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Heute geht es um Dankbarkeit. Das mag überraschend klingen, auch ein bisschen unpassend. Ging es nicht hier eigentlich um Zukunft, um Hoffnung? Hatten wir nicht eigentlich die großen visionären Fragen auf dieser Tagung vor? Da klingt Dankbarkeit so ein bisschen wie ein Rückschlag, wie eine konservative Rückabwicklung. Tun wir mal so, als ob das so gemeint wäre. Man könnte ja tatsächlich sagen, es gibt heute Menschen, denen ist alles nie gut genug. Die sind alle immer unzufrieden, und das all das, was so eine moderne, marktwirtschaftliche, freie Gesellschaft zu bieten hat, ist für sie nichts. Sie wollen Reformen, sie wollen Revolution, sie wollen

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Veränderungen, sie brauchen Visionen, sie brauchen Utopien; alles, was ist, ist ihnen irgendwie nicht richtig genug, zu schlecht, zu kapitalistisch, zu autoritär, zu patriarchalisch und so weiter. Der Gegenschlag lautete: Die Welt ist im Grunde besser, als sie je war, den Menschen fehlt es nicht an diesem oder jenem an Veränderung, es fehlt ganz schlicht an Dankbarkeit. Dankbarkeit ist die unterschätzte Superkraft, die viele Menschen einfach nicht so auf dem Schirm haben, und das ist eigentlich das Hauptproblem. Wenn die Menschen gründlicher über Dankbarkeit nachdächten und es auch ein wenig üben würden, würden wir in einer anderen Welt leben. Ja, es gibt so Dankbarkeits-Trends, weiß nicht, ob ihr das so mitbekommt. Ich sah neulich eine Serie, da gab es eine Frau, die war schlecht drauf,

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die war nervös, die war gereizt und so, alle merken, sie ist schlecht drauf. Ihr Mann fragt: "Sag mal, hast du deine Medikamente nicht genommen?", und sie sagt: "Doch, habe ich, ich weiß auch nicht ..." Da meint er: "Oder hast du etwa vergessen, dein Dankbarkeits-Tagebuch zu schreiben?" Und sie sagt: "Ja, genau, stimmt, das ist es!" Aber sie waren erleichtert, denn sie war schlecht drauf, weil sie echt vergessen hatte, ihr Dankbarkeits-Tagebuch zu schreiben. Aber schön, also dann wusste sie es und dann wurde es auch besser. Ja, das gibt's, das ist etwas, was viele Menschen tun. Ich war auch mal beteiligt an einem Forschungsprojekt über so was, also ein richtig klinisches, empirisches Forschungsprojekt, interdisziplinarisch, da haben Psychologen, Religionswissenschaftler, TheologInnen zusammengearbeitet, wir haben da so ein bisschen geguckt, da einen Versuchsaufbau entwickelt und

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Menschen mit Diagnose unterschiedlichen Interventionen ausgesetzt. Und man ist ja ganz fies, also man sagt: Für Menschen mit Schlafstörungen, für Menschen mit Stresssymptomen, für Menschen mit Stimmungsschwankungen oder milden bis leichten Depressionen so hier und da, für die ist der Versuch dann kostenlos und man kommt schnell dran. Und dann melden sich viele an und hoffen. Man nimmt die Hälfte, die andere nicht, hat Vergleichsgruppen, fies irgendwie, aber man macht das so. Und dann haben wir die, die man genommen hat, auch unterschiedlich behandelt. Die eine Hälfte hat man so Dankbarkeits-Tagebuch schreiben und Dankbarkeitsübungen machen lassen, App-basiert, das kann man alles ganz wunderschön machen. Dann hat man so eine schöne App, die sagt jeden Morgen "Palim, palim. Sind Sie schon für irgendwas dankbar?", und zwischendurch

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kriegt man auch eine Meldung: "Wollen Sie kurz innehalten und fragen, wofür Sie gerade dankbar sind?", und spätestens abends kommt dann das große "Palim, palim", und dann muss irgendwie so eine Tagesbilanz gemacht werden. Und das hat man dann mit einer anderen Kontrollgruppe verglichen, die hatte dann Yoga oder autogenes Training oder sonst wie, und man hatte gleichzeitig die Vergleichsgruppe ohne Behandlung auf der Warteliste, die man befragen konnte. Das Ergebnis kurz und knapp: Es bringt was, also es bringt effektiv was. Dankbarkeitsübungen sind eine sinnvolle Intervention, nicht so gut bei Angststörungen, aber bei mittleren bis leichten Depressionen gut, bei Stress gut, bei Schlafstörungen gut, jetzt auch nicht sehr viel besser als Yoga oder so, aber ja, es es bringt was, es bringt auf jeden Fall sehr viel mehr als einfach immer weiterrennen oder so. Es gab dann auch lustige

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Effekte, man hat sich gefragt: Bringt das was, egal ob die Menschen fromm sind oder nicht? Hilft es bei frommen Menschen vielleicht doppelt? Das ein bisschen traurige Ergebnis war: Nein, also bei frommen Menschen hilft es oft sogar schlechter - das ist eigentlich ganz witzig -, weil die leichter zum Druck neigen, das Gefühl zu haben, nicht dankbar genug gewesen zu sein. Auch ein bisschen leider muss ich sagen, also fromme Menschen und Frauen müssen ein bisschen aufpassen, denn es funktioniert weniger gut. Aber wenn man einen säkularen Mann so etwas machen lässt, man hat voll die Effekte. Wen immer das trösten mag - das ist schon irgendwie ganz gut. Also das ist der seriöse Bereich, wo man echt sagen kann, das ist gut,

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das darf man wissen. Es gibt den nicht so seriösen Bereich, wo man sagt, Dankbarkeit kann so viel mehr, ihr ahnt es gar nicht. Es gibt so ein ganze Buch- und Filmreihe, Imperium of the Secret, wer das mal gehört hat, und das ist im Grunde der 27. Neuaufguss von bestimmten Formen magischen positiven Denkens, wo einfach gesagt wird: Das Tiefengesetz der Welt ist Gravitation, und Gravitation nicht nur in der Materie oder so, sondern es gibt eine Art Prinzip geistiger Gravitation. Wer seinen Geist positiv konfiguriert - glückliche Gedanken, positive Gedanken, Gedanken der Selbstaffirmation, des Empowerments, der Stärkung - und wer positive

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Zukunftsimaginationen zum Teil seines Lebens macht und sich quasi so darin übt, sich zu sehen als erfolgreich, als schön, als beliebt, als schlank, als vermögend, als Karrieremacher und so, der wird wahre Wunder sehen. Und unsere Bücher erklären das so auf sieben Seiten - für mehr reicht die Idee auch nicht - und dann kommen tausend Geschichten, tausend Geschichten wie Menschen, die ein schlechtes Leben haben, schlechte Laune und so weiter, dann das Geheimnis entdecken und da Coaching bekommen und jetzt sagen: "Mein Porsche, mein Haus, meine Frau, meine nächste Frau, meine übernächste Frau" und was auch immer. Aber es ist ein nicht-seriöser Bereich, das werde ich nicht weiter vertiefen, es gibt keine Studiengrundlage für, dass das erfolgreich ist, das wollen wir mal weglassen. Aber gut, die Idee ist vorhanden, dass man durch Dankbarkeit die Welt rückwärts und

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vorwärts verzaubern kann, dass das die große geistige Energie ist, die eigentlich die Welträtsel lösen könnte. Wenn Menschen dankbar würden, gäbe es weniger Gier, weniger Geiz, mehr Großzügigkeit, weniger Rache, weniger Vergeltungslogik, weniger ... Das könnte man auf alle Weltkrisen übertragen. Wenn jeder Mensch jeden Abend fleißig sein Dankbarkeitstagebuch und so machen würde, wären alle Kriege zu Ende, alle beruhigen sich. Oder auch nicht, mal gucken. - Wir steigen aber mal tiefer ein und sagen, ja Moment, denn das könnte man jetzt auch super christlich wenden und sagen: Die ganze Tagung hat hier falsch angefangen, dies Ganze da mit Hoffnung und Veränderungen und Weltgestaltung und Zukunft und Vision und Gleichheit und Gerechtigkeit für alle und so, das macht unzufriedene Menschen. Wenn du dich da erst mal so reingegroovt hast, dann gehst du

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raus, musst tanken, siehst die Bildzeitung und bist durch für den Tag. Dann bist du völlig entsetzt, was Leute sonst für Fantasien haben und wie sie drauf sind und so. Also das macht einfach schlechte Laune. Du guckst irgendwo Leserbriefspalten oder so - schlechte Laune. Denn gemessen an dem, was du denkst, wie die Menschheit sein müsste, gibt es zu viel Frustrationspotenzial. Ist es vielleicht tatsächlich der Move, um den wir uns bemühen müssen: "Werde dankbarer", und es wird leichter? Fragen wir uns zunächst mal ganz schlicht: Was ist das? Was ist Dankbarkeit? Ich weiß, es macht nicht allen Spaß, aber man schuldet es dem wissenschaftlichen Anspruch, ein bisschen zu erklären. Dankbarkeit, erklären wir es mal sehr einfach. Danken ist ein relationales Verhalten mit dem Muster: A dankt B für C. Ja, es fängt immer so

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unspektakulär an, wir pirschen uns da langsam hoch in der Wissenschaft. A dankt B für C. Das heißt, wir haben einen Empfänger, einen Geber und eine Gabe. Dankbarkeit ist Reaktion eines Empfängers gegenüber einem Geber für eine Gabe. Man könnte es auf einen Begriff bringen: Die Gabe wird beantwortet mit der Dankbarkeit. Und der Dank ist im Kern eine Form von Freude, mit Wohlwollen gemischt. Dankbarkeit ist ein gemischtes Gefühl. Das gemischte Gefühl besteht aus Freude über die Gabe und über den Akt des Gebens und Wohlwollen gegenüber dem Geber, von dem ich diese Gabe habe. Man kann Dankbarkeit bezeichnen als Spiegelwohlwollen,

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weil ich die empfangene Gabe quasi spiegle durch zum Ausdruck gebrachtes Wohlwollen. So, und dieses Zum-Ausdruck-Bringen des Wohlwollens geht in Wort und in Tat, in der Danksagung oder auch in der Gegengabe. Zoomen wir näher rein in dieses ganze Phänomen. Dieses Phänomen Dankbarkeit setzt zunächst mal eine kognitive Ebene voraus. Ich muss ganz schlicht wahrnehmen, verstehen, geistig realisieren, dass ich etwas bekommen habe. Dann muss ich diese Tatsachenfeststellung ergänzen durch die Interpretation, dass es mir vom anderen vorsätzlich gegeben wurde. Also ich kann nicht im Zug sitzen und dann geht der Sitznachbar aufs Klo oder so. Er hatte ein Handy in der Tasche,

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das fällt mir, während er aufsteht, zufällig in den Schoß und ich sage: "Danke, danke." Das kommt nicht gut an ... Das wäre eine Fehlinterpretation. Er hat mir sein Smartphone nicht in den Schoß geworfen. Das muss man schon klar kriegen, dass man nicht jedes Versehen annimmt und sagt: "Danke, so eine Großzügigkeit ist so selten heutzutage, ich muss gleich weinen." Nein, also man muss hier richtig interpretieren, dass irgendetwas auch mit Absicht gegeben wird. Und implizit ist natürlich auch damit verbunden, dass es sich um ein Gut handelt. Man kriegt ja regelmäßig E-Mails, ihr bestimmt auch, ich kriege sehr viele, wo Menschen fast tot sind und sagen: "Ich habe zufällig noch 19 Millionen übrig irgendwie. Ich habe dein Profil gescannt, du machst einen sympathischen Eindruck, du kannst sie haben und so. Da ist jetzt irgendetwas, du musst mit meinem Notar ..." - also ihr kennt das. Man merkt, es sollen Menschen noch drauf

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reinfallen. Oder auch die Trojaner. Die Trojaner haben sich mal bitter vertan, trojanisches Pferd und so. Also man muss kurz mal überlegen, Fantasien haben, ist das echt hier was Gutes oder ist es das nicht? Also ihr merkt, Dankbarkeit, wow, das ist schon ein bisschen eine kognitive Ebene; Tatsachenfeststellung, Interpretationsleistung und Werturteil sind hier ineinander verschränkt. Dann kommt die emotionale Ebene hinzu, und die wird immer wichtiger. Jeder, der irgendwie noch was arbeitet, checkt ja inzwischen so durch: Was könnte ich einer KI voraushaben? Wann bin ich hier vorne überflüssig? Wir haben es gestern gesehen, Junia-Projekt, oh, oh, oh, im Moment ist es noch ein treues Helferlein und so. Aber wann steht Junia hier als KI mit angenehmer Stimme und hat alle

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Quellen immer sicher parat, keine Fehlzitate, alles sitzt? Wann bin ich überflüssig? Viele von denen, die darüber nachgedacht haben, finden irgendwann so den Hoffnungsanker: Es fehlt an Gefühl. Da struggeln sie noch, es wirkt nicht so authentisch. Das wäre eigentlich ein schönes Thema: Warum? Aber ja, in der Tat, Menschen sind wesentlich auch fühlende Wesen, und das ist gar nicht komplett voneinander getrennt. Kognitive und emotionale Stränge sind in uns miteinander verzahnt. Aber eben diese Empfindungsebene, sich wirklich zu freuen, das ist ja ganz wesentlich. Also stellt euch vor, ihr seid Eltern und denkt: Ja, es ist viel Stress und man schläft schlechter und jetzt hat man diese kleinen Racker hier.

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Aber am Heiligabend, wenn man dann was gefunden hat und sie dann vor Glück toben und auf dem Boden liegen und trommeln und jubeln vor Freude, das gleicht im Grunde einen Monat schlecht schlafen aus. Stellt euch mal so KI-optimierte Kinder vor, die sagen: "Danke, Papa, danke, Mama. Ich freue mich sehr über eure wunderschöne Gabe." Ja, also das ist irgendwie ... Also man möchte schon ein bisschen springen, singen, toben und tanzen sehen und so, dass man sich selbst wenigstens auch ein bisschen fühlt. Das gehört doch dazu. Das hat dann natürlich auch ein großes Spektrum. Jeder kennt es: Man kriegt was geschenkt und das Geschenk ist eigentlich für die Füße. Man hat es schon oder man braucht es nicht, wie auch immer. Aber die soziale Erwartung ist, dass man nicht nur sich bedankt, sondern sich wirklich freut. Da muss man die Beziehung abschätzen:

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Muss man jetzt simulieren, Augen zu und durch, oder ist das hier authentizitätsverträglich genug? Manchmal - kennt man vielleicht auch - gibt es ja Kinder, die irgendwann auch bei positiv affirmativem Erziehungsstil ernsthaft glauben, dass jedes von ihnen gemalte Bild eigentlich museumswürdig ist. Da ist man gut beraten, das für eine bestimmte Lebensphase als Gesamteindruck auch aufrechtzuerhalten, das immer zu feiern und so. Das Kind hat gemalt. Es freut sich, und dass man sich selbst freut, macht das Kind froh. Probiert es aus! Da kann man sagen: Ja, danke schön. Nein, das Kind wird irgendwas merken. Es wird sich rächen in der einen oder anderen Art und Weise ... Also: kognitive Dimension, emotionale Dimension, praktische Dimension.

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Hier gibt es jetzt eine Verzweigung: Man reagiert durch eine Sprachantwort - man dankt mit Worten, durch eine Danksagung, wie auch immer -, aber nicht selten auch durch eine Tat-Antwort, durch eine Gegengabe, durch eine Umarmung, durch Freuden, Tränen, wie auch immer. Das werden wir jetzt gleich noch näher vertiefen. Darum hier nicht mehr. Wenn wir uns also fragen: Was ist Dankbarkeit? Das ist gar nicht so einfach. Dankbarkeit ist nicht nur ein Gefühl. Es ist Mitgefühl mit Freude und Wohlwollen. Ganz klar. Aber da findet mehr statt. Man könnte sagen, es ist eine Tugend. Eine Tugend ist der positiv formatierte Habitus eines Menschen, also etwas, was durch Praxis und Übung quasi in eine Art permanentes Standby versetzt wurde, was immer wieder auch aktualisiert wird. Aber so ganz

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weiß man es auch nicht, weil zu viel Kognitives, Emotionales mit reinspielt. Man nimmt manchmal so Begriffe wie Haltung oder Einstellung, und darin ist es vergleichbar den Grundbegriffen wie Vertrauen und Hoffnung. Und diese Grundhaltungen sind sehr, sehr wesentlich. Der christliche Glaube besteht eben nicht nur in Theorie, so Gedanken, Theologie oder irgendwas, besteht auch nicht nur in Praxis, Tun, Machen, sondern er ist sehr häufig in vielen Dingen verwurzelt, verwoben in etwas, was die ganze Person erfüllt und durchdringt. Und Glaube besteht sehr stark auch darin, bestimmte Haltungen, so eine Sequenz von unterschiedlichen Haltungen miteinander zu verknüpfen und zu leben, in denen bestimmte

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Sprachhandlungen, Gefühle, soziale Bezüge und auch Denkweisen miteinander verknüpft sind. Wozu ist das jetzt gut zu wissen? Ich weiß auch nicht. Aber ja, also man denkt drüber nach, und ein bisschen Klarheit im Kopf ist dabei ganz schön, weil wir jetzt im Folgenden dann auch bei Problemen, bei Schwierigkeiten ein bisschen diagnostizieren können: Wo ist das Problem lokalisiert? Denn ihr habt es vielleicht gemerkt, Leben ist nie ohne Schwierigkeiten. Dankbarkeit ist alles andere als unkompliziert, und um komplizierte Dankbarkeitsverhältnisse analysieren zu können, ist so ein bisschen Begriffsinstrumentarium schon mal ganz gut. - Nach dieser Einleitung springen wir jetzt ein bisschen mehr in die Geschichte hinein. Die ist schon auch interessant.

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Ich fange mal an mit einer Geschichte, die ich mal so gehört habe. Ich verfremde sie krass. Ich kenne einen Menschen, der in der Begleitung und Betreuung von Geflüchteten gearbeitet hat. Und da gab es eine Phase in irgendeinem Land Mitteleuropas und so, da waren ganz viele Menschen, die wollten helfen. Die waren sehr bereit, sich da zu investieren und reinzugehen, und haben da überall mitgemacht und so. Nach einiger Zeit wurde die Stimmung schlechter, gesamtgesellschaftlich, und es gab komische Zeitungen, die haben Stimmung gemacht und so. Aber es gab auch bei den Helfenden mit der Zeit manchmal so das Ding, dass sie sagten: "Ich mache es total gern und es tut mir auch gut. Und was mich wundert, die lieben Geflüchteten, die sind offenbar sehr traumatisiert. Dass die sich viel bedanken, kriege ich gar nicht mit." Das war irgendwie so ein bisschen das Ding, wo manche gedacht haben: "Ich hätte, glaube ich, mehr gedacht, dass ich ständig umarmt werde und die mir ganz rührselige

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Dankbarkeitserklärungen machen, aber das findet nicht statt." So, und einer hatte dann eine sehr verstörende Geschichte. Er hatte einem Geflüchteten gegenüber weit, weit mehr als Dienst nach Vorschrift gemacht. Er hat sich da reingehängt, er hat sich da investiert, hat da Schaden erlitten bei der Arbeit und es war aufwendig, aber er konnte da jemand wirklich helfen bei ganz komplizierten Dingen. Sagt der Danke? Sagt er nicht. War irgendwie nicht. Aber irgendwann kam er zu ihm und sagte zu dem Helfer: "Hast du Feinde?" Der Helfer sagte: "Feinde? Ich weiß nicht, ob ich Feinde hab. Warum fragst du?" Und er sagte zu ihm nur: "Wenn du Feinde hast, sag Bescheid und komm zu mir, ich mach die kaputt." Das war seine Antwort. Ja, was macht so ein deutscher, helfender Mensch? Der sagt: "Nein, nein, das geht gar nicht in unserer Gesellschaft. Ich habe erstens keine Feinde, und wenn ich welche hätte, also man muss doch miteinander reden und so. Im allerschlimmsten Fall

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würde ich doch zur Polizei gehen, damit die sich kümmern." Er sagte nur: "Du musst nicht Polizei gehen, sagst du mir, ich mach die kaputt." Ja, für solche Fälle ist jetzt ein bisschen Soziologie und Anthropologie und so weiter ganz hilfreich. Ihr werdet merken, wir kriegen das jetzt ein bisschen besser verstanden, als wenn man da so mit Alltagsgehirn reinschlittert in eine solche Lage. Es ist kulturell ganz schlicht nicht universal. Diese Logik, du machst was für einen und er sagt: "Danke, danke, danke" - das ist weniger universal, als man denkt. Da gibt's sehr unterschiedliche Logiken zwischen Menschen, Kulturen, geschichtlichen Epochen und so weiter. Leider ist das extrem kompliziert. Ethnologen sind wahnsinnig spannend. Am besten aber sagt man denen nichts, denn sobald man denen irgendwie was sagt, sagen die: "Ja, aber es gibt 17 Stämme, da ist es völlig anders." Und ich weiß, dass es immer 37 Stämme gibt, wo alles völlig anders ist in der Welt.

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Aber ich pick jetzt aus unterschiedlichsten Forschungen ein paar Beobachtungen raus, damit man eine kleine Ahnung von solchen Sachen bekommt. Aber es ist furchtbar kompliziert. Also radikal vereinfacht: Im 20. Jahrhundert hat sich eine große Diskurslandschaft, Forschungslandschaft um den Begriff der Gabe herum entwickelt. Wenn man sich einen Namen merken möchte, weil man es kann, nimmt man den Namen Marcel Mauss. Der hat da intensiv studiert, ethnologische Studien betrieben. Und da findet man dann ganz viel. Wenn ihr mal schaut, Einführungen in Theorien der Gabe und so. Ihr werdet noch und noch und noch finden. Das ist eine der schönen Querschnittsforschungen des 20., 21. Jahrhunderts. Und seine Beobachtung war folgende. Er hat die erst so in Feldarbeit entdeckt, die hat man aber immer stärker dann auch in der Geschichte entdeckt: Tauschen. Tauschen ist ein Riesending.

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Und was man jetzt schon ein bisschen länger wusste: Es gibt schon ziemlich lange so etwas wie Warentausch. Warentausch, ganz alt, ursprünglich: Du kriegst von einem einen Rock und gibst ihm dein Huhn. Oder du machst ihm ein Schwert und er gibt dir ein Pferd. Also irgendwie ganz normal. Und dann merkt man irgendwann: Ich hab schon 17 Pferde, ich brauch die alle nicht. Und Geld zu erfinden, war echt eine Innovation, hat irgendwie was gebracht. Man kann es rumschleppen. Man kann gucken, was man damit macht. Und das ist eine Warentausch-Ökonomie, auf der schon lange vieles basiert, was immer radikaler wurde - ihr wisst, was los ist. Und Soziologen, Ethnologen und HistorikerInnen haben dann zunehmend mal geguckt und gesagt: Ich glaube, wir sind da einer großen Sache auf der Spur.

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Es gibt vielerorts nicht nur Warenökonomie und das Tauschen von Ware gegen Geld oder Ware gegen Ware. Die Menschen machen komische Dinge. Sie machen einander Geschenke, sie machen einander Gaben. Und wenn man ein bisschen Zeit hat, wenn man nicht nur so 14 Tage Praktikum Ethnologie irgendwo macht und so, dann sieht man: A macht B eine Gabe, B macht A eine Gabe. Es gibt so komische Verzögerungsprozesse, dass es nicht nur die Warentausch-Ökonomie gibt, Ware gegen Geld, Ding gegen Ding. Es gibt eine Geschenke-Ökonomie, die erkennt man am Moment der Zeitverzögerung. Du kriegst nicht etwas und gibst etwas zurück, sondern jemand gibt etwas und irgendwann gibt der andere. Und das ist ein sehr interessantes Forschungsobjekt.

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Es gibt diese Tauschlogik, aber eben nicht warentechnisch, sondern gabentechnisch. Es gibt Kulturen, die Kinder tauschen. Da ist das üblich: Du hast ein Kind, gibst es dem Nachbarn. Er hat ein Kind, du kriegst das Kind. Wirklich wahr! Das finden die normal. Die sagen: "Das ist doch ganz normal, bewährt sich auch, hat so die Frequenz von Kriegen in unserer Inselwelt drastisch reduziert." So etwas findet statt. Sehr häufig. Oder: Es wird geheiratet und dann gibt es Party. Aber richtig Party und nicht so ein bisschen, sondern Party bis zur totalen Verschuldung, so dass alle kommen und alle sieben Tage singen, tanzen, feiern, und alle kriegen Geschenke. Das wird erwartet, alle werden mit Geschenken überhäuft. Familie ist pleite, aber alle sind glücklich und hoch angesehen. Bis man dann eben pleite ist - aber Gott sei Dank heiraten ja alle mal. Man kommt dann irgendwie so durch. Und manche Soziologen waren sehr fasziniert und haben gesagt: "Oh, wow,

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das ist komisch." - Das ist es ja auch aus kapitalistischer Perspektive. - "Aber irgendwie haben die hier Austauschprozesse entwickelt, die echt ganz schön sind." Es gab eine Phase, da wurde das idealisiert. Da sagte man: Wir hier, Kapitalismus, alles kalt, und hast du viel, kriegst du viel und so weiter. Und es gibt andere, da ist nicht dieses Leistungsprinzip und Kaufprinzip, sondern Geschenkeprinzip. Alle schenken, alle bekommen und da muss keiner reich werden. Im Gegenteil, es ist die Ehre einer Familie, sich komplett zu ruinieren durch Geschenke. Ja, aber die sind dann eben auch überall und alles ist wunderbarerweise wiederhergestellt. So und manchmal sagte man: Diese Gabe-Ökonomie, die haben wir verloren. Das ist ein Drama. Das ist vielleicht der Kommunismus der Zukunft und so. Das ist ein Wunder an Reziprozität.

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Alle geben für alle und für alle ist gesorgt. Mit der Zeit verdüstete sich der soziologische, ethnologische Blick ein bisschen, man merkte schon auch: Alle schenken, alle kriegen - ganz so ist es nicht. Also es gibt diese Reziprozitätsverhältnisse - man könnte auch schlicht Gegenseitigkeit sagen -, wo man sich so wechselseitig einlädt zu großen Festen und Feiern oder auch zum Essen natürlich. Man lädt sich immer wechselseitig zum Essen ein. Dann aber, wenn man näher hinguckt, na, da laden nicht alle alle zum Essen ein. Das ist ein Status: Menschen einladen zu können, setzt ein bisschen was voraus. Du hast Platz, du hast Raum, du kannst das finanzieren. Und du lädst dann auch nicht wirklich alle ein, sondern die, die dich entsprechend zurückeinladen könnten. Und dadurch entsteht so ein Zirkel,

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dadurch entsteht so eine gesellschaftliche Schicht, die sich einladen. Und die dokumentieren damit eben auch ganz schlicht eine, wir würden modern sagen, soziale Klasse, in die andere eben nicht mit einbezogen sind. Es gibt andere Verhältnisse, da finden auch Gabe-Prozesse statt, aber nicht in dieser Logik der Gegenseitigkeit und Reziprozität, sondern es sind hierarchische Prozesse. Nochmal ein Beispiel aus dem Kino, der Film "Der Pate". - Es sind junge Menschen anwesend, die schreiben sich das kurz auf. Muss man gesehen haben, muss man! "Der Pate", alle drei Teile, keine Abstriche, das muss sein. - Das ist ein Musterbeispiel dafür. Mafia, Mafia-Gesellschaft, und der Mafiaclan-Boss ist der Pate.

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Es geht los mit einem, der Probleme hat. Seine Tochter wurde sehr mies behandelt, und er geht zum obersten Clan-Chef und weint sich da aus. "Meine Tochter wurde mies behandelt. Ja, und dass du mich mal da rächst und so - ich könnte dich auch bezahlen." Der Pate ist empört, er ist beleidigt. Er sagt: "So läuft das Spiel hier nicht. Ich werde deine Tochter rächen. Der Schweinehund, der deine Tochter schlecht behandelt hat, wird das bitter bereuen. Und das mache ich einfach so, es ist ein Gefallen. Weil du mir am Herzen liegst, weil ich dich lieb habe, weil ich dich ehre, weil ich deine Tochter mag, mache ich das einfach so für dich. Bezahlen - das ist eine Frechheit. Und es wird der Tag kommen, da werde ich dich auch um einen Gefallen bitten. Da werden wir nicht diskutieren."

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Ja, der weiß Bescheid. Pate. Das ist eine andere Logik. Du gibst, aber durch deine Gabe verpflichtest du auch Menschen. Und das ist völlig klar, dass du mit Gaben, dadurch, dass du Privilegien eröffnest, Stellungen, Positionen verschaffst, dir damit auch in gewisser Hinsicht eine Zugehörigkeit kaufst. Das wird man sprachlich immer verschleiern, grundsätzlich, aber es wird genau so funktionieren. Und dabei ist es absolut nötig, dass man sich da nicht rauskauft oder so. Das ist gerade falsch, sondern durch die Gabe, durch die Eröffnung von Privilegien wird eine Dauerstellung des Schuldners begründet. Und das ist ganz genau so gemeint, dass du wirklich dem Patron auch

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verpflichtet bist. Das ist eine spannende, schöne Beobachtung. Damit können wir jetzt ein bisschen arbeiten. Und wir machen das, indem wir uns hier eine wunderbare Bibelstelle näher anschauen, eine biblische Geschichte. Dafür sind wir ja auch hier. Das ist so schön, wie alle sagen, darum machen wir das ja hier auch immer wieder. Wir nehmen hier eine Geschichte aus dem Alten Testament, 2. Könige 5. Und das machen wir jetzt hier nicht als öffentliche stille Zeit - das ist auch schön und erbaulich -, wir wollen was lernen. Wir wollen im Sinne historischer Anthropologie mit dem Grundwerkzeug von Gabe-theoretischem Besteck einfach mal hier so ein bisschen schauen: Was ist da los? Es ist eine Geschichte von Elisa, Nachfolger von Elia. Ihr frischt alle schnell die Bibelkunde aus eurem Leben auf; Menschen mit strenger, frommer Kindheit profitieren jetzt, Jetzt haben sie da richtig einen Vorteil ...

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Wunderbar. Es geht um Elisa und den aramäischen Feldhauptmann Naaman. Situation: Naaman, Feldhauptmann bei den Aramäern. Aramäer, das ist die Zeit vor den Assyrern, noch vor den Babyloniern, also vor den älteren Königshäusern. Die Aramäer waren so die regionale Vormacht. Wechselvolle Verhältnisse, Nordreich, Südreich, alles sehr kompliziert und so. Man lernt es fürs Examen, man vergisst die Hälfte, man frischt auf. Das brauchen wir jetzt alles nicht. Aber ist so ein bisschen nicht auf Augenhöhe. Und es wird beschrieben, Naaman war ein Kriegsmann, und die Aramäer haben in Israel gerne mal gezeigt, wer die Vormachtstellung hat. Und er hat da unter anderem ein junges Mädchen weggeführt aus Israel und mehr oder weniger als Sklavin sich gehalten. Jetzt war er wohl ganz nett. Das Mädchen dachte unterm Strich, ich hatte viel Pech im Leben, aber es hätte noch

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schlimmer kommen können, also er geht. Und er war erfolgreich. Er war sehr angesehen bei seinem König. Er war aber aussätzig. Keine Apotheken-Landschaft, mit Salben war es noch ein bisschen schwierig, man wusste da nicht viel. Und nichts half. Die Arameäer wussten auch nicht, wie sie ihm helfen konnten. Und das junge Mädchen sagte: "Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria. Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien." Sie weiß noch: In Samaria, Nordreich, Elia, Elisa, da gab's Dinge, da gab's Heilungsdienste oder so ohne Lug und Trug. Da lief was. Ja, was macht man dann? Man geht den Dienstweg. Er wendet sich an seinen König und sagt: Ja, guck mal, ich habe da so eine Gefangene, du siehst diesen Mist hier an meiner Haut und so. Aber in Israel, da soll es was geben.

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Und der König von Aram sagt: "Zieh hin. Ich will dem König von Israel einen Brief schreiben." Wir denken wieder an "Der Pate", der Pate nickt: "Ich werde ihn um einen Gefallen bitten und er weiß dann hoffentlich Bescheid." Der Hauptmann war aber echt ein feiner Kerl. Der verließ sich nicht einfach darauf, dass der böse Brief seines Königs in Israel da die Türen von allein aufmacht. Er packt ein: Zehn Zentner Silber, 6000 Schekel Gold und zehn Feierkleider. Sagen wir einfach mal: viel. Er bringt richtig viel mit. Dem König von Israel wird der Brief übergeben. Da steht drin: "'Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist.' Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: 'Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem

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Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht.'" Spannend, wirklich spannend. Er merkt, was er machen soll, und hat keinen Plan. Da waren auch schlechte Beziehungen, Prophetie, Königshaus waren oft ein bisschen überkreuz. Manchmal ging es, aber hier war gerade wieder schlechte Stimmung. Und einen Gefallen nicht zu leisten, war ein Affront. Da kriegt man noch mal eine Reaktion drauf. Aber Gott sei Dank, es geht weiter. "Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: 'Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist.'" Also selbstbewusste Menschen - das ist ja auch mal schön, auch gut. "So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas."

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Rosse und Wagen ist jetzt nicht so Alltag, "Theo, spann den Wagen an" oder so. Nein, das ist nicht der Alltag, das ist schon ein richtiger Aufmarsch. Das hat nicht jeder. Und wenn da so einer kommt, vor dem der König gezittert hat, ist das ein Aufmarsch. Umso verblüffender, wie es weitergeht. Der hält vor der Tür. "Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: 'Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.'" Ja, das ist ein Affront. Damals war es eine Schamgesellschaft, sehr starke soziale Segregation, vertikale Schichtung noch und noch. Wenn so ein Typ zu dir kommt, der weit, weit über dir steht, ist es das Minimum, dass du selbst kommst. Minimum. Dann einfach so einen Knecht rausschicken und sagen: "Da ist so ein Heerführer, komm, sag dem mal Bescheid" oder so - das ist schon verächtlich irgendwie. Also das ist irgendwie ein bisschen brutal.

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Wir merken es an der Reaktion. "Da wurde Naaman zornig." Da er echt ein prima Kerl ist, hat er nicht sofort das Haus abgefackelt und alle zu Tode gefoltert oder so. Wäre eine Option gewesen. Aber er sagt einfach, was Standard gewesen wäre: "Ich meinte, er selbst sollte zu mir rauskommen und hertreten und den Namen des Herrn seines Gottes anrufen und seine Hand über der Stelle bewegen und mich so von dem Aussatz befreien." Er weint dann noch ein bisschen mehr. Der Jordan, so ein Dreckstümpel, und in Aram ist alles viel größer und das ist eine Frechheit. Das habe ich nicht verdient. "Er wandte sich und zog weg im Zorn." Und sehr spannend: Also die Knechte wurden alle leichenblass und dachten: Was wird der für eine Laune haben auf dem Rückweg? Und sie trauen sich noch mal und sagen: "Lieber Vater, wenn dir der Prophet was Großes geboten hätte, würdest du es nicht tun? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: 'Wasche dich, so wirst du rein.'" Weil er ein ganz prima Kerl, war, sagt er:

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"Stimmt. Was soll schon schiefgehen? Ich probier's." Ja, Wunder passieren. Wunder gibt's immer wieder. Er macht's. Er taucht siebenmal unter im Jordan. "Und sein Fleisch wurde heil wie das Fleisch eines jungen Knaben." Das wäre selbst ohne Aussatz manchmal ein Wunder. Aber man muss auch gönnen können ... Schön, super, sehr schön. So, jetzt hätte er sagen können: Jetzt ab nach Hause, dann lass uns das mal alles behalten. Nein, aber er ist ein feiner Kerl. "Er kehrt zurück zu dem Mann Gottes samt seinem ganzen Gefolge. Als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: 'Siehe, ich weiß, dass kein Gott ist in allen Landen außer in Israel. So nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht.'" Das ist spannend. Also er selbst kehrt jetzt die Hierarchie um und sagt: "Ich bin dein Knecht. Dein Gott ist über allem. Du stehst für deinen Gott. Ich bin dein Knecht. Nimm eine Gabe von mir."

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Das kann man nicht schöner machen. "Elisa aber ..." - ja, der ist auch so ein harter Knochen. Meine Güte, was sind das für Geschichten mit dem? Ja, ungeschmeidig ist das mindestens, was jetzt kommt. Er sagt: "So wahr der Herr lebt, vor dem ich stehe, ich nehme es nicht." Meine Güte, jetzt gönne der Geschichte doch mal ein Happy End. Da hätte er doch sagen können: Komm, gib her, ich verteil's an die Armen. Ich gründe eine Sozialstation, eine Naaman-Stiftung für Arme oder so. Gibt ja tausend schöne Möglichkeiten. Und der Naaman ist auch verstört. Also das ist jetzt hier alles ... Der Elisa hat nicht aufgepasst im Ethnologie-Basiskurs. So verhält man sich in der damaligen Zeit einfach nicht. Geht gar nicht. Es heißt dann weiter: "Er nötigte ihn, dass er es nehme. Aber er wollte nicht." Sehr, sehr, sehr verstörend. Naaman, ja, der macht was durch hier, aber er hat eine super Haut.

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Also gibt er sich noch einen Schub und sagt: "Wenn nicht, so könnte doch deinem Knecht gegeben werden von dieser Erde eine Last, so viel zwei Maultiere tragen können. Denn dein Knecht will nicht mehr anderen Göttern Opfer darbringen, sondern allein dem Herrn." Und dann erzählt er noch lauter andere Sachen, die das gläubige Herz der Menschen da erfreuen sollten, konnten und überhaupt. Aber wie interessant: Er will ihm doch eine Gegengabe geben. Also er wurde geheilt. Riesending, sehr wertvolle Gabe. Er weiß das total zu schätzen. Erst will er ihm eine große Gabe geben. Dann macht er ganz bescheiden und sagt: "Ich bin dein Knecht. Ich hab's doch. Jetzt nimm." Und als Elisa echt bockig ist, sagt er nicht mal: "So gib mir",

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sondern er dreht es so ganz in eine Demutsposition, die sich nicht mal zu bitten getraut, sondern indirekt sagt: "So könnte deinem Knecht Erde gegeben werden." Also: "Wir sind nicht wert, dir was zu geben. Aber gib uns wenigstens die Erde, auf der du stehst, dass wir auf reinem Grund den allein wahren Gott anbeten." Und jetzt seht ihr, jetzt ist der Zyklus geschlossen. Am Anfang war ja die Idee: Gabe, Tausch-Logik, von oben nach unten, oben ist Aram, unten ist Israel. Der König macht Druck. Und dann wird es irgendwann eine Form von Augenhöhe: "Du gibst mir, ich gebe dir." Und jetzt aber wirklich: Der Naaman gibt gar nicht, sondern begibt sich selbst in eine Position, wo er Elias quasi als Patron anerkennt.

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"Ja, ich kann dir nicht geben. Gib du mir. Und ich habe ein bisschen verstanden, du bist sehr fromm. Du willst gar nicht, dass ich dich jetzt hier abfeier, sondern deinen Gott. Ja, und ich erkenne auch: Es ist offenbar dein Gott, der mich geheilt hat." So, und das ist der Deal. Und hier sehen wir im Grunde das ganze Spektrum an Gabe-Möglichkeiten. Hierarchie von oben nach unten. Versuch einer Reziprozität, also Hierarchie von unten nach oben, wie das abgeschritten wird. Also kulturgeschichtlich ein wahnsinnig schöner, spannender Text. Die Fortsetzung ist nun auch schön. Naaman ist eine Strecke des Weges gezogen. Und Elisa hat so einen Diener, den Gehasi. Dem hätte eine gute fachwissenschaftliche Einleitung in das, was passiert, gutgetan. Der hat das alles nicht so ganz verstanden. Der zieht Schnütchen, der ist unzufrieden, er sagt: "Mein Herr hat diesen Aramäer Naamen verschont und hat nichts von ihm genommen." Und er ist auf so einer Logik: Das ist einfach doof. Jetzt müssen wir uns ein bisschen in den Gehasi reinversetzen.

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Warum ist das doof? Weil Aramäer die Israeliten schlecht behandeln. Sie klauen da junge Mädchen. Sie rauben da, sie beuten aus, sie verhalten sich arrogant von oben nach unten. Der hat einen berechtigten Brass auf die Aramäer. Der ist auf so einer bestimmten Ebene der negativen Tauschlogik im Sinne von: "Die tun uns Böses an. Wenn wir die Chance zur Rache und Vergeltung haben, lass uns das nutzen." Und dass Elisa den davonkommen lässt mit dem ganzen Zeugs, diesen 10 Zentnern Silber und 6000 Schekeln Gold, wie viel immer das sein mag, ist für ihn völlig unbegreiflich. Jetzt hätte man ihm erklären können und sagen: "Der Statuswechsel, den der Naaman durchlaufen hat, ist doch viel radikaler, als jetzt Geld weiterzugeben. Das macht so Leuten doch Freude. Im Grunde ist geben zu können doch ein Privileg."

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Aber Gehasi versteht das nicht. Der ist so auf seiner Ebene und sagt: Ja, da muss ich halt mal nachhelfen. "Er läuft hinterher, jagt Naaman nach, und als Naaman ihn sieht, steigt er vom Wagen ab und geht ihm entgegen." Auch hier wieder: "Er steigt ab, geht ihm entgegen." All das sind ja Ehrbezeigungen. Das ist ja praktizierte Anerkennung, dass dieses "oben" und "unten" nicht mehr gilt. Sehr fein. So, er fragt: "Steht es gut?" Und Gehasi sagt: "Ja, aber mein Herr hat mich gesandt und lässt dir sagen: 'Wir haben Besuch, Prophetenjünger', und du weißt, wie das ist. Man hat Besuch, man hat Gäste und so. Und mein Herr würde denen gerne was geben. Das sind ganz liebe Leute, sehr lieb und so. Also mit einem Zentner Silber und zwei Festkleidern - das wäre eine Riesenfreude für die und auch für meinen Herrn.

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Es ist ja schön, geben zu können. Es ist ja ein Privileg. Sehr schön. So viel verstehe ich von unserer Zeit. Ginge das noch?" Und Naaman sagt: 'Komm, nimm zwei Zentner", und er nötigt ihn und bindet zwei Zentner Silber in Beutel und zwei Feierkleider und sagt den Dienern: "Tragt es vor ihm her." "Nimm!" Gehasi geht nach Hause und denkt: War ein komischer Tag, aber am Ende habe ich einen Fang gemacht und bin eigentlich ganz lustig, wenn ich mir alles so überlege. Er versteckt das alles, verstaut das alles und weiß: Die Zukunft ist rosarot. Er tritt vor seinen Herrn. Elisa sprach: "Woher, Gehasi?" Ist immer schlecht mit so Propheten, da muss man überlegen, wo man in Stellung geht. Meine Güte. Aber das merkt er auch nicht. "Dein Knecht ist weder hierhin noch dorthin gegangen." Man ahnt das Ende. "Der Prophet sagte: 'Ist nicht mein Herz mit dir gegangen, als ein Mann sich umwandte

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und von seinem Wagen dir entgegen? Ist es an der Zeit, Silber und Kleider zu nehmen und Ölgärten und Weinberge, Schafe, Rinder, Knechte und Mägde? Ja, mach du mal. Aber der Aussatz Naamans wird dir anhangen und deinen Nachkommen alle Zeit.' Und da ging Gehasi von ihm hinaus, aussätzig wie Schnee." Jetzt ahnt ihr vielleicht, warum ihr die Geschichte vorher gar nicht so gut kanntet. Das Finale ist für den Kindergottesdienst ein bisschen doof. Eine super Geschichte, eigentlich toll. Aber am Ende denkt man: Mensch, kann man die Bibel nochmal umschreiben oder so? Gibt's da eine Version für 6- bis 12-Jährige oder so? Das heißt, der Witz ist für 6- bis 10-Jährige wahrscheinlich wieder fantastisch. Aber ab 12 kriegt man da so Fragen und denkt: Muss das so sein? So, wir sammeln uns nochmal ein bisschen.

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Jetzt bin ich nicht Pädagoge genug, um die Altersgruppe zu taxieren. Aber die Botschaft ist natürlich schon genial. Wir sehen eine Welt, die sehr stark hierarchisch strukturiert ist, in der Gabe und Gegengaben in Warenökonomie und Tauschökonomie noch so ineinander liegen - das ist wahrscheinlich auch immer irgendwie so ein bisschen der Fall - und Gabe-Austausch immer auch Hierarchien zementiert. Und für Religionsgeschichte ist es das Normalste von der Welt, dass auch mit den Gottheiten in so einem Sinne gedealt wird. Man bringt sich immer in Tauschpositionen: Die Götter geben, damit man ihnen wiedergibt; man gibt den Göttern, auf dass sie geben mögen.

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Und was wir bei Elisa sehen und was das dann schon noch so ein bisschen groß und einzigartig macht: Er ist ein harziger, kantiger Typ, aber die Logik ist ja: Gott ist kein Tauschpartner. Mit Gott macht man keine Deals. Und mit Gott ist man schon mal gar nicht auf Augenhöhe. Du bist aber auch nicht in einer hierarchischen Wechsellogik von Gabe und Gegengabe mit Gott. Vor Gott gibt es keinerlei Tauschlogik. Was Gott gibt, ist reine Gabe. Und du kannst nichts dazutun. Du kannst es nicht erzwingen. Du kannst es nicht erbetteln. Du kannst es nicht abbezahlen. Es ist reine Gabe. Auf einer anderen Ebene funktioniert es nicht. Und das ist schon so etwas, was in der hebräischen Bibel an vielen Stellen

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herausgearbeitet wird. Jetzt weiß ich nicht religionsgeschichtlich genug, ob man da sagen kann, es ist komplett einzigartig. Wahrscheinlich gibt's dann 17 Stämme, wo man sagen würde: Ja, da ist es aber jetzt genauso. Aber es ist nicht das Übliche, nicht das Normale. Es ist ein großer Ausreißer. Es ist neu. Es ist für viele auch verstörend. Zudem: Du kannst mit Gott nicht tauschen. Wer sich das in einem biblischen Text mal gebündelt anschauen möchte, Psalm 50. Da sagt Gott den Leuten: "Hier, hört mal zu, ihr opfert mir brav. Ihr meint es gut. Ich fühle das auch. Aber ganz ehrlich, also die ganzen Tiere, die ganzen Gaben, Ziegen, Schafe - das ist ja alles meins. Ich bin Gott." Also da muss man mal drüber nachdenken. Ist ja alles meins. Und ich brauch's eigentlich gar nicht. Gar nicht. Tut mir leid. Du bist lieb, aber nein. Und dann: "Opfere Gott Dank

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und erfülle dem Höchsten deine Gelübde." Das ist es. So und das ist sehr speziell. Das ist wirklich so ein Eigenklang des biblischen Gottesverhältnisses. Mit Gott kann man nichts kaufen, nichts tauschen, nichts bezahlen, nichts ableisten. Gott ist derjenige, der reine Gabe schenkt. Und danken ist das Eingeständnis und die Anerkenntnis, nicht mit einer Gegengabe reagieren zu können. Man kann sich nicht rauskaufen. Man kann sich aus diesem Verhältnis dann nicht irgendwie lösen. Man ist ganz und gar in der Rolle des Beschenkten. Das Interessante ist, wenn man in der Bibel einfach so mal nach dem Wort "danken" schaut: Danken spielt eine große Rolle. Also da kann man viel zu sagen. Gerade im Psalter

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findet man eine "umfassende Theologie der Dankbarkeit in allen möglichen Lebensbereichen", wie es Bernd Janowski nennt. Da könnte man lange drüber reden. Gibt's da vielleicht eine Extragattung? Das ist ein bisschen umstritten. Aber das spielt eine große Rolle. Was es aber gar nicht oder kaum oder höchstens in Ansätzen gibt, ist eine Praxis, dass Menschen einander verbal Dank-Aussprechungen machen. Das ist ein bisschen lustig. Wir leben ja in einer Welt, wo es wahnsinnig wichtig ist, Kindern also so ungefähr gleichzeitig mit Händewaschen das Dankesagen beizubringen. Also sehr früh. Also die können ihre 200 Wörter oder so, und dann wird darauf geachtet, dass das mit dem Danken läuft, dass beim nächsten Familienbesuch das auch bitte schön fluppt. Wenn man Menschen schaden will, könnte man deren Kinder leicht aufsässig machen - also wenn es bibeltreue Eltern

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sind - und den Kindern flüstern: Hier, wenn deine Mama nächstes Mal sagt, du sollst danke sagen, dann sag der Mama doch mal: "Ja, also ich würde gern danke sagen, wenn du mir aus der Bibel beweist, dass es echt Pflicht ist, dass Kinder sich immer bedanken, wenn sie was kriegen." Ah, man könnte Eltern schaden damit, das wäre schön gemein. Probiert's, guckt, das ist nicht so die Kultur, dass Menschen auf der gleichen Ebene dieses Prinzip haben: Du kriegst was und sagst: "Danke, danke, danke." Also das ist wenig. Was es gibt, ist das Danksagen gegenüber Gott. Da kommt das vor. Iim Neuen Testament finden wir ein ähnliches Verhältnis. Dank kommt viel vor, aber quasi vollständig im Gottesverhältnis. Man dankt Gott sehr stark, das ist da sehr häufig. Man dankt allgemein, so etwas kommt vor. Bei Jesus findet man das, dass Jesus mal gedankt wird.

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Die Zehn Geheilten. Zehn Geheilte, sie werden alle von Jesus geheilt und sollen zu den Priestern gehen, und die dokumentieren das und so. Einer, einer kehrt zurück zu Jesus, "fiel auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm". Da können wir sagen, das ist normal, das ist das Mindeste. Das ist ein Christus-Text. Also das ist schon speziell, dass er sich hier vor Jesus niederwirft und das so sieht. Damit steht Jesus auch in einer besonderen Situation. Und auch sonst ist ja interessant: Die Geschichte geht da nicht weiter: "Und die neun anderen waren sofort wieder aussätzig, weil sie Gott nicht gedankt haben." Also auch hier: Es ist eine reine Gabe; es wird nicht beschrieben, dass das alles zurückgerufen wird, keine Rückholaktion der Heilung. Aber der Dank, der Dank ist Ausdruck des Glaubens.

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Dankbarkeit ist die Antwort auf das, was hier empfangen wurde. Anhand dieses Themas Dankbarkeit gegenüber Gott könnte man jetzt eine wunderschöne Theologie-Geschichte treiben. Ihr habt ja alle noch Zeit ... Nein, aber wir müssen das ein bisschen abkürzen, man könnte hier Eucharistie nennen und man könnte hier ganz, ganz vieles machen. Nur ein kleiner Blick in die Reformationszeit. Es ist immer so ein bisschen kompliziert. Es ist falsch zu sagen, vor der Reformation gab es noch gar nicht wirklich reine Gnade und reine Gabe und es war alles immer Werkgerechtigkeit. Also so ist es falsch. Das stimmt so nicht. Gerade wenn wir Thomas von Aquin und einige Stränge scholastischer Theologie anschauen, dann sind die Differenzen in der Gnadentheologie zur Reformation sehr viel geringer, als man vulgär-protestantisch immer so getan hat.

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Das ist einfach Fakt. Dafür haben wir zu viel schöne Ökumene inzwischen, und das ist einfach so. Aber Volksfrömmigkeit und andere Stränge vorreformatorischer Theologie hatten an der Stelle doch ein Problem, das ist irgendwie immer noch richtig. Und man kann das so ein bisschen spezifizieren. Es war nie in dem Sinne, dass die da noch so gesagt haben: "Ja, Gott ist dir gnädig, aber das hat seinen Preis." Also auf so etwas ist keiner gekommen. Es war schon immer Gottes Gnade und Gottes Liebe. Aber die Logik war dann, und jetzt muss man in die Bibel schauen: Gott gibt, er gibt bedingungslos, er gibt voraussetzungslos, aber er erwartet, dass der Mensch gemäß seiner Fähigkeit diese Gnade Gottes ganz schlicht beantwortet

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durch Gehorsam und Hingabe. Das hat erst mal seine Logik. Man kriegt dafür auch seine 17 Bibelstellen zusammen. Wenn Gott dich heilt vom Schaden der Erbsünde, mach's wie der eine und fall vor Jesus nieder und sage Danke, und dann lebe, wie Jesus das so beschreibt. Man hat sich dann da schon bemüht, das jetzt irgendwie auch nicht ungerecht aussehen zu lassen. Man sagte: Gott ist ja sehr, sehr barmherzig. Es ist ja nicht so, dass Gott von dir verlangt, dass du das, was er dir gibt, jetzt wiedergutmachst oder ihm das auch gibst. Nein, das kannst du gar nicht. Gott schenkt dir ein neues Herz. Er schenkt dir neues Leben. Er schenkt dir den Heiligen Geist. Er schenkt dir seine Freundlichkeit. Gott verlangt überhaupt nicht, dass du ihm Gleichwertiges gibst.

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Das Einzige, was Gott verlangt, ist, dass du ihm einfach alles gibst, was du geben kannst. Das ist viel weniger, ist fast nichts. Was kannst du Gott geben? Fast nichts. Aber Gott ist so großzügig, dass er nicht den Ausgleich sucht. Er will einfach nur, dass du ihm alles gibst. Das kann man jetzt feiern und sagen: Wie großzügig ist der Herr! Preist ihn in Ewigkeit! Luther wurde in so einer Schule groß, wo es immer hieß: Darin zeigt sich die Barmherzigkeit Gottes, aber die Erwartung ist: "Facere quod in se est"; wenn der Mensch alles tut, was in ihm ist, dann reicht's. Dann reicht's schon. Müsste halt alles sein. Wenn du ein bisschen was zurückhältst für dich, wenn du Gott nicht alles gibst, oh, dann such mal nach Hananias und Saphira im Buch der Apostelgeschichte.

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Bibeltreu erzogene Menschen zucken zusammen, ja, aber das ist gerecht. Alles. Und Luther quälte sich ewig und drei Tage an diesem Alles, weil er, selbst wenn er alles gab, am Ende bei gründlicher Seelenanalyse immer da stand: Ich habe alles gegeben, was ich kann, bis zur totalen Erschöpfung. Aber habe ich es aus Liebe und mit Freude getan? Oder habe ich es getan aus Angst, verloren zu gehen? Und wenn man sich um Ehrlichkeit bemüht, ist es hart. Er merkte: Selbst wenn ich alles gebe, tue ich es aus Selbstsucht und gebe darin doch nicht alles, sondern vielleicht viel, aber nicht mich selbst. So und im Grunde ist die Reformation, die reformatorische Entdeckung eine Entdeckung der reinen Gabe Gottes, eine Gabe, für die es auch kein

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Äquivalent gibt, sondern das Äquivalent zur reinen Gabe ist das reine Empfangen. Das meint Luther mit Glaube. Das ist sola fide. Es ist reines Empfangen im Bewusstsein, dass es auch nicht nachträglich in irgendeiner Weise mit Bedingungen verknüpft ist. Und Dankbarkeit spielt in der lutherischen Reformation eine große Rolle. Luthers Morgen- und Abendsegen - so soll der Christ und die Christin ihren Tag rahmen: "Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn" und so weiter und so weiter. So beginnt jeder Tag. Kleiner Katechismus. Schon in der Schöpfung geht's los: "Gott hat uns geschaffen. Er beschirmt, er behütet und versorgt uns. Und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohne all meinen Verdienst und Würdigkeit."

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Also reine Gabe, keine Vorleistung, keine Nachleistung, kein Deal. Luther hat, als er mal wieder dachte, jetzt ist er bald tot - Luther hatte so alle paar Jahre Grund dafür -, ein Bekenntnis geschrieben, wo er gesagt hat: Ich sag nochmal so, was mir richtig wichtig ist. Das ist sehr spannend, Bekenntnis von 1528, wo er die Dreieinigkeit Gottes ganz erklärt von der Idee der Gabe her. Er sagt: "Gott, das sind drei Personen und ein Gott, der sich uns allen selbst ganz und gar gegeben hat, mit allem, was er ist und hat." Und ihr seht die Zuspitzung: Gott gibt nicht nur etwas, sondern sich. Gott ist der, der alles gibt und sich selbst dazu, er baut nicht nur ein Schlaraffenland und sagt: "Komm, hab Spaß, aber lass mich in Ruhe", sondern er gibt sich selbst. Gibt Beziehung, Barmherzigkeit, Nähe.

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Und Luther geht das durch. "Jesus Christus, der sein Leben für uns gegeben hat." "Der Heilige Geist ist die ewige göttliche Gabe, das große Geschenk." Also reine Gabe. Glaube lebt nicht in der Tauschlogik, sondern im reinen Empfangen. Sehr viel Religion, sehr viel Frömmigkeit funktioniert nicht so. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht. Sehr viel Frömmigkeit funktioniert mit Fußnoten, mit verklausulierten Bedingungen. Und da ist immer drin: "Gott gibt, aber jetzt möchte er schon auch, dass du nach seinen Regeln lebst. Und du musst halt dann nach Gottes Vorstellung leben. Und wenn du Ingo bist, dann kannst du nicht irgendwie einen Klaus küssen oder so. Ja, dann: Hölle, Hölle, Hölle. Das hat Gott nicht gewollt. Und dann hast du Gottes Gabe verspielt."

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So einfach ist es in manchen Kreisen. Das ist da die Logik. Hier ist immer klar: Ja, Gott gibt, Gott schenkt erst mal voraussetzungslos, aufs Ende betrachtet aber nie bedingungslos. Am Ende ist immer irgendwo im Kleingedruckten die Bedingung drin: Gott gibt, und was er dir gibt, ist erst wirklich deins, wenn du dein ganzes Leben bezahlt hast, wenn du dein ganzes Leben geführt hast unter dieser Dauerbereitschaft Gehorsam. Der permanente Gehorsam ist die einzige Art und Weise, wie du wirklich gerettet bleiben kannst. Gott nimmt dich an, wie du bist, aber er lässt dich nicht bleiben, wie du bist.

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Und wenn du dich nicht verändern lässt, so wie Gott es will, dann nimmt er dich auch nicht mehr an, wie du dann bist. So, das heißt: Eigentlich gibt es Kreise, da hast du reformatorische Rechtfertigungslehre allein in der Zeltevangelisation. Darum geht man manchmal so gern dahin. Danach wird es komplizierter. Danach ist man in einem etwas komplizierten Geflecht von Bedingungen und Bezahlpflichten und so weiter und so weiter. Das zu verstehen, das sacken zu lassen, in diese Logik der reinen Gabe Gottes reinzuwachsen, das ist ein Akt. Denn Religion im Modus der Tauschlogik ist intuitiv natürlich viel naheliegender. Sobald man ein bisschen aus dem Krabbelalter raus ist, ist man natürlich

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in Gefügen der Tauschlogik. Du kommst ja in der Schule nicht einfach so von Jahrgang zu Jahrgang. Es ist ja nicht so: "Hey, Schule, schön, dass ihr alle da seid, und ihr seid lauter super Freundinnen und Freunde und wir helfen euch." Ja, ob du deinen Freundeskreis behältst - also versetzt musst du werden. Und wenn du zehn bist, wenn du Pech hast und deine Eltern da nicht so viel in dich investieren, lernst du erst mal, um dein Leben zu kämpfen. Denn jetzt kommt die Weichenstellung: Auf welche Schule du kommst, das wird großen Einfluss darauf haben, in welchem Wohnviertel du mal wohnst und ob du auch mal schöne Urlaubsreisen machst und ob du auch immer gegrüßt wirst, wenn du in ein Geschäft kommst. Man sieht es auch an deiner Kleidung und so. Ja, du bist zehn Jahre, aber hilft jetzt alles nichts. Also streck dich. Also das ist ja eine selbstverständliche Logik, diese Tauschprozesse, dieser Austausch von Erwartung und Leistung; für Leistung darfst du auch in deinem Freundeskreis bleiben, wirst auch versetzt, kommst auch in eine Schule, wo du möchtest, und nicht, wo du musst.

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Jetzt könnte man mit dem Berufsleben weitermachen und man könnte viel durcherzählen. Tauschlogik, Gabe und Gegengabe ist die Norm, das Normale, das Selbstverständliche. Darum ist ja die romantische Liebe so beliebt und für viele so erstrebenswert, weil es im Grunde so ein bisschen der Ort ist, wo man sich bedingungsloses Angenommensein, wenn es geht, für immer, erhofft und ersehnt. So ein Ort, wo du nicht kämpfen musst, um im nächsten Jahr noch dabei zu sein. Ein Ort, wo du nicht trotz Bulimie lernen musst oder weiterarbeiten, obwohl du kurz vorm Burnout stehst oder so, sondern wo du irgendwie die Hoffnung hast: Ich bin bedingungslos geliebt. Das ist die Oase, auf die man sich so freut. Und wenn das da schwierig wird und so -

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vertiefen wir es lieber nicht. Das aber ist das große christliche Angebot, einzutauchen in einer solchen Frömmigkeit der reinen Gabe. - Das wäre jetzt ein möglicher Abschluss. Ich möchte aber noch ein bisschen Probleme erzeugen. Ein bisschen überlegen. Jetzt könnte man sagen, ah gut, war jetzt nicht komplett uninteressant. Ich nehme mal mit: Dankbarkeit muss man ein bisschen üben und da muss man mal ein bisschen gucken und, ja, das ist vielleicht auch ein Weg. Das hat man auch gemacht. Wenn man aus heutiger Sicht zurückschaut, gab es eine starke kulturelle Steuerung Richtung "dankbar zu sein, ist echt toll". Zwischenmenschlich toll, den Eltern gegenüber, den LehrerInnen gegenüber, gegenüber allen - dankbar sein ist echt schön. Und Gott gegenüber dankbar sein ist auch echt wichtig.

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Und das kann, kann zu einer Ideologie der Dankbarkeit werden. Ideologie der Dankbarkeit, was meine ich damit? Nietzsche ist ja jetzt nicht im Fanclub, nicht Fanclub-Vorsitzender "Christentum Basel" oder so. Nee, war er gar nicht. Aber so Nicht-Fans sind ja manchmal auch ganz hilfreiche Kommentatoren. Nietzsche fand die Dankbarkeitsideologie vieler ChristInnen schwer zu ertragen. Ich habe jetzt hier so ein Zitat, das ist leider ausfällig gegenüber schwäbischen Menschen. Ich entschuldige mich stellvertretend für Nietzsche. Aber was soll man machen? Er sagt: "Es ist hochproblematisch. Was soll man anfangen, wenn Pietisten und andere Kühe aus dem Schwabenland den armseligen Alltag und Stubenrauch ihres Daseins mit dem Finger Gottes zu einem Wunder von Gnade, von Vorsehung, von Heilserfahrung zurechtmachen?

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Der bescheidenste Aufwand von Geist, um nicht zu sagen von Anstand, müsste diese Interpreten doch dazu bringen, sich des vollkommen Kindischen und Unwürdigen eines solchen Missbrauchs göttlicher Fingerfertigkeit bewusst zu werden. Mit einem noch so kleinen Maße von Frömmigkeit im Leib sollte uns ein Gott, der einen zur rechten Zeit vom Schnupfen kuriert oder der uns in einem Augenblick in die Kutsche steigen lässt, kurz bevor ein großer Regen losbricht, ein so absurder Gott müsste er uns doch sein, dass wir ihn abschaffen müssten, wenn er existierte. Ein Gott als Dienstbote, als Briefträger, als Kalendermann - im Grunde ein Wort für die dümmsten aller Zufälle. Die göttliche Vorsehung, wie sie heute noch ungefähr jeder dritte Mensch in Deutschland glaubt, wäre ein Einwand gegen Gott, wie er stärker gar nicht gedacht werden könnte."

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So der liebe Nietzsche. Und ja, da kann man beleidigt sein und so, aber man kann da im Eilverfahren auch raus. Was er meint, sind ja Menschen, die immer für irgendwas dankbar sind. Heute würde man sagen: "Ich habe einen Parkplatz gekriegt und es war der allerletzte. Ich hätte sonst noch ewig suchen müssen, und da ist gerade jemand rausgefahren, als ich kam. Und ich habe Gott so gedankt, weil ...", und solche Geschichten. Und da kann man sich viel machen. Diese Bereitschaft, für alles und für jedes zu danken, ist natürlich für eine Gesellschaft auch sehr schön, vor allem für die, die oben sind. Das ist auch sehr schön für geistliche Leiter. Es gibt ja so Kirchen, wo es so geistliche Leiter gibt. Also wenn du an die Spitze kommst, scheint es da richtig geil zu sein, weil alle dich ehren und alle so ein bisschen lernen. Also eine kritische Grundhaltung kommt nicht so gut an, dann bist du da der Störenfried oder die Störenfrieda und so. Du bist dankbar. Du bist dankbar dafür, wie die geistliche Leitung sich in dich investiert.

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Und dies, also Dankbarkeit als ideologische Grundeinstellung, sich den größten Mist noch schönsaufen zu wollen, wenn es sein muss, ist vielleicht auch ein Problem. Und viel Christentum hat sich darin gesuhlt, "Ihrer königlichen und kaiserlichen Majestät untertänigst zu danken für alle Güte, die wir von dero empfangen im Namen unseres allerhöchsten Königs Gottes im Himmel, und untertänigst tun wir Dank und sagen Lob und Preis dafür, dass Ihro Majestät ..." und so weiter. Also die Menschheitsgeschichte ist voll von solchen Texten. Und in der Christentumsgeschichte ist es teilweise schwer zu ertragen, wie fromme Menschen sich gesuhlt haben in einer ideologischen Dankbarkeit, die so grundsätzlich genommen wurde, dass sie kritikunfähig gemacht hat zu Lasten vieler Menschen ganz unten.

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Also Dankbarkeit. Ich habe gerade so ein bisschen getan, als ob es eine super Sache ist, schön und so. Aber erster Einwand: Dankbarkeit hat wirklich ihre Schwierigkeiten. Ich möchte eine kleine Lokalgeschichte erzählen, die ein bisschen witzig ist. Tübingen, Tübinger Stift, eine Institution hier. Da könnte man jetzt viel erzählen von Hegel und Schelling und so. In den 60er-Jahren ist da ein bisschen raue Stimmung. 60er-Jahre - Zeitbruch und so, die Jungs kriegen lange Haare. Was ist denn mit denen? Haben die Drogen probiert oder so? Man weiß es nicht. Und die Hausordnung sieht vor: Mittagessen - ja, da kommt man nicht rein und wirft sich übers Buffet oder so, sondern man wartet, bis es durch ein Dankgebet eröffnet wurde. Damals gab es im Mai 1968 so eine Stiftrevolution. Man sagte: Mit der Demokratie wagen wir es, wir können ja mal ein bisschen probieren,

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können wir mal schauen. Stiftler haben damals eine Umfrage gemacht, ob andere das Tischgebet auch so wahnsinnig nervt. Und die deutliche Mehrheit war dafür: Das Gebet gehört abgeschafft. Und die Gründe waren ganz schlicht die: Sie sagten: "Es ist für uns unerträglich, während Napalm-Bomben auf vietnamesische Kinder geworfen werden und wo in den ehemaligen kolonialisierten Ländern des Südens Menschen hungern müssen, weil wir vor Gier und Wohlstand kaum noch geradeaus gucken können, dass wir in einer Welt der Ungerechtigkeit, des Krieges und der Ausbeutung dankbar sind für unsere schwäbischen Maultaschen auf dem Tisch. Das düngt uns Gotteslästerung, jedenfalls eine Beleidigung unseres Gerechtigkeitsgefühls. Es ist eine leere, hohle Sitte.

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Es ist das Nachäffen von Gebetsworten ohne Sinn. Und es ist im Grunde angesichts dessen, dass ein Großteil der Weltbevölkerung Hunger leidet, ein Skandal, den wir absetzen." Es gab dann eine Arbeitsgemeinschaft "Tischgebet", man nahm das wahnsinnig ernst. Jetzt irgendwie ein Parlament stürmen ist ja auch furchtbar anstrengend, man nahm sich erst mal einen erreichbaren Gegner. Ja, und in der Tat wurde das so "beseitigt". Es gab eine Übergangsphase, da hieß es, je nachdem, aber dann war es wirklich abgeschafft. Bis 1999 galt der Grundsatz: "Hier wird bitte nicht gebetet. Hier ist der Stift." Dann wurde so eine Gegeneinrichtung gegründet, wo alle noch gläubig waren. Und so könnte man jetzt viel Lokalgeschichten erzählen. Ja, ich fand das ganz lustig, die Geschichte. Ich finde, dass die Stiftler da ein ganz gutes Gefühl hatten. Sie haben gespürt: Das Pflichtgebet, der Pflichtdank kann eine grundsätzliche Kritiklosigkeit und

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Unterwürfigkeit zum Ausdruck bringen, die einfach problematisch, wenn nicht schädlich sein kann. Dieser Pflichtdank ist eine Vereinseitigung, wenn nicht Verarmung des Glaubens. Ja, danken ist wichtig. Aber wenn danken Kritik unmöglich macht, wenn eine Dankbarkeitskultur es nicht mehr erlaubt, Kritik zu üben, Verbesserungsvorschläge zu machen oder auch zu klagen, sich zu beschweren, dann erstickt die vermeintlich liebe Dankbarkeit wirkliches, freies, lebendiges Leben miteinander. Dankbarkeit hat Ambivalenzen. Dankbarkeit kann eine Falle sein. Dankbarkeit kann eine Falle sein, etwa in dem Sinne, dass sie der verinnerlichte

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Dauerdruck ist, dass ich Gott unendlich viel schulde und dass mein Beten, mein Frommsein, mein Gutes-Tun, mein In-der-Gemeinde-Dienen nie genug ist. Dankbarkeit kann zum Deckmantel werden einer gesetzlichen, zwanghaften, verkrampften, unfreien Frömmigkeit. Und in Teilen der Geschichte war es das. Dankbarkeit war ein seelisches Druckmittel, was darum so gut funktionierte, weil es nicht zwangsweise auferlegt wurde, sondern weil der Zwang mit moralischen Argumenten quasi so injiziert wurde, dass er verinnerlicht von allein funktionierte und Menschen lernten, sich selbst permanent unter Druck zu setzen und so im Glauben zu funktionieren.

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Böse Zungen sagen, der Kapitalismus funktioniert grundsätzlich so, aber das würde jetzt zu weit führen. Aber Frömmigkeitsgruppen haben offensichtlich so funktioniert. Aber, wir haben das Stiftbeispiel oder Nietzsche gesehen, permanenter Dauerdank kann eben auch kritikunfähig bis hin zur Wahrheitsunfähigkeit machen. - Jetzt möchte ich am Ende aber noch mit einem leisen Hohelied auf das Danken enden. Es kann eine geistliche Haltung sein, zu sagen, ich gewöhn mir jetzt mal für eine Zeit das Danken ab, mal gucken, was passiert. Ich weissage euch: Ihr werdet nicht vom Blitz erschlagen. Eine etwas schwierige Weissagung, aber in der Regel wird es nicht passieren. Aber dem mal nachzuspüren, auf den Mechanismus zu achten, das kann, glaube ich, ganz gut sein. Zum Schluss aber doch noch ein kleines Lob des Dankens. Ich möchte mir da von einem Lied helfen lassen, Matthias Claudius, "Täglich zu singen".

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Matthias Claudius ist der von "Der Mond ist aufgegangen"; das ist leider oft so das Einzige, was man kennt. Da gibt's viel mehr. Erste Strophe heißt bei ihm: "Ich danke Gott und freue mich wie's Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin und dass ich dich, schön menschlich Antlitz, habe." Das Lied heißt "Täglich zu singen". Die erste Strophe stimmt da schon einen schönen Ton an. Er dankt ja Gott nicht für etwas, sondern für alles. "Ich danke Gott, dass ich bin, bin." Und er dankt Gott mit einer Art und Weise, mit sich im Reinen zu sein, "dass ich dich, schön menschlich Antlitz, habe". Er dankt Gott inklusive einer Freude an sich selbst. Es gibt so Menschen, die können nicht mal Gott danken, ohne sich selbst dabei niederzumachen. Ist nicht zu empfehlen. Also Dankbarkeit als Ausdruck der Freude an sich selbst und im Bewusstsein,

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dass Leben eine Gabe ist. Das ist eine Haltung, die tatsächlich Menschen hineinnimmt in ein Leben angesichts reiner Gabe ohne Tauschlogik, ohne Gegengabe-Druck. Dann wird in den folgenden Strophen Dankbarkeit - hier als Lied - deutlich als ein Deutungsmuster mit hoher Erschließungskraft für eigene Lebenserfahrung. In Strophe 4 heißt es: "Ich danke Gott mit Saitenspiel, dass ich kein König worden. Ich wär geschmeichelt worden viel und wär vielleicht verdorben." Das finde ich ganz gut. Also heute liegt das nicht so ganz nah zu sagen, "kein König", aber wer will schon Bundeskanzler sein? Wirtschaftsminister vielleicht, aber da hat man auch nicht viel Glück ... Nein, aber es gibt ja Sachen, worauf man Bock hätte, YouTube-Star oder irgendwas.

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Darauf hätte man vielleicht Bock. Aber diese Idee, etwas, wo man sich ja auch so eine Extrarunde Neid gönnen könnte, einfach mal so zu wenden, dankbar zu sein für Versuchungen, die an einem vorbeiziehen, dankbar zu sein für manches vermeintlich Schöne, dessen Folgekosten man nicht tragen muss, das geht weiter. 5. Strophe: "Auch bet ich ihn von Herzen an, dass ich auf dieser Erde nicht bin ein großer reicher Mann und auch wohl keiner werde." Ja, ich arbeite in der Schweiz, ich muss vorsichtig sein mit der Strophe. Was soll man machen? Ich habe auch eine arme Jugend gehabt und überhaupt. Und er führt es dann im Folgenden aus. In der nächsten Strophe sagt er: "Und all das Geld und all das Gut gewährt zwar viele Sachen, Gesundheit, Schlaf und guten Mut kann's aber doch nicht machen." Es ist ein Danklied, was nicht nur oberflächlich dankt für die Güter,

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sondern ein Danklied, das gleichzeitig arbeitet an der Werte-Hierarchie im Lichte des christlichen Glaubens und gleichzeitig Werte einschärft, was es wert ist, dass man dafür dankt: Gesundheit, Schlaf, guter Mut. "Und die sind doch bei Ja und Nein ein rechter Lohn und Segen. Drum will ich mich nicht groß kastein des vielen Geldes wegen." Na ja, als ihm später Angebote gemacht wurden, hat er es angenommen. Es ist immer schwer, so schöne Lieder ein ganzes Leben durchzuhalten. Aber umso wichtiger können solche Lieder sein, weil sie Orientierung schenken, Orientierung stiften, was wirklich dank- und denkwürdig ist. Ich möchte schließen mit einem letzten Lied. Ihr kennt es alle: das Lied "Danke für diesen guten Morgen".

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Es war ja damals ein Skandal-Lied. Ich weiß nicht, ob ihr euch das noch so vorstellen könnt. "Danke für diesen guten Morgen. Danke für jeden neuen Tag. Danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag." Kirchenmusiker haben es für einen Skandal gehalten, für Trash, für Schlager, für Schnulze. Ich selbst kenne noch Kantoren, die gesagt haben: Ich hack mir eher die Hände ab, bevor ich "Danke" auf der Orgel spiele. Das hat es wirklich gegeben. Aber es war auch ein erfolgreiches, liebes, schönes Lied. Ich möchte es jetzt nicht ganz durchgehen, sondern ganz schlicht das schöne Ende anschauen. Es endet damit: "Ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann." Allein der Abschluss ist es wert, das Lied zu singen, weil es so fein ist. Auch das eigene Dankbarseinkönnen ist ein Grund, dankbar zu sein. Das ist eine tiefe biblische Linie. Jesajabuch, wir hatten es heute schon. In Jesaja 26 heißt es: "Alles, was wir ausrichten,

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das hast du für uns getan." Man kann Jeremia nehmen: "Bekehre du mich, so will ich mich bekehren." Epheser: "Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen." Der Charakter der reinen Gabe Gottes - Rechtfertigung, Liebe, Reich Gottes, wie immer wir es nehmen wollen, Jesus Christus - zeigt sich daran, dass selbst das Glaubenkönnen Geschenk ist, dass selbst die Dankbarkeit Gabe ist. Eine solche Dankbarkeit ist nicht das Einzige, was der Glaube braucht, aber etwas, was ihm sehr, sehr guttut.

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Dankbarkeit | 13.6.2

Worthaus 11 – Tübingen: 28. Mai 2023 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

Haben Sie schon einmal ein Dankbarkeitstagebuch geführt? Jeden Abend fünf Dinge aufgezählt, für die Sie danke sagen? Auch dafür gibt es natürlich eine App mit Dankbarkeitsübungen für jeden Tag. Oder auch mehrere. Dankbarkeit liegt im Trend. Sie soll glücklicher und gelassener machen. Und tatsächlich helfen Dankbarkeitsübungen bei psychischen Problemen. Kann Dankbarkeit also die Lösung sein für persönliche Probleme und die Krisen dieser Welt?
Thorsten Dietz führt in diesem Vortrag aus, was Dankbarkeit überhaupt ausmacht, welche Bedingungen für echte Dankbarkeit zutreffen müssen und warum Dankbarkeit je nach Kultur und Epoche unterschiedlich funktioniert. Und er beschäftigt sich schließlich auch mit den großen Fragen: Kann man es auch übertreiben mit der Dankbarkeit? Was schulden wir Gott? Und müssen wir Gott überhaupt Dankbarkeit zeigen?