Mein Thema heute Morgen ist Paulus und das Judentum, Kontinuität oder Bruch? Dass Paulus Jude war und seit seines Lebens geblieben ist, das haben wir ja jetzt schon verschiedentlich gehört, gestern auch von Jens Schröter wieder eingehend. Also ich führe das jetzt nicht weiter im Detail auf. Ich habe das letztes Jahr auch erwähnt, Paulus ist kein ehemaliger Jude, er ist kein marginaler Jude, er ist kein radikaler Jude, er ist kein Apostat und er ist auch kein Heretiker, sondern er ist Jude. Was immer das im ersten Jahrhundert geheissen hat. Punkt. Es gab im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ja keine Norm innerhalb
jüdischer Tradition, von der man einfach so abweichen konnte. Es gibt all diese verschiedenen Gruppen, die miteinander debattiert und gestritten und diskutiert haben, die verschieden waren, so wie wir Christen ja alle auch. Wir debattieren ja dauernd über richtig, falsch und dies und jenes und diese Interpretation und diese Interpretation und wenn wir es gut meinen, dann schließen wir uns nicht gegenseitig aus. Es gab aber eine Norm im Judentum der Antike und bis heute, und die teilen wir nämlich damals und heute und das war das erste Gebot. Du sollst keine anderen Gottheiten neben mir haben. Zweites Buch Mose 20.2. Und dann steht auch dort gleich noch, was das so ungefähr
oder nein, was das genau heißt. Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmeltroben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. So, das ist die Norm. Das steht damals, das steht heute. Und wenn dann manchmal von Paulus als Juden, der vielleicht marginal oder radikal oder ich weiß nicht was war, dann wird damit nichts gesagt über diese eine Norm, die sie alle teilen. Wenn Paulus manchmal als Radikaler oder als Alternativer oder als irgendwie spezieller Jude bezeichnet wird,
dann hat das immer etwas damit zu tun, dass Paulus und andere jüdische Menschen seiner Zeit und mit der Zeit auch nicht jüdische Menschen seiner Zeit davon überzeugt waren, dass in Jesus der Messias gekommen sei. Das sei dann ein Bruch oder habe Paulus an den Rand seiner Tradition gestellt, wenn nicht sogar ganz darüber hinaus. Und darüber wird heute auch in der Forschung heftigst debattiert. So, Sie wissen von mir vielleicht, die letztes Jahr da waren, ich bin überzeugt, Paulus war Jude und ist es geblieben. Er war Pharisäer und ist es geblieben. Die Frage, der wir heute und morgen ja ein wenig weiter nachgehen wollen, heißt, bedeutet das Messiasbekenntnis dieser ersten Christus Nachfolgenden und damit auch des Paulus einen Bruch mit jüdischen Traditionen seiner Zeit oder steht es in Kontinuität mit jüdischen Traditionen seiner Zeit? Wie gesagt, das wird divers debattiert.
Die Überzeugung, dass mit dem Christusbekenntnis ein Bruch mit dem Judentum seiner Zeit einherging, war über Jahrhunderte weit verbreitet. So in etwa in der Form, dass christliche und jüdische Überzeugungen grundsätzlich inkompatibel sind. Alles, was christlich sei, so wurde angenommen, kann nicht jüdisch sein und alles, was jüdisch sei, das kann ja nicht christlich sein, so hat es schon Ignatius von Antiochien gesehen. Es gab aber jahrhundertelang auch die andere Variante, dass es da eine ungebrochene, ja wahre Kontinuität gegeben habe. Das hat zum Beispiel der nordafrikanische und zum ersten Mal lateinisch schreibende Theologe Tertullian formuliert. Der war der Ansicht, dass die Kirche, und für ihn ist es dann, der lebt im zweiten Jahrhundert,
im dritten Jahrhundert, für ihn ist es dann so, dass die Kirche ja das eigentliche Israel sei und für ihn sind die Christen die wahren spirituellen Juden, von denen er die sogenannten fleischlichen Jüdinnen und Juden, also die nicht von Jesus überzeugt, als Messias überzeugt sind, von denen er die unterscheidet. Also, somit Tertullian, so ein bisschen vorher beginnen Vorstellungen, dass die christusnachfolgenden Jüdinnen und Juden und nichtnüdinnen und nichtjuden, dass die das eigentliche Israel seien und nur die und die, die diesen Christus, diesen Jesus nicht als Messias anerkennen, die haben ihre Erwählung als Israel verspielt. Damit wird eine Kontinuität postuliert zwischen Israel, wie wir es aus dem
christlichen Alten Testament kennen, und der Kirche. Und wir haben ja auch noch Kirchenlieder, die so tönen, als wären wir das auserwählte Volk Israel. Das hat sich auch verdichtet in politischen Überzeugungen. So gab es europäische Auswanderer in die USA, die waren überzeugt, das Gottesvolk Israel zu sein und in das neue gelobte Land aufzubrechen. Und die waren überzeugt, dass die dort lebenden indigenen Völker so etwas wie die Kananäer des Alten Testaments seien, die man Gott gewollt vertreiben musste. Oder in Wales, wo ich lange gelebt habe, da gab es christliche Strömungen, die sich auch als Volk Israel verstanden haben. Und da kann man heute
mit dem Auto durch Ortschaften fahren, die heißen Shiloh oder Bethel oder Kamel oder sogar Bethlehem. Dort haben die gewohnt, diese sich selbst als Israel verstehenden Christinnen und Christen. Diese Lehre ist aber, um es gelinde auszudrücken, doch etwas problematisch aus vielerlei Gründen. Zuerst und vorab ist sie problematisch um des Volkes Israels selbst willen, des jüdischen Volkes, das heute neben und mit uns lebt. Sie ist aber nicht nur deswegen problematisch, sondern sie ist theologisch problematisch. Es geht nämlich darum, wer ist dieser Gott, zu dem wir uns in Christus zugehörig fühlen. Es geht also ganz direkt um unser christliches Selbstverständnis. Wenn wir sagen, Gott hat das eine Volk verstoßen, auf die Seite geschoben und
durch ein anderes ersetzt, was sagen wir dann aus über die Treue und Verlässlichkeit Gottes, seinen Verheißungen gegenüber? Wenn dann wir mal nicht mehr passen, geht es dann einfach weiter? Ich stelle das mal einfach so in den Raum. Was ich sagen will, ist, die Folgen dieser sogenannten Substitutionslehre ist selbstverständlich verheerend für unsere jüdischen Nachbarn, aber sie ist auch verheerend für unser eigenes Selbstverständnis. Also, die Frage von Kontinuität oder Bruch zwischen jüdischer und christlicher Tradition oder so, wie es in den Ausführungen des Paulus in seinen Briefen steht, ist nicht eine neue Frage. Das
will ich mit all diesen Dingen, die ich jetzt gesagt habe, ausdrücken. Es ist nicht eine Frage, die jetzt unter dem Eindruck der neuen oder neuesten oder superneuesten Paulus-Forschung entstanden ist, sondern die seit den Anfängen der Christusbewegung christliches Selbstverständnis begleitet. Und ich erzähle Ihnen ja jetzt keinen Krimi, also wir sind hier nicht bei Tatort oder so. Deshalb halte ich jetzt mit der Lösung des Paulus nicht zurück bis dann in eineinhalb Stunden und Sie müssen da sitzen. Wer ist es jetzt, der da kommt? Ich sage Ihnen jetzt meine Meinung bereits jetzt und dann kommen wir zu den Ausführungen. Meiner Meinung ist die Frage von Kontinuität und Bruch nicht eine Frage von entweder oder, sondern von sowohl als auch. Kontinuität
oder Bruch ist nicht eine Frage von entweder oder, sondern ist eine Frage von sowohl als auch. Wobei ich das Wort Bruch nicht so sehr liebe. Vielleicht könnten wir auch von Kontinuität und Differenz reden. Kontinuität und Verschiedenheit. Aber das ist so ein Detail, ein sprachliches Detail. Ich werde mich nun in dem, was folgt, über vier Themen hinweg zuerst mit der Frage der Kontinuität beschäftigen und dann mit der Frage des Bruches oder der Differenz. Die vier Themen sind die folgenden. Ich werde zunächst mich der Frage nach Gott zuwenden, dann die Schriften, dann das Gesetz und dann der Messias. Gott, die Schriften, Gesetz, Messias. Zunächst also zur Kontinuität. Und bevor
ich zu Gott komme, also bevor ich über das Thema Gott so ein paar Gedanken Ihnen erzähle, möchte ich ein paar grundlegende Sachen zur Kontinuität sagen. Nochmals zur Erinnerung. Wir haben es gestern schon gehört. Paulus erzählt im Galaterbrief und im Römerbrief, dass er von Gott berufen wurde. Sie erinnern sich? Berufung, hat Jens Schröter gesagt. Dass er von Gott berufen wurde, Jesus Christus den Völkern oder wie es in unseren Bibelübersetzungen heißt, den Heiden zu verkünden. Das ist, was das griechische Wort Etne in den Paulusbriefen meint. Wenn Paulus von seinem eigenen Volk Israel spricht, dann benutzt er ein anderes griechisches Wort. Das heißt Genos oder Laos. Also Paulus unterscheidet sprachlich sehr präzise zwischen den Völkern, das sind die Nichtjuden, das sind die Etne und seinem
Volk Israel, das ist Laos oder Genos. Diese Unterscheidung ist nicht immer einfach wiederzugeben in den Übersetzungen. Es gibt die Elberfelder, die versucht konsequent mit Völker zu übersetzen, wo Etne steht. Aber das heißt dann eben Völker. Das könnte ja auch noch das Volk Israel sein, verstehen Sie? Also die Differenz ist nicht ganz einfach wiederzugeben in den Übersetzungen. Wenn Paulus nun von sich sagt, ich bin zu den Völkern gesamt, dann meint er also eindeutig diese nichtjüdischen Völker. Und er kann diese Unterscheidung zwischen Israel und anderen Völkern übrigens auch anders ausdrücken. Er sagt im Galaterbrief wieder, also da gab es ja diese Abmachung in Jerusalem, die einen, das heißt er und Barnabas, die gehen zur Akrobistia, heißt es dort.
Das ist auch wieder so ein griechisches Wort. Das heißt eigentlich die Nichtbeschneidung oder die Vorhaut. Und das meint eben die nichtjüdischen Völker. Die aus der Vorhaut, das ist der Bereich von Barnabas und Paulus. Und die Peritome, das andere griechische Wort, das ist die Beschneidung, das ist der Bereich, für den Petrus und Jakobus und so weiter zuständig sind. Das ist eine Arbeitsteilung. Die einen gehen dahin zu diesen Menschen, die anderen gehen zu diesen anderen Menschen. Es wird eine Arbeitsteilung gemacht. Entlang der Unterscheidung gehört man zum Volk Israel, zur Beschneidung oder eben nicht. So. Natürlich ist Paulus nicht der einzige, der zur Nichtbeschneidung geht. Da ist ein ganzes Team unterwegs mit ihm und so weiter. Und das besondere
an Paulus ist, er ist der einzige von denen. Wir Briefe haben Petrus und Jakobus. Ja, der erste Petrusbrief, der Jakobusbrief. Sind wir nicht so sicher, von wem die präzise geschrieben wurden. Bei Paulus sind wir so sicher, wie man sein kann, wenn es um eine zurückliegende Geschichte von 2000 Jahren geht. Das war der Paulus, der diese Briefe geschrieben hat. So weit zur Arbeitsteilung. Und wir haben auch gehört, ja und Paulus, wenn er Briefe schreibt, dann schreibt er an diese Menschen, zu denen er gesandt ist, das Evangelium zu verkünden. Diese nicht-jüdischen Menschen. Und was schreibt er denen über Gott, das in Kontinuität zur jüdischen Tradition steht. Nun selbstverständlich ist das Thema Gott absolut grundlegend. Also viel grundlegender können wir jetzt nicht mehr werden. Grundlegend Gottes-Gottes-Verständnis. Wie ich gesagt habe, das ist die
selbstverständliche Grundlage jüdischer Traditionen der Zeit. Das exklusive Bekenntnis zum einen Gott Israels. Das wird dann verdichtet, zum Beispiel im Schmar, im fünften Buch Mose, 6,4. Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und das verkündet Paulus, den Christus Nachfolgenden aus den Völkern. Kein anderer Gott als der Gott Israels. Also Paulus setzt nicht einen Gott Jesu oder einen Gott Christi oder einen Gott der Liebe, einem Gott Israels oder einem straffenden oder rächenden Gott gegenüber. Es ist dieser eine Gott, der Israel berufen hat,
der Gott Abrahams, Isaacs und Jakobs, der Gott, der die Schreie seines Volkes in Ägypten gehört hat, der Gott, der Mose im Dornbusch begegnet ist. Es ist der Gott, der nun in Christus auch Menschen aus den Völkern zu sich ruft. Es ist der Gott, den alle Menschen, so Paulus, seit Erschaffung der Welt, in seiner Schöpfung hätten erkennen können. Paulus schreibt zu Beginn des Römerbriefes, seit der Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Schöpfung mit Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Im Prinzip, sagt Paulus, alle hätten das sehen können, haben sie aber nicht. Und dann kommt eine lange Litanei, was dann geschieht, wenn man diesen Gott nicht erkennt. Das sagt er den Nichtjügen. Ja, es ist dieser Gott, wie wir zu Beginn des ersten
Buch Mose lesen, der Gott, der Himmel und Erde und auch uns Menschen geschaffen hat. In seinem Ebenbild als männlich und weiblich hat er uns geschaffen, der am siebten Tag geruht hat. Diesen Gott verkündet Paulus den Völker. Das ist kein Pfuscher, wie Marzion im zweiten Jahrhundert dann meinte, der seine Schöpfung fälschlicherweise quasi geschaffen hat. Die Schöpfung wäre dann ein Fehler und den muss man aufheben. Von diesem Fehler muss dann ein Erlöser uns erlösen, aus unserer materiellen Existenz oder sowas. Nein, nein, nein. Der Gott der Schöpfung ist der Gott Jesu Christi. Punkt. Ist derselbe Gott. Und es ist nur folgerichtig, wenn wir Christinnen und Christen in welcher Form auch immer, so in etwa wie im apostolischen Glaubensbekenntnis, als erstes Gott als den Schöpfer bekennen. Von diesem Gott wurde Paulus berufen, ausgesondert,
die volle Botschaft, das Evangelium unter den Völkern zu verkünden in eindeutiger Kontinuität mit dem, was zuvor gegangen ist, mit seiner jüdischen Tradition. Kein Bruch. Nun zum zweiten Thema. Die Schrift von diesem Gott ist die Rede in den Schriften Israels. Christinnen und Christen nennen diese Schriften Israels. Verschieden. Traditionell werden sie altes Testament genannt, manchmal nennt man sie hebräische Bibel oder erstes Testament. Für Jüdinnen und Jugend heute ist das der Tanach oder ganz einfach die Bibel. Es sind die einzigen autoritativen Schriften, die es damals im ersten Jahrhundert in Bezug auf diesen einen Gott gab. Es gab nichts anderes. Auch für die Christusnachfolgenden aus den Völkern. Das war die einzige autoritative
Schrift, an der sie sich orientieren konnten. An diesen Schriften haben sich Jüdinnen und Juden derzeit orientiert in ihrem Alltag. Sie haben Weisung gesucht, Weisheit, Leitlinien für das Leben in Beziehung zu diesem einen Gott. Ja, es gab weitere Schrift, jüdische Schriften in dieser Zeit, die versuchten zu verstehen, was diese autoritativen Schriften, die wir Christen altes Testament nennen, jetzt bedeuten für den Alltag. Also gab es jüdische Philosophen wie Philo von Alexandrien, der die fünf Bücher Mose ausgelegt hat. Oder es gab den jüdischen Historiker Flavius Josephus, der die Geschichten seines Volkes bis zum Aufstand gegen die Römer in griechischer Sprache dargelegt hat. Es gab die Pharisäer, die versucht haben, in immer wieder neuen Ansätzen zu verstehen,
was heißt dieses Gebot oder diese Regel ganz konkret im Alltag, hier und jetzt. Und wir haben die Schriften aus dem Höhlen vom Koran, in denen großartig viele Manuskripte gefunden wurden, die heute das alte Testament umfassen oder den Tanach, die fünf Bücher Mose, die Psalmen, die Propheten, weitere Schriften. Und daraus können wir sehen, dass was damals autoritative Schrift war, ist heute für uns Christinnen und Christen in unterschiedlichen Formen altes Testament, hebräische Bibel und für Jüdinnen und Juden Tanach, die Bibel. Und anhand dieser Schriften können im Alltag Wege gefunden werden in Beziehung zum einen Gott zu lieben. So ist es denn auch überhaupt nicht erstaunlich, dass auch Paulus sich häufig auf diese Schriften bezieht. Worauf soll er sich denn sonst beziehen, wenn er zu verstehen sucht, diesen nichtjüdischen
Christus nachfolgenden Helfen will, zu verstehen, was es jetzt heißt, als die Menschen, die sie sind, in Beziehung zu diesem Gott zu lieben. Wie macht man das? Wie soll man das machen? Wo soll man sonst hingucken, wenn nicht zu diesen Schriften? Also Kontinuität. Diese Schriften sind autoritativ für Jüdinnen und Juden, ob sie jetzt von Christus überzeugt sind oder nicht. Und sie sind autoritativ für Nichtjüdinnen und Nichtjuden in Christus. So schreibt Paulus, ich zitiere ihn wieder, Brömer 15,4, denn alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben. So, also hier haben wir wieder durchgehende Kontinuität. Auch, um zu verstehen, suchen,
was es denn auf sich hat mit diesem Christus, mit diesem Menschen, der von den Römern hingerichtet wurde, der als Auferweckter gesehen wird von seinen Nachfolgenden, indem sich für seinen Nachfolgenden Gott geoffenbart hat, um das zu verstehen. Wohin soll man sich wenden, wenn nicht zu den Schriften? Deshalb heißt es immer wieder, gemäß den Schriften ist dies so und so geschehen. Die Schriften sind wie der Fundus, die Quelle, der Schatz, der Verstehenshilfe für das, was geschehen ist in den Tagen, von denen wir reden. Das heißt, die Christusbotschaft, die Paulus und die Seinen verkünden an diese nichtjüdischen Menschen, kann ja gar nicht im Gegensatz zu diesen Schriften stehen. Also ist kein Bruch. Diese Christusnachfolgenden verstehen das andersrum. Nur mit diesen Schriften
konnte das Christusgeschehen verstanden werden und ein Weg in der Nachfolge gefunden, gesucht und gefunden werden. Ohne diese Schriften ist das nicht möglich. Man kann nicht Homer lesen und verstehen, was es mit Christus auf sich hat. Man kann nicht Plato lesen und verstehen, was es mit Christus auf sich hat. Primär, dass das später geschieht, dass man mit Plato, mit Aristoteles, mit griechischer Philosophie versucht zu verstehen, was diese Ereignisse bedeuten, das ist ein nächster Schritt. Das ist noch nicht der Schritt des Paulus. Der Schritt des Paulus ist ganz und gar, nur mit Hilfe dieser Schriften ist das Christusverständnis irgendwie übersetzbar in den Alltag von Menschen seiner Zeit. Wie anders, wenn man diese Schriften nicht mit einbezieht. Wie soll man denn verstehen,
was mit Gesetz oder Thora und Propheten gemeint ist, wenn Paulus sich darauf bezieht? Oder wenn Paulus in seinen Briefen erwähnt, Abraham, Isaac, Jakob, Rebekah, David, Jesaja, Hosea, Mose. Woher soll man die kennen, wenn nicht aus diesen Schriften? Ist doch völlig logisch. Also kein Bruch. Es wird vorausgesetzt bei allem, was Paulus in seinen Briefen schreibt, dass man etwas von diesen Schriften versteht oder mindestens in Ansätzen diese kennt. Wie diese Schriften im Lichte des Christusereignisses zu verstehen sind, das ist eine andere Frage. Aber dass nur im Lichte dieser Schriften das Christusereignis zu verstehen ist, das ist eindeutig. So, also wir haben auch
hier keinen Bruch, sondern eine Kontinuität. Von diesem Gott Israels ist in diesen Schriften die Rede. Und nur so ist das Christusverständnis überhaupt erschlossen werden. So, Kontinuität. Ich komme zur anderen Seite dann schon noch. Keine Sorge. Jetzt gehen wir zum Gesetz. Das ist ja so Teil dieser Schriften. Das ist vermutlich das kontroverseste Thema, wenn es um Kontinuität oder Bruch geht. In unseren deutschen Bibelübersetzungen wird das Wort, das Paulus benutzt, jetzt kommt wieder Griechisch, schon wieder nomos steht da, das wird mit Gesetz übersetzt. So, vielleicht überrascht es Sie, wenn ich dieses Thema nun unter dem Label Kontinuität abhandle. Aber gucken wir mal, was dazu zu sagen ist in Bezug auf Kontinuität. Also da, wo in unseren
deutschen Übersetzungen Gesetz steht, da steht nomos auf Griechisch und nomos ist die Übersetzung von Torah. Hebräisch Torah. Das ist also so hinter dem, was wir mit Gesetz übersetzen. Es geht da tatsächlich darum, um Regeln, was man tun und lassen soll, mit Folgen, was geschieht, wenn man sich nicht an diesen Regeln orientiert. Übrigens, das ist nicht Strafe, sondern das ist eine Folge. Es gibt auf Hebräisch kein Wort für Strafe. Das ist interessant. Also der strafende Gott, den haben die Christen erfunden, wenn schon was. Es gibt Folgen von Handeln, Folgen von Handeln, das sich ergibt. Das ist etwas anderes als der strafende Gott. Okay, also da haben wir also Gebote wie du sollst nicht morden, du wirst nicht morden, steht da eigentlich. Und dann sind da Regeln,
wie der Zugang zum Bereich des Heiligen, also des Tempels, der steht ja noch. Denken Sie dran, vor 70, da steht der Tempel noch. Und alles, was dort geschieht, ist selbstverständlich. Da gibt es Regeln, die das ordnen, wie man das machen soll, dort im Tempel mit diesen Kulthandlungen. Und dann gibt es Regeln, die heißen Reinheitsvorschriften, sogenannte Reinheitsvorschriften. Aber Paulus kann auch von Gesetz in unseren Übersetzungen reden, wenn er sich auf die Geschichte von Hagar und Ischmael und Sarah und Isaac bezieht. Ja, aber was ist jetzt an dieser Geschichte Gesetz? Das ist ja eine Geschichte von Sarah und Isaac und Hagar und Ischmael. Das ist ja kein Gesetz, das ist eine Geschichte. Und da sind wir schon mittendrin in den Komplikationen, wenn es um diesen Begriff Gesetz in den Paulusbriefen geht. Denn da sind all diese Passagen im Römerbrief
und im Galaterbrief, wo Paulus dezisiert sagt, also aus Werken des Nomos, des Gesetzes, wird niemand gerecht. Erreicht niemand Rechtfertigung vor Gott. So, aber was meint er jetzt genau damit? Wenn wir das so sehen, was meint er nun genau damit? Also, ich will zusammenfassend kurz festhalten, Thora Nomos Gesetz ist nach jüdischem Verständnis des ersten Jahrhunderts und übrigens auch heute mehr als was wir im Zivil- oder Strafgesetzbuch aufgeschrieben haben. Es umfasst alles, was mit Lebensweisung zu tun hat, eben auch Geschichten. Das ist auch Thora. Ja, das sind diese Gebote,
die zehn Worte, die Paulus als gegeben erachtet. Selbstverständlich gelten die auch für Christus Nachfolgende aus den Völkern. Selbstverständlich sollen Christus Nachfolgende aus den Völkern sich keine Bilder machen von diesem Gott. Sie sollen nicht vor ihnen niederknien und sie anblieten. Und das ist der große Unterschied. Nicht zur jüdischen Welt. Der große Unterschied besteht zur – ich verwende jetzt dieses Wort, weil ich kein Besseres weiß – der große Unterschied diesbezüglich besteht zur Paganenwelt, nicht zur jüdischen Welt. In der Paganenwelt, in der Welt, in der diese nichtjüdischen Christus Nachfolgenden leben und damit auch alle Jüdinnen und Juden, die nicht im Heiligen Land leben, in dieser Welt ist für jeden Lebensbereich und für jeden Aspekt des Lebens eine Gottheit zuständig. Für jeden Aspekt des Lebens. Und für jeden Aspekt des Lebens und für
jeden Lebensbereich musste man einer Gottheit die gebürtliche Ehre erweisen. Das waren nicht immer große Feste auf dem kapitolinischen Hügel oder diese Riesenprozessionen, die Sie auf dem Altar von Ara Pacis in Rom sehen können mit der ganzen Kaiserfamilie, die da Rinderschaft und Schweine zum Altar bringen. Das waren nicht nur diese großen, großen Opferhandlungen, die da dargestellt werden. Das waren in der Regel ganz kleine, unscheinbare Handlungen. Zum Beispiel, wenn man über die Schwelle des Hauses tritt. Eintritt und Austritt. Die Schwelle ist heilig. Da muss man einer Gottheit danken oder zum Beispiel, wenn man das Herdfeuer anzündet oder dafür sorgt, dass es nicht ausgeht. Oder bevor man zu Bett geht. Und da war eine Gottheit, die einem Schutz für
die Nacht gewährte. Da war eine Gottheit, die einem Schutz auf der Reise gewährte. Da war eine Gottheit, die einem Schutz während der Schwangerschaft und der Geburt gewährte. Die die Kinder schützte und so weiter und so weiter. All diese Gottheiten musste man bei guter Stimmung halten. Das war grundlegend wichtig für den Frieden. Man musste Frieden halten mit den Gottheiten, weil solche Gottheiten waren gefährlich. Die konnten einem schaden. Man musste den Gottheiten geben, was ihnen zustand. Dieser Friede mit den Gottheiten wurde durch Kulthandlungen garantiert. Und das garantierte auch den sozialen Frieden in den Dörfern, in den Städten, in den Kolonien, in der
großen Stadt Rom. Man gab den Gottheiten, was sie brauchten, was ihnen zustand und erwartete, da im Gegenzug, dass man erhielt, was man selbst brauchte zum Leben, also Sicherheit, Nahrung und so weiter und so weiter. Ich gebe, so dass die Maxine damit mir gegeben wird. Auf Lateinisch heisst das Do ut Des. Das war die Struktur, die Art und Weise, wie nach Paganem Verständnis, nach Pagan-Römischem Verständnis insbesondere, die Beziehung zwischen Gottheiten und Menschen zu gestalten war. Die Menschen waren dazu da, den Gottheiten zu geben, was sie brauchten. All das, all das, diese alltäglichen und diese großen festlichen Kulthandlungen mussten die Christus Nachfolgenden aus den Völkern aufgeben. Wir können uns das gar nicht groß genug vorstellen, was das
heißt. Für all diese Gottheiten, die Schwellengothheit, die Geburtsgothheit und so weiter, war kein Raum in Christus, keine anderen Gottheiten. Ich sage es nochmal, wir können es uns nicht drastisch genug vorstellen, weil alle Lebensbereiche, alle sozialen Netzwerke, in die Männer, Frauen und Kinder aus den nichtjüdischen Völkern eingebunden waren, alles war durchdrungen von diesen Beziehungen und von diesen Ausdrücken. In der Familie, im Clan, in der Nachbarschaft, im Dorf, in der Kolonie, in der Stadt und im Imperium Romanum. Auf allen Ebenen war der Friede mit den Gottheiten, Pax deo Rom und der soziale Friede untrennbar miteinander verbunden. Aus diesen Netzwerken stiegen die Christus Nachfolgenden aus den Völkern aus. Verstehen Sie, die jüdischen Christus Nachfolgenden oder
Nicht-Christus Nachfolgenden, die waren gar nicht Teil dieser Netzwerke. Also da ist kein Bruch, weil die waren nie Teil davon. Aber für die nichtjüdischen Christus Nachfolgenden war das ein radikaler Bruch. Ein radikaler Bruch. Und man kann sich sehr gut vorstellen, dass das zu, gelinde gesagt, Diskussionen geführt haben mag. Innerhalb der Gesellschaften, der Familien, der Clans, in denen diese Menschen eingebunden waren. Weil in diese Netzwerke eingebunden war ja auch die Zustimmung zur Herrschaft Roms über diese verschiedenen Völker des Mittelmeerraums. Das war da in diese Netzwerke mit eingebunden. Wir sagen, das war der Kaiserkult. Naja, also irgendwie man musste dem Genus, dem Genius des Kaisers etwas darbringen und so weiter. Und wir wissen ja, dass für die Jüdinnen und Juden da eine Ausnahmeregel gefunden wurde. Die müssten ja nicht an diesen
Cäsaren-Darbringungen teilnehmen. Die mussten einfach jeden Tag im Jerusalemer Tempel für das Wohlbefinden der kaiserlichen Familie ein Opfer darbringen. Also nicht dem Kaiser, sondern einfach für das Wohlbefinden dieser Familie beten. Okay, das war die Regel für Jüdinnen und Juden. Die gilt aber nicht für Nicht-Jüdinnen und Nicht-Juden. Die waren davon nicht ausgenommen. Die gehörten da nicht zu dieser Ausnahmeregel. Und die hören jetzt auf, an all diesen Dingen teilzunehmen. Was soll denn mit denen geschehen? Wenn man nicht mehr teilnimmt an diesen Ausdrücken der Akzeptanz der Herrschaft Roms, dann ist man per se subversiv. Per se subversiv. Das wird vielleicht nicht immer wahrgenommen. Da gab es nicht von Anfang an, es gab vermutlich nie ganz große Verfolgungen dieser nicht-jüdischen Christusanhänger. Aber der Nachbar könnte ja schon mal neidisch sein
und so bekommt er da nicht mehr zu unserem Nachbarschaftsschein. Was ist denn mit dem los? Spint der eigentlich? Der unterminiert den sozialen Frieden, der macht, dass die Gottheiten wütend werden auf uns und da haben wir eine Flut in der Straße. So müssen wir uns das vorstellen. Nachbarschaftsneid, Nachbarschaftsunruhe. Und dann sagt dann vielleicht der Nachbar, hey da ist einer, der macht nicht mehr mit. Wird angezeigt beim Magistraten und der fragt ihn, der fordert ihn auf, da ein Rauchopfer für den Kaiser da zu bringen und der weigert sich und sagt, ich bin Christusanhänger. Dann ist er im Prinzip einen Kopf kürzer. So ist das. Weil Subversion gegen Rom ist mal ein Kopf kürzer. Oder wird auf die Galeren geschickt. Irgend so was. Oder? Okay. Das ist der Bruch, den die nicht-jüdischen Christusnachfolgenden vollziehen. Und da entstehen Probleme. Okay? So. Wenn Paulus weiter über das Gesetz schreibt oder
die Gebote, dann schreibt er, naja, man soll niemandem etwas schuldig bleiben. Allen geben, was ihnen gebührt, dem Cäsar, was des Cäsars ist. Und was heißt das? Die Steuern. Aber eben nicht die Verehrung als Gottheit. Das gebührt aus Christusüberzeugung dem Cäsar eben nicht. Und man soll niemandem etwas schuldig sein und dann fasst er zusammen, nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Das Motto, das ihr auch auf euren Taschen und so tragt. Nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Wer den anderen liebt, der hat den Nomos, die Thora oder das Gesetz erfüllt. Alle anderen Weisungen sind so zusammengefasst. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Er ist wie du. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. Und diese
Zusammenfassung. Man denkt dann so, ach das ist ja so christlich, oder? Das hat ja schon Jesus gesagt und jetzt der Pater. Nein, das ist natürlich auch christlich. Aber das ist zuerst einmal eine jüdische Zusammenfassung dessen, was Thora Erfüllung heißt. Es gibt eine Geschichte, eine schöne jüdische Geschichte. Gibt ja immer diese schönen jüdischen Geschichten. Also jetzt kommt eine. Also Rabbi Hillel, der ungefähr, so wird gesagt, ein Zeitgenosse Jesu gewesen sein soll, der wurde von einem Nichtjuden gefragt, gebeten, er solle ihm Thora lehren, während er auf einem Bein steht. In der Zeit, in der er auf einem Bein steht. Er hatte da schon einen anderen Rabbi gefragt. Der hatte sich geweigert, ihn Thora zu lehren, während er auf einem Bein stand. Also Sie können mal ausprobieren, wie lange Sie stehen können auf einem Bein. Und Rabbi Hillel sagte, kein Problem. Was dir nicht liebt, ist, das tu auch deinem Nächsten nicht. Oder wir können es auch
anders sagen, was du nicht willst, dass ich dir tu, das füge auch keinem anderen zu, die sogenannte goldene Regel. Und dann sagt Rabbi Hillel, das ist die ganze Gesetzeslehre. Alles andere ist nur Erläuterung. Gehe hin und lerne. Ist doch dasselbe. Wie was Paulus da gesagt hat, bleibt niemandem etwas schuldig, außer die Liebe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, steht ja im dritten Buch Mose, 1918. Also Paulus wiederholt lediglich jüdische Tradition für Nichtjuden. Dass die Thora gültig und wegweisend bleibt für die Christusnachfolgenden aus den Völkern, ist eindeutig. Also Paulus kann fragen, heben wir denn das Gesetz auf, wieder im Römerbrief, heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben, das sei ferne, sondern wir bestätigen das Gesetz. Oder er kann sagen, das Gesetz oder die Thora sei heilig gerecht und gut. So. Jetzt werden sie aber sagen, aber da hat
doch Paulus dann auch gesagt, aus Werken des Gesetzes wird niemand gerecht. Ja, wird niemand gerechtfertigt. Sondern nur aus Glauben oder, wenn wir dieses griechische Wort Pistis auch noch anders übersetzen, aus Vertrauen, stehen sich dann nicht Gesetz und Vertrauen oder Glaube als Gegensätze gegenüber. Zunächst ist wichtig zu sehen, dass Paulus nicht Gesetz und Glaube oder Vertrauen einander gegenübersteht. Es geht nicht um Gesetz oder Glaube, sondern es geht um Werke des Gesetzes und Glaube oder Vertrauen. Werke des Gesetzes und Pistis, Glaube, Vertrauen. Was sind denn diese Werke des Gesetzes? Ich habe eine Theorie, ich weiß nicht, alle meine Kollegen teilen die, aber ich erzähle sie Ihnen jetzt. Und dann können wir ja mal gucken. Das eine, das wichtig
ist, wir haben ja schon gesehen, also das Gesetz tun, erfüllen, das ist nicht entgegen der Überzeugung Jesus ist der Christus. Das sollen die ja sehr wohl tun, diese Christusnachfolgenden. Sie sollen das Gesetz erfüllen als nicht jüdische Christusnachfolgende. Sie sollen das Gesetz nicht erfüllen als Jüdinnen und Juden. Sie sind ja nicht Jüdinnen und Juden, verstehen Sie? Es geht um die Identität derer, die nun diese Thora erfüllen sollen und wie das geschehen soll. Da sind Jüdinnen und Juden, die erfüllen ihre Thora, weil das ihre gottgegebene Weisung fürs Leben ist, mit allem was dazugehört. Und jetzt haben wir diese Nichtjüdinnen und Nichtjuden, die orientieren, die gehören über Christus zum selben Gott Israels. Sie sollen auch die Thora erfüllen,
aber als nicht jüdische Menschen. Sie sollen Römer bleiben oder Griechen oder Galaterinnen oder was auch immer. So, was bedeutet das jetzt? Ich vermute, ich sage das so, ich vermute, es geht bei Werken des Gesetzes um Rituale, die zu vollziehen sind, Rituale, die von Jüdinnen und Juden als Antwort auf ihre immer schon vorlaufende Berufung oder Erwählung durch Gott gegeben wird. Also was mit Werken des Gesetzes übersetzt wird bei uns, das ist die Antwort, die Jüdinnen und Juden auf die vorauflaufende Gnade Gottes geben. Okay? Das ist nicht etwas, das Jüdinnen und Juden tun, um sich die Gnade Gottes zu erarbeiten, sondern es ist die Antwort
auf die immer schon erfolgte Erwählung vorauslaufender Gnade Gottes. Ich komme darauf nochmal zurück. Weil Gott hat dieses Volk nicht erwählt, weil es irgendetwas Besonderes ist, weil es irgendeine besondere Qualität hat, weil es irgendetwas geleistet hat, so erzählen uns die Geschichten der hebräischen Bibel. Gott hat dieses Volk zu sich gerufen und zu seinem Eigentum gemacht, weil er es liebte aus lauter Gnade. Sie gehören zu ihm aus lauter Gnade. Er hat ihnen aus lauter Gnade und Liebe zugesagt, ihr Gott zu sein. Und aus lauter Gnade und Liebe hat er ihnen eine Weisung geschenkt, die ihnen helfen soll, diesem Ruf entsprechend zu leben in Antwort auf diese
immer schon vorauflaufende Gnade. In Verantwortung. Damit wird nicht die Beziehung zu diesem Gott hergestellt oder verdient. Die kommt immer von Gott. Die ist gestiftet von Gott, nicht hergestellt von irgendeinem Juden oder irgendeiner Jüdin. Das Tun der Thora in jüdischem Verständnis ist die Antwort auf Gottes Ruf der Gnade. Das ist ganz wichtig. Werke des Gesetzes können diese Beziehung nicht herstellen. Die Rituale, die Jüdinnen und Juden vollziehen, inklusive die Beschneidung, ist eine Antwort auf den Ruf Gottes. Wenn nun früher Pagan lebende Menschen versuchen, diese Rituale zu vollziehen, dann ist es möglich, dass sie damit die Beziehung zu Gott herstellen
können. Wie das ja in ihrem Ich gebe, damit du gibst. Das pagane Verständnis der Gottesbeziehung. Und wenn sie das so verstehen, dann verstehen sie die Gottesbeziehung nicht richtig. Die kann nicht hergestellt werden. Die kann nur empfangen werden. Und aus dieser Beziehung heraus kann geantwortet werden. Aber wie geschieht das nun, wenn man nicht jüdisch ist? Die eine jüdische Antwort, ich nehme nur das eine Beispiel, die eine jüdische Antwort ist, dass Jungen am achten Tag nach ihrer Geburt beschnitten werden als Siegel, als Zeichen des Bundes. Nicht als Herstellung des Bundes, sondern als Zeichen dieses Bundes. Als Zeichen dieser vorauslaufenden Gnade Gottes. Kein erwachsener, früher Pagan lebender Mann kann dieses Gebot erfüllen. Ist nicht möglich. Ist
nicht möglich. Geht nicht. Deshalb soll er es auch nicht vollziehen. Weil es ist nicht die Beschneidung eines erwachsenen Mannes. Und das ist ein Unterschied zum heutigen rabinischen Judentum, muss ich ganz deutlich sagen. Im heutigen rabinischen Judentum ist das anders. Aber in der Antike war das so, dass die Überzeugung vorherrschte, dass ein erwachsener Mann mit der Beschneidung, auch wenn er alle anderen jüdischen Gebote einhält, damit nicht ein ganzer, ein geborener Jude wird. Nein, kann er ja nicht. Er ist kein geborener Jude. Und es gibt einen Begriff für diese Menschen, die sich zum Judentum hingezogen fühlen, die dazugehören wollen in der Antike außerhalb des Christusereignisses. Und das sind proselytos, proselyten Juden, proselyto-judaeo. Es gibt
Inschriften für proselyto-judaeo. Das ist ein spezieller Status innerhalb der jüdischen Tradition. Das ist aber ein spezieller Status. Man gehört dazu aber nicht hundert Prozent. Also ein erwachsener Mann kann dieses Siegel der Beschneidung, dieses Siegel, also das Antwort der Eltern gilt auf die vorauslaufende Erwählung Gottes, kann dieses Zeichen gar nicht vollziehen. Und wenn er es versucht, dann kommt irgendwas Verkehrtes raus damit. Deshalb sagt Paulus Nein, diese Rituale, die jüdische Identität kennzeichnen, die sind für Jüdinnen und Juden, die sind nicht verkehrt, aber ihr sollt jetzt dazugehören als Nicht-Juden zu diesem Gott. Und deshalb vollzieht ihr die nicht. Ihr erfüllt die Torah als Nicht-Juden. Und diese Nicht-Juden, die sollen eben verstehen,
dass ihre Beziehung zu diesem Gott allein auf Vertrauen, auf Gottes Ruf, auf Gottes vorauslaufende Gnade beruht, auf die sie antworten sollen in ihrem Alltag. Deshalb, also in der Beziehung habe ich schon einen Unterschied erwähnt im Gesetzesverständnis, aber das ist kein Bruch das ist keine Zurückweisung des Gesetzes, sondern das ist ein Unterschied. Ich komme darauf kurz nochmal zu sprechen, gucke auf meine Uhr. So viel mal zum Gesetz, Kontinuität mit dem Gesetz, also kein Bruch, sondern ein Alternatives, eine Differenz, was das bedeutet für Juden und Nicht-Juden. Jetzt kommen wir da zum Messias. Also auch die Erwartung, jetzt können Sie sich schon ausdenken, auch die Messias-Erwartung ist kein Bruch mit der jüdischen Tradition, natürlich nicht, sondern Teil jüdischer Traditionen der damaligen Zeit und übrigens bis heute Messias-Erwartungen durchdringen jüdische Traditionen. Es gab im ersten Jahrhundert so etwas wie eine Grammatik
des Messianismus, sagt man dem, es gab unterschiedliche Vorstellungen. Das wäre eine Vortragsreihe für sich, oder? Messias-Erwartungen machen wir ein anderes Mal vielleicht. Wichtig ist, es gibt nicht eine jüdische Vorstellung, so ist der Messias und so ist es, wenn der Messias kommt. Das gibt es nicht. Es gibt eine große Vielfalt und die sind unterschiedlich, die widersprechen sich, die stehen sich entgegen, aber alles innerhalb der jüdischen Tradition. Dahinter steckt die Hoffnung, irgendwann mal wieder selbstbestimmt sein jüdisches Leben zu können. Sie müssen sich daran erinnern, in der Zeit, erstes Jahrhundert, ist jüdisches Leben immer auch fremdbestimmt. Da sind immer Oberherren, Herren, ich sage sehr bewusst, Oberherren, die vorgeben, wie man jüdisch leben kann. Man kann jüdisch leben, aber immer unter
Vorgabe imperialer Mächte. Müssen wir jetzt nicht im Detail darauf eingehen. In diesem Kontext entstehen diese Hoffnungen. Natürlich, man kann auf einen kriegerischen Messias hoffen, der dann mal aufräumt und Judea wieder gänzlich unter jüdische Vorherrschaft bringt. Vielleicht so eine Art David oder so ein bisschen wie der Erzengel Michael, der ist ja auch so ein Kämpfer. Aber es gibt auch Vorstellungen von einem Priester-Messias oder von zwei Messiasen, ein königlicher und ein priesterlicher. Oder es gibt Vorstellungen, dass da ein präexistenter Messias ist, der dann kommt. Oder ein erster Messias, der stirbt und dann kommt ein zweiter, der dann alles gänzlich in Ordnung bringt. Und es werden gewisse Texte der Schriften messianisch gedeutet. In Jesaja, diese sogenannten Gottesknechtslieder, die sind nicht an sich
schon. Die müssen nicht an sich schon auf einen Messias hindeuten, die können aber als messianisch gedeutet werden. Oder bei Sacharia. Es wird einer kommen, der auf dem Füllen einer Eselin reiten wird. So, weil es nicht ein Kriegs-Messias sein wird und so weiter. Ja, und Messiasse, in welcher Form sie vorgestellt werden, die würden Frieden und Gerechtigkeit bringen für Israel und manchmal auch für die nicht-jüdischen Völker. Auf alle Fälle wird da Frieden sein. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte aus so einem Narrativ, wie das sein wird. Das hat gar nichts mit christlicher Tradition zu tun. Sie steht im ersten Buch Henoch. Das ist ein Buch, das in der Äthiopischen Kirche kanonisch ist, aber in keiner anderen Kirche. Und das auch unter den Schriften von Komran gefunden
wurde. Also dort gibt es so eine Art Fabel von Tieren. Und da gibt es Schafe in dieser Fabel. Das ist das Volk Israel und da gibt es Raubtiere, Raubvögel und Löwen und Wölfe. Und diese Schafe, die werden drangsaliert von diesen Raubtieren, gefressen und so weiter. Und die haben Farben, diese Tiere. Die Raubtiere sind schwarz und die Schafe werden rot, weil sie bluten. Und dann kommt das Ende der Tage. Da werden also die Schafe von Gott wieder ganz weiß gemacht und ihr Fell wird ganz dick. Also sie sind sehr gesund. Und sie gehen alle in den Tempel. Also Israel versammelt sich im Tempel. Und dann kommt ein großer weißer Stier mit großen Hörnern und der beeindruckt die wilden
Tiere, die vorher Israel so bedrängt haben, die Schafe. Und diese wilden Tiere, die vorher Israel terrorisiert haben, die wenden sich jetzt in Achtung und Respekt diesem Stier zu, diesem Weißen. Und indem sie sich diesem Stier zuwenden, werden sie alle verwandelt in weiße Rinder. Und gehen auch alle in den Tempel. Und der Herr der Schafe freut sich riesig über diese Versammlung von scharfen, weißen Schafen und weißen Rindern im Tempel. Wunderbar, oder? Das ist eine der Vorstellungen, die da in dieser Zeit herumschwimmt. Wunderschön, können wir uns auch wiederfinden, oder? Ja, und dann ist der Bar Kochba, der um 133 bis 136 unserer Zeitrechnung beim zweiten oder wie immer man dann zählt, dritten Aufstand der Juden gegen Rom von Rabbi Akiva zum Messias erklärt wurde.
Beide kamen beim Aufstand ums Leben, aber Rabbi Akiva ist trotzdem einer der größten Weisen der jüdischen Tradition bis heute in den Pirkei-Avot, in dieser Sammlung von Weisheit der Väter. Also, die Hoffnung auf das Kommen eines Messias oder das Anbrechen der messianischen Zeit sind keine Gründe für einen Bruch. Auch nicht die Überzeugung, dass in einem bestimmten Menschen sich der Messias gezeigt oder inkarniert hat. Also das Bar Kochba war ein irdischer Mensch wie wir. Dann kommt das nächste Gegenargument, aber ein Leiden der Messias, einer der stirbt, eines gewaltsamen Todes, das ist ja doch nun was wirklich anderes. Ja und nein, ich habe Ihnen schon gesagt, sowohl als auch, ist so meine These. Auf alle Fälle ist es ein Skandal, ein Skandalon für Juden und eine Dummheit für Nicht-Juden. Ja, ein Gekreuzigtag,
ein Gefoltertag, natürlich. Nun, ich bin der Meinung, die Sache ist auch nicht ganz so eindeutig, weil es gibt, also ich habe schon die Gottesknechtslieder erwähnt. Der geschundene Gottesknecht, Jeremiah, beim Propheten Jeremiah, das Thema der Verfolgung des Propheten, im Buch der Maccabea, nicht Teil der protestantischen Bibel, Teil der katholischen Bibel, gibt es Märtyrergeschichten, die Geschichte der sieben Brüder und der Mutter, die zu Tode gefoltert werden, die sich weigern, angesichts der Todesdrohung und der Folter von der Treue zu Gott abzuweichen. Die nehmen lieber den Tod auf, als der Treue zu Gott abzuschwören. Und da sagt einer dieser Brüder dann, und ich zitiere, das ist im zweiten Maccabea, Buch 7, 9, ich zitiere,
Du nimmst uns dieses Leben, sagt der Gefolterte zum Folterer. Aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferstehen lassen, weil wir für seine Torah gestorben sind. Und es finden sich weitere Texte, die anklingen lassen, dass es Vorstellungen gibt, dass der ungerechte Tod, der gewaltsame ungerechte Tod eines jüdischen Menschen in Treue zu seinem Gott eine Bedeutung hat, nicht einfach nur ein schrecklicher Tod ist. So, dieser Messias, der wurde ja immer schon vorgestellt als ganz nahe verbunden mit dem einen Gott. Was ich mit all dem sagen will, ist, dass auch Vorstellungen vom unschuldigen Leiden um Gottes und seines Volkes willen, den jüdischen Traditionen der Zeit des ersten Jahrhunderts nicht fremd sind. Sie entstehen, also was dann über
Christus und im Christusbekenntnis ausgedrückt wird, entsteht in einem Umfeld, in dem ähnliche Gedanken – ich sage nicht dieselben – aber ähnliche Gedanken präsent waren. Die kamen nicht einfach aus dem Nichts. Und die Hoffnung auf die Totenauferweckung, die wurzelt in jüdischen Erwartungen. Also, dass einer, der eines ungerechten Todes stirbt, auferweckt wird, dass Menschen, die gestorben sind, auferweckt werden, die finden sich im Buch Daniel, im zwölften Kapitel, sie finden sich im ersten Henoch-Buch, sie finden sich im Ezechiel-Buch und auch bei Jesaja. Also, damit will ich sagen, auch, dass der Gefolterte als auferweckter gesehen wird, passt in den Kontext jüdischer Hoffnungen und Erwartungen, im größeren Kontext. Damit wird ausgedrückt,
dass Gottes Loyalität, Gottes Treue zu seinen Menschen auch durch gewaltsamen Tod nicht aufgehoben wird. Das wird damit ausgedrückt. Und hier hinein werden dann Aussagen über Jesus als den Christus gemacht. Kleine Nebenbemerkung, es ist vielleicht – nein, ich glaube mit Sicherheit kein Zufall – dass Paulus, der Pharisäer, diese Dimension von Kreuz und Auferweckung so zentral formuliert. Da ist er wirklich ein großer Theologe, weil für Pharisäer die Auferstehungshoffnung ganz zentral war. Anders als für die Sadduzeer, die keine solche Hoffnungen hiekten. Und hier haben wir eindeutig den Pharisäer Paulus, der von Christus überzeugt ist, der in dieser Tradition auch die Auferweckung Jesu Christi reflektiert. So, jetzt habe ich viel über die Kontinuität
gesagt. Jetzt kommen wir noch zu all diesen Bruchgeschichten oder eben diese Differenz. Ok. Nochmal unsere vier Themen. Gott, Schriften, Gesetz und Messias. Es bleibt dabei, der Gott des alten Testaments ist derselbe Gott wie der Gott des neuen Testaments. Der Gott Jesu Christi und aller Christusnachfolgenden, ob Jüdinnen oder Juden oder auch Nichtjüdinnen und Nichtjuden, ist derselbe Gott. Er ist Schöpfer auch aller nichtjüdischen Völker. Im Unterschied zu anderen jüdischen Traditionen der Zeit des zweiten Tempels sind die Christusnachfolgenden nun aber überzeugt, dass sich mit dem Kommen des Messias der Gott Israels auch den Völkern geoffenbart hat. Mit dem Christus Jesus hat sich der Gott Israels auch, nicht nur, aber auch den Völkern geoffenbart und
zwar sehr direkt und ihnen eine Tür aufgemacht, nun auch ganz und gar durch Christus zu diesem Gott zu gehören. Also das ist das, was wir dann universelle Dimension der späteren christlichen Traditionen. Die besteht aber nicht in einer Überwindung oder in einer Nivellierung jüdischer Identität. Es ist eine Ausweitung der Zugehörigkeit, die in Christus geschieht. Nicht eine Überwindung spezifisch jüdischer Zugehörigkeit, sondern eine Ausweitung. Und weil in Christus sagt Gott diesen Menschen aus den Völkern in Christus nun zu, auch ihr Gott zu sein. So wie er Israel sagt, ich bin euer Gott, sagt er nun auch den Völkern in Christus und durch Christus, ich bin euer Gott.
Und den Segen, den er Abraham versprochen hat, erstreckt sich in Christus nun auch auf die nicht-jüdischen Völker, aber eben nur in Christus. Das ist das, was ich sage. Okay, wir müssen dies, wenn wir sagen universelle Dimension, dann müssen wir sehr vorsichtig sein. Also die, die immer noch Pagan leben, also die, die diese falschen Gott, sogenannt falschen Gottheiten verehren, die sind da nicht eingeschlossen. Es sind nur die, die sich zum lebendigen Gott kehren. Die Juden sind ja schon da. Verstehen Sie? Ob sie jetzt von Christus überzeugt sind oder nicht, ist da gar nicht die Frage. Die sind ja schon, die gehören schon zu diesem lebendigen Gott. Ob sie immer sich so verhalten, wie sie sollen, das ist eine andere Frage, aber die gehören dazu. Aber neu dazu gehören die, die sich jetzt in Christus, diese aus den Völkern, die sich jetzt in Christus, dem einen Gott zuwenden. So, das ist neu. Okay, das ist eine Differenz zu jüdischen Traditionen vor dem Christusereignis oder zu jüdischen Traditionen, die nicht vom Christusereignis
überzeugt sind, dass dieser Gott jetzt auch der Gott der Völker ist. Okay, so viel. Das ist eigentlich das einzige in Bezug auf das Gottesverständnis. Okay, die Schriften habe ich schon gesagt. Die sind natürlich der Ausdruck, die Leitlinie für eine Gottesbeziehung, auch für diese frühe Pagan lebenden Menschen. Habe ich jetzt schon ein paar Mal gesagt, woher soll man denn sonst Orientierung finden? Das Entscheidende in dieser Sache ist auch, also wie in Bezug auf Gott gelten diese Schriften jetzt auch für diese Menschen in Christus aus den Völkern. Sie gehören auch den Christusnachfolgenden aus den Völkern. Das heißt, sie gehören immer noch, diese Schriften, dem Volk Israel. Also keine Ersatzlehre, keine Substitution. Sie gehören auch den Christusnachfolgenden
aus den Völkern, sind auch autoritativ für sie so. Das heißt, diese Menschen aus den Völkern, und ich nehme jetzt eigentlich beinahe alle unter uns raus, das sind so wir oder Kirche, aus den Völkern, wir suchen zu verstehen, was diese Schriften für uns als nicht-jüdische Menschen bedeuten. Das heißt, sie können nicht exakt dasselbe bedeuten wie für jüdische Menschen. Verstehen Sie? Da gibt es Unterschiede im Verstehen. Das ist aber kein Gegensatz, das meine ich. Das ist auch kein Bruch. Deshalb betone ich dieses auch. Israel ist gerufen durch Abraham und am Sinai zu hören auf Gott, zu antworten. Wir sind gerufen durch Christus zu hören und zu antworten. Das ist ein Unterschied. Man sieht anders, man hört anders. Also wir alle
sehen und hören anders sowieso. Wir können ja nicht in unsere Schuhe die Füße tauschen und so weiter. Aber das ist der Grundunterschied. Oder wie der frühere Oberrabiner von Großbritannien es einmal ausgedrückt hat, Jonathan Sacks, den ich sehr, sehr schätze. Er hat gesagt, wenn Gott Menschen macht in seinem Bild, dann kommen Unterschiede heraus. Das ist kein Gegensatz, das ist doch zu feiern. Deshalb können wir in Beziehung zu diesem Gott in Verschiedenheit leben, auch als Jüdinnen und Juden, ob überzeugt von Christus oder nicht, und als Menschen aus den Völkern, die in Christus in einen Zugang, in eine Zugehörigkeit zu diesem Gott gerufen sind. In Verschiedenheit zu sehen und zu hören ist kein Gegeneinander. Leider ist die christliche
Geschichte eine andere geworden. Und die Herausforderung meiner Meinung nach heute besteht darin, zu versuchen, das nicht mehr als Gegensatz zu sehen, sondern die Verschiedenheit zu achten, zu respektieren, auch in Streitgesprächen. Aber das ist etwas anderes als im Gegensetzen. Jetzt noch zum Gesetz, habe ich schon angetönt. Die Torah ist Leitlinie auch für die Menschen aus den Völkern. Sie sollen sich in ihrem Alltag an diesen Geboten orientieren als Menschen aus den Völkern, aber eben nicht als Israel. Wir sind nicht Israel. Keine Beschneidungen am achten Tag, Speisegebote meistens nicht. Das ist also so ein bisschen eine vage Sache, weil in der Apostelgeschichte steht dann auch, also kein Konsum von Götzenopferfleisch, nichts Zersticktes und kein Blut. Also Blutwürste waren nicht vorgesehen. Waren die dann in unseren Speiseplan gekommen,
das hat bisher noch niemand herausgefunden. Da habe ich mit ein paar Leuten gesprochen, weiß niemand. Irgendwann einmal war die Esslust so groß, dass es rausgeflogen ist. Okay, aber es handelt sich um sehr wenige Gebote, die für Christus Nachfolgende aus den Völkern nicht gelten. Das sind nur wenige. Die meisten gelten für uns auch. Dass die, die den Tempel betreffen, nicht gelten. Ja, das hat ja mehr damit zu tun, dass es gar keinen Tempel mehr gibt. Gelten sie nicht. Ist ja logisch, oder? Also, und alles, was mit Ethik zu tun hat, das gilt sowieso. Das gilt sowieso. Und dass kein Mensch gerechtfertigt wird durch das Tun des Gesetzes, in die rechte Beziehung gerückt wird, das ist eine jüdische Grundüberzeugung. Das haben wir nicht für Christen erfunden. So, jetzt komme ich noch zu den Reinheitsgeboten. Ganz kurz,
weil ich sehe schon, Sie sind sehr tapfer beim Zuhören. Aber ich möchte das ganz kurz noch sagen, weil das ist so ein kritischer Punkt. Reinheitsgebote, diese Reinheitsdinge und was ist das Komisches und so. Viele dieser Gebote haben etwas mit dem Tempel zu tun und weil ja kein Tempel mehr steht, okay, sind sie obsolet. Aber es gibt eine Reihe von Reinheitsgeboten, die haben mit körperlichen Vorgängen zu tun. Menstruation, Samenerguss, Geburt und Tod. Das ist alles normal. Das sind normale körperliche Vorgänge. Die sind weder gut noch schlecht, die sind. Die gehören zum menschlichen Leben. Und da gab es in allen Gruppen, in allen Traditionen der Antike Regeln, wie man mit diesen Bereichen umzugehen hatte. Und in der späteren Kirche war es ja durchaus nicht so, dass all diese Regeln über Bord geworfen wurden. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, aber bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde unter anderem gegen die Ordination
von Frauen in der Kirche vorgebracht, dass es ja nicht sein könne, dass eine Menstruierende dem Abendmahl vorstehe. Das war ein Argument. Haben wir damit die Reinheitsgebote über Bord geworfen? Wenn das ein Argument war, das ist ein Reinheitsargument in antiker Vorstellung. Oder noch bis ins 21. Jahrhundert hinein gab es, gibt es die Regel, dass eine Frau erst 40 Tage nach der Geburt wieder zum Gottesdienst kommen kann, also zur Kirche oder am Abendmahl oder der Eucharistie teilnehmen kann. Der Zeitraum wurde dann mit einem sogenannten Muttersegen und vielen Volksbräuchen verbunden und die junge Mutter wurde dann feierlich wieder zum Gottesdienst begrüßt. Das war bis in die 30er Jahre, 1930er Jahre in katholischen Traditionen im deutschsprachigen
Raum der Fall und ist heute noch eine Regel in gewissen orthodoxen Traditionen. Und der Zölibat, und dann bin ich dann beinahe am Ende, der Zölibat wurde in der römisch-katholischen Kirche im zweiten Lateralen Konzil unter anderem mit der Begründung eingeführt, dass ein Priester ja nicht täglich Messe feiern könne, wenn er in der Nacht zuvor sexuell aktiv gewesen sei, also Samenerguss hatte, das macht ihn unrein und deshalb kann er nicht der Kommunion vorstellen. Und die Messe soll täglich gefeiert werden. Ergo, Zölibat ist eine logische Lösung. Also ist ein Teil des Arguments, gibt da noch andere. Aber ich will damit nur sagen, wir haben so ein komisches Verhältnis zu diesen Reinheitsgeboten, sogenannten Reinheitsgeboten. Also so weit entfernt davon sind wir unserer aufgeklärten westlichen Gesellschaft jetzt auch wieder nicht gewesen. So, die Freiheit in Christus ist nicht eine Freiheit von der Orientierung an Gott und seiner Thora. Es ist die Freiheit von allem, was
versklavt. Das ist was ganz anderes. Die Reinheitsgebote im Verständnis antiker Menschen waren keine Versklavung, das waren Guidelines, das waren Leitlinien, die helfen sollten. So, und jetzt noch zum Messias. Okay, unterscheidet uns das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias von jüdischer Tradition oder nicht? Und ich sage ja und nein. Nein, es steht jüdischer Tradition nicht entgegen. Es ist kein Gegensatz. Es ist eine Variation jüdischer Tradition. Ja, wenn gesagt wird, dass in diesem Jesus Gott sich geöffentbart hat, dass er der Christus ist. Das ist, ich würde das mal so sagen. Damit haben diese Christusnachfolgenden gesagt, jetzt ist etwas geschehen, das in jüdischen Vorstellungen vorstellbar ist, erhofft wird. Es ist jetzt geschehen und aus diesem, aus dieser Überzeugung,
also wir haben Jesus, den Gekreuzigten, auferweckt, gesehen, dass es die Bestätigung Gottes, dass er ihm treu bleibt. Das ist der Messias. Daraus ist eine Bewegung entstanden. Das war vorher noch nie so da, dass eine real existierende Bewegung aus so einer Überzeugung entstanden. Das ist etwas Neues. Das ist etwas Neues und diese Bewegung breitet sich aus und wird immer stärker. Aber das Bekenntnis an sich ist nicht gegen, es ist eine Differenz. So könnte, würde ich heute sagen, Christusnachfolgende oder wir Christinnen und Christen, wir sind überzeugt, der Messias ist schon gekommen. Aber er ist ja jetzt nicht hier. Er ist aufgefahren und sitzt zur Rechten Gottes. Er wird wiederkommen. Wir leben also in einer, Albert Schweizer hat gesagt, in einer Zwischenzeit, schon und noch nicht. Unsere jüdischen Brüder und Schwestern, die sagen, wo habt ihr gesehen,
dass er denn schon da war? Und warten auf. Das ist der Unterschied. Ist er groß? Ist er klein? Paulus ist überzeugt, dass Gott am Ende der Tage, und wir sind noch nicht dort, wenn er in Vollendung alles vollendet wird, ganz Israel gerettet wird. Aber wie, sagt er nicht? Wie sagt er nicht? Wir alle leben in einer Zwischenzeit. Wir Christinnen und Christen, so in der Überzeugung, da war schon was. Deshalb gehören wir zu diesem einen Gott. Jüdinnen und Juden, die davon nicht überzeugt sind, leben auch in der Beziehung zum einen Gott und sind auch in Erwartung. Das ist ein Unterschied, aber kein Gegensatz. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Man muss sich nicht bekämpfen, wenn man verschieden ist. Man kann darüber diskutieren. Man kann darüber streiten.
Aber es ist kein Gegensatz. Es ist ein Unterschied. Und ja, damit verändern sich auch gewisse Perspektiven, auch wie wir diese Schriften verstehen. Es gibt eine zweifache Nachgeschichte und so weiter. Und am Ende der Tage, denke ich, ist es wichtig zu sehen, dass wir alle hoffen, dass wir alle wahrnehmen, wir leben nicht in der Vollendung der Zeiten. Gott ist nicht alles in allem. Es ist nicht alles schon gerecht, friedlich, erfüllt. Wir leben in einer immer noch gebrochenen Welt. Und damit ist der Ruf so unterschiedlich denn auch wieder nicht, ob in Christus oder nicht. So viel es uns möglich ist, kleine Quäntchen an Frieden und Gerechtigkeit und Hoffnung in dieser Welt zu sehen, in der Hoffnung, dass dieser Ewige, der unser Allergott ist, mit uns sein wird.
Paulus und das Judentum: Kontinuität oder Bruch | 15.5.1
Jesus war Jude, seine Jünger, die Apostel, Paulus als erster Missionar, das Alte Testament besteht aus jüdischen Schriften, wir alle glauben an den gleichen Gott. Trotzdem war man lange Zeit überzeugt: Juden und Christen sind nicht kompatibel, sie gehören nicht zusammen.
Und dann gab es andere, die meinten: Juden und Christen gehören zusammen, die christliche Kirche ist das neue Israel, die Christen die neuen Juden, das auserwählte Volk.
Die Theologin Kathy Ehrensperger beleuchtet hier beide Positionen, erklärt anhand verschiedener Frage, worin sich der Bruch zeigt, woran sich eine Fortsetzung des Judentums im Christentum erkennen lässt. Und wie sich beides miteinander versöhnen lässt.