Video
Audio Als MP3 herunterladen
Transkript Als PDF herunterladen

00:00
"Das Judentum, die religiöse Heimat von Paulus" - das ist das Thema, das mir so gegeben wurde. Ich muss Ihnen gleich zu Beginn zwei Bekenntnisse machen. Das eine ist: Das Thema ist mir zu Paulus-spezifisch. Ich muss zugeben, dass Paulus nicht meine erste Liebe ist. Ich habe in Basel und Bern Theologie studiert und am Ende dieses Studiums den Paulus nicht verstanden. Okay, kann geschehen, wenn man studiert, oder? Ich habe beschlossen, dass ich bestens Pfarrerin sein kann ohne Paulus, respektive mit einem ganz reduzierten Paulus. Es gibt ja in der hebräischen Bibel diese wunderschönen Geschichten.

01:03
In den Evangelien gibt es nochmals wunderschöne Geschichten. Also wozu denn den Paulus bemühen? Also gut, bei den Heiraten konnte man mit 1. Korinther 13 ja noch punkten. Bei den Beerdigungen war Römer 8 auch noch hilfreich. Das war so meine paulinische Pfarramts-Tätigkeit. Ich war aber auch in meiner Pfarramts-Tätigkeit sehr bald in jüdisch-christliche Beziehungen eingebunden. Nach beinahe zehn Jahren habe ich gedacht, ein Drittel des Neuen Testament besteht doch aus Paulus. Vielleicht sollte ich mich doch noch mal bemühen. Was ich dann auch getan habe, deshalb haben Sie mich auch eingeladen. Ich habe schon was zu sagen zu Paulus.

02:02
Also, das war so ein bisschen eine Dschungelreise. Ich habe mir den Weg bahnen müssen, und eine große Hilfe war mir zum einen mein lieber Freund Ekkehard Stegemann, der Paulus sehr früh als einen jüdischen Menschen seiner Zeit beschrieben hatte. Dann war da die Forschung im englischsprachigen Raum, in den USA und in Großbritannien, die das anfing, was dann so ein Label kriegte, New Perspective, haben Sie vielleicht auch schon gehört. Die haben auch versucht, Paulus von seinem jüdischen Kontext her zu verstehen. Das fand ich das jetzt doch noch spannend. Ich weiß nicht, ob ich jetzt den Paulus verstehe, aber Sie können sehen, dass ich auf dieser Reise doch irgendwie bei ihm hängen geblieben bin. Ich kann sagen, das ist meine zweite Liebe. Das war das erste Bekenntnis, und jetzt kommt das zweite.

03:04
Ich soll ja über das Judentum, die religiöse Heimat des Paulus, sprechen. Nun, wenn wir von der Antike sprechen, dann gibt es gar kein Judentum. Vielleicht sind Sie jetzt schockiert. Es gibt natürlich jüdische Menschen, die sich als jüdisch identifizieren und gemäß jüdischen Traditionen leben in der Antike. Aber diese jüdischen Menschen, die sich mit jüdischen Traditionen der Antike identifiziert haben, hätten niemals vom Judentum gesprochen. Das war ihre Tradition, die Tradition ihrer Väter, die Überlieferungen ihrer Väter. "Wir sind Söhne und Töchter Israels", hätten sie gesagt. Wir kommen dazu noch, wenn wir dann genauer hingucken beim Paulus. Das, was wir heute Judentum nennen und was wir heute auch sehen in unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, das gab es so nicht in der Antike.

04:04
Wenn wir also vom Judentum, der religiösen Heimat des Paulus, sprechen, dann sollten wir zunächst einmal das, was wir gelernt haben über gegenwärtiges Judentum, vergessen. Es gab in der Antike noch kein rabbinisches Judentum. Das Judentum, das heute gelebt wird, ist entstanden im Nachklang der großen Zerstörungen des Tempels, des Ausschlusses der Jüdinnen und Juden von ihrem Land. Das rabbinische Judentum entstand nach 70 unserer Zeitrechnung. Das war noch nicht die jüdische Tradition des Paulus. - Jetzt habe ich alles schon verfremdet und jetzt wird die Verwirrung schon ganz groß.

05:02
Tut mir leid, aber ich muss das mal voranschicken. Also, wie heute wurden jüdische Traditionen in der Zeit des Paulus in großer Vielfalt gelebt. In großer Vielfalt. Nicht identisch mit rabbinischem Judentum von heute, aber denken Sie daran: Zur Zeit des Paulus, also im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, und bis zum Jahr 70 stand der Tempel noch in Jerusalem, das große Zentrum jüdischer Tradition. Das war ein wichtiges Verbindungsmerkmal für alle Jüdinnen und Juden damals, ob sie dahin gingen oder nicht. Das war so ähnlich, wie heute Rom das Zentrum der Welt unserer katholischen Brüder und Schwestern ist. Auch wenn sie nie in Rom waren, das Zentrum ist Rom trotzdem. So war Jerusalem mit dem Tempel das Zentrum der jüdischen Welt damals.

06:02
Wie gesagt, rabbinische Traditionen, wie wir sie heute kennen, orthodox, konservativ, liberal, säkular und alles, was man sich da an Variationen dazwischen vorstellen kann, das entsteht nach der Zerstörung des Tempels über einige Jahrhunderte. Also, wenn wir nun ein wenig zu verstehen suchen, was es bedeutet, dass jüdische Tradition die Heimat des Paulus war und blieb, dann müssen wir zunächst einmal wahrnehmen, wie vielfältig diese Traditionen seiner Zeit gelebt worden sind. Es gibt ein paar Eckpfeiler dieser Traditionen auch für diese Zeit. So ist zum Beispiel grundlegend, wesentlich, dass Gott mit seinem Volk einen Bund geschlossen hat. Gott hat einen Bund geschlossen mit seinem Volk Israel. Er hat diesem Volk zugesagt, er sei ihr Gott und er werde da sein für sie und mit ihnen sein, wo immer sie unterwegs seien.

07:14
Er ist für sie der Schöpfer der Welt, der einzige Gott, der zu verehren war. Das ist ein großer Unterschied zur römischen Mitwelt, von der wir eben gehört haben. Nur ein Gott, der Gott Israels, der sich seinem Volk in einem Bund zugesagt hat, wird als Gott verehrt. Zum Zweiten ist ein grundlegender Pfeiler dieser vielfältigen Traditionen die Tatsache, dass ihre Traditionen in den Schriften niedergelegt wurden. Die Schriften sind nicht das, was wir Christen dann Altes Testament nennen oder, wenn wir dieses Wort nicht benutzen wollen, hebräische Bibel oder was unsere jüdischen Brüder und Schwestern den Tanach nennen.

08:05
Es sind Schriften, die als verbindlich und autoritativ angesehen wurden. Also mit Sicherheit die fünf Bücher Mose, die Thora. Dann auch noch Propheten. Da ist nicht immer ganz klar, welche Bücher alle, mit Sicherheit Jesaja, Jeremia und Ezechiel, die Großen Propheten. Bei den Kleinen ist es schon nicht mehr so klar. Was ich damit sagen will, ist, es gab noch keinen geschlossenen Kanon, keine Bibel. Es gab autoritative Schriften, wie gesagt die Thora, die fünf Bücher Mose, die hielten alle für verbindlich. Bei den anderen gingen dann die Meinungen schon etwas auseinander. Die Schriften, wir haben es auch gehört, die wurden auch ins Griechische übersetzt. Die Grundsprache selbstverständlich ist Hebräisch, aber weil Griechisch die Hauptsprache der Zeit war - Hellenismus, wir haben es gehört -, deshalb wurden diese wichtigen Schriften auch ins Griechische übersetzt,

09:07
vermutlich in Alexandria, dieser Großstadt am Nil. Das ist auch der Teil der Tradition, den wir dann bei Paulus wiederfinden. Er zitiert ja immer Griechisch, wenn er diese Schriften zitiert. Er sagt nie: "Ich zitiere die Bibel." Er zitiert immer die Schriften: "Es steht geschrieben" oder "die Schriften". Gut, dann habe ich erwähnt, dass die fünf Bücher Mose Thora genannt werden oder eben "Nomos" auf Griechisch oder übersetzt auf Deutsch "Gesetz". Da haben wir dann schon ein kleines Problem. Was heißt das eigentlich genau? Wenn wir Gesetz hören, dann hören wir die Gesetzesbücher, das Zivilgesetzbuch und ich weiß nicht was, das ist natürlich nicht vergleichbar mit der Thora und auch nicht mit dem Nomos. Aber lassen wir das mal. Die Thora oder der Nomos oder, wie wir es übersetzen, das Gesetz,

10:06
das sind die Leitlinien für eine Lebensgestaltung für Jüdinnen und Juden, die der Beziehung zu diesem einen Gott treu ist, die dieser Beziehung entspricht. Das ist die Thora. Kein Gesetzbuch in unserem Sinn, sondern Leitlinien für ein Leben in Beziehung zu dem einen Gott, der sich ihnen zugesagt hat. Und dann ist auch, wie erwähnt, der Tempel in der Stadt Jerusalem. Der Tempel ist der einzige Ort, an dem Jüdinnen und Juden ihrem Gott Opfer darbringen. Der einzige Ort, an dem Jüdinnen und Juden ihrem Gott Opfer darbringen. Im Unterschied zu ihrer gesamten Umgebung. In ihrer Umgebung lebten Menschen, die sich vielen Gottheiten verbunden fühlten

11:02
und die täglich zu Hause, an der Straßenecke, oben auf dem Hügel diesen verschiedenen Gottheiten ihre Opfer darbrachten. Großer Unterschied. Jüdinnen und Juden taten das nur in Jerusalem im dem einen Tempel, solange er stand. - Das heißt, wir haben so ein paar Eckpfeiler, die alle Jüdinnen und Juden der Zeit wohl so unterschrieben hätten. Da ist der Bund Gottes, da sind die Schriften, da ist das Gesetz - ich sage es jetzt mal so - und da ist der Tempel. Das sind die verbindenden Elemente jüdischer Tradition. Die sind wichtig, wenn wir Paulus als Juden seiner Zeit verstehen wollen. Ob er denn der erste Christ war, das lassen wir mal dahingestellt.

12:06
Gelebt wurde diese Gemeinsamkeit in vielerlei Weise. Da waren verschiedene Gruppen in Judäa und Galiläa. Der jüdische Historiker Josephus, der zwei große Werke geschrieben hat über jüdische Traditionen, "Die jüdischen Altertümer", und "Über den jüdischen Krieg", das ist eine Beschreibung des Krieges, den jüdische Rebellen gegen Rom geführt haben in den Jahren 66 bis 70. Das ist nach Paulus. Der jüdische Historiker Josephus erzählt, welche jüdischen Gruppen es in Judäa und Galiläa gab. Er nennt und kennt Pharisäer, er nennt und kennt Sadduzäer, er nennt und kennt Essener, und er nennt und kennt Zeloten.

13:03
Ich nehme an, diese Bezeichnungen tönen vertraut in Ihren Ohren, denn - außer den Essenern - begegnen die uns auch im Neuen Testament: Pharisäer, Sadduzäer und Zeloten. Das ist die eine schriftliche Quelle. Der Historiker Josephus bestätigt also die Existenz von Gruppen, die wir aus dem Neuen Testament kennen. Das ist schon mal sehr interessant. Und Josephus war mitnichten ein Christusüberzeugter. - Dann gibt es die Funde der Schriftrollen von Qumran. Das sind Schriftrollen, die in der Judäischen Wüste 1948 per Zufall gefunden wurden, die seither in langen Prozessen ediert und herausgegeben wurden. Und es wird immer noch neu entdeckt, was in diesen Schriftrollen steht. Es ist vermutlich die Bibliothek einer Gruppe, möglicherweise der Essener,

14:07
die sich in die Wüste zurückgezogen hatte und dort eine Art mönchartiges Leben führte. Das ist vielleicht ein bisschen zu eng beschrieben, aber sie haben dort isoliert von ihrer Umwelt gelebt. Man hat auch archäologische Zeugnisse gefunden in Höhlen in der Umgebung dieser Siedlung. Vermutlich wurden diese Schriftrollen während dieses Krieges, den ich eben erwähnt habe, dort als ganz wichtiges Gut versteckt und die haben wegen der Trockenheit des Klimas bis ins 20. oder 21. Jahrhundert überlebt. Diese Texte geben uns einen großen Einblick in das Leben dieser Gruppe, wie sie sich verstanden haben usw. Das wäre mal ein ganzer Nachmittag für Sie.

15:01
Einfach, dass Sie das wissen: Das sind Primärzeugnisse, also Zeugnisse aus erster Hand wie Josephus, von jüdischen Menschen geschrieben. Zu den Pharisäern kommen wir später noch. Jetzt kommen wir zu den Sadduzäern. Die Sadduzäer waren vermutlich eine Art Tempelaristokratie Die hatten, wie wir auch aus dem Neuen Testament wissen, aber eben auch von Josephus, keine Auferweckungshoffnung. Diese Auferweckung der Toten am Ende der Zeiten, das war für sie nicht vorstellbar. Sie haben die fünf Bücher Mose als autoritativ anerkannt, aber keine weiteren mündlichen Traditionen, soviel wir wissen. Vermutlich, weil sie Tempelaristokratie waren, haben sie mit den römischen Besatzern zusammengearbeitet, das mussten sie, wenn sie eine Rolle am Tempel einnehmen wollten.

16:04
Zum Beispiel - ich erkläre das ein bisschen - war es so, dass die Römer das Gewand des Hohepriesters in Gewahrsam genommen hatten. Damit konnten sie kontrollieren, ob die jüdischen Feiertage überhaupt gefeiert werden konnten. Das heißt, der Hohepriester war angewiesen auf das Wohlwollen der Römer. Er war darauf angewiesen, dass sie ihm zu den hohen Feiertagen das Gewand des Hohepriesters aushändigten, sonst konnte er seine Rolle gar nicht ausüben. Also da musste eine gewisse Zusammenarbeit stattfinden. So, das waren die Gruppen, die, soweit wir wissen, in Judäa und in Galiläa lebten. Das waren die Pharisäer, die Sadduzäer, die Essener und die Zeloten. Jetzt lebten ja aber nicht alle Jüdinnen und Juden derzeit

17:05
in Judäa und Galiläa, sondern wir haben eben von Paulus aus Tarsus gehört. Das ist in der heutigen Türkei. Also viele Jüdinnen und Juden lebten in vielen Städten des Römischen Reiches und darüber hinaus. Und zwar lebten sie dort nicht, weil sie gezwungen waren, dort zu leben, so vor 70, sondern freiwillig. Sie waren Handelstreibende, sie hatten große Netzwerke, über die sie miteinander verbunden blieben, auch wenn sie nicht in Judäa und Galiläa lebten. Wir wissen, dass Briefe zwischen den Gemeinden geschrieben wurden, dass ein reger Austausch bestand. Und es gab seit längerer Zeit, seit dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, gute Kontakte, so wissen wir, zwischen Jerusalem und Rom.

18:03
Diese Kontakte scheinen unter Herodes dem Großen sogar intensiviert worden zu sein. Also die Eliten haben da schon ein Stück weit zusammengearbeitet. Und bemerkenswerterweise ist die heutige jüdische Gemeinde von Rom die einzige, die älteste, die dauerhaft an einem Ort präsent war. Also die heutige jüdische Gemeinde von Rom kann sich zurückführen auf die Zeit bis vor dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Es gibt sonst keine jüdische Gemeinde auf der Welt, die das kann. Auch in anderen Städten haben Jüdinnen und Juden gelebt, aber natürlich nicht ununterbrochen. Wir wissen, dass sie in Alexandria und Ephesus gelebt haben, in Karthago und so weiter. Und offensichtlich in Tarsus. Offensichtlich. Wie war das nun, dieses Leben von Jüdinnen und Juden in dieser sogenannten Diaspora?

19:03
Also nicht im Homeland, also in Judäa und Galiläa und Jerusalem, sondern eben in diesen weiten Gebieten des Römischen Reichs. Sie waren ja eine Minderheit. Die Mehrheit der Menschen im Römischen Reich war nicht jüdisch. Das ist ja offensichtlich, ja natürlich. Aber was heißt das genau? Sie waren eine Minderheit und lebten mit ihren nicht-jüdischen, religiös als Paganen bezeichnet, Nachbarinnen und Nachbarn meistens friedlich zusammen. Wie konnte das sein? Die Paganen-Umwelt oder, wie es in unseren Bibeln heißt, die Heiden, die sind ja nicht mit dem einen Gott Israels verbunden. Die verehren alle ihre Gottheiten,

20:02
Jupiter, Hera, Asclepius, die Vorfahren, die Hausgottheiten, die Laren und Penaten und so weiter. Wenn Sie durch Pompeji laufen, dann sehen Sie diese wunderschönen Malereien zum Teil an den Wänden, und da hat es immer Schlangen und ein Ei. Das sind die Hausgottheiten. Die Schlangen behüten das Haus und bewahren es offensichtlich vor Schädlingen. Sie jagen Mäuse. Dann ist der Vorrat sicher. Das macht ja Sinn. Also diese Jüdinnen und Juden leben unter Menschen, die ganz andere religiöse Vorstellungen hatten. Eigentlich. Aber sie leben friedlich mit ihnen. Das war nur möglich, weil die römischen Oberherren eingesehen haben, dass man Jüdinnen und Juden ja mit Sicherheit

21:06
nicht dazu zwingen konnte, jemand anderen als ihren eigenen Gott und ausschließlich ihren eigenen Gott zu verehren. Man konnte Juden und Jüdinnen mit Sicherheit nicht zwingen, anderen Gottheiten Opfer darzubringen. Nicht einmal dem Cäsar oder nicht einmal dem Jupiter. Das war nicht möglich. Was haben die römischen Oberherren gemacht? Sie haben eine Art Vertrag, einen losen Vertrag mit den Jüdinnen und Juden der Zeit geschlossen und gesagt: "Okay. Ihr müsst aber natürlich anerkennen, dass wir die Oberherren sind." Also Judäer und Galiläer, das waren römische Provinzen. Sie waren ein unterworfenes Volk aus römischer Sicht. Sie waren die Untertanen. Sie mussten Steuern bezahlen, schwere Steuern.

22:01
Die Steuern der Provinzbevölkerung waren viel, viel höher als diejenigen der römischen Bürger. Sie waren nicht Römer, sie waren Fremde aus römischer Sicht. Ein abhängiges Volk wie andere auch. Diese Abhängigkeit war der Tatsache zuzuschreiben, dass die römischen Gottheiten das römische Volk bevorzugten. Die Römer waren so fromm, so voll Pietät - das ist das lateinische Wort, pietas -, dass die Götter Zeus und Co. oder Jupiter und Co. den Römern beinahe permanent militärische Siege ermöglichten und es ihnen dadurch ermöglichten, ihren Gewinn zu steigern. Weshalb wurde Karthago in den Punischen Kriegen erobert? Weil das eine Kornkammer war.

23:05
Rom brauchte Nahrung. Ähnlich war es mit Ägypten, das war auch eine Kornkammer. Weshalb Judäa? Die machten immer Trouble. Da musste man Ruhe haben, damit die Handelswege funktionierten. Roms Selbstbild war so: Weil wir so fromm sind, so voll Pietät den Göttern gegenüber, unseren Gottheiten gegenüber, geben sie uns diese militärischen Siege. Wenn ein Volk so besiegt war - das konnte durch einen Krieg sein oder durch einen Vertrag, und man musste nicht immer einschreiten, um das zu erreichen -, dann konnten diese Völker, inklusive das jüdische Volk, durchaus ihre eigenen Traditionen weiterleben. Das war nicht so, dass die Römer sagten,

24:05
sie müssten alles römisch machen. Überhaupt nicht. Das Einzige, was verlangt wurde, ist: Ihr bezahlt eure Steuern. Das ist ja heute noch so, oder? Das müssen wir ja auch. Und dann kam dazu, dass in diesen eroberten Gebieten der kapitolinischen Trias Jupiter, Hera und Minerva Tempel geweiht werden mussten und diesen Gottheiten natürlich gegeben werden musste, was sie brauchten, eben Opfer. Und den Cäsaren musste dann später, wenn sie in die göttliche Sphäre rückten, auch noch kultische Ehre erwiesen werden. Das war für das jüdische Volk ein No-Go, das war unmöglich. Der kapitolinischen Trias schon gar nicht und auch den Cäsaren nicht. Was wurde gemacht? Die Praxis wurde leicht angepasst.

25:04
So wie bei einer feinen Schraube wurde noch ein bisschen geschräubelt, und die Jüdinnen und Juden, respektive die Juden, mussten täglich in ihrem einzigen Tempel, in Jerusalem, ein Opfer darbringen für das Wohl der Cäsarenfamilie. Nicht dem Kaiser, das wäre ja nicht gegangen, sondern sie mussten für das Wohl der Cäsarenfamilie ein Opfer darbringen. Das wurde, neben der Bezahlung der Steuern, als Akzeptanz der römischen Oberhoheit verstanden. Und das war dann auch repräsentativ für alle Jüdinnen und Juden im Römischen Reich. Wenn das jeden Tag in Jerusalem geschah, dann war es so weit okay aus römischer Sicht. Dann konnten sie sonst leben, wie sie wollten. Nur keine Rebellion. Natürlich nur keine Rebellion. So lebten sie friedlich -

26:02
mit ein paar Unterbrechungen - in vielen Städten und Ortschaften des Römischen Reiches und darüber hinaus. - Nun noch eine interessante Sache, die manchmal vergessen wird: Jüdinnen und Juden lebten ja nicht nur im Römischen Reich. Jüdinnen und Juden lebten in der Zeit auch im Sassanidenreich, weiter östlich, also unter Persern, in Babylon. Deshalb heißt einer der Talmude, der dann später im rabbinischen Judentum entsteht, der Babylonische Talmud, weil dort, außerhalb des Römischen Reiches, eine große jüdische Gemeinschaft lebte. Die lebte natürlich dort seit dem sogenannten Babylonischen Exil. Als die Babylonier Judäa erobert hatten und so weiter, wurde zumindest die Oberschicht ins Exil deportiert und so. Ein Teil kam dann wieder zurück

27:02
unter dem Perserkönig Kyros. Aber ein Teil blieb dort, denn es ging ihnen gut dort. Die sind freiwillig dort geblieben. Und so hat dort die jüdische Gemeinschaft in Babylon und im Sassanidenreich auch geblüht. Und es gab rege Kontakte. Also die jüdische Gemeinschaft hatte Kontakte nach Westen und Kontakte nach Osten. Für die Jüdinnen und Juden war die Welt der Orbis, der Weltkreis, nicht begrenzt durch Rom. Da gab es eine Welt, die ging darüber hinaus. Die jüdische Weltsicht war weiter als Rom. Und römische Herrschaft konnte deshalb auch nicht absolut sein. Diese Jüdinnen und Juden - gehen wir zurück ins Römische Reich - konnten, wie gesagt, unbehelligt in diesen Städten und Dörfern leben. Es gibt Texte, wieder von Josephus, die erzählen,

28:02
dass zum Beispiel in Sardis die römischen lokalen Behörden den Jüdinnen und Juden zugestehen, dort einen Versammlungsort zu haben, einen festen Versammlungsort, heute würden wir sagen, eine Synagoge oder einen Gebetsplatz. Sie hatten das Recht, Geld zu sammeln. Wir haben gehört, wie wichtig das ist. Dieses Geld, das sie sammeln konnten, war für den Unterhalt des Betriebes des Tempels bestimmt. Das war der Halbschekel, den jeder erwachsene Jude jährlich für den Unterhalt und den Betrieb des Tempels in Jerusalem bezahlte. Das musste man sammeln, das musste man irgendwo in Lagerräumen aufbewahren. Es gab ja keine Bank in dem Sinn, das war auch nicht digital und kein Online-Banking oder so. Das musste physisch irgendwo sein. Das Recht, dieses Geld zu sammeln und dann aufzubewahren,

29:02
wurde den Jüdinnen und Juden zugestanden, sodass sie das an ihrem Gebetsort, in der Synagoge, tun konnten. Und dann hatten sie auch das Recht, dieses Geld nach Jerusalem zu transportieren. Nichts, was mit Finanzen zu tun hat, sollte dem Staat entgehen. Auch unter Rom nicht. Man konnte nicht einfach Geld von hier nach dort verscheffeln oder so, kein Moneylaundering, also keine Geldwäscherei oder so. Sondern das war kontrolliert von Rom, und die Juden hatten das Recht, diese beachtlichen Summen nach Jerusalem zu transportieren. Und denken Sie daran, das ist was Physisches. Das musste da physisch hingebracht werden. Dieses Recht wurde auch geschützt, vor allem dieses finanzielle Recht wurde geschützt durch solche römischen Verträge. Denn wenn jemand versucht hätte, dieses Geld zu stehlen, dann hätten diese Räuber es nicht mit den Juden zu tun bekommen, sondern mit den römischen Magistraten. Das war der Punkt, dieses Recht, dieses Geld in den Synagogen zu lagern.

30:02
Dann haben diese Jüdinnen und Juden in diesem römischen Reich viele Sprachen gesprochen. Selbstverständlich Griechisch vorab. Das war, wie heute Englisch, die Lingua Franca. Deshalb schreibt Paulus Griechisch. Deshalb ist unser Neues Testament Griechisch. Das sollten mehr oder weniger alle irgendwie verstehen. Das war aber möglicherweise nicht die Muttersprache, sondern die Zweitsprache, die Lingua Franca, in der man sich unterhalten konnte. Sie sprachen aber auch Phrygisch und Lydisch und wie diese Sprachen alle heißen. Wir wissen, in Syrien und Judäa war das Aramäisch, ein Teil der rabbinischen Traditionen ist auf Aramäisch überliefert worden, die Targumim usw. Möglicherweise wurde auch noch Hebräisch gesprochen. Da gehen die wissenschaftlichen Meinungen ein bisschen auseinander.

31:02
Wir kommen zu diesem Hebräisch noch, weil Paulus behauptet, Hebräer von Hebräern zu sein. Was heißt das genau? Möglich, dass Hebräisch in einem gewissen Maß eine gesprochene Sprache war, aber das ist ein bisschen unsicher. - Zu diesem Volk, mit dieser Tradition, gehörte nun auch Paulus, sowohl vor als auch nach seiner Begegnung mit dem Christus. Damit habe ich gleich schon gesagt, dass ich der Meinung bin, dass die Christusbotschaft deshalb für ihn kaum im Gegensatz zur jüdischen Tradition gestanden hat. Dass sich die Christusbotschaft von anderen jüdischen Traditionen unterschied, machte sie zu einer weiteren Variante in der Vielfalt jüdischer Traditionen der Zeit,

32:03
aber nicht zu etwas, das jenseits jüdischer Traditionen lag - für die Zeit des Paulus. Aber schauen wir uns zunächst einmal Paulus den Juden noch ein bisschen genauer an. Wir haben, so die übereinstimmende Meinung der Forschung, mit Sicherheit sieben Briefe, die von Paulus geschrieben oder diktiert wurden. Es gibt andere Briefe, die auch seinen Namen tragen. Da gehen die Meinungen der Forschenden auseinander. Ich bleibe jetzt mal bei den sieben, bei denen sich alle einig sind. Das sind die ältesten Zeugnisse des christlichen Neuen Testaments, also die ältesten Zeugnisse der christlichen Bibel. Wie kann das nun zusammengehen? Die Einsicht, dass Paulus Jude war und blieb und gleichzeitig der älteste uns bekannte Zeuge der Christusbotschaft -

33:08
wie kann das zusammen sein? Was ist gemeint, wenn betont wird, Paulus war und blieb Jude? Was heißt das für das Verständnis seiner Briefe? Heute, meine ich, würden die meisten Forscherinnen und Forscher sagen - vielleicht außer Udo Schnelle -, dass Paulus Jude geblieben ist. So ein bisschen ähnlich, wie es einen großen Konsens gibt, dass Jesus Jude war. Oft wird dieser Satz "Paulus war Jude" aber ergänzt. Also die einen - Udo Schnelle zum Beispiel, und ich mag ihn übrigens gut, wir haben einfach ganz andere Meinungen - sagen: Paulus wird zum ehemaligen Juden.

34:00
Oder er wird zu einem marginalen, einem randständigen Juden. Oder er wird zu einem radikalen Juden. Oder er wird zu einer Art Häretiker des Judentums. Und damit werden ganz viele Variationen des Jüdischseins eingeführt, die davon ausgehen, dass es eine klare Norm des Jüdischseins gab damals, also dass es ganz eindeutig war, was es damals hieß, jüdisch zu sein. Ich habe eben versucht zu erklären, dass es das eben nicht war. Es gab diese große Vielfalt, von der wir nur bruchstückhaft wissen. Wenn es eine Norm gegeben hätte, dann wäre das Bekenntnis, dass in Jesus der Messias gekommen ist, tatsächlich eine Abweichung. Aber diese Norm gab es ja nicht. Und übrigens war Jesus nicht der Einzige, der in diesen Jahren als Messias angesehen wurde.

35:02
Wir kennen Geschichten, wieder über Josephus, der uns sehr, sehr viel erzählt über diese Zeit, von jüdischen Gruppen, die einen der Ihren zum Messias erklärt haben. Da gibt es eine Geschichte einer Gruppe, die einen der Ihren zum Messias erklärt hat und die versucht haben, hinauszuziehen in die Wüste über den Jordan und dann den Exodus, also den Einzug ins Gelobte Land, nochmals zu durchwandern und damit den Anbruch der messianischen Zeit einzuläuten. Diese Gruppe wurde von den Römern niedergemetzelt, bevor sie den Jordan überqueren konnten, weil die Römer den Eindruck gewonnen hatten: Also wenn einer zu einem Messias ausgerufen wird - das ist ja ein Königstitel - und wir haben dem nicht zugestimmt, dann ist das ein Rebell.

36:06
Und dann sind die Anhänger dieses Rebellen mitgegangen, mitgehangen. Diese Gruppe wurde also von den Römern gewalttätig niedergemetzelt, obwohl sie nicht bewaffnet waren. Das waren keine Zeloten. Ich sage also, es gab Gruppen, die haben einen der Ihren als Messias gesehen. Das ist an sich nichts Unjüdisches. Das führt nicht aus der jüdischen Tradition der Zeit hinaus. Übrigens noch ein Beispiel: Rabbi Akiva beim Aufstand, den jüdische Rebellen im Jahr 132 u. Z. vorgenommen hatten. Rabbi Akiva hatte den Anführer dieser Rebellion, dieses Aufstandes, Bar Kochba, zum Messias erklärt. Der Aufstand wurde wie schon der vorherige niedergeschlagen, wie wir wissen,

37:04
und Bar Kochba starb als Häretiker auf einem römischen Scheiterhaufen, eingewickelt in die Thora. Rabbi Akiva ist aber einer der großen Väter der heutigen rabbinischen Tradition. Dass er Bar Kochba zum Messias erklärt hatte, hat ihn nicht unjüdisch gemacht und hat ihn - obwohl es offensichtlich ein Fehler war - nicht desavouiert als einen großen Vertreter rabbinischer Tradition bis heute. So weit diese Geschichte zu den Messiassen. Also ein Messias-Bekennnis führt nicht aus dem Judentum hinaus in jener Zeit. Und wenn das nicht aus dem Judentum hinausführt, wohin hätte es überhaupt führen sollen? Was hätten denn diese Menschen werden sollen?

38:01
Es gab ja kein Christentum. Das gab es noch nicht. Es gab Menschen, jüdische Menschen, zu den anderen kommen wir dann noch. Es gab jüdische Menschen, die waren überzeugt, in Jesus sei der Messias - oder griechisch: der Christus - gekommen. Das ist ein jüdisches Bekenntnis. Sie sind jüdisch geblieben wie Paulus, Petrus, Barnabas, Jakobus und so weiter. Sie konnten ja noch gar nicht Christen sein, weil es diese Größe Christentum noch gar nicht gab. Sie konnten Messias-Bewegte sein, Christus-Nachfolgende und so weiter. Ich sage nicht, da ist kein Unterschied. Aber das führt nicht aus dem Judentum selbst hinaus. So ist Paulus also Jude geblieben. Er hat Gott durch Christus verkündet.

39:01
Das ist kein anderer Gott als der Gott der jüdischen Tradition. Paulus verkündet keinen neuen Gott und kein neues Gottesbild. Er verkündet Adonai, Gott, den wir auch aus der Hebräischen Bibel oder, wie wir Christen es nennen, aus dem Alten Testament kennen. Es ist der Gott seines Volkes, und dieses Volk bleibt sein Volk, Gottes Augapfel, Gottes erste Liebe - vor und nach Christus. Die jüdische Tradition, auch in der Zeit des Paulus, ist keine sogenannte legalistische Gesetzesreligion. Es ist eine Tradition der vorauflaufenden Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Dieser Gott hat sein Volk gerufen in eine Beziehung mit ihm. Er hat Abraham herausgerufen aus seines Vaters Haus und

40:02
hat ihm zugesagt: "Ich werde dein Gott sein und mit dir sein auf all deinen Wegen. Und ich werde dir Raum schaffen zum Leben und eine Nachkommenschaft." Diese Zusage ändert sich durch nichts. Der Bund Gottes mit seinem Volk ist unverbrüchlich. So schreibt übrigens Paulus ganz deutlich im Römerbrief 11,29: "Unwiderrufbar sind die Gnadengaben und der Ruf Gottes." Er hat aus Gnade und bevor das Volk Israel irgendetwas getan hat, dieses gerufen, es zu seinem Volk werden lassen, wie ein Findlingskind, das er in der Wüste aufgegabelt hat. So stellt sich das Hosea vor, Hosea 11,3-4. Und auch wenn sich dieses Volk verirrt wie ein Schaf, wenn es in die Irre läuft, wenn Gott es züchtigen muss, zurückholen muss, bleibt Gottes Zusage bestehen.

41:12
Unverbrüchlich, verlässlich. "Ich bin euer Gott und ihr seid mein Volk." Das ist die unhinterfragbare Grundlage, aus der heraus Paulus sein Leben als Jude seiner Zeit lebt und aus der heraus er auch die messianische Botschaft unter den nicht-jüdischen Völkern verbreitet. Natürlich wüssten wir gerne mehr über unseren lieben Bruder Paulus. Er ist ja sehr zurückhaltend in Bezug auf seine Biografie. Sehr zurückhaltend. Lukas in der Apostelgeschichte erzählt uns mehr, aber ich möchte mal bei dem bleiben, was uns Paulus so quasi autobiografisch erzählt. Und das ist eben nicht sehr viel, aber so ein klein bisschen können wir doch da hineinhören, was er uns erzählt.

42:01
So schreibt er in Galater 1,13-14: "Ihr habt ja gehört, wie ich früher mein Jüdischsein gelebt habe." Und da steht in den Übersetzungen dann meistens "Judentum": "Wie ich früher im Judentum gelebt habe." Aber ich will es mal dabei belassen. "Ihr habt gehört, wie ich früher mein Jüdischsein gelebt habe, wie ich unerbittlich die Versammlung, die Gemeinde Gottes verfolgt habe und sie zu zerstören suchte. In diesem Jüdischsein war ich vielen meiner Altersgenossen weit voraus und setzte mich mit besonderem Engagement für die Überlieferungen der Väter ein." Hier lässt Paulus uns wissen, zum einen, dass er ein gebildeter Jude war. Das ergibt sich aus der Tatsache schon, dass er in der Lage war, Briefe von einer gewissen Länge zu diktieren. Das muss man mal können. Das kann man nicht einfach so.

43:01
Zudem zeigen diese Briefe auch, dass er sehr gute Kenntnisse der Traditionen seines Volkes hatte. Das sagt er auch im Galaterbrief hier in dieser Stelle. Dann sagt er, dass er eine Art Musterschüler war oder ein Nerd, wie meine Enkelkinder sagen würden. Und dass er vermutlich das Ganze auf der Thora aufgebaute Curriculum sehr gut gelernt hat. In der jüdischen Bildung war das Grundcurriculum aufgebaut auf der Thora. So wie in der griechischen Bildung das Grundcurriculum aufgebaut war auf den Schriften Homers, der Ilias und der Odyssee. Aber das war für die Juden eben nicht die Grundschrift, auf der ihre Bildung aufgebaut war. Dann sagt er noch etwas über die Überlieferungen der Väter. Und das ist nicht die Thora, sondern das sind wohl mündliche Überlieferungen, die versuchen auszudrücken, was ein bestimmter Satz der Thora für jetzt und heute in einer bestimmten Situation meint.

44:04
Vermutlich ist das etwas Ähnliches wie die spätere rabbinische mündliche Thora. Ähnlich, aber nicht identisch. Aus dieser mündlichen Überlieferung entstehen dann mit der Zeit eben Mischnah und Talmud in der rabbinischen Tradition. Die gibt es aber noch nicht zur Zeit des Paulus. Paulus hat also mit großer Wahrscheinlichkeit neben seiner Handwerksausbildung auch eine jüdische Bildung erhalten, also gelernt, was es heißt, jüdisch zu leben. Das ist wohl gemeint mit dem Wort Judaismus, das in unseren Bibeln mit Judentum übersetzt wird. Das ist etwas Spezifisches, nicht einfach das Judentum als Religion. Es ist ein Wort, das in jener Zeit ganz selten vorkommt. Und es bedeutet mit Sicherheit nicht Judentum, wie wir es heute verstehen. Paulus sagte also nicht, dass er früher im Judentum gelebt habe und jetzt nicht mehr,

45:00
sondern dass er eine jüdische Bildung genossen hatte, und zwar eine sehr gute, und er war ein guter Musterschüler, so etwa ungefähr. Dann erwähnt er noch, dass er vor seiner Begegnung mit Christus diese Christusversammlungen, Gemeinden, wie das dann übersetzt wird, oder sogar Kirche, dass er die verfolgt habe. Er hatte also offensichtlich ein Problem mit diesen Leuten. Weshalb das so war, das ist schon wieder schwieriger zu eruieren. Das kann man nicht genau wissen. Die Apostelgeschichte malt das ja dann aus. Er habe wütend und mit Gewalt diese Menschen versucht zu verhaften oder so. Das erzählt er selber nicht. Vielleicht will er das nicht erzählen oder vielleicht war es auch ganz anders. Wir wissen es nicht genau. Aber er hatte etwas gegen die. Und wenn er sagte, er versuchte, diese Versammlungen zu zerstören, dann heißt das mit Sicherheit, er versuchte, dazu beizutragen, dass diese nicht mehr existierten.

46:02
Das kann auch heißen: Eine Versammlung kann man auch auflösen, so wie man eine Demonstration auflösen kann. Dann ist es keine Demonstration mehr. Eine Möglichkeit, ich deute die nur an, weshalb er ein Problem mit diesen Gruppen hatte, könnte sein, dass diese Gruppen sich ja eben einem Messias, einem König, zugehörig fühlten, der nicht von Roms Gnaden ernannt worden war. Herodes war König von Roms Gnaden. Der war Klientel, König der Römer. Wenn Jesus zum Christus, zum Kyrios, zum Messias erklärt wird, dann ist das ein Königstitel, der Probleme mit den Römern auslösen könnte. Denn das heißt ja indirekt - nicht direkt, aber indirekt: Letztendlich gehören wir zu einem anderen König, zu einem anderen Herrn.

47:04
Letztlich. Das könnte aus römischer Sicht als subversiv angesehen werden. Und wenn man dieses Messias-Bekennnis nicht teilt als Jude, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dieses Messias-Bekennnis, diese Leute, die da so Ideen haben, die könnten den wackeligen Frieden, der mit den Römern besteht, gefährden. Das könnte eine Gefährdung dieser Ruhe sein, also besser da nichts aufwühlen. Das könnte ein Grund sein, weshalb Paulus zunächst einmal diese Gruppen verfolgt hat. Aber das ist, wie gesagt, eine Vermutung, wir wissen es nicht genau. Nun erzählt Paulus im Philipperbrief ein bisschen mehr über sich selbst. In Philipper 3,5-6 sagt er: "Ich wurde am 8. Tag beschnitten,

48:02
bin ein Angehöriger des Volkes Israel, aus dem Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern und, was das Gesetz, betrifft ein Pharisäer. Ich verfolgte die Versammlung voller Eifer, und was die Gerechtigkeit gemäß dem Gesetz angeht, da bin ich ohne Fehl und Tadel." Das ist ja nun schon ziemlich starker Tobak. Hier also erzählt Paulus zunächst einmal - das ist noch relativ harmlos -, dass er wie jeder jüdische Junge seiner Zeit am 8. Tag nach seiner Geburt beschnitten wurde. Seine Eltern haben also dieses Gebot der Thora befolgt. Er versteht sich als ein Mann, der ins Volk Israel hineingeboren wurde. Das betont er übrigens auch im zweiten Korintherbrief noch mal, dort sagt er: "Ich bin Israelit." Hier im Philipperbrief sagt er genauer, er sei Israelit aus dem Stamm Benjamin. Und dann noch, er sei Hebräer von Hebräern.

49:04
Das mit den Hebräern betont er nochmals im zweiten Korintherbrief. Das könnte bedeuten, dass seine Familie, sein Clan, besonders mit dem Land Israel verbunden gewesen ist. Möglicherweise meint er damit, dass sie vielleicht auch neben Griechisch Hebräisch gesprochen hätten. Das wäre nicht ungewöhnlich, ich habe schon erwähnt, viele Jüdinnen und Juden der Zeit waren wohl zwei- oder mehrsprachig. Die nächste Aussage über seine jüdische Identität ist nun doch hochinteressant. Da sagt er jetzt, und jetzt kommen wir zu den Pharisäern, er sei Pharisäer - im Präsenz, nicht in der Vergangenheit. Selbstverständlich kennen wir die Pharisäer aus den Evangelien und eben, wie erwähnt, von Josephus. Aber in diesen Berichten in den Evangelien und bei Josephus identifiziert sich niemand selbst als Pharisäer. Paulus ist der einzige Jude der Antike, der sich selbst als Pharisäer bezeichnet.

50:06
Nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart - er ist Pharisäer - wie alle anderen Aspekte seiner Identität auch. Beschnitten am achten Tag, das macht man nicht rückgängig, man ist jüdisch. Aus dem Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern, alles im Ist-Zustand. "Und Pharisäer und gemäß dem Gesetz", sagt er dann noch, und das ist dann noch das Tüpfchelchen auf dem I: "Ich war ohne Fehl und Tadel in Bezug auf die Thora." Was machen wir jetzt mit einem gesetzesfreien Christentum, wenn Paulus sagt: "Ich war gemäß dem Gesetz ohne Fehl und Tadel"? Bleiben wir mal vorerst noch beim Pharisäer. Paulus der Pharisäer. Das einzige schriftliche Zeugnis eines Pharisäers, das wir haben. Die Pharisäer haben ja doch eine eher schlechte Presse, oder?

51:05
Über die Jahrhunderte hat sich da so ein ziemliches Potenzial aufgebaut. In den Evangelien sind sie ja oft die, ich würde mal sagen, kritischen Diskussionspartner Jesu. Das hat dazu geführt, dass sie dann zu den exemplarischen Gegnern Jesu wurden, die dann auch noch Mord und Totschlag gegen ihn geschnaubt haben. Und es ist ja tatsächlich so, dass Jesus ziemlich scharfe Worte zum Teil gegen diese Pharisäer äußert, in diesen Weherufen und so weiter. Das streite ich gar nicht ab. Aber Jesus lässt sich von Pharisäern auch zu Tisch einladen. Wen laden Sie denn zu Tisch ein? Nicht Ihre Feinde, nehme ich jetzt an, sondern Menschen, die zumindest ein bisschen sympathisch sind. Auf alle Fälle führt Jesus Gespräche mit diesen Leuten, Tischgespräche mit ihnen. Und die enden ja nicht immer in einem Gegensatz. Das sind ja wirkliche Gespräche.

52:05
Und einige Pharisäer werden ja auch zu Nachfolgern Jesu. Also auch die Evangelien, wenn wir genau hinschauen, zeichnen nicht nur ein negatives Bild der Pharisäer. Im Lukasevangelium übrigens sind die Pharisäer nirgendwo in die Passion Jesu involviert. Das ist auch interessant. Bei Lukas nehmen die Pharisäer nicht an der Verhaftung und an den Verhören Jesu teil. Dass Paulus Pharisäer ist und bleibt, zeigt ja nun überdeutlich, dass man Christus-Nachfolger und Pharisäer sein konnte. Das waren keine Gegensätze. Dann erwähnt er, dass er in Bezug auf das Gesetz, also die Thora, Pharisäer war. Das könnte darauf hinweisen, dass er sich, was die Bedeutung der Thora für den Alltag angeht,

53:05
an pharisäischer Praxis orientierte. Neue Forschung weist darauf hin, dass, anders als früher angenommen, die Pharisäer gerade nicht an einer strengen Gesetzesauslegung interessiert waren. Sie waren nicht die Orthodoxen des ersten Jahrhunderts. Sie scheinen eher eine Art Ratgeberrolle in Sachen Alltagsleben innegehabt zu haben. Sie waren so quasi die Experten, die kannten die Traditionen. Und man konnte sich an sie wenden, wenn es darum ging, sich in einer bestimmten Situation der Thora gemäß zu verhalten. Das bedeutet, dass sie flexibel waren in Bezug auf das, was es heißt, der Thora gemäß zu leben. Es wird ihnen zum Beispiel in Texten aus Qumran vorgeworfen, sie seien viel zu lasch, was das Einhalten der Thora angehe.

54:08
Oder, um nur ein weiteres Beispiel, das Sie kennen, zu erwähnen, bei Markus 7 wird ja eine Debatte um das Händewaschen vor dem Essen geführt. Es geht da nicht um Kinder, sondern um die Jünger. "Weshalb waschen die jetzt nicht die Hände vor dem Essen?", so fragen die Pharisäer. Es gibt kein Thora-Gebot, das einen Juden verpflichten würde, die Hände zu waschen vor dem Essen. Das gibt es nicht. Also haben die Jünger auch kein Thora-Gebot übertreten. Also geht es gar nicht darum, wird das Gesetz eingehalten oder wird es nicht eingehalten, sondern es geht um eine Alltagspraxis: Soll man sich vor dem Essen die Hände waschen oder nicht? Das ist alles. Es geht nicht um das Einhalten der Thora in dieser Geschichte des Händewaschens. Darüber könnte man sich jetzt auch wieder ganz lange unterhalten.

55:03
Lassen wir es. Es ist also so: Wenn Paulus Pharisäer war und wenn diese neue Forschung in die richtige Richtung zeigt, dann war Paulus einer, der sich gut ausgekannt hat, wie man die Thora leben soll im Alltag, aber eben nicht als rigider Gesetzesausleger, sondern flexibel, wie es der Situation eben entspricht. Also ich nehme noch mal die Geschichte mit dem Händewaschen. Wenn es kein Wasser hat, dann waschen wir halt die Hände nicht. Ist auch nicht so schlimm, oder? Wenn es Wasser hat, dann waschen wir sie. Das ist übrigens eine griechisch-römische Tradition. Dort ist das Händewaschen vor dem Essen ganz wichtig. In der jüdischen Tradition wird das möglicherweise eingeführt so in Adaption griechischer oder römischer Bräuche. Aber es ist ein Brauch, kein Gebot. - Es gibt noch einen weiteren Aspekt des Pharisäertums, den ich hier erwähnen muss und will.

56:05
Das ist die Hoffnung auf die endzeitliche Auferweckung der Toten. Diese Hoffnung ist ein weiteres Merkmal pharisäischer Identität. Sie erinnern sich daran, dass die Sadduzäer eine solche Hoffnung nicht kannten. Die Pharisäer kennen diese Hoffnung. Das ist besonders bedeutsam, weil die römische Herrschaft über Judäa, Jerusalem und Galiläa die Macht Gottes und besonders die göttliche Gerechtigkeit infrage stellen konnte. Wie kann es sein, dass Gott das zulässt? Das ist eine Frage, die nicht nur damals bewegt hat. Jüdinnen und Juden konnten diese Situation auch als eine Art Gottesfinsternis erleben. Wie kann es sein? Denn das war ein Druck, der auf ihnen lastete.

57:05
Da wurde mit der Auferweckungshoffnung auch ausgedrückt, dass die gegenwärtige Situation nicht ewig sei, wie von Rom behauptet wurde: Roma eterna, Rom ist ewig. Das ist ein Gegenanspruch. Rom und seine Herrschaft sind nicht ewig. Sie werden begrenzt sein durch das Eingreifen unseres Gottes. Damit hielten die Pharisäer und mit ihnen Paulus die Würde und Integrität jüdischer Tradition aufrecht, auch wenn das nicht einfach so zu sehen war. Es ist möglich, dass genau deshalb die Pharisäer, wie Josephus berichtet, im Volk sehr beliebt waren. Sie hielten die Hoffnung auf eine Wende der Zustände aufrecht, ohne damit einen bewaffneten Aufstand zu provozieren. Das ist der Unterschied zu den Zeloten.

58:04
Wenn Paulus sich also eindeutig als Pharisäer bezeichnet, dann sagt er damit auch, dass er sein Jüdischsein den jeweiligen Umständen entsprechend lebt, Thora-getreu getragen von der Hoffnung auf Gott, der eine Wende der Geschicke seines Volkes einleiten wird. Diese Hoffnung hat ihn schon vor seiner Begegnung mit Christus getragen. Diese Hoffnung ändert sich auch nicht, als er Christus begegnet und von Gott zu seinem Christusdienst berufen wird. Was sich ändert, ist, dass die Christus-Nachfolgenden vor und mit ihm wahrnehmen und bekennen, dass in diesem Jesus und in seiner Auferweckung Gott bereits jetzt messianische Zeit eingeläutet habe.

59:02
Das ist noch nicht die Vollendung des Kommens Gottes oder die Vollendung des Reiches Gottes, aber es ist ein Anfang gemacht. Paulus wird nun berufen, einen Beitrag zu diesem Anfang der messianischen Zeit, eingeläutet durch die Auferweckung Jesu, des Christus, zu leisten. Wie Propheten berufen worden sind zu einer bestimmten Aufgabe, in einer bestimmten Zeit, so fühlt sich auch Paulus berufen, einen Beitrag zu leisten, diese messianische Botschaft zu verbreiten. So schreibt er denn auch im Galaterbrief: "Als es aber dem, der mich von meinem Mutterleib ausgewählt und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Nationen - Völkern - verkündigte, zog ich nicht mit Fleisch und Blut zu Rate ..." und so weiter. Hier beschreibt Paulus das sogenannte Damaskuserlebnis - von dem er nicht sagt, dass es auf der Straße nach Damaskus stattgefunden habe -, hier

60:09
beschreibt er sein Berufungserlebnis beinahe in identischen Worten, wie der Prophet Jeremia das beschreibt: "berufen vom Mutterleib an". Man kann das bei Jeremia auch so nachlesen. Und er beschreibt im Römerbrief hier schon, er sei berufen worden, Gottes Sohn unter den Nationen, den Völkern, zu verkündigen. Und das Wort, das hier steht, heißt "ethne". Das benutzt Paulus nur für nicht-jüdische Gruppen. Das können wir griechisch ganz genau nachvollziehen. Das müssen wir jetzt glauben, sonst muss ich Ihnen eine detaillierte Exegese vorlegen. Das habe ich mal aufgeschrieben, aber so ist es, das kann man nachweisen bei Paulus. Und er schreibt im Römerbrief nochmal, er sei ja Apostel eben dieser Ethne. Deshalb schreibe er jetzt nach Rom:

61:04
"Durch Gott haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, Glaubensgehorsam zu erwirken und seinen Namen zu verbreiten unter allen nicht-jüdischen Völkern. Und dazu gehört auch ihr", sagt er dann den Leuten in Rom und so weiter. Und Paulus erzählt es nochmals in seinem Bericht über das sogenannte Apostelkonzil in Galater 2, dass es eine Aufgabenteilung gegeben habe in der Christusbewegung. Petrus und Jakobus würden zu den Angehörigen ihres Volkes gehen mit dieser Messiasbotschaft, und Paulus und Barnabas würden zu den nicht-jüdischen Völkern gehen. Das ist ein Abkommen, eine Vereinbarung im mediterranen Stil, eine Aufgabenteilung in der frühen Christusbewegung. Nicht im Sinne eines Gegensatzes, sondern sie haben sich die Aufgabe geteilt. Kann ja keiner alles.

62:02
Sie haben sich die Aufgabe geteilt, wir machen das, ihr macht das. Okay, das ist es. Diese Unterscheidung zwischen Israel oder dem jüdischen Volk und den anderen Völkern, die ist typisch für jene Zeit. Die Römer haben auch unterschieden zwischen dem Populus Romanus, dem römischen Volk, und den all den anderen. Das waren dann die Gentes, das sind so die anderen. Und die Juden haben auch so eine Unterscheidung gehabt, das sind Israel und die Völker. "Wir und die anderen" gibt es an vielen Orten. Auch bei indigenen Völkern und so weiter findet man das: "Wir sind die Menschen und die anderen sind die anderen." Das ist nicht typisch jüdisch, sondern das war einfach so. Man hat sich so identifiziert. Es kann also damit eindeutig aufgezeigt werden - meiner Meinung nach -, dass Paulus sich berufen wusste, zu diesen nicht-jüdischen Völkern zu gehen und ihnen das Evangelium zu verkünden. So, was heißt denn das nun?

63:01
Was heißt denn das nun? Er ist Apostel der Völker. Das heißt, die, an die er sich wendet, sind nicht Teil des jüdischen Volkes. Er ist Jude. Die Botschaft, die er verkündet, ist eine jüdische Botschaft, dass jetzt der Messias gekommen sei. Und diese Botschaft betrifft auch, ich bleibe bei Paulus, Menschen, die nicht jüdisch sind. Paulus ist zu Hause, seine Welt ist verortet mit dem Zentrum Jerusalem. Und von da hinaus, das beschreibt eigentlich die Apostelgeschichte wunderschön, von Jerusalem aus bis zu den Enden der Welt, also mindestens bis nach Rom gelangt dann das Evangelium. Die Fragen, die Probleme, was in diesen Briefen angesprochen werden, richten sich primär - ich meine, ausschließlich - an Christus-Nachfolgende, die nicht jüdisch sozialisiert sind.

64:03
Nicht jüdisch sozialisiert. Die sind nicht in jüdischen Familien aufgewachsen, haben nicht einen jüdischen Alltag gelebt. Und sie sollten, das ist jetzt der Punkt, sie sollten ja auch nicht jüdisch werden. Mitnichten, keine Beschneidung, kein Judaismus, kein Versuch, irgendwie jüdisch zu werden. Sie sollten nicht zum Judentum konvertieren, wenn man das so sagen kann für die Antike. Das ist ein bisschen schwierig, aber wenn wir es so sagen wollen, dann sollten sie mit Sicherheit nicht jüdisch werden. So, weshalb ist das so wichtig, dass diese Christus-Nachfolgenden aus den Völkern nicht jüdisch werden sollten? Was ist denn verkehrt am Jüdischsein? Ich habe versucht darzulegen, dass gar nichts verkehrt ist am Jüdischsein. Gar nichts. Aber Nichtjuden sollen nicht jüdisch werden. Es gab früher eine Möglichkeit, jüdisch zu werden, auch in der Antike. Das war ein längerer Prozess als heute im rabbinischen Judentum, aber das war möglich.

65:04
Es ist wichtig, dass diese Argumentation des Paulus, die er an die Völker vermittelt, nichts mit einem Defizit oder einem Fehler jüdischer Tradition zu tun hat. Nichts. Gar nichts. Die Christus-Nachfolgenden aus den Völkern sollen nicht jüdisch werden, weil, wenn der Messias gekommen ist, wenn messianische Zeit angebrochen ist, dann, spezifisch dann, dann verehren auch Menschen aus den nicht-jüdischen Völkern diesen einen Gott. Sie kennen die Texte aus Jesaja zum Beispiel, oder? "Und viele Völker werden hinaufziehen und sagen: Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn, zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns in seinen Wegen unterweise und wir auf seinen Pfaden gehen." Darum geht es. Darum geht es, dass jetzt auch Menschen aus den Völkern diesen einen Gott verehren,

66:06
ohne jüdisch zu werden. Und das ist möglich, weil Christus gekommen ist. Vorher konnte man diesen einen Gott nur verehren, wenn man jüdisch wurde. Vor Christus. Jetzt, sagt Paulus und mit ihm seine Kollegen, jetzt ist messianische Zeit gekommen. Jetzt könnt ihr zu diesem einen Gott gehören, durch Christus, und nicht jüdisch werden; denn das ist genau das Zeichen der messianischen Zeit, dass Menschen aus den Völkern diesen einen Gott verehren und damit bezeugen: Er ist der Gott der Welt, der Gott aller Völker, aller Menschen, der Gott der Schöpfung. Das ist der Punkt. Nicht, weil etwas verkehrt ist am Volk Israel oder am Jüdischsein, sondern weil jetzt messianische Zeit ist und sich Gott als Gott der Schöpfung durch Christus allen offenbart hat. Das heißt aber, dass von diesen nicht- jüdischen Christus-Nachfolgenden

67:04
erwartet wird, dass sie aufhören, sogenannte falsche Gottheiten zu verehren, und nur und ausschließlich den einen Gott Israels verehren und auch einstimmen in das "Schema Israel": "Unser Gott ist einer und einzig." So. Und jetzt, was ist denn das Problem? Na ja, das Problem ist, ich habe vorhin mal erwähnt, es gab da dieses Abkommen der Römer für die Juden. "Okay, ihr könnt diesen anderen Göttern - das ist zwar ein bisschen meschugge oder so, aber es ist halt nun mal so - offensichtlich nicht opfern, dann opfert zumindest da im Tempel fürs Wohlbefinden des Kaisers und damit auch des ganzen Imperiums."

68:07
Es gibt aber keine solchen Abkommen für andere. Das gilt nur für Juden. Wenn man jetzt als Nicht-Jude auch sagt: "Aber ich kann da nicht mehr mitmachen bei den Opfern im Haus", das geht ja noch, das kann man ein bisschen verstecken, aber an der Straßenecke, wo man da ab und zu ein Schwein zusammen opfert und dann ein großes Fest macht und ich mache plötzlich nicht mehr mit, dann fällt das auf. Und bei den großen Festen: "Kommst du mit?" "Nö, keine Zeit"- das zieht nicht, oder? Also es gibt da ein Problem. Wenn diese nicht-jüdischen Christus-Nachfolgenden aus den Völkern jetzt plötzlich sagen: "Wir machen da nicht mehr mit, denn wir sind jetzt exklusiv diesem einen Gott Israels verbunden", dann führt das für sie zu Problemen. Nicht im Großen, keine großen Verfolgungsaktionen. Das ist eine viel zu kleine Gruppe in der Zeit des Paulus.

69:06
Aber es ist auch nicht ganz ohne. Man macht da etwas, das ist nicht vorgesehen nach römischem Recht. Da gibt es Grauzonen und so, aber das ist schon ein bisschen nicht so ganz okay. Gut. Das ist auch der Punkt, wo längerfristig vermutlich dann auch die Wege sich zu teilen beginnen. Also da haben wir diese Christus-Nachfolgenden aus den Völkern, die wollen auch nur den einen Gott verehren. "Die haben sich jetzt abgewandt", so schreibt Paulus auch, "von diesen nichtigen Gottheiten", sagt er, "und sie haben sich zugewandt dem lebendigen und wahren Gott. Sie dienen jetzt dem lebendigen und wahren Gott." Das ist 1. Thessalonicher 1,9. Dieser Punkt führt vermutlich mit der Zeit zu einem Auseinandergehen der Wege.

70:04
Und ich betone es noch einmal. Nicht weil etwas verdreht ist an jüdischer Tradition, nicht weil Paulus aufgehört hat, jüdisch zu sein, nicht weil er diesen Nichtjuden sagen wollte: "Haltet euch fern von all diesen Juden", sondern genau umgekehrt. Weil er wollte, dass diese Nichtjuden sich diesem einen Gott zuwenden, und nur diesem einen Gott, und damit auch lernten von den Traditionen Israels. Wo sonst hätten diese Nichtjuden etwas lernen können? Es gibt ja nur jüdische Traditionen, die etwas erzählen, die eine Leitlinie geben, wie man in Beziehung zu diesem einen Gott leben kann. Also in Römer 13 heißt es auch: "Bleibt niemandem etwas schuldig." Und dann kommt ja: "Nur die Liebe seid ihr einander schuldig." Ein ganz wunderbares Wort, aber dann führt er das noch aus. Dann kommt die zweite Tafel der zehn Gebote.

71:02
Ja, woher hat er die? Die hat er nicht von Plato oder Cicero. Die hat er aus seiner jüdischen Tradition. Die jüdische Tradition bleibt relevant auch für diese Nichtjuden in Christus, als Leitlinien für ein Leben in Beziehung zu diesem einen Gott durch Christus. Deshalb haben wir Christen zwei Teile unserer Bibel. Wir haben, was wir Altes Testament oder hebräische Bibel nennen, und dann die Schriften, die Christus bezeugen, explizit Christus bezeugen, die Evangelien und die Briefe. Also, Paulus wollte nicht das Christentum gründen, eine neue Religion. Er war überzeugt, dass mit der Auferweckung Jesu, des Christus, messianische Zeit angebrochen ist. Und wenn messianische Zeit angebrochen ist, dann ist es so, dass Visionen wie die bei Jesaja und anderswo sich zu aktualisieren beginnen, dass also Menschen aus den Völkern, die eben nicht jüdisch sind, auch den einen Gott zu verehren beginnen.

72:16
Und diesen Menschen aus den Völkern versucht Paulus durch seine Briefe - Sie werden morgen noch mehr davon hören - eine Art Leitlinie zu geben. Was heißt das jetzt für euch? Ihr sollt nicht jüdisch werden, also keine Beschneidung, kein koscher, ihr könnt weiterhin eure Salami essen, wenn ihr wollt, also alles okay. Aber ihr könnt keine anderen Gottheiten verehren. Und bei allen anderen Dingen eures Alltags, da sagt er: "Prüft alles, das Gute behaltet." Das heißt doch: Alle Lebensbereiche, die diese nicht-jüdischen Menschen kennen, sollen sie daraufhin prüfen und schauen: Ist das jetzt kompatibel, passt das zu unserem Christusbekenntnis, zum Bekenntnis zum einen Gott durch Christus oder nicht?

73:12
Paulus führt das dann ein bisschen aus im ersten Korintherbrief: Wie soll das gehen? Kann man jetzt Fleisch auf dem Markt kaufen? Das ist so eine praktische Frage. Kann man das jetzt kaufen und essen? Dazu sagt Paulus: "Ja, kommt drauf an." Das ist eine gute jüdische Antwort: Kommt drauf an. Natürlich kommt es drauf an. Worauf kommt es jetzt an? Also wie kommt das Fleisch überhaupt auf den Markt? Okay, das ist ja nicht, weil ich es im Hinterhaus geschlachtet hätte, mein Schaf oder so, sondern das Fleisch der Antike, das kommt aus dem Tempel. Es gab keine Schlachthöfe. Die Tempel, da wurden Tiere dargebracht den Gottheiten. Wie kann man einer Gottheit ein Tier darbringen? Na ja, man muss ihm das Leben nehmen. Man muss ihm das Leben nehmen und dann kriegt die Gottheit in der Regel den wunderbaren Rauch.

74:02
Die Gottheiten mögen Rauch, der steigt dann so in die Nase auf; und das, was die Gottheit nicht brauchen kann, das gibt sie dann den Kult-Teilnehmern wieder zurück. Es gibt so ein Ritual, also das Tier, das wird sakralisiert, wird heilig gemacht, der Gottheit übergeben, es wird zu einem Sacramentum, dann wird es dargebracht, das sind große Zeremonien. Und dann gibt es einen Moment in diesem Darbringen, da wird das Tier, also das, was eben nicht der Gottheit gegeben wurde, das wird profaniert. Also heiliges, der Gottheit gehörendes Fleisch kann man noch nicht essen, das wäre gefährlich, okay, aber wenn die Gottheit es mir wieder zurückgibt, dann kann man es essen, deshalb gibt es Tempelmahlzeiten. Und was man dann nicht isst - denken Sie dran, es gibt keine Kühl-Gefriertruhen oder irgend so was - und es ist heiß, also mediterranes Klima, da muss es relativ schnell gehen, damit man nicht krank wird vom Essen. Das, was man dann also bei der Tempelmahlzeit nicht mehr essen kann, das geht auf den Markt. Ist das jetzt Götzenopferfleisch oder nicht? Kommt drauf an.

75:12
Im Prinzip ist es nicht, denn es ist ja profaniert. Es kommt zwar aus dem Tempel, es war da involviert, aber jetzt gehört es nicht mehr der Gottheit. Da kann man sagen: "Okay, jetzt kann man es essen." Der Paulus sagt: "Wenn ihr auf den Markt geht und Fleisch kaufen wollt und es wird euch nicht gesagt, dass das aus dem Tempel kommt, dann könnt ihr es kaufen. Wenn der Verkäufer aber sagt: Hey, das wurde gestern dem Asclepius dargebracht, ist das ein No-Go. Keine Chance. Dasselbe: Ihr werdet eingeladen zu einem nicht-jüdischen - zu einem heidnischen, würden wir sagen - Nachbarn zum Festmahl, zum Nachtessen. Das ist ja toll, nachbarschaftliche Beziehung pflegt man, dann esst, was euch vorgesetzt wird.

76:05
Außer es wird euch gesagt: Dieses Fleisch kommt von einer Darbringung an die Hera. Dann esst ihr nicht." Also es klingt für uns manchmal so ein bisschen kasuistisch, oder? "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß." Aber so war das. Das war so eine Art und Weise, wie Jüdinnen und Juden derzeit ihr Leben in der paganen Umwelt aushandeln konnten. Es war nicht eindeutig: Das ist eindeutig Götzendienst und das ist eindeutig nicht Götzendienst. Wir haben rabbinische analoge Beispiele dafür. Es gibt ein ganzes Traktat in der Mischnah, das heißt Awodah Zarah. Da geht es um den Götzendienst, und da werden in allen Details Situationen beschrieben: Was ist es jetzt und was ist es nicht? Da geht es zum Beispiel um die Situation: Es ist mir eine Münze vor der Statue einer Gottheit runtergefallen. Kann ich mich bücken, um die wieder aufzuheben?

77:08
Da sagt die rabbinische Tradition: Nein. Weshalb? Ist ja meine Münze, oder? Nein, denn das könnte so aussehen von außen, dass du dich verneigst vor der Statue der Gottheit. Und du würdest dann gesehen, als ob du Götzendienst begangen hättest. Es gibt viele solcher Geschichten. Ich erzähle Ihnen noch eine andere, und das ist die vom Rabbi, der ins Bad der Aphrodite geht. In diesen römischen Bädern, da hat es ja Statuen und so. Der Rabbi geht ins Bad der Aphrodite, pflegt seinen Körper und so. Und als er wieder rauskommt, wird er von seinen Schülern gefragt - das sind Männer in dieser Zeit -: "Wie kannst du ins Bad der Aphrodite gehen?

78:04
Das ist doch Götzendienst." Da sagt er: "Nein. Also wenn ich ins Bad der Aphrodite gehe, dann, erstens, pflege ich meinen Körper. Der ist mir von Gott gegeben. Also das ist eine Art Gottesdienst. Ich danke Gott für die Gabe, die er mir mit meinem Leben und meinem Körper gegeben hat. Ich muss ihm Sorge tragen. Zweitens ist die Frage mit dieser Statue der Aphrodite folgende: Steht die im Bad, damit sie verehrt wird, oder ist sie einfach ein Schmuckstück? Also für mich ist sie einfach ein Schmuckstück. Da kann ich auch ins Bad der Aphrodite gehen." So ist das. Und so gibt Paulus sehr jüdisch Ratschläge an seine nicht-jüdischen Adressaten: Wie könnt ihr diese Grenze zwischen Götzendienst und Nicht-Götzendienst aushandeln?

79:01
Und das ist etwas, das im Alltag jedes Mal wieder ausgehandelt werden muss. Das ist nicht schwarz und weiß in der Antike. Sonst hätten diese Jüdinnen und Juden nicht in dieser paganen Umwelt leben können. Das wäre gar nicht möglich gewesen, denn diese Gottheiten sind überall und die Nachbarn machen das dauernd. Dann hätte man ein "Selbstghetto" einrichten müssen. Und das haben die Jüdinnen und Juden der Zeit nicht gemacht. Und das sollen auch diese Christus-Nachfolgenden aus den Völkern nicht machen. Ihr sollt euch nicht abschotten. Aber ihr sollt euch fernhalten. Ihr sollt, so gut ihr das könnt, nicht das erste und das zweite Gebot übertreten. So gut ihr das könnt. Und darum geht es, also neben vielen anderen Dingen und so. Aber, und ich komme so zu meinen paar letzten Gedanken, Paulus verlangt von seinen nicht-jüdischen Christusgläubigen etwas, das nicht ganz einfach ist. Sagen wir es mal so. Vielleicht sogar etwas Unmögliches. Das hat er sich aber gar nicht so genau überlegt, vermutlich.

80:10
Aber für ihn war einfach klar: Messianische Zeit ist jetzt. Die Menschen aus den Völkern kommen dazu. Wir feiern zusammen. Und er versucht diesen Menschen aus den Völkern auch zu sagen: Dieses Einläuten der messianischen Zeit ist nicht nur für euch. Das bedeutet auch etwas für das jüdische Volk, für das Volk Israel, ob sie nun überzeugt sind von dieser Botschaft oder nicht. Das ist Römerbrief, Römer 9 bis 11. Die Frage ist nicht: Ist das Volk Israel oder sind Jüdinnen und Juden der Zeit des Paulus alle oder in der Mehrheit überzeugt, dass jetzt messianische Zeit eingeläutet worden ist, dass mit dem Christus der Messias gekommen ist? Ja, einige haben das gesehen.

81:07
Wir kennen ja jetzt einige von denen: Paulus, Barnabas, Petrus, Jakob und so weiter. Die sind alle jüdisch. Vermutlich waren sogar mehr jüdische Christus-Überzeugte, als wir das so im Schnitt annehmen in dieser frühen Zeit. Denn das waren ja die Ersten, die diese Botschaft überhaupt unter die Völker tragen konnten. Aber die Mehrheit hat das nicht so gesehen. Und daraus entstanden auch Konflikte. Das müssen wir gar nicht verheimlichen. Aber Paulus betont wieder und wieder und wieder: "Der Ruf Gottes an sein Volk ist unwiderrufbar." Und wenn messianische Zeit angebrochen ist, so wie Paulus und seine Freundinnen und Freunde überzeugt waren, dann heißt das auch, das Ziel ist, dass diese christusgläubigen Nichtjuden zusammen mit dem Volk Israel den einen Gott verehren sollen.

82:09
Nicht anstelle der Juden, sie sollen nicht weggeschoben werden, sondern da sind Jüdinnen und Juden das Volk Israel. Und das ist das jüdische Volk. Das ist und bleibt das jüdische Volk. Israel ist und bleibt das jüdische Volk. Es gibt keine Übernahme dieses Titels für die Christus-Nachfolgenden aus den Völkern. Die Christus-Nachfolgenden aus den Völkern sind nicht Israel. Israel ist das jüdische Volk. Und diese Christus-Nachfolgenden aus den Völkern, in Römer 15 können Sie das nachlesen, die sind gerufen, zusammen mit Gottes Volk - und die Begriffe sind sehr eindeutig, die Paulus da hat - den einen Gott zu ehren und zu preisen. Es ist also nicht Sache der Christus-Nachfolgenden aus den Völkern, das Volk Israel oder das jüdische Volk von einem Fehler zu überzeugen oder davon zu überzeugen,

83:08
dass sie jetzt auch diesen Christus als Messias sehen sollen. Die Christus-Nachfolgenden aus den Völkern haben die einzige Aufgabe, Gott zu loben und zu preisen, zusammen mit seinem Volk. Dieses "sein Volk" bleibt Gottes Sache, ist Gottes Aufgabe. Und dort hört Paulus dann auf. Und Sie wissen, wie die Geschichte weitergegangen ist. Ich denke, wir haben einen großen Auftrag, da auf Paulus zu hören in Zukunft.

Alles anzeigen
Ausblenden

Das Judentum – die religiöse Heimat von Paulus von Tarsus | 14.6.2

Worthaus 12 – Tübingen: 20. Mai 2024 von Prof. Dr. Kathy Ehrensperger

War Paulus Jude – oder Christ? Die Antwort ist für die Theologin Kathy Ehrensperger klar: Paulus war einer der ersten Christus-Nachfolger und ist Jude geblieben. Um zu verstehen, was das bedeutet, müsst ihr alles vergessen, was ihr über das Judentum zu wissen glaubt. Das Judentum der Antike hat nichts mit dem Judentum der Neuzeit zu tun, betont Ehrensperger. Und sie erklärt, welche Stellung die Juden unter der römischen Herrschaft hatten, wie Nicht-Juden in die eigentlich jüdische Gruppe der Christus-Nachfolger integriert wurden und wie die Römer mit anderen jüdischen Gruppen umgingen, die ihren eigenen Messias verkündeten. Und sie wagt sich an heikle Fragen heran: Haben die Juden damals einen Fehler gemacht? Müssen sie bekehrt werden? Oder wie sollte die Beziehung von Christen und Juden heute aussehen?