Ich bin der Meinung, dass in den meisten Evangelientexten, in den meisten Bibeltexten irgendwie Gottes Nähe geheimnisvoll drinsteckt. Also irgendwie haben diese Texte einen unsichtbaren Untergrund, in dem diese Texte ganz eng mit Gott verquickt sind. Und diese Gottes Nähe in diesen Texten, die gilt es zu finden. Wenn man sie findet, werdet ihr spüren, dass diese Texte voller Gesundheit sind, voller ansteckender Gesundheit. Sie haben sehr viel heilende Kraft und ihr werdet zum Guten motiviert. Ihr werdet auf tausend neue Ideen kommen. Auf die kommt man nur, wenn man diese Texte millimetergenau ernst nimmt.
Sonst kommt man nicht drauf. Also jetzt lese ich euch mal diesen Text vor. In der Kirche, in der Tradition nennt man diesen Text "Die Sünderin in Simons Haus". Ihr seht unten, es stammt aus dem Lukasevangelium. Der Text kommt nur im Lukasevangelium vor, in den anderen Evangelien nicht. Ich lese ihn euch mal vor, ihr lest mit, und dann lest ihr immer, wenn ihr wollt. Also jetzt lese ich diese Begebenheit vor. Ich nenne sie auch "Eine Begegnung, die alles veränderte". "Ein Pharisäer lud Jesus zum Essen ein.
Jesus ging in sein Haus und legte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau jenes Ortes, die als Sünderin bekannt war, hörte davon, dass Jesus bei dem Pharisäer zu Gast war. Sie kam mit einer Alabasterflasche voll Myrrhenöl und trat von hinten an das Fußende des Polsters, auf dem Jesus lag. Sie fing an zu weinen und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Da trocknete sie die Füße mit ihren Haaren und küsste und salbte sie mit ihrem Öl. Als der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, das sah, sagte er bei sich: 'Wenn dieser
Mann wirklich der Prophet wäre, wüsste er, was für eine das ist, von dem er sich hier anfassen lässt. Er müsste wissen, dass sie eine Sünderin ist.' Da sagte Jesus zu ihm: 'Simon, ich möchte dir etwas sagen.' Simon sagte: 'Rabbi, sag es.' Da erzählte Jesus ihm folgende Geschichte: 'Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner. Der eine schuldete ihm 500 Denare, der andere 50. Weil keiner von ihnen die Schulden bezahlen konnte, schenkte er sie beiden. - Was meinst du? Welcher von den beiden wird ihn am meisten lieben?' Simon antwortete: 'Ich nehme an, der, der am meisten geschenkt bekam.'
'Du hast recht', sagte Jesus. Und dann wandte er sich zu der Frau und sagte zu Simon: 'Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus und du hast mir kein Wasser für die Füße gereicht. Sie aber hat mir die Füße mit Tränen gewaschen und mit ihrem Haar getrocknet. Du gabst mir keinen Kuss zur Begrüßung. Sie aber hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit sie hereingekommen ist. Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Sie aber hat meine Füße mit Myrrhenöl gesalbt. Deshalb sage ich dir, ihre vielen Sünden sind ihr vergeben worden. Darum liebt sie auch viel. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.' Dann sagte Jesus zu der Frau: 'Deine Sünden sind dir vergeben.'
Da fragten die anderen Tischgenossen einander: 'Was ist das für ein Mensch, dass er sogar Sünden vergibt?' Jesus aber sagte zu der Frau: 'Dein Vertrauen hat dich gerettet. Geh in Frieden.'" Also in diese Geschichte wollen wir uns jetzt mal hineinbegeben. Zunächst einmal sind drei Hauptpersonen in dieser Geschichte. Der Gastgeber, Simon, der Gast, Jesus, und ein unverhoffter Besuch. Drei Hauptpersonen. Der Gast, der Gastgeber und ein unverhoffter Besuch. Wir beginnen mal mit dem Gastgeber. Also wir versuchen mal, die Personen uns näher zu erschließen.
Es heißt von diesem Gastgeber: Er ist ein Pharisäer. Das ist ein wichtiges Wort in den Evangelien. Was die Christen über die Pharisäer denken, ist vollkommen unwichtig. Das sagt überhaupt nichts über die Pharisäer aus. Das sagt nur was über die Christen aus. Also was ihr über die Pharisäer denkt, das könnt ihr den Hasen geben. Das sagt nur etwas über euch, aber nichts über die Pharisäer. Die Pharisäer sind nicht etwa Theologen oder Schriftgelehrte, wie viele sich das so vorstellen. Die Pharisäer sind eine Laienbewegung. Es gab tausende von Pharisäern. In Galiläa schätzt man zur Zeit Jesu vielleicht so 4.000 bis 8.000 Pharisäer. Man kann es nicht genau sagen. Das ist eine Laienbewegung, so für "entschiedenes Judentum". Es gibt in Deutschland eine Bewegung für "entschiedenes Christentum". Die heißt EC. Also hier könnte man sagen EJ, "Gemeinschaft für entschiedenes Judentum".
Beruflich gesehen waren die meistens Handwerker. Die Handwerkerberufe waren schon recht ausdifferenziert. In Palästina im ersten Jahrhundert nach Christus gab es über 70, 80 Handwerkerberufe bereits. Und viele Pharisäer waren auch Händler. Sie gehörten eher so zur Mittelschicht. Sie gehörten nicht zur Oberschicht. Sie konnten auch zur Unterschicht gehören. Also es waren ganz normale Leute, konnten auch Bauern oder Fischer sein. Aber die Mehrzahl waren Handwerker und Händler. In Kapernaum - der Ort heißt eigentlich Kphar Nahum, Luther hat es nicht besser übersetzen können. Kphar Nahum heißt einfach "Dorf des Nahum". Und Kapernaum hatte vielleicht so 1200 bis 1600 Einwohner. Und die meisten davon waren pharisäisch geprägt. Schriftgelehrte ist ein Beruf, das heißt Rabbiner. Es gab viele Rabbiner, die mit den Pharisäern sich gut verstanden haben.
Aber die Pharisäer sind keine Theologen, keine Rabbiner. Es sind ganz normale jüdische Menschen. Die pharisäische Bewegung entstand ungefähr 150 vor Christus. Also im Alten Testament gibt es noch keine Pharisäer. Die genaueren Entstehungsgründe sind sehr spannend. Es ist kein Zufall, dass die Pharisäer gerade so um 150 vor Christus entstehen. Da kann ich aber im Moment nicht näher drauf eingehen. Die Pharisäer sind eine Erneuerungsbewegung. "Semper reformanda": Man muss sich immer reformieren. Das ist ein Spruch von Martin Luther. Semper reformanda. Und das haben die Pharisäer auch schon in die Tat umgesetzt. Die haben sich ständig reformiert. Sie haben eine gute Streitkultur gehabt. Die haben hart diskutiert. Aber sie haben sich gegenseitig leben lassen. Alle heutigen jüdischen Rabbiner sind Pharisäer. Ich bin mit zwei jüdischen Rabbinern befreundet. Mit einem seit vielen Jahren.
Ich kann gar nicht in wenigen Worten sagen, was ich diesem Mann verdanke. Wie viele Tomaten er mir von den Augen genommen hat. Wie viele Vorurteile mir erst durch stundenlanges Reden mit einem normalen jüdischen Rabbiner bewusst geworden sind. Also alle heutigen jüdischen Rabbiner sind Pharisäer. Das heutige Judentum ist pharisäisch geprägt. Das damalige noch nicht ganz, denn es gab noch einen Tempel in Jerusalem, den es ja dann später nicht mehr gab. Und in diesem Tempel dominierten die Sadduzäer. Und sie hatten im Hohen Rat die Mehrheit. Der Hohe Rat in Jerusalem, die oberste Religionsbehörde, bestand zu zwei Dritteln aus Sadduzäern und zu einem Drittel aus Pharisäern. Jetzt gehen wir aber mal zu diesem Pharisäer Simon. Wir müssen also jetzt eine wichtige Regel anwenden. Hüte dich, eine Negativperson, die du als negativ empfindest,
negativ zu interpretieren. So beginnen die oberflächlichen, dümmlichen Bibelauslegungen - eine Negativfigur gleich noch negativer machen, wie sie ist. Die Königin Isebel: eine schreckliche Frau - das stimmt doch gar nicht, sie war eine hochinteressante, emanzipierte Frau. Oder Sadduzäer: Heuchler. Pharisäer: Heuchler, gesetzlich, kleinkariert, streng. Alles christliche Dummheiten! Also in diesem Text ist Simon eigentlich ein ziemlich aufgeschlossener Mensch. Er will Jesus näher kennenlernen. Er hat ihn eingeladen. Die Initiative geht von Simon aus. Ohne die Initiative von Simon hätten wir die ganze Geschichte nicht. Da können wir ihm mal dankbar sein. Er ist also aufgeschlossen, er rechnet sogar damit in einem Selbstgespräch: "Wenn dieser der Prophet wäre." Das heißt im Griechischen ganz betont "ho prophetes",
nicht "ein Prophet", sondern "der Prophet". Das muss ich kurz erklären, weil es wichtig ist. Nach damaliger pharisäischer Überzeugung gibt es gar keine Propheten mehr. Die Pharisäer waren insofern bedrückt, als sie der Überzeugung waren: "Wir leben in einer dürren Zeit, geistlich gesehen. Es gibt keine Propheten mehr. Der prophetische Geist ist erloschen. Deswegen müssen wir die Bibel so studieren, weil es gibt keine direkten Botschaften mehr von Gott. Erst am Ende der Zeit, kurz bevor der Messias kommt, da wird noch mal der Prophet kommen. Das ist der Endzeitsprophet, der Vorbereiter des Messias." Und nur der kann gemeint sein. Das müsst ihr euch mal vorstellen, dieser Simon hat aufrichtig, echt damit gerechnet: "Vielleicht habe ich den Propheten hier im Haus." Das hätte ihm natürlich gefallen. Simon hat geradezu gehofft, dass Jesus vielleicht der angekündigte Endzeitsprophet war.
So aufgeschlossen war Simon. Denn das, was man in einem Selbstgespräch sagt, das meint man wirklich ehrlich. Das ist schon ein großer, großer Respekt. Er redet ihn ja auch mit "Rabbi" an, das zeigt auch seinen Respekt. "Rabbi, sag es." Gut, also das so ein bisschen als Hintergrundinformation. Aber jetzt gehen wir mal so in die menschlichen Beziehungen rein. Eine Einladung zum Essen. Wann habt ihr das letzte Mal eine Einladung bekommen so zum Abendessen bei Bekannten? Vielleicht von Leuten, wo ihr euch gefreut habt: Oh, schön, dass der oder die uns einlädt. Es gibt ja so Einladungen, da sagt man, die muss man hinter sich bringen. "Hoffentlich ist der Abend bald rum ..." Aber es gibt auch Einladungen, wo man sich geehrt fühlt, wo man sich richtig drauf freut. Eine Einladung im antiken Orient ist immer eine Ehrensache. Sie bedeutet mehr als heute. Es gibt nämlich in Galiläa oder in Palästina, im antiken Orient
keine Kneipen, das gibt es nicht. Es gibt keine Gasthäuser in unserem Sinn. Wenn ich jemanden kennenlernen will, dann lade ich nicht gleich zu mir ein nach Hause. Da gehe ich wie mit Martin in den Blauen Engel erst mal. Ich möchte die Leute erst mal auf halber Distanz kennenlernen. Aber dieses "Wir gehen mal zusammen essen in den Blauen Engel in Ludwigsburg", das gibt es nicht, es gibt keinen Blauen Engel in Galiläa. Man kann die Leute nur ins Privathaus einladen. Und das ist natürlich schon eine intimere Sache. Das macht man nicht bei jedem. Es gibt schon Wirtshäuser, das werde ich euch noch erklären, aber da geht ein anständiger Mensch nicht hin. Und dann gibt es noch Karawansereien, aber die sind nur für durchziehende Karawanen; Leute, die mit Tieren, mit Kamelen usw. kommen, die können da unterkommen. Aber Gasthäuser und Kneipen, wie ihr sie kennt, gibt es nicht. Und deswegen bleibt nur die Einladung in den Privatbereich.
Wenn man aber einen Mann einlädt, dann sieht er im eigenen Haus die Frauen unverschleiert, die heranwachsenden Töchter unverschleiert. Das ist eine Vertrauenssache. Also man lädt nicht jeden ein, das ist auch Ausdruck der Verbundenheit, der gesellschaftlichen Solidarität. Man hat in Kphar Nahum, also in Kapernaum, Ausgrabungen gemacht. Die Bauweise, wie Kapernaum gebaut wurde, das ist eine sogenannte Insular-Bauweise, kleine Häuser, alle um einen Innenhof gebaut. Die ganze Verwandtschaft hat drei, vier Häuser gebaut um einen Innenhof, da war die Feuerstelle. Und wenn du da jemand einlädst, das kriegen mindestens 40, 50 Leute mit. Also eine Einladung zum Abendessen ist eine halb öffentliche Angelegenheit in dieser engen Bauweise der orientalischen Ortschaften. Da kriegt das ein Haufen Leute mit. Da kannst du nicht jeden einladen. - Versteht ihr überhaupt Schwäbisch? Das setze ich jetzt einfach mal voraus,
weil wenn ich in Fahrt komme, wird es ein bisschen Schwäbisch. Ich setze auf eure passiven Schwäbisch-Kenntnisse. Aktiv braucht ihr es ja nicht gleich reden ... - Gut. Also jetzt, der Simon lädt Jesus ein. Es gibt im Griechischen eine ganze Reihe von Ausdrücken für Essen, aber dieses Wort, das hier steht, meint ein festliches Essen. Und das kann man jetzt nach aller Wahrscheinlichkeit nicht anders verstehen, als dass es ein Schabbatessen ist. Sagt bitte nicht Sabbat [Betonung auf 1. Silbe], sondern immer betonen auf der zweiten Silbe, Schabbat. Sagt bitte nicht Torah [Betonung auf der 1. Silbe], sondern es heißt Torah [Betonung auf der 2. Silbe]. Ihr sagt ja auch nicht Koran [Betonung auf o], ihr sagt ja auch nicht Moschee [Betonung auf o]. Das heißt Koran, Moschee. Die arabischen, semitischen Worte werden alle auf der zweiten Silbe betont. David, Amen, Moschee und so weiter. Also
im Orient hat man am Schabbat ein bisschen festlicher gegessen. Es geht hier um ein Festessen. Und beim Festessen legt man sich zu Tisch, man setzt sich nicht, wie die Übersetzungen leider oft sagen. Da kriegt ihr völlig falsche Vorstellungen. Es gibt im damaligen antiken Orient keine Stühle. Das gibt es überhaupt nicht. Es gibt auch keine Tische, es gibt auch keine Schränke. Das gibt es null. Also niemand weiß zur damaligen Zeit, was ein Stuhl ist. Es gibt zwar schon einen Lehrstuhl, aber das ist mehr so im öffentlichen Raum, in der Synagoge, da braucht man natürlich Sitzgelegenheiten. Aber wenn man isst, dann hat man so ganz flache Polster, die gruppiert man so in einer Hufeisenform. Eine Seite lässt man offen, drei Seiten sind Polster, das heißt Triklinium.
Da kommt das Wort Klinik her: Da liegt man. Und in der Mitte ist ein ganz flacher Tisch, der ist vielleicht fünf Zentimeter hoch oder acht. Und da liegt man so rum, man legt sich mit der linken Hand auf das Polster, mit der rechten Hand isst man und die nackten Füße streckt man vom Polster weg. Deswegen kommt die Frau als Erstes zu den Füßen. Stellt euch mal einen normalen Tisch vor und Stühle, dann krabbelt die Sünderin unterm Tisch und nähert sich den Füßen Jesu. Also das ist eine vollkommen falsche Vorstellung. Die Sandalen, die legt man ab, wenn man ein Haus betritt. Und dann legt man sich zu Tisch. Immer auf die linke Hand, die linke Hand ist nämlich die unreine Hand, mit der erledigt man die Notdurft, seine Geschäftchen. Ich war mal in Nepal, hab das nepalesische Schulsystem untersucht und war dann bei einer Lehrerfamilie eingeladen. Man saß auch im Schneidersitz auf dem Boden, keine Stühle. Und dann hab ich aus Versehen mit der linken Hand -
die Frauen haben die Luft eingezogen. Man kann ja nicht mit der linken Hand ... Die haben mich angeguckt, und da ist es mir eingefallen: Rechte Hand. Da waren sie erleichtert! Also die linke Hand ist in der ganzen Antike und auch heute noch im Asiatischen die unreine Hand. Man isst nur mit der rechten Hand. Also auf jeden Fall, da war also diese Tischgemeinschaft mit Simon, diesem aufgeschlossenen, nüchternen, sympathischen Simon. Und so stellt ihr ihn euch bitte vor. Aber er rennt auch nicht jedem Wanderrabbi gleich hinterher. Er ist nicht schnell begeistert. Der Typ hat schon seine Maßstäbe. Nicht jeder ist bei ihm "ho prophetes". Also wenn ihr künftig über Pharisäer redet, entwickelt mal, versucht mal - das ist eine Frage an eure Qualität -, freundschaftliche Gefühle zu haben.
Wenn ihr die Bibel interpretiert und Negativfiguren habt, also zum Beispiel die Gegner Jesu, das sind immer gleich für Christen Negativfiguren. Fürchterliches Klischee. Stellt euch mal aufrichtig und ehrlich, emotional, wenn ihr es könnt, auf die Seite der Gegner. Befreundet euch mit den Gegnern. Stellt euch vor, stell dir mal vor, du wärst zur Zeit Jesu eine Tochter eines Pharisäers oder der Sohn eines Pharisäers. Und du liebst deinen Papa. Er ist ein guter Mann, du bist dankbar. Jetzt, aus dieser Warte müsst ihr diese Geschichten lesen. Im Unterricht ziehe ich manchmal eine Kippa auf, eine jüdisches Gebetshaube, und dann sage ich zu den Kindern: "Ich bin ein Pharisäer. Ich heiße Simon und ich erzähle euch jetzt mal ein bisschen was aus meinem Leben." Nur so kann Verstehen entstehen. Wenn Sie sich beim Bibellesen sofort auf die Seite Jesu stellen - der tolle Jesus, der immer Recht hat;
und da kommen so ein paar komische Gegner, und auch Jesus widerlegt die, der hat ja sowieso immer Recht -, da kommen Sie über Banalitäten nicht hinaus. Und man merkt es ja diesen christlichen Gruppen an, diese eingefuchsten Banalitäten. Klischees, ein paar Schubladen. Nein. Aber wenn Sie sich ehrlich auf die Seite der Gegner stellen, sich selber als ein Sohn, eine Tochter von Simon definieren, dann hören Sie die Worte Jesu gegen sich. Und jetzt fangen Sie an zu wirken. Sie müssen die Worte Jesu gegen sich hören. Nicht gleich sich auf die Seite Jesu stellen. Da kommt nichts raus. Jetzt gehen wir mal zu dem Gast. Der Gast ist also Jesus. Gast zu sein, ist überhaupt der Lebensstil Jesu. Seit er öffentlich auftritt, ihr wisst ja inzwischen schon - die Lernprozesse haben schon begonnen: Jesus ist eigentlich erst sehr spät öffentlich aufgetreten,
zwei, drei Jahre. Über 95 Prozent seines Lebens wissen wir null. Wir können nur vermuten, dass er sehr unauffällig gelebt hat. Aber nachdem er an die Öffentlichkeit irgendwie katapultiert worden ist, hat er keine eigene Heimat mehr. Er hat Nazareth verlassen. Er hat das, was den Menschen sonst Stabilität gibt, Halt gibt - das ist nämlich eine Heimat, das ist ein Beruf, das ist Geld, Familienleben -, das hat Jesus eigentlich nicht mehr. Er hat seine Heimat verlassen. In Kapernaum lebt er zwar im Haus des Petrus, da hat er einen festen Stützpunkt, aber ansonsten wandert er dauernd durch die Gegend. Er sagt mal im Lukasevangelium: "Heute und morgen und übermorgen muss ich wandern." Das ist ein aufschlussreicher Satz. Übrigens, das ist typische Unterschichtssprache. In der galiläischen Unterschicht gibt es nur drei Zeitbestimmungen, heute, morgen und übermorgen.
Weiter denken die Leute nicht. Die leben von der Hand in den Mund. Da sagt man nicht: "In vier Monaten mache ich mal eine Reise nach Marokko." So plant kein Mensch in der Unterschicht, sondern: "Das Brot für morgen gib uns heute." So heißt es im Vaterunser richtig übersetzt. Es ist nämlich die Tagelöhnersprache. Das Vaterunser stammt aus der Lebenserfahrung der Tagelöhner, die sich am Abend das Geld verdienen. Und davon können sie am nächsten Morgen leben. Das ist morgen. Und die größte Zukunftsperspektive ist übermorgen. Und mehr gibt es nicht. Monatelange Planungen gibt es nicht in der Unterschicht. Ich weiß gar nicht, ob Nicht-Tagelöhner überhaupt das Vaterunser verstehen können. Es ist ein Gebet für Tagelöhner. Und ob andere das wirklich verstehen, bin ich mir nicht ganz sicher. Auf jeden Fall sagt Jesus: "Heute und morgen und übermorgen muss ich wandern." Das ist in einer Agrargesellschaft sonderbar. Der lässt seinen Beruf hängen, Bauhandwerker,
und auch seine Mutter, die Witwe - er ist der älteste Sohn, aber er haut ab, zieht durch die Gegend. Das schmeckt natürlich seiner Familie überhaupt nicht. Macht ja auch sonst kein normaler Mensch. Also er wandert durch die galiläischen Ortschaften. Mir hat mal eine Studentin gesagt, deren Vater war Bauer, der hatte einen Aussiedlerhof in der Nähe von Ludwigsburg. Und sie war eine Bauerstochter, hat aber dann an der PH studiert. Und da hat sie mir gesagt: "Mein Vater hat gesagt: 'Du, wenn du mal heiratest, heirate den Richtigen. Die Liebe kommt und geht, die Hektar bleiben. Heirat mir niemand ohne Grundbesitz!'" Das heißt, in der Agrargesellschaft ist der Grund und Boden alles. Den lässt man nicht im Stich und wandert in der Gegend rum. Aber Jesus ist herumgewandert,
der ist mal da ein paar Tage, da ist er nachts, da lässt er sich zum Essen einladen. Und da verbringt er mal zwei, drei Nächte. Er ist auf die Gastfreundschaft der Leute angewiesen. Und er lässt sich einladen von Sündern und Söldnern, aber auch von Pharisäern. Der ist kontaktfreudig. Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, ich mein mal, wirklich: Seid kontaktfreudig! Der Mann war kontaktfreudig. Er hat sich auf die Leute eingelassen. Sünder und Söldner, aber auch Pharisäer. Geht nach links und rechts, keine Schubladen. Also Gast zu sein, war sein Lebensstil. Ich bin sechs, sieben Mal umgezogen, da geht ja das halbe Mobiliar kaputt ... Aber der zieht ja ständig um. Und das kommt natürlich seiner Kontaktfreudigkeit entgegen. Da lernt er Leute kennen. Wenn er in Nazareth geblieben wäre, dann hätte er immer bloß die gleichen Leute gehabt. Also Jesus hat sich die Freiheit herausgenommen,
irgendwie anders zu sein. Und an diesem Tag liegt er da so in einer galiläischen Ortschaft auf dem Polster eines gewissen Simon. Und da passiert doch tatsächlich Folgendes. Da kommt eine Frau rein. Und der Text - lest mal nach, da merkt man noch die Verblüffung von dem, der die Geschichte erzählt. Der ist noch perplex. Das geht nämlich los mit "Und siehe". Jetzt muss ich euch erklären, was das heißt. Diese beiden Worte sind ganz wichtig im Orient. Die ist die orientalische Aufmerksamkeitsformel. Das heißt so viel wie: Pass auf, jetzt kommt was völlig Unerwartetes, das man sich noch jahrelang später erzählt. Es kommt was völlig Überraschendes, mit dem kein Mensch rechnet. Dann sagt man: "Und siehe." Das heißt so gut wie: Pass auf jetzt. Also die beste Übersetzung ist vielleicht ins heutige Deutsch,
wenn man sagt: "Stell dir vor, stell dir vor, da ist eine Frau reingekommen." Jetzt müsst ihr wissen, bei einem Essen sind nur Männer. Ich war jetzt vielleicht schon 30, 35 Mal im Orient, hab schon viel bei Arabern gegessen, nur Männer. Die Frauen palavern in der Küche. Wenn ein fremder Mann kommt und zum Essen eingeladen ist - nur Männer. In Jordanien, Syrien - nur Männer. Ägypten - da ist keine Frau dabei, nicht mal die eigene Hausfrau. Die Frauen essen in der Küche, noch heute. Aber damals war das völlig klar - und es ist ein Schabbatessen bei Pharisäern. Da kommt nicht mal die eigene Hausfrau. Und da kommt jetzt eine stadtbekannte Sünderin. Ich darf euch schon sagen, das ist ein Skandal. Das haben die sich noch 30 Jahre später erzählt. Was will denn die hier? Ausgerechnet beim Schabbatessen! Sie hätte doch ein paar Tage später kommen können. Was will die überhaupt in dem Haus?
Jetzt ist interessant: Die Frau wird uns nicht näher vorgestellt. Wir erfahren ihre Lebensgeschichte nicht. Nicht mal ihren Namen. Sondern wir hören nur eine einzige Angabe: Sie war eine Sünderin. Und zwar eine stadtbekannte. Wobei "Stadt" immer "Dorf" heißt. Eine Stadt in der damaligen Zeit beginnt ab 800 Einwohner, das ist eine Stadt. Oder ab 1000. Aber wir wissen nicht, ob es in Kapernaum war. Kapernaum gehört schon zu den größeren Kleinstädten Galiläas. Auf jeden Fall war sie eine ortsbekannte Sünderin. Das ist klar. Jetzt müssen wir lernen: Was ist ein Sünder damals? Das kannst du nicht einfach so wissen. Da musst du bescheiden werden und lernen. Du musst dich ernsthaft informieren. Wenn du die Bibel liebst und diese Erzählungen verstehen willst, musst du bescheiden werden und lernen. Wer nicht bescheiden wird, lernt auch nicht.
Also da gibt es zwei fürchterliche Vorurteile. Das erste ist: Wir sind doch alle Sünder. Alle Menschen sind Sünder. Ja, das ist eine christliche Auffassung. Aber die dürft ihr nicht in diesen Text hineinfrisieren. Dieser Satz "Wir sind alle Sünder" kommt zum ersten Mal in der Welt vor im Römerbrief bei Paulus. Da heißt es in Römer 3, Vers 23: "Wir sind alle Sünder." Das ist aber der erste Satz dieser Art in der Welt. Und dieser Satz setzt Tod und Auferstehung Jesu voraus und das Versagen der Jünger bei der Passion. Die sind alle abgehauen. Und da kommt Paulus darauf: Selbst die Elitegruppe von Jesus, das sind auch alles feige Säcke, die sind doch auch Sünder. Und erst durch diese Erfahrungen dämmert Paulus: Wir sind alle Sünder. Und das wird dann selbstverständlicher Jargon in der Christenheit. Aber in Galiläa, zur Zeit Jesu, sind nicht alle Menschen Sünder. Sondern du weißt in jedem Ort: In der und der Straße wohnen die Sünder,
und in der Straße da wohnen die Gerechten. Das weiß jedes Kind. Jedes Kind weiß, was ein Sünder ist und was ein Gerechter ist. Das sind die beiden Gruppen. Das sind ganz prägnante Ausdrücke, die jeder Mensch versteht damals. Das sind nämlich soziologisch genau abgrenzbare Gruppen. Die Gerechten wohnen da und die Sünder wohnen dort. Die wohnen auch nicht vermischt, in keinem Ort. Übrigens, im Alten Testament gibt es diesen Unterschied zwischen Sünder und Gerechter noch nicht. Das entsteht erst später. Ich kann jetzt nicht erklären, wie das entsteht. Auf jeden Fall, in jedem galiläischen Ort gibt es Gerechte und gibt es Sünder. - Jetzt kommt das zweite Vorurteil - das Christentum ist voller schrecklicher Vorurteile -, nämlich: "Aha, diese Gerechten da, die Pharisäer", und jetzt kommen gleich die ganzen christlichen Glubsch-Augen über Pharisäer, ratter, ratter: "Die kommen sich selber als sündlos vor."
Nein, stimmt überhaupt nicht. Es gab damals ganz klar Gerechte. Simon, der Pharisäer, ist ein Gerechter. Das weiß jeder und das weiß er selber auch. Aber das heißt nicht, dass Simon sich sündlos vorgekommen ist. Simon weiß, dass er jeden Tag Sünden begeht und dass er allein von der Gnade Gottes abhängig ist. Das weiß jeder Pharisäer, dass er jeden Tag sündigt. Trotzdem ist er kein Sünder. Und jetzt fängt das echte Lernen an, und jetzt müssen Sie wissenschaftlich erforschen, was damit gemeint ist. Und es ist der Segen der modernen Bibelwissenschaft an der Universität, dass das gründlich in jahrzehntelanger, harter Detailarbeit an den Quellen erforscht wird. Also, das war damals eine Sache des Berufs. Sünder ist der, der sein Geld oder seinen Lebensunterhalt auf eine Art und Weise verdient, die mit der Torah, mit der Heiligen Schrift der Juden, nicht übereinstimmt.
Das ist ein Sünder. Also ein Sünder sündigt berufsmäßig. Das ist der springende Punkt. Er sündigt notorisch. Und das macht Simon nicht. Also, was sind zum Beispiel sündige Berufe? Alle Berufe, die mit den Römern zusammenarbeiten. Die Römer waren die Besatzungsmacht, die haben Israel unterdrückt, das sind die Feinde Israels. Man kann nach der Heiligen Schrift nicht mit den Feinden Israels zusammenarbeiten, weil dann verstärkt man ja noch die Unterdrückung Israels. Also jeder, der einen Beruf hat, der mit den Römern zusammenarbeitet, ist ein Sünder. Ein Mensch, der die Torah liebt und sie ehrt und in Treue zur Torah sein ganzes Leben lebt, kann niemals mit den Römern geschäftlich so zusammenarbeiten, dass er die Herrschaft der Römer auch noch stabilisiert. Dann arbeitet er ja an der Unterdrückung Israels mit. Das geht nicht. Sünder sind natürlich auch Gerber, die kommen dauernd mit Tierleichen zusammen,
das verunreinigt sie rituell. Sünder sind aber auch Geldverleiher, denn Zinsnehmen ist im Alten Testament verboten, Zinsnehmen war etwas völlig anderes wie heute. Heute werden Produktivzinsen zur Gründung einer Firma und so weiter gegeben. So was gibt es in der Antike nicht. Zinsen in der Antike sind immer nur Darlehen für Leute in schwerer Not. Und die Zinsen sind verdammt hoch, 20 %, 30 %, bis zu 40 %. Zinsnehmen ist härteste Ausbeutung. Da wird die Notlage der Menschen auf eine schäbige Weise missbraucht. Und deswegen wird das Zinsnehmen im Alten Testament drei-, vier-, fünfmal knallhart verboten. Man kann von Volksgenossen keine Zinsen nehmen. Noch Luther lehnt das Zinsnehmen radikal ab, auch das Judentum und der Islam bis heute. Zinsnehmen in jüdischen und islamischen Banken unterliegt ganz starken Beschränkungen. Erst durch den Frühkapitalismus, die Fugger und so weiter, wurden die Zinsen legitimiert.
Das hat Luther nicht aufhalten können. Der Kapitalismus kann ohne Zinsnehmen nicht bestehen. Das ist aber erst eine Entwicklung in der Neuzeit. Also in der Antike ist Zinsnehmen harte Ausnutzung von Notlagen. Und deswegen ist es verboten. Wer von Beruf Geldverleiher ist, ist ein Sünder. Er sündigt notorisch, er sündigt von Berufs wegen. Oder auch ein Wirt in Wirtshäusern, der ist ein Sünder von Berufs wegen. Das erkläre ich beim barmherzigen Samaritaner. Das heißt nämlich nicht Herberge, das gibt es gar nicht in der Antike, da denkt man an eine deutsche Jugendherberge, sondern das ist ein Wirtshaus. Und da geht ein anständiger Mensch niemals hin. Und bei Frauen ist eine Sünderin in der Regel eine Prostituierte. Ihr müsst davon ausgehen, der Großteil der Prostitution ist Armutsprostitution im antiken Orient. Aber es gibt auch Hetären, das sind Luxusnutten.
Die sind zum Teil ganz schön gebildet, sehr emanzipierte Leute. Da kann man sich ganz toll mit denen unterhalten. Und die sind gebildet und luxuriös. Diese Frau bringt eine Alabasterflasche mit Myrrhenöl. Das kostet nach heutiger Kaufkraft zwischen 1000 und 3000 Euro. Eine jüdische Hausfrau kann nicht einmal davon träumen! Das ist ein Parfüm der allerextremsten Oberklasse. Myrrhenöl wird nur in Ägypten hergestellt. Und schon kleinste Mengen sind sündhaft teuer. Und eine Alabasterflasche ... Ich hab zu Hause zwei Krüge aus Alabaster. Ich weiß gar nicht mal, was die gekostet haben. Alabaster ist durchsichtiger Stein. Es gibt weißen, grünen, braunen Alabaster. Und in Ägypten gibt es Familien, das ist ein Berufsgeheimnis, die können Steine so dünn schleifen, dass du durch den Stein durchgucken kannst. Da gibt es Fenster aus Stein. Es gibt eine Kirche in Jerusalem, die hat Alabasterfenster.
Oder in den Krug, den ich habe, kann ich eine Kerze reinstellen. Der Krug ist aus Stein, aber er ist so dünn gehämmert, dass das Kerzenlicht zu sehen ist. Aber eine Alabasterflasche ist teuer, sage ich euch. Und eine Alabasterflasche mit Myrrhenöl - das kannst du nur in den Edelboutiquen in Tiberias oder Cesarea oder Sephoris kaufen. Eine jüdische Hausfrau - die weiß gar nicht, was das ist. - Gut, also auf jeden Fall, das sind Sünder und Gerechte. Jetzt also der Ausdruck Sünder oder Sünderin, wie gesagt damals wusste jeder genau, was damit gemeint ist. Das ist eine Art gesellschaftliche Platzanweisung. Das ist eine andere Sorte von Mensch. Und zwischen Sündern und Gerechten besteht Kontaktsperre. Das ist ein Kontaktverbot. Mit den Leuten redet man nicht. Ich war mal kurze Zeit Gemeindepfarrer,
da sagt meine Pfarramtssekretärin, weil ich in die Unterstadt wollte und da eine bestimmte Familie besuchen, da sagt die Sekretärin, eine unheimlich feine Frau, ich mag sie sehr in meiner Erinnerung: "Herr Pfarrer, da gehen Sie besser nicht nach, des sind koine rechte Leut." Auf Schwäbisch natürlich. "Da geht man nicht nach, Herr Pfarrer!" Meint ihr, dass die auf den Gedanken gekommen wäre, dass man da vielleicht grad hingehen sollte? Das kommt für eine schwäbische, ordentliche Hausfrau gar nicht in Frage. Und wenn sie noch so evangelisch ist - "Des sind koine rechte Leut! Mit denen hat man nichts zu schaffen!" Und so war das auch damals. Zwischen Sündern und Gerechten war Kontaktsperre. Und das war gesellschaftlich geregelt. Du musst auf Distanz gehen, das ist auch heute noch so. Zu Menschen, die die Grundwerte einer Gesellschaft durch ihren öffentlichen Lebensstil lächerlich machen, in Frage stellen, musst du auf Distanz gehen, sonst verwahrlost die ganze Gesellschaft. Da ist eine tiefe Problematik dahinter.
Du kannst guten Stil und schlechten Stil nicht einfach mischen, vernebeln, dann verwahrlosen meine Kinder. Die Pharisäer wollten nicht, dass ihre Kinder verwahrlosen. Das willst du doch auch nicht. Und deswegen pass auf mit den Leuten. Also, da war Kontaktsperre. Und wer diese Kontaktsperre nicht achtet und übertritt, den ereilt das gleiche Schicksal. Er verliert seinerseits seine etablierten, geachteten Freunde und Bekannten. Die wollen dann mit dem nichts mehr zu tun haben. Das heißt, hier betritt eine andere Sorte Mensch diesen Raum, eine ortsbekannte Sünderin. Das ist schon merkwürdig. Und jetzt ist schon merkwürdig: Die Frau sagt nichts. Die sagt kein Wort, keinen Gruß, keine Erklärung, keine Bitte. Das ist eine Pantomime. Das ist hier nonverbale Kommunikation. Wer diese Frau verstehen will, muss sie ohne Worte verstehen.
Sie redet nur durch ihren Körper. Nur durch das, was sie macht. Und die Leute werden natürlich völlig perplex gewesen sein, das müsst ihr euch mal vorstellen! Ein Wink hätte genügt, und die Frau hätte man rausgeschmissen. Es sind ja viele Diener da. Also sie kommt hier rein. Man konnte schon ein Haus betreten beim Schabbatessen, weil die Häuser stehen offen. Es ist heiß, die Türen sind immer offen. Und Nachbarn können jederzeit reinkommen beim Schabbatessen. Die stellen sich an der Wand auf und diskutieren mit. Man kann schon reinkommen, aber bitte keine Frauen. Und natürlich nicht so eine Frau. Also Gerechte und Sünder sind nicht gerade zwei Gesellschaftsgruppen, die sich besonders nahestehen. Das kann man wirklich nicht sagen. Was will die Frau hier? Was treibt sie in dieses Haus? Sie schwätzt keinen Ton. Also das Verhalten ist schon provokant, man muss sogar sagen: Das ist ganz schön frech. Das ist ganz schön frech, was die Frau macht.
Und natürlich merken die Anwesenden sofort: Die kommt mit einer bestimmten Absicht. Die steuert schnurstracks auf den Gast zu. Die hat eigentlich nur Interesse an dem. Das ist schon eine sonderbare Situation. Ich darf euch offiziell öffentlich sagen: Es gibt keine Rezepte für so eine Situation. Wie soll es jetzt eigentlich weitergehen? Und in der Situation hören wir ein Selbstgespräch. Ein Selbstgespräch ist ein besonders wichtiges Stilmittel. Ihr dürft nie an einem Selbstgespräch vorbeigehen. Das ist was Besonderes. Da müssen alle Alarmglocken sofort bei euch angehen. Denn ihr kommt nie näher an einen Menschen ran, wie wenn ihr sein Selbstgespräch hört. Da kommt ihr näher ran als durch Geschlechtsverkehr! Da bist du viel näher dran. Denn in einem Selbstgespräch ist der Mensch nicht mehr diplomatisch. Oder seid ihr diplomatisch in euren Selbstgesprächen?
Seid ihr da diplomatisch? Blufft ihr in euren Selbstgesprächen? Baut ihr eine Fassade auf in euren Selbstgesprächen? Seid ihr in euren Selbstgesprächen höflich? Nein, in einem Selbstgespräch ist der Mensch ganz er selbst. Und deswegen müssen Selbstgespräche ganz sorgfältig ausgewertet werden. Also wir werten jetzt mal dieses Selbstgespräch aus. Wir kommen ganz nah an den Simon ran. Und umso beeindruckter bin ich von dem Mann. Der Simon wird nicht cholerisch. Der proletet da nicht blöd rum. Der hat die Größe, völlig cool zu bleiben. Also wie gesagt, ein Wink, und der Diener hätte die Dame nach draußen geführt. "Du kannst doch deinen Nervenzusammenbruch auch draußen loswerden. Du musst doch nicht in meinem Wohnzimmer deinen Nervenzusammenbruch hier zelebrieren." Also es wäre kein Thema gewesen. Aber der Simon hat die Geistesgegenwart,
sich Folgendes zu denken: "Das ist vielleicht gar nicht schlecht, dass die kommt. Machen wir mal aus dem unverhofften Vorfall einen Testfall." Durch die Frau kann man jetzt nämlich wirklich testen, ob Jesus prophetisch begabt ist. Das heißt, ohne dass die Frau es will, bringt sie Jesus in eine ganz verzwickte Lage. Jetzt wird nämlich auf einmal alles wichtig, was er macht. Jesus muss durch diese Frau in diesem Wohnzimmer bei diesen Pharisäern dieses Ortes Farbe bekennen. So oder so, er muss Farbe bekennen. Und der Simon ist gespannt, was er jetzt macht. Der Simon ist aber ehrlich enttäuscht. "Ich habe gehofft, dass ich vielleicht sogar den Endzeitspropheten bei mir im Wohnzimmer habe. Das hätte mir gefallen.
Vielleicht wäre ich sein Schüler geworden. Aber der Mann ist kein Prophet. Er merkt ja nicht einmal, dass es eine stadtbekannte Sünderin ist. Wenn er prophetisch begabt ist - Propheten sind Seher. Seher! Die haben die Gabe der Herzensschau. Das ist im Alten Testament klar belegt. Der muss das durchblicken, was hier abläuft." Also Simon ist sich eigentlich völlig sicher: Jesus kennt die Frau nicht. Der hat keine Ahnung, wer das ist. Sonst würde er sich doch nicht von der Frau anfassen lassen. Also Simon ist sich völlig sicher, dass die Unkenntnis Jesu die Erklärung ist, dass er die Frau gewähren lässt. Unkenntnis. Dass Jesus diese Frau kennt und sie trotzdem gewähren lässt, vielleicht sogar gerade deshalb - das ist völlig außerhalb seines Blickwinkels. Jetzt will ich euch das Verhalten dieser Frau noch im Einzelnen ein bisschen näher vorstellen. Also das Erste ist: Sie bringt so eine Alabasterflasche mit.
Und jetzt nähert sie sich ganz klar als Erstes den nackten Füßen Jesu. Geht ja gar nicht anders. Jetzt muss die Frau weinen. Wieso weint die jetzt auf einmal? Weiß man nicht. Die muss irgendwie in einer inneren Erregung gewesen sein, die muss innerlich bewegt gewesen sein. Sie heult und die Tränen fallen Jesus auf die Füße. Jetzt ist die Frau völlig erschrocken. Es läuft alles spontan, schnell ab, in Sekundenschnelle. Jetzt knotet die Frau ihr Haar auf. Das darfst du niemals. Eine orientalische Frau darf außerhalb des Hauses in Anwesenheit fremder Männer niemals ihr Haar aufknoten. Das ist ein Scheidungsgrund damals. Das wäre heute so, wie wenn sie sich nackt auszieht. Das wäre ungefähr vergleichbar. Eine Orientalin - wann habt ihr schon mal die duftenden, glänzenden, schwarzseidenen Haare einer Orientalin fallen sehen?
Habt ihr das schon mal? Das ist ein tief erotischer Vorgang. Ich darf euch sagen, ich hab schon mal. Aber ich gestatte keine Fragen. Das ist Jahre, Jahre her, aber ich hab es schon mal erlebt. Also, die Haare einer echten Orientalin, ich sag euch Männern: Das haut euch um. Aber die Frau ist völlig in ihrem Tun versunken. Auch eine Dirne darf das nicht. Das ist völlig verboten. Aber man merkt, die Frau ist völlig in ihrem Tun versunken, die hat ihre Umgebung jetzt ausgeblendet. Sie bemerkt die Tränen, schon sind die Haare offen und schon sind sie abgetrocknet. Und was macht sie dann? Sie salbt die Füße mit ihrem extrem teuren Importartikel aus Ägypten. Ich darf euch sagen, alle Orientforscher, die ihr Leben lang den Orient bereisen und erforschen, sagen: Das hat es noch nie gegeben, dass man mit Myrrhenöl die Füße eincremt. Das ist ja völlig idiotisch. Weil man cremt nur die Haare.
Die Männer sind natürlich auch eitel, die Männer sind ja eh eitler wie die Frauen. Und die Männer im Orient, ich sag euch! Und da werden die Haare gepflegt und frisiert ... Viele haben immer einen Kamm dabei, immer. Und dann schmotzen sie sich ihre Haare voll und das Gesicht, dass es leuchtet. Das ist die Festfreude. Aber die Füße - das hat es noch nie gegeben. Noch nie, es gibt kein Beispiel, das ist völlig absurd. Ich sag euch, die Situation wird immer skurriler. Und dann küsst sie seine Füße unaufhörlich. Jetzt müsst ihr wissen, was ist ein orientalischer Kuss? Man kann ja nicht jeden küssen. Es gibt ja viele Kulturen, die küssen gar nicht. In Nepal berührt man sich die Nasen, da küsst kein Mensch. Aber im Orient küsst man und der Kuss ist genau geregelt. Nämlich auf die Wange. Auf den Mund küsst man sich selten, da küsst man sich schon auch, aber meistens küsst man sich auf die Wange.
Der Kuss auf den Mund oder auf die Wange darf nur im Verwandtenkreis, nur in der Familie gegeben werden. Und nur unter Gleichgestellten. Adlige Königskinder küssen Königskinder und so weiter. Also der Kuss auf die Wange bedeutet gesellschaftlich gleicher Standard. Sonst darfst du niemand auf die Wange küssen, nur Verwandtschaft oder Menschen gesellschaftlich gleicher Marktlage. Untergebene gehen auf die Knie und küssen die Hand. "Küss die Hand, gnädige Frau." Also das ist der Handkuss. Der ist üblich bei allen Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnissen. Und dann fällt man aber auch manchmal ganz auf den Boden und küsst die Füße. Das sind meistens leibeigene Sklaven. Beim Pharao muss jeder, wenn er in den Thronsaal kommt, sich voll auf den Boden legen und darf erst aufstehen, wenn der Pharao ein Zeichen gibt, und wenn, dann kann er die Füße küssen. Der Fußkuss heißt hier: "Mein Leben gehört dir. Ich bin dein Eigentum."
Das bedeutet der Fußkuss. Es gibt aber noch einen zweiten Grund für einen Fußkuss. Und zwar beim Lebensretter. Nehmen wir mal Tübingen, da kenne ich mich einigermaßen aus, im Schwabenländle. Du fällst in der Neckar und kannst nicht schwimmen. Da ist mal ein französischer Soldat nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich in der Neckar gefallen und konnte nicht schwimmen. Und da sagt ein Schwabe von der Brücke runter: "Schwimmen hättst lernen sollen, nicht Französisch!" Also stell dir mal vor, du fällst in den Neckar und kannst nicht schwimmen, aber es zieht dich einer raus. Und dann küsst du ihm am Ufer die Füße. Und damit drückst du aus: "Mein Leben verdanke ich dir." Das sind die zwei Gründe für einen Fußkuss: "Mein Leben gehört dir. Ich bin dein Sklave, dein Leibeigentum." Oder: "Ich verdanke mein Leben dir." Ich küsse die Füße meines Lebensretters. Und deswegen war das Handeln dieser Frau ein Bekenntnis, das jeder Mensch verstanden hat.
Gut, also jetzt kommt dieses beeindruckende Selbstgespräch. Jetzt, in dieser völlig verfahrenen Situation, greift Jesus zum Gleichnis. Denn es gibt kein Rezept dafür. So eine Situation kommt alle 30 Jahre in Galiläa einmal vor. Gibt es einen Weg, dass diese drei Menschen näher zueinander kommen? Gibt es das? Gibt es eine reelle Chance, dass diese drei Menschen sich verstehen? Die ist gering, die liegt unter 0,1 Promille. In so einer Situation greift Jesus zum Gleichnis. Das heißt, ein Gleichnis ist für ihn eine Möglichkeit, über ganz schwere Blockaden hinwegzukommen. Denn ein Gleichnis lenkt erst mal ab. Erst mal auf Abstand gehen, die Situation verfremden.
Jetzt direkt ist gar nichts mehr möglich. Ich rede jetzt mal von etwas ganz anderem und da ist man nicht so blockiert. Einen unverstellten Blick gewinnen. Und wenn du jetzt in der Situation bist, musst du versuchen, einen unverstellten Blick zu gewinnen. Und den gewinnst du über ein Gleichnis. Also Jesus hat irgendwie die Hoffnung: Ganz aussichtslos ist es nicht. Auf direkte Weise kriegst du hier nichts mehr hin, alles blockiert. Aber ich rede mal von etwas ganz anderem. Und natürlich merken die schon, dass das Gleichnis jetzt irgendwie eine Deutung dieser Situation ist. Das ist schon jedem klar. Aber Gleichnisse lenken erst mal ab, bringen auf Distanz und verfremden. Und dann sind neue Möglichkeiten da. Das ist der Sinn der Gleichnisse Jesu. Also das zeigt auch, dass Jesus durchaus noch die Hoffnung hat, dass er Simon irgendwie erreichen kann. Er erzählt das Gleichnis ja nicht für die Frau, er sagt: "Simon, ich habe dir was zu erzählen. Ich möchte dir gern was sagen."
Und da sagt der Simon: "Sag's doch, wir sind unter uns, kannst doch reden." Das heißt, mit diesem Gleichnis will Jesus irgendwie Simon erreichen. Wie eine Flaschenpost das Ufer. Diese kurze Erzählung soll Simon irgendwie berühren. Sie soll Simon gewinnen. Ob es gelungen ist, wissen wir nicht. Die Erzählung hat einen völlig offenen Schluss. Auch diese Frau, von der kennen wir ja nur zwei, drei Minuten. Wir wissen von dieser Frau nur zwei, drei Minuten ihres Lebens. Und dann ist sie wieder weg im Dunkel der Geschichte. Ich möchte mal im Himmel recherchieren, wer diese Frau war. Und wenn ich sie gefunden habe, dann stelle ich mich vor sie hin und sage: "Ach, du warst es!" Gut, also jetzt schaut euch mal dieses Gleichnis an. Jetzt machen wir als Erstes eine kleine Sprachanalyse.
Heute Nachmittag üben wir das methodisch. Jetzt mal ein Beispiel, erst mal sprachlich. Erste Beobachtung. Lest dieses Gleichnis mal geschwind für euch durch: "Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner ..." Das Gleichnis ist wahnsinnig knapp. Eine meisterhafte Kürze. Jesus labert nicht rum. Ich habe vor einiger Zeit - in einer früheren Wohnung - eine Nachbarin so schräg oben gehabt. Die hat immer gern bei offener Tür im Frühling telefoniert, bei offener Tür auf dem Balkon. Und da hat die anderthalb Stunden lang ihrer Freundin erzählt, dass sie einen neuen Zwiebelschneider hat. Und dieser Zwiebelschneider - ich weiß nicht mehr, was der alles konnte ... Ich habe mir gedacht: Kann man anderthalb Stunden reden und nichts sagen? Ich sage euch: Wer nichts zu sagen hat, der braucht dazu anderthalb Stunden. Aber wer was Entscheidendes zu sagen hat, wird knapp. Der wird wortkarg. Der will, dass das Entscheidende klar rüberkommt. Nichts Unwesentliches. Lernt mal von dieser Meisterschaft der Kürze
diese Verknappung. Zweitens: Das ganze Gleichnis ist im Verbalstil gehalten, wie alle Gleichnisse Jesu. Die Verben tragen den Ton. Wenn ihr mal Jesus nachfolgen wollt, ich meine jetzt mal wirklich, redet Verbalstil. Ich sage euch mal ein Beispiel. Ein deutscher Beamter würde sagen: "Nach meiner Ankunft und kurzer Besichtigung der Verhältnisse errang ich den Sieg." Aber Cäsar sagt nur: "Veni, vidi, vici." Das ist der Unterschied. Das ist Verbalstil. "Ich kam, sah und siegte." Das sind Leute, die Energie haben, die die Welt verändern. Die deutschen Beamten verwalten ja bloß die Welt. Wenn du die Welt verwaltest, dann hast du Nominalstil. "Nach meiner Ankunft und kurzer Besichtigung der Verhältnisse errang ich den Sieg." Da liegt der Ton auf den Substantiven.
Aber "ich kam, sah und siegte"! Jesus redet Verbalstil. Da könnt ihr mal viel von ihm lernen. Kein einziges Adjektiv. Guckt in den Text rein! Kein Adjektiv. Zweit-, drittklassige Erzähler wühlen in den Adjektiven: Kitsch, Sentimentalität. Dann ist sehr interessant bei dem Gleichnis der Ort der Handlung: das Büro eines Geldverleihers. Das ist eine echte Provokation, das ist nämlich ein Sünder: Geldverleiher. Es spielt in der Finanzwelt, da kennen sich viele Leute ja besser aus wie in den Herzen ihrer Mitmenschen, da kennen sie sich nicht aus. In den Herzen ihrer Mitmenschen sind sie Analphabeten, aber in der Finanzwelt hochprofessionell. Also, das ist ein Gleichnis, das spielt nicht zufällig in der Finanzwelt. Da ist ja Schluss mit lustig. Und es spielt ausgerechnet im Büro eines Geldverleihers. Jetzt muss ich euch sagen:
In jedem größeren galiläischen Ort gibt es das Büro eines Geldverleihers. In den Städten sowieso, da gibt's manchmal sogar zwei oder drei. Die liegen aber alle versteckt in Nebenstraßen. Diskret. Und da gehst du nur hin, wenn du erledigt bist, wenn du dir selber nicht mehr helfen kannst. Wenn die materielle Not dich kaputtgemacht hat, nur dann betrittst du ja so einen Ort. Das ist kein Ort des Guten, Wahren und Schönen. Da wird nicht philosophiert und über Kunst und Religion geplaudert. Das ist ein schäbiger Ort einer schäbigen Realität. Und in dieser Straße, da guckst du noch mal schnell, ob da ein Nachbar oder irgendein Vorgesetzter zu sehen ist, und dann gehst du in die Nebenstraße rein. Hier ist das Büro vom Geldverleiher. Nochmal gucken, ob dich keiner sieht, und zack, bist du drin. So wie man ein Sexstudio betritt. Da guckst du auch nochmal, ob der Lehrerkollege oder der Rektor noch zufällig zu sehen sind, und dann, zack, gehst du rein. So betritt man das Büro eines Geldverleihers. Also, das ist ein Schiefe-Ebene-Ort.
Kein Heile-Welt-Ort. Da zählt nur noch, wer Geld hat und wer das wann auf den Tisch legen kann. Und diese drei Personen in diesem Gleichnis sind ja nur finanziell definiert. Was sie sonst noch machen, spielt keine Rolle. Rein finanziell. Und jetzt schaut euch mal diesen Profi an, diesen Geldverleiher. Das ist ja ein Profi. Der ist berufsmäßig Geldverleiher. Der lebt ja davon, dass er nicht barmherzig ist. Wenn ein Geldverleiher barmherzig sein will, dann braucht er gar nicht erst anzufangen. Da ist er ruiniert, da ist der ganze Berufsstand kaputt. Und dieser Geldverleiher ist irgendwie ein komischer Vogel. Er ist völlig aus der Art geschlagen. Und das Motiv ist wichtig. Bei aller Knappheit, aber das Motiv, das muss gesagt werden. Es steht ja nur da, was entscheidend wichtig ist. "Weil es keiner bezahlen konnte." Das ist der Grund. Das ist eine neue Berufslogik. "Weil es keiner bezahlen konnte." Dann muss ich es ihnen schenken, ist doch ganz kar! Sie können es nicht bezahlen, also muss man es ihnen schenken.
Und das Wort schenken hier - es gibt im Griechischen zehn, zwölf Verben für "schenken" - ist das herzlichste Verb. Das heißt nicht "erlassen", förmlich, bürokratisch. Nein, schenken. Das benutzt man eigentlich nur zwischen Freunden. Der Geldverleiher behandelt diese unbekannten Leute wie ein Freund. Er ist großzügig. Er besteht nicht auf seinem Recht. Er hätte nach antikem Recht die beiden in den Schuldturm werfen können. Da wäre ja selbst Händel noch bald gelandet in London, denn säumige Schuldner wirft man in den Schuldturm. Und im Schuldturm arbeiten die gefälligst ihre Schulden ab. Da schaffen die im Schuldturm so lang, bis sie ihre Schulden abgearbeitet haben. Und wenn's vier Jahre ist. Jetzt schauen wir uns mal den Betrag an. Der eine schuldet 50 Denare, der andere 500. Was ist ein Denar? Der Denar ist eine römische Münze, damals die grundlegende Münze. Ein Denar ist ein Tageslohn. Ein Tagelöhner bekommt in wirtschaftlich stabilen Verhältnissen, wenn er ordentlich gut bezahlt wird,
einen vollen Denar. Es gibt auch Dreivierteldenare, halbe Denare. Also ein voller Denar Tageslohn ist ein guter, anständiger Lohn. Damit ist man als Tagelöhner auf jeden Fall zufrieden. Also davon kommt dann die Regel: Ein Denar ist ein Tageslohn. Und das heißt, davon kann eine Familie mit durchschnittlicher Kinderzahl, sagen wir mal zehn Kinder, einen Tag leben. Das heißt, 50 Denare sind 50 Tagelöhne. Und das heißt, wenn man den Schabbat abzieht, zwei Monatsgehälter. Und 500 Denare sind 20 Monatsgehälter. Jetzt habt ihr ungefähr so die Summe. Interessant ist, dass Jesus auch nicht sagt: "Der eine war ihm wenig schuldig, der andere viel schuldig." Nein, Jesus ist erzähltechnisch ein Meister. Jesus ist ein Meister der Sprache. Ein Meister. Der sagt konkrete Zahlen. 50 und 500. Kann sich jeder merken. Das ist der zehnfache Unterschied.
Ja, Leute, das ist ein Unterschied. Der Simon merkt natürlich: Ich bin der mit 50 Denaren, das ist die mit 500. Da wird der Simon denken: Er hätte auch das 20-Fache nehmen können. Das wäre mir eigentlich lieber gewesen, aber das 10-Fache - gut, ist auch okay. Also, er holt Simon bei seinen Prämissen wahnsinnig gut ab. Also, Jesus sagt: Im gewissen Sinn hat Simon schon recht. Da ist ein Unterschied. Das muss man ernst nehmen. Ob ein Mensch sein Leben lang treu der Torah nachfolgt oder ob eine Dirne ihrem Geschäft nachgeht, da ist ein Unterschied. Den Unterschied darf man nicht einnebeln. Das ist ein zehnfacher Unterschied. Ich nehme an, dass Simon damit zufrieden war. Er sagt: "Gut", und meint: "Ja, okay, zehnfacher Unterschied, das kann ich akzeptieren." Aber jetzt ist interessant, was Jesus aus diesem zehnfachen Unterschied macht. Eine Lappalie. Eine Lappalie. Es kommt gar nicht drauf an. Keiner kann es bezahlen.
Und jeder kriegt es geschenkt. Der Geldverleiher schenkt zwar jedem unterschiedlich viel, aber er schenkt beiden alles. Es gibt in diesem Gleichnis nicht zwei Sorten von Menschen, sondern nur eine Sorte von Mensch. Zahlungsunfähige und Beschenkte - andere gibt es nicht. Das heißt, in diesem kurzen Gleichnis, das Jesus hier so mal geschwind parat hat - macht es mal nach! Diese Geistesgegenwart in so einer Situation, so ein kurzes, prägnantes Gleichnis. Das dürft ihr mal probieren! Also, was macht er aus diesem Unterschied? Darauf kommt es nicht an. Im Entscheidenden sitzen die im gleichen Boot. Ich sage euch, da arbeitet es im Gehirn von Simon. Der kapiert schon, was hier gesagt ist. Siehst du diese Frau? Im Entscheidenden sitzt ihr beide im gleichen Boot. Ihr könnt beide nicht zahlen und ihr kriegt es beide geschenkt.
Und jetzt kommt die Schlussfrage. Überlegen wir überhaupt mal: Wie unterscheidet sich der Anfang des Gleichnisses vom Ende? Am Anfang sind diese Personen weit voneinander entfernt. Der Geldverleiher ist ein ganz unbeliebter Typ. An den denken die beiden Schuldner gar nicht gern. Dieser Saftsack. Wenn man den da kommen sieht, dann geht man lieber auf die andere Straßenseite. Man verdrängt ihn, weicht ihm aus. Aber jetzt, nach dieser Tat, denken die ihr ganzes Leben lang gern an den Geldverleiher. Die würden den am liebsten umarmen. Was heißt, umarmen? Verknutschen! Weil die sind ja Glückspilze. Der hat das alles erlassen. Also das heißt, diese Handlung des Geldverleihers hat eine unheimlich befreiende Kraft, eine entlastende Kraft. Sie gibt denen die Selbstachtung zurück. Denn die Armut demütigt ja, sie ist schäbig. Das Schlimme an der Armut ist ja die Selbstverachtung.
Aber dieser Geldverleiher gibt ihnen die Würde zurück, die Selbstachtung. Sie können aufatmen. Und außerdem kommen sie sich alle viel näher. Das heißt, dieses Handeln dieses Geldverleihers hat befreiende Kraft oder entlastende Kraft. Aber sie führt die Menschen auch näher zueinander. Mehr Beziehungsreichtum. Die zwei Glückspilze, ich glaube nicht, dass die gleich anschließend auseinandergegangen sind. Gemeinsames Glück verbindet. Und sie werden immer an diesen Geldverleiher voller Dankbarkeit denken. Das heißt, in diesem Gleichnis ist irgendwie von einer Realität die Rede, die entgegenkommend ist, über Bitten und Verstehen. Die haben doch gar keine Bitte geäußert. Wieso auch? Mit so was rechnen die ja gar nicht. Über Bitten und Verstehen. Und das, was er macht, befreit und führt zueinander.
Mehr Nähe, mehr Freiheit. Das versteht Jesus unter Reich Gottes. Interessant ist auch, dass dieser Text nicht sentimental ist. Er wühlt jetzt nicht: Die haben sich umarmt, die haben sich geküsst. Die waren so froh, die waren so ... Jetzt kommen keine Adjektive. Das ganze Gefühlsleben dieser Schuldner, man kann sich ja denken, wie die sich freuen. Kein Wort. Das zeigt die Qualität des Meisters. Er wühlt nicht in Gefühlen. Keine sentimental billigen Erfolgsgeschichten. Kann man sich ja selber denken. Das ist eine Qualität. Gut, und jetzt sagt er zu Simon: "Simon, siehst du diese Frau?" Jetzt kommen wir also wieder zurück aus der erzählten Welt in die echte Welt. "Siehst du diese Frau?" Ja, natürlich hat er sie gesehen. Aber hat er sie wirklich gesehen? Es ist auch interessant, dass Jesus von zwei Schuldnern redet. Er bringt sofort Simon mit dieser Frau in Beziehung. Er bringt beide miteinander ins Spiel.
Jesus hätte auch ein Gleichnis komponieren können mit einem Schuldner. Dann hätte er Simon belehren können oder so. Aber Jesus will damit wohl ausdrücken: Simon, wenn du einen neuen Blick, einen unverstellten Blick auf diese Frau gewinnen willst, musst du auch einen neuen Blick auf dich selber gewinnen. Du kannst die Frau nur neu verstehen lernen, wenn du dich selber neu verstehen lernst. Das hängt irgendwie miteinander zusammen. Und deswegen zwei Schuldner. Also: "Siehst du diese Frau?" Und jetzt vergleicht Jesus das Verhalten von Simon mit dem Verhalten dieser Frau. Und zwar vor der Männerrunde. Jesus bekennt sich zu dieser Frau vor den ganzen Männern hier. Ihr müsst euch vorstellen, das, was Jesus hier sagt, ist ja halb öffentlich. Das ist die ganze Ortsgruppe der Pharisäer.
Das ist am nächsten Tag in der ganzen Gegend rum. Das erzählen die sich sofort weiter. Man muss sich ja fragen: Hätte Jesus nicht diese Männer gewinnen müssen? So kirchenpolitisch, werbepsychologisch? Braucht er nicht diese Männer als Brückenköpfe zur weiteren Ausbreitung seiner Botschaft? Der darf es sich doch mit den Leuten nicht verderben, mit diesen Männern. Das sind doch religiös engagierte Männer. Er muss zumindest den Respekt dieser Männer haben, wenn er weiter irgendwie wirken will in dieser Region. Aber Jesus stellt sich, ohne zu zögern, auf die Seite dieser Frau. Er gibt offen zu erkennen, dass er das gut findet, was die Frau macht. Und jetzt wird's sogar noch ein bisschen härter. Jetzt kommt Punkt für Punkt ein Vergleich. "Sie aber hat ... Du hast nicht, sie aber hat ..." Dreimal. Dreimal steht ausdrücklich: "Sie aber hat ..." Und in diesem Vergleich - es bleibt einem schier die Luft weg - schneidet Simon schlecht ab.
Er sieht alt aus, sehr alt. Die Frau wird ihm als Vorbild hingestellt. Und jetzt fangen die primitiven christlichen Klischees wieder an, die man jetzt unbedingt vermeiden muss. Ihr dürft nicht die Bibel auf euer Niveau runterziehen. Zieht euch lieber zum Niveau der Bibel hoch. Nämlich Simon hat hier gar nichts versäumt. Der hat sich überhaupt nicht schlecht verhalten, er hat keinen Fehler gemacht. Ich muss euch das jetzt mal erklären aufgrund echter orientalischer Kenntnisse. Also Jesus sagt als Erstes: "Du hast mir nicht die Füße gewaschen." Ja, wieso hätte Simon dem die Füße waschen sollen? Das ist ja überhaupt nicht vorgesehen! Nämlich die Füße wäscht man nur, wenn man von einer langen Reise kommt. Aber Jesus hat offensichtlich als Wanderrabbi die Predigt gehalten in der Synagoge am Schabbat und anschließend haben sie den zu sich eingeladen. Das war nämlich üblich. Und wenn man von der Synagoge zum Haus geht - zum Beispiel in Kapernaum ist die Synagoge vom Haus des Petrus nur ungefähr 30 Meter weg -,
dann wäscht man niemand die Füße. Völlig absurd! Also die Füße wäscht man jemand nur, wenn er von einer langen Wanderung direkt kommt. Und dann machen es die Diener des Hauses. Oder der wäscht sie sich selber, soll er sich doch gefälligst selber waschen! Also normalerweise wäscht man sich die Füße selber. In 99 Prozent der Fälle. Aber wenn jemand Diener hat, dann wird's vom Hauspersonal gewaschen. Aber dass der Simon die Füße wäscht, auf den Gedanken ist kein Mensch gekommen. Das ist auch nicht vorgesehen. Also Simon ist nicht unhöflich. Und dann sagt er: "Du hast mir nicht mein Haupt mit Öl gesalbt, aber sie hat meine Füße gesalbt." Wieso soll Simon dem das Haupt salben? Das macht man doch nicht. Stell dir mal vor, der kommt als Gast. Und der Gastgeber kommt jetzt mit einer Parfümflasche und cremt dem die Haare ein. Der denkt ja, er ist im falschen Film. Also das ist überhaupt nicht vorgesehen. Und dann: "Die Füße geküsst."
Ja, wieso soll er dem die Füße küssen? Oder: "Du hast mir keinen Kuss gegeben." Das muss er ja nicht. Aber dann noch auf die Wange - das macht man ja nur im Verwandtenkreis. Wieso soll Simon dem einen Kuss geben? Und das ist aber jetzt gerade der Clou. Also das wäre ja primitiv, wenn Jesus jetzt diesem Gastgeber, der ihm so aufgeschlossen gegenübersteht, jetzt noch primitiv die Leviten liest und ihm alles vorhält, was er versäumt hat. Aber so legen es die Christen aus. In ihrer Dummheit machen sie diesen Text kaputt. Nein, der Clou ist ein ganz anderer. Da muss man aber bescheiden sein und lernen. Nämlich: Jesus vergleicht auf einer ganz anderen Ebene. Er sagt: "Simon, jetzt vergleiche ich dich mal mit der Frau. Wenn das in dir lebendig wäre, was in dieser Frau hier lebendig ist, sage ich dir mal, wie du mich empfangen hättest. Du hättest mir tatsächlich die Füße gewaschen.
Das wäre nicht vorgesehen. Das ist auch gar nicht üblich. Es ist nicht konventionell. Aber du hättest dich so gefreut. Du wärst so ein bisschen meschugge gewesen und wärst mir mit dem Wassertrog gekommen und hättest gesagt: 'Komm, ich muss dir jetzt einfach die Füße waschen. Ich freu mich so, dass du da bist. Ich wasche dir jetzt einfach die Füße.' Ich hätte mich zwar wirklich ein bisschen gewundert, aber ich hätte gemerkt, was in dir abläuft. Das hätte ich gemerkt. Und dann hättest du mir die Haare eingecremt. Ich hätte gedacht: Jetzt ist er vollends durchgeknallt. Aber ich hätte gemerkt, was in deinem Herzen abläuft. Und dann hättest du mir auch noch zum Schluss einen fetten Kuss gegeben. Du hättest gleich um Entschuldigung gebeten und gesagt: 'Ich kann nicht anders. Ich muss dir jetzt einfach einen Kuss geben. Ist zwar nicht üblich, ist höflichkeitshalber auch nicht vorgesehen, ist mir aber scheißegal, ich geb dir jetzt einen Kuss.' So hättest du mich empfangen, wenn das in dir gesteckt hätte, was in der Frau steckt. Simon, es ist nichts Besonderes,
wenn man das nicht tut, was du nicht getan hast. Aber es wäre etwas Besonderes gewesen, wenn du es getan hättest. Guck mal die Frau an, die steht dem Geheimnis des Lebens näher als du. Denn die ist total dankbar. Ihr ist viel vergeben worden, und deswegen liebt sie jetzt auch viel." Jesus hat irgendwie gemerkt: Die Frau hat ein Erlebnis der Vergebung gemacht. Und jetzt ist sie so dankbar. - Das hebräische Wort für "lieben" ist nicht so emotional wie unseres. Unser Wort von "lieben" kommt stark von der Romantik her, sehr emotional. Das hebräische Wort für lieben heißt einfach "meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen". Wenn ich jemand sehr dankbar bin, dann liebe ich den auch. Und es heißt "zum Ausdruck bringen". Du sollst nicht nur deiner Frau und deinem Mann dankbar sein, du sollst deine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Darauf kommt's an. Und diese Frau bringt es zum Ausdruck.
Also, Simon, du siehst alt aus. Ganz alt. Und jetzt will ich zum Schluss irgendwie noch sagen, was ist da wirklich abgelaufen? Wieso kommt diese Frau beim Schabbat zu einem Pharisäeressen? Es ist ja wirklich ein Skandal. Man kann diese Einzelheiten nicht rekonstruieren. Wie gesagt, ich werde im Himmel mal recherchieren und dann mir von der Frau berichten lassen. Aber die grundsätzlichen Dinge sind eigentlich völlig klar. Diese Frau muss vorher irgendwo Jesus begegnet sein. Das kann man sich nicht anders vorstellen. Und sie muss ihn vielleicht gehört haben, vielleicht ihn beobachtet haben, das wissen wir nicht. Aber irgendeine Art von Begegnung muss stattgefunden haben. Und diese Frau muss in dieser Begegnung gespürt haben, dass Jesus sie in keiner Weise missachtet. Dass er seine Freude an ihr hat und dass er zu ihr Ja sagt.
Diese Frau hat das große, endgültige Ja gehört. Habt ihr das auch schon? Hast du schon mal das große, endgültige Ja gehört? Die Frau hat es gehört. Und das hat in ihr eine Gewissheit vermittelt. Durch diesen Mann, durch die Gotteserfahrung, von der dieser Mann getragen ist, hat die Frau gespürt: Gott hat seine Freude auch an mir. Im Reich Gottes ist für mich genauso Platz. Und Gott versteht auch meine ganze Biografie, tausendmal besser wie jeder Mensch. Gott hat seine Freude auch an mir. Er verzeiht mir gern und restlos. Das hat diese Frau gespürt. Und diese Vergebungserfahrung, ihr sind viele Sünden vergeben - ja, die Frau war total dankbar. So der gerechte Schwabe ist mehr normal dankbar.
Der gerechte Schwabe, der bibeltreue, bekehrte Schwabe, der ist normal dankbar. Ja, er ist Gott schon dankbar. Aber die ist total dankbar. Weil der ist wirklich ein Atlasgebirge runtergefallen. Das ist der Unterschied zwischen normal dankbar und total dankbar. Also durch diese Vergebung hat die Frau sich selber neu entdeckt. Es ist in dieser Frau etwas am Werke. Die fühlt sich anders in ihrer eigenen Haut. Sie merkt: An mir schafft etwas. Und sie will jetzt dieser Mensch werden, von dem sie gespürt hat, dass sie dieser Mensch ist. Und jetzt muss sie zu diesem Bürgen. Jesus ist für sie der Bürge für diese Gotteserfahrung, für diese Kraft. Und sie spürt: Der Mann setzt alles auf diese Kraft. Er lebt für sie, er setzt alles auf diese Karte. Diese Kraft ist die, wegen der sich alles im Leben lohnt.
Und von der Kraft will sie jetzt auch leben. Das ist wie eine Gefühlsansteckung auf diese Frau übergegangen. Und deswegen zieht es diese Frau wieder in die Nähe von diesem Mann. Und zwar öffentlich. Öffentlich. Sie sucht nicht ein verschwiegenes Tete-à-Tete unter vier Augen, sondern sie will sich zu diesem Mann öffentlich bekennen. Sie will es zum Ausdruck bringen. Das ist eine Energie, die kann nicht warten. Die kann nicht sagen: Geh doch zwei Tage später. Nein, das treibt sie in dieses Haus. Sie will sich in diesem Haus bekennen, in dem Haus, wo diese Kraft noch nicht anerkannt wird. Denn sie weiß, diese Kraft will sich ausbreiten. Sie will anerkannt werden. Und was diese Kraft alles vermag, wird man dann erst erkennen, wenn alle Menschen sie anerkennen. Dann wird man es erst merken. Und deswegen kommt diese Frau in dieses Haus. Und diese Frau bekennt sich in jenem Haus auf ihre Weise zu diesem Mann. Und dieser Mann bekennt sich in diesem Haus auf seine Weise zu dieser Frau.
So haben sich die beiden gefunden. Und künftig kann man nur noch beide ablehnen oder beide akzeptieren.
Eine Begegnung, die alles veränderte – Das Gleichnis von den beiden Schuldnern (Lk 7,36-50) | 1.2.1
Ohne Umschweife kommt Siegfried Zimmer direkt zum Punkt, um dann voll durchzustarten. In der ersten Minute stellt er gleich klar, dass das Lesen mit Lineal unerlässlich für das Verstehen biblischer Texte ist. Denn nur wer ernsthaft Wort für Wort Millimeterarbeit leistet, hat die Chance einen unverstellten Blick zu bekommen. So demonstriert Siegfried Zimmer in den verbleibenden 76 Minuten an dem ersten Gleichnis-Text eindrucksvoll, was das bedeutet: Er sensibilisiert für Ausblendungen, erläutert Hintergründe, erschliesst neue Zugänge, feiert Jesus als Meister der Sprache, spricht von Nähe, Freiheit, Faszination und Energie, um in einer geheimnisvollen Verbindung zu enden. Was für eine Eröffnung der Gleichnis-Trilogie!