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Das fundamentalistische Bibelverständnis - warum es nicht überzeugen kann. Ich habe beim gestrigen Vortrag betont, worin sich alle Christen auf der Erde im Blick auf die Bibel einig sind. Das ist auch das Wichtigste. Das dürft ihr jetzt heute Vormittag zu keiner Minute vergessen, was ich gestern gesagt habe. Weil das Dilemma ist, wenn man gleich in dieses Thema springt, so wie ich es jetzt bringe, ohne den Vorsprung von gestern, dann führt es in Streitigkeiten. Es führt nicht weiter. Es führt in Sackgassen. Und die erleben wir ja seit 100 Jahren ungefähr. Also ich will nochmal ganz kurz sagen: In den entscheidenden Dingen, in den heilsentscheidenden Dingen

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sind sich alle Christen auf der Erde im Blick auf die Bibel einig. Ich will diese heilsentscheidenden Punkte nennen. Das heißt also, die Einigkeit der Christen ist tiefer als die Unterschiede. Das ist entscheidend. Erstens: Alle Christen der Erde sind des Glaubens und der Überzeugung, dass wir alles Wichtige über Gott und Jesus Christus nur aus der Bibel wissen. Wir können unser Gottesbild und unser Jesusbild nur aus der Bibel gewinnen. Zweitens: Alle Christen sind der Überzeugung, dass Gott durch die Bibel redet zu unserem Herzen und zu unserem Gewissen und dass er durch dieses Reden uns den Glauben schenkt und erhält, uns den Heiligen Geist gibt

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und alles lehrt, was für unser Heil notwendig ist, also alles lehrt, was für eine gute Gemeinschaft mit Gott notwendig ist. Das glauben alle Christen. Weil Gott durch die Bibel alles lehrt, was für unser Heil wichtig ist, deswegen ist die Bibel, drittens, in geistlichen Dingen - das sind die Dinge, die die Beziehung zwischen Gott und Mensch betreffen, die nennen wir geistlich - die höchste Autorität auf Erden. Also in geistlichen Dingen, in Bezug auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, ist die Bibel die höchste Autorität auf Erden. Sie hat eine höhere Autorität als alle anderen irdischen Autoritäten und Institutionen. Viertens: Alle Christen sind der Überzeugung, dass das biblische Wort ein wirksames Wort ist, ein schöpferisches, schaffendes Wort, das uns tief verändern kann, und dass es auf die Wirkungen dieses Wortes ankommt.

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Im Blick auf die Wirkungen des biblischen Wortes sitzen wir alle Christen im gleichen Boot, denn wir sind Empfangende. Und wir werden auch nie mehr sein als Empfangende. Ich könnte auch sagen, wir sind Bettler. Und das verbindet uns ganz tief. Fünftens: Die Wirkungen der Bibel geschehen, wo, wann und an wem Gott will. Das heißt, Gott selber behält sich die Wirkung, die Wirkungsweise der Bibel vor. Sechstens: Unser Vertrauen richtet sich auf Gott, der bereit ist, durch die Bibel zu wirken, und der unerschöpfliche Möglichkeiten hat, durch die Bibel zu wirken. Alle Christen glauben, dass Gott in seinem Wirken durch die Bibel keine Fehler macht.

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Siebtens: Wir lesen die Bibel am besten von Jesus Christus her. Jesus Christus ist unser Maßstab, unser Erlöser, unsere Orientierung. Von ihm her lesen wir die Bibel, was immer das dann im Einzelnen heißen mag. Und achtens: Gott kann jederzeit, wo, wann und an wem er will, eine Wirkungseinheit mit der Bibel herstellen. Dieses Wort Wirkungseinheit meint: Gott verwendet die Bibel für seine Ziele. Die Bibel ist sein bevorzugtes Werkzeug. Und so kann Gott jederzeit eine Wirkungseinheit mit der Bibel herstellen, dass die Bibel das bewirkt, was Gott will. Und abschließend habe ich gesagt: Alle Christen auf der Erde glauben: Alles, was Gott durch die Bibel erreichen will, das erreicht er auch.

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Eine höhere Aussage über die Bibel gibt es gar nicht. Das ist die höchstmögliche Aussage. Alles, was Gott durch die Bibel erreichen will, das erreicht er auch. Zur Bibel selber will ich noch sagen: Wir Christen gehen alle davon aus, dass in den heilswichtigen Dingen die Bibel eine verlässliche Orientierungskraft hat, die über alles hinausgeht, was Wissenschaft, Philosophie und Psychologie leisten kann. Die Orientierungskraft der Bibel geht weit über das hinaus, was Menschen mit eigenen Möglichkeiten an Orientierungskraft haben. - In diesen heilsentscheidenden Dingen sind sich alle Christen auf der Welt einig. Jetzt komme ich auf die Unterschiede zu sprechen. Sie sind nicht so wichtig wie die Dinge, in denen Christen sich einig sind.

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Wenn wir diese Einheit der Christen unterschätzen, zu wenig von ihr reden, immer gleich auf die Unterschiede losgehen, dann verachten wir damit Gottes Wirken unter uns. Denn dass wir in diesen Dingen so einig sind, ist Gottes wundervolles Wirken. Wenn wir die Einheit der Christen unterschätzen, unterschätzen wir Gottes Wirken an uns. - Jetzt aber komme ich auf eine zweite, nicht heilsentscheidende Ebene, nämlich auf die Kontroversen und Streitigkeiten und Unterschiede zwischen den Christen im Blick auf das Bibelverständnis. Und zwar konzentriere ich mich auf die entscheidenden Punkte. Christen sind sich im Blick auf das Bibelverständnis nicht einig.

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Und es ist sehr wichtig: An welchem Punkt gehen die Wege auseinander? Denn das, was ich jetzt nochmal kurz zusammengefasst habe, da sind wir uns einig. Und das genügt auch völlig. Wir können von jetzt an ganz tief zusammenarbeiten, miteinander Gottesdienst feiern, ein Fest vorbereiten und so weiter. Aber jetzt der wichtige Punkt, wenn wir Frieden ausbreiten wollen und Verständnis: Wo gehen die Wege auseinander? An welchem Punkt? Es ist nämlich ein ganz bestimmter Punkt, an dem in der Christenheit die Wege auseinandergehen. Und diesen Punkt müssen wir genau lokalisieren und genau verstehen. Die entscheidende Frage, die ein Teil der Christenheit mit Ja beantwortet und der andere Teil der Christenheit mit Nein, diese Frage lautet: Folgt aus der Wirkungseinheit zwischen Gott und der Bibel,

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dass die Bibel selber göttliche Eigenschaften hat? Das ist die entscheidende Frage. Folgt aus der Wirkungseinheit, die alle Christen voraussetzen - alle! -, dass die Bibel selber göttlich ist, also, dass sie göttliche Eigenschaften hat? Es geht dabei vor allem um zwei göttliche Eigenschaften. Hat die Bibel absolute Autorität und ist die Bibel vollkommen? Das sind zwei göttliche Eigenschaften. Also, anders gefragt, hat die Bibel Anteil an Gottes Absolutheit und Vollkommenheit?

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Darauf antwortet ein Teil der Christenheit in allen Kirchen und in allen Konfessionen mit einem ganz klaren Nein. Obwohl sie fest von der Wirkungseinheit zwischen Gott und Bibel überzeugt sind. Also bitte das nicht in Frage stellen. Ein anderer Teil der Christenheit in allen Kirchen und Konfessionen antwortet darauf mit einem ganz klaren Ja. Da gehen die Wege auseinander. Also, ich will es noch einmal wiederholen. Die Wirkungseinheit zwischen Gott und der Bibel ist unbestritten bei allen Christen. Aber was folgt daraus? Gewinnt die Bibel dadurch selber als Buch göttliche Eigenschaften? Ja oder nein? Die Menschen, die auf diese Frage mit Ja antworten, sind liebenswürdige Christen, aufrichtige, liebenswürdige Christen mit bester Absicht, die Gott alle ausnahmslos liebt.

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Von diesen liebenswürdigen Christen, die darauf mit Ja antworten, sagen wir in der Universität: Sie haben ein fundamentalistisches Bibelverständnis. Das fundamentalistische Bibelverständnis ist durch sechs Merkmale charakterisiert, die wird Tine nachher vorlesen. Aber der Grundbaustein, der für alle sechs Merkmale gilt, heißt: Die Bibel hat göttliche Eigenschaften. Sie nimmt Anteil an Gottes Absolutheit und Vollkommenheit. Jetzt möchte ich mal so lieb und so fair und so klar und so kompetent, wie ich halt kann, euch erläutern, dass das falsch ist, dass das ein Irrtum ist, dass man der Bibel mit diesem gut gemeinten Höhenflug keinen Dienst tut, dass man der Christenheit einen Bärendienst tut und auch sich selber langfristig keinen Dienst tut.

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Der Christenheit schon gar nicht, weil diese Überzeugung zu unendlichen Spaltungen und Streitigkeiten geführt hat und noch weiter führen wird. Diese Behauptung ist eine schwere Belastung für die Christenheit. Ich will zunächst mal die wichtigsten Gründe nennen. Ich gehe nicht davon aus, dass man das durch einen Vortrag überzeugend klären kann. Alle liebenswürdigen Christen, die ja meine Schwestern und Brüder sind, die mit Überzeugung sagen: "Ja, die Bibel hat absolute Autorität und den Charakter der Vollkommenheit" - sie sind meine liebenswürdigen Brüder und Schwestern und oft durch Familienerziehung oder durch Gemeindeerziehung geprägt; von der Wiege bis zur Bahre hört man nur diese Gedanken - dann kann man nicht an einem Tag umsteigen.

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Ich habe mal in Jerusalem zufällig einen 20-jährigen US-Amerikaner getroffen, einen supersympathischen Typ, begabt, und er kommt aus einer kleineren amerikanischen Freikirche. Er hörte von der Wiege an nur immer die gleichen Gedanken. Ich habe dann versucht, mich mit ihm mal zu unterhalten. Er hat so gesagt: "Ah, Sie sind Theologieprofessor, europäischer Theologieprofessor" - da haben sich ihm schon die Nackenhaare gesträubt. Und dann habe ich versucht, in maximaler Vorsicht und Herzlichkeit uns mal über das Bibelverständnis zu unterhalten. Ich darf Ihnen in aller Liebe sagen, das war vollkommen ausgeschlossen. Gegen diese 22-jährige wasserdichte Prägung bist du in einem Gespräch chancenlos.

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Ich blieb einfach dabei, ich habe ihn umarmt, war herzlich, dass er wenigstens heimgeht und sagt: "Ich habe einen deutschen Theologieprofessor getroffen, der war eigentlich ganz nett." Ich glaube nicht, dass mehr erreichbar war. Also, warum folgt aus der Wirkungseinheit zwischen Gott und der Bibel nicht, dass die Bibel göttlich ist und göttliche Eigenschaften hat? Ich greife nochmal zurück auf mein Beispiel, ich nehme einen Hammer. Das ist ja ein biblisches Bild: "Mein Wort ist wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert." Also, ich nehme einen Hammer und ich kann ganz leicht mit einem Hammer eine Wirkungseinheit erzeugen. Der Hammer kann das nicht, aber ich. Und ich haue mit dem Hammer einen Nagel genau an die Stelle, wo ich will. Also, ich erzeuge jederzeit mit einem Hammer diese Wirkungseinheit.

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Dadurch wird der Hammer aber kein Mensch. Und das ist ganz wichtig. Die Werkzeuge, die Gott benutzt, werden dadurch nicht göttlich, dass Gott sie benutzt. Wir glauben nur an Gott, an Gott den Vater, an Gott den Sohn und an Gott den Heiligen Geist. Wir glauben nicht an Gottes Werkzeuge. Damit vergöttlichen wir die Werkzeuge. Und die nehmen einen götzenartigen Charakter an. Denn göttlich, ihr Lieben, ist nur Gott und sonst nichts und niemand. Sonst verraten wir die Einzigkeit Gottes. Dies allerdings grundlegend. Also, aus der Wirkungseinheit zwischen Mensch und Hammer folgt nicht, dass der Hammer jetzt menschlich wird. Und aus der Wirkungseinheit zwischen Gott und der Bibel folgt deswegen auch nicht, dass die Bibel jetzt göttlich wird.

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Die Bibel gehört in den Bereich der Schöpfung. Die Inspiration der Bibel, die ich voraussetze, ohne dass ich irgendeine Art von Inspirationslehre habe, weil alle Inspirationslehren, die bisher die Christenheit entwickelt hat, nicht sehr überzeugend sind. Die Inspirationslehren beginnen übrigens sehr spät, erst im 17. und 18. Jahrhundert. Vorher gibt es keine. Martin Luther hat keine Inspirationslehre, Thomas von Aquin auch nicht, Augustinus auch nicht und die alte Kirche auch nicht. Die Bibel selber auch nicht, auch wenn an einer Stelle "theopneustos" steht. Aus einer Stelle wird keine Lehre. Also die ersten wirklich durchüberlegten Inspirationslehren entstehen in der protestantischen Orthodoxie, in der Zeit nach Luther, im 17. und 18. Jahrhundert, und sie reichen bis in den heutigen Fundamentalismus.

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Die Inspirationstheorien, die bisher entwickelt wurden, sind alle nicht überzeugend. Sie haben viele Schwächen. Sie versuchen, ein Geheimnis zu lösen, das wir gar nicht lösen können. Was Inspiration wirklich ist, weiß kein Mensch. Auf welche geheimnisvolle Weise Gott durch die Bibel alles erreicht, was er erreichen will, wie er es macht, weiß kein Mensch. Wir können uns aber darauf verlassen: Das ist ein Wunder. Und gerade weil diese Dinge ein Wunder sind, deswegen sind sie zuverlässig. Aber durchschauen können wir das nicht. Also die Bibel gehört in den Bereich der Schöpfung. Die Inspiration der Bibel ändert daran nichts. Denn ein inspirierter Mensch bleibt trotzdem ein Mensch. Auch der am besten und tiefsten inspirierte Mensch wird durch die Inspiration nicht zum Engel.

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Er bleibt ein Mensch. Und ein inspiriertes Buch bleibt ein irdisches Buch, so wie ein inspirierter Mensch ein irdischer Mensch bleibt. Und das will ich jetzt ein bisschen weiter ausbauen. Die Bibel gehört also in den irdischen Bereich, in den Schöpfungsbereich. Ich sage euch mal ein paar wirklich entscheidende Beobachtungen. Die Bibel ist entstanden. Gott ist nicht entstanden. Aber in der Schöpfung, in Zeit und Raum, entsteht alles. Der Kosmos entsteht, die Erde entsteht, die Steine entstehen, die Pflanzen entstehen, die Tiere, die Menschen, sie altern und sterben. Also in der Schöpfung vollzieht sich alles in Zeit und Raum. Bei Gott nicht. Der Schöpfer unterliegt nicht Zeit und Raum. Von der Bibel können wir sagen, sie hat ein gewisses Alter - von Gott nicht.

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Die Bibel ist entstanden, das Alte Testament, in einem Bereich von 1000 Jahren. Viele tausend Jahre vorher gab es gar keine Bibel. Und dann entsteht die auch nicht auf einen Schlag. Sie wird erst mündlich überliefert, dann schriftlich, dann kommen die ersten Schriften, dann kommen weitere Schriften. Irgendwann werden die Schriften mal gesammelt, und dann wird mal gesagt: Das ist jetzt der Kanon. Also dieser Prozess, der dauert Jahrhunderte und Jahrtausende. Da merkt man, dass die Bibel ein irdisches Phänomen ist. Denn Entwicklungsprozesse bei Gott gibt es nicht. Die Bibel ist ein sichtbarer Gegenstand, das ist nicht unwichtig - Gott ist aber unsichtbar. Gott wohnt in einem unzugänglichen Licht. Die Bibel ist aber ein Gegenstand. Ich habe diesen Gegenstand Bibel zur Hand. Ich habe die Bibel zur Hand.

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Ich kann an meinen Bücherschrank gehen und dann schnapp ich mir die Bibel. Und wenn ich will, vierzehnmal am Tag. Und dann schlage ich sie auf. Aber ich darf euch sagen: Gott habt ihr nicht zur Hand. Ihr könnt Gott nicht aufschlagen. Und glaubt bloß nicht, dass das ein kleiner Unterschied ist, dass das so ein nebensächliches Theologengeplapper ist. Da täuscht ihr euch aber gewaltig. Ob ich etwas zur Hand habe oder nicht zur Hand habe, das ist ein fundamentaler Unterschied. Ich kann an der PH eine Vorlesung halten: "Einführung in die Bibel". Ich kann aber keine Vorlesung halten: "Einführung in Gott". Ja, das ist kein kleiner Unterschied. Und deswegen besteht ein kategorialer Unterschied zwischen Bibel und Gott und deswegen kann die Bibel keine göttlichen Eigenschaften haben. Wir vergötzen dadurch die Bibel.

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Das ist nicht gut. Das ist ein Bärendienst an der Christenheit, auch wenn er noch so gut gemeint ist und schalldicht abgesichert, weil in bestimmten Gruppen gar keine anderen Gedanken reindringen. Und dann wird ganz tief in die Kinderseele und Jugendliche eingepflanzt: "Wenn du unser Bibelverständnis verlässt, dann verlässt du Gott. Dann bist du Gott nicht mehr treu. Dann bist du treulos. Dann bist du untreu." Und dieses Arbeiten mit dem Wort "treu" berührt die tiefsten Schichten der Kinder und Jugendlichen. Denn kein Kind und kein Jugendlicher will treulos gegenüber Gott sein. Ich habe mal in Texas ein Zelt gesehen mit 3000 Teenagern, 10 bis 13 Jahre alt. Vorne stand ein Mann mit Cowboy-Hut und Gitarre, und er sang:

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"We don't believe in evolution. We know creation is true. We don't believe in evolution. We know creation is true." Und glänzende tausende Teenager-Augen. Da kann man auch sagen: Gehirnwäsche. Da kommt man später schwer ran, bei so einer Beeinflussung. Also, dagegen möchte ich jetzt ganz gewichtig sagen: Die Bibel ist entstanden in Zeit und Raum, in einer bestimmten Kultur - Gott nicht. Die Bibel haben wir zur Hand - Gott nicht. Und die Bibel ist ein sichtbarer Gegenstand - Gott nicht. Die Bibel ist in irdischem Vokabular mit irdischer Grammatik geschrieben. Meint ihr, dass im Jenseits mit so einer Grammatik geredet wird?

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Redet man im Jenseits Hebräisch und Griechisch mit irdischer Grammatik? Die Bibel ist aber mit irdischer Grammatik geschrieben, die wir nicht außerhalb von Zeit und Raum voraussetzen können. Das alles zeigt, dass die Bibel nicht im göttlichen Bereich anzusiedeln ist, sondern im geschöpflichen Bereich. Aber der Schöpfer kann in der Schöpfung so wirken, wie er will. Der Schöpfer ist in der Schöpfung anwesend. Und Schöpfung ist ja eine hohe Auszeichnung. Gut, jetzt will ich diesen Gedankengang mal noch weiter konkretisieren. Der nächste Gesichtspunkt, der sehr wichtig ist, wenn wir hier wirklich Klarheit gewinnen wollen in christlicher Freundschaft: Wir müssen im geistlichen Bereich drei Autoritätsebenen unterscheiden.

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Das habe ich von Martin Luther gelernt. Martin Luther, der Reformator, der die Formel "Sola scriptura" aufgebracht hat, der die Bibel in die schönste deutsche Übersetzung gebracht hat, der Reformator, der eine der größten Erweckungen der Weltgeschichte ausgelöst hat, dieser Martin Luther lehrt: Im geistlichen Bereich gibt es drei Autoritätsebenen. Diese Unterscheidung ist genial, sie ist richtig, sie ist biblisch, sie ist klug. Von einem sehr erfahrenen Mann. Und Luther will damit sagen: Im geistlichen Bereich gibt es nicht zwei Autoritätsebenen, sondern drei. Und ich sage euch, der Unterschied, der macht es aus. Es gibt Christen, die unterscheiden nur zwei Autoritätsebenen. Die obere Ebene ist die absolute Ebene,

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das ist die Autoritätsebene von Gott, Jesus Christus, Heiliger Geist und Bibel. Die sind auf einer Autoritätsebene. Und darunter kommt die Autoritätsebene Kirche, kirchliche Ämter, Gesellschaft und so weiter. Luther sagt: Nein, das ist nicht richtig, sondern es gibt drei Autoritätsebenen. Die obere, die absolute Autoritätsebene ist nur Gott der Vater, Gott der Sohn, und Gott, Heiliger Geist - nicht die Bibel. Die Bibel ist die zweite Autoritätsebene, die also im anderen Modell gar nicht vorkommt. Und die dritte Autoritätsebene, die unter der Bibel ist, ist Kirche, Theologie, kirchliche Ämter, Wissenschaft, Politik und was es alles gibt. Das ist alles unter der Bibel. Und deswegen habe ich im ersten Vortrag gesagt: Die Bibel ist die oberste irdische Autorität.

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Damit meine ich aber nicht, dass sie die gleiche Autorität wie Gott hat. Das meine ich damit nicht. Da muss man differenzieren. Also Gott wirkt durch die Bibel. Der Heilige Geist ist nicht auf der gleichen Stufe wie die Bibel, denn der Heilige Geist ist der Herr der Bibel, der Herr. Und die Bibel ist der Diener des Heiligen Geistes. Es gibt natürlich eine Einheit zwischen Herr und Diener. Gibt es, ja, aber man muss trotzdem wissen, wer der Herr ist und wer der Diener ist. Bei der Einheit zwischen Herr und Diener ist durch das Wort Einheit nicht gesagt, dass die auf gleicher Ebene sind. Das ist ein schweres Missverständnis. Also es gibt zwischen Gott und der Bibel eine Wirkungseinheit. Das ist die Wirkungseinheit zwischen dem Herrn und seinem Diener. Denn die Bibel kann nur wirken, wenn der Heilige Geist es will. Und die Bibel wirkt auch nur dann und das, was der Heilige Geist beschlossen hat. Ohne den Heiligen Geist kann die Bibel gar nichts.

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Gut, also die Bibel gehört in den Bereich der Schöpfung. Sie ist zwar die oberste Autorität, die oberste irdische Autorität - also wir alle stehen unter der Bibel. Ich habe mal ein frommes Buch gelesen. Ich lese da nicht lange, weil das tut mir nicht so gut. Ich höre dann meistens bald auf, weil ich merke: Der Mann meint es gut. Es ist ein liebenswürdiger Christ, aber durchblicken tut er nicht. Und dann geht es mir in die Lebenszeit. Dann mache ich das Buch zu. Also der sagt: "Wir stehen unter der Bibel und nicht über der Bibel." Ja, wer sagt denn von sich, dass er über der Bibel steht? Ich kenne gar keinen Christen. Also selbstverständlich stehen wir alle unter der Bibel. Alle, ohne Ausnahme. Der Papst und jeder Theologieprofessor und jede irdische Autorität, mag sie heißen, wie sie will, steht

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unter der Bibel. - Und dann heißt es in diesen Kreisen: Wir dürfen die Bibel nicht relativieren. Jede Relativierung der Bibel ist schlecht. Nein, das stimmt nicht. Wir dürfen die Bibel gegenüber irdischen Autoritäten nicht relativieren. Das stimmt. Aber gegenüber Gott schon. Das ist der Unterschied. Also wir dürfen die Autorität der Bibel gegenüber Theologie, Kirche, Papst, Prediger, Erweckungsbewegung, Missionsgesellschaft und so weiter in der Tat nicht relativieren. Aber das heißt nicht, dass wir sie nicht Gott gegenüber relativieren müssen. Also es gibt drei Autoritätsebenen. Die Autoritätsebene Gottes, die ist absolut. Und wenn man so will - das Wort ist problematisch -:

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Gott ist vollkommen. Ich komme da noch drauf. Das ist ein merkwürdiges Wort. Das steht so gar nicht in der Bibel. In der hebräischen Sprache gibt es gar kein Wort für Vollkommenheit. Das ist ein typisch griechisch-römisches Wort. Die Leute sind hier viel philosophischer, als sie selber merken. Es gibt in der Bibel gar keine Lehre von Gottes Vollkommenheit. Das gibt es überhaupt nicht. Denn diese ganzen Gedankengänge mit Vollkommenheit sind philosophisch- spekulativer Natur. Die Bibel ist gar kein Philosophenbuch. In der Bibel geht es um Gottes wirksame Nähe, um Gottes Wirkung in dieser Welt, um Gottes wirksame Gegenwart. Darum geht es in der Bibel, aber nicht um Gottes Vollkommenheit. Aber wenn man so will, ich würde schon auch sagen, jetzt mal so philosophisch zu formulieren versucht: Ja, Gott ist vollkommen. Aber was wissen denn wir unvollkommenen Wesen über Vollkommenheit? Ist irgendwie papperlapapp.

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Also ich sag mal einen Satz, den ich an der PH immer wieder höre. Da ist eine liebenswürdige Schwäbin, so ein pietistisches Naturtalent, wie die Kirche es braucht. Ich sag immer zu meinen schwäbischen Nachwuchstalenten: Ihr Lieben, wir brauchen euch. Die Kirche braucht euch. Was wären wir ohne euch? Also von diesen von mir sehr geliebten schwäbischen Nachwuchstalenten meldet sich mal wieder so eine aus dem Schwarzwald und sagt: "Herr Zimmer, Gott ist vollkommen und sein Wort auch." Klingt gut, klingt gut. Kann man sich auch gut merken. Dieser Satz wird richtig so zum Slogan, er ist aber trotzdem ziemlich dümmlich, und er steht auch so nicht in der Bibel. Er hat nur eine suggestive menschliche Kraft. Er ist nur eine menschliche Meinung.

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Nein, so einfach geht es nicht. Also wie gesagt, die Vollkommenheit Gottes ist eh für uns ein undurchdringliches Geheimnis, an der die Bibel gar nicht interessiert ist. Denn die Bibel spekuliert gar nicht. Die Rede von der Vollkommenheit Gottes kommt aus der griechischen Philosophie. Natürlich, dieses schwäbische Nachwuchstalent weiß das nicht, dass sie jetzt in irgendwelchen griechischen Spekulationen beheimatet ist. Das weiß sie selber nicht. Ich habe ihr gesagt: "Nein. Also gut, Gott ist vollkommen. Davon können wir schon ausgehen. Aber wie gesagt, was meinen wir denn damit? Gott ist ein unsichtbarer Gott und er wohnt in einem unzugänglichen Licht. Sie können von der Vollkommenheit eines unsichtbaren Gottes doch nicht einfach auf die Vollkommenheit eines sichtbaren Gegenstandes schließen."

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Ich habe auch gesagt: "Das steht nirgends in der Bibel." Sie hat dann irgendwo einen Satz gefunden, Psalm 19, Vers 8: "Dein Wort ist vollkommen." Das steht da tatsächlich, aber das ist ein Übersetzungsproblem. Das ist aber auch der einzige Satz, Psalm 19, Vers 8. Was ist da mit "dein Wort" gemeint? Ja, die Thora. Denn Psalm 19 ist zur Hälfte ein Thora-Psalm. Die Thora, die fünf Bücher Mose, das ist nicht einfach die Bibel. Da müssen wir ein bisschen differenzieren. Also es gibt Thora-Psalmen, die loben die Thora. Und das ist so ein Thora-Psalm. Also es gilt eigentlich nur den fünf Büchern Mose, weil sich die bis dahin schon ziemlich herauskristallisiert haben. Also die Thora ist vollkommen. Was heißt jetzt dieses Wort "vollkommen" im Hebräischen?

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Das ist nicht gut übersetzt. Deses Wort spielt auch im Neuen Testament eine Rolle: "Wollt ihr vollkommen sein?" "Also seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Oder zum reichen Jüngling sagt Jesus - immer diese Übersetzungsproblematik -: "Willst du aber vollkommen sein, dann verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen." Ja, wie kann ein Mensch vollkommen sein? "Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Ich bitte euch, da kann doch irgendwas nicht stimmen. Nein, das ist eben nicht so gemeint. Das ist diese Vollkommenheitsrede, bei der die Betreffenden, die das dauernd im Mund führen, gar nicht wissen, was sie da reden. Sie reden es halt daher. Nein, das muss heißen: "Die Thora ist vollständig." Denn dieser Begriff, der hier steht, kommt aus der Kultsprache, aus der Tempelsprache, und meint: Die geopferten Tiere müssen ohne Fehl und Tadel sein.

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Es darf nicht der halbe Fuß fehlen oder eine Zehe fehlen. Die müssen vollständig sein, unversehrt. Körperliche Unversehrtheit war also notwendig bei den geopferten Tieren. Und dieser Fachausdruck aus der Opfersprache, "unversehrt", das ist aber was anderes wie "vollkommen". Ein Tier kann ja in dem Sinn gar nicht vollkommen sein. Das ist also durch Übersetzungen in die Irre gegangen. Dieser Satz meint: Die Thora ist vollständig, nichts Heilsentscheidendes fehlt - und das wird hier besungen. Und so kommen dann so große Missverständnisse zusammen. Gut, also die Bibel gehört in den Bereich der Schöpfung. Und wir müssen unterscheiden zwischen der Autoritätsebene von Gott, dem Vater, Jesus Christus und dem Heiligen Geist, und der Autoritätsebene der Bibel und dann der dritten Autoritätsebene Kirche, kirchliche Ämter, kirchliche Lehre.

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Die steht unter der Bibel. Da sind wir uns völlig einig. Ich möchte noch ein paar Hinweise geben, warum die Bibel nicht auf der ersten Autoritätsebene steht. Die Freiheit auch der wissenschaftlichen Forschung, die teuer errungen ist und die wir nicht wieder hergeben, die Freiheit der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel hängt mit dieser Unterscheidung zusammen, dass die Bibel nicht göttlich ist. Und zwar habe ich ja schon gesagt: Gott ist nicht entstanden. Gott altert nicht, ist auch nicht in Zeit und Raum zu lokalisieren und Gott ist uns nicht zur Hand. Der Heilige Geist ist auch nicht auf der gleichen Ebene wie die Bibel, denn der Heilige Geist ist der Herr über die Bibel und der Herr über die Wirkungen der Bibel.

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Und jetzt gehen wir zu Jesus Christus. Jesus Christus steht nicht auf der gleichen Autoritätsebene wie die Bibel. Da verleugnen wir die Autorität Jesu Christi. Da rauben wir Jesus Christus den ersten Platz. Jesus Christus gebührt der erste Platz. Es gibt sehr viele christliche Strömungen, Chicagoer Erklärung und vieles andere, da ist zwischen Christus und der Bibel eine undurchdringliche Einheit. Jesus Christus legt die Bibel aus, die Bibel legt Jesus Christus aus. Wir glauben an Jesus Christus. Sie sagen nicht, wir glauben an die Bibel, aber eigentlich müsste man das dann so schlussfolgern. Also Jesus Christus und die Bibel sind eine Einheit, ja, die sind eine Einheit, aber nicht auf gleicher Autoritätsebene, sondern Jesus Christus ist der Herr über die Bibel und die Bibel ist ein Knecht Jesu Christi.

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Das lehrt Martin Luther. Das sind die Ebenen, das sind diese Unterscheidungen der ersten und zweiten Autoritätsebene. Ich bring mal ein paar biblische Beispiele. Am Beginn des Johannesevangeliums heißt es: "Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort." Das kann hier nicht die Bibel sein. Wir können nicht sagen, die sind auf gleicher Augenhöhe. Bibel und Wort Gottes ist für diese Kreise das Gleiche. Du kannst Bibel sagen, kannst auch Wort Gottes sagen. Diese beiden Begriffe sind austauschbar. Die Bibel ist Wort Gottes und Wort Gottes ist die Bibel. Ich glaube auch, dass die Bibel Gottes Wort ist, aber ich glaube nicht, dass da ein Gleichheitszeichen ist, sondern "Gottes Wort" ist der Oberbegriff. Gottes Wort ist viel mehr als nur die Bibel, viel mehr. Ich kann auch sagen: Ein Schwabe ist ein Deutscher.

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Die Bibel ist Gottes Wort. Ja, das stimmt. Ein Schwabe ist ein Deutscher. Aber nicht jeder Deutsche ist ein Schwabe. Und nicht jedes Gotteswort ist die Bibel. Das Gotteswort ist viel mehr als die Bibel. Das werde ich noch erklären. Aber auf jeden Fall, wer ist zum Beispiel Gottes Wort? Jesus Christus. Also ich würde euch mal folgenden Vorschlag machen. Versucht es mal zu trainieren, je nachdem, aus welchen Kreisen ihr kommt. Wenn ihr den Ausdruck "Gottes Wort" benutzt, trainiert euch mal, dass ihr immer sofort an Jesus Christus denkt. Nicht an die Bibel. Erst mal an Jesus Christus. Denn Jesus Christus ist in einem tieferen Sinn Gottes Wort als die Bibel. Zuerst einmal ist Jesus Christus Gottes Wort. Das merkt man im Johannesevangelium: "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort."

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Es ist völlig ausgeschlossen zu sagen: "Im Anfang war die Bibel und die Bibel war bei Gott und Gott war die Bibel." Wenn das aber ausgeschlossen ist, wenn da ein echter Unterschied besteht, wenn man das nicht auswechseln kann, dann kann man nicht einfach sagen, die Bibel ist Gottes Wort und Gottes Wort ist die Bibel. Nein, nur Jesus kommt hier in Frage: "Und das Wort wurde Fleisch." Also zu Jesus Christus sagen wir ja auch: "Er ist der Anfänger und Vollender unseres Glaubens." Das ist nur er. Jesus Christus, der Auferstandene, sagt: "Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden." Da kann man nicht die Bibel einsetzen. Man kann nicht sagen: Der Bibel ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Kann man nicht sagen. Jesus hat uns erlöst, nicht die Bibel. Jesus ist auch gekreuzigt und auferstanden, nicht die Bibel.

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Also wir müssen unterscheiden. Es gibt Kreise - das sind alles liebenswürdige, supergute, ernsthafte, opferbereite Kreise, ich habe eine große Achtung vor ihnen. Also ich meine, es ist tragisch, was ich sage, aber in diesen Kreisen wird nie die Bibel relativiert, weil das ist immer gleich schon ungläubig. Nein, Gott gegenüber müssen wir die Bibel relativieren. Aber gegenüber irdischen Autoritäten nicht. Denn es gibt drei Autoritätsebenen und nicht zwei. So weit mal ein paar Vorbemerkungen, nein, es waren schon viel mehr als Vorbemerkungen, also die erste Hälfte. Ich wende mich jetzt

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mal dem fundamentalistischen Bibelverständnis zu. Das fundamentalistische Bibelverständnis hat sechs charakteristische Merkmale. Aber wie gesagt, der Punkt, wo es auseinandergeht, folgt aus der Wirkungseinheit zwischen Gott und der Bibel und der daraus abgeleiteten Aussage, dass die Bibel göttlich ist. Nein, das folgt daraus nicht. Das ist ein schweres Missverständnis. Aber wenn man dieses Missverständnis jetzt hat und jahrelang pflegt und sich abschirmt, dass da auch gar nichts passiert, und alle anderen Bibelverständnisse abgewertet werden als nicht so gut, dann entsteht so ein gewisser Bereich, ein Biotop, in dem sich das fundamentalistische Bibelverständnis entwickeln kann. Und das hat sechs Punkte. Tine liest mal ganz langsam vor und macht nach jedem Punkt eine Pause. Wir machen mal einen kleinen Test, wo nichts passieren kann.

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Nach jedem Punkt überlegt sich mal im Stillen, innerlich jeder von euch: Stimme ich diesem Punkt - bisher oder wie immer oder weiterhin, macht was ihr wollt, ich bin nicht euer Papa - ganz zu? Stimme ich ihm überwiegend zu? Stimme ich ihm überwiegend nicht zu oder stimme ich ihm gar nicht zu? Also wir müssen lernen, ein bisschen differenziert zu antworten. Das ist natürlich jetzt schnell, wir machen das nur mal als Versuch. Also jedem Punkt kann man entweder ganz zustimmen oder überwiegend zustimmen - damit drückt ihr aus: Ah, ein bisschen Probleme habe ich damit schon - oder ihr könnt überwiegend nicht zustimmen - damit drückt ihr aus: Im Großen und Ganzen lehne ich das ab, aber ein Korn Wahrheit ist da schon drin - oder ihr könnt sagen: Ich stimme ihm gar nicht zu. Also ihr könnt jedes Mal ganz zustimmen, dreiviertel zustimmen, ein viertel zustimmen und gar nicht zustimmen.

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Und jetzt hört ihr mal, dass diese sechs Punkte ein fundamentalistisches Bibelverständnis charakterisieren. Das ist international in jedem wissenschaftlichen Lexikon zu finden. Also ich sage da nichts Neues, das verstehen wir an der Universität unter einem fundamentalistischen Bibelverständnis. "Die Bibel ist verbal inspiriert. Damit ist gemeint, Gott hat die Schreiber der Bibel bis in die Wahl ihrer Worte hinein geleitet. Er hat die Worte ausgewählt und festgelegt. Der eigentliche Autor der Bibel ist Gott." Erstes Merkmal, jeder von euch prüfe sich. "Zweitens: Die Bibel ist Gottes Wort.

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Das heißt, die Begriffe Bibel und Gottes Wort bedeuten das Gleiche. Sie sind austauschbar. Drittens: Die Bibel ist Gottes entscheidende Offenbarung und damit die entscheidende Grundlage des christlichen Glaubens." Nochmal die ersten drei: "Erstens: Die Bibel ist verbal inspiriert. Damit ist gemeint, Gott hat die Schreiber der Bibel bis in die Wahl ihrer Worte hinein geleitet. Er hat die Worte ausgewählt und festgelegt. Der eigentliche Autor der Bibel ist Gott." Schön nachdenken!

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Die Bibel ist Gottes Wort. "Zweitens: Das heißt, die Begriffe Bibel und Gottes Wort bedeuten das Gleiche. Sie sind austauschbar. Drittens: Die Bibel ist Gottes entscheidende Offenbarung und damit die entscheidende Grundlage des christlichen Glaubens." Nochmal der dritte Punkt. Ein sehr wichtiger Punkt. Stimmt er ihm zu überwiegend oder nicht oder wie oder was oder warum? Also drittens nochmal: "Die Bibel ist Gottes entscheidende Offenbarung und damit die entscheidende Grundlage des christlichen Glaubens."

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"Viertens: Wie Gott hat auch die Bibel absolute Autorität. Ihre Autorität ist Gottes Autorität. Was die Bibel sagt, das sagt Gott. Deshalb ist jede Relativierung der Bibel abzulehnen." Da seid ihr jetzt schon ein bisschen befangen, gell? Manches hab ich ja jetzt schon gestreift. [Auf Zuruf aus dem Publikum wird der Text noch einmal gelesen:] "Viertens: Wie Gott hat auch die Bibel absolute Autorität. Ihre Autorität ist Gottes Autorität. Was die Bibel sagt, das sagt Gott. Deshalb ist jede Relativierung der Bibel abzulehnen. Fünftens: In der Bibel gibt es keine Fehler und keine Widersprüche.

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Das gilt auch für ihre geschichtlichen, geografischen, biologischen, medizinischen und astronomischen Aussagen. In der Bibel kann es keine Fehler geben, weil Gott keine Fehler macht. Gott ist vollkommen, also ist es sein Wort auch." [Nochmal:] "Fünftens: In der Bibel gibt es keine Fehler und keine Widersprüche. Das gilt auch für ihre

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geschichtlichen, geografischen, biologischen, medizinischen und astronomischen Aussagen. In der Bibel kann es keine Fehler geben, weil Gott keine Fehler macht. Gott ist vollkommen, also ist es sein Wort auch." "Sechstens: In der biblischen Urgeschichte, Genesis 1 bis 11, geht es um den geschichtlichen Anfang der Menschheit. Adam und Eva waren die ersten zwei Menschen. Alle anderen Menschen stammen von ihnen ab. Die moderne Evolutionstheorie steht im Widerspruch zur biblischen Urgeschichte. Darum kann sie von Christen nicht akzeptiert werden." [Nochmal:] "In der biblischen Urgeschichte geht es um den geschichtlichen Anfang der Menschheit.

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Adam und Eva waren die ersten zwei Menschen. Alle anderen Menschen stammen von ihnen ab. Die moderne Evolutionstheorie steht im Widerspruch zur biblischen Urgeschichte. Darum kann sie von Christen nicht akzeptiert werden." Wir gehen jetzt alle Punkte durch und ich werde in freier Rede diese Punkte charakterisieren. Ich möchte zum Abschluss - bevor ich jetzt diesen Punkten noch einmal entlanggehe, um zu jedem Gedanken mal kurz Stellung zu nehmen - sagen: Das Neue und Charakteristische am Neuen Testament, das es so noch niemals gab, ist der Ausdruck "glauben an", pistoein eis", glauben an.

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Im Hebräischen kann man das gar nicht ausdrücken. Es gibt im Hebräischen das Wort "aman", im Hifil "hä-ä-min", und das bedeutet glauben. Das ist ein ganz neues Wort im Hebräischen, das es im Orient nicht gibt. Und dieses Wort hä-ä-min, glauben, kann man aber nicht unterscheiden in Dativ und Akkusativ: Ich glaube "wem" und ich glaube "an was". Das kann man im Hebräischen grammatisch nicht unterscheiden, im Griechischen aber schon. Es gibt "pisteuein" mit Dativ und "pisteuein eis" mit Akkusativ, "glauben an". Und dieses "glauben an" wird im Neuen Testament zum ersten Mal auf einen Menschen angewandt. Das ist eigentlich für Juden gotteslästerlich. Wir glauben nur an Gott. Auch bei Jesus vor Ostern geht es immer um den Glauben an Gott: "Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn."

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Aber nach Ostern, beim Auferstandenen, entsteht jetzt der Glaube an Jesus Christus. Vor Ostern sagen wir "Jesus aus Nazareth", nach Ostern sagen wir "Jesus Christus". Also mit Jesus Christus meinen wir immer den Auferstandenen, und an ihn glauben wir. Und dieser Ausdruck pisteuein eis, nur dass ihr es mal gehört habt, kommt im Johannesevangelium ungefähr 36, 37, 38 Mal vor. Er wird ein paarmal auf Gott angewandt, völlig klar, in der Mehrzahl der Fälle auch auf Jesus. Nicht ein einziges Mal auf die Bibel, die jüdische Bibel (das Neue Testament gibt es ja noch nicht). Bei Paulus kommt pisteuein eis ähnlich oft vor, sehr oft auf Gott bezogen und sehr oft auf Jesus Christus. Nicht ein einziges Mal auf die Bibel. Bei Lukas vor allem, in der Apostelgeschichte auch,

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also pisteuein eis kommt im Neuen Testament insgesamt vielleicht 80, 90, 100 Mal vor, sehr oft. Aber das Neue Testament achtet akribisch darauf, millimetergenau: Bei fast 100 Stellen ist es kein Zufall, dass "glauben an" nur auf Gott oder auf Jesus möglich ist. Paulus sagt mal: "Ich glaube allem, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht." Aber Paulus sagt nicht: "Ich glaube an die Heilige Schrift." Das ist pisteuein mit Dativ. Auch im Johannesevangelium, wo sehr oft pisteuein eis im Hinblick auf Jesus steht, heißt es in Johannes 2 nach dem Wunder in Kana: "Sie glaubten der Schrift." Das tue ich auch. Aber ich glaube nicht an die Schrift. Es heißt aber auch: Sie glaubten dem Engel. Philippus glaubte dem Engel.

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Sie glaubten Johannes dem Täufer. Sie glaubten der Predigt des Evangeliums. Also der Dativ, der auf die Heilige Schrift angewendet werden kann, "sie glaubten der Heiligen Schrift", kann auch auf andere Dinge angewandt werden. Sie glaubten der Botschaft des Engels. Sie glaubten einem Propheten. Der Kämmerer glaubte Philippus. Also ich kann ohne Weiteres sagen: Ich glaube dir - das ist Dativ - und ich will damit sagen: Ich glaube, dass du jetzt die Wahrheit sagst. Und wenn du ein gutes Vorhaben hast, kann ich sagen: Ich glaub dir, dass du das Vorhaben ernst nimmst. Also wir können öfters zueinander sagen: Ich glaube dir. Aber wir können niemals zu einem Menschen sagen: Ich glaube an dich. Wenn das ein Trainer sagt, ich glaube an dich, dann ist das natürlich so eine metaphorische Redewendung. Aber streng genommen können wir das zu keinem Menschen sagen.

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Also dieser Unterschied zwischen Glaube im Akkusativ, Glaube an, und Glaube im Dativ, der ist dem Neuen Testament sehr wichtig. Und da gibt es in der modernen Bibelwissenschaft mehrere millimetergenaue Untersuchungen. Ich lese aber in der Schrift eines führenden Lehrers einer bibeltreuen Ausbildungsstätte als Kapitelüberschrift: "Unser Glaube an die Heilige Schrift". Das schreibt der Mann als Überschrift. Das tut einem richtig weh. Der ist aber Lehrer an einer bibeltreuen Ausbildungsstätte. Also ihm sind nicht mal diese ABC-Dinge klar. Er meint aber, er ist bibeltreu und die Universitäten sind ganz schlimm. Gut, also nehmen wir das Apostolische Glaubensbekenntnis. Das ist nicht moderne Theologie.

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Das ist im vierten, fünften, sechsten Jahrhundert entstanden, hat also wirklich nichts mit moderner Theologie zu tun. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis wird die Bibel nicht erwähnt, weil sie nicht Gegenstand des Glaubens ist. Die Bibel darf nicht in ein Glaubensbekenntnis gestellt werden, weil wir glauben nicht an die Bibel. Und die Bibel fehlt nicht zufällig im Apostolischen Glaubensbekenntnis. "Die haben es doch gerade mal vergessen." Nein, das Apostolische Glaubensbekenntnis ist über 100, 150 Jahre ganz genau entstanden. Also das Apostolische Glaubensbekenntnis lehrt eine Dreieinigkeit und keine Viereinigkeit. Sehr viele christliche Gruppen schwimmen da im Nebel. Sie schwimmen zwischen einer Dreieinigkeit und einer Viereinigkeit hin und her. "Ich glaube an Gott, ich glaube an Jesus, ich glaube an den Heiligen Geist", und ich höre sehr oft: "Ich glaube an die Bibel."

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Da war eine 20-jährige Abiturientin aus einer Freikirche, da habe ich eine Predigt gehalten und war bei der Familie zum Abendessen. Da sagt die 20-Jährige, ein supernettes Girl, sagt zu mir: "Herr Zimmer, im Religionsunterricht ..." Also die schlimmsten Aussagen über den Religionsunterricht hört man von freikirchlichen Jugendlichen. Die beklagen sich dann immer, dass der staatliche Religionsunterricht nicht so warm und nett ist wie ein freikirchlicher Jugendclub. Nein, das kann ein staatlicher Religionsunterricht nicht sein. Das ist eine ganz andere Aufgabe. Der kann nicht die Wärme eines freikirchlichen Hauskreises haben. Und jetzt sagt diese überbehütete Dame: "Herr Zimmer, stellen Sie sich vor, ich habe Abitur gemacht, in Religion sogar. Ja, ja, meine Religionslehrerin ist ganz nett", - immerhin, das hört man selten -, "aber stell dir mal vor, Siegfried, die hat gesagt: 'Ich glaube nicht an die Bibel, ich glaube an Gott.' Stell dir mal das vor!" 20 Jahre alt, Abitur, 20 Jahre freikirchliche Prägung. Da haben wir den Salat.

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Jetzt gehen wir mal die Punkte durch und ich werde in freier Rede Stellung nehmen, ich versuche es in Liebe und in Bescheidenheit. Hoffentlich drehe ich jetzt nicht arrogant auf, weil dann stehe ich mir selber im Weg. Also ich möchte, dass hier wirklich ein bisschen Klarheit reinkommt. Punkt 1: "Die Bibel ist verbal inspiriert. Damit ist gemeint, Gott hat die Schreiber der Bibel bis in die Wahl ihrer Worte hinein geleitet. Er hat die Worte ausgewählt und festgelegt. Der eigentliche Autor der Bibel ist Gott." Dieser Satz ist ungesund, weil er überzogen ist. Er will zu viel erreichen. Er begnügt sich nicht mit dem gesunden Vertrauen in die biblische Botschaft und in Gott. Das ist diesem Satz zu wenig. Er will es auf des Messers Schneide bringen. Nirgendwo steht in der Bibel so was.

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Und aus dem einzigen Wort "theopneustos", das wir ja alle bejahen, kann man nicht so eine Fuzzel aussagen. Das ist Erbsenzählerei. Im Neuen Testament gibt es diese Angst gar nicht. Dieser Satz, wie er formuliert ist, ist dem Neuen Testament wesensfremd. Denn die Schreiber des Neuen Testaments, die Urchristenheit, sagen wir mal so, hat ein tiefes Vertrauen in die Heilige Schrift der Juden, sagt auch zu dieser Heiligen Schrift "Gottes Wort". Das werden wir gleich klären. Die Bibel ist schon Gottes Wort, aber Gottes Wort ist mehr als die Bibel. Also die liegen nicht auf der gleichen Ebene. Denkt immer daran: Ein Schwabe ist ein Deutscher. So kann man sagen: Die Bibel ist Gottes Wort. Also die Urchristenheit mit dem ganzen Judentum hat ein tiefes Herzensvertrauen in die jüdische Bibel,

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dass Gott ihr entscheidender Faktor ist, wie immer im Einzelnen, und dass man Gott begegnen kann und dass Gott durch die Bibel spricht und dass die Heilige Schrift einen sehr heilsamen Einfluss auf uns hat. Und das genügt. Und dann hat die Urchristenheit noch eine große Freude am Auferstandenen. Also die Urchristenheit hat zwei Autoritäten, während das Judentum nur eine hat, die Thora, die Heilige Schrift. Aber die Urchristenheit hat zwei Autoritäten, nämlich die Heilige Schrift und der Auferstandene. Der Auferstandene ist ja keine Heilige Schrift. Und das ist eine ganz neue Problematik. Also die Urchristenheit hat eine Buchautorität und eine Personautorität. Eine Person ist kein Buch. Wenn Gott in Jesus anwesend ist, dann kann Gott in Jesus anders anwesend sein wie in einem Buch. Ein Buch kann nicht eine Person ersetzen. Ein Buch kann von einer Person erzählen.

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Aber ein Buch kann nicht an die Stelle einer Person treten. Nur in Jesus kann Gott Kinder umarmen. Die Bibel kann keine Kinder umarmen. Also in der Urchristenheit ist die Vertrauensstruktur deutlich anders. (Jetzt hätte ich fast gesagt: zehnmal gesünder, aber dank einer Teilnehmerin passe ich jetzt auf, wenn ich 1000 Mal, 100 Mal oder 10 Mal sage; vielen Dank, das verdanke ich jetzt dieser kritischen Einrede, aus der ich wirklich was gelernt habe!) Also in der Urchristenheit ist die Vertrauensstruktur gesünder. Viel gesünder. Nämlich: Ich vertraue der Heiligen Schrift, und ich vertraue dem Auferstandenen, dass er die Gemeinde führt. Er ist das Haupt der Gemeinde. Er meldet sich. Er leitet die Gemeinde durch den Heiligen Geist. Wenn man diese Vertrauensstruktur hat, hat man gar nicht das Bedürfnis, jedes Wort also "theopneustos" zu verstehen.

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Theopneustos ist ja viel allgemeiner, daraus kann man jetzt keine Fuzzellehre machen. "Gott sucht die Worte alle raus, er ist der eigentliche Autor" - das hat was Erzwungenes. Dahinter steckt Sorge, Angst. Man will sich absichern. Und wenn man sich so absichern will, lebt man schon gar nicht mehr in einem tiefen, gesunden Vertrauen. Man muss schon eine Bollwerkhaltung haben. Also, übrigens, Autor der Bibel sind immer zwei, der Mensch und Gott. Man kann nicht sagen: "Gott ist der eigentliche Autor." Das ist unbiblisch, weil es gibt sehr viele Bibelzitate im Neuen Testament und im Alten Testament wie: "wie der Prophet Jesaja sagt". Da werden sogar Sätze gesagt, die im Jesaja-Buch Gott selbst sagt, also direkte Gottesrede; es heißt aber trotzdem: "Wie der Prophet Jesaja sagt." Im Buch Amos heißt es: "Die Worte des Amos." Es heißt nicht "Gottes Wort".

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Oder im Jeremia-Buch, das ist ein Sonderfall - das ist ein Thema für sich, wie die Buchanfänge im Alten Testament sich entwickelt haben. Da heißt es: "Die Worte des Jeremia", es heißt aber auch: "Gottes Wort geschah zu Jeremia." Aber obwohl es auch heißt: "Gottes Wort geschah zu Jeremia" - also man kann ruhig sagen: Das Jeremia-Buch ist Gottes Wort -, muss man aber genauso weiterhin sagen: Es sind die Worte des Jeremia. Also man kann nicht sagen: Gott ist der eigentliche Autor. Dann wird der menschliche Autor unterschätzt und ausgebootet, was die Bibel selber so gar nicht macht. Eine gründliche Analyse sämtlicher Anfangsbezeichnungen biblischer Schriften zeigt, dass das hier gar nicht biblisch ist und überzogen ist und dass dahinter eine ungesunde Ängstlichkeit steht.

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Wenn wir ein tiefes Herzensvertrauen in die Heilige Schrift haben - und das dürfen und sollen wir haben - und ein tiefes Herzensvertrauen an den Auferstandenen, was wollt ihr denn eigentlich mehr? Ist euch das nicht genug? - "Zweitens: Die Bibel ist Gottes Wort, das heißt, die Begriffe Bibel und Gottes Wort bedeuten das Gleiche. Sie sind austauschbar." Ja, das ist ein Irrtum, ein schwerer Irrtum. Da ist zwar ein dickes Korn Wahrheit drin, aber insgesamt handelt es sich hier um einen Irrtum. Wenn wir den Ausdruck "Gottes Wort", "dawar Jahwe", wenn wir das millimetergenau untersuchen, alle Vorkommnisse im Alten und Neuen Testament, das ist in der modernen Bibelwissenschaft vielfach gemacht worden; sämtliche Stellen, die es gibt,

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sind mehrfach millimetergenau untersucht worden. So fleißig ist die moderne Bibelwissenschaft. Und dann stellt man fest: Der Ausdruck "Gottes Wort", logos theou, hat in der Bibel vier Bedeutungen. Das kann man exegetisch glasklar erkennen, ist auch nicht umstritten, aber da muss man sehr genau, mit offenem Visier, ohne Scheuklappen, einfach mal ergebnisoffen in der Bibel forschen. Und dann stellt man fest: Die erste Gestalt von Gottes Wort sind die Schöpfungsworte. Und Gott sprach: "Waie hi or" - "Es werde Licht!" Also Gott sprach: "Es werde Licht" - das ist ja Gottes Wort. Und es heißt dann immer so: Und Gott sprach: "Es werde eine Feste." Und Gott sprach: "Das Wasser sammle sich." Und Gott sprach: "Die Erde werde grün", und so weiter.

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Das ist ja Gottes Wort, das ist doch nicht die Bibel. Und dieses göttliche Schöpfungswort - da gab es ja gar keine Bibel bei der Schöpfung - ist ein mündliches Wort. Was ist das überhaupt für ein Wort? Das ist ein geheimnisvolles Wort. Und an wen richtet sich dieses Wort? An den ganzen Kosmos, an das ganze Sein. Denn Gott schafft ja Sonne, Mond und Sterne, die Galaxien. Gott schafft auch die Würmer, die Steine. Aber es gibt keine Bibel für Würmer. Es gibt auch keine Bibel für Ameisen. Es gibt keine Bibel für Hunde. Aber Gottes Wort gibt es für Ameisen und für Hunde, weil das sind alles Geschöpfe Gottes. Das heißt, der Einzugsbereich, der Geltungsbereich, der Adressatenbereich von Gottes Schöpfungsworten ist grundsätzlich ganz anders als der von der Bibel. Die Bibel richtet sich nur an Menschen, nicht an Tiere und auch nicht an Steine. Aber Gottes Wort richtet sich an alles.

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Deswegen könnt ihr das nicht einfach vermischen. Das zweite "Gottes Wort" ist das mündliche Wort der Propheten, also der von Gott beauftragten Menschen. Die Propheten sprachen alle mündlich. Jeremia hat einmal einen Brief geschrieben, aber das ist eine extreme Ausnahme. Warum sprachen sie mündlich? Ja, das hat viele Gründe, zunächst mal kulturgeschichtliche. Im achten, siebten Jahrhundert konnte kaum ein Mensch lesen und schreiben in Israel, nur am Königshof, in staatlichen Heiligtümern, bei Großhandelskaufleuten. Aber nur eine dünne Minderheit konnte lesen und schreiben. Aber das ist nicht der einzige Grund. Die Propheten sagten auch deswegen alles mündlich, weil nur das mündliche Wort geschieht. Nur das mündliche Wort ereignet sich. Das schriftliche Wort ist schon Dokument. Das schriftliche Wort kann ich besitzen.

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Also ich kann euch sagen, ich habe ein paar tausend Bücher daheim. Ich habe wahrscheinlich mehr Bücher daheim wie ihr. Ich habe mehr Bücher gelesen als ihr, nehme ich mal an. Und schon wird man eingebildet und arrogant. Also ich kann mich zum Herrn über das schriftliche Wort viel leichter machen, weil ich besitze es, es ist mir zur Hand, ich bin ein gebildeter Mensch (ich rede jetzt nur töricht, gell?). Aber das mündliche Wort ist ein fremdes Wort. Das kann ich nicht packen, ich kann es nicht festhalten. Es ist da und es ist weg. Es kommt und es geht. Und deswegen wohnt Gott und wohnt der Auferstandene mit Vorliebe im mündlichen Wort. Das mündliche Wort ist ein fremdes Wort, das einen echten Widerstand hat, über das ich mich nicht zum Herrn machen kann. Und auch deswegen reden die Propheten mündlich. Jesus redet auch nur mündlich, obwohl zu seiner Zeit die Mehrzahl der Männer schreiben konnte. Jesus hat nicht mal seine Gleichnisse schriftlich herausgebracht.

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Der hat nicht mal einen Brief geschrieben wie Paulus später oder der Lehrer der Gerechtigkeit in Qumran - ja, der hat wenigstens mal einen Brief geschrieben. Aber Jesus hat alles mündlich gesagt. Und er hat seinen Jüngern keinen Verschriftlichungsauftrag gegeben. Der hat weder in den Abschiedsreden noch im Missionsauftrag gesagt: "Dass ihr mir dann auch meine Worte mal ziemlich schnell aufschreibt." Wundert ihr euch eigentlich darüber, dass das nicht kommt? Deswegen entstehen die Evangelien so spät. Denn es gibt keinen Verschriftlichungsauftrag Jesu an seine Jünger. Darüber solltet ihr mal nachdenken. Das ist ein big point. Da habe ich noch gar keine Freikirche getroffen, die darüber nachgedacht hat. Aber wir sollten erst mal über das ABC nachdenken, bevor wir so Futzelmatentel machen. Also die zweite Gestalt von Gottes Wort ist Gottes mündliches Wort. Auch die Apostel haben nur mündlich gepredigt.

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Erst als die Gemeinde entstanden ist, haben sie ihr auch Briefe geschickt. Es gibt aber keine urchristliche Gemeinde, die durch das Lesen von Schriften entstanden ist. Gibt es nicht. Alle urchristlichen Gemeinden sind durch das mündliche Wort des Evangeliums entstanden. Also wenn ihr das bitte angemessen ernst nehmt, falls ihr wirklich biblisch werden wolltet - überlegt es euch gut. Die zweite Gestalt von Gottes Wort ist Gottes mündliche Wort. Denn nur das mündliche Wort geschieht. Nur das mündliche Wort ist ein fremdes Wort, über das ich mich nicht so einfach zum Herrn machen kann. Deswegen liebt Gott das mündliche Wort. Die dritte Gestalt von Gottes Wort ist Jesus Christus selber. Er ist Gottes Wort. Die Bibel kann nur Gottes Wort sein, soweit sie mit Jesus Christus übereinstimmt.

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Denn er ist in einem tieferen Sinn Gottes Wort als die Bibel. Und jetzt viertens: Die vierte Gestalt von Gottes Wort ist das geschriebene Wort Gottes. Also im Unterschied zu dieser fundamentalistischen Oberflächlichkeit und Einseitigkeit, die den Schreibern selber überhaupt nicht bewusst ist, möchte ich sagen: In Wahrheit gibt es vier Gestalten von Gottes Wort. Die Bibel ist auch Gottes Wort, als eine von vier Gestalten. - Machen wir mal weiter. "Drittens: Die Bibel ist Gottes entscheidende Offenbarung und damit die entscheidende Grundlage des christlichen Glaubens." Das ist eine Halbwahrheit. Das ist nicht falsch, aber es ist auch nicht klärend gut ausgedrückt.

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Gottes entscheidende Offenbarung ist ganz allein Jesus Christus. Die Offenbarung im Fleisch, in einer Person. Gott hat sich am tiefsten in einer Person offenbart. Als Gott sich in Jesus offenbart hat, gab es noch gar kein Neues Testament. Die ersten Christen wurden gewonnen durch Jesus und durch die Apostel und nicht durch ein Stück Papier. Gott kann sich in einem Menschen noch ganz anders offenbaren als in einem Buch. Deswegen haben wir Christen nicht einfach eine Buchreligion. Der Islam ist schon eher eine Buchreligion, aber für uns Christen ist die entscheidende Offenbarung Gottes Jesus Christus. Die Bibel ist auch eine sehr wichtige Offenbarung. Also man kann sagen, die zweitwichtigste. Herr Wilfried Härle, der gestern da war, sagt in seiner Dogmatik:

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Jesus Christus ist die primäre Offenbarung Gottes. Die Heilige Schrift ist die sekundäre Offenbarung Gottes. Beide bilden eine Einheit. Man darf die beiden nicht gegeneinander ausspielen, aber es ist die Einheit von Herr und Diener. Aber dass man nur die Bibel die entscheidende Offenbarung nennt und Jesus Christus weglässt, das zeigt: Im Fundamentalismus ist Jesus letztlich getragen von der Bibel. Eigentlich glauben die an die Bibel, und weil sie an die Bibel glauben, glauben sie natürlich auch an Jesus Christus. Ich glaube aber an Jesus Christus, und weil ich an Jesus Christus glaube, nehme ich auch die Bibel sehr ernst. Man darf nie die Bibel vor Jesus stellen. In der Lausanner Erklärung zur Weltevangelisation steht als erster zu klärender Punkt unser Bibelverständnis, als zweiter zu klärender Punkt unser Jesus-Christus-Verständnis. Sehr problematisch.

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Man stellt die Bibel vor Jesus. Lebt Jesus von der Bibel oder lebt die Bibel von Jesus? Die Bibel - jetzt nehmen wir mal das Neue Testament - dreht sich um Jesus Christus. Aber Jesus Christus dreht sich nicht ums Neue Testament. Also ohne das Neue Testament wüssten wir auch nicht viel über Jesus Christus. Das stimmt, das ist ja einer der Punkte. Ohne die Bibel wissen wir auch nicht viel über Jesus. Wir können unser Jesusbild nur aus der Bibel gewinnen. Das stimmt, aber das heißt nicht, dass Bibel und Jesus Christus auf der gleichen Ebene sind. Das sind diese fundamentalistischen Schnellschüsse. Sagen wir mal ein Beispiel: Alexander der Große hat den ganzen Orient neu organisiert. Nehmen wir mal an, dass es über Alexander den Großen nur eine einzige schriftliche Quelle gäbe.

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Dann könnten wir sagen: Wir wissen alles über Alexander den Großen nur aus dieser Quelle. Ja, ihr Lieben, ja, das stimmt. Trotzdem aber war es Alexander der Große, der den Orient neu strukturiert hat, und nicht diese Quelle. Trotzdem müssen wir unterscheiden zwischen dem Zeugnis und dem Bezeugten. Die Bibel, das Neue Testament, bezeugt Jesus Christus. Das stimmt, Gott sei Dank. Und zwar ist es das beste, einzig tiefe Zeugnis über Jesus Christus, das wir haben. Aber Jesus Christus bezeugt nicht das Neue Testament. Er steht über dem Neuen Testament. Wir glauben an Jesus Christus. Also, die entscheidende Offenbarung ist Jesus Christus in Person. Aber mit zur entscheidenden Grundlage der Christenheit gehört auch die Bibel. Aber in der Reihenfolge: Primäre, entscheidende Grundlage ist Jesus Christus,

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sekundäre, mitentscheidende Offenbarung ist die Bibel. Beides zusammen ist die Grundlage. Aber an erster Stelle Jesus Christus. Gehen wir noch zu den nächsten Punkten. Nur dass Sie sehen: Man kann keinem dieser Punkte wirklich zustimmen. "Viertens: Wie Gott hat auch die Bibel absolute Autorität. Ihre Autorität ist Gottes Autorität. Was die Bibel sagt, das sagt Gott. Deshalb ist jede Relativierung der Bibel abzulehnen." Okay, das habe ich eigentlich schon behandelt. "Jede irdische Relativierung der Bibel ist abzulehnen" - in der Tat: Wir stehen alle unter der Schrift. Selbstverständlich. Aber das heißt nicht, dass die Heilige Schrift absolute Autorität hat. Absolute Autorität hat nur Gott. "Fünftens: In der Bibel gibt es keine Fehler und keine Widersprüche.

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Das gilt auch für ihre geschichtlichen, geografischen, biologischen, medizinischen und astronomischen Aussagen. In der Bibel kann es keine Fehler geben, weil Gott keine Fehler macht. Gott ist vollkommen, also ist es sein Wort auch." Diese Angst vor den Fehlern! Ein Kollege von mir, Pädagogik-Professor an der PH Ludwigsburg, hat eine Doktorarbeit geschrieben mit dem Titel: "Fehler zeichnen uns aus. Wir brauchen eine fehlerfreundliche Schule." Aus Fehlern lernt man sehr viel. Hat ein Liebesbrief, der sechs Fehler hat, weniger Wirkung? Jetzt kriegst du einen Liebesbrief und da sind ein paar Fehler drin. Ich sage euch, da ist sogar zwischen Satz 11 und Satz 19 ein bisschen Widerspruch. Mindert das die Wirkung von einem Liebesbrief?

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Oder ihr werdet von einem Gerichtsurteil ins Gefängnis bestellt. Das Gerichtsurteil hat aber drei Tippfehler ... Diese unsinnige, ängstliche, kleinkarierte Verquickung von Wahrheit mit Fehlerlosigkeit ist ein schwerer Engpass. Sie dürfen nicht Wahrheit mit Fehlerlosigkeit verwechseln. Die Wahrheit der Bibel ist so tief, so zuverlässig. Die Bibel hat in relativ unwichtigen Dingen viele Fehler, Hunderte. Das macht nichts. Es ändert nichts an der Qualität, dass Gott durch die Bibel wirkt. Es sei denn, dass ihr behaupten wollt - das müsst ihr aber vorher mit Gott mal abklären -: "Also wenn es in der Bibel Fehler gibt, dann kann Gott durch die Bibel nicht mehr wirken." Ich halte diese Aussage für ziemlich idiotisch. Ich mache euch einen ganz anderen Vorschlag.

77:01
Die Widersprüche der Bibel - lernt sie zu lieben. Sie sind sehr produktiv. Sie sind eine Einladung zu tieferem Nachdenken. Die glattgebügelte Bibel ... Ich sage euch mal, ihr möchtet, dass die Bibel fehlerlos und widerspruchslos ist, und sagt: "Das erwarte ich von der Bibel. Also meine Frömmigkeit sagt mir: Ich brauche klare Sachen, ich brauche einfach eine Bibel ohne Widerspruch. Ich muss ja wissen, wo ich dran bin." Und so macht man sich zum Herrn über die Bibel. "Also meine Frömmigkeit verlangt eine fehlerlose und widerspruchslose Bibel. Das verlangt mein Frömmigkeitsstil." Ich sage euch: Meiner nicht. Ich möchte, dass die Bibel so ist, wie sie ist. Die Bibel darf sein, wie sie ist. Hier heißt es auch: "Die Bibel kann keine Fehler haben." Also das heißt, der, der das glaubt, der muss eigentlich gar nicht in der Bibel lesen.

78:01
Hat er Erste Chronika und Zweite Chronika mal gründlich durchgelesen? Nein, hat er nicht. Bevor er das liest, sagt er: Die Bibel kann keine Fehler haben. Also das ist gar nicht Produkt von tiefem Bibellesen, sondern das ist ein Bild, das man über die Bibel drüberschmeißt, bevor man sie gelesen hat. Den Satz kann man sagen, bevor man überhaupt die Bibel liest. Das ist einfach eine dogmatische Prämisse: Meine Bibel muss fehlerlos und widerspruchslos sein, sonst kann ich nicht glauben. Basta! So machen sich die Frommen zum Herrn über die Heilige Schrift. - "Sechstens: In der biblischen Urgeschichte, Genesis 1 bis 11, geht es um den geschichtlichen Anfang der Menschheit. Adam und Eva waren die ersten zwei Menschen. Alle anderen Menschen stammen von ihnen ab. Die moderne Evolutionstheorie steht im Widerspruch zur biblischen Urgeschichte. Darum kann sie von Christen nicht akzeptiert werden."

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Seit ungefähr 1850 beginnt die archäologische Erforschung des vorderen Orients. Ungefähr 1855 hat man die Bibliothek von König Assurbanipal in Ninive entdeckt. Über 30.000 Tontäfelchen-Schriften, sie sind bis heute alle übersetzt und ausgeforscht. Die größte Textentdeckung der Weltgeschichte. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts - später gab es auch in Ugarit in Syrien die große Entdeckung kanaanäischer Schriften - haben wir diese Entdeckungen. Unsere Kenntnis des Orients ist im Grunde nur 100 bis 150 Jahre alt. Die pietistischen Väter, in allem Respekt, und die Reformatoren haben davon noch nichts gewusst. Das mindert gar nicht ihre Qualität. Aber forschungsgeschichtlich muss man das wissen: Das tiefere Wissen über den Orient beginnt ab 1850. Und diese Vergleichsmöglichkeiten, die wir haben, zeigen, dass es altorientalische Erzählformen gibt, die wir nicht kennen,

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ätiologische Erzählungen und so weiter. Unsere Erzählformen ändern sich mit der Industrialisierung. Da kommt die Reportage auf, der Bericht, und Sage, Legende, Fabel, Ätiologie gehen verloren; durch den historischen Wandel gehen auch die Märchen verloren, weil es in den Märchen keinen historischen Wandel gibt. Also die vorindustriellen Erzählformen sterben ab. Und die moderne Industriegesellschaft bringt ihre eigenen Erzählformen hervor. In der Bibel gibt es orientalische Erzählformen, das ist ihre Heimat. Die sind Gottes Wort, die sind Gottes inspiriertes Wort. Die sind zuverlässig. Sie haben höchste Autorität - irdisch gesehen, keine höhere Autorität -, aber ihre Wahrheit liegt nicht auf der historischen Ebene.

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Die Erzählung von Adam und Eva, das hat die moderne Bibelwissenschaft durch genaue Textstudien herausgefunden, ist von den Schreibern gar nicht historisch gemeint. Ihr könnt die Vorträge von mir dazu im Internet lesen. Können Adam und Eva historische Personen gewesen sein? Nein. Da macht man diese Texte kaputt. Was wäre das auch wichtig, was vor ein paar tausend Jahren mal passiert ist? Adam und Eva sind die exemplarischen Repräsentanten für die wichtigsten Phänomene des menschlichen Daseins und gelten für alle Zeit, immer. Also die biblische Urgeschichte ist Gottes inspiriertes Wort. Sie ist durch und durch zuverlässig. Erfunden ist da gar nichts. Denn diese Texte kommen aus dem Heiligen Geist, aus dem Gebet und aus brüderlichen Gesprächen,

82:03
bis man sich im Gewissen sicher ist. So können wir sagen: In viel Gebet wird das geprüft. Erfunden ist hier überhaupt nichts. Diese plumpe Alternative: "Ist die Bibel Dichtung oder Wahrheit?" So heißt der Titel eines fundamentalistischen Buches: "Ist die Bibel Dichtung oder Wahrheit?" Ja, ist Dichtung Lüge? Was ist denn das für eine Alternative? Es gibt in der Bibel fiktionale Texte: Die Josefs-Novelle, das Buch Hiob, die Erzählung von Adam und Eva. Es gibt auch Geschichtserzählungen: Thronfolge Davids und so weiter. Das sind geschichtliche Erzählungen, viele andere auch. Aber selbst die geschichtlichen Erzählungen des Orients haben nicht unser Geschichtsverständnis. Sie haben nicht das Verständnis von Geschichte wie moderne Texaner. Also die biblische Urgeschichte steht zu Recht am Beginn der Bibel.

83:05
Sie gibt aber keine Informationen über die Anfänge der Menschheit. Sie ist auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt. Die biblische Urgeschichte ist Gottes inspiriertes Wort, äußerst zuverlässig, durch und durch wahr, von hoher Autorität. Aber die Zuverlässigkeit und Wahrheit der biblischen Urgeschichte liegt nicht auf der historischen Ebene. Zur Evolutionstheorie kann man stehen, wie man will. Es gibt zurzeit keine gleichrangigen anderen Vorstellungen. Ich will darauf jetzt nicht eingehen. Aber man kann die Evolutionstheorie nicht aus biblischen Gründen ablehnen. Das ist ein schweres Missverständnis. Also ich muss jetzt an dieser Stelle aufhören, ich habe einen ganzen Vortrag gehabt für so ein Thema. Ich möchte sagen: Wir brauchen wirklich erst mal geschwisterlichen Frieden.

84:05
Alle Christen, die zu einem fundamentalistischen Bibelverständnis mehr oder weniger neigen, haben mein volles Verständnis. Sie sind meine lieben Schwestern und Brüder. Ihre Absichten sind gut. Sie sind opferbereit, engagiert. Aber durch irgendwelche Umstände sind sie in dieses Bild hineingeraten. Es ist ein bestimmtes Bild von der Bibel. Ich finde es für die Zukunft der Christenheit sehr wichtig, dass unsere evangelistische Hingabe, unser Sehnen nach Erneuerung der Christenheit, lebendige Gottesdienste, wo Kinder und Jugendliche wieder kommen, dass der christliche Glaube wieder im besten Sinne ein Abenteuer wird, dass wir fasziniert sind von unserem Gott und dass wir aus ganzem Herzen im Vertrauen auf den Heiligen Geist

85:04
zu Kindern, Jugendlichen, zu Menschen gehen und sie gewinnen. Das ist alles bestens. Aber führen wir uns nicht selber in eine unnötige Enge. Langfristig ist der beste biblische Hintergrund für solche Bemühungen und Sehnsüchte nach einer Erneuerung der Christenheit eine verantwortliche Sicht der Bibel, die nicht eng geführt ist und die nicht andere Formen des Bibelverständnisses verdächtigt. - Wenn bestimmte Schwestern oder Brüder unter euch sagen möchten: "Ich möchte in diesem Bibelverständnis bleiben" - das dürft ihr gerne. Mein letztes Beispiel: Ich habe eine Studentin in der Schulpraxis neben mir gehabt. Ich habe gefragt, wo sie herkommt, weil die Schüler gerade Stillarbeit hatten und wir etwas Zeit hatten. Sie meinte: "Ich komme aus XY." Da sag ich: "Ja, da komm ich auch her."

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Sie kam also aus dem gleichen Ort wie ich. Da war sie völlig erstaunt. Und ich hab sie gefragt, wo sie geistlich herkommt. Sie meinte: "Ach, das kennen Sie sowieso nicht." Ich sagte: "Sagen Sie es mal!" Es war die Volksmission entschiedener Christen. Dort hat Gott mich zum Glauben gebracht. Es ist eine Pfingstgemeinde. Sie war fünf bis acht Jahre lang in der Pfingstgemeinde. Da kam sie her, und ich sagte: "Doch, kenne ich. Grüße mal den Sowieso." Da ist sie schier in Ohnmacht gefallen. Sie war so ängstlich. Sie hat immer Sonntagsschularbeit gemacht in der Volksmission, seit Geburt an hermetisch abgeriegelt. Ihr Herz war sehr ängstlich. Sie konnte sich in der ganzen PH-Zeit nicht öffnen, obwohl ich aus der gleichen Volksmission komme. Ich habe ihr auch mal gesagt: "Wissen Sie, ich bin genauso gläubig wie Sie. Ich habe die gleiche Jesusliebe wie Sie." Es hat aber alles nichts geholfen.

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Zwei Drittel unserer eng geführten Nachwuchstalente können wir im Laufe von sechs Semestern öffnen. Ungefähr zwei Drittel. Diese Studentin habe ich dann am Ende ihrer Studienzeit wiedergetroffen und habe zwischen Tür und Angel habe ich zu ihr gesagt: "Na, Frau Sowieso, wie geht es Ihnen denn? Haben Sie sich ein bisschen öffnen können?" Da sagt sie: "Nein, Herr Zimmer, ich habe mich nicht öffnen können. Es tut mir nicht gut." Und dann habe ich ihr gesagt: "Dann ist es auch gut. Dann bleiben wir trotzdem Freunde." Wenn Sie wirklich so merken, dass es Ihnen nicht guttut, dann dürfen Sie sich schützen. Wir sind trotzdem Schwestern und Brüder. Das gilt, aber ein bisschen schade ist es schon.

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Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann | 4.5.1

Worthaus 4 – Heidelberg: 22. Juni 2014 von Prof. Dr. Siegfried Zimmer

Ist die Bibel göttlich, ist sie unfehlbar, ist sie vollkommen? Ja, würden viele Christen auf diese Frage antworten. Nein, antwortet Siegfried Zimmer. Er nimmt einer gut gemeinten, aber unangemessenen Sicht auf die Bibel den Wind aus den Segeln. Göttlich ist nur Gott, lautet Zimmers Credo. Schließlich sei die Bibel entstanden, Gott aber nicht, schließlich habe die Bibel einen Entwicklungsprozess, Gott aber nicht, schließlich sei Gott fehlerlos, die Bibel aber nicht. Zimmers Botschaft ist herausfordernd, steckt aber voller Aha-Momente.