Und jetzt kommt der Römerbrief. Jetzt kommt der Römerbrief. Der Highpoint, der Hochpunkt der Theologie des Paulus. Ihr habt ja schon so viel, wir haben schon so viel zum Römerbrief gehört, und jetzt kommt das Ultimo zum Römerbrief. Nein, Spaß beiseite. Das ist meine Lesart des Römerbriefes. Ich bin natürlich überzeugt, so ist es. Aber ihr wisst, alles unter eschatalogischem Vorbehalt. Das Allerletzte wissen wir nicht, auch ich nicht. Aber okay, Paulus und Israel, ein theologischer Dialog im Römerbrief. Der Römerbrief ist tatsächlich nicht ganz ohne.
Der hatte ja auch einen ziemlich massiven Impact, sagt man auf Neudeutsch, also Einfluss, nicht nur in der Bibelwissenschaft, da natürlich auch. Wir schreiben immer noch unendlich viele Bücher zum Römerbrief. Nein, dieser Brief hat Geschichte gemacht. Und ich möchte nur zu Beginn uns alle an ein paar Stationen erinnern, bevor wir in medias res gehen. Und by the way, wenn Paulus geahnt hätte, was das für einen Einfluss haben würde über 2000 Jahre, was er da geschrieben hat - ich bin nicht sicher, ob er es dann geschrieben hätte. Aber er hat es geschrieben. Viele Kirchenväter haben Wesentliches auf ihrer Reise zu Gott und den Menschen durch den Römerbrief gelernt. So
erzählt Augustinus in seinen Bekenntnissen, dass das Lesen von Römer 13 bis 14 der entscheidende Faktor für sein christliches Leben gewesen sei. Und Martin Luther, ja natürlich Martin Luther, hatte sein großes Erlebnis mit dem Römerbrief, als er verzweifelt den gnädigen, gerechten Gott suchte. Er fand die Antwort in Römer 1,17. Und er schreibt, er hat dann auch zum Römerbrief Vorlesung gehalten, und da schreibt er in der Vorrede zum Römerbrief, der Martin Luther, ich lese Ihnen das: "Dieser Brief ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste
Evangelium, welcher wohl würdig und wert ist, dass ihn ein Christenmensch nicht allein Wort für Wort auswendig wisse, sondern täglich damit umgehe als mit einem täglichen Brot für die Seele. Denn er kann nimmer zu viel und zu gründlich gelesen und betrachtet werden. Und je mehr er behandelt wird, desto kostbarer wird er und umso besser schmeckt er." Ach, wir können also nie genug Römerbrief machen, sagt uns Martin Luther. Das Motto für den Tag, oder? Das ist die deutsche Seite der Reformationsgeschichte. Und Sie wissen, ich bin Schweizerin, also jetzt muss ich noch was zu den Schweizern sagen. Die haben nämlich den Römerbrief auch gelesen in der Reformationszeit,
Huldrych Zwingli, und dann später Heinrich Bullinger. Nun ja, Sie wissen vielleicht, Huldrych Zwingli, der war ein so impulsiver Reformator, dass er es nicht geschafft hat, einen Kommentar zum Römerbrief zu schreiben. Aber er hat auch den Römerbrief, wie alle anderen Briefe des Neuen Testaments, von Hand für sich abgeschrieben, von Hand für sich abgeschrieben, um ihn sich einzuverleiben. So ein bisschen wie was Martin Luther gesagt hat, oder?, hat er gemacht. Sie wissen, Zwingli ist als Hitzkopf dann früh auf dem Schlachtfeld zu Tode gekommen, und so hat sein Nachfolger, Heinrich Bullinger, einen Römerbriefkommentar verfasst, der in Europa weit, weit Einfluss gewann, bis nach Schottland hinauf. Stellen Sie sich vor, die Schotten haben die
Schweizer gelesen. Finde ich immer spannend. Okay. Und dann, wenn wir ins 20. Jahrhundert springen, dann gab es dann nochmals so einen großen Einfluss des Römerbriefes, und zwar nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Großen Krieg. Während dieses Großen Krieges, wieder in der Schweiz, da war ein sogenannter Karl Barth, und der wusste nicht mehr, wie er predigen sollte. Weil all seine Lehrer, es waren alles Männer, nichts gegen Männer, aber in der Zeit waren alle theologischen Lehrer, Professoren, Männer, weil all seine Lehrer hatten auf allen Seiten die Kanonen aller Kriegsparteien im Namen Gottes gesegnet. Deshalb konnte Karl Barth nicht mehr so predigen in seiner kleinen Gemeinde in Safenwil und hat nach Wegen gesucht, wie verkündige ich das Wort Gottes? Und
wohin hat er sich gewandt? Zum Römerbrief. Und er hat 1919 und dann 1921 eine Art Kommentar zum Römerbrief veröffentlicht. Es ist aber nicht wirklich ein Kommentar, sondern er hat, und das finde ich ganz wichtig für uns auch heute, er hat nicht beansprucht, dass sein Lesen und sein Verständnis des Römerbriefs den Originalton, den O-Ton des Paulus wiedergebe. Das hat Barth nie beansprucht. Er gab nicht vor, zu wissen, was Paulus wirklich gemeint hat, sondern Karl Barth, ich paraphrasiere ihn, sagt so ungefähr, er lässt Paulus in seinem, Barths, Verständnis reden, in seiner Auslegung des Römerbriefs, und er legt sein Lesen im Namen des Paulus vor. Was das heißt,
ist, dass Karl Barth die historische Situation von vor 2000 Jahren unterscheidet von seinem eigenen Verständnis. Ich finde das ein Grundprinzip, das sehr wichtig ist für uns auch heute. Was ich damit sage, ist, ich gebe auch jetzt nicht vor, den O-Ton des Paulus Ihnen wiederzugeben. Es ist meine Lesart. Ich bin eine Frau des 21. Jahrhunderts, geprägt durch meine Erziehung, durch meine Eltern, durch meine Erlebnisse, und als solche, nicht als weißes Blatt, als solche lese ich diesen Brief. Und hoffe, ich verstehe etwas. Aber wie es wirklich gewesen ist und was Paulus wirklich gemeint hat, das kann ich Ihnen nicht sagen. Jetzt sind Sie vermutlich enttäuscht, aber damit muss ich leben.
Wenn wir, das gilt übrigens, wenn immer wir Neues Testament lesen, wenn wir Neues Testament lesen - das ist jetzt meine Vorrede, um dann Ihnen doch zu sagen, wie Paulus es gemeint hat, nein, Spaß beiseite - wenn wir Neues Testament lesen und Römerbrief natürlich im Besonderen, dann sollten wir uns bewusst sein, wie Karl Barth, dass da eine große Distanz besteht zwischen uns und jenen Menschen, die damals gelebt haben, denen Paulus zuerst geschrieben hat, zu Paulus. Es ist so ein bisschen wie reisen in ein fremdes Land. Da bereiten Sie sich ja normalerweise auch vor, also Sie finden heraus, was ist die Sprache, die man dort spricht, kann man ja jetzt heute auf einer App dann live übersetzen lassen oder so mit DeepL oder - keine Werbung, okay. Aber man muss wissen, welche Sprache gesprochen ist, welche Währung muss ich einpacken, wie sind die
Sitten und Bräuche dort ein bisschen, oder schüttelt man die Hand oder nicht und solche Dinge. Wie ist das Klima, muss ich dicken Pullover einpacken oder nur die Leinenhose oder so. Und so ist das auch, wenn wir jetzt nach Rom reisen, nein, ins Römische Reich natürlich. Da leben Menschen, da lebten Menschen in sehr verschiedenen Kontexten mit sehr verschiedenen Bräuchen, sie haben verschiedene Sprachen gesprochen und so weiter. Sie haben verschiedene Sitten gehabt. das Klima war nicht so unterschiedlich, war ja alles mediterran, wunderbar, die Küche war auch mediterran, die lieben wir ja sehr, also ich auf alle Fälle. Aber so einfach sich ein bisschen bewusst machen, ja so, in diese Gegend gehen wir, in diese Zeit reisen wir. So. Und nun haben wir also diesen Römerbrief. Paulus schreibt nach Rom, in diese Stadt, den Hauptort, die Hauptstadt des
Römischen Reiches, mächtig, wunderbar, imperial, mit gewaltigen Bauten. Sie kennen vielleicht diese 3D-Imitationen, die man sich im Internet anschauen kann, und dann kann man durch das antike Rom wandern, und ist auch toll, wenn man direkt in Rom ist, da kriegt man auch einen Eindruck. Aber okay, für die, die jetzt nicht gleich nach Rom reisen können, also kann man sich da so ein bisschen einen Eindruck holen. Dorthin schreibt der Paulus. Und wie gestern schon gesagt wurde, er war noch nie dort. Das ist das Spezielle an diesem Brief. Er war noch nie in Rom, will dann dorthin gehen, das sagt er ja. Aber ich bin der Meinung, dass auch dieser Brief sehr konkret ist, dass Paulus in eine sehr konkrete Situation in Rom hineinschreibt, auf sehr konkrete Aspekte und
Situationen in Rom eingeht und deshalb diesen Brief schreibt. Er theologisiert auch in diesem Brief, wie in allen anderen, als eine Art Gespräch. Es ist eine Art Dialog, auch mit seinen Adressatinnen und Adressaten in Rom, auch wenn er noch nie in Rom war. Aber denken Sie daran, am Ende des Römerbriefs, Kapitel 16, da steht eine ganz lange Grußliste. Paulus sagt damit, ich kenne da ganz viele Leute persönlich, und dann qualifiziert er ja, wie er diese Menschen kennt. Das wird sehr konkret: Sie haben mit mir gekämpft, sie sind meine Mitgenossen. Lesen Sie sich das mal genau an. Er sagt da, ich kenne viele Menschen in Rom. Und wenn er das sagt, dann sagt er nicht nur, ich kenne
viele Menschen in Rom, übrigens auch Aquila und Priska, also die kennen wir ja schon aus dem ersten Korintherbrief. Also er kennt dort Leute. Und es ist ja wohl vermutlich nicht so, dass er das einfach so schreibt und dann - der weiß etwas über Rom. Das waren ja soziale Netzwerke. Diese Christusbewegung war ein soziales Netzwerk innerhalb dieser mediterranen Gebiete. Die sind hin und her gereist. Ja, die konnten sich nicht E-Mails schreiben, die konnten nicht texten, aber da sind Menschen hin und her gereist. Paulus schickt ja dann auch diese Phöbe nach Rom. Also ich gehe davon aus, dass Paulus etwas weiß von der Situation in Rom. Und jetzt versucht er mit diesem Brief ein direktes Gespräch in Gang zu bringen zwischen sich selbst und seinen Mitarbeitenden und den Christus nachfolgenden Gruppen, die sich in Rom befinden. Ja, Paulus hat diese Gruppe nicht
selbst ins Leben gerufen. Sie ist nicht durch seine Predigt, durch seine Verkündigung des Evangeliums ins Leben gerufen worden. Wir wissen nicht, wie das Evangelium nach Rom kam. Die Legende sagt, das war Petrus, deshalb der Petersdom. Das ist eine Legende. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, und jetzt kommt dieses Reisen in ein fernes Land und man versucht sich zu informieren ins Spiel, was wir wissen ist, dass es ungefähr seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, also 150, 160, einen recht regen Austausch zwischen der Stadt Rom oder zwischen Römerinnen und Römern und Jüdinnen und Juden gegeben hat. Es gab Beziehungen zwischen Rom und
Jüdinnen und Juden im Heiligen Land. Das hat vermutlich in der Zeit der Makkabäer begonnen, die sich die Unterstützung Roms auch gesichert haben. Und seither kann man annehmen, dass es eine jüdische Präsenz gab in Rom. Also die älteste ungebrochene jüdische Präsenz in der Welt befindet sich in Rom. Seit vorchristlicher Zeit gibt es jüdische Gemeinden in Rom, ungebrochen, ungebrochen bis heute. Und vermutlich ist auch auf diesem Weg, also durch diese eh schon bestehende Präsenz, die Messias-Botschaft nach Rom gelangt. Mit dem Schiff sind Leute hin und her gereist, so vermute ich. Aber weil Paulus noch nicht da war, okay, tönt dieser Brief, die Sprache dieses Briefes tönt etwas anders als der Galaterbrief. Da platzt er ja gleich rein. Da ist er wütend auf die
Galater und so. Wütend sein und das gleich auch rauslassen, das kann man eigentlich nur in einer guten Beziehung, also die das aushält, würde ich jetzt mal sagen. Das ist in Rom nicht so, da hat er noch keine persönliche Grundlage in der Beziehung. Das heißt, er schreibt vorsichtig. Er schreibt vorsichtig, er versucht formaler zu formulieren, und es gibt eine sehr klare Struktur in diesem Brief. Er baut seine Argumente ganz vorsichtig auf. Deshalb klingt dieser Brief eben anders, und auch anders also als die Korinther-Korrespondenz und so. Weil der so ein bisschen anders klingt, also so anders dann auch wieder nicht, aber so ein bisschen anders, wird dann eben manchmal gesagt, der schreibt nicht in eine konkrete Situation hinein. Okay, ich bin da anderer Meinung, wie gesagt, und bin der Meinung, er schreibt bewusst in eine Situation hinein, die ihn beschäftigt, von der er
überzeugt ist, er muss jetzt da schreiben. Weil da irgendetwas ist in Rom, da muss Paulus intervenieren. Eben vorsichtig, aber er muss da etwas sagen. Und er sagt, ich kann das, ich bin dazu beauftragt, auch euch zu schreiben, weil ich ja Apostel der Völker bin. Sie erinnern sich, der nichtjüdischen Völker. Zu denen gehört auch ihr. Das sind seine Adressaten in Rom. Diese nichtjüdischen Christusnachfolgenden in Rom. Deshalb kann ich euch schreiben, das ist ja mein Auftrag. Und er sagt in Römer 1,14, ich bin verpflichtet sowohl Griechen als auch Barbaren gegenüber. Okay, Barbaren in Klammer, das sind nicht was bei uns dann anklingt. Das sind Menschen,
die nicht Griechisch sprechen. Also wenn man Latein spricht oder Keltisch oder Skythisch oder Phrygisch, dann ist man ein Barbar. Oder eine Barbarin, verstehen Sie? Also es sind die, die in anderen Sprachen sprechen, nicht Griechisch. Das meint er hier, also keine Abwertung oder so, es ist nur eine Sprachregelung. Und er schreibt ihnen und sagt, ich bin mir bewusst, schreibt er gegen Ende des Römerbriefes, 15,20, dass er ja eigentlich nicht auf dem Fundament, das ein anderer gelegt hat, bauen will. Also dort in 15,20, da schreibt er, ja ich habe jetzt alles gemacht von Jerusalem bis Illyrien, da war ich überall, habe ich überall gewirkt, da bin ich jetzt fertig, weil ich will ja nicht irgendwo bauen, wo ein anderer schon das Fundament hat. Das macht er aber hier in Rom. Hier ist er so ungefähr in der Rolle des Apollos. Apollos
beschreibt er im ersten Korintherbrief als der, der gießt. Es gibt einige, die legen das Fundament oder die legen das Gartenbeet an, und dann kommen andere, und die gießen, ja muss man natürlich, wenn es austrocknet, dann wächst auch nichts. Also so in der Rolle schreibt Paulus nach Rom. Also er ist sich bewusst, er hat nicht die gleiche Autorität, wie er den Korinthern oder den Galatern gegenüber hat: "Nichtsdestotrotz sage ich als Apostel der Völker, ich bin berechtigt, euch zu schreiben." So. Und er hat das Gefühl, er muss etwas klären. Jetzt sagt er auch eigenartigerweise, also ja, natürlich, ich habe mir schon oft vorgenommen, zu euch zu kommen, aber bisher bin ich daran gehindert worden, sagt er in 1,13a. So, und er will kommen, damit man sich
gegenseitig aufbauen kann und so. Und dann kommt der Brief, und dann sagt er ihnen am Ende, aber ich komme jetzt doch nicht. Ich gehe nämlich jetzt nach Jerusalem. Ist ein bisschen eigenartig, aber es ist kein Zufall. Das ist kein Zufall, wir kommen noch mal darauf zurück. Also er schreibt ihnen jetzt, weil er etwas klären muss, und sagt ihnen am Ende, aber ich komme jetzt nicht, ich gehe jetzt zuerst nach Jerusalem mit dem, was wir dann Kollekte nennen. Da wir hier in so ungefähr einer Stunde jetzt nicht den ganzen Römerbrief im Detail durchgehen können - also ich kann ihnen jetzt nicht den großen Wurf zum Römerbrief geben, das schaffe ich nicht, okay, das schaffe ich nicht, tut mir leid -, habe ich mir so ein paar Themen rausgeholt, und es geht ja vor allem um Israel. Also es wären dann die Kapitel, die wichtigen Kapitel 9 bis 11,
die lange in der Forschungsgeschichte übrigens als so eine Art Anhang behandelt wurden. Wurde gesagt, ja also in Römer 1 bis 8 hat Paulus eigentlich alles, was theologisch wichtig ist, gesagt. Alles ist gesagt. Rechtfertigung, Versöhnung, Geist, ist alles durch. Jetzt kommt noch so der Anhang, weil Paulus ist so noch ein bisschen nostalgisch. Er kann sein Volk noch nicht so ganz loslassen. Jetzt muss er dazu auch noch was sagen - hat er halt gesagt. Okay, schwamm drüber, gehen wir weiter: Das Entscheidende ist was anderes. Haben aber andere Ausleger, und nicht jetzt erst diese neueste Paulus-Auslegung, sondern bereits im 19. Jahrhundert hat ein Tübinger Professor Ferdinand Christian Bauer gesagt, nein, 9 bis 11 ist eigentlich das Zentrum des Briefes. Sehr interessant. Er hat das dann ganz anders verstanden, als ich es jetzt Ihnen vortrage. Aber immerhin hat er gesagt, das ist der wichtigste Teil des Briefes. Okay,
ist ja interessant. Dann ist da viel Gras drüber gewachsen oder Wasser die Neckar runtergeflossen. Aber da sind wir jetzt. Ich denke auch, dass die Kapitel 9 bis 11 uns eigentlich ganz zum zentralen Aspekt dieses Briefes führen. Ich werde wieder so in etwa drei Teilen jetzt über diese wichtigen Kapitel ein paar Dinge sagen. Wir fangen wieder an bei Gott, stellen Sie sich vor, wie gestern, auch im Römerbrief ganz zentral: Wer ist dieser Gott? Dann kommen wir zum Selbstverständnis der Christus Nachfolgenden aus den Völkern. Also wer sind wir? Wir sind wie die Christusnachfolgenden aus den Völkern. Und wer ist Israel? Und wie ist das Verhältnis zwischen Gott,
den Völkern in Christus und Israel? So, also wieder zu Gott. Ganz zu Beginn, also nachdem er gesagt hat, ich komme eigentlich gerne zu euch, aber bisher habe ich das nicht geschafft, sagt dann Paulus zu Beginn, im 1. Kapitel 18, redet er da vom Zorn Gottes, der sich über die Welt geoffenbart habe, der Ärger Gottes über die verdrehte Ehrfurcht der Menschen. Diese verdrehte Ehrfurcht der Menschen, also das heißt auf gut Deutsch, der verdrehte Gottesdienst der Menschen, der ist Ausdruck der Sünde - dieses große Wort, was man genau damit meint - aber es ist etwas verdreht in der Welt. Können wir mal so sagen: Sünde ist eigentlich, es ist etwas verdreht in der Welt. Können wir Paulus zustimmen. Ja, es ist etwas verdreht in der Welt. Paulus sagt, es ist verdreht wegen der verdrehten Gottesfurcht der pagan dominierten Welt. Dann beschreibt er dort,
also die verdrehen das Geschaffene und halten es für den Schöpfer. Dabei sind das kriechende Tiere. Also, das sind die, die auf den Bauch kriechen, und die, damit meint er diese Bilder, die hergestellt werden von Gottheiten - ägyptisch, da wissen Sie, die haben manchmal einen Eselskopf oder einen Katzenkopf oder so, und dann gibt es die kleinen Gottheiten, die das Haus beschützen, das sind Schlangen, die Penaten, dann gibt es kleine Engelchen, das sind die Laren, also davon redet Paulus, das ist die Verdrehung. Diese Verdrehung betrifft aber eben seine Adressaten - oder betraf -, weil seine Adressatinnen und Adressaten aus den nichtjüdischen Völkern, die kommen her von dieser Verdrehung, haben jetzt aber in Christus erkannt, nein, es gibt einen
Schöpfer, und alles andere ist Geschöpf. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Himmel und Erde. Gott ist Gott, und die Geschöpfe sind Geschöpfe. Wenn man diese Verdrehung aufhebt, dann kommt man zum Zugang zum einen lebendigen Gott. Dann wird diese Verdrehung aufgehoben. Ich komme dann nochmal dazu, darauf zurück, ich möchte nur wiederholen, was ich gestern auch schon gesagt habe. Grundlegend sagt Paulus: Nicht alle Menschen haben so verdreht die Geschöpfe anstatt den Schöpfer verehrt. Das sind die früher pagan lebenden Adressatinnen und Adressaten dieses Briefes. Das Volk Israel hat einen Zugang zu diesem einen Gott, sicher auch nicht ungebrochen,
aber im Prinzip sind Jüdinnen und Juden in der Meinung des Paulus keine Götzendiener. Diese Sünde begehen sie nicht. Im Prinzip, das heißt nicht, dass es im Detail nicht Einzelne gibt, die dann auch verdreht wären, das will ich nicht sagen, aber es geht um das Prinzip hier. Das Prinzip zwischen paganer Gesellschaft und dem Volk Israel ist eindeutig für Paulus. Gut. Und nun versucht Paulus darzulegen, wer dieser Gott ist. Dieser Gott, zu dem sie umgedreht sind, diese früher pagan lebenden Menschen. Deshalb würde ich auch sagen, bei aller Christologie, die sich im Römerbrief findet, das ist ein theozentrischer Brief. Auch Christologie ist theozentrisch, die sind immer aufeinander bezogen. Gestern hat Jens Schröter gesagt, ja, man kann nicht von Jesus Christus reden, ohne von dem Gott Israels zu reden. Das ist absolut richtig. Und
ich würde sagen, die Priorität liegt beim Gott Israels, und hinzu kommt Jesus als der Christus. So, also theozentrisch. Gut, also damit habe ich so ein bisschen wiederholt, was ich gestern schon gesagt habe. Und diese Christusnachfolgenden aus den Völkern, die gehören jetzt auch zu diesem Gott. Wie das genau geht, darüber müssen wir dann noch mal im Detail uns unterhalten, aber lassen wir das mal hier bestehen. Es geht durch Christus. Die sind gerufen, durch Christus auf den Ruf Gottes zu antworten. In Christus. Da steht ein Wort, das Paulus in Römer 1,5 verwendet, das ist wieder sowas Griechisches. Entschuldigung für all das Griechische, aber ich erkläre es Ihnen gleich. Da sagt er, also Paulus, sei berufen, den Völkern Christus zu verkünden, damit sie auf diesen Ruf
mit "hypakoän pisteos" antworten. "hypakoän" - darin steckt ein griechisches Wort für hören. Hören - sie sollen hörend im Vertrauen antworten auf diesen Ruf. Wir kennen das auf Deutsch übrigens auch. Im Wort "gehorsam", so wird dieses griechische Wort meistens übersetzt, im Wort "gehorsam" steckt hören drin. Wir hören dann meistens, das ist so, ich muss irgendeinen Befehl oder einer Regel gehorchen, Unterordnung. Aber eigentlich steckt da drin: Ich höre auf etwas und reagiere darauf. Gehorsam ist nicht einfach Unterordnung. Ich tue, was mir befohlen wird - so wird das verstanden, so wird es
dann auch übersetzt. Ich höre im griechischen Wort und im deutschen Wort etwas, das viel mehr mit Resonanz zu tun hat. Jemand ruft. Der Ruf, der geht auf mein Trommelfell. Was geschieht in meinem Trommelfell, in meinem Ohr? Es schwingt. Und dann wird es geleitet ins Hirn, und dort wird etwas umgesetzt, und dann kann ich entscheiden, will ich mich durch dieses Gehörte bewegen lassen oder schließe ich die Ohren? Geht ja zwar eigentlich gar nicht. Ohren kann man nicht schließen wie Augen. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Geht nicht. Also okay, ich kann Kopfhörer rein machen und dann alles ausschalten und so. Aber es ist viel schwieriger. Darum geht es, sich von dieser Schwingung des Rufes bewegen zu lassen. Dazu fühlt sich Paulus berufen. Er will diese
Menschen durch seinen Ruf, durch das Ausführen seines Rufs, in Bewegung setzen, in Schwingung versetzen. In Schwingung, so ein bisschen wie tanzen. So, antwortet, lasst euch darauf ein, antwortet darauf, vertraut ihm, diesem Anruf Gottes mit eurem ganzen Leben. Das ist ein anderer Anruf, der geschieht durch Christus primär und zuerst für Menschen aus den Völkern durch Christus. Weil, und ich wiederhole mich, weil jüdische Menschen durch Abraham, Isaak, Jakob, durch die Begegnung am Sinai immer schon angerufen sind, sich in Schwingung versetzen zu lassen von diesem Gott. Das beginnt für Menschen aus Israel, für jüdische Menschen, nicht erst mit Christus.
Verstehen Sie, das hat schon vorher begonnen. Auch wenn es da Brüche gibt, auch wenn es da, wie es dann heißt, Ungehorsam gibt: Gott hält seine Hände ausgestreckt für sein Volk. Er bricht sein Versprechen und seine Treue zu seinem Volk nicht, auch wenn sie manchmal eben, es heißt dann, die Schafe gehen in die Wildnis und verirren sich irgendwo. Er hält seine Hand auf für sein Volk. Das bleibt so bereits vor dem Ruf in Christus. Nun ist die Frage, was heißt dieser Ruf, sich in Schwingung versetzen zu lassen, für diese Menschen aus den Völkern. Das versucht Paulus nun im ersten Teil des Römerbriefs diesen Menschen zu erklären. Wie ist es möglich, dass man sich von diesem Gott abwenden kann, wenn man vorher pagan gelebt hat, also andere Gottheiten
verehrt hat. Ich muss dazu eine Vorbemerkung machen. Weshalb ist das so ein Problem? Man kann ja einfach umkehren, und dann gehört man auch dazu. So ist das heute im rabbinischen Judentum. Man kann sich entscheiden, jüdisch zu werden. Dann gibt es einen Prozess, einen Konversionsprozess, und dann wird man zum Sohn oder zur Tochter, zum Sohn Abrahams oder zur Tochter Saras. Das ist möglich. In der Antike war das komplizierter. In der Antike hatten die Menschen, aus jüdischer Sicht, die Vorstellung, dass Menschen, die andere Gottheiten verehrt hatten, sich durch diese Idolatrie, diesen Götzendienst verunreinigt hatten. Das war eine Verunreinigung, und die ging durch alles hindurch, durch alles. Man konnte da sich nicht einfach ins Tauchbad legen, und dann ist man gewaschen von dem oder so. Das ist in einem drin. Deshalb war die Vorstellung, wir finden das bei Philo zum Beispiel,
war die Vorstellung, dass, wenn jemand sich wirklich dem einen Gott zuwenden - oder vor Christus -, dann musste er sich auf einen Weg, nicht er, sondern dann musste sich diese Familie quasi auf einen Weg von drei Generationen begeben. Derjenige, der umdrehen wollte, zum einen Gott, der konnte das. Philo sagt, empfangt ihn freundlich, nehmt ihn auf, als wäre er einer von Euren. Er - ich rede von Männern. Er ist vor dem Gesetz gleich wie ihr. Aber erst sein Enkel wird Teil der "Kahal Israel", der "Ekklesia Israel", der "Versammlung der Bne", der Söhne Israels. Erst der Enkel. Jetzt kann man fragen, ja wieso, was ist denn da los? Das sagt Philo. Es geht so: Abraham ist der erste, der auf den Ruf Gottes antwortet, im Narrativ der Genesis.
Er verlässt seines Vaters Haus. Was heißt das? Er verlässt die Gottheiten seines Vaters. Er verlässt nicht nur das Haus seines Vaters, so hören wir das. Er verlässt die Gottheiten seines Vaters und vertraut dem einen Gott. Das ist gemeint mit dem Ruf an Abraham. Der hört nicht einfach irgendwas. Da ist schon was vorher. Er ist der Sohn seines Vaters. Und der Sohn seines Vaters verehrt die Gottheiten seines Vaters. Das lässt er hinter sich, und so wird der Gott, der ihn ruft, zu seinem Gott. Deshalb sagt er: "Ich bin dein Gott." Und dann geht das weiter. Abraham beschneidet sich und seinen Sohn Ismael, nicht als Baby, und Gott sagt ihm: "Aber das Siegel des Bundes, den ich mit
dir schließe, ist die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt." Und nur Isaak ist beschnitten am achten Tag. Und der Sohn Isaaks, Jakob, ist der Sohn eines am achten Tag beschnittenen Mannes. Und Jakob, wenn Sie die Geschichte im Kopf haben, wird nach seinem Ringen mit Gott am Jabok "Israel" genannt. Das ist Israel. Drei Generationen. Ich vermute, das ist das Modell hinter Philos Verständnis: Man kann, wenn man pagan gelebt hat, zu diesem Gott gehören. Aber es geht drei Generationen, bis man ein Sohn Israels ist. Verstehen Sie? Und dann ist man ein Vollmitglied dieser Versammlung, des Kahal, der Ekklesia Israel. Also man kann mit der Erwachsenenbeschneidung dazugehören, aber nicht voll. Nicht voll. Man ist ein proselytos, ein Zugehöriger zum Judentum,
zum Volk Israel. Man ist nicht Teil der Ekklesia Israels. Deshalb gilt auch alles, was Israel zugesagt ist, kann für einen so sich zu Gott Wendenden nicht gelten, weil es nur für Israel gilt, vor Christus. Verstehen Sie? Also wenn man jetzt diese Erwachsenenbeschneidung vollzieht, dann gehört man so halbwegs dazu. Aber alle Verheißungen an Israel gelten nicht. Gelten nicht. Das ändert sich mit Christus. Das ist der Weg, in dem für einen paganen, früher pagan lebenden Menschen es möglich ist, ganz und gar zugehörig zur Ekklesia, so heißt das, zur Versammlung Gottes zu gehören. Und damit gehören die Verheißungen, die Erbschaft und so weiter jetzt auch denen aus den Völkern, die sich zu Christus bekennen. Es gibt einen zweiten Punkt, weshalb diese Menschen
aus den Völkern sich nicht beschneiden lassen sollen, weil das macht sie nicht zu Mitgliedern des Volkes Israel. Es gibt einen weiteren Grund, weshalb sie das nicht tun sollen. Sie sollen voll und ganz dazugehören, ja, ganz gerecht gemacht werden, wie wir gestern gehört haben, ganz versöhnt werden mit dem einen Gott, aber genau als das, was sie sind, als Galater, Skythen, Korinther, Griechen. Weshalb ist das so wichtig? Weil, so die jüdische Überzeugung, wenn messianische Zeit anbricht, wenn der Messias kommt oder zwei Messiasse, wie auch immer, wenn messianische Zeit anbricht, dann, so steht es bei Jesaja zum Beispiel, dort sagt Jesaja, Kapitel 2: "Der Berg des Ewigen steht fest gegründet als höchster der Berge. Er überragt alle Hügel, zu ihm strömen alle Nationen. Viele
Völker gehen und sagen, auf, wir ziehen hinauf zum Berg des Ewigen, zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweist uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen." Das ist, was geschieht, was die Christusnachfolgenden überzeugt sind, das geschieht jetzt, also in der Zeit des Paulus. Jetzt ist der Messias gekommen, jetzt bricht messianische Zeit an, jetzt kommen Menschen aus den Völkern zum einen Gott, und zwar genau als die, die sie sind. Deshalb sollen sie nicht jüdisch werden, auch nicht zugewandte Juden. Sie sollen Griechen bleiben, Römer, Korinther, Galater, wir - Kelten oder was sind wir in der damaligen Zeit, was auch immer. Weil das ist ein Zeichen der messianischen Zeit. Das ist die Folge der messianischen Zeit, und das ist ein
Zeichen, dass jetzt messianische Zeit ist. Wenn alle wieder jüdisch werden, ja dann ist halt nicht messianische Zeit, ist das jetzt noch nicht geschehen, oder? Und dann wird auch nicht offenbar, dass dieser Gott, er ist der Gott Israels, aber Paulus fragt dann auch mal, ist Gott nur der Gott der Juden? Nein, auch der Völker. Das ist der Clou der Sache. Er ist nicht, sind wir wieder beim Sowohl-als-auch, natürlich ist er und bleibt er der Gott Israels. Aber er hat sich offenbart in Christus auch den Völkern, auch den Völkern. Deshalb sollen die nicht jüdisch werden. Und wir haben letztes Mal schon über die Werkgerechtigkeit gesprochen, also das lassen wir jetzt mal weg. Aber ich möchte nochmal betonen, diese ganze Zuwendung, diese ganze
Option, dieses ganze Geschenk Gottes auch an Menschen aus den Völkern, geschieht ja aus reiner Gnade. Es gibt keine Vorbedingungen. Diese Menschen aus den Völkern tun nichts. Sie geben Gott keine Gaben, dass er sich dann ihrer annimmt, oder irgend sowas. Es gibt kein "ich gebe dir, dann gibst du mir", oder so. Es gibt nichts. Es ist rein Gottes Gnade, die diesen Weg eröffnet. So wie es, ich habe es gestern schon gesagt, so wie es aus reiner Gnade ist, dass Gott sein Volk Israel berufen hat. Israel wurde als Findling in der Wüste gefunden. Gott hat sich seiner angenommen und hat diesen Findling laufen gelernt. So erzählt er bei Hosea zum Beispiel, Hosea 11. Es gibt weitere Texte, die das so erklären. Es gibt nichts an Israel, das dazu beigetragen hätte,
dass Gott dieses Volk erwählt hat, außer seine Liebe. Außer seine Liebe. Sonst nichts. In dem Sinn ist auch Israel adoptiert von Gott. Das sagt Paulus zum Beispiel in Römer 9. Sie haben die Hyotesia, Peter hat sie erwähnt. Israel hat die Hyotesia schon. Sie sind schon adoptierte Kinder Gottes. Schon vor Christus. Das ist nicht abhängig von Christus. Dieser Ruf ist schon vor Christus an Jüdinnen und Juden ergangen. Und er geht jetzt durch Christus auch an diese Nichtjüdinnen und Nichtjuden. Nun ist es aber so, und jetzt komme ich zum Problem, das Paulus versucht irgendwie zu
lösen, das er in Rom sieht: Diese Menschen aus den Völkern, die da in Rom sind, Christusnachfolgende aus den Völkern, die haben offensichtlich verstanden, mehr oder weniger, okay, wir sollen nicht jüdisch werden. Haben wir so ungefähr verstanden. Wir gehören auch zu diesem Gott, aber als Nichtjuden. Es scheint nun aber, dass die sich gefragt haben, ja, aber wenn das so die Offenbarung dieses Gottes Israel ist in Christus, weshalb sind dann nicht alle Jüdinnen und Juden oder nicht das ganze Volk Israel davon überzeugt? Das ist diese Frage. Weshalb haben nicht alle in Israel auf diesen Anruf Gottes geantwortet? Also das ist dann das Israel, das eben nicht christusgläubig ist. Weshalb ist das so? Und es ist möglich, dass diese Christusnachfolgenden in Rom zu einer Schlussfolgerung gelangt sind, die sich aus
ihrem kulturellen Verständnis ergeben haben könnte. Sie dachten möglicherweise, dass nun, da sie gerufen sind, und ein Teil Israels hat ja auch geantwortet, dass sie so quasi ganz Israel repräsentieren. Oder um es anders zu sagen, dass sie, also alle, die auf den Anruf durch Christus geantwortet haben oder versucht haben zu antworten, so quasi das neue Volk Gottes sind, das anstelle von Israel getreten ist. Also was ich damit sagen will: Ich vermute, dass Paulus auf eine ganz frühe Form von Substitutionsverständnis reagiert. Er sagt ja zum Beispiel dann in Römer 11, da gibt es
dieses berühmte Gleichnis vom Olivenbaum, Ölbaum steht da immer. Ich finde Olivenbaum eigentlich schöner, weil ich sehe dann diese schönen Olivenbäume vor mir, die da in Griechenland mit dicken Baumstämmen stehen. Da spricht er ja noch von und warnt die Adressatinnen und Adressaten, und das sind die aus den Völkern: Passt auf, erhebt euch nicht über die natürlichen Äste. Erhebt euch nicht über sie. Denkt nicht, dass ihr an ihrer Stelle gepflanzt seid. Da haben unsere Übersetzungen manchmal ein bisschen ein Problem. Es steht da, ihr seid, ihr, die wilden Olivenzweige, ihr seid unter die anderen, die edlen Olivenzweige eingepflanzt, unter sie, zwischen ihnen. Die anderen, also ein Teil der anderen wurde geknickt, nicht ausgebrochen. Das müssten wir mal in der Bibelarbeit auseinandernehmen, das müssen wir jetzt einfach so glauben. Aber also Griechisch
steht da, es werden ein paar Zweige geknickt, damit da Raum ist, damit man euch, wilde Schösslinge, da reinpflanzen kann. Aber ihr ersetzt die nicht. Ihr ersetzt die nicht. Und passt auf und denkt ja nicht, ihr hättet die ersetzt. Daraus schließe ich, und mit mir andere und dann mein Mann, der darüber einen ganzen Kommentar geschrieben hat, auf Englisch leider, okay, für Sie, dass möglicherweise da in diesem Rom die Vorstellung entstand, aha, also da haben nicht alle aus Israel geantwortet, eigentlich die Mehrheit nicht. Also wie geht jetzt der Weg Gottes weiter mit uns? Mit uns. Wir sind die. Die Verheißung gilt jetzt uns, die Nachfolge gilt uns, die Erbschaft gilt uns. Und Israel ist verworfen. Weshalb würde sonst Paulus fragen in den Kapiteln 9 bis 11: "Ist es etwa so, dass Gott
Israel verstoßen hat? Gott bewahre", sagte er, "auf keinen Fall." Das ist keine hypothetische Frage, die er sich jetzt im Kopf ausgedacht hat. Da ist was dran. Er reagiert auf etwas, das vermutlich da rumgelaufen ist. So, also es gibt möglicherweise tatsächlich ein fundamentales Missverständnis des Apostolates des Paulus und der Botschaft, die gehen Hand in Hand: Dass mit dem Ruf an die Völker und mit dem Nicht-Antworten eines Teils Israel eine Ersetzung des Volkes Gottes stattgefunden habe. Paulus, Apostel der Völker, so, ja, der wendet sich an die Völker, der erklärt denen, wie das ist mit diesem Christus, und deshalb ist das Volk Israel jetzt aus. Deshalb fragt er:
"Hat Gott sein Volk verstoßen? Sicher nicht." Noch ein bisschen Griechisch wieder. Das Wort, das dort steht, mit dem er das verneint, das ganz vehement, das ist eine Verneinung des aramäischen "Amen". Also Griechisch steht hier das Wort, wir sagen "Amen", damit bestätigen, so ist es. Und er verneint mit einem so starken Wort: "So ist es nicht. Gott hat sein Volk nicht verstoßen." Ganz, ganz vehement. Das habe ich schon erwähnt mit dem Olivenbaum. Denken Sie an den, also da werden nicht Ersatzzweige eingepflanzt. Die werden dazu eingepflanzt, damit sie sich auch nähren können an dieser Lebensquelle, der Wurzel des Baumes. Das ist das Grundmissverständnis, das Paulus in Römer 9 bis 11 versucht zu korrigieren. Das Grundmissverständnis, das
Missverständnis, das diese Menschen aus den Völkern in Rom möglicherweise mit sich getragen haben. Und der Clou ist, das waren nicht Menschen, die Gegner des Paulus waren. Oft werden da Gegner eingeführt. Da hat jemand diese, diese Römer verwirrt oder so. Ich vermute, dass diese römischen Christusnachfolgenden überzeugt waren, sie hätten Paulus verstanden. Man soll nicht jüdisch werden als Nicht-Jude, wenn man zu diesem Gott in Christus gehört. Man soll nicht sich unter die Thora stellen, wenn man als Nicht-Jude zu diesem Gott gehört, und so weiter. Sie glauben, das verstanden zu haben, und ziehen daraus den Schluss, dass alle, die nicht sich in Christus berufen wissen, außen vor sind, und nur sie und
sie allein die Wahrheit und den Paulus verstanden haben. Also es ist ein inneres Missverständnis. Deshalb fühlt sich Paulus so gedrängt, diesen Menschen, diesen Christusnachfolgenden nach Rom zu schreiben. Nicht, weil er denen jetzt einfach erklären will, so ist das Evangelium, so verstehe ich das. Das glaube ich nicht. Sondern es betrifft ihn und sein Apostolat ganz zentral, ganz, ganz zentral. Sie missverstehen seine Botschaft, die Botschaft des Evangeliums für die Völker. Das muss er korrigieren. Das muss er zu korrigieren versuchen. Das ist schwierig. Es ist schwierig, auch für Paulus, weil er ja nicht hingehen kann wie bei den Galatern: Ihr verrückten Galater, wer hat euch verhext und so. Was habt ihr jetzt für einen Stuss im Sinn oder so. Geht ja nicht. Er kennt sie ja nicht so direkt. Und deshalb schreibt er oft indirekt. Er schreibt in einem
Lehrstil. Das ist so eine Art Gespräch, fiktives Gespräch, aber für Paulus ist es ein reales. Er ist in einem Gespräch und sagt, wenn so, dann so. Man nennt das Diatribe. Das sind so rhetorische Formen der Antike, in denen man ein Lehrgespräch führen konnte. Bei Plato kennen sie das, oder? Diese Dialoge bei Plato. Also so in etwa versucht Paulus ganz vorsichtig mit so hypothetischen Gesprächspartnern, diesen Römerinnen und Römern nahezubringen, wie sie ihn ein bisschen missverstehen. So ganz sachte. So ganz sachte. Deshalb muss er ihnen zuerst erklären, wer sie sind. Sie sind gerufen in Christus, sie sollen nicht jüdisch werden. Der Geist wird ihnen eingeben, wie sie sich in Christus zu diesem Gott verhalten sollen, und so weiter und so weiter. Der Geist ist für sie die entscheidende Kraft, für die Menschen aus
den Völkern. Die entscheidende Kraft. Sie sind auch Gottes Volk. Da kommt mein "sowohl - als auch" wieder. Israel ist Gottes Volk, und die Menschen aus den Völkern sind auch Gottes Volk. Aber nicht an Stelle von Gottes erster Liebe, sondern zusammen mit Gottes erster Liebe. So, jetzt aber an das nächste. Was ist denn - doch, das muss ich jetzt noch sagen. Okay, diese Inkulturation, weil das ist so schön, ich kann das nicht auslassen. Okay, also diese Inkulturation, diese Menschen aus den Völkern, ich habe schon die Kelten erwähnt und so, die kommen ja hier in den Sinn, weil hier sind so viele Ortschaften, die enden auf -ingen. -ingen, das sind die Kelten. Ortschaften auf -ingen sind die Kelten, Ortschaften auf -weil sind die Römer. Villa, oder? Also deshalb, da müssen viele Kelten
gelebt haben hier am Neckar. Okay, also in Basel übrigens auch, deshalb ist mir das so bewusst. Also diese Menschen aus den Völkern, wir, die sind ja gerufen, jetzt also diese Christusbotschaft zu leben, ja, orientiert an der Thora, habe ich ja gestern betont, betont, betont. Aber Paulus sagt noch etwas zu ihnen. Er sagt es nicht im Römer, okay, aber im ersten Thessalonicher 5,21 und Philipper 4,8, da sagt er, neben der Absolutheit des ersten Gebotes und alles, was damit ethisch zusammenhängt, sagt er auch, alles, was nicht im Gegensatz zu Christus steht, "Prüft alles, das Gute behaltet." Man kann also sehr wohl keltisch christlich sein oder koreanisch christlich sein. Zum Beispiel in Irland und in Wales gibt es diese wunderschönen Sonnenkreuze. Es gab eine Integration der
Christusbotschaft mit Kulturen, die schon da waren. Die müssen nicht in einem Gegensatz zueinander stehen. Das versucht Paulus, diesen Menschen aus den Völkern auch zu sagen. Das ist doch wunderschön, dass ihr das verkörpert auf eure eigene, eben nicht-jüdische Art. Nicht, weil etwas verkehrt ist mit der jüdischen Art zu leben, sondern weil ihr nicht Juden seid. Ihr sollt als Kelten Christus nachfolgen. Oder in gewissen Stammesgesellschaften in Irland wird Christus als High King of Kings verehrt, weil die Stammesältesten und der höchste Stammesälteste von allen Stämmen, das ist der High King of Kings. So wird das Christentum inkulturiert, und das ist nicht eine Verirrung. Die Verirrung ist, wenn christlich gemeint wird, wir seien an die Stelle Israels getreten. Das ist die Verirrung. Und nicht, dass wir auf unsere Art diese Tradition zu verkörpern suchen. Jetzt zu Israel. Okay,
ich habe festgestellt, ja, Paulus hat also schon gesagt, die Menschen aus den Völkern in Christus treten nicht an die Stelle des Volkes Israel, sondern sie sind "ekklesia ton ethnon". Und jetzt geht es darum, okay, was ist denn mit Israel und vor allem mit Israel, das nicht Christus als den Messias versteht. Paulus beginnt in Römer 9, 1 bis 2 mit dem Hinweis, dass er sich große Sorgen um sein Volk macht. Da schreibt er: "Ich sage die Wahrheit in Christus. Ich lüge nicht, wobei mein Gewissen mit mir Zeugnis gibt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit habe und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen um meines Volkes willen." Nun wissen wir eigentlich gar nicht genau, weshalb Paulus einen solchen Herzschmerz hat. Das sagt er nämlich gar nicht. Er sagt nur, er hat einen. In
der Auslegung wird dann sofort geschlossen, ach, weil sie nicht sich zu Christus bekehrt haben. Sagt er aber nicht. Kann ja auch sein, ich sage das nur so, vielleicht ist es deswegen, aber er sagt es nicht. Er hat Herzschmerz, er macht sich große Sorgen um sein Volk. Vielleicht aber auch, weil die Situation seines Volkes in dieser Zeit unter römischer Herrschaft sehr prekär war. Sehr prekär. Die Leute lebten in Armut, die wurden ausgesogen von römischen Steuern. Also seinem Volk ging es da nicht gut. In der Diaspora, ja, man hatte so einen Modus vivendi gefunden, man konnte leben in Alexandria, in Rom, in Korinth, in Thessaloniki. Aber das war immer so ein bisschen, man konnte nie ganz sicher sein, wann irgendwas wieder losgeht in Alexandria, die Griechen auf einen losgehen, und in Rom man wieder mal ausgewiesen wird oder so. Das war keine sichere Lage. Juden in
der Zeit des ersten Jahrhunderts waren nicht in einer sicheren Lage. Es kann auch ganz einfach sein, dass Paulus sich Sorgen macht und Herzschmerz hat, deshalb. Was immer der Grund ist für seinen Herzschmerz, Paulus bekräftigt, dass seine Brüder - (und Schwestern), in Klammern, weil er redet von den Brüdern -, sie sind Israeliten, ihnen gehört die Sohnschaft, also die Adoption, er benutzt dieses Wort, ihnen gehört die Doxa, die Herrlichkeit, die haben sie nicht verloren, ihnen gehören die Bundesschlüsse, die Torah, der Gottesdienst, das heißt der Tempelkult, die Verheißungen, die Väter, und von ihnen kommt der Messias. Und das alles im Präsens. Punkt. Das ist nicht in der Vergangenheit, ob in Christus oder nicht, das ist jetzt. Damit bekräftigt Paulus die Identität Israels voll und ganz, unabhängig davon, ob sie von der Messianität Jesu überzeugt sind oder nicht. Das sind sie,
das ist Israel. Und dann fährt er fort, ja, ist denn Gottes Wort Israel gegenüber nicht hinfällig geworden? Nein, sagt er und fragt in 9, 6b, oh, jetzt wird es ganz bibelwissenschaftlich, 9, 6b: "Ist denn Israel nicht Israel?" Das wird in unseren Übersetzungen anders übersetzt, ich weiß, dort heißt es: "Nicht ganz Israel ist Israel." Das ist ein ambivalenter Satz, es gibt keine Satzzeichen im griechischen Text. Wir wissen nicht, ist jetzt ein Statement, also ein Aussagesatz, oder ein Fragesatz. Und da Paulus so viele Fragen stellt im Römerbrief, bin ich eigentlich überzeugt, das könnte auch eine Frage sein. Ist denn nicht ganz Israel Israel? Weil was folgt, ist einfach eine Erklärung, wie Gott sich Israel erwählt hat. Von Abraham über Isaak zu Jakob,
respektive eben Israel. Und seine Zugehörigkeit zu diesem Volk bekräftigt Paulus immer und immer und immer wieder. Das wiederhole ich jetzt nicht. Und dann kommt es zu dieser Auseinandersetzung des Paulus mit dieser Tatsache, dass nun wirklich nicht das ganze Volk Israel von Messias Jesus überzeugt ist. Das Tolle wäre jetzt, wenn wir eine Bibelarbeit machen können oder so, Vers für Vers, also durch 9 hindurch und dann 10 und dann 11 und so, das können wir leider nicht, wie gesagt, das ist dann, vielleicht machen wir mal ein Seminar oder sowas, dann können wir das machen. Aber im Kapitel 10, es gibt so viele wichtige Sätze dort drin, zum Beispiel im Kapitel 10 steht der berühmte Satz "Christus ist das Ende des Gesetzes", steht dann übersetzt da. Ja gut,
aber das Wort, das da steht, heißt "telos", das Ziel, die Veränderung, die Fülle, aber nicht das Ende, also im Sinn von jetzt hat das Gesetz aufgehört. So wird das dann verstanden. Christus ist "telos" des Gesetzes. Nein, das kann man auch sehr gut so lesen: "Christus ist das Ziel." Daraufhin zielt die Thora, dass der Messias kommt. Ja, dann ist die Thora immer noch da. Aber gestern auch uns darüber unterhalten, respektive Sie mussten mir zuhören, was ich Ihnen gesagt habe. Wir haben uns nicht wirklich unterhalten, aber okay, so sei es drum. Also, das steht im Kapitel 10 zum Beispiel. Also nicht das Ende des Gesetzes ist gekommen mit Christus, sondern das Ziel, darauf hin ist das gelaufen. Gut, und dann steht im Kapitel 10 auch, 10,19, wenn Sie das aufschreiben wollen, da steht auch wieder so was, in der Übersetzung, die wir haben, da heißt es dann:
"Hat denn Israel nicht verstanden?", und dann folgt ein Fragezeichen dann in unseren Bibel, "Als erstes sagt Mose", und dann kommt was, aber dann kommt kein zweites oder drittes. Weshalb sagt dann Paulus "als erstes"? Es stehen keine Kommas und keine Fragezeichen und keine Punkte im griechischen Text. Wenn man also da nicht ein Fragezeichen setzt nach "hat Israel verstanden", Fragezeichen, "zuerst sagt Mose", dann könnte man auch übersetzen, "hat denn Israel nicht zuerst verstanden?" Kommt ja kein "zweites". Also es ist genauso logisch, wenn man das Fragezeichen nach "zuerst" setzt: "Hat denn Israel nicht zuerst verstanden?" Weshalb könnte das so wichtig sein? Okay, das geht dann so. Paulus fragt
dann: Weshalb hat Israel die Botschaft von Christus nicht zuerst verstanden, wenn doch die Heiden oder die Menschen aus den Völkern verstanden haben. Weshalb? Dahinter könnte stecken die Vorstellung - ich habe Ihnen gestern dieses schöne Gleichnis von diesen Tieren erzählt, die Schafe, die von Gott weiß gemacht werden, das ist das Volk Israel, und dann gehen sie in den Tempel, und dann kommen alle wilden Tiere, werden auch noch weiß, die werden dann Rinder -, das ist die Sequenz, oder? Zuerst Israel und dann die Völker. Das ist jetzt, das ist so die die Sequenz, die offensichtlich generell vorgestellt wird: Wenn der Messias kommt, zuerst Israel und dann die Völker. Jetzt ist es aber offensichtlich nicht so, deshalb die Frage, hat Israel denn nicht zuerst
verstanden? Und dann versucht Paulus zu erklären, dann versucht Paulus zu erklären, weshalb das so ist. Das ist des Paulus Erklärung, ich sage, das ist des Paulus Erklärung, weshalb die Dinge so sind, wie sie sind, weshalb sein Volk jetzt nicht in Gänze schon verstanden hat, dass der Messias gekommen ist. Er fragt, nachdem er dieses zuerst gefragt hat, fragt er dann nochmal zu Beginn von Kapitel 11: "Hat den Gott sein Volk verstoßen?" Dann kommt wieder das ganz vehemente "mit Sicherheit nicht", absolut nicht. Und er zitiert dort auch, "der Herr lässt sein Volk nicht im Stich, er wird sein Erbe nicht verlassen", und so weiter. Und dann erklärt er weiter im Kapitel 11, es sei eigentlich
Gott, der Israel daran gehindert habe zu verstehen. Gott habe - es stehen dann da schon schwierige Sätze, muss ich also schon sagen, manchmal denke ich, Paulus hätte es ein bisschen gescheiter schreiben können, aber okay - also es steht da, Gott habe ihnen einen Geist der Betäubung gegeben, er habe sie betäubt. So Hammer auf den Kopf, und dann sieht man nicht mehr so, oder dann sieht man für einen Moment nicht mehr so klar. Und dann fragt er auch: "Sind sie gestolpert, um hinzufallen?" Und dann sagt er wieder: "Mit Sicherheit nicht." Also Israel ist von Gott betäubt, manchmal kommt dann da auch noch verstockt, verhärtet oder so, und sie sind gestolpert, aber sie sind nicht hingefallen, sie sind nicht fallen gelassen worden, sie sind gestolpert. Jetzt stellen sie sich ein
Rennen vor, wenn man stolpert, dann muss man so sich wieder aufrappeln, dann fällt man zurück im Rennen, oder? Dann ist jemand anders schneller am Ziel, meistens so. Das sind die Bilder dahinter, aber mit Sicherheit, also sie sind nicht gestolpert, um hinzufallen, sie sind nicht von Gott verworfen. Die Tatsache, dass sie nicht zuerst verstanden haben, ist Gottes Tun. Der hat sie, eben wie es dann bei uns heißt, verstockt und solche Dinge. Weshalb? Damit Menschen aus den Völkern die Chance haben, umzukehren. Also es ist zum Heil der Menschen aus den Völkern, dass Israel betäubt wurde oder verstockt oder gestolpert ist. Nicht zum Unheil Israels, verstehen Sie? Ist gerade umgekehrt. Umgekehrt. Es ist zum Heil, damit die Menschen aus den Völkern Zeit bekommen und Raum bekommen, um nun auch umzukehren in Christus zu diesem einen Volk. Vielleicht erinnern Sie sich ein
bisschen daran: Paulus hat sich ja vorgestellt, dass Christus wiederkommt zu seinen Lebzeiten, dass die Vollendung, Gott alles in allem sein wird, alles verwandeln wird, alles in seinem Gericht zu sich erheben wird, das würde alles noch zu seiner Lebzeit geschehen. Also der ist so in ziemlicher Eile. Da muss man sich wirklich sputen, wenn das so ist. Und deshalb, also wenn Israel jetzt nicht ein bisschen zurückgehalten worden wäre von Gott selbst, dann hätten diese Heiden gar keine Chance gehabt, dann wären sie sowieso alle verloren. Also es ist für ihre große Chance, wird Israel, das ist das Paulus Erklärung. Wie gesagt, ich wünschte mir, Paulus hätte nicht Worte gebraucht wie Betäubung, Verstockung, das sind Worte, die haben eine üble Nachgeschichte
nach sich gezogen. Also die Juden sind verstockt und sind betäubt und noch abgesehen davon, dass dann Judas, also Judas, der sogenannte Verräter, mit allen Juden gleichgesetzt wird. Aber diese Wortwahl von Paulus, die hat dann eine Folgegeschichte. Deshalb sage ich, ich wünschte, er hätte das nicht geschrieben, nicht in diesen Worten, hätte er auch ein bisschen netter schreiben können. War halt nicht immer so nett, haben wir jetzt gehört, er war nicht immer so nett. Ja, so ist das halt aus ihm rausgekommen. Aber das Wichtige ist, das Stolpern ist zum Heil der Völker und nicht zum Unheil Israels. Israel bleibt auf dem Weg Gottes, wird von Gott zurückgehalten, damit da Raum und Zeit entsteht für die Völker bis zur Erfüllung, bis Gott alles in allem sein wird. Israel bleibt in Gottes Hand, und die Überzeugung, die Nichtüberzeugung,
geschieht nach seinem Willen. Geschieht nach seinem Willen. Ist eigentlich unerhört. Eigentlich. Nun, deshalb ist es für Menschen aus den Völkern nicht einfach ein Privileg. Sie haben sich diesen Raum nicht selbst geschaffen. Auch das, dass sie hinzukommen können, dass sie diesen Raum erhalten, dass sie diese Zeit erhalten, zu verstehen, Ihren Weg zu suchen zu diesem einen Gott, das ist aus Gottes Gnade geschehen. Aber Gottes Gnade und Gottes Berufung Israels, die sind unwiderruflich, Römer 11,29. Wir müssen uns ganz groß aufschreiben: Gottes Zuwendung zu Israel, seine Berufung Israels sind unwiderruflich. Er behält sein Volk in seiner Hand. Er
schützt Israel, so gut er das kann. Dass das nicht immer so war, wie er es gewollt hätte, das wissen wir alle. Und weil das so grundlegend ist, interveniert Paulus mit seinem Brief in Rom. Es geht um Grundlegendes, um das grundlegende Verhältnis, wenn ich es jetzt mit modernen Worten ausdrücke, es geht um das grundlegende Verhältnis der Kirche zu Israel. Darum geht es im Römerbrief. Es geht um die Differenz zwischen Kirche und Israel, die eben eine Differenz ist, aber kein Gegensatz. Das meint "sowohl - als auch", dass ich wieder hier betonen muss. Und die Verdrehung in Rom war, dass diese Menschen und leider, wie die Kirchengeschichte zeigt, dann eben auch das christliche Selbstverständnis meinte, an die Stelle Israels getreten zu sein.
Das ist das große Missverständnis, das Paulus, wie ich meine, im Römerbrief zu klären sucht. Entgegen der Rezeptionsgeschichte ist Paulus überzeugt, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat. Das ist gesetzt, dass das sein Volk ist, dass das Gottes Augapfel ist. Und wer Gottes Augapfel angreift, greift Gott selbst an. Paulus bezweifelt das nie. Dass Israel gerettet wird, was immer das genau heißt, das ist die Vorgabe, das ist gar keine Frage für ihn. Er muss das klären, weil das für die Römer nicht klar ist, nicht, weil das für ihn nicht klar ist. Für ihn ist das klar, dass ganz Israel gerettet sein wird, und der Versuch zu verstehen, wie die Abfolge der Ereignisse ist, aber dass das, das hinterfragt er nie. Nie. Das ist ausgeführt in diesen
schwergewichtigen Kapiteln 9 bis 11. Deshalb sind diese schwergewichtigen Kapitel 9 bis 11 nicht einfach nostalgische Zusage, ein "Okay, ich muss jetzt noch über mein Volk reden" oder so, sondern das ist der Kern der Aussage. Das ist der Kern der Aussage. Was folgt im Römerbrief? Das wird dann immer gesagt, jetzt geht es noch um Ethik, 12 bis 15, jetzt kommt noch die Ethik. Interessanterweise spricht Paulus in diesen 12 bis 15 in einer sehr gottesdienstlichen Sprache, in einer sehr liturgischen Sprache. Er sagt ja im Kapitel 12, "ihr sollt euer Leben als vernünftigen Gottesdienst Gott darbringen." Als Gottesdienst, euer ganzes Leben soll durchdrungen sein von eurem Ruf in Christus. Das geht dann weiter auch im Kapitel 13, das lassen wir jetzt weg. Ich komme noch zu dem, worauf der Brief dann nach 9
bis 11 hinausläuft. Also in 12 bis 15 legt er dar, wie diese Christusgläubigen in Rom ihr Leben gestalten mögen - sollen. Und dann sagt er diesen berühmten Satz, zu dem mein Kollege ein ganzes Buch geschrieben hat: "Sie sollen einander willkommen heißen, wie Christus sie willkommen geheißen hat, zur Ehre Gottes." Und dann steht da: "Freut euch ihr Völker mit seinem Volk zur Ehre Gottes." Das ist das Ziel, worauf das hinausläuft. Israel und die Völker in Christus, Israel in Christus oder nicht in Christus, und die Völker sollen sich gemeinsam freuen in eschatologisch, in wie muss ich dem sagen, in Vorfreude auf eschatologische Ereignisse, auf wenn Gott alles in allem sein wird. Aber jetzt schon: Freut euch, ihr Völker, zusammen mit Gottes Volk zur Ehre Gottes des Schöpfers. Jetzt
haben wir hier wieder Gott. Darum geht es. Gemeinsam in Verschiedenheit sollt ihr euch freuen, Gott zur Ehre. Die Christologie ist theozentrisch, zur Ehre Gottes. Darum geht es, Gott zu ehren. "Soli Deo Gloria", sagen die Protestanten mit Calvin. Das ist das, woraufhin Menschen aus den Völkern durch Christus berufen sind und Israel immer schon, auch in Christus werde etwas geschehen. Jetzt komme ich noch auf das zurück, was Jens gestern noch angetönt hat. Ja, am Ende von Kapitel 11 sagt ja dann Paulus, das sei so ein Geheimnis, und ganz Israel werde gerettet werden. Ich habe schon gesagt, Paulus bezweifelt das überhaupt nicht. Das ist das Vorzeichen vor allem was er schreibt. Natürlich wird ganz Israel gerettet werden. Er erklärt nur diesen
Römern, weshalb das nicht jetzt schon geschehen ist und so, also wie das jetzt geht, vor und nach und so. Das ist das, was geklärt werden muss. Ganz Israel wird gerettet werden. Und Paulus sagt nicht genau wie. Das "dass" ist fraglos. Und von wem? Das ist auch fraglos. Es ist Gott, der Retter. Was das heißt in Bezug auf Christus? Vielleicht lassen wir das so stehen, wie Paulus das stehen lässt. Geheimnis. Ein Geheimnis ist kein Rätsel, das man auflösen muss. Verstehen Sie? Das muss man nicht auflösen. Ein Geheimnis muss man bewahren. Wir können es bewahren und bei Gott lassen. Wir müssen es nicht auflösen. Verstehen Sie? Das ist bei Gott. Paulus legt es in Gottes Hände. Wenn er das kann,
vielleicht können wir es dann auch, oder? Das wäre so meine Hoffnung. Aber alle sind sie Gott zugehörig. Alle sind gerufen, dieser Zugehörigkeit zu Gott entsprechend zu leben. Alle sind sie gerufen, sich auszurichten auf die Gemeinschaft in Verschiedenheit zur Ehre Gottes der Schöpfung, der auch ein Gott der Hoffnung ist. Ich hoffe, wir können uns tragen lassen von dieser Hoffnung.
Paulus und Israel: Ein theologischer Dialog im Römerbrief | 15.6.2
Irgendetwas ist in Rom passiert. Wir wissen nicht genau was, aber Paulus musste intervenieren, die Sache klären und entschuldigte sich gleichzeitig dafür, dass er noch immer nicht dort gewesen war, in der Hauptstadt des Reiches, bei den Juden, die dank ihm an Jesus als den Messias glaubten.
Er schreibt einen seiner berühmtesten Briefe, der später Geschichte gemacht hat. Kathy Ehrensperger führt durch diesen Brief wie durch ein Gespräch, das entscheidende Fragen klären muss. Wie ist das Verhältnis zwischen Gott, Israel und den Völkern, die Christus nachfolgen? Warum wurde Israel von Gott auserwählt? Was hat es mit den Nicht-Juden auf sich, die plötzlich einem jüdischen Wanderprediger aus der Provinz anhingen? Und wenn Jesus der Messias ist, warum folgen dann nicht alle Juden Seinem Ruf?