Ja, herzlich willkommen zum Vortrag "Die Wiederkehr der Mystik"! Einige haben gar nicht gemerkt, dass sie weg war oder dass sie schon wieder da ist. Man weiß es nicht. Jetzt kommt sie schon wieder. Aber, ja, was kommt denn da? Was ist Mystik? Ich habe richtig Lust, darüber zu erzählen. Ich war ja lange jetzt auch Theologieprofessor und habe Vorlesungen, Seminare gemacht. Ich habe fast alles gern gemacht, fast alles und so. Aber mit am liebsten habe ich tatsächlich ein Seminar unterrichtet, da ging es um Mystik, um Spiritualität. Eigentlich habe ich das am liebsten gemacht, wenn ich ganz ehrlich bin. Das ist etwas, was ich vor 25 Jahren entdeckt
habe. Ich war so darüber gestolpert und dann ist das wirklich ein Teil meines Lebens geworden, Teil meiner Frömmigkeit, meines Glaubensweges. Und ich möchte einen ersten kleinen Einblick geben. Mystik. Ja, was ist das erst mal? Denn Mystik - es gibt so den Ausdruck "Containerwort". Containerwort, das sind so Wörter, die man wie Behälter benutzt, in die man alles Mögliche reinschmeißt an Bedeutung, an Assoziationen. Und das kann dann entweder sein, was man alles so richtig gut findet oder was man irgendwie fürchtet und was man schrecklich findet und wo man ein Feindbild hat, was dann einem auch wieder irgendwie was gibt oder so. Das ist mit dem Wort Mystik passiert, noch gar nicht so lange her. Es ist im 20. Jahrhundert passiert, dass Mystik eine Projektionsfläche wurde, für manche ein Sehnsuchtswort, ein Versprechen, eine Verheißung, irgendetwas ganz Faszinierendes,
Prickelndes, Exotisches, Schiefes, Geheimnisvolles, und für andere eben etwas Gefährliches, etwas Verführerisches, etwas, was nicht biblisch ist und irgendwie Leute auch wegführt vom rechten Pfad der reinen Lehre. Alles, was ihr an Containerwort-Elementen im Moment im Kopf habt - ich empfehle den Gebrauch der Delete-Taste. Ihr müsst ein bisschen suchen. Irgendwo hat man das hoffentlich, dass man das so einfach mal auch löscht und sich irgendwie mal so sagt: Mystik, ich weiß gar nicht, was das ist, ich habe gar keine Ahnung. Das ist eigentlich ein ganz guter Start immer. Also eigentlich beginnt Wissen ganz oft mit Nichtwissen. Und wenn ihr total viel wisst, überspringt den Schritt, ist ja klar. So, also alle Containerwort-Elemente haben wir jetzt mal gelöscht. Wie kann man denn so ein Wort sinnvoll füllen? Wie kann man da drangehen? Da
gibt es zwei klassische Annäherungsweisen, die man auch in vielen anderen Zusammenhängen heute so hat, auch bei Begriffen wie Religion oder Gott oder Theologie. Es gibt ganz, ganz viele Containerwörter, auch in der Philosophie. Und es gibt da zwei grundverschiedene Ansätze. Der eine Ansatz fragt: Was ist das Wesentliche? Was ist die Essenz? Was ist das immer gleiche, ewige Wesen der Sache? Was ist der Kern? Was ist die Tiefenschau? Was ist die Substanz? Wenn ich die begriffen habe, dann komme ich eigentlich klar. Man nennt so etwas Essenzialismus. Essenzialismus, wo man so mit einer Wesensdefinition beginnt und dann immer völlig klar hat: Dies ist wirklich Mystik - das ist keine, das ist Pseudomystik. Und der andere Weg, der lästert und lacht über
diese Essenzialisten, der hält die für altmodisch, der hält die für aufgeblasen, für angemaßte Autorität. Und der andere Weg sagt: So etwas gibt es überhaupt nicht, ehrlich gesagt. Also es gibt von nichts ein Wesen oder eine ewige Substanz, weil Sprache ständig im Fluss ist. Kulturen verändern sich, und alles, was uns in der menschlichen Kultur begegnet, ist das Ergebnis von Konstruktionen. Alles sind geistige Konstruktionen in ihrer Zeit, an ihrem Ort, sind sprachliche Muster, die irgendwann zu irgendwelchen Zwecken der Orientierung oder der Macht oder der Selbstdurchsetzung kreiert worden sind. Man kann im Grunde sagen: Das Maximum, was an Weisheit möglich ist, ist eine Sammlung verschiedener Konstrukte, die man ein bisschen historisch, archäologisch sortieren kann. Das ist aber eigentlich der Weg. Was ist dann Mystik? Na ja,
alles, was je so genannt worden ist. Und man schaut einfach darauf, wann, wie, warum wurde es so genannt, und vergisst einfach die Frage: Stimmt das, ist das richtig, ist das sinnvoll, kann man da was mit anfangen? Einfach weg. So, das ist in vielen Fragen heutzutage immer die Spannung: Essenzialistische Wesensdefinitionen oder konstruktivistische Betrachtungen, die man einfach in aller Vielfalt historisch aufdröseln kann. Und jetzt ist der ganze Witz, ich bin da wieder in beiden Lagern von Herzen der Jeinsager, weil beides ja irgendwie was hat. Zunächst mal, würde ich sagen, gibt es aber schon einen klaren Pluspunkt für die Konstruktivisten, die haben das leichtere Spiel. Sie können zeigen, dass sie recht haben. Sie können es immer zeigen, dass die Begriffe irgendwann entstehen, irgendwann gemacht werden, nicht vom Himmel fallen. Sie können das so
nachzeigen und dann machen sie ihre Geschichte und sagen, hier wird es so verwandt und hier wird es so verwandt und da so, total witzig. Nein, wir nehmen alles ernst, es gehört alles dazu. Und ja, das ist in ganz vielerlei Hinsicht natürlich richtig. Und es ist aber auch ein bisschen frustrierend, einfach dabei zu bleiben, dass Wörter irgendwie benutzt werden, wie jeder gerade so will. Vielleicht ist es ja doch auch eine nicht illegale Frage, warum ein Muster irgendwann entsteht, warum Leute an so ein Muster andocken und sich darauf beziehen und es verwenden und übertragen. Und ich glaube tatsächlich, dass die essenzialistische Suche nach dem ewigen Wesen mehr oder weniger immer ins Leere geht. Denn im Grunde konstruiert man dann wieder was. Also ich glaube, dass der reine Essenzialismus wirklich nicht funktioniert, auch nicht bei Religion, auch nicht bei Gott, bei ganz vielen Dingen nicht. Aber er hat einfach so diese tiefe Intuition:
Gibt es nicht mehr als, was der Fall ist? Gibt es nicht mehr, als dass sich wirklich jeder so die Welt konstruiert, wie es ihm gefällt? Gibt es nicht so was wie, ja, mindestens Familienähnlichkeiten, so was Verbindendes, Gemeinsames, irgendetwas, auf das man dann doch immer wieder stößt? Und so etwas empfehle ich bei vielen Fragen, auch beim Thema Mystik. Also nicht das absolute Wesen, aber auch nicht völlige Willkür. Es gibt heutzutage eine Reihe von Ansätzen, die das dann ganz elegant lösen. Für die, die ein bisschen mehr haben dann am Ende dieses Vortrags als vorher und sagen: "Jetzt will ich mehr wissen", mal eine Empfehlung. Es gibt von Volker Leppin, der war Kirchenhistoriker in Tübingen, jetzt ist er in den USA, ein sehr schönes Buch, "Ruhen in Gott". Ruhen in Gott,
eine Gesamtdarstellung, aber wirklich griffig und konzentriert auf wenigen hundert Seiten Geschichte der Mystik. Das kann ich sehr empfehlen. Und in der Einleitung stellt er im Grunde ähnlich fest: Also das Wesen der Mystik ist vielleicht schwierig zu definieren. Man kann Merkmale nennen. Es gibt ein paar Merkmale, es gibt ein paar Grundeigenschaften, die kann man aufzählen, und die geben miteinander so ein Mosaik, anhand derer man Familienähnlichkeiten feststellen kann, auch bei unterschiedlichen Epochen, unterschiedlichen Phasen. Ich nenne einfach mal seine Punkte, ich finde das wirklich gut zusammengestellt. Er sagt, zum Mystischen gehört Erfahrung der unmittelbaren Nähe Gottes. Gott nicht nur als Konstrukt im Kopf, Gott nicht nur als Behauptung oder als Theorie, sondern Erfahrung seiner Nähe. Zweitens gehört dazu: In der Zeit
ist es nichts, was man so fixieren und festhalten kann, dass man sagt, jetzt hab ich dich und ich lass dich nicht mehr los. Nein, so ist Gott nicht, er ist kein Geist in der Flasche, sondern es sind momenthafte Berührungen. Es sind Erfahrungen, die noch nie jemand wirklich festhalten konnte. Drittens: Es geht dabei um eine geistliche Wirklichkeit, nichts, was man greifen, sehen, anfassen kann. Es ist eine innerliche Erfahrungswelt, es gehört beides zusammen, es ist innerlich und es ist geistig. Im christlichen Raum zumal, aber auch darüber hinaus ist es so die Idee, es ist eine Vorwegnahme himmlischer Herrlichkeit. Gerade in der christlichen Mystik ist das eine wesentliche Idee: Was man momenthaft erfährt, was man in Augenblicken berührt, ist so ein Vorgeschmack,
eine Vorwegnahme, eine Ahnung dessen, worauf das ganze Leben hinausläuft. Sechstens: Es ist etwas, was Menschen verändert, es ist etwas, wo die menschliche Identität einen Wandel erfährt, einen Bruch, eine Vertiefung, eine Steigerung, eine Überformung, es gibt ganz unterschiedliche Worte für eine Gottgeburt, so verschiedene Ausdrücke. Es ist wirklich etwas, was den Menschen in seiner Identität verändert. Siebtens, sehr wichtig: Es hat oft mit Weglogiken zu tun, es entsteht eine Art Landkarte mit wichtigen Etappen, mit Abschnitten, das sind mal drei Wege, das sind mal fünf Wege, das sind mal sieben Wege, manchmal auch 27, die Bücher liest man dann nicht mehr, weil die zu lang werden ... Aber zu diesen Wegabschnitten gehören bestimmte Erfahrungsräume, bestimmte Gestalten, drei und sieben sind dabei so die Lieblingszahlen geworden. So, und achtens
gehört dazu immer die Einsicht, man kann da viel drum herumreden, und wovon wir reden, ist zugleich mehr, als was sich sagen lässt. Diese Wegführung, diese Erfahrung, diese unmittelbare Nähe Gottes geht in keinem Wort auf, in keinem Begriff, in keinem Satz, in keinem Bild, in keinem Gemälde, in keinem Buch, es ist immer mehr. Die Erfahrung ist größer als alles, was sich über sie sagen lässt. Das finde ich sehr schön, so ein paar Merkmale. Es gibt witzigerweise eine Definition aus der Geschichte, die der ersten Definition sehr nahe kommt, die finde ich auch sehr nett. Bonaventura, franziskanischer Theologe, hat schon als kleines Kind den Heiligen Franz gesehen,
einen Anstoß für sein ganzes Leben bekommen, wurde dann Ordensmann, Theologe, Kirchenmann und dann eben auch mystischer Gläubiger. Bei ihm gibt es so die Formel: Mystik ist Erfahrungserkenntnis Gottes. Das finde ich ganz schön, Erfahrungserkenntnis Gottes. Ich würde aber auch da empfehlen, das jetzt nicht essenzialistisch so eng zu führen und zu sagen, das ist der Kern, sondern wirklich auch zu sagen, es ist ein Schlüsselmerkmal. Wenn man diese anderen Merkmale von Volker Leppin im Kopf hat, hat man ein bunteres Bild. Das macht es dann auch möglich, nicht bei allen möglichen Leuten zu sagen: Bist du ein Mystiker? Bist du keiner? Sondern man kann mehr oder weniger mystisch geprägt sein. Bei manchen kann man sagen, ziemlich stark, manche werden uns heute noch begegnen, Bernhard von Clairvaux, Johannes Tauler, Teresa von Avila. Und dann hat man manche, wo man sagen würde, ja, das geht stark in die Richtung, zum Beispiel Meister Eckhart. Und
wieder andere, wo man sagen würde, da ist ein kräftiger Schuss auch mystisches Erbe drin, selbst Martin Luther muss man hier nennen, Gerhard von Tersteegen absolut. Und dann gibt es Leute, wo man sagen muss, ich habe jetzt das Mystometer angehalten, ich finde fast nichts ... Es gäbe jetzt zwar auch neuere Theologen, wo man sagen würde, der ist jetzt echt unverdächtig, der hat da nie zu tief ins mystische Glas geschaut. Ist das gut, ist es schlecht? Man weiß es nicht. So, das ist aber erst mal eine kleine Annäherung an das Ganze, und ich möchte einfach mal drei Stränge vorstellen. Mystik ist sehr vielseitig, man kann die Geschichte der Mystik in der Bibel beginnen, in der hebräischen Bibel, im Neuen Testament, im Judentum, im Christentum, man kann das endlos wirklich ziehen und strecken,
und es ist wirklich klasse, was heutzutage an Büchern erscheint. Ich möchte drei Stränge euch vorstellen, die so ein bisschen die Vielfalt abbilden. Es ist vielleicht so ein kleiner repräsentativer Versuch. Ich möchte euch einen ersten Strang vorstellen, Überschrift "Negative Theologie", ein zweiter Strang wird sich dann beschäftigen mit dem Thema "Wege zu Gott" und der dritte wird es dann zu tun haben mit Einheitserfahrung. So, dann mache ich noch ein kleines Schlusswort und dann sind wir schon durch. - Negative Theologie. Das klingt nicht sehr positiv, man verliert schon die Lust irgendwie, jetzt auch noch negative Theologie, es gibt so viel Negatives im Leben, brauche ich das jetzt wirklich? Nein, das ist schon auch was Schönes, das ist wirklich was Spannendes. Wie kriege ich das jetzt
griffig? Ich knüpfe mal an meinen Vortrag über den Heiligen Geist an, suche so den Anknüpfungspunkt von Basilius von Caesarea und wir gehen einfach mal zum Brüderchen über. Der hat eine große Familie, habe ich schon vorgestellt. Er hat einen kleinen lieben Bruder Gregor von Nyssa. Mit dem fangen wir jetzt einfach mal an, weil man das bei dem ganz hübsch abgreifen kann in so einer Grundgestalt, die uns jetzt da hilft. Ich habe mal ein Büchlein von dem mitgebracht, die haben echt Sachen geschrieben und so ... Das ist hier auf Deutsch. Das Buch lautet ganz schlicht "Der Aufstieg des Mose", und es ist eine Bibelbetrachtung, eine Bibelauslegung, schon so ein über 100-seitiges Buch. Er geht das Buch Exodus durch und beschreibt einfach den Weg des Mose. Er legt das aus, er macht Exegese, so das, was damals auch wirklich, ja man muss sagen, auf wissenschaftlichem
Stand gemacht wurde, in Kenntnis der Texte, in Kenntnis der Diskussionen, kaiserzeitliche Theologie. Das ist jetzt schon auch wirklich ein anspruchsvolles, niveauvolles Gewerbe. Diese christliche Generation kennt die biblischen Texte, hat sie teilweise wirklich auch erarbeitet, schon einen Überblick im Hintergrund. Origines hat gearbeitet an den Texten in der Ursprache, hat sich das alles angeschaut in verschiedenen Versionen, man diskutierte das mit den Philosophen der damaligen Zeit, verschiedene platonische Schulen, skeptische Schulen, man hatte das vor Augen. Jetzt möchte ich euch natürlich nicht das Ganze vor Augen stellen, sondern eine entscheidende Linie mal deutlich machen. Gregor geht das Leben des Mose durch und sagt: Es ist dabei schon
etwas auffällig: Am Anfang begegnet Gott Mose in recht überwältigender Art und Weise. Mose steht da in der Wüste und sieht einen brennenden Dornbusch, Feuer. Ja, das ist eine Sache, da kannst du nicht diskutieren, da kannst du nicht sagen: Jetzt muss ich hermeneutisch erst mal überlegen, was ist eigentlich ein Busch? Nein, das kannst du nicht machen. Du siehst es, es brennt, du kannst dem nicht aus dem Weg gehen. Und dann hörst du eine Stimme, du hörst sie. Und so geht das weiter, dann wird da diskutiert und so, zwischendurch versucht Gott, dich umzubringen, die Frau geht dazwischen. Das zu verstehen ist die eine Sache, da kannst du lange darüber brüten, aber dass da reale Sachen passieren, das ist sehr klar. Und so geht das weiter, Schilfmeer und Wasser hier und Feinde tot und dann durch die Wüste, Murren, Zeichen, Wunder. Und dann bist du irgendwann bei Gott am Berg, und der lässt es krachen,
der lässt es richtig krachen. Dann steht da dieser Berg, es donnert, es ist wie Posaunen, das Volk zittert und bebt, Blitze, Licht, Donner. Und Gregor sagt: Ja, so ist das alles. Können wir sagen, dass das so war? Hat das irgendeinen Sinn? und Gregor sagt: Ja, durchaus. Der Weg des Glaubens ist häufig so, dass er beginnt beim Sichtbaren, beim Sinnlichen, beim Eindrücklichen, beim Lauten, beim Hellen. Die frühen Gotteserfahrungen des Menschen haben eben so etwas Eindrückliches, Überwältigendes, und es ist dir ganz gewiss. Die ersten Gotteserfahrungen, die Menschen sammeln, sind oft von sinnlicher Gewissheit, es ist so sicher, dass Gott dich
angerührt hat, wie die Hand, die du vor Augen hast. Du bist genauso sicher, du sagst: Ja, es war Gott, der mich angerührt hat und getröstet und berufen. Und dann erzählt er die Geschichte weiter. Jetzt könnte man ja denken, jetzt geht es immer tiefer hinein in das Geheimnis Gottes, jetzt geht Mose auf den Berg und jetzt auf die Spitze und jetzt ist er wirklich im Zentrum der Gegenwart Gottes. Das Volk, die Schisser, die kommen alle nicht mit, die bleiben unten und sagen: Geh du mal, du Mann Mose, und wir bleiben hier. Und Mose geht wirklich rein in die Mitte und dann ist er irgendwann mit Gott so richtig eng und sagt: Lass mich deine Herrlichkeit sehen. Zeige dich, zeige deinen Glanz. Und Gregor trägt das dann alles zusammen und sagt: Das ist ja wirklich interessant. Als Mose immer näher rangeht, immer näher reinkommt, beschreibt der biblische Text, dass er in eine Wolke geht und
dass er nichts mehr sieht. Er ist in einer Wolke, irgendetwas ist da also, aber die Gegenständlichkeit wird immer schwächer, immer weniger, immer geringer. Darum wird Mose irgendwann selbst nervös und sagt: Zeige mir deine Herrlichkeit, lass mich dein Angesicht sehen. Und Gott sagt ihm: Weißt du was, die Grundschule ist vorbei; das ganze Gezauber mit Licht und Donner oder so, das war der Lockvogel. Du kannst mein Angesicht nicht sehen. Du kannst mein Angesicht nicht sehen. Ich werde dich in so einen Winkel stellen hier am Berg und dann ziehe ich an dir vorüber, halte meine Hand aber davor - eine paradoxe Maßnahme irgendwie, aber Gott zieht das durch und sagt: Du kannst mir hinterher schauen, schöner Rücken kann auch entzücken, du siehst mich dann von hinten. Das
aber war nicht der Traum des Mose, sein Angesicht wollte er sehen. Und Gregor sagt: Das ist im Grunde sinnbildlich für den Weg der Gotteserkenntnis. So ist es. Es beginnt sinnlich, es beginnt eindeutig, es beginnt handgreiflich, und dann wird das immer weniger. Ich zitier das mal, er schreibt: "Am Anfang erschien Gott im Licht, nun aber im Dunkel. Die Geschichte lehrt uns hierdurch, dass die religiöse Erkenntnis zunächst für die, denen sie zuteil wird, Licht ist, der Gegensatz zur religiösen Erkenntnis Finsternis. Die Abwendung der Finsternis geschieht durch die Teilhabe am Licht. Doch je mehr der Geist voranschreitet durch immer größere und vollkommene Aufmerksamkeit und der Anschauung immer näherkommt, umso mehr sieht er, dass die göttliche
Natur unsichtbar ist. Darin liegt die eigentliche Erkenntnis des Gesuchten, darin das Sehen im Nichtsehen, dass der Gesuchte alle Erkenntnis übersteigt, wie durch Finsternis durch seine Unbegreiflichkeit auf allen Seiten abgeschlossen." Er beruft sich dann aufs Neue Testament und sagt: "So sagt es Johannes auch: 'Niemand hat Gott je gesehen.' Mit dieser Verneinung stellt er fest, dass nicht nur für die Menschen, sondern für jede geistige Natur die Erkenntnis des Wesens Gottes unerreichbar sei. Als Moses nun an Erkenntnis wuchs, erklärte er, dass er Gott gesehen habe, das heißt erkannt habe, dass dies das wesentlich Göttliche ist, was jenseits allen
Erkennens und Begreifens liegt." Er überträgt das aufs Neue Testament und sagt: "Und so erkennen wir Gott ja nun auch in Christus, im Gekreuzigten, im Menschen, in der Niedrigkeit, in der Armut, in der Schwachheit, also verhüllt. Je mehr Gott sich offenbart, desto mehr verhüllt er sich. Und das ist der Weg." Das ist Bibelauslegung, das war jetzt ein kleiner Auszug daraus, wo Gregor was ganz Entscheidendes deutlich macht. Es ist nicht so, dass man so in jungen Jahren denkt: Ich kenne Jesus, ich kenne Gott und habe ihn. Aber ich habe auch noch ein paar offene Fragen und jetzt studiere ich vielleicht Theologie und höre mir so ein paar Podcasts an, und es wird klarer und deutlicher und greifbarer und so. Man mag die Erwartung haben - ja, da hat Gott schon über
manchen gelächelt, glaube ich. Der Weg ist ein anderer. Gerade die, die bereit sind, sich nichts vorzumachen, sich nicht abspeisen oder täuschen zu lassen, werden sehen, dass das Nichtwissen zunimmt, dass die Fragen sich vermehren. Aber es ist jetzt nicht nur so, dass Fragen der völligen Planlosigkeit vermehrt werden. Nein, es ist schon auch so, dass das Begreifen, dass er unbegreiflich ist, das Erkennen, dass er jede Erkenntnis übersteigt, wächst. Negative Theologie ist ein Terminus für diese Erfahrung, für die Erfahrung, dass die Erkenntnis der Unbegreiflichkeit Gottes höchste Erkenntnis ist. Und an der Stelle muss man nun gut aufpassen. Es geht nicht darum, dass die Einsicht in die Unbegreiflichkeit Gottes quasi
alles, was man mal glaubte zu wissen, ersetzt. Das mag auf dem Weg so eine schockhafte Befürchtung sein, sodass man sagt: Jetzt löst sich ja alles auf, jetzt verschwindet ja alles, jetzt bin ich hier nur noch am Dekonstruieren und bald ist gar nichts mehr da. Nein, negative Theologie ersetzt jetzt nicht alles andere. Es gibt so einen Spezialisten für die Frage, der das systematisch ausgearbeitet hat. Das war jetzt der liebe Gregor, wir gehen jetzt einen Schritt weiter zu Dionysius Areopagita. Der hat einen Ruf wie Donnerhall, merke ich ... Nein, der klingt nur komisch, der hat keinen Ruf wie Donnerhall mehr. Aber er ist ein großes Licht, also wirklich ein ganz wesentlicher, wichtiger Mensch. Wir wissen über ihn genau nichts. Man hat früher eine Zeit lang geglaubt, das sei der Dionysius, der in Apostelgeschichte 17 vorkommt auf dem Markt von Athen. Das könnt ihr überprüfen, da steht Dionysius,
er war geflasht von der Predigt des Paulus in Athen und sagte: "Also ich bin schon mal dabei, auf mich kannst du zählen." Die großen Massen fehlten gerade, das hat ihn nicht irritiert, er war dabei. So und dann sind in der alten Kirche Schriften umgegangen von einem Dionysius, und man glaubte, das ist der vom Areopag, darum nannte man den Dionysius Areopagita. Im Mittelalter ist das einer der meistgelesenen, meistkommentierten Theologen überhaupt der alten Kirche nach Augustin. Augustin ist der Unerreichte, aber im Grunde der zweitmeistkommentierte ist tatsächlich dieser Dionysius Areopagita, weil man auch teilweise glaubt, er ist ein Apostelschüler. Und irgendwann in der Neuzeit haben so böse, böse historisch-kritische
Theologen gesagt: Das ist kein Apostelschüler, das ist nicht so. Wir haben das historisch-kritisch durchleuchtet, und das ganze Material bei ihm ist voller neu-platonischer Voraussetzungen, die es vor dem Ende des fünften Jahrhunderts noch gar nicht gab, die ganze Sprache, die ganze Debatte und so weiter. Das ist ein unbekannter, namenloser Mensch, der um 500 herum das so geschrieben hat. Und dann hat er irgendwie wahnsinnig Glück gehabt mit der Namensvertauschung und hat eine mega Karriere gemacht. Die ist aber auch nicht völlig unverdient. Also vielleicht wäre die Karriere etwas weniger steil, hätte man gemerkt, das ist so ein namenloser Hansel um 500, aber warum sollen nicht so witzige Zufälle manchmal auch als Karrierebooster irgendwie greifen? Und der hat nun über diese ganzen Fragen systematisch nachgedacht und hat ein Buch verfasst
mit dem Titel "Über die mystische Theologie". Und er unterscheidet dann verschiedene Formen von Theologie. Im Anschluss an ihn wird das immer weiter ausgebaut, und wir nehmen jetzt einfach mal nur einen kleinen Ausschnitt daraus. Der weiß natürlich, dass es so etwas wie eine Theologie gibt, die sich an der Bibel orientiert, die aus der Bibel Gedanken entnimmt und sie entwickelt, und damit ist er auch völlig im Frieden. Das heißt dann in der Auslegungstradition "Symbolische Theologie". Das darf man nicht mit symbolisch in irgendeinem Feld-, Wald- und Wiesensinn verwechseln. Symbolisch heißt einfach, es ist eine Theologie, die von Gott redet, und die ist wahrheitsfähig. Und es hat mit Gotteserkenntnis zu tun, das ist alles auch ernst gemeint. Es ist eine analoge Gotteserkenntnis, zu der gehört auch bereits das Wissen, dass alles,
was wir über Gott sagen, na ja, annäherungsweise, ähnlichkeitsweise zutreffen mag. Warum? Weil Gott sich offenbart. Das gehört dazu und das kann man analoge Theologie nennen, positive Theologie, symbolische Theologie, das ändert sich in der Zeit; nennen wir das einfach mal normale Theologie oder einfach Theologie, das, was man so kennt. Und Dionysius sagt: Schön, gut. Auf dem geistlichen Weg ist es dann aber auch sinnvoll, die Grenze all dieser Theologie zu erkennen. Er beginnt sein Werk mit einem Gebet, die Dreieinigkeit betet er an. "Dreieinigkeit, erhaben über alles Sein, alles Göttliche, alles Gute ..." An dieser Stelle hätte man merken können: Er war kein Apostelschüler. Man hätte es merken können, aber dafür hätte man schon historisch-kritisch verdorben sein müssen, das ist man dann erst später geworden. Aber so beginnt er das, es ist ein Gebet an die Dreieinigkeit, um 500 natürlich
völlig normal. Und in diesem Gebet bittet er, "dass Gott uns führen möge, hoch über alles Nichtwissen wie über alles Licht hinaus". Und jetzt fängt er an, das so in seinem Slang zu beschreiben: "Inmitten undurchdringlichen Dunkels übertreffen deine Mysterien noch an Glanz, was bereits größere Leuchtkraft besitzt als alles Übrige. Inmitten des gänzlich Unbegreifbaren und Unsichtbaren machen sie die dafür blinden Geister jenes Glanzes übervoll, der an Schönheit alles in den Schatten stellt." Wer jetzt sagt: "Verstehe ich voll", der lügt. Also das ist absichtsvoll paradox:
"Blinde Geister werden des Glanzes übervoll." "Im Bereich des Unsichtbaren gibt es eine Schönheit, die alles in den Schatten stellt." Also man soll stolpern, man soll nicht sagen: "Kapier ich super." Man kann es nicht verstehen, man soll es nicht verstehen. Es ist paradox. Es geht ihm um solche paradoxen Aussagen, die durch ihre Paradoxalität im Grunde deutlich machen: Sie weisen jetzt in einen Erfahrungsraum, der sich dem Sagbaren und Denkbaren irgendwo entzieht. Weiteres Zitat: "In diesem überlichten Dunkel weilen und im Nichtsehen und Nichterkennen den sehen und erkennen, der unser Sehen und Erkennen übersteigt ..." Also ihr merkt den
Trick, ihr merkt die Methode. Das ist für ihn jetzt eine Sprache, die im Grunde deutlich machen will: Selbst alles analoge Erkennen, selbst alles Ähnlichkeitserkennen kommt an Grenzen. Und darum betet er, dass Gott dahin führt, dass er uns hineinnimmt in diese Selbstmitteilung Gottes, an der unsere Sprache einfach zerschellen muss. Und auf diesem Level sagt er dann: "Was ist Gott? Nicht Seele, nicht Geist, keine Vernunft, keine Erkenntnis kann Gott aussprechen noch denken. Er ist weder Zahl noch Ordnung, weder Größe noch Kleinheit, nicht Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit, er kann nicht unbeweglich sein und auch nicht sich bewegen, er ist nicht Ruhe und nicht Macht, er kann seine eigene Veränderung nicht wollen noch sie bewirken. Er ist nicht Licht, er ist nicht
Leben, er ist nicht Sein, nicht Ewigkeit, nicht Zeit. Man vermag ihn nicht mit dem Denken zu erfassen. Er ist nicht Wissen, nicht Wahrheit, nicht Herrschaft, nicht Weisheit, nicht die Eins und nicht die Einheit, nicht die Göttlichkeit, Güte und Geist, so, wie wir sie verstehen. Er ist auch nicht Sohnschaft und Vaterschaft, nicht, was sich mit dem etwas uns Bekannten oder von irgendwem her Erfahrenem vergleichen ließe." Jetzt könnte man das Häresiometer anlaufen lassen und sagen: Moment, Moment, in meiner Bibel steht ganz klar: Gott ist Wahrheit und Gott ist Licht und Gott ist Vater und Gott ist Sohn. Dionysius würde sich das anhören und nicken und sagen: "Brav. Du hast es vielleicht überhört, also ich habe diese ganze Liste genommen, auch biblische Ausdrücke, habe sie durchgestrichen und
dann aber gesagt: Nicht Gott, nicht Güte, nicht Geist - so, wie wir sie verstehen. Jede Weise unserer Gotteserkenntnis müssen wir am Ende auch noch mal loslassen und sagen: So nicht. Gott bleibt der Größere." Das ist negative Theologie. Das Ganze funktioniert witzigerweise aber auch nur, wenn es eine positive Theologie gibt, wenn es eine analoge, wenn es eine biblische, wenn es eine normale, wenn es eine symbolische Theologie gibt. Das ist eingepreist. Das ist nicht die Idee von Dionysius und natürlich auch nicht die Idee von Gregor von Nyssa, zu sagen: Wir streichen jetzt das ganze Kindergarten-Christentum, das lassen wir jetzt alle weg. Wir sind jetzt alle so im Schweigen und sind jetzt so, dass wir immer nur wissen, was nicht. Das wäre die Karikatur von Mystik,
das wäre eine Verirrung. Es gehört zusammen: Die Erfahrung, die Einsicht, die Erkenntnis und die Erfahrung mit der Erfahrung, dass Gott in keiner Erfahrung aufgeht. Die Erkenntnis, die Gottesrede, die Theologie und die theologische Einsicht, dass theologische Einsichten am Ende immer noch mal selbst aufheben und relativieren müssen auf Gott hin. Das ist etwas für die Mystik Wesentliches, und ich nenne es jetzt mal den intellektuellen Strang. Es ist falsch, Mystik von Anfang an so im Bereich von Fühlen, Spüren, Erleben, Erlebnisfrömmigkeit oder so zu verorten. Nein, das ist durchaus auch was für Nerds, das ist was für Intellektuelle. Die großen Theologietreibenden der Kirchengeschichte haben fast alle irgendwo so einen mystischen Sektor
gehabt, wo sie das wichtig fanden und tatsächlich auch finden. Es ist eine intellektuelle Einsicht, dass Gott unsere intellektuellen Einsichten sprengt. Darum fange ich mit diesem Strang an. Mystik ist nicht anti-intellektuell, sondern etwas, was auf intellektuellem Wege beschrieben werden kann als etwas, was das Intellektuelle einfach noch mal übersteigt. Das war der erste Strang und der zweite folgt zugleich. Der zweite Strang, den ich gerne vorstellen würde, war jetzt die Sache mit den Weglogiken, den Wegerfahrungen. Dazu könnte man jetzt einen breiten, großen Überblick geben. Schon frühzeitig entwickelt sich das in der alten Kirche. Was sich früh herausentwickelt, ist so eine Art Drei-Schritt-Idee, dass man sagt: Das Erste, was im Grunde zum
christlichen Glauben gehört, ist so ein Weg der Reinigung, der Abkehr, der Umkehr, der Buße, der Bekehrung, wo man sich vom Sinnlichen, vom Fleischlichen, vom Weltlichen in irgendeiner Weise auf Distanz bringt. Und dann gibt es einen zweiten Weg, den der Erkenntnis, der Erleuchtung, der Einsicht, der Gotteserkenntnis. Und dann war immer so die Vorstellung: Gott beruft uns aber zu mehr. Wir sollen ihn erkennen, in ihm sein, wie er in uns. Christus wohnt in uns, wir in ihm. Wir sollen eins mit ihm sein, wie Vater und Sohn eins sind. Und es ist irgendwo immer die Erwartung gewesen: Das wird erfüllt werden. Nicht in dieser Welt, das ist eine Hoffnung, die wir haben, dass wir Christus gleich gestaltet werden. Aber dann sah man ja schon im Neuen Testament so eine Reihe von Gipfelerfahrungen, wo etwas aufleuchtet, was das in gewisser Hinsicht
vorwegzunehmen scheint. Selbst im Leben Jesu gibt so dieses Moment, wo er auf einen Berg geht. Man dachte früher, es sei der Werk Tabor, ist historisch-kritisch völlig unwahrscheinlich, ist aber egal, das war ja auch ein schöner Berg, wo Jesus mal so mittendrin war, während unten die Jungs irgendwie mit Dämonen ringen, nicht gut klarkommen und so. Jesus erfährt aber wirklich - mit der Kerntruppe - auf dem Berg Verklärung, er leuchtet, er glänzt und so. Und es ist im Grunde schon so eine Art kleine Vorwegnahme von Ostern, eine Vorwegnahme, zu sehen, worauf alles hinausläuft. Dann haben wir bei Paulus ja die Geschichte, wo er sagt: Ich wurde übrigens neulich mal in den dritten Himmel entrückt - da guckt ihr! Also im Zusammenhang mit den Korinthern, wo er streitet und Erfahrungen weitergibt und das nebenbei mal so einfließen lässt, dass er das kennt, dass er eine Entrückungserfahrung
hatte, sodass er im Himmel unaussprechliche Worte hörte, die keiner sagen kann. Man könnte da jetzt weitere Beispiele bringen. Und da hat sich dann eben so in diesem Schema früh heraus entwickelt: Es gibt Reinigung, es gibt Erleuchtung, es gibt Vereinigung. Diese Schemata hat man immer weiter differenziert, entfaltet. Also sehr schön zum Beispiel Teresa von Avila, "Die Wohnung der inneren Burg", kann ich sehr empfehlen, wahnsinnig spannend. Leider wollte sie echt sieben Wohnungen durchziehen, und das ist für so einen Überblicksvortrag einfach too much. Darum kommt sie jetzt leider nicht ausführlicher. Aber es lohnt sehr, ihr da mal zu folgen, weil sie Räume beschreibt, Erfahrungsgestalten, die großartig sind. Es ist bis heute ein absoluter Klassiker christlicher Theologie. Ich nehme jetzt etwas weniger Komplexes,
aus dem man aber auch so die Logik ganz hübsch verstehen kann. Bernard von Clairvaux ist unser nächster Zeuge mystischer Erfahrung. Bernard von Clairvaux aus Frankreich lebt 1090 bis 1153, 12. Jahrhundert. Noch dominiert in Alteuropa der Benediktiner-Orden. Der ist jetzt aber richtig mächtig geworden, richtig reich, groß; Cluny, Fürst, Äbte und Bischöfe entfalten langsam richtig Pracht. Die Benediktiner sind jetzt zentral geworden für diese alteuropäische Macht- und Herrschaftsordnung. Und Bernard von Clairvaux gehört einer Reformbestrebung an, den Zisterziensern. Die sagen: Wir wollen wieder zurück auf Null, zurück an den Anfang, wir gehen raus aus den
Städten, wir gehen so richtig ins Nix. Das ist heute noch so, Zisterzienserklöster sind immer schlecht angebunden verkehrstechnisch, da muss man immer gucken: Was, da leben noch Menschen? Da muss ich ja durch Wölfe durch, um dahin zu kommen. Ja, ist so, fanden die gut. Das fanden die gut, wirklich raus ins Nichts, und dann einfach weiße Kirchen. Das waren so die ersten Reformierten, die gesagt haben: Das lenkt uns alles ab, dieser ganze Schnickschnack und dieser ganze Tand. Weiße Kirchen, schlicht. Warum? Weil Christus so schön ist, so überwältigend, da hängen wir uns doch nicht irgendwelchen Plunder an die Wände, der uns da irgendwie ablenkt. Der Herr und die Seele - in aller Klarheit und Reinheit ziehen wir es hier durch. Und diese Zisterzienser werden eine sehr, sehr erfolgreiche Bewegung, werden sehr einflussreich, sehr prägend. Es ist gleichzeitig die Zeit, wo die europäischen Menschen die Liebe entdecken. Sehr spannend, romantische Liebe,
Troubadore. Die hatten dann auch so die Idee, die schönste Liebe ist ja die, die nie verwirklicht wird. Also das Schönste ist eigentlich, eine Dame anzuschmachten und das so zu strecken. Denn wenn man dann irgendwann wirklich verheiratet ist, ja, da war auch schon der ein oder andere ernüchtert im Nachhinein. Man ist ja doof, es so weit kommen zu lassen. Also im Grunde, das Schönste ist die schmachtende Liebe. Da kannst du ewig glühen, da kannst du ewig im Feuer schwelgen. Und das ist damals wirklich so eine spannende Zeit. Troubadore, die Liebeslieder singen, immer allein sind - umso feuriger kann man lieben. Ist ja klar, man wird da nicht behindert durch Zahnpastatubengespräche oder so. Das ist alles schon eine gute Idee. - Das einfach mal als Hintergrund. Zisterzienser, Bernhard und Freunde von ihm, entwickeln eine solche erotische,
feurige, liebesinnige Gottesbeziehung zu Jesus Christus, zu Maria teilweise, zu Gott. Das ist für sie schlechthin entscheidend. Die Liebe wird zentral für das Glaubensleben. Das ist in der alten Kirche längst nicht immer so, so nebenbei. Das kriegt durch Augustus einen starken Schub, völlig klar. Irgendwas haben die auch von der Liebe gesagt, ist auch klar. Aber so dieses Alles-auf-die-Liebe-Setzen, das ist teilweise modern, es ist aber auch Bernhard, es ist schon Augustin. Aber es war nicht 2000 Jahre lang so üblich. So, und wir machen uns jetzt mal ein Wegmotiv mit Bernard klar. Er sagt: Das ganze Leben ist im Grunde eine einzige Challenge: in der Liebe wachsen. Er beginnt mit dem Satz: "Der Grund, weshalb wir Gott lieben sollen, ist ganz einfach Gott. Und das Maß ist die Maßlosigkeit." Das ist der Zielgedanke. Und um den Gedanken würdigen zu
können, gehen wir dem jetzt entlang. Der Grund, warum wir Gott lieben sollen, ist Gott. Und das Maß ist die Maßlosigkeit. Er fragt zunächst mal: Wo fangen wir an? Müssen wir Liebe lernen? Ist das völlig neu? Muss uns das eingepflanzt werden? Und er sagt: Nein, nein, wir werden als Liebende geboren. Menschen bringen immer schon Liebe mit. Aber die erste Liebe, die der Mensch hat, ist die Liebe zu sich selbst. Dazu muss man nie aufrufen, das muss man nicht gebieten, das ist immer schon da. Die ist der Natur eingepflanzt. Er beruft sich auf Paulus, Epheserbrief, wo es heißt: "Ihr Männer, liebt eure Frauen wie euch selbst." Und dann sagt er: "Denn wer hätte je sein eigenes Fleisch gehasst?" Behandelt einfach die Frau, als wäre sie
ihr. Das kriegt ihr dann schon hin, denn wer hätte je sein eigenes Fleisch gehasst? Das ist das Normale. Und insofern muss man gar nicht überlegen, wo die Liebe herkommt. Die ist immer schon da, wir sind immer schon Liebende. Aber dann geht's weiter. Dann sagt er: Na ja, die zweite Stufe ist ja dann im Leben bereits, dass man Menschen liebt, die einem guttun. Wenn nicht alles schiefläuft, ist das mit den Eltern so. Bei den Geschwistern muss man schon ein bisschen mehr Glück haben, so je nach Phase und so, aber mit den Eltern hoffentlich, und dann hier und da noch mal. Menschen, die einem guttun, die einem freundlich gesonnen sind, von denen man was hat, die liebt man dann auch, an denen hängt man dann. Das ist alles noch so im natürlichen Bereich. Und Bernhard sagt: Gott hat das ja alles so konstruiert und Gott nutzt das einfach. So cacht Gott die Menschen, dass er ihnen wohltut, dass sie sehen:
Vieles, was sie haben, ist mehr, als die Eltern geben können, sodass sie die Idee fassen: Gott ist der Geber alles Guten. So, und Bernhard sagt: Manchmal lässt Gott auch den Menschen die Kraft ausgehen. Gott führt Menschen an Grenzen, wo sie die Erfahrung machen, oh Gott, jetzt komme ich nicht weiter; meine Eltern werden alt, die sind schon auch lost, da muss ich mich schon kümmern, ja, was denn jetzt? So, und dann lässt Gott Menschen Hilfe erfahren, er lässt sie Hilfe finden, er befreit sie aus mancher Notlage. Und dann fangen Menschen auch an, Gott zu lieben, weil sie gute Erfahrungen mit Gott machen. Sie sehen, er gibt, er hilft, und dann lieben sie Gott um ihres eigenen Vorteils willen. Und da ist Gott auch völlig im Frieden mit, denn so hat er das alles eingerichtet.
Aber Menschen sind jetzt weiter; sie lernen, die Liebe, die immer schon da ist, zu weiten, zu öffnen, sie bezieht sich jetzt auf andere Menschen. So, die dritte Stufe - und im Grunde kann man sagen, der Großteil des Lebens findet statt zwischen Stufe 2 und Stufe 3 - heißt nun Menschen lieben lernen um ihretwillen, Gott lieben lernen um seinetwillen. Das ist die große dritte Stufe. Und an dieser Stufe anzukommen, heißt, den Herrn zu preisen, nicht weil er für mich gut ist, sondern weil er an sich gut ist. Gott lieben um Gottes willen und nicht um des eigenen Vorteils willen. Das ist die dritte Stufe, und das ist die innere Entgrenzung der Liebe,
die Liebe, die nicht mehr geschäftlich funktioniert. Es gilt nicht mehr: Ich gebe, weil du gibst; ich bekomme, darum gebe ich; ich habe gekriegt, darum zahl ich zurück. Auch das kann man Liebe nennen, ja, es ist so ein gegenseitiges Wohlwollen, Wohltun, Wertschätzen, aber unter der Bedingung der Gegenseitigkeit. So, und die höhere Erfahrung ist bedingungslos lieben, grenzenlos lieben, voraussetzungslos lieben. Und das ist der Weg, den wir im Neuen Testament bei Jesus vor Augen geführt bekommen. Man muss ja mehr oder weniger nüchtern sagen: Allzu viel hat er von seinen Jüngern nicht. Das ist ja schon auch eine Kette der Enttäuschung. Er redet sich den Mund fusselig, aber - es ist Wahnsinn - jedes Mal verstehen sie das nicht, kapieren das nicht. Da hat er ihnen irgendwie
was beigebracht, eine lange Rede gehalten, und dann kommt: "Übrigens, in deinem Reich zu deiner Rechten und Linken sitzen, fänden wir beiden schon geil, unsere Mutter auch." So, was willst du dann noch sagen? Da hast du Bergpredigt und alles schon hinter dir, und dann kommen die noch mal so. Und man könnte das jetzt alles durcherzählen. Ja, und man kann noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Also, unterm Strich hat Jesus manchmal erschreckend wenig von seinen Leutchen. Aber er bleibt dran. Und am Ende ist er - bis auf die Frauen - allein und verlassen. Und wie sagt das Johannes-Evangelium: "So, wie er die Seinen in der Welt geliebt hat, so liebte er sie bis ans Ende." Und das ist das unendlich Schöne, was man entdecken kann. Man kann sagen: Selbst schuld, hättest dir bessere Freunde suchen sollen. Oder man sagt: Das hat Größe, das ist was, weil das eine Liebe ist,
die nicht frustrabel ist, die nicht enttäuscht werden kann. Und so zu lieben, so auf Liebe zu setzen, bedingungslos, ohne Voraussetzung, ohne Gegenleistung, ohne Deal, ohne irgendwie etwas, das ist wahnsinnig beeindruckend. Und den Jüngern war das am Ende unsagbar kostbar, dass Jesus sie so geliebt hat. Und man kann es ein bisschen bei den Eltern erleben und man kann es ein bisschen in Freundschaft und Ehe erleben und man kann es absolut bei Gott erleben. Und es nicht nur zu erleben, sondern so zu sein, das ist die höchste Erkenntnis. Die höchste Erkenntnis: So möchte ich sein, so möchte ich lieben, so möchte ich leben. Jetzt könnte man denken, dann wäre man im schönen Dreierschema,
aber Bernhard sagt: Jetzt habe ich noch was ganz Witziges, ich habe noch die vierte Stufe. Was denn jetzt, die vierte Stufe? Wir waren ja jetzt eigentlich fertig, es war ja ein steiler Berg am Ende; was gibt es denn mehr als bedingungslos lieben, voraussetzungslos lieben? Bernhard sagt: Ich weiß eine Sache, die ein bisschen mehr ist, nämlich auch sich selbst nur um Gottes willen zu lieben. Jetzt möchte man sagen: Ist das nicht ein Rückschritt? Ist das jetzt nicht wieder ein bisschen weniger, dass man die Selbstliebe am Ende da wieder reinbringt? Und Bernhard sagt: Nein, es ist nicht weniger. Denn was passiert, wenn ich an dieser Stelle die Selbstliebe noch mal aufgreife? Also bis jetzt war es ja ein Weg von der Selbstliebe zur wechselseitigen Liebe zur unbedingten Liebe. Das macht ja einen gewissen logischen Sinn. Die höchste Stufe ist aber
tatsächlich, auch die Selbstliebe unter den Bedingungen unbedingter Liebe wiederzuentdecken, nämlich so, dass ich mich mitliebe, weil ich von Gott geliebt bin. Bernhard hat seelsorgerlich ganz schlicht die Erfahrung gemacht, dass sehr fromme, sehr heilige Menschen irgendwann so aus der Religion einen Trip machen. Einen Trip, wo sie einsteigen und wirklich sagen: "Dienen, helfen, für andere da sein, Glaube ist Leben für andere", aber dabei so diesen Trip-Charakter irgendwann haben, dass das etwas wird, was ihnen selbst und anderen im Extremfall nicht guttut. Es gibt von Bernhard eine schöne Schrift. Er hat mal einen Brief geschrieben an Papst Eugen. Er hatte das Gefühl, der Eugen ist Papst, jetzt wasche ich ihm mal den Kopf. Ja,
da hat so mancher früher auch seinen Kopf für verloren oder so, aber nicht der heilige Bernhard, denn Eugen war Schüler von Bernhard von Clairvaux. Da sieht man, welchen Einfluss inzwischen die Zisterzienser hatten. Und Bernhard sagte sich: Wer kann den Päpsten schon den Kopf waschen, außer ich? Also mache ich es halt. Und er schreibt ihm einen Brief und sagt: "Hier, lieber Eugen, ich komme gleich zur Sache: Ich mache mir Sorgen um dich. Ich habe Mitleid mit dir. Wobei ich nicht ganz sicher bin, ob ich Mitleid mit dir habe. Mitleid könnte man ja sagen, wenn du leiden würdest an deiner Situation, dann könnte ich mitleiden. Ich habe ein bisschen Angst, du leidest nicht mal. Das heißt, ich leide umso mehr." Warum? Er schreibt ihm: "Ich weiß nämlich aus Erfahrung, dass ein Glied, das nichts mehr empfindet, schon ziemlich weit weg ist vom Heilsein und dass ein Kranker, der gar
nichts mehr von seinem Kranksein fühlt, in Lebensgefahr schwebt." Das ist so seine Diagnose. Er hat viel von ihm gehört, viel mitbekommen und so. Er sieht: Papst Eugen dient den Menschen, er ist für alle da, hört zu, er kümmert sich. Papst - da hast du ja auch nie frei. Also als Papst hast du richtig Stress. Irgendwo ist ein Krieg, und alle gucken, was sagt der Papst? Unsereiner sagt auch was, schreibt es auf Facebook - aber wenn du es nicht machst, ist es auch egal, ehrlich gesagt. Wenn du Papst bist, gucken alle, und du kannst dir sicher sein, irgendeiner findet es immer Mist, was du dazu sagst. Als Papst hast du Stress, hast du heute, hast du früher. Und ja, Eugen hatte schon Stress. Den hatte im Mittelalter fast keiner, keine sozialen Netzwerke, keine Bahnen, die man verpassen konnte oder so, keine Anschlüsse in Gefahr, es war ja auch noch viel gechillt. Ja, aber als Papst konnte man schon vor 1000 Jahren
Stress haben, und Bernhard wittert das, der spürt das. Und er hätte ihm heute sagen können: "Eugen, ich sehe dich, du hast Stress." Und er schreibt ihm dann: "Wie willst du aber anderen dienen? Wie willst du anderen Mitmensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Wie willst du für andere aufmerksam sein, wenn du die Aufmerksamkeit für dich selbst nicht mehr besitzt? Wenn alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selbst? Du fühlst dich Weisen und Narren verpflichtet und verkennst dir allein gegenüber deine Verpflichtung. Alle schöpfen aus deinem Herzen wie aus einem öffentlichen Brunnen, und du stehst selbst durstig abseits. Bist
du nicht jedem fremd, wenn du dir selber fremd bist? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein?" Und das finde ich eine spannende Beobachtung. Er sagt ihm ja nicht: Eugen, du dienst anderen nicht genug. Eugen, du bist nachlässig. Eugen, du chillst zu viel oder so. Nein, er sagt, du machst zu viel. Du dienst zu viel, du hilfst zu viel, du redest zu viel, du hörst zu viel zu. Du gehst mit dir nicht gut um. - Das ist das, was ich so das Triphapfte genannt habe, was Religion kriegen kann, wo sie so einen Suchtcharakter kriegt, wo sie eine Masche wird, eine Nummer, so etwas, wo du grenzenlos im Grunde ein Job wirst, eine Pose, eine Haltung,
ein Image, ein Ideal, und dich darin verlierst und darin leer wirst und darin ein Schema wirst, eine Funktion, ein Amt, ein Muster. Und das kann super aussehen und das kann großartig wirken und du kannst dich immer trösten und damit selbst täuschen, dass du sagst: "Ja, aber ich bewirke ja viel, weil ich helfe." Aber die Wüste wächst nach innen. Die Leere nimmt zu. Darum sagt ihm Bernhard am Ende: "Weißt du, ich habe einen Rat für dich. Gönne dich dir selbst. Gönne dich dir selbst. Sei gut zu dir. Sei freundlich zu dir. Ich sage nicht, tu das immer. Ich sage nicht, tu das oft. Aber ich sage, tu es immer wieder. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da." Und
ich hoffe, ihr ahnt: Es ist schon eine gute Idee zu sagen, grenzenlose, bedingungslose Liebe ist nicht das Höchste, wenn man sich selbst dabei kaputt macht. Zu sehen, zu erkennen, ich bin auch Mensch, ich habe auch Grenzen, ich habe auch Bedürfnisse, und das nicht im Ego-Modus und nicht in der Selbstzentrierung, nicht im Kreisen um sich selbst, sondern so, dass man es tatsächlich schafft, in einer Welt zu leben, in der man für sich nicht der Mittelpunkt des Universums sein will - das ist Reife. Es ist Reife, in einer Welt zu leben, wo sich nicht alles um einen dreht - und das ist schwer, das ist schwer. Das kindliche Leben ist so, man ist erst mal der Mittelpunkt des eigenen Universums und muss erst mal dahin kommen, zu sagen: "Ich bin es ja gar nicht", und tatsächlich zu sagen: "Und was ist, wenn Gott die Mitte ist?" Aber diese Radikalisierung, Gott die Mitte sein zu lassen,
sodass man sich selbst auflöst, ist auch noch Teil einer egozentrischen, selbstischen Art und Weise, total ernst, total radikal völlige Hingabe leben zu wollen - es ist auch selbstisch. Und es ist angemessener, vollkommener, sich selbst auch einfach mal wahrzunehmen, nicht mehr als Zentrum des Universums, aber als ein Geschöpf, das aus Liebe geschaffen wurde, das in Liebe erhalten wird und das für die Liebe bestimmt ist als Gegenüber zu Gott und vielen anderen, und sich so mit wahrzunehmen, dezentriert, aber freundlich - da kann man lernen, da kann man sich auf den Weg machen. So, das ist ein Beispiel, was ich total schön finde. Ich bin nicht Papst Eugen, aber ich hatte manche
Stunde, wo ich mir dachte: Ich lese das mal für mich, das müsste mir irgendwer schreiben - nehmen wir Bernhard, der hat sich alles getraut, dem war das egal. Der war übrigens auch so ein Stresshuber, also vielleicht hat er sich sogar schon selbst geschrieben, das mag ja sein. Das als ein Beispiel für Wegerfahrungen, die für die mystische Tradition ganz wesentlich sind. Jetzt möchte ich ein drittes Thema ansprechen: Einheit mit Gott. Unio mystica. Das klingt wie der ganz heiße Scheiß. Unio mystica, wow! Schauen wir mal näher hin. Jetzt gibt es da unterschiedliche Formen, unterschiedliche Ansätze. Wir kommen jetzt mal nach Deutschland, warum nicht? Ich rede jetzt natürlich nicht mehr von deutscher Mystik, das ist verbrannt, das hat man mal gemacht, oh Gott, da haben schlimme Finger auch was mit
angestellt. Man spricht heutzutage von Rheinischer Mystik, das ist ein bisschen schöner. Rheinische Mystik, Leute wie Tauler, Seuse, Eckhart. Und wir fangen gleich mit Johannes Tauler an. Der lebt 1300 bis 1360 im Rheinland, überwiegend Straßburg, aber auch die Rheinschiene rauf, so zwischen Bodensee und Köln waren die unterwegs. Ich möchte euch mal einen kleinen Text von Tauler vorstellen, wo Tauler sagt: "Ich habe da mal so eine Stufenleiter entwickelt." Dann möchte man sagen, jetzt auch mit unserer Vorerfahrung: Nein, danke, wir denken noch über Bernhard nach, brauchen wir nicht. Aber Tauler sagt: Ja, egal, ich habe mir auch Mühe gegeben, und er sagt: "Es gibt drei Grade des Lebens. Der erste Zustand, den Menschen auf dem Weg mit Gott erlangen, nennt man Jubilatio." Das ist für Worthaus-Hörer nichts Neues.
Jubilatio, das ist so der erste Zustand. "Der zweite Grad, der zweite Weg ist geistige Armut und Entziehung Gottes. Der dritte ist Übergang in ein gottförmiges Leben, ist Einigung des geschaffenen Geistes mit dem Geist Gottes." Warum nicht? Schauen wir es uns näher an. Er sagt: "Der erste Grad, die erste Wegführung ist der Jubel, Jubilatio, den findet man, indem man eifrig betrachtet, wie Gott uns köstliche Liebeszeichen in den Wundern des Himmels und der Erde gegeben, wie er uns eine Fülle von Wohltaten und allen Geschöpfen erwiesen hat, und indem man erwägt, wie alles grünt und blüht und Gottes voll ist und wie Gottes unbegreifliche Milde alle
Geschöpfe mit seiner großen Gabe überschüttet hat." Und das ist doch auch mal eine schöne Idee, das Christentum einzuführen. Es haben sich auch andere christliche Wege entwickelt, dass man sagt: "Lektion 1: Ihr seid alle Schweine, ihr seid alles Verlorene, Abgefallene, Abschaum, hassenswert, verdammenswürdig, ihr seid in riesiger Gefahr. Zweitens ..." Man könnte es so machen, aber nein, Johannes macht es anders. Er sagt: Die Welt ist wunderschön und man kann hinter dem vielen Licht und Glanz und dem Leckeren und dem Süßen und dem Geschmackvollen und den Umarmungen und all den reizvollen Kostbarkeiten des Lebens entdecken, dass diese ganze Schöpfung Gottes voll ist, gotterfüllt. Und man kann dann in Jubel und Freude geraten, wenn man all das
in Liebe betrachtet und von innerer Freude überwältigt wird. Und er beschreibt: Das ist eigentlich der Einstieg ins Christentum, die große Freude über die Schönheit der Schöpfung. [Beifall] Das ist aber leider nur der Anfang. Jetzt könnte man sagen: Genau, Schluss, aus, Vorhang, Zeit ist abgelaufen. Aber ja: Nachspielzeit. Nein, es geht weiter. Und ja, jetzt geht es bei Tauler überraschend weiter. Wir schreiben das Jahr 1350, man denkt: Säkularisierung ist weit weg, die haben bestimmt den ganzen Tag gelacht, voller Glück; da gab es keinen Zweifel, keine Anfechtung, alle waren fromm, alle waren gläubig. Ja, da gab es auch die große Pest - egal. Nein, es war schon auch schwer - man möchte nicht tauschen. 1350, googelt ruhig mal. So, Tauler geht aber gleich auf eine geistliche Ebene und sagt: "Der zweite Grad, wenn Gott den Menschen so sehr an sich herangezogen
hat, wenn der Mensch kein Kind mehr ist und wenn Gott ihm mit Labung seiner Lieblichkeit gestärkt hat, dann wahrlich gibt man ihm hartes Roggenbrot, denn er ist ein Mann geworden." Ja, Roggenbrot, da sagen wir jetzt auch noch: Super, da kommen wir schon klar. - Es geht weiter: "Und nun zeigt sich dem Menschen ein gar wilder Weg, ganz finster und einsam, und diesen wird er geführt. Und auf diesem Weg nimmt ihm Gott alles wieder ab, was er ihm je gegeben hat. Und da wird der Mensch so sehr sich selbst überlassen, dass er von Gott nichts mehr weiß. Und er gerät in solche Drangsal, dass er nicht weiß, ob er je auf dem rechten Weg gewesen ist, ob es einen Gott für ihn gibt oder nicht, ob er lebt oder nicht. Und darum wird ihm so seltsam weh, dass ihm die ganze Welt zu eng wird.
Er hat weder irgendein Empfinden noch ein Wissen mehr von Gott. Alles ist ihm zuwider. Ihm ist, als hänge er zwischen zwei Wänden und ein Schwert bedrohe ihn von rückwärts und ein scharfer Speer von vorne. Könnte es in diesem Leben eine Hölle geben, so deuchte das solche Menschen mehr als Hölle. Was man den Menschen da sagen kann, tröstet ihn nicht mehr, als ein Stein ihn trösten könnte." Heutzutage ist es ja so, man liest es hier und da, Menschen dekonstruieren und sagen: "Bist du auch am Dekonstruieren?" "Ja, ich auch seit letztem Jahr." "Fing es mit Worthaus an?" "Nee, ich kam da ganz anders drauf." Also diese Idee, dass heute zum ersten Mal Menschen irgendwie sagen: "Man kann an seinem Glauben auch zweifeln - Mensch, sind wir weit gekommen!", das ist ein bisschen schlicht. Also das gibt es hier 1350 bei Tauler bereits,
so die Erfahrung, alles löst sich auf. Jede Glaubensgewissheit, jede Überzeugung, jedes Gefühl, alles, was man je hatte. Gott wird fremd. Gott ist wie weg, als gäbe es keinen Gott. Der Himmel wird leer. Jetzt ist man natürlich gespannt: Was sagt der Tauler denn jetzt? Was sagst du einem Menschen, der so, jetzt müsste man sagen, dekonstruiert wurde? So beschreibt er es ja. Ja, jetzt kommen leider nur vier kurze Sätze. Was kann man dem sagen? Tauler sagt: "Ei nun" - das ist ein ganz guter Anfang, finde ich ;) - "ei nun, fasse Mut, der Herr ist sicherlich nahebei. Halte dich an den Stamm des wahren, lebendigen Glaubens, es wird bald gut werden." Jetzt mag
man sagen: Jetzt bin ich enttäuscht, nach dem Anfang hätte ich jetzt ein bisschen mehr erwartet. Tauler merkt es selbst, er macht die paar Sätzchen so, und dann fügt er sogleich an: "Aber in solcher Qual vermag die arme Seele nicht zu fassen, dass diese unleidliche Finsternis je Licht werden könnte." Also im Grunde ist es egal. Da kannst du sagen: "Ei nun, fasse Mut, halte durch" - es ist, wie es ist, es ist Mist. Und jetzt wüsste man gern, wie kommt man da raus? Ah, ich muss euch furchtbar enttäuschen, jetzt kommt keine Methode. Wäre Tauler ein Amerikaner, würde er sagen: "Und jetzt sieben Schritte, wie du rekonstruierst, und how to make your God more powerful than ever before ..." Das kommt nicht. Rheinische Mystik. Das wird jetzt alles nicht kommen. Nein, nein. Sondern: Ja, Gott hat das so gefügt. Gott hat geschenkt. "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's
genommen", das steckt da ganz tief drin. Und dann die Aussicht: Wenn du schon nichts mehr erwartest und nichts mehr denkst und nichts mehr hoffst, "kommt der Herr und hebt ihn auf die dritte Stufe. Und hier zieht der Herr ihm so recht den Mantel von den Augen weg und lässt ihn die Wahrheit schauen. Da geht die Sonne in lichtem Glanz auf und enthebt ihn aller Not. Der Mensch fühlt sich wie einer, der vom Tod zum Leben zurückkehrt. Da führt der Herr den Menschen aus seinem Selbst heraus in sich, den Herrn, hinein und entschädigt ihn für all sein Elend. Alle seine Wunden heilen. Und so zieht Gott den Menschen aus seiner menschlichen in eine göttliche Art hinein." Wo war noch mal der Part, was man dafür tun kann? Der kommt nicht vor, der kommt nicht vor. Das ist
bei Tauler das Ding: Es ist kein Klimmzug, es ist kein Sport, es ist keine Methode, du kannst es nicht machen. Was er hier beschreibt - das ganze Buch Hiob beschreibt das ganz groß, viele Psalmen funktionieren so. Psalm 22. In vielen Psalmen ist es beschrieben, Tauler beschreibt es. Und vielleicht ist das ja aber auch ein Segen und eine Gnade, dass Tauler hier jetzt nicht sieben Schritte beschreibt, an dem du an jedem einzelnen scheitern kannst. Das erspart er uns. Keine Tipps, keine Tricks, nicht dies und das, wo du lernst, dass du selbst schuld bist, weil du zu doof bist, die Methode richtig anzuwenden - er überlässt es Gott. Und das sollte man bei der Mystik sehen, und das geht quer durch die ganze Tradition. Es ist kein Happy-clappy-
Christentum, wie du glücklich und erfüllt und innerlich reich und selig in deinem Gott wirst und was du da alles tun kannst und welche Methode da greift. Es ist eine Landkarte, es ist eine Wegbeschreibung, es ist keine Gebrauchsanweisung. Die Landkarte zeigt dir nicht, was du tun kannst, weil du nichts dafür tun kannst, Gottes Liebe zu erlangen. Was die Landkarte stiften kann, ist der Trost, dass auch Abgründe und Finsternis nicht Zeichen sind, dass du für immer den Weg verloren hast, sondern all das gehört zu Gottes Wegen. - Ich möchte zum Thema Einigung, Einheit mit Gott nun einen letzten Vertreter bringen. Ich hatte ihn schon angekündigt im Teaser, Meister Eckhart. Meister Eckhart, ungefähr dieselbe Zeit, bisschen davor, Lehrer des Tauler. Er schreibt viel von Einheit
und Gotteserfahrung. Eckhart hat da aber wirklich einen spannenden Kniff. Es gibt eine Stelle, wo Eckhart sagt: "Es gibt so Erfahrungen, dass Menschen vor Innigkeit und Andacht jubilieren und die Liebe Gottes tief und feste spüren." So, wir kennen das jetzt von Tauler und denken, das ist die Mystik. Aber Eckhart sagt zu solchen Erfahrungen: Na ja, das Beste ist das nicht, das so zu erleben. Das wird völlig überschätzt. Es ist eigentlich gar nicht so wichtig. Er sagt: "Es stammt mitunter gar nicht von der Liebe her, bisweilen kommt es aus der Natur, dass man solches Wohlgefühl und süßes Empfinden hat. Oder es mag des Himmels Einfluss sein oder es ist durch die Sinne eingetragen. Die, die dergleichen öfter erfahren, sind nicht allewegs die Allerbesten."
Das möge gelten, wem es gilt ... Nein, Eckhart sagt: Also das gibt es ja alles. Und es gibt so Menschen, denen Gott auch so ein bisschen die Süßigkeiten in den Mund werfen muss, so als Lockvogel, als Mittel. Aber eigentlich geht es gar nicht darum. Und Eckhart beschreibt es dann so weiter: "Wenn diese selben Menschen hernach an Liebe zunehmen, so mögen sie leicht nicht mehr so viele Gefühle und Empfindungen haben. Man soll nämlich von solchem Jubilieren bisweilen ablassen um eines Besseren aus Liebe willen." Eckhart beschreibt es als Gefahr des geistlichen Weges, sich überhaupt so stark zu fixieren auf solche Gipfel-Erfahrungen, auf solche Einheitserlebnisse.
Im strengen Sinne geht es gar nicht darum. Er hat überhaupt nichts dagegen. Er kennt das. Kommt vor, jeder, der irgendwie ins Kloster geht und da nicht versauert, wird irgendwann so Erfahrungen haben. Es sind aber dann auch so ein bisschen die Schwierigsten, die zu viel davon schwärmen. Das ist irgendwie gar nicht der Weg. Eckhart erkennt gerade in der übersteigerten, selbstzentrierten Mystik eine echte Gefahr. Darum sagt er dann weiter: "Wenn ein Mensch so in Verzückung gerät, wie es St. Paulus war ..." - Hier geht es um den zweiten Korintherbrief, wo es heißt, Paulus wurde entrückt in den dritten Himmel und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. "Wäre ein Mensch so in Verzückung wie St. Paulus, und dann fällt ihm ein ein kranker Mensch, der eines Süppleins von ihm bedürfte -
ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe." Das ist für Eckhart wahre Mystik. Er hat nichts gegen Meditieren, gegen Betrachten, gegen geistliche Übung, gegen Beten, gegen Bibel, gegen Gottesdienst, gegen Abendmahl. Er macht das ja. Er ist Mönch, er ist Theologe, er hält Vorlesungen, er macht das alles. Aber der Punkt bei ihm ist: Gott ist nicht hier und nicht da. Auch nicht im Gefühl, auch nicht im Erlebnis, auch nicht im Gedanken. Er ist in allem. Er ist in allem und er ist auch in dir. Und es geht nicht darum, sich da erst mal überhaupt reinzukämpfen, und um irgendeinen geistlichen Weg, wo du Gott so richtig schmecken und fühlen lernst.
Eckhart kann das so beschreiben: "Gott ist sehr beflissen, allzeit bei dem Menschen zu sein, und belehrt ihn, auf dass er ihn zu sich bringe. Nie hat ein Mensch nach irgendetwas so sehr begehrt, wie Gott danach begehrt, den Menschen dahin zu bringen, dass er ihn erkenne." An der Stelle ist es, glaube ich, gut, noch mal Maß zu nehmen an sich selbst. "Noch nie hat ein Mensch je so sehr nach irgendetwas begehrt, wie es Gott danach begehrt, den Menschen zu sich zu bringen. Gott ist uns nah, aber wir sind ihm fern. Gott ist drinnen, aber wir sind draußen. Gott ist in uns daheim, wir aber sind in der Fremde." Wo finde ich dann Gott? Na, hier, jetzt, in dem, was anliegt. In dem, was jetzt und hier mir gegeben ist.
Und das heißt, die Idee, jetzt irgendwie geistlich und im Lobpreis und im Gefühl und in der Meditation sein zu wollen, "jetzt muss ich da irgendwie ...", und die Menschen stören und sie lenken mich ab und sie nerven mich, ich muss mich öffnen und für Gott und so weiter - das ist für Eckhart irgendwie ein Zeichen dafür, dass man noch nicht so ganz verstanden hat, worum es geht. Du bist Gott nirgendwo näher als im Hier und Jetzt. Und wenn dein Hier und Jetzt der kranke Nachbar ist, der heute Mittag noch kein Süppchen gekriegt hat, dann wirst du Gott nirgendwo inniger finden als da. Und dann solltest du aber nicht hingehen und ihm das Süppchen geben und dann Puls fühlen, ob du Gott mehr fühlst. Alles falsch. Darin findest du Gott. Darin ist er gegenwärtig.
Ich möchte noch mal kontrastieren mit einem Buch, was ich jetzt zuletzt gelesen habe. Vielleicht hat der eine oder andere davon gehört. Emmanuel Carrère, französischer Schriftsteller, hat ein Buch über Yoga geschrieben. Ich könnte jetzt viel über das Buch erzählen. Ich möchte nur mal eine kleine Anekdote aus diesem Buch herausfischen. Es ist so als Buch geplant gewesen, das positiv über Yoga sein sollte. Carrère hat da über 30 Jahre Erfahrung, hat da viel gemacht. Er beginnt mit Schweigeexerzitien, es wird auf den ersten 100 Seiten erklärt, was Yoga ist, was da wichtig ist. Er findet es auch wirklich gut. Er glaubt, es hilft ihm, es trägt ihn, es ist wichtig für ihn und die Menschheit. Und dann kommt das Leben und bricht ein. Und es kommt zu Tod und es kommt zu Trennung und das Leben gerät aus dem Gleis, und die ganze Stille und Andacht verflüchtigt sich. Und Carrère beschreibt dann so eine Erinnerung, wo er sagt: "Das ist schon gut, das Geistliche, das Yoga, das Religiöse, die Achtsamkeit, die Meditation, wirklich.
Aber es gibt auch einen falschen Weg, das zu überschätzen." Und er beschreibt eine biografische Erinnerung. Er hat mal 2004 Urlaub gemacht in Thailand. 2004, Thailand. Und er hatte da ein Hotel, das war so ein bisschen auf erhöhtem Standort. Er war da und neben sich war so eine Schweigegruppe, Schweigeexerzitien, die schlichen den ganzen Tag da so hin und her. Und das war dann schon so, acht Stunden am Tag in Meditation, immer so eine Stunde, dann eine Stunde Spaziergang, eine Stunde bisschen Gemüse, wieder eine Stunde sitzen, Spaziergang. Und Carrère findet das auch total wichtig und findet das gut, dass sie es machen. Im Buch macht er so was selbst und so, das findet er schon schön. Ja, es ist Thailand 2004, Tsunami. Der Tsunami schlägt zu, auch direkt an der Stelle. Und er beschreibt, die Hölle auf Erden brach los.
Sie waren erhöht auf einem Hügel. Das Wasser kam nicht bis zu ihm. Aber unterhalb ihres Hotels waren ganz viele Hotels, Anlagen, Wohnviertel überflutet, viele Tote. Und er sagt, es war natürlich für alle, für alle der absolute Ausnahmezustand. Und die Menschen unten, die überlebt hatten, wurden dann auf die erhöhten Hotels verteilt. Er sagt, bei ihm ist eine Familie einquartiert worden. Und er sagt, es war in allen Räumen so. Alle sind zusammengerückt. Alle haben die Betten geteilt, haben gesucht. Die Familie hatte die vierjährige Tochter verloren. Sie sind Tag und Nacht mit der Familie suchen gegangen, haben finanziell geholfen, Versicherung, Reise organisiert. Und er meint, es war das Schrecklichste, was man überhaupt erleben konnte. Es war aber auch ein Moment von Hoffnung darin, zu welcher Menschlichkeit und Solidarität Menschen fähig sind. Er sagte: Kein Angestellter im Hotel hatte mehr Arbeitszeiten. Keiner hatte mehr Freizeitbedürfnisse und Erholungswünsche.
Alle haben geholfen, getröstet, mit geweint und mit gesucht - bis auf die Schweigegruppe. Die haben einfach weitergemacht. Die haben jeden Tag acht Stunden sitzen, spazieren gehen, Gemüse weitergemacht, weil: Es war Karma. Für ihn selbst war das schon auch ein Schock, denn eigentlich stand er darauf. Und er sagte sich: Aber das ist dann, wenn die Schweigefrömmigkeit Schweigemonster erzeugt? Wenn die da sitzen und darum ringen, die Gabe der Barmherzigkeit zu empfangen, und wenn sie wachsen wollen im Mitgefühl und die Einzigen sind, die in der absoluten Hölle völlig gefühllos ihren Religionstrip gehen, dann ist das halt das Gegenteil von Frömmigkeit, Religion. An der Stelle kann man, glaube ich, auch völlig außer Acht lassen, welche Religionsgemeinschaft das gewesen sein könnte.
Carrère war auch schon vieles in seiner Biografie. Ich fürchte, in jeder Religion gibt es so Schweigemonster, die nicht rauskommen aus ihrem Trip und die das hinkriegen, dass alles egal ist außer ihrer Seele und außer ihrer Erbauung. Und darum: Mystik, die so wird, ist ein Alptraum. Mystik, die ein Egotrip wird, die zur Selbstbeschäftigung gerinnt, ist das Gegenteil von dem, worum es geht. Ich finde es eines der wichtigsten Sätze bei Eckhart: Wenn du in Verzückung bist wie St. Paulus, und neben dir, der braucht nur ein Süppchen, könntest du ja sagen: Wie lange wird die Verzückung dauern? Da wird er nicht verhungert sein. Wenn du sagen würdest, der ist gefallen, das Bein ist gebrochen, der muss in die Klinik, da würde so mancher springen ...
Es ist ja geringfügig. Aber das würde ich dann eben wahre Mystik nennen, zu sagen: Du bist Gott nirgendwo näher als im Hier und Jetzt. - Welche Bedeutung kann Mystik für heute haben? Ich schließe mit drei Sätzen, die an diese drei Linien anschließen. Erstens, die Mystik ist nicht die Lösung. Es geht jetzt nicht darum, Mystik die Theologie ersetzen zu lassen, die Frömmigkeit, die Diakonie. Mystik ist ein Strang, eine Dimension. Reine Mystik ist ein Käse, aber Glaube ohne Mystik ist halt untergewürzt. Da fehlt was, da fehlt eine Dimension. Was ist das, was Mystik ausmacht? Erstens, epistemische Demut. Das Wissen, dass Gott alle meine Gottesbilder übersteigt, halte ich für einen Zentralsatz heutiger Frömmigkeit, heutiger Theologie. Ohne diese Einsicht wird man, glaube ich, ein schwieriger Geselle und wird vielen Menschen mehr Probleme bereiten als wirklich hilfreich sein.
Die schönsten Einsichten, die wichtigsten Erkenntnisse, die tollste Theologie, das geilste Worthaus-Denken, was man sich so zusammengebraut hat, wird schal, wenn man am Ende des Tages das Ganze nicht noch mal ganz drastisch abhebt von Gott selbst. Epistemische Demut, negative Theologie kann man mitnehmen. Zweitens, existenzielle Orientierung. Der schlichte Kompass: In der Liebe wachsen, wohin auch immer das im nächsten Schritt sein wird. Dieses In-der-Liebe-Wachsen hinaus aus einer egozentrischen, selbstbezüglichen Haltung, die Kreise größer ziehen. Offener, mitfühlender, anteilnehmender, empathischer,
und das in einer Weise, die nicht fanatisch wird bis dahin, dass sie in falscher Weise selbstlos wird. Es gibt eine gute Selbstlosigkeit, die Selbstfürsorge nicht vergisst. Es gibt eine falsche Selbstung, die sich selbst so sehr vernachlässigt, dass das auch für andere Menschen auf Dauer nicht heilsam wird. Dritter Punkt: evangelische Integration. An vielen Stellen lebt die Mystik von der großen Erfahrung der Gnade, der Barmherzigkeit, der bedingungslosen Liebe Gottes als Vorzeichen. Und die mystischen Wegschemata haben es nicht immer, aber vielfach geschafft, dieses Vorzeichen nicht zu gebrauchen wie einen Zuckerguss, den man über alles kleistert, dass man sich Glaube nur als Happy-clappy-Sonnenschein-Wohlfühloase-Wellnes-Religion vorstellen kann.
Dieses Vorzeichen ist so stark, dass jeder Zweifel und jeder Frust, jede Enttäuschung und jede Hölle, jeder Abgrund und jedes Scheitern genauso im Leben vorkommen darf wie jedes Glück und alles Schöne, jede Beziehung und jeder Kuss, jeder Trost und jede Gemeinschaft auf Zeit oder Leben. Dieses Bewusstsein, dass es dieses Vorzeichen braucht, um das ganze Leben integrieren zu können, ohne abzuspalten, ohne zu verdrängen, ist die dritte Lehre der Mystik.
Die Wiederkehr der Mystik | 12.9.2
Wir sind doch alle ganz vernünftige Menschen, nicht wahr? Auch die unter uns, die an Übersinnliches glauben, an Gott und die Auferstehung nach dem Tod. Wir betreiben Theologie als Wissenschaft, studieren die Bibel, beten unser Gebet vor dem Essen und dem Schlafengehen. Religion als Ritual. Glaube mit Verstand. Wer kennt schon die sinnliche Erfahrung des Übersinnlichen? Wer hat jemals das Mystische in der völligen Hingabe an Gott erlebt? Seine Nähe erfahren? Und wer sehnt sich nicht manchmal danach, ganz insgeheim wenigstens? Thorsten Dietz hat seine Leidenschaft für die Mystik vor Jahrzehnten entdeckt, sie wurde Teil seiner Frömmigkeit. In diesem Vortrag erzählt er, ganz vernünftig und doch voller Hingabe, von der Mystik im Glauben, von drei Mystikern der Kirchengeschichte, davon, was Mystik und Intellekt miteinander zu tun haben. Und was wir heute, in unserer vernunftgeplagten Gesellschaft, von Mystik und Sinnlichkeit lernen können.