, was du unterlässt. Unterlassung ist in der Ethik sehr wichtig. Wir haben hier einen Unterlassungsfall aus religiösem Grund. Weil er bekehrt ist, handelt er hier so. Weil er so die Heilige Schrift versteht. Das ist die Tragik. Und diese Tragik, die sieht Jesus. Der wirft es den beiden nicht privatistisch vor.
Das ist das religiöse System. Diese Leute leben in ihrem religiösen System, wie ja heute auch viele. Und sie kommen aus diesem System nicht raus. Ihr religiöses System ist ihr Gefängnis. Ihr religiöses Konzept bleibt intakt, und der Überfallene bleibt liegen. Jetzt gehen wir zum dritten Wanderer. Jetzt wird auf einmal das Gleichnis ausführlich. Lesen Sie es noch mal. Knapp, knapp, knapp. Und jetzt: "Er war tief berührt." Es geht genau gleich los. Er kommt auch zufällig, er kann sich das auch vorher nicht ausdenken. Er hat sogar ein Reittier. Ja, aber das lohnt sich für die Räuber! Das passiert denen nur selten, dass sie auch noch gleich ein Reittier kriegen. Das ist ein sehr lohnendes Objekt. Außerdem: Es ist ein Samaritaner, das ist ein Ausländer, das sieht man an der Kleidung.
Da können die jüdischen Räuber sagen: "Den kann man ja tatsächlich umbringen. Dann ist es ein Samaritaner weniger." Also, die hätten da wirklich keine Hemmungen. Also, der kommt, und es ist genau alles gleich. "Und als er ihn sah ..." Aber jetzt wird Jesus weitschweifig. Jetzt muss er handeln, da trat er auf ihn zu, goss Öl und Wein usw., hob ihn auf sein Reittier, ging bis zum Wirtshaus, sorgte dort für ihn. "Und am nächsten Morgen", wo man ja cooler ist, wenn man geschlafen hat, wo man ein bisschen bereute, dass man jetzt seine Geschäftsreise hat wegen dem blöden Kerl da unterbrechen müssen ... Auch noch am nächsten Morgen - hier wird die Einheit von Ort und Zeit durchbrochen. Der einzige Fall in allen Gleichnissen Jesu, aber hier schon: Der Mann steht auch noch am nächsten Morgen zu seiner Tat. Er gibt sogar noch Geld für einen Wirt, macht den Wirt zum Krankenpfleger. Ich sag euch gleich, was ein Wirt ist. Der ist das Gegenteil von einem Krankenpfleger. Das macht dem Samaritaner aber nichts.
Der setzt andere Leute kreativ ein und sagt: "Du pflegst jetzt mal. Und wenn du mehr brauchst, dann kriegst du es. Ich komm wieder zurück und guck mal, was du gemacht hast." Also, ich sag euch, das Ding ist dermaßen genial. Aber zunächst mal: Der Mann wird auch sofort klassifiziert. Aber jetzt nicht über seinen Beruf, sondern über seine Nationalität. Ein Samaritaner. Man sagt bewusst heute in der Bibelwissenschaft nicht mehr Samariter, weil Samariter ist positiv, Samariterbund und so weiter. Das ist ein Klischee geworden. Deswegen sagt man bewusst Samaritaner. Es gibt auch heute noch Samaritaner. Ich war schon mal persönlich beim Hohenpriester der Samaritaner, bei Nablus wohnte er, ein sehr netter Mann, 60 Jahre alt, spricht gut Englisch. Also, die Samaritaner gibt es heute noch. Die sind eine eigene Religionsgemeinschaft. Einige 10.000 in Palästina, aber auch einige 10.000 in Israel und über die ganze Welt verstreut. Die Samaritaner waren ursprünglich mal Israeliten, geschichtlich.
Aber nach dem Untergang des Nordreiches entsteht in diesem Gebiet, in Samaria, eine Mischbevölkerung. Und als dann nach dem babylonischen Exil der Tempel in Jerusalem wieder neu aufgebaut wird, hoffen die Juden in Jerusalem, dass die Samaritaner jetzt auch zum Tempel kommen und dass sie wieder eine Religionsgemeinschaft werden. Pustekuchen, die Samaritaner bauen ihren eigenen Tempel auf dem Berg Garizim bei Nablus und machen ihre eigene Religion. Sie haben die gleichen fünf Bücher Mose wie die Juden, die gleichen fünf Bücher Mose, aber samaritanisch, sind aber vom Text 98 % identisch. Das sind praktisch Abgefallene. Abgefallene. Das sind die Allerschlimmsten. Das sind Andersgläubige. Samaritaner sind nicht nur Ausländer. Das sind Andersgläubige und Abgefallene. Und zwischen Samaritaner und Juden herrschte harte Feindschaft. In einem damaligen Synagogen-Gottesdienst wurden in jedem Gottesdienst die Samaritaner verflucht.
Öffentlich liturgisch verflucht. Die Samaritaner waren aber auch keine Engel. Ich sage euch mal ein sattes Beispiel: Da war mal eine Gruppe von 20, 30 Samaritanern. Die Leviten bewachen die Tore des Tempels, aber es sind immer nur zwei, drei Leviten. Die haben sie k.o. geschlagen, haben die Tempeltore aufgemacht und haben auf dem ganzen Tempelplatz Totengebeine verstreut. Es musste der ganze Tempel monatelang gesäubert werden. Das war rein aus Spaß. Also ich sage euch, die haben beide so richtig schön eskaliert. Also das war so wie der Vater von meinem Geschichte-Professor, der hat noch den Ersten Weltkrieg miterlebt. Da sagt mein Geschichte-Professor zu seinem Vater: "Ich gehe nach Frankreich, kommst du mit?" Da sagt sein Vater: "Nach Frankreich? Nur mit der Knarre!" Er hat noch den Ersten Weltkrieg miterlebt. Also es ist so eine Stimmung wie zwischen israelischen Siedlern und Palästinensern.
Das ist die Stimmung. Und ausgerechnet der kommt jetzt! Die Hörer hätten jetzt gedacht: Ja, der Dritte ist der Entscheidende. Erst kommt so ein großkopfiger Priester, da wissen wir ja, dass die so Saftsäcke sind. Und dann kommt der Levit. Jetzt wird ein einfacher Mann aus dem jüdischen Volk kommen. Dann hätte das Gleichnis eine antiklerikale Spitze. Aber es kommt ein Samaritaner, das provoziert jetzt auch die Hörer. Es kommt jetzt nicht einfach ein jüdischer Bauer, der den Profis mal zeigt, wie es wirklich geht. Es kommt ein Mann aus einer Ecke, die mir stinkt. Und das müsst ihr jetzt bitte auswerten. Die Hilfe kommt von einer Menschengruppe, die dir ganz unsympathisch ist. Mit der du nichts zu tun hast. Überleg mal, welche Menschengruppen. Wenn ich zum Beispiel bei Palästinensern wäre, dann würde ich die Geschichte so erzählen: "Ein Abgeordneter von Jericho kommt und geht vorbei.
Und dann kommt eine palästinensische Grundschullehrerin und geht vorbei. Und dann kommt ein jüdischer Siedler, sieht ihn, ist tief berührt und hilft." Beim jüdischen Siedler würde ich sagen: "Erst kommt ein Knesset-Abgeordneter und dann kommt ein Journalist von der Jerusalem-Post, die gehen alle vorbei. Und dann kommt ein Palästinenser aus dem Gazastreifen, und der hilft." Ich würde unter evangelikalen Christen das Gleichnis so erzählen: "Erst kommt ein Missionar auf Heimaturlaub, der geht vorbei. Zweitens kommt ein Erweckungsprediger, der geht vorbei. Und dann kommt ein liberaler Theologe, und der hilft." Aber in der liberalen Theologie der Universität München würde ich sagen: "Erst kommt ein Theologie-Professor und dann kommt ein Journalist von Zeitzeichen und dann kommt ein amerikanischer Fundamentalist, und der hilft." Und wie müsst ihr das erzählen? Vielleicht kommt ein Schwuler,
vielleicht kommt ein Muslim. Die Hilfe kommt aus einer Ecke, mit der du nicht nur nicht gerechnet hättest, sondern die dich ärgert. Da kommt die Hilfe her. Bitte lest das Gleichnis so. Erst dann wirkt es. Jetzt zum Schluss noch ein paar ganz wichtige Sachen. Also dieser Samaritaner kommt. Und jetzt kommt ja eine ganz lange Aufzählung. Jesus wird auf einmal liebevoll, detailverliebt. Was der Mann alles macht! Aber jetzt passt mal auf, wie fängt alles an? Es bleibt gleich bis: "Und als er ihn sah", und jetzt kommt der entscheidende Punkt, "wurde er tief berührt." Es geht nicht gleich mit Handeln los. Ethik beginnt nicht mit dem Handeln, sondern mit etwas, was du passiv erleidest. Es schlägt dir auf die Nieren. Es tut dir richtig weh.
Es zieht dir den Magen zusammen. Dieses Wort "wurde tief berührt" übersetzt Luther mit "erbarmen". Das hängt übrigens mit Darm zusammen. Mit Darm. Das hebräische Wort für erbarmen ist "es därmt mich", das ist so mittelhochdeutsch. Darm und erbarmen, dieses arm, Darm, erbarmen, das ist alles eine etymologische Familie. Arm tut nämlich weh. Arm zu sein, das ist eben, weil du dich selber so demütigst, weil es dir so peinlich ist. Es schlägt dir auf den Darm, wenn du arm bist. Und im Hebräischen heißt Barmherzigkeit, ich übersetze es euch mal wörtlich: "Es schlägt dir auf die Eingeweide." Das heißt barmherzig. Du bist dann barmherzig, wenn es dir auf die Eingeweide haut. Du erleidest etwas. Der Mann wurde tief berührt.
Warum wurden eigentlich Priester und Leviten nicht tief berührt? Die haben eine Regenmantelhaut, die weist alles ab. Es gibt Leute, die erleben etwas, das berührt die gar nicht. Die bleiben eiskalt. Es gibt auch eiskalte Frömmigkeit unter Christen. Unbekehrte kommen in die Hölle, ist doch klar. Alle, die sich bekehrt haben, sind im Himmel. Alle, die sich nicht bekehrt haben, sind in der Hölle. Eiskalte Frömmigkeit. Eiskalt. Gefühlskalt. Wie kommt es eigentlich, dass manche Menschen gefühlskalt werden und andere werden erschüttert in ihrem Gefühl? Das ist ein tiefes Geheimnis. Das will ich jetzt nicht weiter ausführen, das weiß ich auch nicht genau. Aber darauf kommt es an. In der Ethik kommt alles darauf an, dass du nicht eiskalt mit Regenmantelhaut schaffst. "Das juckt mich eigentlich nicht tiefer." Und daraus entstehen die Unterlassungen. Niemand von euch wird am Ende seines Lebens sagen können: Ich habe genügend geliebt.
Das wird keiner sagen können. Du könntest fünfmal so sehr lieben. Das wäre wirklich möglich. Warum machst du es eigentlich nicht? Stellt euch mal vor, dass ihr alle und ich ab morgen dreimal so liebesfähig werdet wie heute. Wäre ohne weiteres möglich. Was würde sich in der Welt ändern? Also diese entscheidende Hürde, "er wurde tief berührt", so beginnt Ethik. Und dann handelt er mit seinen wenigen Bordmitteln, er tut eigentlich gar nichts Besonderes, aber Öl lindert, Wein desinfiziert, er überlässt ihm sein Reittier, er läuft nebenher, und jetzt geht er in ein Wirtshaus. Damit muss ich jetzt schließen, gegen Ende kann ich jetzt nicht mehr alles so intensiv erklären. Aber ich sage euch, das Gleichnis könnte man monatelang behandeln, und ihr würdet aus dem Staunen nicht rauskommen bis zum Rest eures Lebens. Der geht in ein Wirtshaus. Das ist nicht eine Herberge, es gibt gar keine Herbergen. Luther hat das nicht gewusst. Sondern wenn ein Orientale übernachtet, übernachtet er immer umsonst, meistens
bei seinen Verwandten. Man guckt, dass man bei Verwandten übernachtet. Wenn man unterwegs ist, geht man zu Verwandten oder man hat Gastfreundschaft. Jeder Geschäftskollege kann schon wochenlang übernachten. Natürlich umsonst. Also die orientalische Gastfreundschaft eröffnet einem sehr viele Möglichkeiten des Übernachtens. Und dann gibt es noch Karawansereien für größere Gruppen; Händler, Karawanen, die übernachten in Karawansereien. Da muss man ein bisschen was bezahlen, aber da versorgt man ja auch die Tiere mit Futter und so weiter. Aber für eine Übernachtung nimmt man nie Geld. Aber ein Wirtshaus ist ein Sündenpfuhl. Der Wirt, der lebt ja vom Profit. Ein Wirtshaus ist wie im Wilden Westen ein Saloon. Wir müssen uns mal einen Saloon vorstellen. Da wird gebumst, geschlägert, gepokert und Diebesgut verwaltet. Da wird geflucht, gebumst, geschlägert. Die Damen im Wirtshaus sind für alle Serviceleistungen zuständig.
Hier wird Diebesgut umgeschlagen. Also kein anständiger Mensch geht in ein Wirtshaus. Ein Wirt gehört zur Liste der sündigen Berufe. Kein Jude ist Wirt. Das ist wie Geldverleihung. Also ein Wirtshaus ist ein Sündenpfuhl. Übrigens dieses Wirtshaus gibt es tatsächlich, das hat man archäologisch gefunden, 1935. Ich habe den Studenten die Mauer gezeigt. Fünf Kilometer vor Jericho steht ein Wirtshaus. Also es ist tatsächlich so. Jetzt ist er nur noch fünf Kilometer von Jericho weg. Aber der Samaritaner merkt: Mensch, da geht es um Minuten. Der Mann ist in Lebensgefahr. Jetzt betritt dieser Geschäftsmann wahrscheinlich zum ersten Mal ein Wirtshaus. Das macht dem aber auch nichts. Der geht über seinen Tellerrand hinaus. Er ist wirklich in einem Handeln der Barmherzigkeit.
Alles, was er tut, quillt aus dem Erbarmen. Es hat ihm auf die Eingeweide geschlagen. Der hätte sagen können: Ein Jude weniger. Der Mann liegt ja nackt da. Man weiß ja gar nicht mehr, wer er ist. Aber der Samaritaner muss natürlich annehmen: Das ist ein Jude. Da war wirklich eine Kluft, ein Hass der Nationalität und des religiösen Andersseins. Das überwindet er alles, weil er tief berührt war. Und dann geht er zu diesem Wirt und sagt: "Jetzt machst du mal ein bisschen Krankenpflege. Ich gebe dir Geld und du sorgst jetzt für den." Ich möchte mal das Gesicht von dem Wirt sehen! Zwei Denare, das ist ganz ordentlich, das sind so 200 Euro. Der weiß: Dem muss man Geld geben. Ohne Geld macht der sowieso nichts. Aber er setzt andere Leute ein. Er delegiert und dann setzt er seine eigenen Interessen fort. Er unterbricht eine Geschäftsreise, aber er bringt sich nicht um aus Nächstenliebe. Man muss sich auch selber lieben. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Diese Aufopferung für andere -
und danach ist man beleidigt, weil sie nicht so dankbar sind. Nö, der opfert sich nicht auf. Aber das Entscheidende hat er sich unterbrechen lassen. Und dann setzt er seine Geschäftsreise fort. Ein geniale Kurzgeschichte!
Das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner (Lk 10,30-35) | 1.3.1
Was soll man so einer bekannten Geschichte wie der vom barmherzige Samariter noch Neues abgewinnen können? Und kann man wirklich ernsthaft über diese paar Zeilen des Gleichnisses eine 69-minütige Vorlesung halten, ohne dass Langeweile aufkommt? Die zweite Vorlesung der Gleichnis-Trilogie gibt hier eine verblüffend einfache Antwort: Man kann es und es gibt vieles zu entdecken. Mit fundiertem Hintergrundwissen und großer Leidenschaft nähert sich Siegfried Zimmer diesem Text. Fernab von jeglicher Spekulation oder Verklärung, eröffnet er die Lebenswelt des Textes und nimmt einen mit auf den staubigen und gefährlichen Pfad von Jerusalem nach Jericho bis man selbst die Spitze des Textes spürt.