Zu meiner Person: Vielleicht merken Sie es auch an meiner Sprache, ich komme aus Bayern, bin aufgewachsen in einem Dorf, in einem kleinen Ort in Niederbayern, das wird schon sehr speziell, in der Nähe von Altötting, und bin also sehr katholisch erzogen worden, sehr katholisch erzogen worden mit allem, was dazugehört, mit Messdienern, Ministrant und allem möglichen. Und mir ging es so, wie vielen Jugendlichen es heute geht, die nach der Firmung oder Konfirmation plötzlich merken, dass da wenig übrig bleibt, wenn man so einen kritischen Verstand dann entwickelt. Und dann war die Frage, lege ich das ab, lasse ich es alle hinter mir, weil es mich einfach nicht tief genug berührt?
Oder fange ich wieder von Neuem an? Ich habe mich damals entschlossen, neu anzufangen und das Ganze, was mit dem Christentum verbunden ist und mit Religion verbunden ist, für mich nochmal neu zu entdecken. Ich habe dann auch studiert. Ich bin kein Theologe, muss ich dazu sagen, aber ich habe ein bisschen Theologie studiert. Hängen geblieben ist bei mir der Ausspruch eines Theologen, einer meiner liebsten Lehrer, der immer gesagt hat, Theologie ist die Übersetzung des Unbegreiflichen in das Unverständliche. Das ist natürlich gemein und stimmt nicht. Ich schätze Theologen sehr, bestimmte Theologen sehr. Und dann habe ich später, als ich die Möglichkeit hatte, Bücher zu schreiben, Biografien zu schreiben, eben auch
über religiöse Gestalten geschrieben, auch aus dem Christentum. Ich habe, Sie wissen, über Paulus geschrieben, ich habe ein Jesusbuch geschrieben, ich habe über Teresa von Avila geschrieben, ich habe auch über Franz von Assisi geschrieben, über die Teresa von Avila, um mich dem Ganzen zu nähern und für mich das nochmal neu zu entdecken. Auch das Buch über Paulus war für mich so die Möglichkeit - oder der Vorsatz war jedenfalls so: Nochmal das ABC des Christentums, also ganz von Anfang an, wie ist das eigentlich entstanden? Wo ist der Unterschied zwischen anderen Religionen, die damals geherrscht haben? Auch die Lebenswelt des Paulus -, nochmal ganz von vorne anzufangen, das andere auszublenden und für mich nochmal neu anzufangen. Ja, und da habe ich gemerkt, wie umstritten dieser Mensch ist, Paulus. Nietzsche hat ja gesagt, Paulus hat Jesus verraten. Er nennt ihn ein Genie des Hasses oder sogar einen Betrüger, einen frechen Windmacher. Oder Ben Chorin, jüdischer Theologe, nennt ihn den größten Umstürzler aller Zeiten. Albert Schweitzer,
der ja nicht nur ein Jesusbuch geschrieben hat, sondern auch ein ganz großes Paulusbuch, nennt ihn den Schutzheiligen des Denkens im Christentum. George Bernard Shaw wiederum sagt, ein verbohrter Rationalist, und der französische Theologe Daniel Marguerat sagt, es ist das "enfant terrible" des Christentums, troublemaker number one, weil überall, wo er hinkommt, hat er nur für Streit und für Unruhe gesorgt. Aber in einem Ding ist man sich einig: Dass ein Ereignis im Leben des Paulus zentral war, und von diesem Ereignis aus man seine ganzen Schriften und sein ganzes Leben sehen und interpretieren muss. Und das ist das Ereignis, das sich vor Damaskus abgespielt hat, als er mit anderen zusammen nach Damaskus gereist ist, um dort diese Anhänger des Nazaräers aufzufinden und zu bestrafen, und plötzlich etwas vorfiel. Was genau das war, weiß man nicht
mehr. Natürlich gab es Zeugen, die das später dann berichtet haben. Und Leute wie dieser Lukas, der dann später die Apostelgesichte geschrieben hat, so um 80 nach Christus, die haben natürlich auch aufgezeichnet und haben das erzählt. In der Apostelgeschichte kommen drei Versionen vor. Immer so, dass er eine Stimme hört: "Warum verfolgst du mich?" und er ein Licht um sich hat. Aber wie das wirklich innen drin bei ihm war und was da vorgefallen ist, entzieht sich uns. Aber gleichzeitig muss Paulus das zur Sprache bringen später in Worten, anders geht es nicht, und in Taten. Durch seine Persönlichkeit und durch die Worte, die er später gewählt hat, wollte er ausdrücken, was in ihm geschehen war. Darum ist es immer sehr wichtig, auch die Texte des Paulus immer dahin zu lesen, nicht oberflächlich, sondern den Geist dahinter zu spüren. Das ist sehr wichtig, weil jeder
Buchstabe bei ihm, so hat es ein Theologe gesagt, Eugen Biser, den Sie vielleicht kennen, dass jeder Buchstabe gesättigt ist, imprägniert mit diesem Vorfall von Damaskus. Und wir haben sehr oft so, dass wir Erlebnisse haben oder innere Gefühle haben, die wir ausdrücken können. Und wir haben nur diese Worte. Mehr gibt es nicht. Ein Philosoph wie Wittgenstein hat gesagt, worüber man nicht reden kann, soll man schweigen. Aber das geht nicht. Wir müssen darüber reden. Aber wir müssen immer bedenken, dass hinter diesen Worten immer noch etwas anderes ist. Und es gab auch Leute, die immer den Geist dahinter auch entdeckt haben. Denken Sie an Martin Luther in seinem Turm, der diese Stelle über die Gerechtigkeit in dem Römerbrief schon x Mal gelesen hat, wahrscheinlich hundertemal. Und plötzlich geht ihm der Geist dahinter auf, und es öffnen sich die Pforten des Paradieses. Oder vor ihm schon Augustinus, der in einem kleinen Garten war und
plötzlich eine Kinderstimme hört, die ihn auffordert: "Lies!" Und dann schlägt er die Bibel auf und liest auch im Römerbrief des Paulus, in diesen Worten. Und plötzlich ändert sich für ihn etwas: Aus dem Lebemann Augustinus wird der große Kirchenvater. Oder ein Dietrich Bonhoeffer, ein Überflieger, der zerfressen war von Ehrgeiz, wie er selber sagt, und dann plötzlich entdeckt, dass man auch die Bibel anders lesen kann, nämlich wie einen Liebesbrief. Und dann sagt er, jetzt hat er endlich den Weg gefunden, wohin er eigentlich möchte. Alle diese Beispiele zeigen, man muss diese Texte immer so lesen, diese Worte so lesen, um das zu erfassen, was eigentlich dahinter steht und was Paulus Geist nennt. Denn er warnt ja selber davor, indem er sagt, der Buchstabe tötet, im Korintherbrief sagt er das, der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. So als ob er vor sich selber warnen würde und vor seinen Schriften und vor seinen Briefen. Wie
gesagt, wir haben nicht viele Dokumente, aus denen wir sehen können, wie Paulus war und was er gemacht hat. Wir haben diese Apostelgeschichte, die ungefähr 80 nach Christus geschrieben worden ist, von einem gewissen Lukas, den man auch für den Evangelisten hält. Und man hat die Briefe von Paulus. Viele Briefe, bei denen man unterscheidet zwischen den echten Briefen von ihm und Briefen, die wahrscheinlich später unter seinem Namen geschrieben worden sind. Also wir haben es mit beiden zu tun. Saulus - Paulus. Es ist heute noch geläufig, dass man diese Unterscheidung anwendet bei Leuten, die einen Lebenswechsel oder eine Wandlung durchmachen. Der Egoist wird plötzlich ein Menschenfreund. Aber bei Paulus war es durchgreifend, radikal. Er sagt selber, das, was er früher war, war Mist, eine Missgeburt. Und jetzt ist er ein neuer Mensch, ein völlig neuer Mensch. Und das ist zurückzuführen wiederum auf das Licht vor Damaskus. Was hat da ihn bewegt? Was hat er da
wahrgenommen? Er ist also beides. Er ist Mystiker, und gleichzeitig ist er ein Praktiker. Einer, der unglaublich viele Reisen gemacht hat. Einer, der viele Leute getroffen hat. Ein Netzwerker, würde man heute sagen. Und ich habe mich immer gefragt, woher nimmt der Mensch diese Kraft? Und Kraft ist etwas, worüber er immer wieder redet und was immer wieder vorkommt: Die Kraft, die ich in mir spüre, in meiner Schwäche, immer die Schwäche, aus der dann die Kraft entsteht oder trotz der Schwäche die Kraft entsteht. Und einig ist man natürlich auch, dass er die Kraft gebraucht hat. Jesus war in einem sehr überschaubaren Bereich. Jesus war mehr ein Landei, Nazareth und Umgebung, hat sich sehr selten in Jerusalem aufgehalten. Aber Paulus war ein Weltreisender in der damals bekannten Welt. Und sicher ist es auch so, dass ohne Paulus das Christentum nicht über Jerusalem
oder über das Heilige Land hinaus gelangt wäre. Ganz sicher nicht. Ohne Paulus hätten wir wahrscheinlich das Christentum, das wir heute haben, nicht. Und die Frage bleibt immer, führt Paulus das weiter, was Jesus, der ja nie ein Buch geschrieben hat oder nie etwas geschrieben hat, führt er das weiter? Oder muss man unterscheiden? So wie Nietzsche sagte, er hat es eigentlich verfälscht. Aber wie gesagt, er hat dem Christentum, er hat dieser neuen Religion, man hat sie damals genannt "der neue Weg" oder "die Anhänger des Nazaräers", hat er eine Sprache gegeben. Und zwar war die bedingt durch seine Herkunft. Ich habe schon gesagt, Paulus war eigentlich ein Kosmopolit, und das hängt damit zusammen, wo er aufgewachsen ist. In der Apostelgeschichte schreibt er auch, er kommt aus Tarsus, einer nicht ganz unbedeutenden Stadt. Und das war Tarsus nun wirklich nicht. Bitte stellen Sie sich jetzt vor Ihrem geistigen Augen mal eine Landkarte vor. Sie
haben links den Stiefel von Italien, dann kommt Griechenland, unten der Peloponnes, dann der Übergang hin zu Asien, wo heute die Türkei ist. Und diese Uferlinie, die biegt dann ab in einem 90-Grad-Winkel runter, wo heute der Libanon ist, Palästina, das Heilige Land. Und oben, wo sich dieser Winkel einstellt, auf der linken Seite, das gehört heute auch noch zur Türkei, da war Tarsus, auf der linken Seite. Und das war wirklich keine unbedeutende Stadt, es war eine Großstadt, und deswegen auch, weil sie einen wichtigen Hafen hatte und weil da eine wichtige Handelsstraße durchging, nämlich hin auf das Taurus-Gebirge, rüber durch die kilikische Pforte, das war so ein enger Durchgang, der auch bewacht worden ist von den Römern. Da sind die Karawanenstraßen hochgezogen,
und darum war Tarsus eine, heute würde man sagen, eine Multikulti-Stadt. Alles, Phönizier, Syrier, Ägypter, Juden, Römer, Griechen, alles war da vertreten. Und natürlich auch die mannigfaltigsten Mysterien, Religionen, Isis, Osiris und wie sie alle geheißen haben. In diesem Umfeld ist der Paulus aufgewachsen. Man schätzt, dass er ungefähr so acht bis zehn Jahre jünger war als Jesus. Und man kann ganz fest davon ausgehen, dass er Jesus nie gekannt hat. Er sagt das selber, er hat ihn nie vom Fleisch gekannt, so ist die Terminologie bei ihm. Und er ist erst viel später dann nach Jerusalem auch gekommen. Paulus ist dort aufgewachsen in dieser Vielvölkerstadt mit seinen vielen Einflüssen. Es gibt auch einen berühmten Philosophen, der damals von Tarsus weggegangen ist, weil er die Sittenlosigkeit der Menschen dort nicht vertragen hat. Also
kann man sagen, es wirft auch ein Licht auf die Zustände dort, was ganz normal war. Was heute für uns als obszön gilt, war damals auch ganz normal. Homosexualität war eine ganz normale Angelegenheit. Paulus ist wahrscheinlich in seiner jüdischen Gemeinde etwas beschützt aufgewachsen. Aber erwähnen muss man auch, dass er das römische Bürgerrecht hatte. Etwas ganz, ganz Ungewöhnliches. Wie kommt er dazu? Für mich ist die naheliegendste Erklärung, dass er durch den Beruf seines Vaters dazu kam. Denn sein Vater war wahrscheinlich Zeltmacher oder ganz sicher Zeltmacher. Und sein Sohn ist auch in diesem Beruf ausgebildet worden, so wie alle, die später eine Ausbildung gemacht haben, immer noch ein Handwerk dazu haben mussten. Und das hat sich später auch bewährt, denn Paulus musste irgendwie seinen Lebensunterhalt verdienen. Und das hat er durch die Zeltmacherei beworben. Und die Zeltmacherei war etwas, was damals sehr begehrt war. Viele Menschen haben in Zelten gelebt, und vor allen Dingen die Legionäre haben Zelte gebraucht. Und ich vermute,
dass der Vater deswegen auch das römische Bürgerrecht erhalten hat, durch diese Zeltmacherei. Das römische Bürgerrecht ist deswegen sehr wichtig, weil man dadurch das Wahlrecht bekommt und, was für Paulus ganz wichtig war bei seinen Reisen, dass es einen schützt vor willkürlichen Strafen. Man darf nicht einfach ins Gefängnis geworfen werden. Man darf nicht einfach verpügelt werden, wie es damals gang und gäbe war, sondern man konnte sein Bürgerrecht herzeigen, und man hatte dann Anrecht auf ein normales Verfahren. Und wenn es ganz schlimm kommt, durfte man sogar den Kaiser anrufen. Das werden wir noch zeigen, dass Paulus dann in die Verlegenheit kam, das auch tun zu müssen. Irgendwann nach seiner Bar Mitzvah, also das, was heute die Konfirmation oder die Firmung ist, die Volljährlichkeit, ist Paulus anscheinend nach Jerusalem geschickt worden. Warum? Die Vermutung liegt nahe, dass er eben ein sehr kluges Kind war. Man wollte, die Familie sicher wollte,
dass er eine weitere Ausbildung macht, und eine weitere Ausbildung für einen jüdischen Jungen, die konnte man nur in Jerusalem bekommen. Also ist er nach Jerusalem. In der Bibel wird auch erwähnt, dass er eine Schwester hatte. Vielleicht ist er mit dieser Schwester nach Jerusalem, entweder mit Schiff oder zu Fuß, kam an in Caesarea, wo die Römer ihren Hauptstützpunkt hatten, wo die großen Galeerenschiffe waren, wo die Legionäre an Bord gingen. Man hat damals den Stützpunkt der Armee dorthin an die Küste verlegt, weil man eben nicht unnötige Provokationen in Jerusalem mit den Juden herbeiführen wollte. Es war ein schwieriges Verhältnis. Die Römer haben sich ja sehr schwer getan überhaupt mit dieser Religion. Die wussten ja gar nicht, was die eigentlich wollten mit ihrem Jahwe und mit ihrem Messias, haben allerdings immer darauf geachtet, dass einfach Ruhe herrscht. Und von Caesarea ist er dann die 55 Kilometer, irgendwie gekommen nach Jerusalem, dort in den großen Tempel, den Tempel des Herodes, dieses Weltwunder. Und dort
ist er zur Schule gegangen bei einem gewissen Gamaliel, der damals einer der bekanntesten, wenn nicht der bekannteste und angesehenste Lehrer war. Dieser Gamaliel, der wird auch erwähnt in der Bibel als einer, der mit den neuen Bewegungen, den Leuten, die diesem Nazarener nachliefen, immer sehr gemäßigt umgegangen ist. Und andere waren nicht sehr gemäßigt, weil das natürlich ein Affront war. Das kann man sich heute wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen, was es damals für Juden bedeutet hat, dass da plötzlich Leute da waren, die sagten, der Messias, der irgendwann mal kommen wird, der war schon da. Und dieser Messias ist hingerichtet worden wie ein Schwerverbrecher, am Kreuz. Ungeheuerlich, so etwas zu behaupten. Und es hat immer wieder Streitigkeiten gegeben zwischen der Urgemeinde, zu der Petrus, Jakobus, der Herrenbruder, der Johannes gehörten, und den orthodoxen Juden. Ich nenne sie jetzt mal so. Und eines Tages kam es dann auch wirklich
zu einem Zwischenfall, wo einer wieder mal den Mund zu weit aufgemacht hat, ein gewisser Stephanus, "Diakonos" wird er genannt. Das waren die Leute, die nicht das Wort verbreitet haben, sondern sich eingesetzt haben für die Bedürftigen in dieser Gemeinde, der große Ansprachen gehalten hat und die Juden so provoziert hat, dass sie ihn vor die Tore Jerusalems geschleppt haben und gesteinigt haben, was sie normalerweise nicht durften, weil den Juden war es nicht erlaubt, Todesurteile auszusprechen. Die mussten immer erst die Römer dazu fragen. Und wenn die das gestattet hatten, dann konnte so was passieren. Aber sie durften Prügelstrafen ausführen, aber eben keine Steinigungen. So war es aber bei Stephanus. Und in der Bibel heißt es, der Paulus war zwar nicht dabei, aber er stand am Rand und hat auf die Kleider der anderen aufgepasst. Und das heißt, aber es hat ihm gut gefallen, was sie da gemacht haben, diesen Stephanus mal hinzurichten. Paulus hat selber in den Briefen immer wieder betont, und das ist nicht etwas, was man unterstellen kann oder
was die Apostelgeschichte vielleicht über andere Meinungen von ihm behauptet, sondern er hat selber von sich gestanden, er hat diese neue Bewegung, der Neue Weg oder die Nazarener, maßlos verfolgt. Wahrscheinlich hat er auch dafür gesorgt, dass die oft gefoltert wurden. Und er hat auch dafür plädiert, dass die auch hingerichtet werden. Und er sagt, er ist Pharisäer. Und Pharisäer versuchen die vielen Vorschriften, es sind über 600 in der Torah, dass die ins Alltagsleben übersetzt werden. Und jeder Pharisäer hat extrem darauf geachtet, dass diese Gesetze auch eingehalten werden. Und einer, der sich am meisten dahinter gestellt hat, war eben er. Er war seinen Altersgenossen, schreibt er, überlegen in diesem Ehrgeiz. Also ein sehr
Überlegener, der dann auch bei der Verfolgung des Neuen Weges, der Anhänger des Neuen Weges dann auch begeistert mitgemacht hat. Und es hieß eben auch über die Grenzen Jerusalems hinaus, diese Leute zu verfolgen. Ob er jetzt eine Erlaubnis gehabt hat vom Sanhedrin, das ist also der Ältestenrat der jüdischen Gemeinde, oder woher er diese Erlaubnis hatte: jedenfalls war es so, dass ein paar Leute um sich geschart hat und dann sich auf den Weg gemacht hat ins entfernte Damaskus. Und kurz vorher passierte es, dieses Licht. Man hat auch versucht, das naturwissenschaftlich zu erklären, hat gesagt, Paulus war bestimmt ein Epileptiker. Oder es war ein Sonnengewitter. Ich habe schon erwähnt, es wird in der Apostelgeschichte dreimal erwähnt. Einmal als Geschichte, und später wird Paulus vorgestellt, der darüber berichtet, nämlich diese Stimme gehört zu haben, "Warum verfolgst du mich?", und dieses Licht gesehen zu haben.
Das ist ein Ereignis, dem man wahrscheinlich nicht so oberflächlich begegnen darf, sondern auch in seiner spirituellen Tiefe. Aber was hat sich abgespielt? Ist es so, wie der Theologe, Religionswissenschaftler Rudolf Otto gesagt hat: Immer wenn uns das Göttliche begegnet, ist es "tremendum et fascinosum". Es ist erschütternd, verängstigend und faszinierend, immer beides, "tremendum et fascinosum". Oder ist es so, wie später auch immer wieder in der Geschichte Leute das erlebt haben? Ich denke an den Francesco Bernadone, den Heiligen Franziskus, der mit seinen Freunden wieder mal gefeiert hat, getrunken hat und Musik gemacht hat, und sie waren unterwegs über Mitternacht da schauen. Sie gehen entlang und plötzlich merken seine Freunde: Wo ist er denn geblieben, der Francesco? Und sie sehen: Er ist wie erstarrt, gehen zurück und fragen: "Hey, was ist
mit dir?", wie ein Schlafwandler, "Hast du vielleicht eine schöne Frau geträumt?" Er sagt: "Ja, ja, ich habe eine schöne Frau geträumt." Er hat auch versucht, Worte zu finden. Wie schwierig ist es für ihn, für die Erlebnisse Worte zu finden, poetische Worte vielleicht. Er konnte nicht anders, weil das für ihn naheliegend war, aber es hat sich für ihn alles geändert. Und es hat sich gezeigt, dass dieses Erlebnis für den Francesco lebensändernd war. Alles hat sich nämlich umgedreht. Das Gefühl war Dolcezza, die Süßigkeit. Und alles, was vorher bitter war, war plötzlich süß. Und das, was vorher wichtig war, war plötzlich unwichtig. Alle Werte haben sich umgedreht für ihn. Und Sie wissen, schließlich und endlich hat er seinem Vater die Kleider vor die Füße geworfen und ist zu einem armen Bettler geworden. Und vorher war er der reiche Tuchhändlersohn. Solche Geschichten gehen durch die Geschichte, immer wieder kommen solche Dinge vor. Blaise Pascal, eins meiner Lieblingsbeispiele im 17. Jahrhundert, der bestimmt nicht verdächtigt werden kann,
gefühlsmäßig zu sein, der eines Tages, das war der 22. November 1654 um 10 Uhr abends, plötzlich so was erlebt hat. Nachdem er stundenlang angedauert hat, hat er versucht, auf einen kleinen Zettel zu schreiben, was er eigentlich erlebt hat. Er schreibt nur in abgehackten Sätzen "Licht, Stimme". Genau kann er es nicht schreiben, mehr nicht. Aber diesen Zettel hat nach seinem Tod sein Diener in seiner Jacke eingenäht gefunden. Dieser Zettel war für ihn so wichtig, dass er sein ganzes Leben ihn ganz nah an seinem Körper haben wollte. Aber er konnte es auch nicht sagen: Was habe ich da? Er sagt später, er hat den lebendigen Gott, den lebendigen Gott, nicht den Gott der Philosophen, sondern den lebendigen Gott, plötzlich getroffen. So kann man das immer wieder verfolgen, dass es durch die Geschichte geht, immer wieder solche Begegnungen. Und eine Frau wie die Dorothee Sölle, eine evangelische Theologin, die Sie vielleicht schon mal gehört haben, hat gesagt, eigentlich ist es nichts Besonderes. Das sind nicht nur so exordinäre Charaktere, wo das passiert, sondern wir sind alle Mystiker. Wir können das in
kleinen Dosierungen alle erleben, dann, wenn wir etwas erleben, was über uns hinausgeht, gerade in der Schwäche. Oder wie Dietrich Bonhoeffer sagt, beispielsweise, immer, in jeder Situation bekommen Sie so viel Kraft, wie wir brauchen, die Situation zu meistern. Aber wir bekommen sie nicht vorher, weil sonst denken Sie, sie ist von uns. Immer erst nachher. Und so ist es auch oft. In der Schwäche erfahren wir eine Kraft. Und diese Kraft ist es, die wahrscheinlich Paulus erfahren hat. In der Apostelgeschichte wird dann erzählt, dass er blind war von diesem großen Licht. Und der große Paulus, der eigentlich nach Damaskus wollte, um diese neuen Leute zu bestrafen, plötzlich muss er geführt werden, weil er so schwach ist und nicht auf den eigenen Beinen gehen kann. Dann wird er ja in der Langen Straße in Damaskus wieder in einen Gasthof gebracht. Und da ist er dann völlig hilflos, blind, bis eines Tages ein Mann zu ihm kommt, Hananias oder Hananias, der von Gott
dem Befehl gekommen hat, zu Paulus zu gehen und ihm zu sagen, dass er diese Botschaft verbreiten sollte. Er soll rausgehen. Aber wie denn? Die Blindheit ist weg. Er kann weg. Nach der Apostelgeschichte ist er dann sofort nach Jerusalem gegangen. Aber das stimmt nicht ganz, weil Paulus hat im Galaterbrief später gesagt, er ist nicht nach Jerusalem gegangen, sondern in die Wüste. Drei Jahre lang wissen wir nicht, was er getan hat. In der Wüste, das heißt damals in das Reich der Nabatäer, das heutige Syrien. Und es kommt ja oft vor in der Geschichte, dass gerade Religionsstifter oder Leute, die so ein Erlebnis gehabt haben, das erst mal verkraften müssen. Denn wir sind ja, und Paulus sagt es ausdrücklich, Gefäße, zerbrechliche Gefäße. Und das ist unser großer Schatz. Und das ist jeder von uns. Wir haben großen Schatz in unseren zerbrechlichen Gefäßen. Und so hat er sich auch gefühlt. Und mit dieser riesigen Erfahrung, die er gemacht hat da vor Damaskus, muss er erst mal das verkraften. Er geht also in die Wüste, wie es viele Religionsstifter
gemacht haben, auch ein Buddha. Jesus ging auch in die Wüste. Erst mal verkraften. Was er dort gemacht hat, wir wissen es nicht. Er kam jedenfalls wieder nach drei Jahren, ungefähr drei Jahren, zurück nach Damaskus. Und dort ist er dann verfolgt worden, nämlich von dem König der Nabatäer. Also kann man davon ausgehen, dass er vielleicht in der Wüste auch schon gepredigt hat, zu Leuten gepredigt hat, und auch wieder für Unruhe gesorgt hat. Jedenfalls haben die die Stadttore geschlossen, damit er nicht rauskommt. Und mit der Karriere des Paulus wäre es vorbei gewesen, wenn nicht Freunde einen Trick angewandt hätten. Nämlich sie haben ihn in einem Korb runtergelassen, die Stadtmauer. In der Stadtmauer waren so Wohnungen auch drin, da konnte man die Fenster aufmachen. Der Korb muss sehr groß gewesen sein. Paulus war bestimmt nicht der leichteste. Und da haben sie ihn dann runtergelassen, in der Dunkelheit. Die Wachen haben es nicht bemerkt. Und dann ist er in der Dunkelheit verschwunden Richtung Jerusalem. Wie gesagt, damals, wie alt wäre er gewesen sein? 25 bis 30, ein junger Mann. Wie hat Paulus ausgesehen? Davon wird nichts berichtet,
aber es gibt apokryphe Texte, also Texte, die nicht in die Bibelsammlung mit aufgenommen worden sind, ins Neue Testament mit aufgenommen worden sind. Da wird beschrieben, dass er klein war, untersetzt, dass er ziemlich kahl war, jedenfalls später, dass er später von Narben übersät war, unglaublich zäh. Für mich ist es ein Wunder, dass ein Mensch das, was er geleistet hat, überhaupt aushalten kann. So kann man sich Paulus vorstellen. In den Bildern später ist er immer wieder vorgestellt worden im Gegensatz zu Petrus. Petrus hat keinen Bart, er hat einen Bart. Das war damals das Kennzeichen für einen Gebildeten. Denn Paulus war gebildet. Er konnte Griechisch, Koine, das war die damals verbreitete Sprache des Griechischen, und er hatte anscheinend auch eine höhere Bildung erhalten, ganz anders als Jesus. Und so ist er gekommen nach Jerusalem, aber da hat er sich nur
kurz aufgehalten. Man möchte meinen, er hat sich dabei informiert, aber stellen Sie sich mal die Leute dort vor: Einen Petrus, einen Johannes oder einen Jakobus, und da kommt er plötzlich daher, nach einer gewissen Zeit, er, der sie verfolgt hat, der Schlimmste von allen, und sagt, ich habe ein Erlebnis gehabt, und ich bin jetzt auch ein Apostel. Und ich habe auch Jesus gesehen. Also wir wissen, entweder ist er verrückt, oder er ist bestimmt ein Spion. Jedenfalls trauen kann man ihn nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Paulus nur kurz dort geblieben ist. Aber man möchte ja meinen, dass, wenn er Jesus, so behauptet er jedenfalls später, oder Christus, Christus in mir gesehen hat und mir begegnet ist, möchte er doch wissen von den Leuten, die ihn gekannt haben, wie war denn der? Aber später sagte er, er hat nichts von den Leuten gelernt. Er hat alles durch Offenbarung erfahren, in diesem Moment vor Damaskus. Das muss ein Sturm gewesen sein, was da in ihm eingefallen ist. Und erst allmählich musste er das entziffern und für sich Worte dafür finden. Paulus ist
weggegangen, er ist zurückgegangen nach Tarsus. Was er da gemacht hat, weiß man nicht genau. In seiner Heimatstadt jedenfalls kam eines Tages ein Mann zu ihm, der hieß Barnabas, und der sagte, wir können dich gebrauchen. Dieser Barnabas war einer, der nach der Steinigung des Stephanus vertrieben worden ist aus Jerusalem. Er ist nach Zypern gegangen, kam dann wieder zurück und ist dann gegangen nach Antiochia. Antiochia ist auf der anderen Seite, wenn Sie sich nochmal diese Biegung vorstellen, wo es von der heutigen Türkei runter geht zum Libanon, gegenüber der Bucht ist auf einer Seite Tarsus, auf der anderen Seite ist Antiochia, eine Großstadt. Und da wollte Barnabas, dass Paulus mitkommt, weil sich dort diese Leute, diese Anhänger des Nazareners, oder Neuen Weges, wie man damals auch sagte, gefunden haben. Antiochia war eine Großstadt, über 500.000 Einwohner,
auch wieder eine Multikulti-Stadt mit vielen Nationalitäten, mit vielen Religionen, Naturreligionen, Mysterienreligionen, Einflüsse aus Asien, aus Ägypten, wo auch immer her. Und in diese Großstadt, die man sich wirklich als eine Großstadt vorstellen muss - heute sieht man ja nur noch Säulen von den Hauptgebäuden, aber damals waren es richtige Hochhäuser, die nicht überlebt haben, weil sie eben entweder abgebrannt sind oder weil sie von Erdbeben zerstört worden sind. Aber über eine halbe Million Einwohner, so muss man sich das vorstellen. Und es ist ein buntes Leben gewesen dort. Und da haben sich - natürlich gab es eine Synagoge -, aber diese kleine Gruppe von neuen Anhängern des Nazareners haben sich schon langsam entwickelt und haben sich dann abgesetzt von den anderen, sodass die dann erkennbar wurden und dann einen neuen Namen bekommen haben, nämlich Christianoi,
die Christen. Das ist das erste Mal, dass dieser Name fällt, in Antiochien, Kilikien, Antiochien, die Christianoi, die Christen. Weil die nämlich auch offen waren, die gesagt haben, Neue, die sich dafür interessieren, Gottesgläubige hat man sie genannt, Griechen auch, Römer, die eine gewisse Sympathie und eine gewisse Faszination für die jüdischen Glauben hatten, die dann plötzlich auch mitmachen konnten, ohne dass sie die Gesetze einhalten mussten, ohne dass sie sich beschneiden mussten. Und das war eine große Hoffnung. Und Paulus ist dahin gekommen als Helfer von Barnabas erstmal eine Zeit lang und hat dort mitgewirkt. Und dann entstand natürlich sofort auch das Bedürfnis, diese neue Lehre weiterzutragen. Oder
wie Paulus damals gesagt hat: "Wehe, wenn ich das Evangelium nicht verkündige, ein Zwang liegt auf mir." Und das ist auch etwas, was vor Damaskus entstanden ist: Du musst hinaus damit, du musst es weitertragen. Und so haben sich die beiden das erste Mal auf die Reise gemacht, Paulus und Barnabas und ein gewisser Johannes Markus, von dem man annimmt, dass es eben dieser Johannes war, der später auch ein Evangelium geschrieben hat. Und da können wir sie jetzt nun begleiten. Erstmal geht es von Antiochien runter nach Zypern. Das durcheilen sie, müssen gerade ein Abenteuer erleben, weil sie dort den Statthalter treffen und einen Zauberer, der sich mit Paulus ein Wortgefecht liefert, und Paulus dann ihn verflucht und er blind wird. Das hat sicher auch in der Apostelgeschichte Lukas so eingebaut, um deutlich zu machen, diese neue Lehre ist keine Zauberei, wie es halt viele gab
damals, viele Zauberer. Viele haben auch Jesus für einen Zauberer gehalten. Aber es sollte etwas anderes sein, diese Begegnung mit dem Zauberer auf Zypern. Aber dann geht es schon wieder weiter, hoch an die Küste Kleinasiens nach Attalia, das heutige Antalya. Und von dort geht es dann hoch ins Gebirge, über das Taurusgebirge. Und da muss es ziemlich Knatsch gegeben haben, weil Johannes Markus nicht mit wollte. Das haben die ihm ziemlich übel genommen, warum auch immer. Jedenfalls vielleicht war es ihm zu anstrengend. Paulus ist also mit Barnabas alleine gegangen über das Taurusgebirge, rüber über 1300 Meter. Dann kommt eine große Hochebene, dann kommt ein Fluss und dann kommt ein See. Man kann es genau heute noch nachvollziehen. Und dann kommt ein anderes Antiochia, nicht das Antiochia, von dem ich vorher geredet habe, nämlich das Antiochia, wo eine römische Bastion war. Und von dort aus wollten sie dann weiter ins Landesinnere. Das
sind alles Gebiete und Orte gewesen, die Paulus vorher nicht kannte und in denen vieles herrschte, wovon er vorher nichts wusste. Aber was er gemacht hat, und es war immer dasselbe Muster, er hat erst mal die Synagoge angesteuert, auch in Antiochia, und hat dort geredet. Paulus war sehr gelehrt, er kannte sich im Alten Testament gut aus, im Pentateuch, das ist die griechische Übersetzung des Alten Testamentes. Und hat natürlich viele Stellen gewusst, die er zitieren konnte, wo der neue Messias vorausgesagt war. Und dann kommt immer der Punkt, der entscheidende Punkt, wo er sagt: "Dieser Messias war schon da. Und er ist am Kreuz gestorben. Und er ist wieder auferstanden." Und das konnte er natürlich nicht fassen. Juden, für die war das blanker Unsinn, das war eine Gotteslästerung. Aber für die anderen war es durchaus einladend, weil Paulus eben gesagt hat, diese Botschaft ist für alle da. Die hat nicht
die Grenzen des Judentums, jeder kann aufgenommen werden. Und darum ist die Kirche da in Antiochia plötzlich gestürmt worden vor den sogenannten Heiden. Und das war für die eingesessenen, etablierten Juden natürlich ein harter Schlag. Es hat großen Krach gegeben, und Paulus musste dann flüchten. Und wie es dann weiterging, weil dieser Ablauf dann sich oft wiederholt hat, möchte ich jetzt kurz vorlesen aus meinem Buch. "Nach der Vertreibung aus Antiochia. Es ist die Frage, ob Paulus und Barnabas noch einer Reiseroute folgten oder ob sie flüchten mussten und einfach vorwärts getrieben wurden. Denn wie sich später zeigen würde, begnügten sich ihre Feinde nicht damit, sie aus den Städten zu jagen. Sie blieben ihnen auf den Fersen, um zu verhindern, dass sie mit ihrer neuen Lehre anderswo Erfolg hätten. Kaum vorstellbar, dass Paulus und Barnabas sich freiwillig nach Osten wandten, wo ein karges Hochplateau vor ihnen lag. Eine Gegend, die geschildert wird als eine endlose Steppe, im Winter von hohem Schnee bedeckt, im Frühjahr
ein einziger großer Sumpf und im Sommer eine grauenvolle Staubwüste. Zu welcher Jahreszeit Paulus und Barnabas diese Gegend durchquerten, weiß keiner. Auch nicht, wovon sie sich ernährt haben und wo sie geschlafen haben. Etwa 150 Kilometer mussten sie zurücklegen, um die nächste Stadt Ikonium, das heutige Konya, zu erreichen. Und auch dort konnten sie sich nicht lange erholen oder große Erfolge feiern. Es erging ihnen wie in Antiochia sogar noch schlimmer. Mit den Reden brachten sie Juden und Heiden gegeneinander auf. Doch dieses Mal verbündeten sich beide Parteien gegen die fremden Prediger, und die mussten schleunigst aus der Stadt verschwinden, weil sie sonst von dem Mob gesteinigt worden wären. Sie verließen Ikonium auf der Handelsstraße Richtung Südosten. Zu dieser Zeit müssen schon viele ihrer Feinde hinter ihnen her gewesen sein. Paulus und Barnabas ahnten davon wohl nichts. Sie kamen nach Lystra, einem Provinznest in Lycaonien.
Dort gab es anscheinend keine Juden und darum keine Synagoge. Paulus musste in Straßen und auf Plätzen zu den Leuten reden. Von den Einwohnern verstanden aber die wenigsten Griechisch. Hier sprach man einen eigenen Dialekt, das Lycaonische. Darum war es wirklich ein Wunder, was laut Lukas in Lystra passierte. Ein gelähmter Mann, der Paulus zuhörte, wurde plötzlich geheilt und konnte wieder aufstehen und herumlaufen. Außer sich war Freude, verkündete er nun, dass die Götter vom Himmel herabgestiegen seien. Und ehe Paulus und Barnabas kapierten, was los war, waren sie umringt von Menschen, die den Barnabas für Zeus und den Paulus für Hermes hielten. Paulus und Barnabas ließen die ganze Hysterie offenbar noch über sich ergehen. Aber als der Oberpriester des Zeus-Tempels Stiere und Kränze vor die Stadttore bringen wollte, um dort ein Opfer dazubringen, wurde es ihnen doch zu viel. Sie gingen dazwischen und forderten die Leute auf, mit diesem Unsinn aufzuhören. 'Männer, was tut ihr?', sollen sie gerufen haben. 'Auch wir sind nur
Menschen von gleicher Art wie ihr. Wir bringen euch das Evangelium, damit ihr euch von diesem nichtigen Götzen zu dem lebendigen Gott bekehrt.' Doch die Leute wollten sich nicht aufhalten lassen. Sie konnten Paulus und Barnabas auch gar nicht verstehen. Wie sollte Paulus ihnen erklären, dass er zu ihnen gekommen ist, um ihnen zu sagen, dass die Zeit der Opfer vorbei ist? Opfern müssen Menschen nur einem Gott, vor dem sie Angst haben und den sie darum versöhnen und gnädig stimmen wollen. Der lebendige Gott aber, von dem Paulus ihnen erzählen will, braucht keine Opfer. Er ist kein beleidigter und zorniger Gott. Er erwartet, dass die Menschen zu ihm kommen und ihre Schuld abzahlen. Nein, nein, gerade umgekehrt ist es. Er kommt auf die Menschen zu, um ihnen etwas zu geben. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. So wird es Paulus mit seinen Worten einmal ausdrücken. Das ist etwas ganz Neues, etwas Unvorstellbares. Paulus hat es erfahren, aber die Bewohner von Lystra konnten ihm nicht folgen. Sie hören nicht auf, ihre Opfer dazubringen.
Im Bericht des Lukas, in der Apostelgeschichte, überschlagen sich nun die Ereignisse. Die Verfolger des Paulus und Barnabas kommen aus Ikonium und Antiochia in die Stadt und wiegeln das Volk gegen die Wanderprediger auf. Die Stimmung kippt fast augenblicklich. Die vergötterten Paulus und Barnabas sind plötzlich Betrüger, Gottesläster, Lügner, Verführer, Aufwiegler, Ruhestörer. Zur Flucht ist es dieses Mal zu spät. Die ersten Steine fliegen schon. Und es ist Paulus, auf den sie es abgesehen haben. Auf ihn geht ein Steinhagel nieder, so lange, bis er zu Boden sinkt und reglos liegen bleibt. Seine Peiniger halten ihn für tot und schleifen den zerfetzten Körper vor die Stadt, wo sie ihn liegen lassen. Eine Steinigung konnte selten jemand überleben. Es war ein ritueller Akt, mit dem vor allem Gotteslästerer aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurden. Darum wurde diese Strafe meist vor den Toren einer Stadt vollzogen und der Bestrafte wurde dort auch liegen gelassen.
Und wenn er nicht schon an schweren Kopfverletzungen und Knochenbrüchen gestorben war, dann verblutete er. Den Leichmann bedeckte man oft mit Steinen, um dem Vorbeikommenden den Anblick zu ersparen." Dass Paulus wirklich einmal gesteinigt worden ist, steht jedenfalls fest. Paulus hat selber später darüber geschrieben in einem seiner Briefe, was er alles durchgemacht hat, und auch, dass er gesteinigt worden ist. Und zwar schreibt er da in Korinther 11,24, "Fünfmal erhielt ich von Juden die 39 Hiebe." Die Juden waren berechtigt, auch Prügelstrafen auszuführen, aber nach den Vorschriften, nach den Gesetzen, durften es nur 40 Schläge sein. Aber um ja nicht über die 40 rauszukommen, hat man 39 verabreicht. "Fünfmal erhielt ich von Juden die 39 Hiebe. Dreimal wurde
ich ausgepeitscht. Einmal gesteinigt. Dreimal erlitt ich Schiffbruch. Eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen. Gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch die Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße." Also wenn man diese Aufzählung, an der nicht zu zweifeln ist, bedenkt, kann man sich kaum vorstellen, dass ein Mensch das ausgehalten hat. Er muss wirklich von Narben übersät gewesen sein, war auch öfter krank, er spricht vom Stachel im Fleisch. Da haben sich Generationen von Theologen darüber ausgetauscht, was es sein könnte, Stachel im Fleisch. War es wirklich so, dass er Epileptiker war? Hat er Malaria? Ich glaube es nicht. Er schreibt einmal, er hat diesen
Stachel im Fleisch, damit er sich nicht überhebt, weil er durch Damaskus dieses Licht gesehen hat und später auch, wie er sagt, nochmal diese Euphorie erlebt hat, in den siebten Himmel gestiegen wäre. Und damit er sich nichts darauf einbildet, damit er sich nicht überhebt, muss etwas gewesen sein, was ihn manchmal runterholt, was ihn wieder bescheiden macht. Vielleicht war das Schwermut, Depressionen, in der Weise kann ich es mir vorstellen, der Stachel im Fleisch. Wie hat er ausgesehen, wenn er gewandert hat? Bestimmt nicht so, wie heute Wanderer gehen, keine Multifunktionsjacken, gar nichts. Auch die Schuhe ziemlich banal, Ledersandalen, ein Kleid, das man mit einem Gürtel zusammengerafft hat, das man dann hochschürzen konnte, damit man gehen konnte. Wahrscheinlich hat er ein Tuch dabei gehabt, in dem seine Habseligkeiten drin waren, mehr nicht, damit er sich auch mal vor der Sonne schützen konnte. Und ein Stock, das war alles. Sicher hat er auch Geld
dabei gehabt, aber nicht zu viel, denn man musste immer darauf gefasst sein, überfallen zu werden, auch von Römern. Die Straßen waren relativ sicher, und das hatte er den Römern zu verdanken, vor allem dem Kaiser Claudius und vorher Augustus, die dafür gesorgt haben, dass die Reisewege offen waren, und vor allen Dingen, dass es auch keine Piraten mehr gab auf den Schiffen oder in den Meeren. Aber ohne die Römer hätte Paulus diese Reisen nie machen können. Und diese erste Reise das sind immerhin über 2000 Kilometer, und das Größte per pedes apostolorum, zu Fuß. Paulus wurde verpflegt, er war nicht tot, er wurde wieder aufgepäppelt, und anstatt den kürzeren Weg zu nehmen über die Kilikische Pforte runter nach Tarsus in seine Heimatstadt, ist er wieder zurückgegangen zu den Orten, wo er verfolgt worden war. Er wollte sicher gehen, dass die paar Leute, die er bekehrt hatte, dieses kleine Grüppchen, diese Gemeinde, die er aufgebaut hat, eben noch existiert, und wollte ihm Mut machen. Er ist wieder zurückgekommen, wieder über Antiochia, wieder runter nach
Attalia und ist wieder zurückgegangen nach Antiochia. Dann aber war die große Frage, nachdem er das gemacht hatte, wie sollte er weitermachen? Er schreibt, er will ja nicht umsonst gegangen sein, er musste sich irgendwie mit der jüdischen Gemeinde arrangieren, denn die hatten es natürlich gehört, was er da macht, und die waren sehr skeptisch. Und drum musste er eines Tages mit einem Begleiter, Timotheos, der war der Vater Grieche, Mutter Jüdin, ist er nach Jerusalem gegangen zu einem Treffen, das man später das Apostelkonzil genannt hat. Da ging es ganz einfach um die Frage, ja, wie geht man denn jetzt weiter? Ist es wirklich erlaubt, dass die Leute Christen werden, wie man sie dann genannt hat, den neuen Weg gehen, ohne die Gesetze einzuhalten, ohne Beschneidung? Das würde ja bedeuten, dass sie überhaupt nichts mehr einhalten müssen, was einen Juden ausmacht. Die jüdische Identität ist gefährdet. Es kann doch nicht jeder einer sein, denn für viele war
ganz klar, ein Christ kann nur Christ sein, wenn er Jude war. Und Paulus hat plötzlich eine neue Art von Christ geschaffen, nämlich die Heidenchristen, die befreit waren, die, wenn sie Griechen waren oder Römer waren, nicht die Gesetze einhalten mussten und sich nicht beschneiden lassen mussten. Es muss ziemlich hoch hergegangen sein bei dieser Versammlung. Lukas spricht davon, dass es sehr leidenschaftlich war, aber es müssten eigentlich die Fetzen geflogen sein, typisch Paulus, der dann, wenn es um Streit geht, immer mittendrin ist. Aber er sagt, man hat sich geeinigt. Petrus und Jakobus haben dann eine Rede gehalten, und dann hat man sich geeinigt: Paulus sorgt sich um die Heidenchristen und geht auf Mission, und Petrus und Johannes sorgen sich um die Judenchristen. Ganz einfach. Dass es nicht so einfach war, hat sich kurz darauf gezeigt, als der Petrus nach Antiochia kam und dort teilnehmen sollte an einem Mahl von Heidenchristen, die natürlich auch essen
durften, was einem Juden nicht erlaubt ist, unkoscheres Fleisch. Er hat mitgemacht, aber dann kam eine Abordnung aus Jerusalem, die Paulus immer die falschen Brüder nennt, also sehr orthodoxe Juden, die dann dem Petrus Vorwürfe gemacht haben. Und dann ist Petrus umgekippt und hat sich wieder distanziert von diesen Heidenchristen. Und Paulus hat ihn zur Rede gestellt, wie kannst du nur so unkonsequent sein? Erst setzt du dich hin, und dann forderst du von ihnen, dass sie wieder die Gesetze einhalten. Also er hat Petrus damals wahrscheinlich ziemlich den Kopf gewaschen. Das hat aber dazu geführt, dass auch in Antiochia die Leute wieder umgekippt sind durch den Einfluss der orthodoxen Juden und Paulus sich dann entfremdet hat von dieser Gemeinde. Und dann die zweite Reise, die er gemacht hat, dann nicht mit Barnabas, der anscheinend auch mehr zu Petrus geholfen hat, sondern mit einem neuen Begleiter losgegangen ist, und das war Silas, Silanus, Silas, und mit seinem
jungen Gefährten Timotheus. Die zweite Reise, die sie gemacht haben. Und wieder geht es hoch, bitte stellen Sie sich die Karte wieder vor, Antiochia, und dann geht es hoch, über die kilikische Pforte, also ins Innenland, und von dort hat er nochmal die Gemeinden besucht, Ikonium, Derbe und wie sie alle geheißen haben, die er bei der ersten Reise besucht hat. Und dann geht es hoch in das Landesinnere. Und wenn man diese Linie verfolgt, ist es ein Zickzackkurs, wo man nicht genau wo will eigentlich hin. Und in der Apostelgeschichte ist es so beschrieben, dass er einen Traum hatte, und in dem Traum ist ihm verboten worden, bestimmte Wege zu gehen. Also ein Zickzackkurs, wo er dann aber schließlich und endlich gelandet ist, ganz im Westen, bei Troas heißt es, nicht weit entfernt von Troia, und da soll ihm auch nachts einer erschienen sein, so wird es in der Bibel jedenfalls immer berichtet, der gesagt hat, du sollst rüber gehen nach Griechenland. Heute sagt man nach Europa.
Das gab es natürlich damals nicht, da gab es nur römische Provinzen, aber das war dieser berühmte Übergang nach Europa, und zwar zu Städten wie Neapolis, Philippi und später nach Thessaloniki. Und da wird es sehr abenteuerlich, denn erstmal, und das war immer so, hat er wieder die gleichen Erfahrungen gemacht. In Neapolis, so hieß diese erste Stadt auf griechischem Boden, hat er wieder die Synagoge angesteuert, hat wieder gepredigt, und wieder kam es zu dem Punkt, wo er sagt, der Messias war schon da und der Messias ist hingerichtet worden und er ist wieder aufgestanden, und hat wieder für Unruhe gesorgt, er musste wieder fliehen weiter nach Philippi. In Philippi war es so, dass die keine Synagoge hatte, sondern nur so einen Versammlungsraum an einem kleinen See, wo sich die Juden versammelt haben. Und da hat er kennengelernt eine Frau, die sehr vermögend war, Purpurhändlerin, die Lydia, man sagt die erste Christin in Europa, die sehr reich war, die Paulus
eingeladen hat. Aber dann gab es einen Zwischenfall, nämlich eine Magd ist immer hinterher gelaufen und hat immer auf ihn eingeschrien und gesagt: "Es sind die Diener Gottes". Und diese Magd war eine Wahrsagerin, eine Sklavin. Und der Herr dieser Sklavin hat die benutzt, um wahrsagen zu lassen, hat dann ihr Geld verdient. Und Paulus hat anscheinend mit ihr geredet, hat ihr anscheinend diesen Spleen ausgeredet oder wie auch immer, was er gemacht hat, jedenfalls war die nicht mehr zum Wahrsagen fähig, und darum war sie für ihren Herrn keine Geldquelle mehr. Und dann wurde er denunziert bei den Römern, wie es ja immer war: ein Unruhestifter, und er erzählt von einem Messias, der kommen wird und auch die Römer vertreiben wird. Und die haben kurzen Prozess mit ihm gemacht, haben den geschlagen, er ist ausgepeitscht worden, ist ins Gefängnis gekommen, er ist in den Block gesperrt worden, die beiden Barnabas. Warum er seine Dokumente nicht hergezeigt hat, wahrscheinlich war es zu schnell, wie auch immer, das ihn ausgewiesen hat als römischen Bürger, weil die hätten das nicht machen dürfen. Und dann
wird es abenteuerlich, dann kommt plötzlich ein Erdbeben. Das Gefängnis wird zerstört, der Kerkermeister ist völlig verzweifelt, weil er denkt, die Gefangenen sind entflohen, aber Paulus sagt, "mach dir keine Sorgen, wir bleiben da", und er ist dann so glücklich, dass er sich taufen lässt. Paulus kommt frei, und dann kommen die Abgeordneten der Stadt und Paulus sagt: "Ich habe das römische Bürgerrecht". Und das war für die erschreckend, weil jemanden so zu prügeln und auszupeitschen, wenn er das römische Bürgerrecht hat, das hätte Konsequenzen gehabt. Dann sagt er, bitte verschwinde aus unserem Dorf, und er sagt, nein, nein, nein, ihr müsst schon herkommen, ihr müsst mich um Verzeihung bitten, und dann gehe ich vielleicht. Und so hat er es auch gemacht, und er ist weiter gegangen, weiter, der nächste Ort - Sie kennen es vielleicht, vielleicht haben Sie dort schon mal Ferien gemacht, ich schon, in Thessaloniki -, und da war es wieder das Gleiche. Wieder hat er in der Synagoge gepredigt, wieder hat er seine neue Ansicht über den Messias preisgegeben, wieder hat es Probleme gegeben, und er musste wieder fliehen aus Thessaloniki. Aber da bleiben wir mal ganz kurz, in Thessaloniki,
weil dorthin hat Paulus später, als er in Korinth war, einen Brief geschrieben. Und dieser Brief, der 1. Thessalonicher, wie man ihn nennt, ist der erste Text überhaupt, der aus dem Christentum entstanden ist. Wenn man ein neues Testament hat, dann müsste eigentlich die Reihenfolge anders sein, nicht die Evangelien und dann die Apostelgeschichte und dann die Briefe des Paulus, sondern umgekehrt, denn diese Briefe des Paulus sind die ersten Dekumente überhaupt des Christentums. Und der Thessalonicherbrief ist der erste überhaupt. Sie wissen vielleicht, dass die Evangelien, im Markusevangelium gilt, dass das erste ungefähr 70, 80 nach Christus geschrieben worden sind, von den vier Evangelisten, anfangs waren es auch mehr. Dieser Thessalonicherbrief ist 50 nach geschrieben worden, also 20 Jahre nach dem Tod Jesu, von Paulus an die Thessaloniker.
Wie hat er geschrieben? Er hat meistens einen Begleiter gehabt, der für ihn geschrieben hat, auf dem Papier der Antike, nämlich auf Papyrus. Man hat die Blätter zusammengeklebt. Das ergab dann so ein Art DIN-A-4 Blatt, und die hat man dann miteinander verklebt und hat die aufgerollt. Man hatte einen Schilfrohrstift, und Paulus hatte wahrscheinlich so ein Stück Kohle dabei, das er dann mit Wasser aufweichen konnte, und so konnte er auf Papyrus schreiben. Das war eine langwierige Sache. Um das Ganze kürzer zu machen, hatten die wahrscheinlich so Tafeln aus Ton, wo sie dann mit einem Griffel draufschreiben konnten. Das ging schneller, man konnte es auch schnell löschen. Und dann ist es übertragen worden auf Papyrus.
Und diese Briefe des Paulus auf Papyrus, die sind dann später weitergegeben worden in den Gemeinden. Man hat sie zerschnitten, oft hat man sie kopiert und irgendwann später sind sie wieder aufgetaucht. Ein gewisser Marcion hat 100 nach Christus gesammelt, und nochmal 100 Jahre später sind sie dann als Buch das erste Mal rausgekommen. Aber das war natürlich eine abenteuerliche Sache, wo die überall gelandet sind, wer sie überhaupt aufgehoben hat, wer sie umgeschrieben hat, wer sie vielleicht zerschnitten hat und wieder zusammengeklebt hat. Aber so sind diese Briefe entstanden. Und ich habe schon angedeutet, man unterscheidet zwischen authentischen Briefen und den unechten Briefen. Später sind die Briefe erschienen, wo jemand behauptet hat, er sei Paulus. Aber man kann das eben aufgrund der Art, wie sie geschrieben sind, feststellen. Der 1. Korinther, der 2. Korinther sind authentische Briefe, Galater auch, Philemon- und Philipperbrief auch, Römerbrief auch. Der 2. Thessalonicher, der Kolosserbrief, der Epheserbrief, die sogenannten Pastoralbriefe, der Titusbrief sind unechte.
Also es sind wenige, die von Paulus sind, aber die haben es natürlich in sich, vor allem die aus Korinth, und die Römerbriefe. Das sind keine Briefe, die Legenden und Geschichten erzählen wie in Evangelien, Gleichnisse, sondern sie sind sehr abstrakt. Aber trotzdem, man muss den Geist hinter diesen Worten sehen oder erspüren, wie auch immer. Und in diesen Briefen, in den 1. Thessalonicherbriefen, muss Paulus seine Stellung nehmen zu ganz alltäglichen Problemen. Er hat nämlich den Thessalonikern, den Thessaloniken, er hat auch gepredigt über die Auferstehung. Auch die Pharisäer, denen Paulus angehörte, glaubten an die Auferstehung. Das war damals nichts Neues, weil es sehr viele Mysterienreligionen gab, die sich an die Naturphänomene und dem Wandel der Jahreszeiten, an dem Kommen und Gehen, orientiert haben. Da gab es immer wieder Tod und Auferstehung. Daran konnte man schon andocken.
Aber Paulus hat auch ganz anderes gepredigt. Und da hat er sich berufen - wieder - auf das Licht vor Damaskus, dass er das von Jesus hat, oder wie man immer das sagen kann. Nicht von Menschen. Und er sagt, ich verrate euch den Geheimnis, wir werden auferstehen. Wir werden leiblich auferstehen. Nicht wie die Griechen das sagten, die Seele entschwebt irgendwo, und der Körper bleibt zurück und verrottet. Nein, nein. Wir werden leiblich auferstehen, aber nicht in unserem vergänglichen Körper, sondern in einem geistigen Körper. Wir werden umkleidet, sagt er, wie ein neues Kleid anzuziehen. Schwierig zu verstehen. Aber er ist ja ganz sicher, dass wir in einem neuen Körper auferstehen, weil Seele ohne Körper für ihn nichts ist. Musik kann man nur machen auf dem Instrument. Und so kann man sich auch nur einen Menschen als Seele und Körper vorstellen, aber eben als geistigen Körper. Und dann fragen sie natürlich, ja und was ist mit denen, die schon gestorben sind?
Werden die auch auferstehen oder nur die, die jetzt leben oder in Zukunft leben? Nein. Da hat er sie auch beruhigt und gesagt, auch die, die schon gestorben sind, werden auch auferstehen. Mit dem letzten Schall der Trompete. Denn auch das muss man wissen, genau wie Jesus war Paulus in der Gedankenwelt der altjüdischen Vorstellungen, dass ein Weltreich bald, bald anbricht, nämlich ein überirdisches Reich. Nicht, dass die Erde gewandelt wird und ein neuer Paradiesgarten wird. Nein, es wird mit einem plötzlichen, wie einem Überfall, ein überirdisches Reich anbrechen. Man dachte damals, das es bald der Fall sein wird. Er sagte auch, es ist nur noch wenig Zeit. Aber dann musste er auch feststellen, das dauert und dauert. Und haben wir auch wieder Paulus, diese lebendige Grenze, nämlich zu sagen, wir hoffen auf etwas. Es wird kommen. Aber gleichzeitig müssen wir uns um das Hier und Jetzt kümmern. Und darum hat er in jeder Gemeinde auch versucht, auf die Fragen der Leute einzugehen,
auf ganz alltägliche Fragen des Zusammenlebens, und immer in der Hinsicht darauf, dass wir ja jetzt leben. Und so hat er es auch gemacht. Er musste fliehen aus Thessaloniki, musste runter nach Beröa. Also wir kommen nach Griechenland runter. Er musste fliehen. Er hat seinen Begleiter, den Timotheus, und den Silas, erstmal zurückgelassen. Die sollten nochmal Thessaloniki besuchen, dort nach dem Rechten sehen. Er ist schon geflohen, runter nach Athen. Kurzer Zwischenhalt. Da hat er dann mit den Philosophen, den griechischen Philosophen diskutiert und wahrscheinlich keine gute Figur gemacht. Später hat er auch geschrieben, wahrscheinlich auch im Hinblick auf die griechische Philosophie, "Die Juden fordern Zeichen. Die Griechen fordern Weisheit. Und wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten.
Für Juden ein empörendes Ärgernis. Für Heiden eine Torheit. Aber für die Berufenen, wie Juden, wie Griechen, es ist Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Für manche eine Torheit, für manche eine Ärgernis, aber für uns ist es die Wahrheit." Und das muss man auch immer wieder betonen, dass Paulus gerade in der Schwäche immer seine große Stärke sieht. Und schwach war er sehr oft. Um ihn zu verstehen, was dieses Licht in ihm bewirkt hat, müsste man eigentlich Paulus mal erleben. Also nicht nur sprechen. Denn dieser unscheinbare Mann, dieser kleine, kahlköpfige Mann, der muss eine unglaubliche Ausstrahlung gehabt haben. Und das gehört auch zur Botschaft dazu. Etwas, was in ihm war. Wo er immer wieder betont die Kraft, die in ihm war.
Und er unterscheidet den äußeren von dem inneren Menschen. Er sagt, der äußere wird aufgerieben, jeden Tag. Aber der innere ersteht jeden Tag neu, der altert nicht. Nur der äußere Mensch, der Innere nicht. Und das darf man ihm ruhig auch glauben, denn, je älter er wurde, und er wurde für die damalige Zeit sehr alt, hat er überlebt. Und diese Kraft, die ihn vorgetrieben hat, diese unglaublichen Strecken, die er zurückgelegt hat, alles, was er an Strafen, Schiffbrüchen, Steinigungen erlebt hat, was da für eine Kraft dahinter steckt. Es gibt viele Leute, die eine Lebenskraft haben, die stark sind. Aber diese Kraft, die er gelebt hat, das war doch etwas sehr, sehr anderes. Runter geht es weiter über Athen, runter nach Korinth. Eine wirklich bedeutende Stadt, Korinth. Er kam mit großen Bangen hin, weil er gedacht hat, wahrscheinlich geht es mir wieder genauso,
wahrscheinlich werde ich geschlagen und komme ins Gefängnis. Mit großem Sausen ist er hingekommen, Angst hat er gehabt. Ihm war sehr bange. Und er kommt in diese große Stadt nach Korinth, wo wieder so viele Völkerstämme zusammen waren. Aber was er als erstes gemacht hat, ist, erst einmal Arbeit zu suchen. Das ist auch ein Problem. Wie hat er sich überhaupt ernährt? Wo hat er denn überhaupt geschlafen die ganze Zeit? Vermutlich ist es so, dass er zwischendurch immer wieder gearbeitet hat. Es gibt da diesen schönen Satz von ihm: "Wer nicht arbeitet, bekommt ja nichts zu essen." Und er hat gleich Leute gefunden, die ihn aufgenommen haben, nämlich Aquila und Priszilla, ein Ehepaar, das aus Rom kam, weil damals unter Claudius die Juden aus Rom vertrieben wurden. Und die sind gelandet in Korinth und waren auch Zeltmacher, beide. Und bei denen hat er gearbeitet. Aber dann ist sein Weg wieder gegangen in die Synagoge. Und da hat er sich wieder zerstritten mit den Juden, sodass sie ihn rausgeworfen haben.
Blöd nur, dass der Synagogenvorsteher dann zu ihm gehalten hat und sich dann taufen hat lassen. Und dann haben sie einen neuen eingesetzt, Sosthenes hat er geheißen, und der sollte Paulus vor das Gericht bringen, nämlich vor den Statthalter, der geheißen hat Gallio. Und dieser Gallio ist sehr interessant, weil man nämlich in Delphi einen Gedenkstein gefunden hat, in dem Gallio verewigt war. Und da stand auch drauf, wann er Statthalter in Korinth war, nämlich 50/51. Und von diesem Punkt aus kann man das Leben des Paulus berechnen. Und dieser historische Punkt ist ganz sicher. Man hat ihn vor den Richterstuhl gebracht, die Bema. Das ist ein Riesenmarktplatz gewesen. Die Bema war so eine Art Bühne. Und da hat Gallio sich die Beschwerden angehört. Und dann haben sie den Paulus hingeschleppt und haben gesagt, der bringt Unruhe. Der behauptet, der Messias war schon da und der behauptet, Messias wird kommen, und der wird das Römische Reich auch zerschlagen.
Aber der Gallio war ein vernünftiger Mann, hat gesagt, das sind alles Dinge, die ich nicht verstehe. Macht ihr eure Religion aus. Solange es bei mir ruhig ist, habe ich nichts gegen den Menschen einzuwenden. Und das war ein Freispruch für Paulus. Er ist längere Zeit geblieben. Aber interessant ist, was er in Korinth gemacht hat. Er ist nämlich weg von der Synagoge. Und die haben eine Hausgemeinschaft gebildet bei einem gewissen Titius Justus, der Grieche war. Hausgemeinschaft, und da haben alle Möglichen dazugehört. Da haben Frauen dazugehört, Sklaven dazugehört, ein hoher Beamter aus Korinth, Erastus hat er geheißen. Alle Schichten. Und das Zusammensein des Mahlzeits, das war etwas, was er anscheinend auch in Jerusalem gelernt hat, dass es Jesus eingesetzt hat vor seinem Leiden. Und Paulus hat auch so eine Hausgemeinschaft gemacht und ein gemeinsames Essen. Nur war es so, dass sie das ein bisschen missverstanden haben. Denn diejenigen, die nicht arbeiten mussten, die haben sich früher getroffen.
Und wenn dann diejenigen, die arbeiten mussten und später gekommen sind, gekommen sind, dann war nichts mehr zum Essen da. Also sozial ungerecht. Paulus hat darauf geachtet, dass auch die sozialen Unterschiede beachtet werden, nämlich dass alle das gleiche Recht haben. Und das ist etwas, was damals zu der Zeit völlig neu war. Alle sind gleich. Oder wie er es dann später gesagt hat, nicht Römer, nicht Grieche, nicht Sklave, nicht Freier, und jetzt kommt's, nicht Mann, nicht Frau. Und das war nun wirklich eine Sensation für damals. Im Judentum hat die Frau keine Rechte fast gehabt. Jeder Jude hat morgens gebetet, danke gesagt, nicht als Sklave und nicht als Frau geboren worden zu sein. Frauen hatten keine Rechte. Und plötzlich sagt der: Nicht Mann, nicht Frau. Es gibt leider noch einen anderen Satz von ihm.
Der heißt: "Die Frau schweige in der Gemeinde." Aber das steht in striktem Gegensatz zu dem, was er sonst gesagt hat. Nämlich: nicht Frau, nicht Mann. Und er war als Eheberater damals tätig. Auch etwas für Dinge gesagt, würde heute jeder Eheparater dazu klatschen. Er hat gesagt, jeder kümmert sich um den anderen. Die Frau stehe dem Mann zur Verfügung, die Frau darf über den Körper des Mannes auch bestimmen. Und wenn ein Mann eine ungläubige Frau hat, darf er sich nicht von ihr trennen. Nein, die sollen beisammen bleiben. Und er sagt, ich bin zwar nicht verheiratet, wäre auch gar nicht möglich gewesen, wer sollte das Leben aushalten, aber ihr könnt heiraten. Klar, es ist besser, wenn jemand verheiratet ist, als wenn er dauernd seinen Begierden unterworfen ist. Also sehr psychologisch fein und für die damalige Zeit ganz, ganz ungewöhnlich. Und noch ungewöhnlicher war, und das ist wirklich Fakt,
dass viele Frauen in diesen Hauskreisen große Rollen hatten. Eine gewisse Priska, eine Junia, eine Tryphosa, eine Tryphäna, eine Persis, eine Julia. Interessant natürlich der eine Name, Junia. Der galt bis zum Mittelalter als Apostelin. Und dann plötzlich hat man den Namen geändert in Junias. Weil man sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau eine Apostelin ist. Aber man weiß heute, dass es Junias, den Namen, überhaupt nicht gegeben hat. Die muss Junia geheißen haben, ganz klar. Aber es war typisch, dass gerade diese sehr tolerante Einstellung Frauen gegenüber später dann geändert wurde. und das wieder zurückgenommen wurde. Aber man braucht sich nur den Römerbrief anzuschauen, wo Paulus eine ganz lange Grußliste hatte. Und von den 24 Gegrüßten sind 10 Frauen, die alle, er sagt "Diakonia", sind, also das sind Verwalter,
die sind tätig in der Gemeinde oder auch Apostelin. So muss es gewesen sein, dass sie wichtige Rollen hatten. Und das war auch in Korinth so. Korinth war ein schwieriges Pflaster. Als er später wieder hingekam, musste er feststellen oder seine Begleiter mussten feststellen, dass sie wieder abgefallen sind, weil dort, wie er sie sagt, die Super-Apostel hingekommen sind. Das waren bezahlte Redner, die waren rhetorisch ganz anders drauf. Und da haben wir Paulus vorgeworfen, Mensch, mit deinem Auftreten, da kannst du keinen von uns überzeugen. Manchmal hat er anscheinend gestottert, wie auch immer. Und Paulus hat dann auch versucht, ihnen klarzumachen, dass es nicht darauf ankommt, auf rhetorische Brillanz, oder wie die Leute dann dahergekommen sind mit besonderen Gewändern. Das macht es nicht aus. Und was er gesagt hat, war nochmal wirklich interessant, dass er sagt, die Ungläubigen, die keine Gesetze haben, keine Vorschriften haben, die haben ihre Gesetze hier drin.
Das sind nicht Tafeln aus Stein, sondern aus Fleisch. Und jeder, der in sich diese Gesetze hat und weiß von Natur aus, wie er handeln muss, der ist ein Gerechter. Das ist etwas, was alles auf den Kopf gestellt hat. Zu sagen, wir brauchen nicht diese Gesetze, sondern jeder hat sie in sich und braucht sie nur - nachzudenken. Später hat dann Hannah Arendt das weitergeführt - kennen Sie vielleicht, den Namen -, die hat gesagt, was in uns ist, was wir denken nennen, ist ein Zwiegespräch. Wir unterhalten uns mit uns selber. So wie wir öffentlich mit jemandem sprechen, so unterhalten wir uns auch innen drin. Und aus diesem Zwiegespräch entstehen dann unsere Werte. Und Leute, die keine Zwiegespräche haben, zum Beispiel ein Eichmann in Jerusalem,
das sind Schlafwandler, die haben kein Zwiegespräch in sich. Die können machen, was sie wollen. Die haben kein Gewissen. Das sind Schlafwandler. Aber Paulus geht auch davon aus, dass etwas in uns ist, was uns diese Gesetze von Natur aus beibringt. Und das war natürlich etwas, was völlig, völlig Neues. Aber auch wieder etwas, was mit dem Licht zu tun hat, das er vor Damaskus erblickt hat. Er ist dann von Antiochia zurück über Ephesus. Ephesus liegt auf der anderen Seite, also schon auf der Seite, wo es dann zum Heiligen Land geht. Eine riesige Stadt. Da ist er noch kurz geblieben, ist dann zurück nach Antiochia gereist oder nach Tarsus gereist, um dann später, wie er sich vorgenommen hat, nochmal Ephesus zu besuchen. Unbedingt. Er hat also nochmal diese weite Reise gemacht, nochmal die dritte Reise, nochmal die Orte abgeklappert, wo er schon war, wieder Tausende von Kilometern auf dem Schiff.
Und Schiff, das ist kein Kreuzfahrtschiff gewesen, ganz sicher nicht. Sondern man ist auf Handelsschiffen gereist, man musste auf Deck irgendwie unterkommen zwischen der Ladung, ist von den Wellenbrechern überspült worden, war der Hitze und der Regen ausgesetzt. So waren die Reisen damals. Man hat sich sehr eng an die Küste gehalten, weil man immer Angst hatte, zu weit aufs Meer raus, dann kommt man in ein Unwetter rein oder der Schiffbruch. Wieder diese vielen tausend Kilometer, wieder über Korinth, wo er später mehrere Briefe hingeschrieben hat, um dann wieder zu landen in Ephesus, einer riesigen Stadt, wieder mit ganz vielen Einflüssen, ganz vielen damals verbreiteten Kulten mit dem Mithras-Kult, dem Isis-Kult, vor allen Dingen, oder Dionysos, Aphrodite, wo sie überall her kamen. Und in Ephesus gab es eine Göttin, die dort verherrlicht wurde, nämlich die Artemis von Ephesus.
Man hat später eine Figur dieser Artemis aus dem Meer gefischt. Können Sie sich mal anschauen auf Internet. Das ist eine große heiligen Figur, die über und über mit Brüsten ausgekleidet ist. Später hat man gesagt, das sind vielleicht Stierhoden oder wie auch immer, aber sind einfach Fruchtbarkeitsmerkmale, Fruchtbarkeitsgöttin. Steht für Tod und Sterben und für die Fruchtbarkeit, was ganz wichtig war. Und dieser Ort Ephesus war das Zentrum. Es gab einen riesigen Palast, einen Tempel der Artemis von Ephesus, eines der Weltwunder, später untergegangen durch ein Erdbeben. Aber der ganze Ort war damals, die ganze Stadt, und wieder eine Stadt, die fast an die Millionen ging, war ein Kultzentrum dieser Artemis von Ephesus. Und Paulus hat zu spüren bekommen, dass diese Art von Religion eben auch verbunden ist mit Geschäftemachereien.
Ich habe es Ihnen gesagt, ich komme aus der Nähe von Altötting, ich weiß, was das bedeutet. Und auch dort in Ephesus gab es eben viele, die so kleine Tempelchen und kleine Statuen verkauft haben. Und Paulus mit seiner neuen Lehre, den empfanden sie jetzt plötzlich als geschäftsschädigend. Und einer von diesen Handwerkern, Demetrius hat er geheißen, hat dann die anderen zusammengetrommelt und hat gesagt, dieser Mann, der macht unser Geschäft kaputt. Und dann haben sie sich versammelt und sind mit einem großen Haufen Richtung Theater gewandert und haben sich dort versammelt und haben zwei Stunden lang geschrieen: "Groß ist die Artemis von Ephesus, immer groß." Bis ein römischer Abgeordneter der Stadt kam und sagte, Leute, keine Unruhe, haltet euch still, zerstreut euch wieder, sonst werden wir euch verhaften oder wie auch immer.
Dann hat sich das Ganze beruhigt. Aber Paulus war immer noch im Visier dieser Leute, und die haben es auch geschafft, ihn wieder anzuschwärzen bei den Römern. Und irgendwie ist er wieder mal im Gefängnis gelandet. Wie lange weiß man nicht. Aber er hat gerade von Ephesus aus die wichtigsten Briefe geschrieben, die nach Korinth, die nach Rom, über diese Briefe, wo er nicht hin konnte. Oder er hat einen Mitarbeiterstab aufgebaut, über 50 Namen, und ist ins Hinterland auch gegangen, also von Ephesus, muss ein Zentrum gewesen sein. Aber von Ephesus aus, wir sind jetzt schon bei der dritten Reise, hat er wieder geplant, zurückzugehen nach Jerusalem mit Geld. Denn er hatte bei dem Apostelkonvent auch versprochen, Geld zu sammeln für die Bedürftigen in Jerusalem. Und mit diesem Geld, das er gesammelt hat, zwischendurch wollte er zurück nach Jerusalem, auch um die Leute dann zu versöhnen, weil er immer noch Jude war. Und er wollte auch von den Juden anerkannt werden.
Er wollte, dass sie sich auch bekennen zu seiner Art von Christentum, die er dann vertreten hat, in dem nämlich keine Barrieren aufgebaut werden, dass alle Christen werden können, die sogenannten Heiden, Mann, Frau, alle, Sklaven, alle, eine große Öffnung. Und ich glaube, oder viele Soziologen haben es auch festgestellt, dass das Christentum sich deswegen dann so verbreitet hat, weil die große Faszination für Frauen hatte. Frauen waren eigentlich die, die das Christentum verbreitet haben dann später, weil sie neue, ganz andere Rechte gehabt haben. Und so ist Paulus dann zurückgekommen oder ist weiter nach Ephesus. Wir müssen eine kurzen Halt machen in Troas. Troas ist oben, ich habe es schon mal erwähnt. Und da hat Paulus, bevor er nach Jerusalem ging, Halt gemacht und hat dort den Leuten gepredigt, und zwar in einem Haus, das mehrere Stockwerke hatte. Ich erzähle das nur deswegen, weil es gefährlich ist, wenn man zu lange redet.
Paulus hat nämlich lange geredet, und ein junger Mann, Eutychus hat er geheißen, der hat am Fenster gesessen, weil der Raum schon voll war und er keinen anderen Platz gefunden hat. Er saß also am Fenster, und Paulus hat nicht aufgehört zu reden. Und dann ist er eingeschlafen und ist runtergefallen. Und dann sind sie ganz entsetzt runter und dachten, er ist tot. Aber Paulus hat gesagt, nein, er ist nicht tot, und er war auch nicht tot. Aber dann hat er nicht mehr weiter geredet. Und so ging es zurück nach Jerusalem, voller Bangen: Wie werden die da reagieren? Und dort bei den Juden, bei der Urgemeinde, wurde er erst wohlwollend aufgenommen, weil er hatte ja auch Geld dabei gehabt. Und er sollte ein Gelübde ablegen im Tempel. Aber im Tempel waren Diasporajuden, also von auswärts, und die haben ihn erkannt und haben gesagt, das ist der Paulus, der überall predigt, dass man keine Gesetze einhalten muss, oder der sagt,
ihr müsst euch nicht beschneiden lassen und könnt trotzdem Christen sein, wie auch immer. Und dann haben sie sich auf ihn gestürzt, wollten ihn verprügeln, wollten ihn wahrscheinlich schon vor die Stadttore bringen und wollten dort ihn steinigen. Aber die Römer hatten neben dem Tempel die Burg Antonia, ein Symbol der römischen Herrschaft, ein riesiges Gebäude, von wo sie runterschauen konnten. Und immer, wenn da die kleinste Unruhe ausgebrochen war, sind die runter mit ihren Legionären und haben sofort für Ruhe gesagt. Und zwar brutal. Und auch da war es so: Sie haben gesehen, da ist ein Auflauf, was ist da los? Sie sind runter und haben gesehen, Paulus, dieser Mann da ist - Paulus wussten sie natürlich nicht -, das ist der Unruhestifter. Und haben ihn gepackt und haben ihn über die Köpfe der Leute dann in die Burg Antonia gebracht, haben ihn verwechselt mit einem anderen Aufrührer, der gesucht war. Und Paulus hat sich dann zu erkennen gegeben. Und dann war es so, dass sie, die Römer, rausbekommen haben, dass ein Anschlag auf ihn geplant war. Die Sicarier,
das waren Leute, die immer ein Messer, ein Säbel bei sich hatten und dann Attentate verübt haben. Und jemand hat ihm das gesteckt, dass auf Paulus das abgesehen war. Darum haben sie den Paulus weggebracht, um ihn in Sicherheit zu bringen nach Caesarea. Und dort ist er beim Statthalter, Felix hat er geheißen, vorstellig geworden. Und von dem hat er dann erklärt, wer er ist. Der hat ihn dann in Schutz genommen, weil immer wieder Leute, Juden aus Jerusalem kamen und gefordert haben, dass dieser Paulus getötet wird. Und weil es nicht mehr anders ging, hat Paulus sich berufen auf sein römisches Bürgerrecht. Und dieses römische Bürgerrecht hat in letzter Konsequenz ihm auch die Erlaubnis gegeben, an den Kaiser in Rom zu appellieren, der damals Nero war. Und daran mussten sie sich halten. Also wurde beschlossen, den Paulus nach Rom zu bringen mit Schiffen. Diese Schifffahrt ist in der Apostelgeschichte geschildert worden. Und dem Paulus ist auch wirklich nichts erspart worden. Denn als sie von Kreta ablegen wollten, das war schon spät im Jahr, man hat schon Stürme befürchtet, brach ein Riesensturm los.
Sie mussten das Schiff zusammenhalten mit einem Riesenstrick, damit es nicht auseinanderbricht. Sie haben die ganze Ware runtergeworfen, um irgendwie noch gerettet zu werden. Wie eine Nussschale ist das Schiff herumgeworfen worden. Man wusste überhaupt nicht mehr, wo man überhaupt hinfährt, und ist dann irgendwann gelandet vor einer Insel, wo das Schiff dann zerbrochen ist, und sie mussten dann an Land schwimmen. Das war Malta, wo heute noch Gedenken an Paulus begangen wird. Wurde Paulus da festgesetzt und wurde dann mit einem der nächsten Schiffe, das war dann Monate später, wurde er nach Rom gebracht. Und hier geht dem Lukas, dem Berichterstatter, die Luft aus. Man weiß nicht mehr, was da genau war. Es wird dann zwar geschildert, dass er noch in einer Wohnung dort war, dass er noch Leute empfangen durfte. Aber der Rest ist ein bisschen Fantasie oder man kann es nicht zusammenreimen. Denn Sie wissen, es gab unter Nero eine große Christenverfolgung.
Er hat im Brandenburg-Kreuzhaus in der Stadt Nero eine große Christenverfolgung. Er hat den Brand Roms, den er wahrscheinlich selber initiiert hat, den Christen in die Schule geschoben, hat die hingerichtet, hat die an Pfählen festbinden lassen, mit Öl bestrichen und zu lebendigen Fackeln gemacht. Aber Paulus hatte das Bürgerrecht, und vermutlich ist er deswegen mit dem Schwert hingerichtet worden. Und heute, wenn Sie eine Paulus-Statue sehen oder eine Paulus-Darstellung, dann werden Sie feststellen, dass immer ein Symbol bei ihm dabei ist, nämlich das Schwert. Wie alt war er damals? Schwer zu sagen. Über 50. Wie wird er wohl ausgesehen haben zu der Zeit? Ich möchte aber zum Schluss vorlesen, was ich in meinem Buch als Schluss geschrieben habe über Paulus. Und zwar beschreibe ich ihn da als einen Suchenden. Da heißt es: "Auch unsere Zeit ist eine andere.
Und auch wir können die Worte und Handlungen eines Paulus nicht mehr so einfach übernehmen, um das zu erfahren, was er Geist nennt. Helfen kann uns dabei vielleicht jener Paulus, der uns auf einem Gemälde Albrecht Dürers entgegenblickt. Es hängt in der Alten Pinakothek in München. Vier Apostel sind darauf dargestellt. Johannes, Petrus, Markus und Paulus. Aber während Johannes und Petrus in einem Buch vertieft sind und Markus in eine unbestimmte Ferne sieht, hat sich Paulus dem Betrachter zugewandt und schaut ihn mit einem bohrenden, herausfordernden Blick an, als wollte er sagen, was ist mit dir? Dieser Blick des Paulus erinnert an die chassidische Geschichte über den Rabbi Schneur Salman, der verleumdet worden war und nun in Petersburg im Gefängnis sitzt.
Der oberste Polizist kommt in seine Zelle und er erinnert sich an die Geschichte des Paulus. Der oberste Polizist kommt in seine Zelle, unterhält sich mit dem frommen Mann und stellt ihm endlich eine Fangfrage. Er will wissen, warum Gott, der doch allwissend ist, Adam, der sich nach dem Sündenfall im Paradiesgarten versteckt hat, mit den Worten sucht: 'Wo bist du?' 'Nun', antwortet der Rabbi, 'in jeder Zeit ruft Gott jeden Menschen an: Wo bist du in deiner Welt? So viele Jahre und Tage von den dir zugemessenen sind vergangen. Wie weit bist du derweilen in deiner Welt gekommen? So etwa spricht Gott: 46 Jahre hast du gelebt. Und wo hältst du? Als der Polizist die Zahl seiner Jahre hört, legt er dem Rabbi die Hand auf die Schulter und sagt: 'Bravo!' Aber sein Herz, so heißt es in der Geschichte, flatterte.
Der Rabbi erklärte nicht sachlich die Bibelstelle, sondern wendete die Sprache auf den Fragenden zurück. So wird deutlich, dass nicht nur Adam in der biblischen Geschichte, sondern auch der Polizist sich vor Gott und letztlich vor sich selber versteckt. Nur wenn er aus seinem Versteck herauskommt, so könnte man sagen, kann er die Verantwortung für sein Leben übernehmen und Gott begegnen. Anders gesagt, er muss einen Schritt auf Gott zumachen, um gefunden zu werden. Ebenso hat sich Paulus Leser gewünscht, die sich nicht verstecken, sondern ihm entgegenkommen. Denn er wusste, dass nur das verstanden werden kann, was schon irgendwie vorher in einem angelegt ist. Und dass er nur den erreichen kann, der seine Fragen und Zweifel als die eigenen entdeckt. Und so könnte der Blick, den Paulus auf dem Gemälde Albrecht Dürers den Betrachter zuwirft, auch bedeuten: Und wo bist du?
Der erste Christ | 14.3.1
Sie nennen ihn ein »Genie des Hasses«, den »größten Umstürzler aller Zeiten«, das »enfant terrible des Christentums«. Er war aber auch ein Netzwerker, ein Reisender, Schiffbrüchiger, ein Mystiker und Praktiker, er wurde verfolgt, ausgepeitscht, eingesperrt, gesteinigt. Aber vor allem war Paulus der erste Mensch, der den Jesus-Glauben in die weite Welt trug. Alois Prinz hat sich in seinem Leben mit den Lebensläufen vieler Menschen aus Kirchen- und Weltgeschichte beschäftigt, auch mit Paulus. In diesem Vortrag zeichnet er die Lebensgeschichte eines Mannes nach, der antiken Texten zufolge wenig Ausstrahlung, dafür umso mehr Streitlust hatte. Und der trotzdem wie so viele umstrittene und unperfekte Menschen zum Werkzeug Gottes wurde.