Trotzkraft also, ich persönlich liebe dieses Wort. Es spricht schon eine ganze Weile mit mir, es lebt mit mir, und dass ihr mir ein mir so liebes Wort als Thema gebt, das hat mich sehr berührt. Und ganz ehrlich, dass ich darüber sprechen darf, hat mich auch überrascht, weil das Wort Trotzkraft gar nicht in der Bibel vorkommt. Und vielleicht muss ich kurz unterbrechen, bevor ich beginne, denn muss ein Wort jetzt in der Bibel vorkommen, um ein Wort für Worthaus zu sein? Ich habe gerade gelernt, Gelassenheit muss das ja auch nicht unbedingt. Ist die Frage vielleicht gar nicht so wichtig? Aber es hatte wohl mit meinen Erwartungen an Worthaus zu tun, daraus erklärt sich dieser Anspruch, zu den Fragen unserer Zeit zu sprechen mit Bezug zur Bibel. Ich finde die Frage von Worthaus 11 so brennend: Gibt es noch Hoffnung, Grund für Zukunftslust und
Hoffnungsmut? Und ich will diese Kraft gerne aufspüren, weil ich sie selber so dringend brauche in unserer Zeit. Das Wort "Trotz" jedenfalls kommt 23 Mal in der Bibel vor, ungefähr, je nach Übersetzung. "Trotzdem" wird 47 Mal erwähnt, lamrotta kol, "trotz alledem" oder hypemeno, "ausgehalten", "widerständig", "dennoch" 41 Mal. Das Wort "Kraft" kommt 335 Mal vor, "Widerstand" 14 Mal und "widerständig", also wirklich so ausgesprochen, kommt genau einmal vor im Jakobusbrief, fünftes Kapitel: "Siehe, wir preisen die glücklich, die widerständig waren." Wir könnten vorsichtig sagen, die Idee der Trotzkraft ist biblisch. Bevor ich dazu gleich mehr sage, muss ich mich nochmal unterbrechen. Mein kleines Büchlein mit dem Titel "Trotzkraft" entstand während der Hochphase der Pandemie. Als Livekonzerte nicht möglich waren und als dann
irgendwann alle Schreibaufträge erledigt waren, habe ich Ben gefragt: "Was jetzt?" Und Ben sagt: "Ja, schreib doch ein Buch." "Über was soll ich schreiben?" Er sagt: "Was beschäftigt dich?" Ich sage: "Wie wir das schaffen, wie wir durchhalten, so durchhalten, dass wir unsere Haltungen nicht verlieren. Über Resilienz denke ich nach." Dr. Ben Seipel meinte: "Resilienz klingt zu wissenschaftlich für dich. Wie sagt denn eine Lyrikerin zu Resilienz?" Ich sage: "Trotzkraft." Er sagt: "Siehst du, den Titel hast du schon." Und auch das muss ich ehrlich sagen: Ich arbeite nicht in der Wissenschaft. Ich schätze die Theologie sehr. Ich liebe die Theopoesie. Trotzdem, trotzdem stehe ich hier, sozusagen Verkörperung meines eigenen Themas: Trotzkraft. Und das muss ich auch noch ehrlich sagen: Ich bin ganz schön aufgeregt. - Dann merkte ich, das Wort "Worthaus" kommt auch nicht in der Bibel vor. Und das Wort Worthaus liebe ich. Dieser Name ist so genial und geistreich. Und
wirklich, ich finde mich darin wieder, denn Worte sind für mich eine Behausung, ein Dach für meine Seele, und ganz besonders die Bibel. Ich könnte wirklich sagen, ich wohne in ihr. Nicht in allen Zimmern gleich gerne, aber gut. Die Bibel beginnt mit B. Erste Textseite: Be-reschit bara. "Am Anfang", wird das oft übersetzt. Buchstäblicher könnten wir übersetzen: "beim Beginn". Beim Beginn schuf Gott Himmel und Erde. Es gibt manchmal Leute, die sagen mir, ich soll die Bibel wörtlicher nehmen. Ich sage: Ich nehme sie sogar buchstäblich. Wir könnten auch meinen, das ist doch nur ein Buchstabe, also ob die Bibel jetzt mit A oder B oder X, Y beginnt, macht doch keinen Unterschied. Oder aber, wir ahnen, wie schwer der erste Satz ist und das erste Wort. Ich habe bei meinem Lehrer Jürgen
Ebach ein ganzes Semester lang nur über das Beth, den ersten Buchstaben der Bibel, eine Vorlesung genossen. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, aber so war es am Ende. Nur weil ich da gerade bin, um es einmal offen zu legen: Neben Jürgen Ebach sind meine Lehrerinnen auf jeden Fall Dorothee Sölle, die Neutestamentlerin Claudia Janssen, und die Rabbinerin Gell Hammer müsste ich wohl auch dazuzählen. Also das sind vielleicht so die wichtigsten Namen, Menschen, die mich geprägt haben. So, wir sind wieder beim Beth, beim Beginn. Man könnte auch vermuten, dass bei so einem Kunstwerk von einem Buch wie der Bibel der allererste Buchstabe ja kein Zufall ist, sondern sehr sorgfältig und mit Absicht gewählt wurde. Es ist der zweite Buchstabe des hebräischen Aleph- Beths. Das Beth beginnt und das hebräische Wort Beth bedeutet Haus. Es beginnt mit dem Wort: "Gott sprach: Es werde, und es wurde." Die Welt ist Gottes Wortgeschöpf, und die Geschichte, die hier beginnt, die Erschaffung der Welt, schafft ein Zuhause. Worthaus ist ein wundervolles Wort.
Dass ich es liebe, liegt wohl auch daran, dass ich überhaupt gerne in Büchern wohne, dass ich oft schon in Geschichten ein Zuhause gefunden habe. Ja wirklich, Literatur bedeutet für mich Obdach. Ich finde mich in Worten wieder. Nicht nur, aber schon besonders in Krisenzeiten. Ich berge mich mit den persönlichen Krisen, dem Scheitern, den Lücken, den unerfüllten Wünschen, als ich schlimm Heimweh hatte, mit dem Vermissen und meinen Toten. Und ich berge mich angesichts der globalen Krisen mit dem Klima und den Kriegen. So viele, die weltweit gerade kämpfen für die Freiheit. Es ist eine Menge auf einmal und es zerrt gehörig an den Nerven. Und die Frage ist ja so krass: Wie wird Zukunft werden und gibt es dafür Hoffnung? Und ich will sie gerne aufspüren mit der Bibel. Für mich ist, mich in Worten zu bergen, Seelenarbeit. Aber Seelenarbeit meint nicht
nur so seelisches Wohlbefinden, sondern sie soll eine Wirkung nach außen haben, unbedingt. In dem Vertrauen, dass dieses Sich-Bergen vielleicht nicht an sich die Welt verändert, aber eben Menschen verändern kann, die dann die Welt verändern mögen. Meine Liebe zu diesem Buch der Bibel hat zunächst denselben Ursprung wie meine Liebe zum Roman "Die Farbe Lila" oder zu den "Regenwörtern" von Rose Ausländer oder "Forty" von U2 oder "Still I Rise" von Maya Angelou. Ich weiß gar nicht, wer ich wäre ohne die Romane von Arundhati Roy und Nadine Gordimer, ohne die Essays von Susan Sontag, die Gebete von Jochen Klepper. Und wer wäre ich ohne die Kinder von Astrid Lindgren? Ich liebe Worte und Geschichten, und doch ist noch etwas anders mit diesem Buch. Von der Bibel erwarte ich mehr. Ich lese sie mit einer besonderen Aufmerksamkeit. Sie hat eine Stimme in meinem Leben. Sie ist eine
Autorität. Nicht autoritär, sondern eine, die einfach mehr weiß als ich, älter ist als ich und weiser, angefüllt mit anderen Ideen, mit verrückten, göttlichen, heiligen Ideen. Ich bin dankbar für die Bibel, trotz allem, trotz allem Schindluder, für den sie herhalten musste. Trotzdem sie benutzt wurde von Menschen gegen Menschen und Menschenrechte, trotzdem sie sperrig ist. Aber ich will nicht ohne sie. Die Lutherbibel brachte damals mit dem Buchdruck die Demokratie ins Lesen. Wir überlassen das Buch nicht mehr allein den Priestern und den Profis. Wir lesen es in unserer Muttersprache, sodass es zu einer Begegnung kommen kann, berührend oder beglückend oder irritierend. Die Bibel ist unbedingt zum Selberlesen, wie der Glaube ja überhaupt zum Selberglauben. Wenn ich in der Bibel lese, tue ich das immer mit einem Vorschuss an Vertrauen. Ich erwarte etwas Gutes. Manchmal muss ich mich
aufraffen, manchmal gelingt es nicht. Manchmal muss ich auch darauf achten, dass ich nicht in ihr herumstolziere wie ein Pfau, sondern mich befragen lasse und kritisieren. Und ja, manchmal nervt sie. Aber ich erlebe auch, dass ich Vertrautes nochmal neu höre, überwascht werde. Ich lese und denke: Stand das schon immer da? Ich erlebe, dass ich mich trösten lassen kann und fallen lassen und dass sie mir Worte leiht, wenn ich sprachlos bin. Also als ein Mensch, die bedeutend geprägt ist von ihrer Erzählgemeinschaft, sage ich, ich brauche die Bibel, ihre Sprache der Wünsche. Ich brauche die Psalmen, diese durchgebeteten Texte, das Jesaja-Buch, die Seligpreisungen. Ich brauche diese Würdetradition des Glaubens, die großen Sätze, die sagen: Alle sind Kinder des Lebens, alle sind angesehen, gleichwürdig. Brot kann geteilt werden. Armut soll nicht sein. Friede wird werden. Die Erde ist ein anvertrautes Gut. Das Leben ist heilig. Ja, es gibt Hoffnung. Das ist
eine bestimmte Sicht auf das Leben. Ohne solche Geschichten würde etwas fehlen, nicht nur der Seele, sondern unserer Gesellschaft und dieser Welt. Und daher verfolge ich diese Spur. Ich suche die Hoffnung in meiner Erzählgemeinschaft. Ich weiß, Worte können staubig sein. Sie können auch gemein sein. Die Worte unserer Tradition, ja, insbesondere. Aber ich erlebe auch, sie können sein wie ein Platz am Feuer mit Funken und Fragen, Verbundenheit und Wärme. Das Schöne ist, dass die Bibel von Erfahrungen erzählt, von Kraft, von Krisen und Überwindung. Sie erzählt sie. Also sie vermittelt uns Haltungen in Geschichten. Das heißt, sie bringt nicht nur eine Wahrheit ein wie ein Dogma, sondern Gefühle, Psychologie, Familie, Konflikte, Versöhnung, Seelenarbeit eben. Und das ist ein Schatz. So weit. Jetzt aber Trotzkraft bei Worthaus 11. Die 11 kommt 19 Mal in der Bibel vor. Zum Beispiel in
dieser Erzählung, die passt heute recht gut: "Sie alle konnten es nicht fassen und waren unsicher und sprachen zueinander: 'Was mag das sein?' Andere spotteten: 'Sie sind mit Federweißem abgefüllt.' Als dann Petrus zusammen mit den elf anderen auftrat, erhob er seine Stimme und redete zu ihnen frei heraus: 'Meine jüdischen Landsleute und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sollt ihr wissen: Diese hier sind nicht betrunken. Es handelt sich vielmehr darum, was durch den Propheten Joel gesagt ist: Sein wird's in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich von meiner Geistkraft ausgießen auf alle Welt, dass eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden, eure jungen Leute Visionen schauen und eure alten Träume träumen.'" Trotzkraft heute, Pfingstmontag 2023. Nach all diesen Vorbemerkungen teile ich drei trotzkräftige Erzählungen mit euch, mit dem Schöpfer, dem
Menschenkind und der Heiligen Geistkraft, mit der Ewigen, der Treuen, mit unserem Lebensfreund aus Nazareth und der heilenden Wirkmacht. Ich gucke in die biblische Geschichte, um die Trotzkraft für heute aufzuspüren. Und die Bibel selber guckt auch so. Zum Beispiel im Brief an die hebräischen Gemeinden im elften Kapitel. Da heißt es: "Gottvertrauen ist Zuversicht auf das, was Menschen hoffen, Beweis von Dingen, die Menschen nicht sehen. Für dieses Gottvertrauen wurden die Alten gerühmt." Und dann werden sie aufgezählt, diese Alten, mit viel Lob: Abel, Henoch, Noah, Abraham, Sarah, Isaak, Jakob, Mose und Rahab. Ganz kurz Gideon, Barak, Simson, Jeftah, David, Samuel und - Frauen. Entschuldigung. (Gelächter aus dem Publikum). Ja, es ist einfach so. Wir könnten ja ergänzen - die Wolke wurde ja größer mit der Zeit: Mutter Maria, Petrus, Johannes, Maria von Magdala, Paulus, Phöbe, Junia, Barnabas. Wir können auch noch
ergänzen: Augustinus, Meister Eckhart, Franziskus, Theresa von Avila, Martin Luther, Paul Gerhard, Sophie Scholl, Johann Sebastian Bach, Dietrich Bonhoeffer, Bodelschwingh, Simone Weil, Etty Hillesum, Helmut Gollwitzer, Martin Luther King, Desmond Tutu, Dorothee Sölle. Menschen, die den Glaubensweg gegangen sind. Oder Unbekannte. Unsere Eltern, die uns zum Kindergottesdienst gebracht haben. Irgendein Jugendgruppentyp, der toll erzählen konnte. Eine Chorleiterin, die uns mitnahm in die Lieder. Ein Lehrer, der den Impuls gab für eine Lebensberufung. Eine Wolke, die bürgt. Zeuginnen und Zeugen. Die Wolke meint die höchsten Sitzplätze im Stadion. Wir können das so hören: Auf den Rängen des Weltstadions sitzt eine unsichtbare Menge und die feuern uns an. Eine sehr schöne Vorstellung. "Schalalalalalalom." (Ich hab eigentlich vom Fußball keine Ahnung.) Die vielen sind da,
die selber gelaufen sind und durchgehalten haben. Die wissen, das Leben ist kein Sprint, kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Marathon. Zuschauer auf einer Tribüne, ein ganzer Schwarm spornt uns an. Alles echt keine Spitzensportler, sondern zutiefst menschliche Menschen. Manche waren Mitläufer, manche sind verzweifelt, fielen hin und sind wieder aufgestanden. Die Gottes Verheißung belächelten und dann doch weiter liefen. Die anderen sogar Beinchen stellten und dann die Fackel weitertragen durften. Trotz allem: Die feuern uns an. Vor uns waren andere da. Wir sind nicht allein. Vor uns gab es Krisen, vor uns gab es Vertrauen und wir können uns die Vertrauten zum Beispiel nehmen. Es gab dunkle Zeiten. Verlieren wir nicht das Licht aus den Augen, laufen wir weiter mit ihrem Vorbild, in ihrem Sinne. Die Erinnerung an die Frühen, die mit Gottvertrauen lebten, mit Scheitern und Zweifeln und Enttäuschungen, die können uns inspirieren, trotzig weiterzulaufen. Zum Beispiel Erzählung Nummer eins: Im Vertrauen auf Gott wurde Noah
gezeigt, was noch nicht zu sehen war. Er baute eine Arche zur Rettung seiner Familie. Es ist eine der ältesten Urgeschichten der Bibel und der Mythen überhaupt. Die Erzählung von Noah, der auf Hinweis von Gott eine Arche baut, um sich vor einer weltumfassenden Sintflut zu retten. Hebräisch tewa, Arche, Korb, kastenähnliches Holzschiff. In Sonntagsschulen wird erzählt, wie Giraffe Gabi, Fred Frosch, Hannes Hahn und Carla Kuhn alle schon ganz aufgeregt sind, weil sie sich zu zweit aufreihen, und wie der niedliche Noah mitten am sonnigen Tag in der Wüste ein Boot baut. Aber die Erzählung ist ja nicht witzig. Sie ist nicht putzig. Sie ist erschreckend und sie ist erschreckend realistisch. Es wird wärmer, das Eis schmilzt, Gletscher und Arktis, der Meeresspiegel steigt. Die Wetterextreme nehmen zu, eine Flut im Ahrtal, aktuell rund um
Bologna. Flüsse treten über die Ufer, Schlamm und Geröll verwüsten alles. Es gibt Stürme, Monsune, Tsunamis, mehr Trockenheit, mehr Waldbrände, Dürre, die Menschen in die Flucht treibt. In diesem Jahr ertranken jetzt bereits über 800 Menschen im Mittelmeer. Wir hören vom Untergang, des Abendlandes, der Welt, der Kirchen, Traditionsabbruch, Relevanzverlust, Austrittswelle. Wir hören "Das Boot ist voll" und das gefährlich müde "Nach uns die Sintflut". Und dann gibt es auch noch die, die von jeder Welle in ihrer Endzeitstimmung bestätigt werden und bei Erdbeben und Tsunamis in eine Art freudige Hysterie geraten. Und die, die munter weitererzählen vom Kinderbibel-Mäusepärchen neben einem Elefantenpaar, Stinktier, Schildkröte und Schweinchen. Hat so eine alte Erzählung Trotzkraft? Wann Noah lebte, wissen wir nicht. Mit dem Talmud könnten wir sagen, Noah ist ein maschal, ein Gleichnis, eine Dichtung. Oder mit einer anderen Linie des Talmuds: Noah hat niemals
gelebt, aber er wurde sehr wohl gerettet. Ich will sagen, einen historischen Noah gab es vielleicht nie, aber es gab sicher einen historischen Anlass für seine Erzählung. Und die spricht eine große Frage der Menschheit an, die bangeste Frage: Siegt das Leben oder siegt der Tod? Siegt die Liebe oder siegt die Katastrophe? Eine uralte, aktuelle Frage: Gibt es noch Grund zur Hoffnung? Einigermaßen sicher ist, dass die Noah-Geschichte aus der Zeit des Babylonischen Exils stammt. Einige Textelemente dürfen weit älter sein, und bei den Kirchenvätern ist zu finden, wie die Noah-Geschichte zwar auch wörtlich verstanden wird und wie man sogar versucht, ihre Glaubwürdigkeit zu verteidigen, und gleichzeitig findet sich reichlich Material von gleichnishafter Deutung. Bis dahin, dass erklärt werden muss, wie nach dem reinigenden Gewitter die Sünde wieder in die Welt kam, wo Noah doch so gerecht war. Aber, wie heißt es, Noahs Frau verbündete sich mit dem Satan. Sie nahm
den Teufel selbst mit an Bord. Die Erklärung ist nicht so besonders originell. Sie finden auch keinen einzigen Hinweis im Text, aber bitte. Manchen ist es einfach wichtig, eine Erklärung zu haben, auch wenn sie dumm ist. Was ja schlimmer ist: dass sie verletzend ist und dass sie eine sehr schlimme Wirkungsgeschichte hat. Aber zurück zum Text. Gibt es Anlass für Trotzkraft, für Zukunftslust und Hoffnungsmut? Ich habe so eine Idee. Menschen, die Gott vertrauen, könnten eine Arche sein, wo Menschen sich bergen können angesichts der Flut von Katastrophen in dieser Mehrfachkrisenzeit. Vielleicht ist es wirklich ein Geschenk, das die Christenheit
unserer Zeit machen kann, dass da Raum ist, einen Moment innezuhalten, das Müssen zu lassen, nachzudenken, die Trauer gutzuheißen, die Trauer um verlorene Jahre und verpasste Chancen für unerfüllte Träume, zuzugeben, dass wir uns ohnmächtig fühlen. Die Christenheit 2023 könnte für eine Erlaubnis einstehen, ehrlich zuzugeben: Wir sind verletzlich. Wir sind müde. Wir sind erschöpft. Wir sind am Limit. Wir, wie unsere Erde, wie unsere Demokratie, wie unsere Vorfahren auch schon und unsere Kinder, wie Jesus verletzlich war und verwundet. Und gerade da zeigte sich ja Gott, da wurde Ostern ein Wunder aller Wunden. Christenheit 2023, keine schnelle Zuversicht, keine automatische Hoffnung. Wir laden ein zum Innehalten. Wir halten mal aus, dass wir gerade nicht weiterwissen. Wir suchen einen dritten Weg. Wir sind weder aktivistisch noch passivistisch,
kraftlos. Wir bieten unseren Schatz an. Das Christentum ist ja von seinem Wesen her nicht nur auf Glück aus. Es weiß, es gibt kein Leben ohne Brüche. Es zeigt die Tragik des Lebens, Einsamkeit, Enttäuschung, Schmerz, Verzicht, Abgründe, Vermissen, Leiden und gerade darin Gottes Zuwendung. - Ich schätze das so sehr. Mich würde eine gleichmütige Glücksreligion überhaupt nicht interessieren. Ich würde ihr nicht trauen. - Räume der Güte schaffen in diesen Zeiten, die so irritierend sind, wenn es uns den Boden unter den Füßen wegzieht. Für alle, die verzweifelt nach Hoffnung suchen. Ein Raum für Tränen, für das Unperfekte, für Unsicherheit. Wenn die Menschheit nicht schafft, was sie schaffen müsste, dann könnten wir da sein und sagen: Hier ist jetzt erst mal Platz für Fragen, für Tränen, für Vorläufiges, für eine gemeinsame Suche, für
Endlichkeit, für Widersprüchlichkeit. Eine Arche sein, wo soziale Energie wächst, weil wir uns verbünden. Da sein, wenn Menschen scheitern an ihren Ansprüchen. Für alle, die politisch erschöpft sind, dass wir ins Sprechen kommen. Und kein Mensch muss erst eine Fahrkarte lösen. Willkommen an Bord. Und alle anderen, die sagen: "Ich bin eher so normal. Ich bin eigentlich bisher immer eher so mitgeschwommen" - komm mit, bring deine Kinder mit, deine Freundinnen, deinen Vater, deinen Kumpel. Und wer bei Arche und Kasten und Korb nur an Warenkorb denkt und bei Welle nur an Surfen im Netz - willkommen in einer anderen Wirklichkeit. Es ist Platz in der Arche. Es ist ein Unperfekthaus, ein Ja-Haus. Was hat die Arche wasserdicht gemacht? Pech. Steht da so! Ich weiß noch,
wie das entdeckt wurde von einem jungen Mann, dessen Mutter ich gerade beerdigt hatte, viel zu jung gestorben. Und die ganze Gemeinde hatte mitgefiebert und mitgetrauert und mit verabschiedet. Und der Geist des Mitgefühls wehte. Das ist eine heilige Kraft. Verbundenheit wie Pech. Willkommen, soll die Christenheit sagen, wenn du verzweifelt bist angesichts des Todes. In der Kirche darfst du weinen. Erleben, wie andere für dich mitglauben. Hier wird Ostern gefeiert. Es gibt auch Erweckungsenergie und Neuanfang, Empathie und Verbundenheit. Wir werden nicht die Schotten dicht machen und andere im Regen stehen lassen. Nicht in so einer kleinen gemütlichen Gruppe zusammenhocken, aus dem Fenster gucken und sagen: "Hehehe", triumphierend oder überheblich oder gleichgültig. Wir werden auch nicht andere Sinnangebote belächeln, als würden wir von der Arche aus irgendwie Schiffeversenken spielen, sondern Platz schaffen, guten Raum, mit weit einladenden Armen rufen: "Wer kommt in meine Arche?" Die Arche war 300 Ellen lang, 50 Ellen breit, 30 Ellen hoch.
Nimmt man eine ägyptische Elle als Maß, ergäbe das etwa 133 Meter Länge, 23 Meter Breite, 13 Meter Höhe. Die Arche wäre damit anderthalbmal so lang und doppelt so groß wie das deutsche Segelschulschiff Gorch Fock. Das sind 40.000 Kubikmeter Fassungsvermögen, sagen wir mal mit drei Decks, 9000 Quadratmeter Bodenfläche, und die Arche hätte die gleiche Wasserverdrängung wie die Titanic. Aber wie scherzen fromme Menschen gerne: "Nicht vergessen, die Arche wurde von Amateuren gebaut, die Titanic von Professionals." Ertrinken ist nicht witzig. Ertrinken ist nicht witzig. Überschwemmt werden oder untergehen. Noah ist eigentlich nicht geeignet für Bilder, Witze und Kinderbibeln. Hören wir auf zu verniedlichen. Eine Flut ist furchtbar, und diese Erzählung ist sperrig. Sie wirft sehr viele Fragen
auf, und gleichzeitig erlebe ich, ausgerechnet diese Geschichte hat Platz. Sie schafft eine Nische, eine Nische, die sie mit Hoffnung füllt. Ich glaube, sie hat Kraft für eine Gegenbewegung. Ich erzähle sie dann so: Hier ist Platz für alle. Noah ist so eine Art Bischof Desmond Tutu, der an die Rainbow People glaubt. Oder ich erzähle sie mit Jesus, und da gibt es immer irgendwo noch eine Lücke, einen Platz für verlorene Söhne, für nie erwähnte Töchter, Zöllner, Sünderinnen und ein ganzes Deck für blinde Passagiere. Tewa, das hebräische Wort für Arche, Kasten oder Korb, sind drei Buchstaben, Taw, Beth, We. Tewa ist auch das hebräische Wort für Buchstabe. Das erklärt sich so: Hebräisch ist eine Quadratschrift. Die 22 Buchstaben des Aleph-Beths passen alle jeweils in Kastenform. Wir könnten also auch hören, dass Gott dem Noah nicht ans Herz legte: "Baue dir eine Arche", sondern: "Schaffe dir eine Sprache." Sammel dir Buchstaben, Worte, die dir als Obdach und Zuflucht dienen.
Nur an zwei Stellen in der hebräischen Bibel finden wir eine Tewa. Hier in Genesis 6 bei Noah und in Exodus 2 bei Mose. Da ist es ein Kästchen aus Schilfrohr, und beide retten vor dem Tod. Die Tewa hilft vor dem Untergang. Wir könnten auch sagen, Noah und Mose überlebten beide in der Schrift. Unser Gottvertrauen wird weitererzählt. Unser Gottvertrauen wird geborgen in der Schrift. Unsinkbar ist das lebensrettende Schiff gedichtet. Der Dichter Paul Celan, der die jüdische Auslegung kennt, schreibt in seinem Gedicht "Atemwende": "Es scheren die Buchstaben aus, die letzten traumdichten Kähne." Liebe Worthausgemeinschaft, so nenne ich euch mal, schaffen wir Orte, Platz und Räume, in denen Menschen sich bergen können mit allem, was sie
mitbringen. Schaffen wir eine Sprache, die fair ist und würdigend, schöner und wärmer als Hate Speech. Und nur nebenbei: Nicht Gerechtigkeit macht eine Sprache hässlich, sondern Hass macht eine Sprache hässlich. Schenken wir Worte weiter, die als Obdach dienen, als Zuflucht. Teilen wir unsere Schätze. Wir haben ja einen Wortschatz, eine Dichtung, die trägt. Es sind keine Phrasen, es sind trotzkräftige Worte. Bedacht sind wir. In Gottes Wort finden wir ein Dach für unsere Seele. In meiner Gemeinde zu Hause bin ich eine der Ältesten, und ich werde langsam so wie meine Großmutter, die immer sagte: Lernt ein paar Zeilen auswendig, by heart. Schafft euch ein paar Zeilen, ein paar Verse, ein paar Lieder, ein paar Geschichten, wenigstens ein paar Bretter für die stürmischen Zeiten, ein paar Buchstaben, die retten in dieser Flut aus Angst und Verzweiflung.
Ein bisschen Zuspruch, wie ein Holzkästchen auf den Wellen. Mitten in diesen vielen irritierenden Erfahrungen. Teil deine Schätze, erzähl deine Schätze: "Friede sei mit euch. Christ ist erstanden. I have a dream. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet. Siehe, ich mache alles neu. Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Eine Zensur findet nicht statt. Mein Herze soll dir grünen. Wohl denen, die in ihrem Herzen barfuß pilgern. Frau, warum weinst du? Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Sonne der Gerechtigkeit, geh auf. Liebe und lass dich lieben. Die Liebe ist die größte." Es ist nicht so, als hätten wir etwas, das niemand will. Auch wenn ich das in meiner Kirche oft erlebe, diese Haltung, ja, die Welt geht den Bach runter und wir gleich mit. Es interessiert sich ja niemand mehr für uns. Leute, die Arche, diese tewa ist
großartig. Sie ist wundervoll. Die Liebe ist das Höchste für sie. Sie verleiht doch dem Leben Glanz. Sie kennt Vergebung, das Recht, ein anderer Mensch zu werden. Wohin denn mit der Lücke zwischen unseren Idealen und der Wirklichkeit? Advent ist ein Geschenk für Menschen, die nichts mehr erwarten, Weihnachten eine große Einladung, wieder wie ein Kind zu werden, geburtlich, eine Anfängerin. "Friede auf Erden", eine Unterbrechung, die wir dringend brauchen. Passion, ein Angebot, "Warum, mein Gott?" zu schreien und damit nicht alleine zu sein. Auferweckung: das Trotzigste des christlichen Glaubens, die größte Unterbrechung überhaupt, stärker als Gewohnheiten und Klischees. Pfingsten: durchatmen. Ja, Gott ist unsichtbar, der Wind auch, und doch da, wirkmächtig. Erntedank feiert Achtung und Verwobenheit gegen eine satte Selbstverständlichkeit. Jeder Sonntag ist Unterbrechung des Alltags. Eine Christenheit wie eine Arche ist da. Sie begleitet die Kalender des Alltags. Offen lädt sie ein, sich zu bergen. - Noch ein paar Worte zu Noah. Noah sagt in der ganzen
Sintflut-Erzählung kein einziges Wort. Wir wissen nicht, was er denkt, was er fühlt. Einige Auslegungen haben ihm das vorgeworfen. Könnte er nicht wenigstens wie Abraham für Sodom und Gomorra fürbittend eintreten? Dieses Schweigen ist doch schwer zu ertragen. Ist Noah vielleicht stolz darauf, Gottes Liebling zu sein? Erst nach der Flut spricht er. Die jüdische Auslegung neuerer Zeit fragt: "Ja, aber es ist doch furchtbar, der einzige Überlebende zu sein, oder?" Eine rhetorische Frage nach Auschwitz. Es ist grauenhaft, wenn du nur dich und deine Familie retten kannst, es macht dich sprachlos. Worte sind ganz unangemessen. Auch allein im Himmel zu sitzen in kleiner Gruppe - furchtbare Vorstellung, ich habe noch nie kapiert, was daran selig sein soll. Schindlers Liste heißt im Original "Schindlers Ark", Schindlers Arche. Der Untergang der vielen
wird durch solche Archen nicht leichter, und doch soll kein Versuch unterbleiben, wenigstens einige zu retten. Die Arche ist da. Noah schweigt, und Noah hinkt. Eine Legende im Midrasch erzählt, dass ein Löwe, der bei der Fütterung übersehen wurde, Noah ins Bein biss. Seitdem hinkte Noah, wie Jakob, der mit Gott kämpfte, auch trotzig: "Ich lasse dich nicht los, bis du mich gesegnet hast." Auch Noah hinkt und, ganz ehrlich, wir hinken alle irgendwie, oder? Ich sage jetzt mal wir. Wir, die wir mit Gott ringen, die wir um Hoffnung ringen. Wir hinken. Als der Regen aufhörte und der Wasserspiegel allmählich sinkt, steht die Arche eines Tages auf festem Grund auf einem Berg.
Noah schickt mehrmals eine Taube los, die auskundschaften soll, ob das Land schon trocken ist. Irgendwann kehrt sie zurück mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel. Nach weiteren sieben Tagen bleibt sie weg. Sie hatte wohl einen Baum gefunden, um sich ein Nest zu bauen. Da weiß Noah, dass er von Bord gehen kann, und das Leben beginnt noch einmal von vorne. Die Taube, die weiße Taube mit dem grünen Ölzweig, wurde dann durch Picasso zum Friedenssymbol. Das ist ein trotzkräftiges Zeichen. Es ist dringend ersehnt. Zeichen der Hoffnung, überall auf der Welt verständlich. Ihr Lieben, wir könnten anderen grüne Zweige bringen, helfen, dass sie wieder auf den grünen Zweig kommen. Immergrün, wie Olivenbaum oder Tanne. Angesichts der vielen Kriege und der Gewalt, der Gewalt auch in der Sprache, wieder lernen, Botinnen und Boten des Friedens zu sein, ermutigen und uns ermutigen lassen und kleine Zeichen setzen an Gedenktagen mit Festen und
Feiern, offenen Türen und Geschenken, Liebe demonstrieren, eine zärtlichere Welt auf den Weg bringen. Menschliche Menschen sein. Vergiss niemals deine eigene Bedeutung. Ein menschlicher Mensch sein ist in dieser Welt sehr wichtig. Aber ach, was für eine Geschichte. Zorn, Strafe, Qual und große Flut. Wie ein gottgemachter Tsunami. Ein Denkzettel. Gott sieht sich die Welt an und ist todtraurig und vergisst sich angesichts der Ungerechtigkeit, die die Menschen über die Welt brachten, Schmerz und Streit und Hunger, Stolz, Gewalt. Gott wurde so zornig, dass er sich vergaß, und er bereute, dass er die Menschen gemacht hatte. Er ließ es regnen, immer weiterregnen. Er vergaß den Anfang der Geschichte und machte dem Leben ein Ende. Und dann heißt es da, und es treibt einem wirklich die Tränen in die Augen: "Und da erinnerte sich Gott und sprach im göttlichen Herzen: 'Das will ich nie wieder tun, die Erde verfluchen.'" Die Psychologie spricht von Resilienz, wenn eine Person sich nach
schweren Erfahrungen wieder aufrichtet und sogar gestärkt daraus hervorgeht. Gott ist resilient. Gott liebte die Welt ins Leben, erhält sie in Liebe und lässt sie nicht und wird sie in Liebe einmal vollenden und gibt uns ein hochheiliges Versprechen: "Während aller Tage der Erde sollen Saat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht niemals ausbleiben." Ein großes Gegenwort. Erst mal spricht es komplett gegen unsere Erfahrung, weil wir die Nacht zum Tag machen und weil Saat und Ernte schon aufgehört haben, in Afrika zum Beispiel. Aber dieses Versprechen spricht auch trotzkräftig gegen das Aufgeben. Denn Gott gab nicht auf, kehrte um, segnete Noah, segnete die Zweitbeste aller
Welten und hängte den Bogen in die Wolken als Zeichen. "Qaschät" ist ein Kriegsbogen. Uralte Bilder zeigen die Vorstellung von Göttern, die als zornige, mächtige, tobende Kriegsgötter über den Himmel jagen in einem Wagen mit Pfeil und Bogen. Gott sagt an diesem Tag: "Ich hänge meinen Bogen in die Wolken. Wie ein Krieger, der seinen Bogen an der Garderobe abgibt, so hänge ich meinen Kriegsbogen in die Wolken, als Zeichen für alle: Ich bin kein Gott, der zerstört. Ich könnte, wenn ich wollte, aber ich will es nicht, versprochen, ich bin nicht mit euch im Krieg." Wann immer der Bogen am Himmel steht, erinnert sich Gott an sein Versprechen und stiftet einen Bund zwischen sich und Familie Mensch. "Berit" ist ein Bund, eine Verpflichtung, die Gott von sich aus eingeht. Die Liebe kann gewaltig sein, aber sie verzichtet auf Gewalt. Gott kann überwältigend sein, aber in dieser Bundesverpflichtung verzichtet Gott auf Gewalt. Liebe Worthausleute, wir können
nicht nur schwarz-weiß, wir sind bunt, wir können entwaffnend sein, an den Regenbogen erinnern, die Verbundenheit von Gott und Erde und Familie Mensch. Die ganze Schöpfung ist in diesen Bund eingebunden. Es ist kein Bund zwischen Gott und einer Minderheit, etwa zwischen Gott und der Kirche oder Gott und dem Westen. Es ist ein Bund zwischen Gott und dem Leben, der die Welt ins Leben liebte und mit seiner Schöpfung zum Ziel kommt. Ich wundere mich manchmal über Christinnen und Christen, deren größtes Engagement beim Thema Schöpfung darin liegt zu betonen, dass die Welt nicht durch einen urigen Knall entstanden ist oder durch eine langsame Entwicklung, sondern an Tag eins bis sieben fertigfabriziert wurde. Abgesehen davon, was man bei diesem Thema denkt, wie hoch man seine Bedeutung einschätzt oder ob die Frage einen nachts wach liegen lässt, glaubwürdig würde
diese Überzeugung ja vor allem dadurch, diese Schöpfung zu schützen. Ich glaube, es war Gottes Idee, nicht nur eine Schnecke, eine Mücke und einen Elefanten und einen deutschen Schäferhund zu schaffen, sondern auch Grauwolf, Braunbär und Blauwal, Rotdachs, Schneeleopard und Wüstenratte, Silberlachs, Schwarzstorch und Korallenmöwe, die alle vom Aussterben bedroht sind. Wir können Avantgarde sein, ganz vorne mit dabei, engagiert für die Bewahrung unserer Erde, Regenbogenleute. Ich muss das noch kurz erzählen - man kann viel nüchterner an die Sache rangehen, ich weiß ... Ein Regenbogen ist ein bisschen Wasser mit Licht, Physik, 8. Klasse. Die sachlichen Gemüter können einem erklären, was passiert, wenn Regen sich mit Sonne mischt. Ich sehe Menschen staunen, wenn ein Regenbogen erscheint - auch Physiker, mindestens verliebte Physiker, Physiker mit kleinen
Kindern -, denn wir bekommen dann eine Ahnung davon, ein Geheimnis, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Dorothee Sölle hat es mal so gesagt: "Ich denke, dass jede Entdeckung der Welt uns in einen Jubel stürzt, in ein radikales Staunen, das die Schleier der Trivialität zerreißt. Nichts ist selbstverständlich und am allerwenigsten die Schönheit. Der mystische Weg beginnt mit dem Staunen. Die Seele braucht das Staunen, das immer erneute Freiwerden von Gewohnheiten, Sichtweisen, Überzeugungen, die sich wie Schichten um uns lagern, die unberührbar und unempfindlich machen. Staunen oder Verwunderung ist eine Art, Gott zu loben." Es gibt dieses trotzkräftige Zeichen
im Regenbogen, Wege weisend zum Leben, dass Menschen innehalten und einen Moment lang staunen. Du kannst auf Insta immer sofort sehen, wie auf viele Bemerkungen ein Regenbogen folgt. Dass wir uns mit diesem Zeichen erinnern lassen: Das Leben überwindet die Katastrophe. Jesuanisch gesagt: "Die Liebe ist stärker als der Tod." Die bangeste Frage ist gelöst. Und damit komme ich vom resilienten Gott, dem Schöpfer unserer treuen Verbündeten, zu Jesus. Teil 2 ist etwas kürzer. Erinnert euch an das Stadion. In der Wolke hängt jetzt ein bunter Bogen. Und aus der Wolke gibt es einen Tipp: "Seht auf zu Jesus, den Anfänger und Vollender", den Auslöser, der dich überhaupt loslaufen ließ, den ursprünglich ersten Impuls, das geburtliche und vollkommene Ziel, das dich anzieht, der dich weiterlockt. Es mag an meiner eigenen Unsportlichkeit liegen, dass ich mir Jesus nicht so gut als Sprinter vorstellen kann. Dann noch in diesen Jesus-Latschen auf sandigem Boden. In meiner Vorstellung rennt er nicht. Er
geht, er spaziert, er macht seine Schritte. Aber er sitzt auch oft, ins Gespräch vertieft, er hört zu und erzählt, fragt nach und teilt seine glücklich-seligen Ideen. Unser Lebensbruder aus Nazareth, der Radikale, Tolerante, Liebende, Gnädige, unser charmanter Komplize, liebt uns in seine besondere Welt. Alles, was schön ist an uns und was schäbig ist - und es gibt beides. Was lächerlich ist an uns und verletzbar und sehnsüchtig. Er liebt so unfassbar grenzenlos uns alle inklusive zurecht. Über einen einzigen Satz von ihm möchte ich mit euch nachdenken. Eine von diesen kleinen, starken Bemerkungen. Ein kurzer Ausspruch, eine Idee knapp auf den Punkt gebracht. Ich finde sie
beispielhaft für Zukunftslust und Hoffnungsmut. Ein Satz aus der weltberühmten Bergpredigt, gesagt in einer Situation, in der wohl nicht nur seine Vertrauten um ihn herumsaßen, sondern auch andere neugierige, sehnsüchtige, abwartende Menschen wie wir. Da sagt Jesus: "Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh mit ihm zwei." Historischer Hintergrund ist ein römisches Gesetz, das es jedem Menschen mit Bürgerrecht, jedem Römer, erlaubt, einen anderen Menschen zu zwingen, zu nötigen, eine Meile lang sein Gepäck zu tragen. Am Marktplatz jemand aufzufordern: "Trag mir meine Einkäufe nach Hause." Jemand anzuhalten, egal was er gerade vorhat oder ob sie es eilig hat oder eigene Pläne festzuhalten, er kann sagen: "Los, trag mir mein Gepäck nach Hause." Und Jesus sagt: "Wenn dich jemand zur Zwangsarbeit für eine Meile Weg nötigt, geh mit ihm zwei." Das war nun eine der größten Fragen an Jesus: Wie wirst du mit den Römern umgehen? Was wirst du zu
politischen Situationen sagen, zur wirtschaftlichen Ungerechtigkeit, den sozialen Verhältnissen, zur Gewalt? Wirst du überhaupt etwas dazu sagen? Oder wirst du dieses Thema aussparen und stattdessen etwas zum Gebet sagen? Wirst du etwas zur Zeit sagen oder nur zur Ewigkeit? Etwas über das Heil der Seele oder auch etwas über den Hunger im Bauch? Nur über die Einheit von dir und deinem Ursprung oder auch über die Gemeinschaft und das Zusammenleben von Familie Mensch? Wirst du eine Revolution starten oder bleibst du eher ungefährlich, harmlos? "Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, geh zwei." Jesus ruft nicht dazu auf, dieses römische Gesetz zu boykottieren, obwohl es ungerecht ist und erniedrigend, imperialistisch und entwürdigend. Aber er fordert nicht den direkten Widerstand. Er ruft auch nicht dazu auf, es eben einfach zu erfüllen, zu nicken, mitzumachen
und es passiv zu erdulden, etwa weil man die Umstände ja nicht ändern kann und es halt besser einfach schweigend oder segnend eine Meile lang über sich hergehen lässt. Er hat eine neue Idee. Er findet einen dritten Weg, ich meine origineller, als alle Parteien sich das ausdenken konnten. "Wenn dich jemand nötigt, diese eine gesetzmäßig vorgeschriebene Meile zu gehen, dann geh mit. Und wenn die Meile um ist, dann biete ihm an, ihn noch eine zweite Meile zu begleiten." Warum? Weil auf der zweiten Meile etwas möglich ist, was die erste Meile gar nicht kann, weil die zweite Meile eine Chance ist. Wir können uns vorstellen, wie der Römer, der sich auf sein Recht beruft, irritiert ist, aufguckt und fragt: "Wieso? Wieso solltest du das machen? Du musst nur eine Meile mit mir gehen. Du kannst jetzt wieder deiner eigenen Wege ziehen. Ja, wer bist du, dass du das anbietest, mehr zu geben, als ich einfordern kann? Was bringt dich dazu? Wer hat dich auf diese absurde Idee gebracht? Und was wird
dann aus uns, wenn du nicht wütend auf mich bist und ich dir nicht befehlen kann, wenn du freiwillig gehst? Es bedeutet ja, du bist frei!" Ich stelle mir vor, wie die beiden sich unterhalten, Römer und der ohne Bürgerrechte, eine freie Bürgerin mit einer anderen, und sie gehen miteinander eine zweite Meile durchs besetzte Gebiet. Und die Überlegenheit, die der eine gerade noch gespürt hat, die der anderen gerade noch Macht verlieh, jemanden ihren Willen aufzuzwingen, ist auf einmal absurd, weil der und die andere eine ganz andere Art von Überlegenheit an sich hat, die mit dem Gesetz überhaupt nicht zu erklären ist. Ist das Gnade? Gnade in diesem System ist eigentlich, wenn der Stärkere gesagt hätte: "Ich bin heute mal großzügig, du musst nur eine halbe Meile gehen, dann schnappe ich mir jemand anderes", und das ist dann schon das Höchste. Es gibt noch mehr Gnade. Sie erfüllt das Gesetz mit Würde. Das ist die Idee von Jesus. Die Gnade ist die größte Revolution. Großzügigkeit ist
der beste Streik. Güte führt das ganze System ad absurdum. Die Freiheit, mehr zu geben, als verlangt ist, nicht zu rechnen, sondern zu schenken, ist widerständig, trotzig, es ist stark, es macht wirklich unabhängig. Ich habe so ein Bild vor Augen, wie die zwei am Ende der zweiten Meile ein Glas Wasser miteinander trinken. Sie müssen jetzt nicht befreundet sein, aber sie sind vielleicht keine Gegnerinnen mehr, sondern zwei Menschen. Zwei Menschen, die eine Zeit lang einen Weg miteinander gegangen sind, die etwas geteilt haben und ab jetzt eine Erfahrung gemeinsam haben. Ach Jesus, schönster Herr Jesus, deine Ideen sind umgeben von einer Ahnung, dass du so harmlos nicht bist. Du störst und verstörst und nervst. Und du hast so viel Widerspruch erlebt und bist nicht
eingeknickt. Mein Supertrotzkopf, wie du das durchgehalten hast, dieses Scheitern. Wie es dir gelungen ist, dir darin selber treu zu bleiben, deine Haltung nicht preiszugeben. Wie viel menschliche Größe gehört dazu, als liebevoller Mensch so gehasst zu werden, ohne zurückzuhassen! Woher deine Unermüdlichkeit? Wie geht das, andere nicht mitzureißen in den Tod, nicht vernarrt zu sein ins Triumphieren, sondern auf die Liebe zu vertrauen? Die erste Meile ist das, was sein muss. Was auf der zweiten Meile passiert, ist nicht in ein Gesetz zu packen. Großzügigkeit kommt aus freiem Herzen. Hier geht es um Vertrauen. Und das ist zu groß für ein Gesetz. Vertrauen wird gewagt. Hier geht es um Liebe, und die kann nie eingefordert werden. Sie gibt sich hin. Sie ist verschwenderisch. Hier geht es um Verbundenheit, die entsteht, wenn jemand mehr investiert als nötig. Wenn jemand
hinwegsieht über das, was ihn stört, und trotzdem bleibt und weiter mitgeht, wie Jesus, der charmante Komplize unserer Hoffnung, der Zuvorkommende. Er ist an unserer Seite. Die Verachteten standen auf, die Kleinen entdeckten ihre Würde, AußenseiterInnen wussten sich willkommen. Er war ein Mensch aus Liebe, unser Bruder mit einem so heilsamen Wesen. Brot wurde geteilt, Gottes gerechte Welt war nahegekommen und diese Nähe war beglückend, und diese Glückserfahrung wurde zu einer Kraft und sie wurde konkret in solchen trotzigen Ideen. Die erste Meile ist die Erfahrung im besetzten Gebiet, ist das Recht des Stärkeren, die Macht der Dummheit und des Militärs, ein zynisches "Es kommt eben immer, wie es kommen muss". Die Waffen der Sucht, die Angst, die dich kontrolliert. Die erste Meile ist der Tod, das allergrößte Gesetz der Menschen, der allen die Grenze diktiert und das Ende. Die erste Meile ist Karfreitag, das Sterben, für das wir echt keine Fantasie brauchen, sondern nur einen wachen Blick in die
Welt, auf den Schmerz der Unschuldigen, die Ungerechtigkeit, die unerfüllten Träume. Die erste Meile ist die Erwartung an dich selbst, die vielen Forderungen, die Härte unserer Herzen, die Gewalt, die uns scheinbar zwingt mitzumachen, die Rechnungen, die eben bezahlt werden müssen. Die zweite Meile ist: Einer stand für uns auf, nicht aus eigener Kraft und nicht für sich, sondern für alle Welt und für uns. Gott ließ Jesus nicht im Tod. Er machte gut, was nicht mehr gutzumachen war, denn unser Gott ist ein Gott des Lebens. Die Liebe ist kein Stein, sie bewegt. Die zweite Meile ist Ostern, Überwindung, Grenzüberschreitung, Auferweckungsenergie. Das Leben stirbt, das ist Karfreitag. Der Tod stirbt, das ist Ostern. Die Liebe stirbt nie, das ist Gott. Die erste Meile ist nicht genauso wie die zweite, als wären die beiden irgendwie nicht voneinander zu unterscheiden. Die wissen genau, wann die zweite anfängt. Die erste Meile ist das Minimum, das Wenigste. Die zweite ist das Beste. Auf der ersten
Meile begegnet dir Jesus und sagt: Ich kenne deine Welt, ich weiß, deine Füße haben Hornhaut und dein Herz auch. Ich weiß, wie oft du sagst: Ich kann nicht mehr, ich will das nicht. Ich will keinem Römer die Klamotten tragen. Ich habe selbst genug zu schleppen. Ich möchte Zaubertrank trinken und dem Römer eins auf die Nase geben. Ich würde gern selber abhauen, allerhöchstens mir Mühe geben, aber mehr auf keinen Fall. Jesus weiß, was es bedeutet, müde zu sein, aber die Trotzkraft unterbricht. Es gibt nicht nur die üblichen Methoden: Entweder das Gesetz ignorieren, tun, als müssten wir gar nichts, oder dem Gesetz gehorchen, und seine Forderungen bringen uns an unsere Grenzen. Jesus lädt uns ein, einen anderen Weg zu gehen, weder zu ignorieren noch zu kämpfen, freiwillig etwas zu tun, was wir nicht tun müssen, und dabei zu erleben, was Gnade ist. Verwandlung,
eine Umkehr aller Dinge, der Verhältnisse, eine Umkehr unserer selbst. Trotzkraft bedeutet: mehr für möglich halten. Geschenk, Überraschen, Wunder, neue Freiheit, ein Vorschlag, wie das Leben gelingen kann. - Ich verstehe das. Die Versuchung ist groß, der Unsicherheit unserer Zeit zu begegnen mit Anordnungen. Sie sind auch manchmal nötig. Auf der zweiten Meile entstehen aber die Gespräche. Da können wir erleben, dass es mehr gibt als Satzungen und Setzungen. Deshalb ist auf der zweiten Meile Zukunft. Liebe Worthausleute, was Jesus sagt, ist widerständig. Es klingt zunächst so harmlos. Ach, einen Weg teilen, spazieren gehen, Theopoesie, am Ende trinken sie ein Wasser. Die zweite Meile bringt uns dahin, den Feind und die Gegnerin weiterzubegleiten. Sie verändert uns.
Sie bringt uns auch an die Grenzen unserer eigenen Rechthaberei, was nicht sein darf oder was nie sein wird, was eh passiert. Sie verändert auch uns. Die zweite Meile schreibt nicht ab. Sie erzählt von einer anderen Idee, und damit ist sie so typisch Jesus. Und wie schön wäre es, wir wären typisch Jesus. Freiwillig mehr tun, als verlangt wird. Freiwillig verzichten, teilen, zuversichtlich den dritten Weg gehen. Typisch jesuanische Gemeinde, und "da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich, denn ihr seid alle einzig einig im Messias Jesus". Manchmal denke ich, wir haben so eine Vorstellung von Urgemeinde als so einen homogenen Club. Aber zur christlichen Gemeinschaft der Anfangszeiten gehörten Menschen mit ganz verschiedenem Status und unterschiedlicher Herkunft und Geschlecht, Versklavte und Freie. Eine Handwerkerin wie Priska, ein Freigeborener wie Rufus, eine Sklavin wie Junia, ein Judenchrist
wie Herodion, Privilegierte und Vermögende, Jüngere, Ältere, Alte, Gesunde, Kranke. Auch Sklave war nicht gleich Sklave, auch Frau war nicht gleich Frau. Einige setzten ihre Privilegien aufs Spiel, andere brachten die Erfahrung von Willkür mit, zum Beispiel immer sexuell verfügbar gewesen zu sein. Es gab Machterfahrung, Dominanz, jüdische Männer und Frauen mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Einschränkungen, mit und ohne und anderer religiöser Prägung. Und es war ganz sicher herausfordernd, dass Regeln, die in der Öffentlichkeit noch galten, in der Gemeinschaft nun nicht mehr gelten sollten. Da hätten auch zwei Gemeindeglieder aufeinanderprallen können. Wie war das dann mit dem Verzicht und der Solidarität? Wie lernten die wohl miteinander, jeweils ihre Handlungsspielräume zu erweitern? Der Vers, den ich gerade vorgelesen habe, steht im Brief an die Gemeinden in Galatien.
Und in den meisten Kulturen damals, in Israel, in Galatien, in Afrika, Asien, in Europa, besteht die Tendenz, Menschen immer wieder einzuteilen, in Kasten, in Schichten, in Klassen, in Fremde und Vertraute. Und in den meisten Kulturen besteht auch die Tendenz, die Geschlechter zu typisieren, sagen wir, ihnen bestimmte, berechenbare Energie zuzuschreiben. Und wir werden belohnt, wenn wir diesen Erwartungen entsprechen. In Christus, in dieser christlichen Bande, beginnt aber etwas grundlegend Neues. Bis ins tiefste Selbstverständnis reicht sein Wesen. Wer du bist, macht sich fest am Auferweckten. Trotz Rassismus, Antisemitismus, Geschlecht, Ethnie, Körper, Nation, Klasse, Hautfarbe, Bildung, Alter. Und was für ein Geschenk an eine Gesellschaft, die sich immer mehr aufspaltet, die fast nur noch in
Interessensgemeinschaft denken kann. Wir nennen das sogar Gemeinschaft, Interessensgemeinschaft, das muss man sich nur mal vorstellen. 2023 nicht verschriebene Meilen gehen. Mit einer, die anders ist als ich. Nochmal: Vergiss niemals deine eigene Bedeutung. Jeder Spaziergang, jeder Schritt zu auf eine andere Person ist unbezahlbar. Wir könnten doch wieder üben, Grenzen zu überschreiten, Geschmacksgrenzen, Altersgrenzen, Macht entlarven und die unerdrückten Stimmen hören. Der Person, die vor uns steht, gerecht werden, die uns fragt: Wirst du das Heilige in mir achten, auch wenn ich dir fremd bin? Dass sich der Mensch aus Nazareth nicht beschwichtigen ließ von einer Utopie, nicht beruhigen ließ von schier unerreichbaren Zielen, die Wirklichkeit nicht leugnete, sondern das echte Leben umarmte mit allem. Dass sich der Mensch aus Nazareth nicht
verführen ließ von einer Dystopie, nicht verängstigen von einer verzweifelten Aussicht, nicht erbittern von Prognosen und finsteren Ahnungen, nicht trennen ließ von den guten Kräften, sondern hoffte, trotz allem. Dass der Mensch aus Nazareth einen spannenden Weg wählte, den dritten, anderen, neuen, den Weg durch die Mitte der Welt, man könnte es Diatopie nennen - - ich glaube, das Wort gibt es nicht, aber das ist ja egal. Um uns einer neuen Zeit anzuvertrauen, uns allen. Ich finde das so überzeugend. - Die hebräische Bibel beginnt mit Beth, mit dem zweiten Buchstaben des Aleph-Beths, Be-reschit bara. Das hebräische Wort beth bedeutet Haus. Die Buchstaben haben alle Zahlenwerte, das Beth ist zwei wert. Die indogermanische 2, duo, deux, tu, dos, ähnelt dem du. Wer nicht nur ich und Ego sagt und einzig ich, sondern wirklich du sagen
kann, wer nicht nur die eigene einzig einige Position wahrnimmt, sondern auch das andere wahrnimmt, hat viel gewonnen. Zwei wie "du" und wie "zweite Meile", freiwillig nicht nur das eigene Recht achten, sondern tun, was richtig ist und fair und gerecht. Die Christenheit 2023 könnte die Welt damit beschenken, "du" zu sagen zu den vielen. Aber ich weiß, zwei ist wie du, aber es ist auch wie individuell. Zwei ist auch wie Zwie und Zweifel. Und ich habe Zweifel. Manchmal, was noch viel fieser ist, haben die Zweifel mich. Dann nehmen sie mir die Luft zum Glauben. Ich wurde neulich gefragt - ich dachte, euch kann ich das erzählen -, ob die Theologie mir den Glauben schwer mache. Kommt dir im Glauben die Theologie dazwischen? Da habe ich gesagt: Nein, wirklich gar nicht. Mir kommt
immer die Welt dazwischen. Die Welt macht mir das Glauben schwer, meine Güte. Das Kreuz der Wirklichkeit. Ich brauche dafür keine Theologie. Was ich als Abwesenheit Gottes erlebe. Aber ich sage auch immer: Gott zu vermissen in dieser Welt, ist auch eine Art, mit Gott zu leben. Bachmut und Mariopol, die brennende Textilfabrik, Hunger, Moria und Lesbos - müssen wir so hilflos sein? Eine Diagnose im Freundeskreis, eine Fehlgeburt, eine lebensmüde Freundin, der neueste Bericht von Amnesty, eine Nachricht aus meinen geliebten Herzensländern, Südafrika, Indien, Myanmar, ein arschkalter Satz von einem Frommen auf Facebook. Die Zweifel, wie zwiegespalten hin- und hergerissen. Der Zweifel sagt: Es ist nicht einfach. Einfach ist es wirklich
nicht, das Leben und der Glaube und der Mensch und das mit Gott. Ich sage mal: Religion kann gar nicht einfach sein. Vollkommen einleuchtend. Ein Gott, der so groß ist, dass ich ihn verstehe, würde mich nicht interessieren. Mich würde selbst ein Gott, den Thorsten Dietz versteht, nicht interessieren. (Gelächter, dann an Thorsten Dietz:) Das war eigentlich eine Hommage an deine Schlauheit. - Ehrlich, eine Weltreligion, die unsere Fragen und unser Misstrauen nicht aushält, wäre kein Zuhause für mich. Sie darf kompliziert sein, weil das Thema riesig ist, das größte, was wir Menschen sagen können. Es bleibt eben komplex. Das göttliche Versprechen, "während aller Tage der Erde sollen Sommer und Winter, Tag und Nacht niemals aufhören" - ja ... Aber es wird zum Beispiel bestätigt im Buch
Kohelet. Da heißt es: "Eine Generation geht, eine Generation kommt und die Erde bleibt immerfort bestehen." Jetzt gibt es dagegen die Prophetie, die sagt: "Es gibt einen neuen Himmel und eine neue Erde." Unterbrechung und Neuanfang ist ein ganz anderes Versprechen. Es sind zwei völlig verschiedene Vorstellungen. Ein Gleichmaß von "immer so weiter" oder ein Einschnitt und Neuschöpfung. Also die Bibel selbst widerspricht sich. Oder man könnte sagen, sie lässt Raum für Vielfalt. Also ich löse dieses Zwiefache vorerst so für mich: Mal brauche ich Gebete für die treuen Kreisläufe der Natur, mal brauche ich Gebete um Erlösung und Neuanfang. Da heißt es in einem alten Gebet im Buch der Psalmen: "Ein Wort hat Gott gesprochen, zwei habe ich gehört." Gott ist einer. Aber unser Wahrnehmen ist nie eindeutig. Dafür ist Gott zu groß. Eins wird geredet, aber es wird auf zwei
Weisen verstanden. Ist das jetzt bedauerlich? Vielleicht sogar gefährlich? Womit können wir dann rechnen? Ich empfehle, dass wir das Rechnen der Mathematik überlassen. Die weiß zu unterscheiden zwischen Eins und Zwei. Das ehrliche Vertrauen weiß: "Eins hat Gott gesagt, zwei habe ich verstanden." Wir werden das eine Wort auf unterschiedliche Weise hören, daraus jeweils unsere Schlüsse ziehen, einander ergänzen, einander helfen, zu verstehen. Mein Mann findet an dieser Stelle, ich werde ein Nerd, aber er ist ja auch ein Nerd in anderen Gebieten. Ich muss euch das kurz erzählen, weil ich es erst diese Woche entdeckt habe. Im jüdischen Morgengebet Ma Towu heißt es jeden Morgen: "Wie gut sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!" "Ma tovu ol- halecha Jakow, misknotächa Israel." Es sind zwei Segen für ein und dieselbe Person, Jakob und Israel. Jakob, der Betrüger,
mit neuem Namen Israel. Sein Bruder, hintergangen, gekämpft mit Gott, beschützt, gehinkt, gesegnet. Jeden Morgen im Eingangsgebet werden Vergangenheit und Jetzt erinnert und beides ist tov, gut. Das ist doch eine Größe, eine Schönheit. Also das ist in allerbestem Sinne zwei in einem. Jakob und Israel geborgen in der einen. Es ist nerdig, okay. Ich finde es faszinierend. Falls du der Nerd bist, der das mochte, kannst du gleich nachher zu mir kommen. Vielleicht ist ja einer da oder eine. - Beim Beginn, als Gott mit dem Beth die Welt begonnen hatte, beschwerte sich das A, das Aleph: "Herr der Welt, ich bin der erste Buchstabe im Aleph-Beth und du hast deine Welt nicht mit mir erschaffen!" Und dann fangen alle anderen Buchstaben auch an zu erklären, warum sie eigentlich besonders geeignet für den Anfang sind. Das Qof erinnert an kadesch - heilig -, das P steht für poder, den Erlöser,
das Tav für Torah, die Gebote, das Kav für kavut - die Herrlichkeit - und so weiter. Aber nun, mit jedem Buchstaben fangen nicht nur große positive Wörter an, sondern auch negative. Qof wie kadesch (heilig), aber auch kalal (verfluchen), Resch nicht nur raham (Erbarmung), sondern auch ra, (böse) und so weiter. Das Beth steht für berachah, Segen, und bekommt von Gott sozusagen den Zuschlag. Das Aleph ist ganz still geworden und sagt gar nichts mehr. Von Gott gefragt, warum es so ruhig sei, sagt es: "Ach, als Aleph bin ich ja eh nur eine kleine Nummer." (Denn die Buchstaben haben Zahlenwerte, und A ist 1. B ist 2, hatte ich schon gesagt.) Da sagt Gott: "Weißt du, die Welt habe ich mit B begonnen, aber ich, Gott, bin 1 wie du. Morgen schaffe ich die Gebote, und die beginne ich mit dir: Anuchi Adonai - Ich bin der Herr, dein Gott." Eins. Was entsteht, wird ins Leben geliebt, aus der Sehnsucht Gottes geboren, nicht alleine für sich Gott sein zu wollen. Nicht einfältig, sondern zweifaltig, und
weil heute Pfingsten ist, dreifaltig. - Damit bin ich beim dritten Punkt und bei der heiligen, heilenden Geistkraft. Und bevor ich gleich unterbreche, kurz: Die dritte ist die Ruach. Atem, Wind und Sturm, heiliges Wehen, Luft, die sich bewegt, Lebhaftigkeit, Vitalität, Luft, die uns bewegt, Lebenskraft, Gotteskraft, Energie, Luft, die sich durch Geschichten, Lieder und Mythen zieht, im Schrei der Neugeborenen und dem letzten Hauch der Sterbenden. Nischmat ruach hayyim, Seele des atmenden Lebens, Atem, der in uns atmet. - Ich habe hier aufgeschrieben, dass ich etwas trinken soll. Und dass wir alle jetzt mal bewusst aus- und einatmen. Okay. Jemand hat mich auch mal gefragt: "Sie atmen in der Kirche?" Ich habe geantwortet: "Ich hoffe, Sie auch!" - Okay, wir nehmen uns einen Moment, wirklich
jetzt bewusst zu atmen. Setzt euch nochmal bewusst hin, spürt den Boden unter euren Füßen und lasst mal den Kopf fallen zur linken Schulter und nach vorne rollen und zur rechten Schulter. Und sitzen wir aufrecht da und schließen die Augen und atmen bewusst aus. Und wieder ein. Wir beginnen immer erst mal mit dem Ausatmen, lassen erst mal los, bevor wir schon wieder was Neues haben wollen. Und dann atmen wir ein, holen neue Luft für den nächsten neuen Moment. Wir können auch atmen und beten, wer mag. Beim Ausatmen sagen: Ich lasse mich los. Und beim Einatmen: Du bist hier. Aus und ein im eigenen Rhythmus.
Ihr könnt die Augen wieder aufmachen. Liebe Worthausgemeinschaft, es ist Pfingsten und wir sind schon bei Punkt drei. Schön, wenden wir uns der heiligen, trotzigen Geistkraft zu. Aber nun, so wenig, wie wir sagen können: "Jetzt trotzen wir mal kräftig. Jetzt hoffen wir, los, lasst uns zuversichtlich sein, es gibt schließlich große Versprechen, gute Geschichten, Zukunft und Hoffnung", so wenig können wir sagen: "Jetzt komm, Heiliger Geist, weh, mach und wandle und wirke." Was machen wir? Woher kommt die Kraft? Woher kommt die Kraft fürs Arche-Sein und Zweite-Meile-Gehen, für Staunschule, Frageraum und Freiwilligkeit? Kann uns der Heilige Geist trotzig machen, widerständig und ausdauernd, hoffnungsvoll und zuversichtlich? Ich lese nochmal in der hebräischen Bibel im Buch des
Propheten Ezechiel. Er beschreibt seine Erfahrung mit der göttlichen Kraft so wundervoll. Buch Ezechiel, zweites Kapitel. "Gott sprach zu mir und forderte mich auf: 'Du Menschenkind, stell dich auf deine Füße, dann will ich mit dir reden.' Und als Gott so zu mir redete, kam Geistkraft in mich, sie stellte mich auf meine Füße. Da hörte ich, was Gott zu mir sagte." Ich liebe diese Verse. Gott beginnt das Gespräch mit einer Aufforderung. Je nachdem hören wir das als Appell, als Befehl oder als freundliche Bitte. "Stell dich auf deine Füße", steh fest, steh zu dir, guck gerade, heb den Kopf,
mach dich bereit, stell dich hin, sei aufmerksam, ich habe dir etwas zu sagen. Was tut jetzt der Ezechiel? Steht er auf? Nein. Kann er nicht? Will er nicht? "Gott sprach zu mir, forderte mich auf: 'Du Menschenkind, stell dich auf deine Füße.' Und als ich so mit Gott redete ..." Der Prophet lässt sich auf ein Gespräch ein. Bevor er sofort tut, was Gott will, hört er hin, und da passiert dann Folgendes: "Während ich mit Gott redete", parallel, "kam Geistkraft in mich und stellte mich auf meine Füße", und da steht er. Aber was jetzt? Wer jetzt? Wer ist jetzt aufgestanden? So wie er ja sollte, Ezechiel, wie Gott es von ihm wollte, hat der Geist seine Füße kontrolliert, aber Ezechiel ist doch Herr seiner Füße. Beide sind dabei. Gott war voll dabei. Gott tut, was Gott sich von uns wünscht, und Ezechiel wollte tun, was er hörte. Gott äußerte eine Bitte und ist es dann selbst,
der diese Bitte erfüllt mit uns. Kooperation, Teamwork, Zusammenwirkung. Wir wollen trotzen, ja. Wir möchten gerne zuversichtlich sein, aktiv und präsent, und wir wissen doch nicht genau, was mit uns geschieht. Es ist unerklärlich, diese Kraft. Beschenkte sind wir und Beteiligte. "Als ich so mit Gott redete", in der Beziehung, "Ich lasse dich nicht los, bis du mich gesegnet hast", im Gespräch, im Austausch, im Hören und Hinsehen und Aufmerken, im Mitleben, in dieser gegenseitigen Erwartung wirkt die Geistkraft. Und so ist es doch. Wir tun etwas. Also wir kommen zum Beispiel nach Tübingen, zu Worthaus. Wir entscheiden uns zuzuhören. Es macht klick. Ihr kennt das seit Jahren. Es zimmert, es diezt, es benzt, es rutscht ins Herz. Und am Ende des Tages fragen wir uns: Ja, war ich das jetzt? Mein Verstand, mein Gemüt? War es die Luft in der Turnhalle, war es die
Worthausgemeinschaft, war das Gott? Aber ich war ja tatsächlich da. Ich war doch beteiligt. Es waren doch meine Füße. Ich stehe doch für mein Leben gerade. Ich habe mich da angemeldet. Ich bin da, und gleichzeitig weiß ich: Keine Sekunde lang könnte ich atmen, leben und sein, keinen Tag lang vertrauen, hoffen und lieben ohne diese Kraft, die ich mir nicht erklären kann nur mit mir selbst. "Ich glaube", sage ich selbstbewusst, und ich bin gleichzeitig heilfroh, dass ich nicht für meinen Glauben geradestehen muss, dass Gott mir Glauben schenkt, mir den Grund gibt, mich beschenkt. Und gleichzeitig, ja, bin ich aktiv. Wir werden beteiligt. Im Gespräch, in Beziehung, in der Erwartung nehme ich an, bereite ich mich vor, entscheide ich mit. Von Geistkraft bewegt geraten wir in Bewegung, von Trotzkraft erfüllt trotzen wir, von Ruach beseelt atmet göttliche Nefesch in
uns. Gott ist Demokratin, und ich bin überzeugt, das Heilmittel für die Katastrophen, die ja wirklich passieren, das Heilmittel liegt genau in dieser Wirklichkeit, und die schreit nach Beteiligung. Angesichts der Abgründe, wenn wir uns hoffnungslos fühlen, wenn Zuversicht und Wissen nicht in einen Kopf passen, wenn die Nachrichten, die Themen des Tages, der Blick in unsere Welt uns nur noch erschöpft, dann ziehen wir uns nicht zurück, sondern wenden uns dieser Welt zu. Denn was uns aus diesem Zustand herausholt, ist ebenfalls genau da draußen. Wir sind Teil der Wirklichkeit, wir sind auch Teil der Veränderung. Also kommen wir ins Handeln, das ist das beste Antidepressivum. Wie Ezechiel lassen wir uns beteiligen, denn sonst wird
die Müdigkeit immer schlimmer. Stellen wir uns der Wirklichkeit, suchen Verbündete, eine Bande, und tun wir, was wir können. Etwas, das wir können. Jede und jeder je an einem Punkt. Und die große Geschichte Gottes geht weiter mit uns. So, Gott ist treu, die Ewige. Gott ist eins, einer, eine, Adonai Echad. Wenn eins alleine lebt, wird es nicht gestört. Es kann einfach mit sich in Frieden sein. Aber Gott, die eine, schafft eine ganze Welt, ein Gegenüber. Zwei sind dann ein Duo oder im Duell. Zwei bringen Spannung mit, es wird komplexer. Drei ist das Symbol der Harmonie, "Aller guten Dinge sind drei." Die Drei verbindet Eins und Zwei zu einer neuen Größe. Sie löst die Gegensätze nicht auf, sondern fügt sie zusammen. Drei zeigt, wie kompatibel die beiden sind, dass sie sich ergänzen, ein gemeinsames Ziel haben, das größer ist als beide. In der
Schöpfungserzählung zeigen es die ersten drei Tage. Am ersten Tag wird nur Licht geschaffen, und zum Abschluss heißt es: "Es war Abend, es war Morgen, ein Tag (oder: Tag des Einen)." Gott allein existierte im Licht, in Tag und Nacht. Es gab die komplette simple Einheit. Am zweiten Tag kommt die Unterscheidung ins Spiel. Gott trennt Himmel und Erde, die Wasser der Himmel von den Wassern der Erde. Anders als bei allen fünf weiteren Tagen, die noch kommen, heißt es am zweiten Tag nicht: "Siehe, es war gut." Diese Trennung, dieser Konflikt zwischen Himmel und Erde, kann nicht gutgeheißen werden. Aber es geht ja weiter. Am dritten Tag begrenzt Gott das Wasser, das Meer, es entsteht Land, es entsteht Vegetation und Licht und Dunkelheit, Himmel und Erde. Und die Wasser arbeiten jetzt harmonisch zusammen und jetzt sagt die Torah sogar zweimal: "Es ist gut."
Trotzkraft kann in der Bibel aufgespürt werden. Die Gegensätze sind immer noch da, aber sie sind jetzt Teil einer größeren Einheit geworden, und das ist doppelt gut. Wenn die Gegensätze sich verbinden, ist das Neue größer als die Summe ihrer Teile. Daher ist die Drei die Zahl des Friedens. Gott schafft nicht das Heilige und das Unheilige, das Gesunde und das Ungesunde, das Gute und das Böse, das Erlaubte und das Verbotene, damit sie schön in Konflikt geraten. Gott schafft Unterschiede und Vielheit, und alles soll sich gegenseitig ergänzen, bereichern und vervollkommnen. Die Dritte, diese heilsam verbindende, die Verschiedenes in Einklang bringt, ist eine heilige Kraft. Unsere Wurzel. Das Judentum würde sagen, diese heilsam verbindende Kraft ist auch die Torah, die Weisheit der Weisungen, die Bibel. Sie verbindet die Einheit Gottes mit unseren Konflikten, denn sie erzählt von Verheißung und Zweifel in der einen großen
Geschichte vom Leben. Mit ihr, mit den beiden, der Bibel und der heilenden Geistkraft, mit ihr könnten wir eine Arche sein, ein Raum für große Fragen, zweite Meilen gehen, einen Weg zum Miteinander finden und das Richtige tun, das wir tun sollen. Mit dem Geist von Pfingsten werden wir grüne Zweige überbringen, Gepäck tragen und Gespräche initiieren, aufstehen und Haltung zeigen. Zukunftsmutig schaffen wir Orte für Trauer, für Scham und Suche. Wagen wir unaufgefordert den Verzicht, tun wir, was Gott sich von uns wünscht. Schenken wir Worte, die wärmen. Leben wir die Gemeinschaft von Verschiedenen. Lassen wir uns rufen. Mit der heiligen Wirkmacht trauen wir dem großen Versprechen "Nie wieder Vernichtung". Trauen wir den widerständigen Ideen von Jesus und echter
Beteiligung, dem Zusammenwirken. Leben wir als die Freundinnen und Freunde Gottes, teilen unsere Schätze. Das Leben überwindet die Katastrophe. Freiwilligkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern beweist Souveränität. Wir sind nicht allein. Es gibt eine große, segnende Kraft, die uns nicht lässt. Unser Gott ist resilient, liebt trotz allem. Unser Lebensfreund aus Nazareth ist originell und geht den neuen Weg. Unser Gott ist demokratisch und beteiligt uns. Ich sage Amen, es werde wahr mit uns, und danke für die Aufmerksamkeit.
Trotzkraft | 13.7.2
In einer Zeit voller Krisen, Kriege und Krankheiten brauchen Menschen nicht nur Hoffnung, sondern auch etwas, worüber in den vergangenen Jahren immer mehr Ratgeber und Artikel erschienen sind: Resilienz. Auch bekannt unter dem eher unbekannten Begriff: Trotzkraft. In der Bibel kommt das Wort kein einziges Mal vor. Trotzdem findet die Theologin und Autorin Christina Brudereck einige Beispiele trotzkräftiger Menschen und erzählt anhand von Noah, Jesus und Hesekiel, wie wir lieben statt zu hassen, uns von Gott bewegen lassen und anderen Menschen eine Arche bauen – mit Worten und Taten.
Und fast nebenbei gerät Brudereck immer wieder ins Schwärmen über die Bibel, ein wahres Kunstwerk, in dem kein Buchstabe ein Zufall ist. Sie inspiriert nicht nur zu Trotzkraft, sondern ermutigt auch, sich müde und verletzlich zu zeigen, Räume zu schaffen für Tränen und Unsicherheit. Weil das Leben mehr Fragen aufwirft als Wünsche erfüllt. Und wir manchmal einfach trotzig weitergehen müssen.